Beschreibung

"Kriegstagebuch" einer Schülerin

Liniertes Schulheft mit schwarzem Umschlag, 56 Seiten, davon 32 beschrieben oder beklebt. Inliegend zwei beidseitig bedruckte Jahreskalenderblätter im A-5-Format (die zeittypisch nicht nur traditionelle Feiertage anzeigen sondern auch die NS-Feiertage), eine Teilnehmerkarte für die "Weltfestspiele der Jugend und Studenten für den Frieden" in Ostberlin 1951 und eine Fahrkarte für einen Sonderzug von Naumburg dorthin. Auf dem Umschlag mit blassem Buntstift "KT", auf der ersten Seite "Kriegstagebuch 1945 / 8.4.45-10.5.46 Ilse Janda."

Das Heft enthält die knappen Aufzeichnungen eines 1928 geborenen Mädchens, das zum Zeitpunkt der Aufzeichnungen also 16 (Kalender) bzw. 17 (Heft) Jahre alt war. Auf den beiden Kalendern hat Ilse Janda die Bombenalarme des Jahres 1944 eingetragen, auf dem einen die Dauer der Angriffe, auf dem anderen die angegriffenen Orte im ganzen Reichgsgebiet. Zeichen informieren zusätzlich, ob die Angriffe tags oder nachts stattgefunden haben, ob es sich um "Terrorangriffe" gehandelt hat und ob man in Naumburg während des Alarms "im Keller" war.

Die Eintragungen im Schreibheft beginnen am 8. April 1945, also kurz vor dem Einmarsch der amerikanischen Truppen in Naumburg. Es ist nicht ganz klar, ob die Aufzeichnungen tatsächlich ab diesem Zeitpunkt Tag für Tag erfolgten oder von einem späteren Zeitpunkt aus retrospektiv, einiges spricht aber für die erste Variante, zumal die Schreiberin wohl nicht den Titel "Kriegstagebuch" gewählt hätte, wäre ihr das unmittelbar bevorstehende Ende des Krieges von Beginn an bewusst gewesen. Dessen ungeachtet kann man dem Text deutlich entnehmen, wie bald man in der Umbruchszeit die Seiten wechselte - hier steht die Autorin prototypisch für ihre Generation. Aus dem anfänglichen "wir" (die Deutschen als Ziel von "Terrorangriffen", als Opfer) wird bald ein "sie" (die Nazis als Täter), wenn es darum geht, die Folgen der unmittelbaren Vergangenheit zu verantworten. Rasch passt die Autorin ihr Weltbild den neuen Gegebenheiten an, gerade auch nachdem die Sowjets die Amerikaner als Besatzungsmacht abgelöst hatten, bis sie schließlich am 28. Juni notiert: "Habe mich zur Antifa gemeldet.!!"

So knapp und beiläufig der Text gehalten ist, so eindrucksvoll ist er als Zeitdokument, gibt er doch die Perspektive einer Jugendlichen wieder, deren Leben über entscheidende Jahre vom Kriegszustand ("Deutschlands Krieg dauerte 5 Jahre 8 Monate 6 Tage") geprägt war und deren Hoffnung auf einen glücklichen Neubeginn unter anderen Vorzeichen nachvollziehbar erscheint.

Den kompletten transskribierten Text der Handschrift finden Sie hier...

Stammdaten

Signatur
SAN B-15/06
Bezeichnung
Kriegstagebuch
Material
Papier
Datierung
1945/46
Zugang
Altbestand
Ereignis
Hergestellt (verfasst) von Ilse Janda
Maße
H: 14,8 B: 21 cm