Newsflash

Aufgrund der aktuellen Entwicklungen bleiben alle unsere Häuser – zu unserem größten Bedauern – bis auf Weiteres geschlossen.

Karl Bauer, Herscheid (1921-38)

Erinnerungen an die Naumburger Jugend

Am 19. Januar 1920 gegen 21 Uhr kam ich auf die Welt. Zögernd versuchte ich mit meinem Kopf zuerst die Außentemperatur zu testen. Eine sehr resolute Frau hat meiner Mutter Beistand geleistet. Für mein Zögern bekam ich sofort die ersten Hiebe auf meinen roten Popo.

Meine Oma stand mir bei, nachdem ich Fencheltee geschmatzt hatte, und steckte mich in ihr mit einer kupfernen Wärmflasche angewärmtes Bett. Ich muß mich sehr wohlgefühlt haben. Das Bett meiner Großmutter war später oft eine Art Sanatorium für mich, es half mir meine Wehwehchen zu heilen. Meine Mutter versorgte mich mit Kuhmilch aus dem Stall der Familie Menzel in Naumburg-Grochlitz. Ich muß noch sagen, daß ich im Hause meiner Großeltern in Naumburg in der Fischstraße - Ecke Mühlgasse - das Licht der Welt erblickt habe. Wir, das heißt meine Eltern, wohnten in der Kleinen Neugasse 13 in Naumburg an der Saale. Dieses Haus gehörte den Webers Erben. Das Klo befand sich auf dem Hof. Ich kann mich gut daran erinnern. Fräulein Weber kam eines Tages aus dem "Örtchen" und ich zog ihr das Hemd aus der Hose und fragte sie: "bist du ein Hosentrompeter?"

Die Backstube

Für mich Dreikäsehoch hatte das Haus etwas Unheimliches an sich. Früher befand sich darin eine Zuckerbäckerei. Der Vater von Fräulein Weber ist in seinem Backtrog gestorben. Deshalb ging ich mit gemischten Gefühlen an der Backstube vorbei, und immer mit dem Gedanken, der Zuckerbäcker könnte gleich vor mir stehen.

Durch die Stadt

In der Gasse ging es lustig zu. Da befand sich eine Gaststätte namens "Palmgarten" mit einer Lagerbier-Niederlassung. Auf einem großen Karussell wurden Flaschen gefüllt und mit Papier beklebt. Automatisch wurden die Flaschen gespült. Für mich war es unfassbar. Die Gasse war eine Verbindungsstraße von der Neustrasse zur Stadtkirche, der Wenzelskirche. Übrigens befand sich in der Neustrasse die Münze, Naumburg hatte auch ein Münzrecht. Zu den Großeltern mußte ich in Richtung Kirche gehen. In unserer Gasse auf der rechten Seite war die Zeitungsdruckerei der Firma Sieling, das Naumburger Tageblatt wurde dort gedruckt. Die linke Straßenseite war mit ungewöhnlich hohen Häusern begrenzt, man nannte sie die Priesterhäuser. Marschierte ich pfeifend durch die Neugasse, kam oft ein aufmunternder Zuruf aus der Druckerei. Dann kam der mächtige Bau der Wenzelskirche. Oft habe ich an ihr emporgeschaut. Ich habe sie verehrt, ihr konnte keiner was, sie trotzte allen. (Ein feste Burg ist unser Gott). Der Weg zu den Großeltern führte über den Marktplatz in die Mühlgasse, vorbei an Kaffee Furcht, (auch Kaffee Angst genannt), es folgte die Löwen-Apotheke, das mächtige Rathaus, und zwischen dem Seifensieder Schotte und dem Buchmacher Breden war der Weg nicht mehr weit bis zu meiner Großmutter, Mühlgasse 12. Auf dem Schild neben der Haustür stand: Hermann Friedrich, Schuhmachermeister. Das Haus war ein Fachwerkhaus, früher soll darin eine Mühle gewesen sein. Deshalb waren die Räume unten sehr hoch, etwa 3,20 Meter. Im Obergeschoß fehlten die Zentimeter, dort befand sich die Höhe bei 1,98 Meter. Bis zu meinem 9. Lebensjahr war dort meine Zufluchtstätte.

Große Politik

Naumburg war eine kaisertreue Stadt, und natürlich wurde der Geburtstag des Herrn mit Pauken und Trompeten gefeiert. Schwarz- weiß- rote Fahnen schmückten die Häuser und den Markt, in den Fenstern waren Hindenburglichter aufgestellt. Für mich war es als 4 jähriges Kind ein herrlicher Anblick. Die Republik kam zu kurz. Ich besaß eine schwarz-weiß-rote Fahne, die der SPD. Der Marktplatz war abgesperrt um Störungen und Zusammenstöße zu vermeiden. Mit meiner Fahne lief ich über den abgesperrten Platz zu meiner Großmutter. Dafür entlohnte mich ein Fräulein von Wehlhausen aus dem Süßwarenladen im Rathaus mit einer Tüte Bonbon. Kein Wunder, dass die Großeltern stolz waren, als ich mit meiner Fahne ankam. In ihrem Wohnzimmer hingen Bilder von Moltke und Roon. Einer war der große Heerführer, der andere war der große Schweiger. Während dieser Zeit marschierte mein Vater im Stahlhelm mit. Wir Jungens kriegten uns wegen der verschiedenen Fahnen in die Haare und es wurde gestichelt: "schwarz-weiß-rot: der kleine Mann ist tot", und: "schwarz-rot--Mostrich".
Die Situation wurde für uns Kinder immer schlimmer. Wo der Vater fehlte oder wo er arbeitslos war, wurden in den Schulen für diese Kinder Quäkerspeise ausgegeben. Wir türmten wenn die Kommunisten oder das Reichsbanner mit den Martinshörnern anmarschierten. Sofort traf die Bereitschaftspolizei aus Weißenfels ein.

Spiele

Noch wohnten wir in der Neugasse. Zu Ostern bekam ich einen Ball, der war aber beizeiten verschwunden, und beim Abendbrot beichtete ich meinem Vater den Verlust. Seine Antwort lautete nur: "Pass auf dein Zeug auf !" Fußball wurde nun an der Wenzelskirche mit einem Tennisball gespielt. Dieser Platz wer eingerahmt von der Stadtsparkasse, der Druckerei Sieling, Eckards-Weinstube und der Silberschmiede Reißmann. Hier tobten wir uns aus. Hätte uns ein Polizist erwischt, uns wäre es zu Hause schlimm ergangen. Der Platz an der Kirche war als Parkplatz ausgewiesen. Große Gefahr bestand darin der Ball könnte eine Fensterscheibe zertrümmern. Mein Vater war zwar Glaser, eine Scheibe hätte aber eine Menge Geld gekostet. Zum Glück hat uns nie ein Polizist erwischt. Bei diese Spielerei waren die Schuhe die Leidtragenden, ihnen war kein langes Leben vergönnt. Im Sommer trug man Turnschuhe oder lief barfuß.

In die Schule

Bauer02Karl Bauer in der Klasse 8a der Salztorschule mit Lehrer Sander, 1925

Im April 1926 wurde ich eingeschult. Ich besuchte die Knabenschule "Salztorschule" in der Schulstraße. Im Seitenflügel war die Mittelschule untergebracht, sie zog später ins Seminar um. Das leergewordene Gebäude nutzte man als Mädchenschule. Am 1. Schultag gab es die heute noch bekannten Zuckertüte. Uns wurde glaubhaft gemacht, sie seien auf dem Baum des Schulhofes gewachsen.
Lust mich belehren zu lassen hatte ich nicht. Mit der Ausdauer meiner Mutter hatte ich aber nicht gerechnet: die Buchstaben auf der Tafel mußten ihr gefallen, sonst griff sie eiligst zum Schwamm. Manchmal haben auch meine Tränen das Geschriebene gelöscht. Die Mutter sprach immer von einem Nürnberger Trichter, mit einem solchen gelange man zur Weisheit, doch ich habe nie einen zu Gesicht bekommen. In meinem ersten Diktat über das tapfere Schneiderlein schrieb ich "Scheinderlein". Das Ergebnis waren nun längere Sitzungen mit meiner Mutter. Vor dem Schulgang wurden deshalb schwere Wörter abgefragt.
Die Fußböden der Schule wurden geölt, und das konnte man riechen. Bewundert habe ich die mächtigen hohen eisernen Kohleöfen in den Klassenräumen. Unser Lehrer Sander war ein Doppelspind mit Stehkragen, Vorhemd und Manschetten. Er hat uns 4 Jahre unterrichtet. Oft schrie er uns mit den Worten an: "Ihr Ölgötzen, denkt doch mal!" Daraufhin wurden wir immer kleiner und sprachloser. Die Pausenglocke erlöste uns von dem Übel. Die Schulglocke rief uns morgens zum Schulbeginn.
Meine Oma war eine exzellente Näherin. Sie nähte Oberhemden für Geschäftsleute in Naumburg, Glas-Richter, Aßmann, Delikatessen-Eckert, auch für einen Großbauern in Prießnitz. Nach Prießnitz trug die Mutter mit uns zwei Jungen die Näharbeiten nach dem Bauern. Dort kamen wir an einer Schule vorbei über deren Tor stand: "Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir." Der Kommentar unserer Mutter: "Merkt Euch das!" Ohne sie wäre ich nicht so weit gekommen und ich muß mich bei ihr bedanken.

Im Trommlerkorps

Bauer04Himbeersaft für das Trommlerkorps im Hof der Familie Bauer

Jede Schule in Naumburg hatte ein Trommlerkorps. Sie führten zum Umzug des Kirschfestes die jeweilige Schule an: Volksschulen, Mittelschule, Realgymnasium und Domschule. Mit 7 Jahren bekam ich von meinen Eltern eine Querpfeife und durfte mit dabei sein. Viel lieber wäre mir eine Trommel gewesen. Mein Vater erklärte mir, sie sei schwer zu tragen. Zweimal in der Woche wurde geübt, im Winter im Werkraum der Georgen-Schule, im Sommer in der Lehmgrube. Von dort zogen wir mit klingendem Spiel bis zur "grauen Laube" (Gefängnis). Im Werkraum trommelten die Trommler auf die Werkbänke, und die Pfeifer dudelten ihre Liedchen. Am besten war der Tambourmajor dran, er ging vor dem Haufen her, und später durfte ich das Amt übernehmen. Die Eltern des Tambourmajors mußten zum Kirschfest für alle Jungen des Korps einen Schmaus ausgeben. Der kostete meinem Vater einen Wochenlohn, 56 Bratwürste, belegte Brötchen und Himbeersaft.

Operation

1928 war ich mit der Mutter zu Besuch bei einer Tante in Landsberg bei Halle an der Saale. Sie war Schneiderin und hatte ein Dienstmädchen für ihre Hausarbeit. Von dieser wurden die Teppiche auf den Hof getragen, dort auf einer Stange geklopft und abgebürstet. Ich sprang anschließend zum Leidwesen des Mädchens auf einem Teppich umher. Meine Strafe dafür kam sofort. Ich hatte eine Nähnadel im Fuß, das Nadelöhr mit Faden wurde gefunden. Ab mit Muttern zum Doktor Käsemodel. "Schön brav mein Junge", meinte er. Den Fuß mußte ich auf einen Schemel legen. Mit einer Spritze wollte er meinen Fußballen betäuben. Ein kräftiger Tritt von mir beendete die Prozedur. Der Doktor lehnte die Behandlung ab und schickte uns ins Knappschaftskrankenhaus. Dorthin fuhr mich die Mutter im Handwagen. Während der Röntgenaufnahme saß ich wie eine Buddhafigur zwischen Kabeln und Schläuchen. Anschließend brachte mich ein Pfleger in den Operationssaal. Dort bekam ich eine Narkose verpasst. Die dort entfernte abgebrochene Nadel hat man meiner Mutter überreicht. Nach meinem Erwachen ging die Fahrt im Handwagen wieder zurück zur Tante. Zwei Tage danach spielte ich schon wieder Fußball. Doktor Käsemodel hat mir nach einigen Tagen die Fäden gezogen.

Umzug

1929 zogen wir zum Neuengüter 20. Das Haus gehörte dem Glasermeister Meitz, bei ihm war mein Vater beschäftigt. Wir bewohnten eine Küche, Wohn- und Schlafzimmer, wir Jungen hatten ein eigene Zimmer. Der Garten hinter dem Haus wurde von meinem Vater bearbeitet. Ich gewann neue Freunde: Garagen Frieda, Schröder Öse, Seidler Sit und Tom Nix Fan Schomburg. Die Straße Neuengüter war schöner und größer. Der Dom schaute uns bei unserem Unsinn zu. Harry Piel war ein Unikum. Erblickten wir ihn, wurde gerufen: "Harry Piel sitzt am Nil und frißt ein großes Krokodil." Er versuchte uns zu erwischen, das ist ihm aber nie gelungen. Gegenüber von unserem Wohnhaus befand sich ein altes Spritzenhaus. Daneben war eine Mauer, sie gehörte zu Tennigers Garten. Im Dachgeschoß wohnte Bimmel Kalle. Frau Welzel hatte am Neuengüter einen sogenannten Tante-Emma-Laden. Ihre besten Kunden waren Landstreicher. Bei ihr bekamen sie für 10 Pfennig einen Kümmel-Schnaps. In der Straße war das Haus "Herberge zur Heimat". Es diente den Landstreichern und Tippelbrüdern als Schlafstelle. Darin untergebracht war auch das Volksbad mit Brause- und Wannenbädern. Die Brause konnte man für 10 Pfennig 15 Minuten benutzen.

Großvater

Beim Großvater habe ich oft vor seiner Steppmaschine gesessen. Die Schuhsohlen hat er gewässert und anschließend auf einem Stein geklopft. Erzählte er mir seine Erlebnisse in Amerika, wurden seine Augen feucht. Einige Jahre hat er dort gearbeitet und kehrte mit viel Geld zu seiner Frau nach Deutschland zurück. Beim Anblick des Hamburger Michel habe er bitterlich geweint. Vom erarbeitetem Geld hat er das Haus in der Mühlgasse 12 gekauft.

Weihnachten

Weihnachten 1924 bekam ich ein Schaukelpferd. Es war größer als ich und hatte ein echtes Fell und Lederzaumzeug. Schaukeln durfte ich nur im Beisein meines Vaters. Später erfuhr ich, er habe eine ganze Woche dafür gearbeitet. In den Nachkriegsjähren ist es leider verschollen.
Weihnachten war und ist für alle Kinder etwas Besonderes. Heiligabend gingen wir Brüder nach dem Bad mit der Mutter zur Kirche. Nach dem Abendbrot mußten wir ins Bett. Geschlafen haben wir nicht richtig, denn unbekannte Geräusche fesselten unsere Aufmerksamkeit. "Klar ist das eine Dampfmaschine", meinte mein Bruder. Morgens 6 Uhr holte uns die Mutter aus den Betten. Im Eiltempo haben wir uns gewaschen und angezogen und warteten auf den Ruf des Vaters: "Ihr könnt kommen!" Für die Eltern waren unsere strahlenden Augen ein Geschenk, so drückte es später mein Vater aus. Zum Kaffee wurde der selbstgebackene Stollen angeschnitten. In der Ofenröhre brutzelte eine Gans, rohe Klöße gab es dazu. Dieses Fest hatte seinen festen Ablauf bis ich 18 Jahre war.

Schulentscheidung

Zurück zu meiner Schulzeit. Ostern 1930 gingen meine Grundschuljahre dem Ende entgegen. Zeit war es, sich für eine weiterführende Schule anzumelden. Ich hatte gute Noten. Daher erschien mein Lehrer Sander bei uns mit dem Vorschlag, mich auf eine weiterführende Schule zu schicken. Es mußte noch Schulgeld bezahlt werden. Aufgrund meines guten Zeugnisses sollte ich eine Freistelle bekommen, doch für die teuren Schulbücher mußten meine Eltern aufkommen. So stellte mein Vater an mich die Frage: "Was willst Du?" Meine Antwort lautete: "Ich nehme Euch nicht das Brot vom Tisch". Mir war bewußt, daß die Eltern gerade ihr Auskommen hatten und sie waren erleichtert, daß ich weiter die Volksschule besuchte. Ich habe diese Entscheidung sehr bedauert . Viele Jungs hatten die Schule verlassen, ich bekam neue Schulkameraden. Neue Lehrer übernahmen den Unterricht und die Schulstunden vermehrten sich. Schon lange Zeit übte meine Mutter keine Kontrolle mehr bei den Hausaufgaben aus.

Abenteuer

Bauer05Karl Bauer mit seinem Bruder (auf dem Schaukelpferd)

Nebenbei stellten sich auch andere Interessen ein. Mit viel Mut und Fracksaußen erkundeten wir Burschen die Kanalisation vom Donnerborn aus bis zur Stadtmitte. Angst hatten wir vor Ratten und anderem Getier. Im Sperlingsholz wurden Höhlen erforscht. An der alten Saale wuchsen unsere Zigarren (Rohrbomben) Im Kino sahen wir den Film "Tom Mix", und als Musikuntermalung spielte jemand Klavier.
Ein Streich fällt mir ein, den ich erwähnen muß. Mitten über unsere Straße haben wir einmal in Kopfhöhe einen Zwirnfaden gespannt. Ein Mann mit Hut schritt die Straße entlang und erschrak, seine Kopfbedeckung fiel zu Boden. Wir suchten eiligst das Weite um nicht erwischt zu werden. Abends wurde zum Abschluß oft eine Rohrbombe geraucht.

Arbeit

Schon mit 13 Jahren habe ich in der Glaserei Meitz gearbeitet. Schulschluß war um 13.30 Uhr. Nach dem Mittagessen lief ich in die Werkstatt , sie befand sich in der Michaelisstraße, nicht weit von unserer Wohnung entfernt. Bis 19 Uhr war ich dort beschäftigt, und mein Verdienst für eine Woche betrug 1,50 Reichsmark. Die Hausaufgaben erledigte ich vor Schulbeginn im Klassenraum und etliche Mitschüler haben von mir abgeschrieben. Sie wussten dass bei mir alles richtig war.
Die Eltern bekamen 1933 ein Radio der Marke "Saba". 235,- Reichsmark mußten sie in monatlichen Raten von 18,- Mark abzahlen. Mutter sass abends bei mir am Bett und jammerte wegen dem Geld. Ich versprach ihr meinen Verdienst von monatlich 6 Mark abzugeben.

Lehrzeit

Konfirmiert wurde ich Ostern 1934 in der Moritzkirche. Meine Lehre als Rahmenglaser begann am 1.4.1934 bei der Firma Meitz in Naumburg, MichaelisStraße und dauerte 4 Jahre. Damals betrug in den meisten Berufen die Ausbildungszeit so lange. Viel lieber hätte ich den Beruf des Glasmalers erlernt, und die Firma Isemann hätte mich auch eingestellt. Jedoch hatte ich Bedenken, nicht so gut zeichnen zu können. Das hat sich später als großer Irrtum erwiesen. Die Arbeit im Betrieb machte mir Spaß, jedoch weniger wenn ich im Sommer um 16.30 Uhr mit dem zweirädrigen Karren noch in die Weinberge fahren mußte und sah die Leute in der Saale baden. Mein Feierabend rückte in weite Ferne, ich mußte abends noch die Werkstatt fegen. Für mich durfte ich Stiefelknechte, Fußbank und Nähkästchen anfertigen und alle Maschinen benutzen. Dafür mußte ich dem Meister eine Kalkulation abliefern. Auf dem Bau gehörte auch Spaß dazu. Beim Einsetzen der Fenster im "Eisernen Wenzel" habe ich Frau Schubei geriebene Glaswolle in den Rücken geblasen. Sie war so kniepig und kroch überall rum. Ihre Reaktion am nächsten Tag war für uns zufriedenstellend, sie ließ sich nicht mehr sehen.
1936 war ich Kreis- und Gausieger der Fachgruppe Bau. Kasernen und Lagerhallen wurden gebaut. Mein Arbeitstag begann morgens 6 Uhr und endete um 20 Uhr. Der Wochenlohn betrug 3 Reichsmark, und nach einem Streik bekam ich 5 Reichsmark.

In der HJ

Im Alter von 15 Jahren trat ich in die Hitlerjugend ein und wurde zum Streifendienst eingeteilt. Dieser hatte die Aufgabe, Jugendliche ab 22 Uhr nach Hause zu schicken, sie hatten in den Straßen nichts mehr zu suchen. Reichsberufswettkämpfe fanden statt. Eine praktische, theoretische und sportliche Prüfung mußte abgelegt werden. Diese bestand ich und wurde Kreissieger. Die HJ-Zugehörigkeit war für mich mit dem 16. Lebensjahr beendet.
Der Sohn meines Arbeitgebers war bei der SS. Für 50 Pfennig habe ich ihm seine Stiefel geputzt, umsonst tat ich es nicht. Er war hochintelligent und wollte Mathelehrer werden. Als Schule besuchte er das Gymnasium und hat zwei Klassen übersprungen. Zu Weihnachten schenkte er mir das gewünschte Buch von Felix Dahn: "Ein Kampf um Rom."
Einmal in der Woche mußte ich 6 Stunden in die Berufsschule. Der Lehrer war in Ordnung, doch so manches Mal habe ich mit ihm gestritten. Nach Abschluss dieser Schule bekam ich den Stadtpreis der Stadt Naumburg, er wurde nur zweimal verliehen. Ich war 17 Jahre.

Turteltäubchen

Im WMF-Geschäft in der Herrenstraße wurden von uns neue Schaufensterscheiben eingesetzt. Gegenüber arbeiteten Mädchen im Laden Hörich. In eine hatte ich mich verguckt. Sie war klein, hatte leichte Schwingachsen und eine recht markante Nase. Ich brachte sie nach Hause in die Siedlung. Meine Großmutter hatte uns beide gesehen und fragte mich: "Was willst Du mit so einem Tordeltäubchen?" Meine Eltern hatten es erfahren und waren sauer. Sie meinten: hat man ein Mädchen, denkt man nicht mehr an die Arbeit. Bis zu meinem 18. Lebensjahr hab ich mich mit ihr getroffen. Meine Mutter verfolgte mich, nur sah ich sie immer beizeiten und konnte die Fliege machen.
Weihnachten 1937 fuhr ich nach Berlin zu Tante Else und Onkel Paul. Ihr Sohn war mit 10 Jahren an Diphtherie erkrankt und gestorben. Der Onkel zeigte mir Berlin, Tempelhof, Münze, Fischerviertel, Zillestuben. Viele jüdische Besitzer waren emigriert und ihre Geschäfte geschlossen. Abends ging er mit mir aus, wir tranken und rauchten. Er hatte nicht so eine gute Meinung von den Nazis wie mein Vater und er prophezeite einen Krieg, "dann Gnade uns Gott", sagte er zu mir. Wieder zu Hause angekommen, durfte ich 3 Zigaretten am Tag rauchen. Auch ich fürchtete, es könnte Krieg geben und sprach darüber mit der Mutter. Sie meinte, ich sei der ungläubige Thomas.

Tanzstunde

Als 17 Jähriger ging ich zur Tanzstunde. Meine Partnerin war die Tochter des Kriminalkommissars. Für den Abschlussball habe ich mir einen Nadelstreifenanzug vom Schneider Rühlmann anfertigen lassen für 75 Mark. Die Gebühr für die Tanzstunde betrug 20 Reichsmark. Gelohnt hat sich die Investition nicht, ich kann heute noch nicht richtig tanzen.

Arbeitsdienst

Im März 1938 habe ich nach 4 jähriger Lehrzeit meine Gesellenprüfung abgelegt. Danach dampfte der Junge am 4.4.1938 ab zum Arbeitsdienst nach Lübbenau im Spreewald. Das Lager war an drei Seiten von sogenannten "Fließen" umgeben. In Baracken waren wir untergebracht. Jede Stube war mit 12 Mann und einer Aufsicht belegt. Vor dem Frühstück mußten wir zum Frühsport antreten, anschließend fuhren wir mit dem Fahrrad zur Baustelle. Anfangs gab es keinen Ausgang, später konnten wir ihn nicht nutzen, wegen Mangels an Moos. Während des Urlaubes konnte ich bei Meitz arbeiten und etwas Geld verdienen, davon konnte ich schon mal ins Kaffee Venedig gehen. Üben mußten wir für den Nürnberger Parteitag, und im Herbst war für uns Ernteeinsatz. Auf überschwemmten Kartoffelfeldern haben wir mit den Händen die Kartoffeln geerntet. Die Arbeitsdienstentlassung erfolgte am 30.10.1938.

Vom Gesellen zum Soldaten

Nun war ich wieder zu Hause, aber nicht lange. Als Geselle verdiente ich 50 Pfennig die Stunde, mal 48 Wochenstunden ergaben das 24 Mark. Abzüge weg, verblieben mir noch 20 Reichsmark. Davon mußte ich 10 Mark Kostgeld abgeben. Mein Vater machte mir den Vorschlag, zu den Soldaten zu gehen: Essen, Trinken, Wäsche und Kleidung hätte ich frei, in zwei Jahren könnte ich Unteroffizier sein und hätte mehr Geld als er. Das war kein schlechter Vorschlag, ich wäre frei und keiner könnte mir hinterher rennen. Den Vorschlag nahm ich an und wurde in der Elfer-Kaserne in Leipzig untersucht und zum 1.12.1938 angenommen. In dem Freiwilligenschein befand sich ein Vermerk: sollte in 2 Jahren der Dienstgrad eines Unteroffiziers erreicht werden, muss man 12 Jahre bei der Wehrmacht dienen. Na, das hat mir gestunken! Ich beabsichtigte, die 2 Jahre ohne Rang eines Unteroffiziers hinter mich zu bringen und wollte dann, weil ich ja Gausieger beim Reichsberufswettkampf war, die Bauschule in Weimar besuchen.

Brotkrumen