DDR

4. November 1989

Erste Montagsdemonstration in Naumburg

Bilder von Günter Heineck:

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Bilder von Rüdiger Bier:

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Anna Menzel*, Naumburg (1989/90)

[*Der Name wurde auf Wunsch der Autorin von der Redaktion geändert]

Wende-Erinnerungen

"Leute, wie du, schlafen im Westen unter der Brücke"! So äußerte sich ein alter, verbitterter Genosse der SED Kreisleitung mir gegenüber im Juli 1989. Er fläzte dabei förmlich auf seinem Stuhl und hat mir diese Worte mit so einer Verachtung zugeworfen, dass ich gar nicht reagieren konnte.

Irgendwie musste die SED Kreisleitung von dem VEB Gebäudewirtschaft eine Liste mit sogenannten Mietschuldnern erhalten haben. Wir hatten vor Jahren für den Vermieter die Fenster von außen gestrichen und Farbe und Arbeitszeit in Rechnung gestellt. Es waren ca. 120,- Mark der DDR.

Die Gebäudewirtschaft hat nicht gezahlt und nach Absprache mit einem Rechtsanwalt hatte ich diese Summe schriftlich angekündigt und in Raten von der Miete abgezogen. Ich wurde daraufhin von einem leitendem Mitarbeiter zu einem Gespräch bestellt, wo man mir drohte, unserer Familie die schöne Neubauwohnung zu kündigen. Ich habe darauf hin nur auf die Familie mit 3 Kindern verwiesen und nie wieder etwas von dieser Angelegenheit gehört.

Nach dem "Gespräch" mit dem alten Parteigenossen bin ich sehr aufgewühlt nach Hause gegangen. Ich habe darauf einen Brief geschrieben, in dem ich beschrieben habe, dass ich nach 20 Jahren Parteizugehörigkeit in mich gehört hätte und dabei festgestellt hätte, dass dies nicht die Partei ist, der ich weiter angehören möchte. Diesen Brief, dazu mein Parteibuch und die 120,- Ostmark habe ich am nächsten Tag der Parteisekretärin auf den Tisch gelegt.

Auf einmal wurde man rundherum munter. Mein Chef bat mich zu einem Gespräch, in dem er meine Arbeit lobte und dass man mit mir etliche Pläne hätte. Plötzlich tauchte ein junger sehr freundlicher Genösse der SED Kreisleitung auf. Man habe sich mal über unsere Familie kundig gemacht, hervorragende Arbeit würden wir leisten in unseren Betrieben, mein Mann dies sogar ohne, dass er Mitglied der Partei wäre. Unsere große Tochter hätte mit Auszeichnung die 10. Klasse bestanden und die zweite wäre auch sehr gut in der Schule, also beste Kinderstube. Ich solle doch bitte den Austritt aus der Partei zurücknehmen.
Ich habe dies nicht getan, wenn wir auch Momente hatten, in denen wir deswegen sehr viel Angst hatten. Wir konnten nicht abschätzen, ob es für uns irgendwelche Konsequenzen haben könnte. Es war in der Regel nicht üblich, so einfach aus der SED auszutreten. Das war schon eine Ungeheuerlichkeit, zumal in dieser doch schon recht aufgewühlten Zeit.

Ich habe im August sogar noch mal einen Brief an die SED Kreisleitung geschrieben, an den damaligen neuen Vorsitzenden. Eine Bekannte, die selber Mitglied der SED Kreisleitung war, sprach mich danach an. Der Brief wäre im Gremium verlesen worden. Sie bat mich, doch wieder das Mitgliedsbuch der Partei zurückzunehmen. Ich habe es nie wieder in die Hand genommen.

Wir haben damals gesehen, wie manche Familien abends ihre Autos, mitunter mit Anhänger gepackt haben und dann in Richtung Ungarn verschwunden waren. Aus unserem Haus haben wir sogar eine Familie im Fernsehen gesehen, die die DDR verlassen haben. Innerhalb von 3 Tagen musste damals die Oma die Wohnung der Familie leer räumen, ein ganzes Familienleben landete damals in den riesigen Müllcontainern. Das war erschütternd.

Wir wollten unser Zuhause niemals verlassen, wir hatten unsere Mütter noch in Naumburg, hatten eine schöne Wohnung, einen Garten und es ging uns verhältnismäßig gut. Mein Mann war Handwerker, ein guter Pfand zu DDR Zeiten.

Wir haben an sehr vielen Montagsdemonstrationen in Naumburg teilgenommen. Es war eine erhebende und zugleich befreiende Zeit. Ich war mit meiner Mutter einmal zu einer Kundgebung im Dom, da hätte man nicht umfallen können, so eng standen die Menschen. Über den dunklen Steinweg ging es mit Kerzen in der Hand nach Hause, viele haben die Kerzen am Rathaus und an dem Gebäude des MfS am Marienring angebracht.

Es war nach der Wende keine leichte Zeit, geprägt von Arbeitslosigkeit, befristeter Arbeit und ABM. Aus der Neubauwohnung wurde eine schuldenfreie Eigentumswohnung, keiner muss unter der Brücke schlafen! Nun sind wir Rentner, die Kinder sind alle den Weg zur Arbeit in die alten Länder gegangen. Das ist nicht immer einfach.

Eva Theile, Naumburg (um 1960)

Das Mädchen in der Badewanne

TheileMit zwei Mädchen habe ich im Hof der Jakobstraße 24 im Sommer gespielt, wir hatten die Sitzbadewanne zur Erfrischung und einen Sandkasten. Eines Tages waren meine Sandförmchen verschwunden, ich habe die “Täterin” gestellt und gekratzt, es dann aber vorgezogen ins Büro unserer Firma zu verschwinden. Jene hat sich bei meinem Onkel, der im Lager gearbeitet hat, beschwert. Als ich auf dem Weg zur Toilette war, stand mein Onkel in der Tür, hat mich über das Knie gelegt und richtig verkloppt, so sehr, dass der Besuch der Toilette erledigt war. Schluchzend und vor Tränen keines Wortes mehr mächtig, habe ich auf meinen Vater gewartet. Der hat mich getröstet und er hatte auch ein Trostpflaster für mich: an seiner Hand, geschützt vor meinem Onkel, hat er mir in der Stadt eine Tafel Schokolade gekauft.
Nie wieder habe ich meinem Leben solche Kloppe bekommen und vergessen werde ich das auch nie. Die "Täterin" war nie wieder meine Freundin!

Ute Triebsch, Naumburg

Die erste Monatskarte

Doerfel01

Ein besonderes Erinnerungsstück: die erste Monatskarte für die Naumburger Straßenbahn.

Christel Stoye, Naumburg

Ein Teddy-Bär

Stoye_200Der Name des kleinen Teddys ist Mischka-Plumps. Mitte der 60-er Jahre kam er in unsere Familie. Von mir und meinen Brüdern wurde er schnell, zwischen all den anderen Puppen und Teddys, zum Liebling auserkoren. Wir unternahmen sehr viel gemeinsam, mal war er mein Freund und Tröster, mal eine Marionette. In den vielen Jahren spielten wir sehr oft mit ihm, was natürlich nicht spurlos an ihm vorüber ging. Er bekam neue Hand- und Fußflächen, die Augen wurden durch Knöpfe ersetzt. Auch meine Tochter durfte mit ihm spielen. Mitte der 90-er Jahre bekam er noch richtige Glasaugen.

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