Newsflash

Aufgrund der aktuellen Entwicklungen bleiben alle unsere Häuser – zu unserem größten Bedauern – bis auf Weiteres geschlossen.

Klaus Becker

Erinnerungen an das Kriegsende 1945 und an die Nachkriegszeit in Naumburg

Mit drei Jahren etwa hat der Mensch seine ersten bleibenden Eindrücke. Diese ersten Erinnerungen, aus dem tiefsten Langzeitgedächtnis hervorgeholt, beziehen sich bei mir ausnahmslos auf die letzten Tage des 2. Weltkrieges und die Nachkriegszeit. Aus dieser Zeit blieben mir bis heute folgende Bilder im Gedächtnis, die immer wieder einmal auftauchen und die ich hiermit interpretieren möchte:

Im Luftschutzkeller

In einem ziemlich finsteren Raume liegen auf einer großen Tischplatte einige dick in Decken eingewickelte Säuglinge, die meine besondere Aufmerksamkeit erwecken. Wie mir später einmal meine Mutter erzählte, spielt diese "Szene" im Luftschutzkeller in der Georgenschule. Wir wohnten damals in der Dompredigergasse und bei Luftalarm ging es im Laufschritt mit ein paar Habseligkeiten durch unseren Hinterausgang in den "Schlüfter" neben der ehemaligen Fleischerei Hartung und über die Straße (Georgenmauer) in die Georgenschule.

Der schrille Ton der Sirenen und das anschließende laute Gebrumm der Bomberverbände waren eine Geräuschkulisse, die noch viele Jahre in mir nachwirkte. Zum Glück ließen die Bomber aber bis auf die bekannten Angriffe auf das Stadtzentrum und auf das Heereszeugamt unser Städtchen ungeschoren.

Amerikanische Panzer

Ich stehe mit meiner Mutter am Jakobsring, etwa in der Kurve am ehemaligen "Stadt Naumburg". Mit Donnergetöse ziehen große Eisenkolosse an uns vorüber und aus den Luken dieser Ungetüme gucken dunkelhäutige Männer heraus. Hierbei handelte es sich, wie man leicht erraten kann, um den Einmarsch der Amerikaner am 12. April 1945 in Naumburg. Meine Mutter wollte mit mir die Einnahme Naumburgs im Schrebergarten einer Tante erwarten. Dieser Garten lag am Ende der Kleingartensparte "Erholung" und seine hintere Begrenzung bildete ein Steilhang, in dem sich ein kleiner verschließbarer Stollen befand, der normalerweise als Geräteschuppen genutzt wurde. In diesem Stollen wollten meine Tante und meine Mutter mit uns Kindern in Erwartung der kommenden Dinge ausharren. Irgendwie wurde es aber meiner Mutter in diesem "Bunker" zu langweilig und ungemütlich. Sie schnappte mich und das Handgepäck und wanderte mit mir in Richtung Innenstadt, mit dem Ergebnis, dass wir mit den amerikanischen Panzern direkt konfrontiert worden sind. Offensichtlich wurden von den amerikanischen Soldaten die am Straßenrand stehende Frau mit dem schwarzen Köfferchen und der Dreikäsehoch mit dem Netz voller Spielsachen (dieses Netz soll übrigens auch mein ständiger Begleiter in den Luftschutzkeller gewesen sein) nicht als potente Feinde betrachtet und wir konnten ungeschoren nach Hause gehen.

Heimkehrer

Ich werde mitten in der Nacht geweckt, aber dieses Mal handelt es sich nicht um einen bevorstehenden Gang in den Luftschutzkeller, sondern es wurde mir ein bis dahin völlig unbekannter Mann vorgestellt. Es war September 1945 und dieser Mann in der schäbigen Uniform war mein Vater, der aus russischer Gefangenschaft kam. Er hatte mir einen Apfel mitgebracht, den eine mitleidige Frau im Zug nach Naumburg dem abgehärmten Heimkehrer zugesteckt hatte. Übrigens entstand durch diesen Apfel in unserer Familie bereits 1945 das Klischee vom armen Osten und vom reichen Westen; denn fast gleichzeitig traf auch mein Onkel aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft in Italien wieder zu Hause ein. Der Onkel kam im Gegensatz zu meinem Vater schwerbepackt mit mehreren Säcken an. Darin befanden sich für die damalige Zeit so wertvolle nützliche Sachen wie Lebensmittel und sogar Schokolade.

"Kohlenklau"

Ich befinde mich im Kreise einer großen Kinderschar, in einer Erdgeschosswohnung in der Windmühlenstraße und wir werden wahrscheinlich von meiner ältesten Cousine beaufsichtigt. (Das Haus ist unterdessen abgerissen und eine hohe Mauer trennt jetzt das Grundstück von der Straße.) Nach einer langen Zeit erscheinen unsere Eltern, alle mit einem großen Rucksack voller Briketts auf dem Rücken. Nur einer trägt traurig einem leeren Sack, er war vom Wachpersonal am stehendem Kohlezug auf den Gleisen des Naumburger Güterbahnhofes erwischt worden und musste seinem vollen Rucksack ausschütten. Der Ärmste brauchte für Spott nicht zu sorgen.

Buntkarierte Naumburger

Dieses Bild begleitete mich fast bis zur Einschulung im Jahre 1948 und viele Naumburger werden sich bestimmt ebenfalls daran erinnern. Es gab in dieser Zeit einen absoluten "Modehit", den man sehr oft in Naumburgs Straßen bewundern konnte. Hemden, Blusen und sogar Kleider der Passanten bestanden aus einem Stoff, blaubunt-kariert auf weißem Leinen, der verdächtig an Armeebettwäsche erinnerte. Man sollte nichts Schlimmes annehmen, aber diese Bettwäsche stammte bestimmt einmal aus den Beständen des Naumburger Heereszeugamtes.

 

Brotkrumen