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Bis zum 17. Februar 1921 mußten Muck Lamberty und die „Neue Schar” die Leuchtenburg verlassen. Auf einer erneuten Wanderung durch Thüringen kam vehement zusammenschrumpfende Gruppe zunächst bei Freunden unter. Schließlich fand Lamberty durch die Vermittlung von Eugen Diederichs mit einem Teil seiner Anhänger bei der Witwe des Schriftstellers Emil Gött in Naumburg eine vorläufige Bleibe (21. Juni 1921):

„Unsere Werkschar verzog von Kahla nach Naumburg. Wir haben nur noch 10-15 Leute. Wir wohnten im Untergeschoß und in den Bodenkammern des Hauses der Frau Wigger Gött, Neidschützerstr. Geld hatten wir keins und wir haben die Sache unter äußersten größten Schwierigkeiten durchgeführt, weil wir selbst erst die nötigen Erfahrungen sammeln mußten. In der ersten Zeit lebten wir zusammen, kochten gemeinsam und vertrugen uns recht und schlecht...”

Schon während der Zeit auf der Leuchtenburg hatte sich die „Neue Schar” von der Spielschar, die vielen Gruppen als Vorbild diente, zur „Handwerkergemeinschaft mit gemeinsamem Wirtschaftsbetrieb” entwickelt. Nun ging man daran, dieses Modell in Naumburg wieder aufleben zu lassen. Eine Handwerkergemeinschaft auf genossenschaftlicher Basis sollte entstehen, die gemeinsames Arbeiten, Wohnen und gemeinsames Erleben umfassen sollte.

Die Naumburger Bürger und die Behörden beargwöhnten die „Neue Schar” zunächst, denn natürlich hatten sich die Vorgänge auf der Leuchtenburg auch bis hierher herumgesprochen. Ständige Anfragen bei der Polizei – die aber keinen Grund zur Beanstandung fand – zeugen von diesem Misstrauen. So schrieb Muck nach wiederholter Vorladung zur Polizei in einem Brief vom 25.8.21 an den Oberbürgermeister Dietrich:

„Ich habe kein Vertrauen zur Polizei und bitte Sie, als den Meister der Bürger um Ihre Unterstützung – falls mir Unrecht geschieht. Vielleicht ist es möglich, daß ich Ihnen vortragen darf, wie ich schaffe und welche Menschen mich besuchen.”

Es würde es begrüßen, so Lamberty weiter, wenn Leute vom Magistrat sich ein eigenes Bild vom Leben und Arbeiten der Angeschwärzten machten, damit sie sähen, „daß unser junges Beginnen gut ist”.

Obwohl die „Werkschar” und ihr Anspruch in merkwürdigem Gegensatz zum überwiegend konservativen Naumburger Milieu stand, gelang es Lamberty doch, sich im Laufe der Jahre zu etablieren und einen festen Platz im Leben der Stadt einzunehmen - wohl auch, weil sich selbst im Bürgertum der Kleinstadt vereinzelte Anhänger der Lebensreformbewegung fanden. 

Allein wenn es ihn hin und wieder zurück zur Leuchtenburg zog, bekam er zu spüren, daß man ihm die Vergangenheit nach wie vor anlastete: dort wurde ihm der Zutritt von der Stadt Kahla auf Dauer verwehrt.

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