Newsflash

Aufgrund der aktuellen Entwicklungen bleiben alle unsere Häuser – zu unserem größten Bedauern – bis auf Weiteres geschlossen.

Maßgebend für den Erfolg der „Spielschar” ist die gute Vorbereitung der Auftritte. Bevor die Schar in eine Stadt einzieht, wird ein „Vorreiter” dorthin geschickt, der Flugblätter drucken und verteilen lässt und bei Honoratioren um Verständnis wirbt. Auf den Flugblättern wird für „gesunde, herzhafte Fröhlichkeit” geworben und für „echtes Volksleben”. Wenn sich die „Neue Schar” dann auf dem Marktplatz eines Ortes versammelt, ist ihr zumindest schon die Neugier der versammelten Zuschauer sicher.

„Zu den angekündigten Tänzen kommen nun die Neugierigen, die Kritischen und zumeist die jungen Begeisterten. Mit geübten Wandervögeln, Freideutschen, Neudeutschen und wie sie alle heißen, beginnen die Tänze. Das sichere Auftreten der Schar zieht immer mehr Menschen in den Kreis. Die umstehenden jungen Leute werden mit ‘Du’ angeredet. Man lacht, man macht mit, man findet es ganz vergnüglich. Die einen nehmen es als Spaß, die anderen nehmen es ernst. Am zweiten, am dritten Tag ist die ganze Stadt von einem Taumel erfasst. Die Kreise sind gewachsen. Bei uns in Erfurt war der Riesenplatz vor dem Dom der Versammlungsort. Er war belebt von tanzenden, schwingenden Kreisen. Tausende sammeln sich, um zu sehen. Die Sachverständigen kommen, die Kritiker, die Spitzen der Behörden, vor allem die Lehrer aller Schulen – nein, vor allem die Kinder.” (Adam Ritzhaupt)

Kein Ort, den die „Neue Schar” besucht, kann sich dem Tanztaumel entziehen. Ähnlich wie sich die Großstädte in der unmittelbaren Nachkriegszeit der Tanzwut hingegeben hatten, ist es nun die thüringische Provinz, die in Rausch und Ekstase Erlösung sucht – allerdings immer im Gewand des Sittsamen, des Volkstümlichen und des religiös Verbrämten. Deutschtümelei und barocker Marienkult gehen eine seltsame Melange ein mit Lebensreform und protestantischer Erweckungshoffnung. Einige Pfarrer – etwa in Weimar und Erfurt – gehen sogar soweit, ihre Kirchen für die obligatorischen Abschlussfeiern zu öffnen, eine Art Gottesdienst, deren Höhepunkt Lambertys Rede über die „Revolution der Seele” bildet.

Waren es anfänglich nur Dörfer und Kleinstädte, in denen die Schar gastierte, so konzentriert man sich später ganz auf Städte, darunter Jena, Weimar, Erfurt. Entsprechend wächst die Zahl der Teilnehmer an den Kundgebungen. Selbst die großen Kirchen sind dem Ansturm nicht gewachsen, auf dem Erfurter Domplatz sollen es 15–20.000 Personen sein, die sich von Muck Lamberty und seiner kindlichen Gefolgschaft in den Bann schlagen lassen.

Verlässt die Schar eine Stadt wieder, wird sie zumeist von Jugendlichen bis weit vor die Tore begleitet und es finden sich überall Gruppen und Zirkel ein, die das einmal Erlebte weitertragen und ihr Leben künftig danach ausrichten wollen.

„An der Wegbiegung unter mir bleibt der Führer der Schar stehen. Er hat, jetzt sehe ich es deutlicher, langes, zurückgekämmtes Haar, trägt einen weiten, braunen Mantel um die Schulter und ist ebenfalls barfuß in Sandalen. Alle drängen nach seinen Händen, so als wollten sie ihm zum Abschied einen Dank abstatten. Er scheint noch etwas sagen zu wollen, ich sehe, wie er der Masse ein Wort zuruft.

Und plötzlich – macht es die Geste des Mannes, der Eindruck der bewegten Masse, die Anzahl der Kinder um ihn – plötzlich habe ich visionshaft das Bild des Nazareners vor mir, den das Volk nach Jerusalem begleitet und dem es Hosianna singt. Ist er wiedergekommen in Gestalt eines neuen Propheten? Ist die Zeit erschienen, in der Zeichen und Wunder geschehen sollen?" (Lisa Tetzner)

Alle Zeitungsberichte vom Auftreten der Schar wurden von Muck und seinen Leuten an etwa fünfzig wohlgesonnene Personen im ganzen Reich verschickt, was den Ruhm der „Neuen Schar” in ganz Deutschland verbreitete.

Brotkrumen