Die Rentsch-Sammlung des Stadtmuseums Naumburg: Warum sie viel kleiner ist, als sie sein könnte.

Nachdem Fritz Rentsch am 26.12.46 hier in Naumburg gestorben war, zeigte sich die Stadt sehr darum bemüht, etwas für das Andenken des Verstorbenen zu tun. Schon im Jahr darauf, es war das Jahr 1947, in einer Zeit also, als man gewiss auch noch andere Sorgen hatte, beschloss die Stadtverordnetenversammlung, fünf Bilder aus dem Nachlass für das Heimatmuseum zu erwerben. Das war der Grundstock unserer Rentsch-Sammlung. Diese Bilder kamen damals in unseren Bestand und diese sind auch heute noch vorhanden.

Im Jahr darauf, 1948, wurde in einem der Salztorhäuschen eine Rentsch-Gedächtnisausstellung gezeigt – mit initiiert von Bernd Grothe, der ein Rentsch-Schüler war.

Im selben Jahr 1948 übereignete Rentschs ehemalige Lebensgefährtin, die Pianistin Anny Schäfer, die den größten Teil des Rentsch-Nachlasses geerbt hatte, darunter alle Bilder, die nach 1933 entstanden waren, der Stadt Naumburg insgesamt 30 Gemälde und 50 Aquarelle. Als Gegenleistung verzichtete man von Seiten der Stadt darauf, Untermieter in deren Wohnung in der Neidschützer Straße einzuweisen, unter der Bedingung, dass Frau Schäfer einen Raum als Gedenkzimmer einrichtete und für die Öffentlichkeit zugänglich machte. Vergegenwärtigt man sich die damalige Wohnungsnot mit all den Flüchtlingen in der Stadt, die Besatzungsmacht nicht zu vergessen, so war dies durchaus kein geringes Zugeständnis. Die übereigneten 80 Bilder verblieben übrigens in Schäfers Wohnung.

Porträt Fritz Rentsch von Richard Otto VoigtPorträt Fritz Rentsch von Richard Otto Voigt

Porträt Fritz Rentsch von Richard Otto Voigt. Aus dem Nachlass Anny Schäfer, 2003 bei einer Hausdurchsuchung sichergestellt. Widmung auf der Rückseite: Bezeichnung: unten links "Papa Rentsch"; unten rechts, "R. O. Voigt 1934". Am unteren Rand des Blattes findet sich eine persönliche Widmung: "Frau A. Schäfer, Der Bewahrerin seines künstlerischen Nachlasses in Verehrung."

 

10 Jahre später, 1963, schloss man, wohl auf Wunsch Anny Schäfers, einen weiteren Schenkungsvertrag. Anny Schäfer vermachte der Stadt die restlichen 90 Bilder, 49 Gemälde und 41 Aquarelle und Sie setzte die Stadt zur Alleinerbin ihres gesamten Nachlasses ein. Im Gegenzug bekräftigte die Stadt „dass sie ihre Wohnung in dem Hausgrundstück [...] Neidschützerstrasse 19, behalten kann, damit ihr ermöglicht wird, den künstlerischen Nachlass des Prof. Rentsch in würdiger Form zu verwalten und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die Schenkerin wohnt mietfrei." Hinzu kam die Zusicherung, nunmehr an Frau Anny Schäfer als Gegenleistung für die heute erfolgte Schenkung, jährlich und zwar bis zum 30. September jeden Jahres, erstmalig bis zu 1. November 1963, 50 (fünfzig) Zentner Braunkohlen-Briketts für die Professor Rentsch-Gedächtnisstätte frei Haus und unentgeltlich zu liefern sowie die Reinigung der Räume der Gedächtnisstätte auf eigene Rechnung, und zwar mit monatlich 20 Stunden zu übernehmen.

Es ist im Nachhinein, unter vollkommen veränderten wirtschaftlichen, politischen und sozialen Bedingungen müßig darüber zu sinnieren, ob diese Vereinbarungen freiwillig zustande kamen, oder ob sie Ergebnis entsprechenden Drucks waren: diese Frage wird sich nicht mehr klären lassen. Der Maler Fritz Amann schloss einen ähnlichen Vertrag mit der Stadt, als er dieser einige seiner Gemälde vermachte gegen die Zusicherung, dass seine Frau nach seinem Tod die gemeinsame Wohnung wenigstens zum Teil weiter nutzen dürfe. Ähnliche Vereinbarungen gab es wohl auch mit Bernd Grote und Grete Tschaplowitz. Und auch im wesentlich prominenteren Fall Max Klingers waren die Verhältnisse ähnlich: bereits Mitte der 20er Jahre kaufte man den Klinger-Erben, dem Ehepaar Hartmann, das Klingersche Grundstück mit dem Klingerhaus ab und 1931 schloss man einen Vertrag, der den Hartmanns dafür, dass sie der Stadt einen Teil des Klinger-Nachlasses vermachten, das kostenlose Wohnrecht für 15 Jahre zusicherte. (1946 wurde das Wohnrecht der Hartmanns dann bis zum Lebensende verlängert.)

Man kann es durchaus so sehen, dass den Betroffenen durch diese Erb- und Schenkungsverträge in schwierigen Situationen substanziell geholfen wurde.

Das Problem war ein anderes.

Bereits im Schäfer-Vertrag von 1948 findet sich eine unsinnige Klausel: Die Stadtgemeinde verpflichtet sich, nach dem Tode der Frau Schäfer [...] die übereigneten Gemälde und Aquarelle zusammen mit dem der Stadt beim Tode der Frau Schäfer zufallenden sonstigen künstlerischen Nachlass des Professors Rentsch in würdiger Form als ‘Professor Fritz Rentsch-Stiftung’ zur allgemeinen Besichtigung auszustellen. Schlimmer noch die Formulierung im zweiten Vertrag von 1963: Die [...] Nachlassgegenstände verbleiben in der Professor Rentsch-Gedenkstätte und sind der Öffentlichkeit weiterhin zugänglich zu machen. Der gesamte Nachlass des Prof. Friedrich Rentsch und der Frau Anny Schäfer soll also dem Gedenken beider Persönlichkeiten gewidmet bleiben. Ähnliche Auflagen akzeptierte die Stadt auch im Fall von Max Klinger und Grete Tschaplowitz.

Jetzt mag man sich fragen, was an solchen Klauseln unsinnig sein soll. Sie sind unsinnig, weil sie natürlich kaum einzuhalten sind. Das Klingerhaus hätte die Stadt vielleicht mit etwas mehr gutem Willen und vor allem mit etwas mehr Verstand als Museum einrichten und offen halten können. Aber gerade im Fall der Rentsch-Gedenkstätte war es objektiv illusorisch, das weitab vom Publikumsverkehr gelegene Haus weiterhin der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Noch dazu auf alle Ewigkeit, denn die Formulierungen enthalten ja keinerlei zeitliche Beschränkung.

Warum hat aber dann die Stadt solche Bedingungen akzeptiert oder wahrscheinlich sogar von sich aus angeboten?

Die nächstliegende Erklärung ist natürlich, dass auf Seiten der Verantwortlichen purer Zynismus in Verbindung mit einer guten Portion Wichtigtuerei am Werk war. Man hat sich wohl gar keine Gedanken darüber gemacht, ob man den Vertrag überhaupt einhalten kann, weil Erblasser, wenn sie erst einmal tot sind, sich ohnehin nicht mehr wehren können.

An dieser Erklärung wird gewiss etwas sein, aber sie greift zu kurz. Es kann gut sein, dass man zunächst wirklich glaubte, was man da versprach. Es sind ja auch Volksweisheiten von fast normativer Kraft: Bilder müssen hängen, Bilder müssen gesehen werden, Bilder sollen nicht im Magazin verstauben und verschimmeln usw., die gerne lauthals verkündet werden, ganz ungeachtet der Tatsache, dass alle Kunst (und nicht nur die) ihre Zeit hat, insbesondere aber diejenige Kunst, die weit hinter der Avantgarde herspaziert.

Man meinte es also ernst, als man die Verträge unterschrieb: man wollte wirklich Gedenkstätten für die eben noch mit mehr oder weniger lokaler Berühmtheit Beschiedenen, hier eine, dort eine, und dann noch eine und noch eine. Damit begann das Unheil, denn weil man ja nichts in Magazinen verschimmeln lassen wollte, sorgte man in dieser Richtung auch nicht vor, weshalb ja dann auch tatsächlich etliches verstaubt und verschimmelt ist oder anderweitig abhanden kam. [Das ist natürlich ein anhaltendes Problem, es gibt immer noch Entscheidungsträger, die meinen, alles, was nicht gezeigt wird, kann weg  und dabei vergessen, dass alles längst weg wäre, wenn alle immer so schlicht gedacht hätten.]

Nachdem Anny Schäfer 1977 gestorben war, stand man dann unvermittelt vor der Frage, wie es tatsächlich weiter gehen solle. Die Gedenkstätte in der periphären Neidschützer Straße zu halten war wenig sinnvoll, das war nun plötzlich, unter dem Druck der Entscheidung, klar. Also wurde sie ad hoc aufgelöst und die großzügig geschnittene Künstlerwohnung wurde an einen unter der akuten Wohnungsnot arg leidenden -  heute würden wir sagen: -  Leistungsträger  vergeben.

Was mit dem Inventar geschah, schilderte eine Zeitzeugin so: [...] Nachdem Abt. Finanzen den Haushalt Schäfer aufgelöst hatte, wurden die Bilder von Prof. Rentsch mit einem LKW des Bauhofes abgeholt [...] Die Bilder wurden in das Kreisarchiv Georgenberg 2 gebracht [...] Einige Zeit später wurde gesichtet. Die Bilder standen im Keller. Ich war mit Kollegen des Museums dort und wir haben tagelang die Bilder anhand der Liste aus dem Testament mit den vorhandenen Bildern verglichen und je nach Aussehen und Größe (abgemessen) eingeordnet, welches Bild es sein könnte [...] Dann waren die Bilder zusammen mit den Arbeiten von Bernd Grothe und Grete Zschaplowitz in einer verglasten Veranda im Archiv untergebracht. Im Rathaus war kein Platz für die vielen Bilder. Der Boden war im Winter zu feucht und war durch Taubendreck sehr verschmutzt (die Tauben flogen aus und ein zur damaligen Zeit).

Nun muss angefügt werden, dass nicht nur der Dachboden des Rathauses vollkommen ungeeignet für die Lagerung von Gemälden war. Auch der gesamte Magazinbestand des Museums war unter katastrophalen Bedingungen eingelagert und die Räume des Stadtarchivs am Georgenberg waren auch nicht besser. Gerade dort wurde dem Prinzip Vernichtung durch Vernachlässigung gehuldigt – einfach verglaste Veranden sind nunmal nicht der geeignete Ort für die Aufbewahrung von licht- und klimaempfindlichen Kunstgegenständen.

10 Jahre früher war übrigens ähnliches mit Klingers Nachlass passiert. Als das Klingerhaus geräumt wurde, landeten wertvolle Zeichnungen, Gemälde und Drucke zunächst unter freiem Himmel, wo sich viele bedienten. Was davon übrig blieb – immer noch ein ansehnlicher Bestand – geriet schließlich ins Stadtarchiv am Georgenberg, wo es sich im Laufe der Jahre soweit verflüchtigte, dass 1995, als das Archiv endlich eine seriöse Leitung erhielt, so gut wie nichts mehr davon übrig war. (Zehn Jahre später konnte ein kläglicher Rest des Nachlasses bei mehreren polizeilichen Hausdurchsuchungen sichergestellt werden, aber das ist eine andere Geschichte).

Zurück zum Rentsch-Nachlass. Weil man einsah, dass die Lagerung der Bilder auf der Veranda des Archivs auf Dauer problematisch sein könnte, sann man auf Abhilfe und fand eine Lösung, die gleich mehrere Probleme betraf:

Zum einen wollte der Kulturbund schon seit langem eine Galerie haben, also sollte er anlässlich des Jubiläums 1978 von der Stadt zu diesem Zweck die Räume im 2. OG des Hauses Markt 10 erhalten, wo die so genannte Galerie im 2. Stock eingerichtet wurde.

Zum anderen war die Stadt für jede Mark dankbar. Also führte man 1980 in der frisch gebackenen Galerie zur Eröffnung eine große Verkaufsausstellung durch, wo man  alle angehäuften Werke von Rentsch, Grothe und Zschaplowitz zu Schleuderpreisen feilbot. Die Einnahmen sollten dem notorisch klammen Stadtsäckel zugute kommen.

Hauptvorteil dieser Lösung: man wurde so die lästigen Bilder elegant los und tat auch noch etwas für Hebung der sozialistischen Wohnkultur.

Also wurden die Bilder vom Bauhof im Archiv abgeholt und zum Kulturbund gebracht. Zuvor war bereits ein Vertrag mit dem Kulturbund abgeschlossen worden, in dem die Stadt die Räume im Keyserschen Haus (Markt 10) für 10 Jahre mietfrei überließ, aber für schockierende 99 Jahre (!) das komplette Mobiliar aus dem Nachlass Rentsch/Schäfer. Ein Teil der Möbel wurde  schon wenige Jahre später wegen Abnutzung vernichtet. (Auch hier eine Parallele zu Klinger: auch das Klingerhaus-Mobiliar wurde zum erheblichen Teil verbrannt, weil wurmstichig.)

Von Rentsch wurden bei der Verkaufsaktion  insgesamt 86 Ölgemälde, 55 Aquarelle und 39 Zeichnungen und Entwürfe angeboten, das sind 174 Werke. Von den 86 Gemälden wurden 46 verkauft, für Aquarelle und Zeichnungen lässt sich der Verkaufserfolg nicht nachvollziehen, da entsprechende Unterlagen fehlen.

Nach dem Ende der Ausstellungen kamen die übrig gebliebenen Bilder, also diejenigen, die niemand für ein paar Mark haben wollte, unserer Zeitzeugin zufolge in einen Raum, wo die Arbeitsgruppen des Kulturbundes ihr Material liegen hatten, für jeden der in einer Arbeitsgruppe tätig war, zugängig. Es konnte nicht kontrolliert werden, wer an einzelnen Abenden etwa mit Gruppenmitgliedern in den Räumen war [...] Es wurde kein anderer Raum gefunden. Das Museum hatte schon Plastiken von Frau Tschaplowitz untergebracht und hatte für die Bilder keinen Platz. [...] Durch die dauernde Unterbesetzung der Abteilung Kultur und die vielen Arbeiten, die anstanden, konnte sich keiner zwischendurch um die dort untergebrachten Bilder näher kümmern.

Bei einer Inventur 1985 wurden 10 weiter Gemälde als nicht vorhanden bezeichnet, soll heißen: sie hatten zwischenzeitlich neue Besitzer gefunden, die ihre Namen leider nicht hinterließen.

Nach Auflösung des Kulturbundes schaffte man die Restbestände schließlich ins Rathaus und von dort ins Museum, wo sie endlich und erstmalig bezeichnet und katalogisiert wurden. Viele davon konnten gereinigt und restauriert werden. Im Jahr 1996 waren wir dann in der glücklichen Lage, eine große Fritz-Rentsch-Ausstellung durchzuführen, wo wir insgesamt 75 Gemälde, Aquarelle und Zeichnungen zeigen konnten. Da sich die Verkaufslisten von 1980 erhalten hatten, war es möglich, etliche der damaligen Käufer zu identifizieren und sie mit einiger Mühe wiederzufinden. Leihgaben aus entfernten Ecken der Bundesrepublik, der Schweiz und Österreichs konnten organisiert werden, die eine deutliche Bereicherung der Ausstellung bedeuteten, denn wenig verwunderlich waren gerade die interessanteren Bilder unter den verkauften. Leider fand die Ausstellung in Naumburg mit ca. 500 Besuchern nur ein relativ geringes Besucherinteresse, vielleicht teilweise dem etwas weit außerhalb gelegenen Ausstellungsort – dem Gutshaus Großjena, wo wir für diesen Zweck Räume angemietet hatten – geschuldet. Als die Ausstellung im Anschluss im Universitätsmuseum in Leipzig gezeigt wurde, war erfreulicherweise der Publikumszuspruch erheblich größer.

Der Rentsch-Bestand des Stadtmuseums umfasst z. Zt. etwa 120 Nummern, darunter die genannten Erwerbungen von 1947, die Reste des Nachlasses und einige Neuerwerbungen. Die Mehrzahl der Gemälde wurde bis 2012 in der vom Verein Kunst in Naumburg e. V. betriebenen Galerie am Topfmarkt gezeigt. Seit diese Gedenkstätte auch wegen des mangelnden Publikumsinteresses geschlossen ist, befinden sie sich wieder in unserem Magazin und warten darauf, wiederentdeckt zu werden.