Obertertia oder Untersekunda reichte. Wer weiter wollte, ging dann, oder auch schon früher, zum richtigen Mädchenlyzeum mit Abitur über. Vorgeschaltet war aber eine vierklassige Grundschulstufe, die von Jungen und Mädchen besucht wurde.

Kirsche02Privatschulen dieses Typs gab es damals häufig, aber sie hatten alle keine lange Lebensdauer mehr. Mit dem Privatschulgesetz von 1936 wurden alle Privatschulen dieser Art aufgelöst. Nach einer Auslauffrist hörten sie spätestens 1939 endgültig auf zu bestehen.

Dieser Sondercharakter der Schule, der die ersten vier Schuljahre nur als Vorschule für eine höhere Schule (welcher Art auch immer) galten, machte sich in vielem bemerkbar. Nicht nur, dass der Unterricht ausschließlich von Lehrerinnen erteilt wurde, was doch an den ebenfalls meist koedukativen öffentlichen Volksschulen durchaus unüblich war: dort gab es durchweg nur männliche Lehrer. Die Lehrerinnen hatten auch eine bessere Ausbildung als normale Volksschullehrer, unterrichteten sie doch grundsätzlich auch in den Mittelstufenklassen der Mädchenschule. Der Lehrplan war ganz auf das ausgerichtet, was später in der höheren Schule gebraucht wurde. So habe ich die grammatischen Fachbegriffe von Anfang an auch in der lateinischen Form kennen gelernt: “Substantiv”, “Adjektiv”, “Verb” - “Subjekt”, “Prädikat”, “Objekt”. Auch lernten und benutzten wir als erstes die sogenannte “Lateinische Schreibschrift” und erst danach die Sütterlinsche “Deutsche Schrift”. Ich habe die Sütterlin-Schrift mit ihrer spitzen Eckigkeit, ihren absurden Schleifchen und den lästigen U-Haken von Anbeginn an gehasst, sie ist mir auch nie zu meiner oder meiner Lehrer Zufriedenheit gelungen (es gab ja noch Schönschreibunterricht!). Als sie 1942 abgeschafft wurde, weil man sich auf ein von Nazideutschland beherrschtes Großeuropa einzustellen versuchte, habe ich sie aufatmend aus meinem Repertoire gestrichen.

Dem Ziel und dem Zuschnitt der Encke-Schule entsprach ihre Klientel: “gutbürgerliche” Familien, für die von vornherein feststand, dass ihre Kinder die höhere Schule besuchen sollten. Die Väter meiner Mitschülerinnen und Mitschüler waren Ärzte, gutsituierte Kaufleute, höhere Beamte und leitende Angestellte, Lehrer, pensionierte Offiziere und vor allem Juristen. (Naumburg wimmelte damals von Juristen - Rechtsanwälten, Richtern Staatsanwälten - , denn es hatte nicht nur das für eine Kreisstadt unerlässliche Amtsgericht, sondern beherbergte auch das Landgericht des Regierungsbezirks Merseburg und das Oberlandesgericht der Provinz Sachsen.) Ein paar waren wohl auch darunter, die man zum Kleinbürgertum hätte zählen können, aber kein einziger Arbeiter. Davon gab es in Naumburg auch nicht sehr viele, denn die Stadt hatte kaum Industrie, und auch sonst waren die, die nach Einkommen, Beschäftigungsverhältnis und Selbstverständnis als “Proletarier” gelten konnten, nicht übermäßig zahlreich.

Im Alltag der Schule ging es denn auch recht wohlgesittet zu, wie man es von einer Mädchenschule mit lauter Lehrerinnen und Kindern, die den “Benimm” schon von zu Hause mitbrachten, wohl erwarten durfte. Prügel oder auch nur Ohrfeigen, sonst an den Volksschulen noch weithin üblich, gab es nicht. Die Lehrerinnen waren verständnisvoll, meist pädagogisch geschickt und gaben sich Mühe. Was im Unterricht geboten wurde, fand ich interessant und leicht verdaulich. Zumal Heimatkunde machte mir Spaß, aber auch Deutsch und Rechnen. Ich lernte schnell und ohne mich anstrengen zu müssen - was mir auch gar nicht gepasst hätte, denn bequem war ich schon damals. Sogar am Schönschreibunterricht fand ich nichts auszusetzen, obwohl ich es da nie zu besonderer Meisterschaft und den mir sonst gewohnten guten Zensuren brachte.

An der Encke-Schule habe ich mich sehr wohl gefühlt. Die Atmosphäre war konfliktlos, die Klassen, auch die, in der ich sass, waren klein: keine über zwanzig Schüler, die meisten hatten noch weniger. Obwohl wir wahrscheinlich eine ganze Menge lernten, fühlten wir uns nicht unter Druck; auch mit den Hausaufgaben, die ich ohnehin immer ziemlich schnell fertig hatte (meine Eltern kontrollierten mich da nie, denn für sie war Schule eine Sache ihrer Kinder, die sie gefälligst auch allein zu bewältigen hatten), wurden wir nicht übermäßig gequält. So blieb nach den paar Vormittagsstunden viel Freizeit. Im Grunde ist das auch später, auf den anderen Schulen, die ich besucht habe, nicht viel anders gewesen. Ich habe selten in meinem Leben wieder so viel Zeit für mich selber gehabt wie als Schüler.

Kirschfest

Das Kirschfest, das Ende Juni/Anfang Juli, wenn die Kirschen reif sind, rund eine Woche lang gefeiert wurde, war ein Höhepunkt des Jahres für alle Schüler, denn es war recht eigentlich ein Kinderfest. Jedenfalls tagsüber, abends kamen dann auch die Erwachsenen und die reifere Jugend zu ihrem Recht, wenn in den Festzelten auf der Vogelwiese lautstark gefeiert, getanzt und auch recht ausgiebig gebechert wurde. Am Haupttage des “Jungenkirschfestes”(das “Mädchenkirschfest”, so war nun mal der Brauch, wurde erst einige Tage später, und mit etwas geringerem Aufwand, gefeiert) zog der lange Festzug mit mehreren Musikkapellen durch die ganze Stadt und endete auf der Vogelwiese, nur wenige Schritte entfernt von unserer Wohnung. Zuerst kam der historische Zug in mittelalterlicher Tracht, der das Personal der Hussitensage darstellte, auf die das alte, aber doch wohl anders zu begründende Stadtfest (die Hussiten sind auf ihren Kriegszügen bis tief ins Reich hinein nie auch nur in die Nähe der Naumburger Gegend gekommen) traditionell zurückgeführt wurde: Voran hoch zu Ross der Hussitenfeldherr Prokop der Große mit seinem kriegerischen Gefolge, dann der Rat der Stadt in würdigen, pelzverbrämten Roben, der Schullehrer mit seinen weißgekleideten Kindern und allerlei anderes Volk, auch das städtische Trommler-und-Pfeifercorps war in spätmittelalterliche “Zaddeltracht” in den Stadtfarben rot und weiß malerisch verkleidet. Nebenher gingen als Herolde kostümierte junge Männer, die aus riesigen flachen Körben ständig reife Kirschen in die Menge warfen, die an beiden Straßenrändern dichtgedrängt den Zug schon lange erwartet hatte. Dann kam die erste Kapelle, die zwischen den üblichen Militärmärschen auch immer wieder das seit vielen Generationen gesungene Kirschfestlied spielte (“Die Hussiten zogen vor Naumburg...”, in dem auch das Schicksal der Belagerten recht rührend-anschaulich geschildert wird: “...Hunger quälte, Durst tat weh / und ein einzig Lot Kaffee / kam auf sechzehn Pfenn’ge...”). Und hinter der Kapelle zogen, ein endloser Lindwurm, die einzelnen Schulen vorbei, in der Marschkolonne klassenweise geordnet, von den Kleinsten bis zu den Großen. Obligatorische Uniform war der weiße Matrosenanzug, den damals praktisch jeder Junge als Kleidung für festliche Gelegenheiten besass, oder allenfalls weiße Matrosenbluse zur marineblauen kurzen Hose. Nur die Sekundaner und Primaner, die sich schon als Erwachsene fühlten, trugen weißes Hemd und dunkelblaue lange Hose. Die Mittelstufenschüler schulterten Armbrüste, mit denen dann auf der Vogelwiese ein Preisschießen nach einem bunten hölzernen Vogel veranstaltet wurde, wir Kleineren dagegen jeder eine “Kirschfestlanze”. Das waren schwarze Ulanenlanzen aus Holz mit einem schwarz-weißen Wimpel an der Spitze (also den preußischen Farben - wir waren als Bewohner der Provinz Sachsen ja auch Preußen, jedenfalls seit 1815).

Die Hauptsache aber waren die bunten Schülermützen, auch sie oft aus Anlass des Festes efeuumkränzt. Schülermützen waren damals die einzig denkbare Kopfbedeckung für Schüler, auch im Alltag. 1936 wurden sie, als Standessymbole, die der Idee der Volksgemeinschaft zuwiderliefen, von den Nazis verboten und sind seitdem endgültig vergessen. Statt dessen hatte man einheitlich die schwarze Schirmmütze der Hitlerjugend zu tragen. (Ich habe nie eine besessen - lieber fror ich am Kopf. Damals hatte ich ja auch noch genug Haare.) In Naumburg nun unterschieden die Farben nicht, wie ich es anderwärts erlebt habe, die einzelnen Klassenstufen, so dass man jedes Jahr, sofern man versetzt wurde, eine neue Mütze kaufen musste. Sondern jeder Schüler, vom jüngsten bis zum ältesten - und auch noch die Ehemaligen, wenn sie sich zu Jubiläen oder Klassentreffen einfanden -, trug eine Mütze in der Farbe seiner Schule, jeweils mit weißer Paspelierung. So bildeten die Schulen im Kirschfestzug eindrucksvolle Kolonnen gleicher Farbe, und jeder wusste sofort, wer da gerade vorbeizog. Zuerst kam natürlich das Domgymnasium, als die älteste und vornehmste Schule der Stadt. Seine Farbe war blau. Anschließend kam das Hellrot der Realgymnasiasten, hinter ihnen die Mittelschüler mit grünen Mützen, und dann die städtischen Volksschulen, deren Mützen braun und schwarz waren. Ganz zum Schluss durften auch wir Encke-Schüler uns einreihen; wir hatten noch gar keine Mützen, aber wir wussten ja, dass wir bald in der blauen (oder allenfalls, auch wenn das eine Prestigeminderung bedeutete, in der roten oder grünen) Kolonne würden mit marschieren dürfen. Auf der Vogelwiese gab es dann für jeden Himbeerlimonade in riesigen Gläsern, für die vorher Gutscheine verteilt worden waren, und “Kirschfestzöpfchen”, ein süßes, lockeres, in Zopfform geflochtenes Gebäck, das nur für diese Gelegenheit gebacken wurde und von dem auch jeder eins bekam. Neben dem Armbrustschießen für die Größeren wurden auch die Kleinen mit allerlei Wettspielen und gemeinsamem Spaß bedacht, der Trubel ging bis zum späten Nachmittag. Das Schönste war natürlich, dass es in der ganzen Kirschfestwoche keinen Unterricht gab. Ostern 1935 war dann die Grundschulzeit zu Ende, und ich wechselte, wie die meisten Jungen aus meiner Klasse, zum Domgymnasium über, um künftig mit Stolz die blaue Mütze zu tragen, wie vor mir schon mein Vater und mein älterer Bruder. Ich bin sicher, dass wir zuvor eine Aufnahmeprüfung machen mussten, denn anders wurde damals keinem der Zugang zur höheren Schule gestattet - aber ich habe nicht die leiseste Erinnerung daran. Ich muss wohl schon damals unfähig gewesen sein, Prüfungen ernst zu nehmen.