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Dr. Volkard Jung, Karlsruhe-Waldstadt

Was sollte man machen?

Wir, die wir bei unserer Großmutter Holtzendorff lebten, wußten, daß der Schwiegersohn ihres 1906 vom Blitz erschlagenen Bruders, Vollrath v. Braunschweig, im KZ war. Der Kommentar unserer Großmutter: "Er konnte seinen Mund nicht halten." So wußten wir, daß Gefahr besteht, wenn man seinen Mund nicht hält, ins KZ zu kommen.

Außerdem wurde schon 1934 nach dem sogenannten Rhöm-Putsch der zweite Vorsitzende unseres Familienverbandes von Gestapo-Beamten in Zivil mit vergiftetem Wein umgebracht. Er war sächsischer Gesandter beim Reich und stand konträr zu Hitler, auch ein Holtzendorff. Da unser Vater im Oberkommando des Heeres in Berlin (OKH) war, bekam er mehr mit als andere. Das färbte auch auf die Familie ab, wenn auch ohne Details. Er stand in Kontakt mit Stauffenberg.

Unsere Nadja Smoljakowa aus der Ukraine wußte genau den Unterschied zwischen Wehrmacht und SS – Vogel auf der Brust gut, Vogel auf dem Arm ploche (schlecht). Sie erzählte, daß sie in dem Lager aus dem wir sie auslösten, gekochte Kartoffelschalen zu essen bekam. Aber, man mußte ja den Mund halten. Wir wußten ja, was passiert, wenn man es nicht tut.

So war auch die Nachricht vom Attentat am 20. Juli 1944 dann verständlich als wir die Namen lasen, alles bekannte preußische Namen. Ein Schabrendorff gehörte zu unseren Ahnen. Und unsere Großmutter war mit einer Frau Hayessen befreundet, die im Bürgergartenviertel in Naumburg lebte.

Dieses Wissen war sicher kein Verdienst, aber, was sollte man denn machen, etwa selber ins KZ kommen, weil man den Mund nicht hielt? So ist es doch erfreulich, daß noch 5 Jahre vor der Wende 1994 in Bornstedt bei Potsdam Gedenkveranstaltungen für die Opfer des Widerstandes stattfanden, wobei sogar die Stasi 1988, also 1 Jahr vor der Wende einen durchaus positiven Bericht gab.

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