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Neidel, Gabriele, Naumburg

Meine Kindheit und Jugend in Naumburg

Nachdem ich vier Grundschuljahre in der Marienschule absolviert hatte, kam ich auf das damalige Luisen-Oberlyzeum – jetzt Lepsius-Gymnasium. Dort lehrte in den ersten Jahren der Heimatschriftsteller Oberlehrer Friedrich Hoppe. Er kannte in den meisten Fällen auch die Familiengeschichten seiner Schutzbefohlenen und wusste manchen Schwank zu erzählen, aber er konnte auch seine Schüler recht gut einkategorisieren. In lebhafter Erinnerung ist mir auch noch Dr. Johannpeter, leider hatte er keine so hohe Meinung vom Intellekt seiner Schüler, sein Slogan war "Kinderchen, ihr müßt immer scharf nachdenken - das Gegenteil davon ist dann meist richtig!" In Mathe hatten wir mit Herrn Dr. Kämmerer einen hochgradigen Wissenschaftler, das schlug sich dann auch sehr deutlich in den von ihm erteilten Noten nieder. Zu den Pädagogen, die sich um uns bemühten, gehörten auch Fräulein Bielitz, Dr. Hanna Nabakowski, Dr. Sauerbrey und Dr. Günther. Als ich in der Untertertia nach einem längeren Aufenthalt in einer Kinderheilstätte zurückkehrte, begannen für mich die ersten Schwierigkeiten, denn ich sprach das Englisch wie Französisch aus und die Klasse brach in homerisches Gelächter aus.

Zum Kirschfest gab es für alle Schulen Blumenkränze verschiedenster Couleur. Wir trugen blaue Kornblumenkränze, weil Kornblumen die erkorenen Blumen der Königin Luise waren. Meine Mutter wusste dazu das passende Gedicht: "Unvergesslich bleibt Luise, Preußens Stolz und Lichterstern, einst trug sie die blaue Blume als den schönsten Schmuck so gern. Darum hat der Sohn der edle, sie als Liebling sich erwählt, weil die Liebe zu der Mutter wunderbar sein Herz beseelt." So gab es für jede Schule eine Besonderheit, die Mittelschülerinnen trugen grüne Asparagus-Kränze, die Privatschüler der Marie-Encke Schule weiße Nelkenkränze und die übrigen Schulen hatten die freie Wahl, die Gärtner hatten demzufolge Hochsaison.

Ich hatte das Glück wenigstens noch die Tanzstunde besuchen zu können, die Tanzlehrerin Elsa-Antonie Hölzer kam aus Weißenfels und legte besonderen Wert auf gute Umgangsformen. Anfangs fühlte ich mich sehr unglücklich, denn meine Mutter hatte für mich ein feuerrotes sehr auffälliges Kasackkleid gewählt und da ich sehr blass und hoch aufgeschossen war, fühlte ich mich anfangs recht unglücklich. Sie nannten mich deshalb die Flamme. Das war die Tanzstunde mit den Realschülern. Richtig froh und glücklich wurde ich erst in der Tanzstunde in Schulpforta. Wenn wir dort auch nur Ersatz waren, war das meine schönste Zeit, denn ich verliebte mich das erste Mal. Durch den totalen Krieg verloren wir uns leider aus den Augen. Und der heutigen Jugend möchte ich doch vor Augen führen, dass für uns eine lange Strecke der Entbehrungen einsetzte. Ich hatte die Aufnahmeprüfung für die Handelshochschule gemacht, mußte aber zunächst in den Reichsarbeitsdienst und danach war Kriegshilfsdienst angesagt bis zum bitteren Ende. Es fanden keine Tanzveranstaltungen mehr statt, wir verbrachten viele Nächte im Luftschutzkeller und als dann alles zu Ende ging, war’s zunächst nichts mit dem Studium und der große Hunger begann. Während dieser Zeit wurde ich auch zur Flakwaffe einberufen nach Rendsburg und dort hatte ich Glück. Ein Arzt, Dr. Lindenschmidt, den Namen habe ich mir eingeprägt, hatte Mitleid. Ich hatte tagelang geheult und wurde als untauglich zurückgeschickt. Von ca. 300 Mädchen waren es ca. 16, die nicht genommen wurden, einige trotz Attesten von namhaften Professoren. Erst sehr viel später kam ich dazu auf einer Fachhochschule, später auf der Universität Leipzig meine Ausbildung - zwar nicht im ursprünglich vorgesehenen Fach, sondern im Literaturbereich - zu absolvieren. Ein großes Glück war das Naumburg weitgehendst von Flugangriffen verschont blieb. Trotz allem denke ich gern an diese meine Kinder- und Jugendzeit zurück. So verlebte ich viele schöne Stunden auf unserem Berggrundstück in der Weichau. Mein bester Freund war unser Schäferhund Prinz. Er war mein Freund und Helfer, wenn mir das Essen nicht behagte. Sein Tod war für mich das erste einschneidende Erlebnis, wir mußten ihn im Garten des Felsenkeller-Wirtes begraben. Er hatte auf dem Weg dorthin Gift gefressen, das Jäger damals noch auf den Feldern auslegten.

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