Beschreibung

Vermisst: Eine Deckeltasse, ein Inventarbuch

Eines der interessanteren Stücke der Museumssammlung wird nun schon seit etlichen Jahren vermisst. Es handelt sich dabei um eine Deckeltasse nebst Untertasse aus Meißener Porzellan, die mit einem Porträt Friedrichs II. in Sepia bemalt ist und zuletzt wohl im Dezember 1992 gesehen wurde.

Damals erschien im Naumburger Tageblatt ein Artikel unter dem Titel "König Friedrich grüßt von Prachtstücken aus Meißner Porzellan", der die Tasse im Rahmen einer längeren Beitragsserie über das Naumburger Museum vorstellte. Die Tasse, ein recht seltenes Stück aus der Zeit um 1800, war bis dahin auch Kennern des Naumburger Museumsbestandes unbekannt, da der Großteil der Sammlung, soweit er die Kriegsjahre überlebt hatte, bereits seit den 1960er Jahren dem Vergessen anheim gestellt worden war. Was nicht in der Dauerausstellung gezeigt wurde, war zum größten Teil irgendwie verpackt und weggeräumt. Die seit 1958 durchgeführte Karteikarten-Katalogisierung erfasste bis 1990 ganze 3000, zumeist sehr kursorisch beschriebene Stücke, die auch nur zum kleineren Teil fotografisch dokumentiert wurden. Die komplette Neu-Inventarisierung des Bestandes im Laufe der 1990er Jahre zeigte, dass auch eine ganze Reihe durchaus wertvoller Objekte dieser eher notdürftigen Erfassung zu DDR-Zeiten entgangen waren, wozu ganz offensichtlich auch die Deckeltasse gehört haben muss, um die es hier geht.

Dem Museumsmitarbeiter, der das Museum von 1972 bis 1990 geleitet hatte, war die Tasse – und der Großteil des verpackten Bestandes – leider unbekannt, so dass dieses Kleinod 1991/92 bei der Durchforstung der Bestände durch dessen Nachfolger eine echte Entdeckung war. Aus heutiger Sicht würde man vielleicht erwarten, dass ein solches Stück, wenn es denn im Magazin "gefunden" würde, sofort zu inventarisieren wäre. Doch damals, in jenen unruhigen Jahren unmittelbar nach der "Wende", war man wohl zu sehr damit beschäftigt, das reichlich sprudelnde Geld in große Ankäufe zu investieren, als dass man Zeit gefunden hätte, Neuerworbenes und Wiederentdecktes dokumentarisch zu erfassen. Eine Inventarisierung unterblieb also und die Tasse entschwand alsbald, so dass lediglich der zitierte Artikel  im Naumburger Tageblatt noch an das schöne Erinnerungsstück erinnert. Und da auch jener Artikel niemandem wirklich im Gedächtnis geblieben ist, wäre die Tasse fast gänzlich in Vergessenheit geraten, wäre sie nicht bei einer beiläufigen Durchsicht der Zeitungen im Stadtarchiv ins Auge gefallen. Nachforschungen Ende der 1990er Jahre in Form von Befragungen aller damals Beteiligten führten erwartungsgemäß zu keinen verwertbaren Ergebnissen.

Was den Tageblatt-Artikel für den späteren Betrachter so brisant macht, ist nicht allein die Tatsache, dass er den einzigen Beweis liefert, dass es die Tasse nach dem Krieg noch gegeben hat und dass diese sich Ende 1992 noch im Besitz des Naumburger Museums befand. Für das Museum noch viel gravierender als der Verlust des Sammlerstücks ist der Umstand, dass auch das im Artikel zitierte "Inventarverzeichnis aus dem Jahr 1932" nach dem Dezember 1992 nicht mehr nachgewiesen werden kann. Auch dieses Inventarbuch kannte übrigens der ehemalige, 1990 abgelöste Museumsleiter nach seinem eigenen Bekunden nicht, denn alle "alten Bücher" waren seit Jahrzehnten in Schachteln, Kisten und Körbe verpackt und unzugänglich ausgelagert gewesen. Dieses Inventarbuch hatte (und hätte) aber für das Museum einen unschätzbaren Wert, weil es (vermutlich) retrospektiv den gesamten Bestand seit der Gründung des Museums bis – vermutlich – in die 1950er Jahre hinein dokumentierte, weil es von Personen angelegt worden war, die den Bestand maßgeblich aufgebaut hatten und weil es Informationen zur Herkunft und Funktion der Objekte enthielt, die nicht rekonstruierbar sind.  Mit diesem Inventarbuch verlor das Museum (und das Gemeinwesen) einen wichtigen Teil des Gedächtnisses, was man durchaus als Katastrophe betrachten kann. Wir wissen heute von vielen Dingen unserer Sammlung nicht, woher sie kommen, warum und von wem sie ins Museum gegeben wurden und welchem Zweck sie einmal dienten. Und wir wissen auch nicht, was sich eigentlich einmal in der Sammlung befand und dann – so wie die Deckeltasse – auf mysteriöse Weise verschwunden ist.

Für alle Hinweise auf den Verbleib von Tasse und Inventarbuch wären wir außerordentlich dankbar.


tageblatt

 

 

Bilder

Stammdaten

Signatur
[Verlust]
Bezeichnung
Deckeltasse, Meißen
Material
Porzellan
Datierung
1800, um (Marcolini-Marke) | 1992 (Verlust)
Zugang
Geschenk 1898, Stadtrat Dr. Wagner
Ereignis
Dargestellt ist Friedrich II von Preußen
Maße
?