Newsflash

Aufgrund der aktuellen Entwicklungen bleiben alle unsere Häuser – zu unserem größten Bedauern – bis auf Weiteres geschlossen.

Eberhard Kaufmann

Unser Haus

Unser Haus, in der Kösener Straße, in dem wir wohnten, wurde nachts 2 Uhr besetzt. Wir hatten alle Türen unverschlossen gelassen, als ein Mannschaftswa gen auf den Hof rollte. Auf dem Tisch brannte eine Kerze, Strom gab es nicht mehr. Vorsichtig kam der erste Soldat in die Wohnung, öffnete die Zimmertür nur einen Spalt breit und in der Tür erschien der Lauf einer Maschinenpistole. Dann kam er ganz herein, schaute sich im Zimmer um und ging wortlos. Im Haus wurde Geschrei laut. Die Bewohner der anderen Wohnungen wurden auf den Hof getrieben und mussten sich an die Wand stellen. Gegen Morgen, nachdem das Haus durchsucht war, wurden sämtliche Bewohner zu uns in die Wohnung getrieben und die übrigen Wohnungen von den Soldaten und ihren "Damen" bezogen, die sich im Anhang befanden. Diese waren es dann auch, die sich in den Wohnungen kräftig bedienten und so alles mitgehen ließen, was sie gebrauchen konnten. Nach etwa drei bis vier Tagen zogen die Truppen weiter, und wir hatten das große Glück, dass jeder wieder in seine Wohnung konnte. In der Stadt herrschte große Wohnungsnot.

Durch den siegreichen Vormarsch der russischen Armee waren schon im Januar 1945 insgesamt 957 Flüchtlinge in die Stadt gekommen. Im Februar stieg diese Zahl auf 5025, und im März kamen noch einmal weitere 4108 Flüchtlinge dazu. In der Stadt herrschte seit dem 12. April, 19 Uhr, der Ausnahmezustand. Eine Bekanntmachung wurde an den Häusern angeklebt. Zivilpersonen durften in der Zeit zwischen 19 und 7 Uhr die Wohnungen nicht verlassen. Keiner durfte ohne Erlaubnis aus der Stadt heraus. In der Öffentlichkeit durften sich nicht mehr als fünf Personen versammeln. Der Gebrauch von Fotoapparaten und Feldstechern war verboten. Der Einmarsch der Amerikaner legte einen Teil des Gesundheitswesens völlig lahm, da Jede Verbindung mit dem Kreis Eckartsberga abgeschnitten war und Personal aus dem Kreis nicht herein konnte. In einem Bericht des städtischen Gesundheitsamtes wird von einer katastrophalen Notlage berichtet. Schon Anfang des Jahres 1945 begannen die Schwierigkeiten. Die Evakuierung von Siechen- und Altersheimen aus dem Osten und die nicht angekündigte Verschiebung nach Naumburg nötigte die Stadt zur überstürzten Einrichtung des Hilfskrankenhauses. Nach der schon . erwähnten Bekanntmachung vom 12. April lesen wir unter Punkt 12: "Unzensierte Zeitungen, sonstige Veröffentlichungen und Plakate jeglicher Art dürfen weder gedruckt, verteilt noch angeschlagen werden."

Am 2 5. April erscheint dann jedoch das Verkündungsblatt Nummer 1 des Oberbürgermeisters der Stadt Naumburg. Es beginnt mit der Proklamation Nummer 1 an das deutsche Volk: "Ich, General Dwight D. Eisenhower, Oberster Befehlshaber der Alliierten Streitkräfte, gebe hiermit folgendes bekannt: I. Die alliierten Streitkräfte, die unter meinem Oberbefehl stehen, haben jetzt deutschen Boden betreten. Wir kommen nach Deutschland als ein siegreiches Heer; jedoch nicht als Unterdrücker."

Brotkrumen