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Die „gelebte Volksgemeinschaft” fand jedoch ein jähes Ende, als Lamberty von einer seiner Anhängerinnen bei der Staatsregierung in Altenburg angeschwärzt wurde, er führe eine „Haremswirtschaft”. Eine schleunigst anberaumte Untersuchung ergab, dass eine verheiratete Frau bereits ein Kind von Lamberty hatte, dass ein Mädchen der Schar ein Kind erwartete und dass der Scharführer auch zu weiteren Anhängerinnen sexuelle Beziehungen unterhielt. Unversehens brach ein Sturm der Entrüstung los. Obwohl die Tanzfeste der Jungen Schar unverkennbar erotische Züge trugen – wie überhaupt der Körper- und Natürlichkeitskult, dem man huldigte, ohne erotische Komponenten doch kaum vorstellbar ist – gab sich die Öffentlichkeit erschüttert von der Nachricht der Vorkommnisse auf der Leuchtenburg. Der Verleger Eugen Diederichs als prominentester Förderer setzte sich für die „Neue Schar” ein und warb dafür, die Gruppe nicht für das Verhalten ihres Anführers zu bestrafen, doch ohne Erfolg: Muck Lamberty mußte mitsamt der Schar die Leuchtenburg verlassen.

Die Presse griff das Thema begierig auf, Lamberty galt nun als Ebenbild des falschen Propheten, des Wolfs im Schafspelz. Die offiziellen Vertreter der Jugendbewegung, denen das unkontrollierte Treiben der selbsternannten Propheten ohnehin längst lästig geworden war, distanzierten sich jetzt eindeutig und endgültig von Lamberty. Unter der bisherigen Anhängerschaft aber entbrannte ein heftiger Streit über die „Frauenfrage” und die Rolle der Sexualität. Viele begannen zu ahnen, dass Mucks Frauenkult, seine unklaren Äußerungen über die Befreiung der Frau aus „Elend” und „Ehe-Heuchelei” in Verbindung mit seinem unbedingten und uneingeschränkten Zeugungswillen zuallererst eine Selbstbefreiung von der Last der Verantwortung war: die Anzeichen sexueller Ausbeutung waren kaum zu übersehen. Einzig Gertrud Prellwitz versuchte in ihrer Schrift „Mein Bekenntnis zu Muck Lamberty” (1921) Lambertys Verteidigung in dieser Sache zu übernehmen – ohne viel Erfolg allerdings.:

„Dieses ist der esoterische Teil von Muck-Lambertys Sendung Ich gebe so wieder, wie er mirs erzählte, in seiner unintellektuellen, erlebnisstarken Art. Und ich gebe es vorläufig ganz ohne eigenes Dazutun. Und ohne Beurteilung, nur sein Bild herausarbeitend.

‘Ich sah, daß es einen Kapitalismus gibt, der ist noch viel, viel schlimmer als der des Geldes. Das Besitzrecht über eine Menschenseele, das lebenslängliche Besitzrecht der Ehe. Und ich sah, die meisten wesenhaften Menschen verkümmern in ihrer Ehe. Die Männer kommen nicht zu ihrem Kampf. Die Frauen leben in Entwürdigung. Schließlich sind es immer die tausend Dinge, die die Gewalt haben über die Menschen. Die Menschen halten zusammen, sie sagen: um des Kindes willen; aber das Kind kommt dabei immer zu kurz. Es ist doch immer die Herrschaft der Dinge, und der Mensch wird vergessen. Es muß jetzt der Mensch zum Durchbruch kommen. Es muß jetzt eine Zeit kommen, in der die Herrschaft der Dinge über das Leben der Menschen aufhört, und das Besitzrecht des einen über die Person des andern. Es muß jetzt eine Zeit kommen, in der die Menschen mit ganzer geheiligter Hingabe das Kind wollen und dem Kinde leben. Es muß jetzt ein Heldentum der Frauen kommen. Das Heldentum der Männer hat eine Hochflut gehabt und ist abgeebbt. Jetzt muß ein Heldentum der Frauen kommen. Jedes reine Mädchen muß das Recht und die Pflichtfühlen, ein Kind zu empfangen von einem reinen, gesunden Manne, an den sie dann kein Besitzrecht beansprucht. Natürlich nicht von irgendeinem. Das Leben wird ja von Gott geführt. Es muß ein Ineinanderklingen sein, in Gottes Kraft. Das Liebeserlebnis muß immer Gotteserlebnis sein, damit das Kind in Heiligkeit gezeugt wird.

Es müssen kleine Volksgemeinden entstehen, solche, in denen die Menschen sich gegenseitig helfen, und alle miteinander ganz einfach leben, und in Schönheit! Handwerker müssen sie sein, die den Meistergedanken wieder zu Ehren bringen, - ich selbst würde dann auch Handwerker. Aus Echtheit müssen sie leben. Gar nicht viel brauchen, keine üppige Ernährung und nicht die tausend Dinge. Sie müssen wie eine schatzende Heimat um die jungen Mütter sein und sie müssen die Kinder versorgen. Sie müssen wie liebende Familien um die Kinder sein. Das Volkswesen ist heut wie ein verwesender Körper; hier müssen feste Gesundungspunkte sein, von denen aus allmählich alles gesundet.

Wo Zwei für ihr Leben zusammengehören, sollen sie doch zusammen leben, mit Standesamt oder ohne Standesamt, das ist gleich. Aber ihr Besitzrecht sollen sie aufgeben. Ein lebenslängliches Besitzrecht über die Person des andern ist noch viel verruchter als der Kapitalismus des Geldes. - Was ich meine, hat nichts zu tun mit der freien Liebe der alten Welt, die um der Lust willen da ist. Liebe, bei der das Kind nur als Folge aufgefaßt wird, willkommen oder unwillkommen, ist nicht die heilige Liebe. Da hilft auch kein Standesamt und kein Priestersegen. Das Besitzrecht hilft schon gar nichts. Geheiligt ist die Liebe durch den Willen zum Kinde. (.. .)

Hier scheiden sich die alte Welt und die neue: Die alte Welt hat keinen Mut mehr zum Kinde, weil sie von den tausend Dingen nicht lassen will. Sie weiß von Abtreibungen, weil Kinder zu teuer sind. Die neue Welt will enthaltsam leben und den Willen sammeln zum Kinde. Alles muß zum Willen werden, sich hinaufzupflanzen, höhere Menschen zu zeugen, den König zu zeugen. Nicht jammern müssen die Deutschen, sondern schaffen, zeugen, austragen, gebären, schützen, hegen, großziehen. Die jungen Volksgemeinden müssen nichts besseres wissen als das. In gegenseitigem Helfen, das von der Herrschaft des Geldes befreit. So muß der Mensch zum Durchbruch kommen.’” (Gertrud Prellwitz)

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