erinnern, was sich in unserem ruhigen Wohnviertel so alles ereignete.
Da zogen die siegreichen Truppen des Frankreichfeldzuges, vom Bahnhof kommend, wieder in ihre Kasernen Naumburgs zurück. Später dann kamen Trecks von Flüchtlingen und Gefangenentransporte. Ansonsten war ein Auto zu Kriegszeiten in unserer Freyburger Straße nur selten zu sehen. Der Schulunterricht wurde besonders in den letzten Kriegsjahren durch Fliegeralarm gestört, so manchmal zwei- bis dreimal am Tage.

Im Luftschutzkeller

Nachts mußten wir sehr oft in die Luftschutzkeller, da kamen die britischen Bomber und tagsüber die amerikanischen Luftverbände. Nach der knappen Schulzeit spielten wir auf „unserer Straße”, so zum Beispiel Balltreiben, Ballköppen oder Huppen. Aber auch mit der Sammelbüchse fürs WHW (Winterhilfswerk) zogen wir durch Naumburgs Straßen.

Nach Entwarnung des Fliegeralarms drängte es uns auch zur Wenzelskirche. Dort klingelten wir beim Türmer, Herrn Schunke, um nach ganz oben zu gelangen und zu schauen, wo es nach den Bombenangriffen brannte. Auch wurden von uns Kindern Brandbombenhülsen und Staniolstreifen gesammelt. Kinobesuche für 50 Pfennig in der „Reichskrone” oder im „Schwanen” gehörten zu unserem Programm. Das Jahr 1945 war angebrochen, der Vater an der Ostfront, die Mutter Angestellte in der Barbarakaserne. Der Pflegevater war Gärtner im Heereszeugamt.

Die Schulzeit wurde ausgesetzt. Wir verzogen nach der Neidschützer Straße, hier erlebte ich die letzten Tage des Krieges. Hier konnten wir beobachten, wie die Wehrmacht von Naumburg sich auf eine Verteidigung der Stadt Naumburg vorbereitete. Viele Lafettenfahrzeuge führen vom Heereszeugamt auf die „Schie-wiese" (gegenüber vom Waldschloß). Verteidigungsgräben, Splittergräben und Erdbunker wurden ausgehoben. Das war natürlich was für uns Jungen. Angehörige des Volkssturmes und die Hitlerjugend wurden an Waffen und Panzerfäusten ausgebildet.

Dann kam der große Panzeralarm, alle Einwohner mußten sofort in die Luftschutzkeller, keiner durfte auf die Straße. Einige Tage waren die Menschen auf engstem Raum in den Kellern eingepfercht. Und es waren nicht nur Naumburger Einwohner, sondern es kamen viele Flüchtlinge und Umquartierte aus dem Osten und Westen Deutschlands dazu. Hinzu kam noch die Kunde, daß das Berliner Postministerium nach Naumburg in die Postfachschule, also in unsere Nachbarschaft, verlegt werden sollte. Sollte sich eine neue Gefahr anbahnen? Zum Glück war es nur eine „Ente”. Obwohl die Angst unser ständiger Begleiter war, schlichen wir uns heimlich doch mal aus den Kellern, um zu schauen, was es da „Neues" gibt. Wir sahen, wie die Soldaten, der Volkssturm und die Hitlerjugend, flüchteten oder Waffen, Munition und Uniformen eilig verscharrten. Dann dauerte es nicht lange, und mit Riesengedröhne kamen die ersten Panzer der Amerikaner, die wuchtigen Shermans.

Weiße Fahnen

An unseren Häusern flatterten die eiligst selbst geschneiderten weißen Fahnen. Die Waldschloßwiese und das Zentrum des Buchholzes brannte, dicke Rauchschwaden stiegen auf, hier hatten unsere Soldaten noch die zurückgelassene Wehrmachtstechnik in Brand gesetzt.
Nun waren sie da, die Amerikaner. Die Häuser der Neidschützer Straße und die Postfachschule wurden durch sie besetzt. Innerhalb sechs Stunden mußten die Bewohner ihre Häuser verlassen.

Der Panzeralarm war aufgelöst. Wir konnten wieder auf die Straße, haben den Amerikanern neugierig beim Sport und Autofahren zugeschaut, und auch ganz schön beklaut, Fressalien natürlich in Dosen und Alu-Verpackungen. Mit viel Eifer suchten wir auch deutsche Waffen und Munition, gesucht gefunden und bei den Amis für Schokolade und Kekse eingetauscht.

Der Krieg war nun Gottseidank zu Ende, wir mußten wieder in die Schule und harrten der Dinge, die auf uns Jungen und Mädchen zukamen.

Dieser Beitrag erschien zuerst im Naumburger Tageblatt. Ergänzung zum Zeitungsartikel:

[Hunger]

Unsere Stadt Naumburg war ja nun von den Amerikanern besetzt. Das Leben sollte sich wieder normalisieren. Die Heereslager wurden von den Naumburgern aber auch von den ehemaligen Fremdarbeitern geplündert. So die Lager auf den Bahnhöfen, in Eulau und vor allen Dingen das Heeresverpflegungsamt. In Letzterem sollten wohl Lebensmittel eingelagert gewesen sein, daß man unser Naumburg 3 Jahre davon hätte verpflegen können. Es waren vor allen Dingen Mehr, Zucker, Fleischkonserven. Diese wurden in Mengen unter dramatischen Bedingungen geraubt. Die Amerikaner schauten anfangs zu, als es ihnen aber “zu bunt” wurde, schossen sie in die Luft und verscheuchten die Leute mit ihren gefüllten Handwagen. Die Fleischkonserven mußten dann wieder abgegeben werden laut Befehl der Amis und wurden auf die Fleischmarken neu verteilt.

[Kriegsgefangene]

Ich habe aber auch nicht vergessen als die Amerikaner tausend deutscher Kriegsgefangene auf dem Gelände des Heeresverpflegungsamts auf dem Rasen neben den Ostbahngleisen eingesperrt hatten. Wir, die damaligen Schüler, gingen von Haus zu Haus und Tür zu Tür in Grochlitz und bettelten Lebensmittel für diese Gefangenen.
Obwohl die Leute selbst nicht viel hatten, gaben sie doch fast ihr Letztes an Eßbaren. Diese Gaben schmissen wir dann, nachdem wir die amerikanischen Militärposten (auf ihren Stühlen hockend) abgelenkt hatten, über die Stacheldrahtzäune und wurden von unseren “Soldaten” begierig angenommen.

Doch einige Tage später wurde das Gefangenenlager aufgelöst und es ging mit großen AMI-LKW “Studebeker” in ein anderes Lager. Vielleicht in das als Hungerlager bekannte Bad Kreuznach.

Einzug der Amerikaner

[...]. Dann war es soweit – die ersten AMI Panzer kamen aus Richtung Jena. Auch bei uns zogen amerikanische Einheiten in den Park gegenüber und in das Posttöchterheim sowie in die Häuser Nr. 25/24 ein. Hier mußten die Bewohner innerhalb von wenigen Stunden ausziehen. So auch Familie Stange [...] und sie wohnten dann einige Zeit bei uns (1 ½ Zimmer). Wir Kinder suchten nun die Amerikaner im Park auf und brachten ihnen einige der versteckten Waffen, bekamen dafür Schokolade, Kaugummi und Kekse. Wir klauten aber auch aus den Jeeps liegende Konserven und Schokolade. Den Amis schauten wir beim Sport zu und durften auch einmal im Jeep mitfahren. Nach einigen Wochen zogen die Amis ab, die Wohnungen waren in desolaten Zuständen verlassen. Danach zogen die nächsten Besatzer und Befreier ein, die Russen.