Newsflash

Geschafft! Ab 1. Juni sind das Stadtmuseum Hohe Lilie und das Romanische Haus Bad Kösen (mit Käthe-Kruse-Sammlung) wieder geöffnet. Das Max-Klinger-Haus in Großjena kann ab 12. Juni wieder besucht werden. Es gelten die regulären Öffnungszeiten.
Die Hygieneregeln müssen weiterhin eingehalten werden (med. Masken, AHA-Regeln, Kontaktverfolgung).

Die Rentsch-Sammlung des Stadtmuseums Naumburg: Warum sie viel kleiner ist, als sie sein könnte.

Nachdem Fritz Rentsch am 26.12.1946 in Naumburg gestorben war, zeigte sich die Stadt sehr darum bemüht, etwas für das Andenken des Verstorbenen zu tun. Schon im Jahr darauf, man schrieb das Jahr 1947, in einer Zeit also, als man gewiss auch noch andere Sorgen hatte, beschloss die Stadtverordnetenversammlung fünf Bilder aus dem Nachlass für das Heimatmuseum zu erwerben und damit dem Leipziger Maler, der gerade einmal 13 Jahre bis zu seinem Tod in Naumburg gelebt hatte, einen bleibenden Platz im Gedächtnis der Stadt zu beizumessen. Diese dem städtischen „Heimatmuseum“ übergebenen Bilder sind heute noch vorhanden.  

Im Jahr darauf, 1948, wurde in einem der klassizistischen Salztorhäuschen eine Rentsch-Gedächtnisausstellung gezeigt – mit initiiert von dem Maler Bernd Grothe, der ein Rentsch-Schüler war.

Im selben Jahr 1948 übereignete Rentschs langjährige Lebensgefährtin Anny Schäfer der Stadt Naumburg insgesamt 30 Gemälde und 50 Aquarelle. Die ehemalige Konzertpianistin hatte den größten Teil des Rentsch-Nachlasses geerbt, darunter alle Nachlass-Bilder, die nach 1933 – also in der Naumburger Zeit – entstanden waren. Als Gegenleistung verzichtete man von Seiten der Stadt darauf, Untermieter in die Künstlerwohnung in der Neidschützer Straße einzuweisen. Bedingung hierfür war allerdings, dass Frau Schäfer einen Raum als Gedenkzimmer einrichten und für die Öffentlichkeit zugänglich machen sollte. Vergegenwärtigt man sich die damalige Wohnungsnot mit all den Flüchtlingen in der Stadt, die Besatzungsmacht nicht zu vergessen, so war dies durchaus kein geringes Zugeständnis – Anny Schäfer hielt sich mühsam mit Klavierunterricht für die noch in Naumburg verbliebenen Bürgerkinder über Wasser. Die der Stadt übereigneten 80 Bilder verblieben übrigens zunächst an ihrem Standort in der Neidschützer Straße.

Porträt Fritz Rentsch von Richard Otto VoigtPorträt Fritz Rentsch von Richard Otto Voigt

Porträt Fritz Rentsch von Richard Otto Voigt. Aus dem Nachlass Anny Schäfer, 2003 bei einer Hausdurchsuchung sichergestellt. Widmung auf der Rückseite: Bezeichnung: unten links "Papa Rentsch"; unten rechts, "R. O. Voigt 1934". Am unteren Rand des Blattes findet sich eine persönliche Widmung: "Frau A. Schäfer, Der Bewahrerin seines künstlerischen Nachlasses in Verehrung."

 

10 Jahre später, 1963, schloss man dann wohl auf Wunsch Anny Schäfers einen weiteren Schenkungsvertrag. Frau Schäfer vermachte der Stadt nun auch die restlichen 90 Bilder, 49 Gemälde und 41 Aquarelle und sie machte die Stadt Naumburg zur Alleinerbin ihres gesamten Nachlasses. Im Gegenzug bekräftigte wiederum die Stadt

„dass sie ihre Wohnung in dem Hausgrundstück [...] Neidschützer Straße 19, behalten kann, damit ihr ermöglicht wird, den künstlerischen Nachlass des Prof. Rentsch in würdiger Form zu verwalten und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die Schenkerin wohnt mietfrei.“ Hinzu kam die Zusicherung, „nunmehr an Frau Anny Schäfer als Gegenleistung für die heute erfolgte Schenkung, jährlich und zwar bis zum 30. September jeden Jahres, erstmalig bis zu 1. November 1963, 50 (fünfzig) Zentner Braunkohlen-Briketts für die Professor Rentsch-Gedächtnisstätte frei Haus und unentgeltlich zu liefern sowie die Reinigung der Räume der Gedächtnisstätte auf eigene Rechnung, und zwar mit monatlich 20 Stunden zu übernehmen.“

Es ist im Nachhinein, unter vollkommen veränderten wirtschaftlichen, politischen und sozialen Bedingungen müßig darüber zu sinnieren, ob diese Vereinbarungen „freiwillig“ zustande kamen, oder ob sie Ergebnis entsprechenden Drucks waren. Der Maler Fritz Amann schloss einen ähnlichen Vertrag mit der Stadt Naumburg, als er dieser einige seiner Gemälde vermachte gegen die Zusicherung, dass seine Frau nach seinem Tod die gemeinsame Wohnung wenigstens zum Teil weiter nutzen dürfe. Ähnliche Vereinbarungen gab es wohl auch mit Bernd Grote und der Bildhauerin Grete Tschaplowitz. Und sogar im Fall Max Klinger waren die Verhältnisse ähnlich: bereits Mitte der 20er Jahre kaufte man den Klinger-Erben, dem Ehepaar Hartmann, das Klingersche Grundstück mit dem Klingerhaus ab und 1931 schloss man einen Vertrag, der dem Ehepaar dafür, dass es der Stadt einen Teil des Klinger-Nachlasses vermachte, das kostenlose Wohnrecht für 15 Jahre zusicherte. 1946 wurde das Wohnrecht der Hartmanns dann bis zum Lebensende verlängert.

Man kann es durchaus so sehen, dass den Betroffenen durch diese Erb- und Schenkungsverträge in wirtschaftlich schwierigen Zeiten substanziell geholfen wurde.

Das Problem war ein anderes.

Bereits im Schäfer-Vertrag von 1948 findet sich eine unsinnige Klausel:

„Die Stadtgemeinde verpflichtet sich, nach dem Tode der Frau Schäfer [...] die übereigneten Gemälde und Aquarelle zusammen mit dem der Stadt beim Tode der Frau Schäfer zufallenden sonstigen künstlerischen Nachlass des Professors Rentsch in würdiger Form als ‚Professor Fritz Rentsch-Stiftung‘ zur allgemeinen Besichtigung auszustellen.“ Schlimmer noch die Formulierung im zweiten Vertrag von 1963: „Die ... Nachlassgegenstände verbleiben in der Professor Rentsch-Gedenkstätte und sind der Öffentlichkeit weiterhin zugänglich zu machen. Der gesamte Nachlass des Prof. Friedrich Rentsch und der Frau Anny Schäfer soll also dem Gedenken beider Persönlichkeiten gewidmet bleiben.“

Ähnliche Auflagen akzeptierte die Stadt auch im Fall von Max Klinger und Grete Tschaplowitz.

Warum sind diese Abmachungen „unsinnig“? Sie sind unsinnig, weil sich in der Praxis immer wieder zeigt, dass sie kaum einzuhalten sind.  Das Klingerhaus hätte die Stadt vielleicht mit etwas mehr gutem Willen und vor allem mit etwas mehr Verstand Ende der 1950er Jahre als Museum einrichten und offen halten können. Aber gerade im Fall der Rentsch-Gedenk­stätte war es objektiv illusorisch, das weitab vom Publikumsverkehr gelegene Haus des außerhalb der Stadt kaum bekannten Künstlers „weiterhin der Öffentlichkeit zugänglich zu machen“. Noch dazu auf alle Ewigkeit, denn die Formulierungen enthalten ja keinerlei zeitliche Beschränkung.

Warum hat aber dann die Stadt solche Vertragsklauseln akzeptiert oder vielleicht sogar von sich aus angeboten?

Der nächstliegende Verdacht geht natürlich dahin, puren Zynismus auf Seiten der Verantwortlichen zu vermuten. Man hat sich wohl gar keine Gedanken darüber gemacht, ob man den Vertrag überhaupt einhalten kann, denn wenn die Erblasser erst tot sind, können sie die Einhaltung von Zusagen ohnehin nicht mehr einfordern.

An dieser Erklärung wird gewiss etwas sein, aber sie greift zu kurz. Man kann durchaus annehmen, dass man es ernst meinte, weil man die betreffenden Klauseln für richtig hielt. Es sind ja auch Volksweisheiten: „Bilder müssen hängen“, „Bilder müssen gesehen werden“ „Bilder sollen nicht im Magazin verstauben“  oder besser noch: „verschimmeln“ usw., die gerne lauthals verkündet werden, ganz ungeachtet der Tatsache, dass alles, auch die „Kunst“, seine Zeit hat, insbesondere aber diejenige Kunst, die weit hinter der Avantgarde herspaziert.

Man dachte also wohl das Richtige zu tun, als man die Verträge unterschrieb: man wollte „Gedenk­stätten“ eröffnen, hier eine, dort eine, und dann noch eine und noch eine. Damit begann das Unheil, denn weil man ja nichts in Magazinen „verschimmeln“ lassen wollte, sorgte man in dieser Richtung auch nicht vor, weshalb ja dann tatsächlich auch etliches verstaubt, verschimmelt oder abhanden gekommen ist.

[Das ist natürlich ein anhaltendes Problem, es gibt immer noch Entscheidungsträger, die meinen, alles, was nicht gezeigt wird, kann weg  und dabei vergessen, dass alles längst weg wäre, wenn alle immer so schlicht gedacht hätten. So ist es bis heute nich gelungen, in Naumburg anständige Magazinbedingungen herzustellen.]

Nachdem Anny Schäfer 1977 gestorben war, stand man nämlich unvermittelt vor der Frage, wie es tatsächlich weiter gehen solle. Die Gedenkstätte in der periphären Neidschützer Straße zu halten war wenig sinnvoll, das war nun plötzlich, unter dem Druck der Entscheidung, klar. Also wurde sie ad hoc aufgelöst und die großzügig geschnittene Wohnung wurde an die Familie eines an der akuten Wohnungsnot besonders leidenden verdienstvollen Genossen (heute würden wir sagen: eines Leistungsträgers) vergeben. Was mit dem Inventar des Hauses geschah, schilderte eine Zeitzeugin aus der Stadtverwaltung so:

„... Nachdem Abt. Finanzen den Haushalt Schäfer aufgelöst hatte, wurden die Bilder von Prof. Rentsch mit einem LKW des Bauhofes abgeholt ... Die Bilder wurden in das Kreisarchiv Georgenberg 2 gebracht ... Einige Zeit später wurde gesichtet. Die Bilder standen im Keller. Ich war mit Kollegen des Museums dort und wir haben tagelang die Bilder anhand der Liste aus dem Testament mit den vorhandenen Bildern verglichen und je nach Aussehen und Größe (abgemessen) eingeordnet, welches Bild es sein könnte ... Dann waren die Bilder zusammen mit den Arbeiten von Bernd Grothe und Grete Zschaplowitz in einer verglasten Veranda im Archiv untergebracht. Im Rathaus war kein Platz für die vielen Bilder. Der Boden war im Winter zu feucht und war durch Taubendreck sehr verschmutzt (die Tauben flogen aus und ein zur damaligen Zeit.)“

Nun muß man dazu anfügen, dass nicht nur der Dachboden des Rathauses vollkommen ungeeignet für die Lagerung von Gemälden war. Auch der gesamte Magazinbestand des Museums war unter katastrophalen Bedingungen eingelagert und die Räume des Stadtarchivs am Georgenberg waren keineswegs besser. Gerade dort wurde dem Prinzip Vernichtung durch Vernachlässigung gehuldigt – einfach verglaste, unbeheizte Veranden sind nunmal nicht der geeignete Ort für die Aufbewahrung von empfindlichem Kunstgut.

10 Jahre früher war übrigens ähnliches mit Max Klingers Nachlass passiert. Als das Klingerhaus geräumt wurde, landeten wertvolle Zeichnungen, Gemälde und Drucke zunächst unter freiem Himmel, bis sie schließlich im Radierstübchen aufgehäuft wurden, wo sich viele bedienten. Was davon übrig blieb – immer noch ein ansehnlicher Bestand – geriet schließlich ebenfalls ins Stadtarchiv am Georgenberg, wo es sich im Laufe der Jahre soweit verflüchtigte, dass 1995, als das Archiv endlich eine seriöse Leitung erhielt, so gut wie nichts mehr davon übrig war. (Zehn Jahre später konnte ein kläglicher Rest des Nachlasses bei mehreren polizeilichen Hausdurchsuchungen sichergestellt werden, aber das ist eine andere Geschichte).

Zurück zum Rentsch-Nachlass. Weil man bald einsah, dass die Lagerung der Bilder auf der Veranda des Archivs problematisch war, sann man auf Abhilfe und fand eine allseits befriedigende Lösung: Die im „Kulturbund der DDR“ organisierten Kulturinteressierten Bürger hatten schon seit längerem die Einrichtung einer Galerie gefordert. Daher wurden anlässlich des 950. Stadtjubiläums 1978 zu diesem Zweck die Räume im 2. OG des Hauses Markt 10 an den „Kulturbund“ übergeben, fortan die „Galerie im 2. Stock“ genannt.

Vorbereitend war ein Vertrag abgeschlossen worden, in dem die Stadt dem „Kulturbund“ die Räume im Markt 10 für 10 Jahre mietfrei überließ, aber für 99 Jahre (!) das komplette Mobiliar aus dem Nachlass Rentsch/Schäfer. Ein Teil dieses Mobiliars wurde einige Jahre später wegen Abnutzung vernichtet. (Auch hier eine Parallele zu Klinger: auch das Klingerhaus-Mobiliar wurde schließlich zum erheblichen Teil vernichtet, weil angeblich abgenutzt und „wurmstichig“)

1980 fand in der „Galerie im 2. Stock“ dann die große (Aus-)Verkaufsausstellung mit den unter Auflagen ererbten Werken von Rentsch, Grote und Tschaplowitz statt. Von Fritz Rentsch wurden insgesamt 86 Ölgemälde, 55 Aquarelle und 39 Zeichnungen und Entwürfe angeboten, also 174 Arbeiten insgesamt. Von den 86 Gemälden wurden 46 verkauft, für Aquarelle und Zeichnungen ässt sich das nicht genau nachvollziehen.

Nach dem Ende der Ausstellungen kamen die Bilder, so unsere bereits zitierte Zeitzeugin, in einen

„Raum, wo die Arbeitsgruppen des Kulturbundes ihr Material liegen hatten, für jeden der in einer Arbeitsgruppe tätig war, zugängig. Es konnte nicht kontrolliert werden, wer an einzelnen Abenden etwa mit Gruppenmitgliedern in den Räumen war ... Es wurde kein anderer Raum gefunden. Das Museum hatte schon Plastiken von Frau Tschaplowitz untergebracht und hatte für die Bilder keinen Platz ... Durch die dauernde Unterbesetzung der Abteilung Kultur und die vielen Arbeiten, die anstanden, konnte sich keiner zwischendurch um die dort untergebrachten Bilder näher kümmern.“

Bei einer Inventur 1985 wurden 10 weitere Gemälde als „nicht vorhanden“ bezeichnet, soll heißen: sie hatten zwischenzeitlich neue Besitzer gefunden, die ihre Namen leider nicht hinterließen.

Nach Auflösung des Kulturbundes kamen die übrig gebliebenen Bilder 1990 schließlich ins Rathaus und von dort ins Museum, wo sie endlich und erstmalig bezeichnet und katalogisiert wurden. Viele davon konnten gereinigt und restauriert werden und im Jahr 1996 konnte dann eine große Fritz-Rentsch-Ausstellung durchgeführt werden, die 75 Gemälde, Aquarelle und Zeichnungen, viele davon aus Privatbesitz, versammelte. Da sich die Verkaufslisten von 1980 erhalten hatten, war es möglich, etliche der damaligen Käufer zu identifizieren und sie mit einiger Mühe wiederzufinden. Leihgaben aus entfernten Ecken der Bundesrepublik, der Schweiz und Österreichs konnten organisiert werden, die eine deutliche Bereicherung der Ausstellung bedeuteten, denn wenig verwunderlich waren gerade die interessanteren Bilder unter den verkauften. Leider fand die Ausstellung nur ein eher geringes Besucherinteresse, was vielleicht teilweise dem außerhalb gelegenen Ausstellungsort – dem Gutshaus Großjena – geschuldet war. Als die Ausstellung im Anschluss im Universitätsmuseum in Leipzig gezeigt wurde, war erfreulicherweise der Publikumszuspruch erheblich größer.