DDR

Elke ?

Karpfentauchen

[Folgenden Eintrag hat "google" auf der Suche nach dem Stichwort "Karpfentauchen" für uns - im cache - gefunden. Leider war der Originalbeitrag vom 2.Januar 2007 bereits gelöscht und die entsprechende Seite tot, so dass wir nicht wissen, woher der anonyme Beitrag genau kommt . Wir übernehmen die wenigen Zeilen hier dennoch, weil sie an einen etwas seltsamen (spezifisch Naumburger?) Sylvester-Brauch erinnert und gleichzeitig interkulturelle Verständigungsprobleme beleuchtet. Falls Elke dies hier liest, möge sie uns bitte verzeihen oder sich bei uns melden.]

Einmal habe ich Silvester im Wilden Osten gefeiert, das war in den 80ern zu meiner Zeit in der Sozialistischen Arbeiterjugend. Wir waren damals von SED und Jungen Pionieren in Naumburg eingeladen, an das Programm erinnere ich mich noch sehr genau, es tanzten fast-nackte Go-Go-Girls auf den Tischen, das war im Osten eine Spezialität, aber für uns linke Wessi-Frauen der blanke Horror. Wir haben uns auf unsere Zimmer zurückgezogen und mit einer Kiste Krimskoje das betrübliche Ereignis zu vergessen versucht.

Am nächsten Morgen waren die Ost-Genossen erstaunlich frisch. Wir durch die Bank weg mächtig verkatert. Man fuhr uns in ein Hallenbad zum Karpfentauchen - was immer das sein mochte, dachte ich damals.

Am Beckenrand stand die ostübliche Schalmeienkapelle und hat uns mit Arbeiterliedern den Marsch geblasen, jemand hatte sich als Neptun verkleidet und mit einer schaufelgroßen Suppenkelle Schaumwein in uns geschüttet, so dass wir bald noch sternhagelblauer als am Abend zuvor waren. Dann ging es unter Wasser, zwei Mannschaften mussten abwechselnd versuchen, den Karpfen einzufangen, der war glitschiger, als wir alle dachten. Das Tier hat sich wacker gehalten, jemand hat es dann unter den Kiemen zu fassen bekommen, es hat mir fast ein wenig Leid getan.

Der Rest des Tages wurde beschaulich mit Ausnüchtern und Fitmachen für die Heimreise begangen.

Trotzdem, der Osten ist nicht mein Ding. Ich habe mehrmals Silvester in Garmisch-Partenkirchen gefeiert, so richtig romantisch eingeschneit und dem Neujahrsspringen zugesehen, das hat mir mehr gefallen.

IM Günter, 1961/1962

Berichte

[Bericht für die Staatssicherheit, zitiert aus der Akte des IM Günter. Die Namen der Stasi-Opfer wurden bei der Akten-Einsicht durch das BStU geschwärzt, hier als "xxxx" wiedergegeben.]

Die letzten Tage vor der Befreiung.

Während der OKW-Bericht [Oberkommando der Wehrmacht] vom 31. März 1945 noch davon berichtet, daß die feindlichen Panzerspitzen nordwestlich Hersfeld-Fulda zurückgeworfen worden sind [und] daß der Feind seine Gegenangriffe am Main südlich Aschaffenburg eingestellt hat, wurden am 1. April, am Ostersamstag, in Naumburg alle Soldaten, die sich hier in Urlaub oder zur Genesung befanden, in die Kaserne in die Schönburgerstraße beordert. Ein mürrischer Stabsfeldwebel verteilte dann Waffen, Munition und anderes Kriegsgerät. Die Aufgabe war im Rahmen der "Heimatverteidigung", den Feind im Raum Schulpforte-Almrich "aufzuhalten". In der "Linde" in Almrich wurde der "Verteidigungsstab" einquartiert, während im "Adler" ein "Gefechtsstand" eingerichtet wurde. Die ersten Maßnahmen waren, die Anlegung von Panzersperren an der Schweinsbrücke und an mehreren Stellen der Landstraße, die [Ver]legung von Fernsprechleitungen vom "Gefechtsstand" zu den "Vorposten" bei Pforte und bei der Almricher Brücke. Abends ging es zurück in die Kaserne. So verging ein Tag nach den anderen. Am 7. April begann auch Naumburg die Frontnähe zu spüren, obwohl im OKW-Bericht noch berichtet wurde, daß sich die Besatzungen von Eisenach, Meiningen, Mühlhausen und Gotha trotz feindlicher Angriffe hielten. An diesem Tage erfolgte ein Bombenangriff auf den Hilfsflugplatz auf der Punschrauer Höhe und ein Angriff auf vermutliche Verteidigungsstellen bei Roßbach. Bei diesem Angriff wurde auch das in den Weinbergen bei Roßbach ausgelagerte Archiv des AKH getroffen. Waren schon in den Tagen zuvor Alarmnachrichten in die Stadt gedrungen, daß der Feind unmittelbar vor Naumburg stünde, so löste ein langanhaltendes Sirenensignal in einer Nacht große Bestürzung aus, da man an Gasalarm dachte. Am 9. April wurde Naumburg das Ziel eines Terrorangriffes. Neustraße, Marienstraße wurden zum Teil schwer getroffen. Die Verteidigungsstellen bei Almrich wurden besetzt, Volkssturm und HJ dabei eingesetzt. SS-Männer bereiteten die Sprengung der Brücken vor. Am 11 . April erfolgte ein weiterer Bombenangriff, der das Heereszeugamt, das Panzernebenamt und das Heeresverpflegungsamt zum größten Teil zerstörten. Am Nachmittag trafen in Naumburg Lazarettinsassen aus Bad Kösen ein, die berichteten, daß der Amerikaner bereits auf der Eckartsbergaer Höhe stände. Gegen 17 Uhr erfolgte dann Panzeralarm. Dieses Signal löste größte Bestürzung aus, da sich die meisten über den Sinn des Signals nicht einig waren. Von der Eckartsbergaer Höhe schoß der Amerikaner mehrmals in die Stadt hinein. In dieser Zeit wurde auch die Saalebrücke bei Almrich gesprengt, während die Kösener Saalebrücke durch das beherzte Eingreifen von Antifaschisten gerettet wurde. Der erste Ami-Panzer, der die Brücke passierte wurde in der Höhe von Schulpforte in Brand geschossen. Während sich die Verteidigung nur in Richtung Schulpforte aufbaute, hatte der Feind bereits die umliegenden Höhen besetzt und fuhr am 12. April über die Hennenbrücke, der einzigen erhaltenen Brücke, in Naumburg ein. Es wird allgemein gesagt, daß die Hennenbracke für die zurückflutenden Truppenteile vorgesehen war. Von Naumburg kommend wurden die Panzersperren in Richtung Almrich-Schulpforte ohne Kampf genommen. Die "Verteidigung" Naumburgs war zu Ende.

Der Beginn der antifaschistisch-demokratischen Ordnung in Naumburg

Mit dem Einzug der amerikanischen Truppen bildeten sich aus Mitgliedern der KPD, SPD und Parteilosen antifaschistische Komitees. Die Amerikaner dachten gar nicht daran, sich auf die fortschrittlichen Vertreter der Städte und Gemeinden zu stützen, sondern sie ließen die alten Verwaltungsbehörden zum größten Teil unangetastet. So wurde auch der bisherige Oberbürgermeister von Naumburg erst auf Drängen des sogenannten Fünferausschusses Ende April "zur Vernehmung durch die USA-Armee beurlaubt", wie man sich in einer Mitteilung an die Zivilbevölkerung ausdrückte. Der nun eingesetzte Oberbürgermeister xxxx war zwar niemals Mitglied der NSDAP gewesen, aber war auch kein Vertreter des werktätigen Volkes. Zum Polizeichef wurde ein gewisser xxxx ernannt, dessen Herkunft unbekannt war. Er richtete viel Schaden an und arbeitete gegen den Antifa-Ausschuß. xxxx verschwand dann mit den Amerikanern, nachdem er Mitte Mai endlich abgelöst wurde. Da jede politische Tätigkeit untersagt war, mußte der Antifa-Ausschuß seine politische Arbeit illegal durchführen. Der 8. Mai, der Tag der bedingungslosen Kapitulation, lockerte auch zahlreiche Beschränkungen für die Zivilbevölkerung. Die Arbeit des Antifa-Ausschusses konnte sich auf immer breitere Kreise der werktätigen Bevölkerung stützen. Sie führte eine Aufnahmebewegung für die Gewerkschaften durch und bereitete die Gründung einer Einheitsgewerkschaft vor. Den Genossen war bekannt geworden, daß ein Besatzungswechsel in nächster Zeit zu erwarten sei. Es wurde eine illegale Konferenz der KPD nach Almrich einberufen. 30 Genossen nahmen an ihr teil. Das Referat wurde von Gen. xxxx xxxx gehalten. In allen illegalen Zusammenkünften und Konferenzen wurde neben der Diskussion über die Lösung der dringenden Fragen des täglichen Lebens bereits Ideologische Auseinandersetzungen durchgeführt mit dem Ziel der Gründung nur einer Arbeiterpartei auch in Naumburg. Das Antifa-Komitee, oder auch Fünferausschuß genannt, setzte sich aus den Genossen xxxx xxxx (KPD), xxxx xxxx (KPD), xxxx xxxx(SPD) und xxxx xxxx (SAP) und dem Parteilosen xxxx xxxx zusammen. Dieser Fünferauschuß beauftragte die Genossen xxxx xxxx und xxxx xxxx mit der Aufgabe, sich um die Neubildung der Partei zu kümmern. Der Genosse xxxx xxxx nahm Verbindung mit fortschrittlichen Jugendlichen auf, um auch sie für die Parteijugend, d.h. einer neuen KJV [Kommunistischer Jugendverband] der Arbeiterklasse zu gewinnen. Als bekannt wurde, daß ein Wechsel der Besatzung vorgenommen wird, wurde der Beschluß gefaßt, 14 Tage nach dem Einrücken der Sowjetarmee die Gründung der KPD vorzunehmen. Am 14. Juli wurde dann die Gründungsversammlung unter dem Motto. "Eine geschlossene Front aller Werktätigen" im jetzigen Haus des Volkes durchgeführt. Der inzwischen zum Bürgermeister ernannte Genosse xxxx xxxx eröffnete die Versammlung mit einer Ehrung der Opfer des Faschismus. Genosse xxxx xxxx berichtete dann über die Tätigkeit des Antifa-Komitees in der Zeit der amerikanischen Besatzung. Zum Ende der Versammlung ergriff der frühere Vorsitzende der SPD, xxxx xxxx das Wort und sprach von der Notwendigkeit der engsten Zusammenarbeit zwischen den Mitgliedern der ehemaligen KPD und SPD. Es wurden 1 Ortsleitung und 6 Stadtteilleitungen der KPD gebildet. Sofort nach dem Einmarsch der Sowjetischen Truppen erließen die einzelnen Kommandanten der Sowjetarmee Befehle, die der Entwicklung eines demokratischen Lebens dienten. Eine der ersten Maßnahmen war die Demokratisierung der Stadtverwaltung. Auf Beschluß der Genossen beider Parteien wurde Genosse xxxx xxxx zum 2. Bürgermeister vorgeschlagen und von der Kommandantur eingesetzt. Da xxxx nicht der NSDAP angehört hatte, blieb er weiter Oberbürgermeister in Naumburg.

[Verhör von Doktor xxxx]

Dr. xxxx war erstaunt, daß ich überhaupt von seinem Ausscheiden aus der SA im Jahr 1934, nach der Affäre Röhm, wußte. Darauf kamen wir ins Gespräch, daß er in Form einer Rechtfertigung führte. Er wäre bereits in den Jahren vor 1933 mit sozialen Gedanken aufgrund seiner ärztlichen Tätigkeit in Berührung gekommen. Darüber hinaus wäre er national erzogen worden. Beides hätte ihn veranlaßt der Nazipartei beizutreten, ohne ihre politischen Ziele im einzelnen zu verstehen. Für ihn hätten die sozialen Gedanken im Vordergrund gestanden. Als im Sommer 1934 Röhm erschossen worden wäre, hätte er sich aus der SA abgemeldet, schon mit dem Gedanken auch aus der Nazipartei auszuscheiden. Das wäre aber nicht ohne weiteres möglich gewesen. Für seinen Austritt aus der SA hätte er dienstliche Überlastung angeführt und durch die Nachwirkungen der Röhm-Affäre wäre sein Austritt auch genehmigt worden. 1935 hätte er noch einmal seinen Austritt aus der Nazipartei beantragt, aber nach mehreren Gesprächen mit den zuständigen Hoheitsträgern der Nazipartei, die mit persönlichen Schikanen gedroht hätten, hätte er dann Abstand genommen. Auf meine Frage, wieso es komme, daß er trotz seiner negativen Haltung zur Nazipartei Ratsherr geblieben sei, erklärte er, daß nach 1935 diese Funktion nur noch auf dem Papier stand. Erst 1939 wäre er, da er völlig in dieser Funktion untätig gewesen wäre, ausgeschieden. Im Entnazifierungsverfahren wäre er für schuldig befunden worden, und seine Praxis sei ihm entzogen worden. Zur Rehabilitierung wäre er dann im Seuchendienst eingesetzt worden. Durch Vermittlung Dr. xxxx, der in Naumburg Kreisarzt wurde, hätte er dann als Betriebsarzt gearbeitet.

Weiteres Gespräch konnte nicht geführt werden. Dr. xxxx sprach sehr offen und kritisch zu seiner Nazizeit.

Das Grundstück Neuengüter 34 gehört zur Zeit der Wohnungswirtschaft. Näheres über seinen Eigentümer, Frl. xxxx, war nicht zu erfahren, da [eine] Einsicht in die Unterlagen von Wohnungen, die westdeutschen Republikflüchtigen oder ehemaligen Nazis gehören und nun unter Verwaltung der Wohnungswirtschaft stehen, nur mit besonderer Genehmigung möglich ist.

Über den Unfall xxxx wurde nirgens gesprochen. Da sich sein Gesundheitszustand im Laufe von wenigen Tagen wesentlich verbessert hatte, ist auch in gottesdienstlichen Handlungen, im Gebet, nichts besonderes erwähnt worden.

Bericht [zur Wahlvorbereitung] vom 16.8.1961

Zu den Vorbereitungen zur Wahl ist zu berichten, daß die Mitarbeiter beim Rat der Stadt, die als Instrukteure für die einzelnen Wohnbezirke der NF [Nationalen Front] eingesetzt sind, Klage darüber führen, daß die Verwaltungskräfte der Volkseigenen Betriebe, von HO und Konsum nur selten bereit sind, bei den Wahlvorbereitungen mitzuhelfen. Besonders für das Auslegen der Wählerlisten in den Abendstunden fände sich niemand. Die Meinung geht dahin, daß ja nicht nur die Mitarbeiter des Staatsapparates den Staat verkörpern, sondern daß jeder mithelfen würde. Daraus wäre auch zu erklären, daß nicht bei allen Veranstaltungen der NF der Instrukteur anwesend sei, da er meist noch andere gesellschaftliche Funktionen habe.

Dieser Einwand ist meiner Meinung nach zum größten Teil berechtigt. Die Vorbereitungen zur Volkswahl, die der Rat der Stadt durchzufahren hat, nimmt die Mitarbeiter auch neben ihrer Arbeitszeit in Anspruch, da ja die laufenden dienstlichen Angelegenheiten doch erledigt werden müssen. Wenn die Mitarbeiter nun noch wichtige Funktionen im Wohnbezirk der NF während der Wahlvorbereitungen übernehmen sollen, wird eine bestimmt vernachlässigt. Es ist vor allem bei dem Auslegen der Wählerlisten, für die Zeit der Einsichtnahme, zu erreichen, daß nicht die Instrukteure die vierzehn Tage dort sitzen, sonst, so sagte auch Koll xxxx, müßte ja das Rathaus geschlossen werden. Diese Aufgabe wird aber zur Zeit noch unterschätzt.

Bericht über das Gemälde "Kain erschlägt seinen Bruder Abel" vom 15.3.1962

Das Bild hing bis ungefähr 1950 im Schwurgerichtsgebäude. Als das Gebäude im Inneren umgebaut wurde, wurde das Bild herausgenommen. Das Abnehmen des Bildes geschah wahrscheinlich durch die damalige Baukolonne beim Rat der Stadt. Näheres müßte noch ermittelt werten. Da das Bild sehr groß war, ca. 4 1/2 x 6 m, konnte es nirgends aufgehängt werden. Es wurde deshalb zur Marienschule gebracht und in einem unbenutzten Eingang gerahmt hingestellt. Da es aber schräg stand, bestand die Gefahr, daß es sich verziehen und dabei vielleicht auch reißen konnte. Es wurde daher fachgemäß von dem verstorbenen Restaurator xxxx xxxx entrahmt und aufgerollt. Es wurde in die Dom-Aula, die ursprüngliche Marienkapelle, gebracht. Auch dieser Transport ist wahrscheinlich von der städtischen Baukolonne durchgeführt worden. Der Domstiftskämmerer Herr xxxx xxxx kann sich an Einzelheiten nicht mehr erinnern. Er weiß nur noch soviel, daß in Verbindung mit dem örtlichen Denkmalspfleger, dem verstorbenen Museumsleiter xxxx xxxx die Dom-Aula als vorübergehender Aufbewahrungsort gewählt wurde. Seit dieser Zeit, ungefähr 1951/52, lag dieses Gemälde ohne besondere Pflege in der Dom-Aula. Während dieser Zeit, so erklärt Herr xxxx xxxx, hat sich niemand um das Bild gekümmert.

Als 1961 die Restaurationsarbeiten im Dom begannen, mußte der Gottesdienst in der Marienkapelle abgehalten werden. Als diese Vorarbeiten begannen, fragte Herr xxxx eines Tages Herrn Wirth, ob er nicht wüßte, wo das Bild aufgehängt werden könne. In dieser Zeit ist darüber auch mit dem Landeskonservator, Herrn Dr. xxxx xxxx gesprochen worden. Als es drängte, sprach Herr xxxx noch einmal zufällig mit Herrn Wirth, ob vielleicht in der Wenzelskirche Platz dafür sei. Herr Wirth sprach gelegentlich davon in einer Sitzung des Gemeindekirchenrates. Um das Bild zu erhalten, beschloß der Gemeindekirchenrat, das Bild an der Turmseite aufzuhängen. Die Kirchengemeinde setzte sich daraufhin mit dem Landeskonservator -Institut für Denkmalspflege- in Verbindung, um Kostenfrage usw. zu klären. In den Schreiben wurde immer betont, daß die Kirche kein Eigentumsrecht an dem Bilde besitzt. Auch diese Verhandlungen zogen sich in die Länge. Eines morgens erklärte Herr xxxx, daß das Bild sofort aus der Dom-Aula müßte. Im Einvernehmen mit dem Sup. [Superintendenten] xxxx wurde das Bild durch Arbeiter der Domstiftsverwaltung in die Wenzelskirche gebracht. Als das Bild jedoch gerahmt war, sprach sich die Mehrheit des Gemeindekirchenrates gegen das Aufhängen des Bildes an einer gut sichtbaren Stelle aus. Da keine andere Lösung möglich war, sollte das Bild in dem Bildersaal, über dem Seitenschiff aufgehängt werden. Hier sprach nur der Umstand dafür, daß man ein Bild, das für die Stadt Naumburg von Bedeutung war, erhalten wollte. Am 14.2.62 wurde Herr Wirth zum stellv. Vorsitzenden Herrn xxxx bestellt. Herr xxxx wollte Näheres darüber wissen, wie und warum das Bild in die Wenzelskirche gekommen sei, da es ja Volkseigentum sei. Herr xxxx glaubte, daß Herr Wirth dienstlich in der Angelegenheit gehandelt hätte. Herr Wirth erklärte den Sachverhalt, wie oben geschildert, und betonte, daß er dienstlich niemals in dieser Sache in Anspruch genommen sei. Herr xxxx beauftragte Herrn Wirth, daß er sofort seine Kirchengemeinde unterrichten solle, daß das Bild wieder aus der Wenzelskirche herauskäme, und daß Herr Wirth sich sofort mit dem Institut für Denkmalspflege und dem Moritzburg-Museum in Halle in Verbindung setzen sollte, um einen endgültigen Aufbewahrungsort in einem staatlichen Museum zu ermitteln. Bei dem Gespräch mit Sup. xxxx und Herrn xxxx am gleichen Tage, erklärten beide, daß die Kirche nie ein Eigentumsrecht geltend gemacht hätte, sie hätten vielmehr stets erklärt, daß sie nicht Eigentümer seien. Die Kirche hätte durch das Bild bisher nur Ausgaben gehabt. Auch Einnahmen durch Besichtigung des Bildes seien nicht zu erwarten, da der Gemeindekirchenrat es abgelehnt habe, das Bild in die Besichtigungen aufzunehmen. Sup. xxxx erklärte abschließend, daß er den Sachverhalt und die Stellungnahme der Kirchengemeinde schriftlich an Herrn xxxx mitteilen wollte.

15. Januar 1990

Dritte Montagsdemonstration in Naumburg

Bilder von Günter Heineck:

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Gerburg Kamm-Centili

Verwandtenbesuche

Die Ferien in Naumburg bei den Verwandten waren nie langweilig. Das begann schon bei den Vorbereitungen. Die Reise musste langfristig geplant werden, die Aufenthaltsgenehmigung kam als eine Art Lottogewinn ins Haus. Dann hieß es Listen schreiben - wem was mitbringen? - einkaufen, packen, vieles war zu bedenken. Meine erste Rückkehr im Alter von sechs Jahren, allein, ohne Eltern, wurde für mich zu einer Art Gedächtnisprobe. Wie kommt man von der Oma im Flemminger Weg zur Tante in der Thälmann-Strasse? Erinnerst Du Dich? Bruchstückhaft, ich war hier ja mal zu Hause gewesen, aber zwei Jahre sind eine lange Zeit für ein Kind. Eine Nachbarin kam mich begrüßen und fragte, wo es denn schöner sei, hier oder drüben. Sie versuchte, mir bei der Antwort zu helfen: "Vergiss nie die Heimat, wo Deine Wiege stand, Du findest in der Ferne kein zweites Heimatland", oder so ähnlich deklamierte sie in lachendem Singsang abwechselnd in die Hände klatschend und mit dem Finger drohend.

Von Vergessen konnte keine Rede sein. Ich erinnerte mich an mein Geburtshaus in der Jenaer Straße mit dem halbrunden Balkon, auf dem ich an heißen Sommertagen in einer Zinkwanne Erfrischung gefunden oder mit Gleichaltrigen Kindergeburtstag gefeiert hatte; an die Straßenbahn, die rumpelnd und quietschend ihre Kreise um die Innenstadt zog. Ganz besonders aber erinnerte ich mich an das Herz der Stadt, den schönen, riesengroßen Marktplatz, der mich auch später unwiderstehlich anzog und der mit jedem Besuch nicht mehr ganz so enorm schien. Beim Kirschfest war ich noch zu klein gewesen, um zu sehen, was auf dem Platz vor sich gegangen war, aber man hatte mir Kirschpaare über die Ohren gehängt, es gab Musik und Bratwurst, vielleicht auch Eis. Ich erinnere mich nicht an klebrige Leckereien, mit denen Kindern das Leben versüßt wird, und dennoch sollte es für mich das schönste aller Volksfeste bleiben.

Ich fuhr immer wieder gern nach Naumburg, ließ mich von Großeltern und Onkels und Tanten verwöhnen und hatte in meinem Cousin einen tatkräftigen Gefährten bei meinen Unternehmungen. Mit neun Jahren bauten wir im Schrebergarten unseres Opas am Teufelsgraben Kleckerburgen, wie ich es zuvor im Urlaub an der Nordsee gelernt hatte. Man

lässt dazu den dickflüssigen Sand durch die zusammengelegten Hände rinnen und tröpfelt so wie Stalagmiten aussehende Burgen und Schutzmauern auf den Boden. Eine mühselige Technik, die aber zu wunderschönen, bizarren Ergebnissen führen konnte. Am Garteneingang befestigten wir ein Schild mit der Aufschrift: "Kleckerburgenausstellung! Eintritt 10 Pfennig." Eine freundliche alte Dame kam gerade den Weg von der oberhalb der Gärten gelegenen Kaserne herunter und machte bereitwillig unser Spiel mit. Sie zahlte Eintritt, bewunderte unser Machwerk und unseren Ideenreichtum. Wir waren begeistert. Zu Hause schlugen die Erwachsenen die Hände über dem Kopf zusammen: "Nichts als dummes Zeug im Kopf." so ähnlich lautete der Kommentar. Großeltern, Onkel und Tante sahen die Unternehmung unideologisch unter dem Gesichtspunkt "Leuten Geld abknöpfen, das macht man nicht", während die Kunde meinem Vater im Westen später ein "auch das noch!" entlockte, angesichts der Tatsache, dass ich mich so offensichtlich als echtes Kind der Unternehmergesellschaft bloßgestellt hatte.

Mein Cousin war ein guter Junge. Er steckte Russen manchmal ein Kaugummi zu, wenn sie auf dem Weg zur Kaserne leise darum baten, und einmal tauschte er bei einem jungen Russen in dem kleinen Park am Fleminger Weg unterhalb der Russenwohnungen eine Westzigarette gegen eine russische Machorkazigarette ein. Geschwisterlich rauchten wir diese zusammen am offenen Fenster in der Wohnung von Onkel und Tante. Die Wirkung war so stark wie die Zigarette selbst, zumal wir mit 14 sowieso keine Raucher waren. Beim Stadtbummel mit der Tante verschwand mein Cousin dann plötzlich kurz vor dem Marktplatz unter einem Torbogen rechterhand in der öffentlichen Toilette. Wer weiß, ob diese bürgerfreundliche Einrichtung noch existiert. Ich bekam Bauchschmerzen und konnte die Einladung zu einem Rieseneisbecher nicht annehmen.

Eis gehörte jedenfalls bei allen meinen Naumburger Onkels und Tanten zum Verwöhnen dazu, und mir scheint es heute, als hätte die Stadt besonders viele Eisdielen besessen. Als wir größer waren, bekamen mein Cousin und ich Geld und gingen allein in die Stadt. Ich erinnere mich an ein Eiscafe am Lindenring. Es lag ein paar Stufen höher als die Strasse und man konnte draußen sitzen. Bei einem Luxuseisbecher diskutierten wir wieder einmal, welches Gesellschaftssystem gerechter sei oder wer von uns beiden in der Schule das schlimmere Los hatte, mein Cousin mit Russisch oder ich mit Latein, als sich ein älterer Herr an unseren Tisch setzte und unsere Bekanntschaft suchte. In der Annahme, wir seien ein Pärchen, bot er uns seine Wohnung stundenweise zur Nutzung an. Verblüfft verabschiedeten wir uns, aber dann mussten wir doch lachen. So etwas war uns auch noch nicht passiert.

Ich ging gerne in die Stadt bummeln. In der Salzstrasse, links unterhalb der Wenzelskirche war das wunderbarste Spielwarengeschäft, das man sich selbst heute noch für seine Kinder wünschen könnte. Da hingen Puppenkleidchen in verschiedenen Größen auf Miniaturkleiderbügeln und für Jungen stand buntlackiertes Holzspielzeug wie Baukästen und Fahrzeuge zur Auswahl. Es gab zwar nicht zu jedem Zeitpunkt alles, aber irgendetwas Schönes ließ sich meistens finden. Einmal kaufte ich ein weiß lackiertes Holzboot mit echten Segeln und langem Kiel für meinen kleinen Bruder zu Hause. Leider kippte es im Wasser immer um, aber das war nicht so schlimm. Man konnte trotzdem damit spielen, und es war hübsch anzusehen.

Die Umtauschpflicht und die Großzügigkeit von Onkels und Tanten brachten mich in den Besitz ungewohnter Geldsummen, die vor der Rückreise möglichst einträglich umzusetzen waren. So wurde mancher Einkaufsbummel in Naumburg zu einer echten Herausforderung. Schon längst war in unserer Familie der Bedarf an den gängigsten Erzeugnissen des traditionellen Kunsthandwerks gedeckt. Die Tonmasken "das Lachen und das Weinen", die drei Affen mit ihren bedeutungsvollen Behinderungen und das Räuchermännchen aus Holz hatten seit jeher unser Wohnzimmer zu Hause geschmückt und waren nicht mehr gefragt. Doch es gab Schallplatten, Bücher und Bilder. Natürlich konnte ich mir meinen sehnlichsten Wunschtraum, die Abbey Road von den Beatles, nicht erfüllen, und so begann ich, mich für die Schallplatten zu interessieren, die hier auf dem Markt waren. Sicher wäre ich ohne diese Umwandlung meiner eigentlichen Wünsche erst viel später zur klassischen Musik gekommen. Und der Unterschied zwischen Eterna und Deutsche Grammophon wurde durch die Qualität meines Tonabnehmers sowieso relativiert. In der Literatur entdeckte ich Anna Seghers, Dschingis Aitmatov, Fred Wander und andere, die ich zu Hause auf der Suche nach meinen Lieblingsautoren mit Sicherheit ignoriert hätte. Meist ging ich so vor, dass ich schaute, was es gab und mir dann das aussuchte, was mir am besten gefiel. Nur einmal ließ ich mich gegen besseres Wissen von meiner Leidenschaft leiten. Mit 16 oder 17 streifte ich wieder durch Naumburg auf der Suche nach der besten Anlage für mein kleines Vermögen. Am Marktplatz entdeckte ich einen Kunstladen mit Gemälden, Drucken und Postern, der mir bis dahin nicht aufgefallen war. Nun waren für uns Jugendliche tolle Poster an den Wänden fast genauso wichtig wie tolle Musik, um unser Lebensgefühl auszudrücken, um uns von vorherigen Generationen abzusetzen, oder einfach nur, um unseren eigenen Geschmack zu formen. In dieser Phase schwärmten wir, meine Freunde zu Hause und ich, für den Surrealismus und innerhalb dieser Richtung war Salvador Dali unser absoluter Favorit. Dass die Eltern unsere Poster mit leichter Besorgnis betrachteten, bestätigte nur, dass wir in unserem Kunstgeschmack auf dem richtigen Weg waren. Kein grundlegender, kontinuierlicher Kunstgeschichtsunterricht hatte je unser Kunstverständnis geformt, zum Glück aber auch nicht verformt. In Interpretation und Analyse waren wir ungeübt. Wir liebten oder lehnten etwas "aus dem Bauch heraus" ab. Über Kunst wussten wir wenig, über die Kritik noch weniger, schon gar nichts über die marxistische Rezeption. Jedenfalls folgte ich einer spontanen Eingebung und fragte den älteren Herrn, der mich bediente, ob unter den Postern auch etwas von Salvador Dali sei. Der Herr lächelte mich freundlich nachsichtig an und belehrte mich mit ruhiger Stimme: "Wenn es erst mal soweit ist, dann ist das Schlimmste vorbei." Ich hätte es wissen müssen, dachte ich und verließ errötend das Geschäft. Später tat es mir leid, dass ich aus diesem unbestimmten Gefühl der Peinlichkeit heraus nicht länger in dem Laden herumgestöbert hatte, denn, wer weiß, vielleicht hätte ich damals so etwas wie den ‘Protestmarsch der Tagelöhner’ von Pellizza da Volpedo entdeckt, den mein Mann später als Poster aus der Studentenzeit mit in die Ehe brachte. Die Kriterien der Zensur zu jener Zeit waren mir nie richtig zugänglich gewesen, aber ich war überzeugt, dass ich sie intuitiv hätte erfassen müssen.

Natürlich besuche ich noch immer gern Naumburg, wenn sich die Gelegenheit bietet, und lasse mich von Onkels und Tanten zum Grillen oder ins Restaurant einladen. Beim nächsten Einkaufsbummel wird, was läge näher, ein Buch über die Stifterfiguren, besonders über die Gerburg, oder über den Dom an erster Stelle stehen. Ich hoffe nur, dass das System von Angebot und Nachfrage keine ähnliche Wirkung hat wie einst die Zensur.

19. November 1989

Zweite Montagsdemonstration in Naumburg

Bilder von Günter Heineck:

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