Nachkriegszeit

Dr. Winfried Gisske, Osterburg

Als Neuzugang im Domgymnasium

[Auszug]

Am 18. Januar 1948 betrat ich in Begleitung meines Vaters Wilhelm Gisske das ehrwürdige Domgymnasium zu Naumburg. Wir waren für 8 Uhr beim derzeitigen Direktor Oberstudienrat Behne angemeldet, der uns auch schon auf der Treppe entgegen kam. Nach der Begrüßung per Handschlag gingen wir nun zu dritt den breiten Flur entlang, rechts befanden sich in regelmäßigen Abständen schmale Spitzbogenfenster.

Am Ende Flures vor der letzten Tür blieben wir stehen, und der Direktor sagte mir, daß hier mein Klassenzimmer sei. Der Unterricht hatte schon begonnen, man hörte keinen Laut. Der Direktor klopfte an, wartete auf kein Herein, und wir betraten das Klassenzimmer, in dem sich der Deutschlehrer Herr Eller und 18 Knaben befanden.

Ich wurde den Anwesenden namentlich als neuer Mitschüler vorgestellt. Mir wies Herr Eller einen Platz am Fenster in der vorderen Bankreihe zu, die als ungeliebt galt. Neben mir saß Rudi Klatt, der aber keine Notiz von mir nahm, da er den Augenblick der Unterrichtsunterbrechung als willkommene Gelegenheit benutzte, um mit dem Mitschüler Harald Haase sich per kleinem Zettel über ein Schachproblem auseinander zu setzen. Herr Eller, der auch der Klassenlehrer war, bat mich nun nach vorne zu seinem Pult, um meine Personalien in das Klassenbuch einzutragen. Im Klassenzimmer herrschte ein gespannte Ruhe, und ich glaubte, auf meinem Rücken die neugierigen Blicke zu spüren. Es war auch ungewöhnlich, daß in der Mitte des Schuljahres ein neuer Schüler eintraf, der in einigen Wochen 16 Jahre alt wurde und nun in die 8. Klasse aufgenommen wurde.

Gisske_400Die Klasse von Helmut Gatzen und Winfried Gisske im Jahr 1950 mit den Lehrern dr. Fuhrmann und Dr. BehneHoch interessant verlief die folgende Stunde. Hier war die Lateinstunde angesagt unter der Regie des Lateinlehrers Dr. Fuhrmann. Nun tat sich ein gewaltiger Gegensatz auf, der Kopfschütteln und Ungläubigkeit bei meine künftigen Mitschülern hervor rief. Meine Lateinkenntnisse beschränkten sich darauf, sagen zu können. "Gallus cantat, multi galli cantant", das zu deutsch heißt: "der Hahn kräht, viele Hähne krähen." Das lernt man in der ersten Stunde, und mehr konnte ich nicht, da mein privater Lateinlehrer in Weißenfels, von wo wir Ende Dezember 1947 nach Naumburg umgezogen waren, schon länger krank war. Meine neuen Klassenkameraden lasen den "Gallischen Krieg", geschrieben von Julius Caesar, das Standardwerk für den Lateinunterricht seit Jahrhunderten. Diese Offenbarung stand wie eine fest gefügte Mauer zwischen mir und den anderen. Ich empfand mich als Fremdkörper und in den ersten Pausen bekam ich mit, daß die Kameraden mich auch so sahen, und die Fragen kamen logischer Weise auf, was wohl dieser Knabe hier wolle, und wo kommt der überhaupt her.

Die Lehrer wußten um meine Lage und sie akzeptierten mich als einen ganz normalen Schüler. Um die Riesenlücke im Fach Latein zu schließen, vermittelte Oberstudienrat Behne mir einen pensionierten Lateinlehrer, der sich vom l. Weltkrieg her mit einer schlecht sitzenden Oberschenkelprothese durchs Leben schleppte. Zu ihm in seine Wohnung ging ich viermal in der Woche nachmittags für eine volle Stunde und paukte mir Latein ein. Er gab mir auch Hausaufgaben auf, die ich in den Lateinstunden meiner Mitschüler erledigte. Diese Situation stand logischer Weise einer Integration in die Klasse im Wege.

Unser Lateinlehrer, Dr. Fuhrmann, mein Vater und der Oberstudienrat Behne hatten mir das Ziel gesetzt, bis zu den Sommerferien des Jahres 1948 den Anschluß an das Fach Latein zu schaffen. Eine Klasse tiefer gab es nicht mehr, denn wir waren der letzte Durchgang im Domgymnasium, das als Schule nach dem Willen der Machthaber geschlossen werden sollte. In den übrigen Fächern "schwamm" ich mühelos mit, ohne zu Höchstleistungen aufzulaufen, aber die Integration in die Klasse war bis zu den Sommerferien noch vollzogen. Wir schafften alle die Versetzung in die nächst höhere Klasse, und mit Beginn des neuen Schuljahres änderte sich sehr schnell der Umgang mit mir.

Wir begannen Griechisch zu lernen, und da waren wir alle gleich, und, wie schon erwähnt, ich hatte den Anschluß an das Lateinniveau geschafft. Sehr schnell entwickelte sich eine Freund- und Kameradschaft wie sie heutzutage selten geworden ist. Ein Beispiel möge dies untermauern. 1949 wurde die sogenannte Schulspeisung eingeführt. Das Bereiten einer Mahlzeit im Domgymnasium war nicht möglich, und so kam es, daß wir 3 mal in der Woche, montags, mittwochs und freitags, ein dunkles Vollkornbrötchen ausgeteilt bekamen. Es ist für die heute lebenden jungen Menschen nicht vorstellbar und auch nicht beschreibbar, was dieses Brötchen für schöne Gefühle auslöste. In unserer Klasse waren 5 Mitschüler, deren Eltern in der näheren Umgebung eine Landwirtschaft betrieben. Diese Schüler hatten natürlich jeden Tag ein ordentliches und ausreichendes Frühstück mit und verzichteten auf das Vollkornbrötchen zu Gunsten der 13 anderen. Nach einem von unserem Mathe-Ass entwickelten Zahlenschüssel bekam jeder der 13 Kameraden etwa jeden 3. Tag zwei dieser Brötchen. Ein unheimlich schönes Gefühl, für ein oder zwei Stunden den Magen nicht mehr knurren zu hören...

Sabine Feil, Watertown, USA (1953)

Heiligabend in der Othmarskirche

Es sind nun 50 Jahre her, dass ich als 12-jährige Weihnachten mit der Familie in Naumburg verbringen durfte. Wenn der Schnee unter den Schuhen knirschte, weil die Winter damals so viel kälter waren und wir sangen wie jedes Jahr das Lied “Zweimal werden wir noch wach, heißa dann ist Weihnachtstag” - ja dann war es soweit - Weihnachten. Mutters Stollen die beim Bäcker Kleeberg in der Jenaer Straße gebacken wurden, waren fertig und wir Kinder durften sie nach Hause tragen - da fehlte so manche Rosine, bis wir zu Hause in der Lepsiusstraße ankamen. Der Heiligabend kam heran und alles strömte in die Kirche. Die vom Kerzenschein erleuchtete Othmarskirche ist auch heute noch wie eine Lichterkette, die ich mit ins Leben hinaus nahm und die bis auf den heutigen Tag nicht erloschen ist. Das Geläute der Glocken - ich höre sie noch! Von der Empore sangen wir den Querbass und Vater dirigierte den Chor - Pfarrer Böhm erzählte von der Freude die an diesem Tag allen Völkern wiederfahren sollte, von der Angst die in den Menschen sass - der Trostlosigkeit und den zerbrochenen Familien in Ost und West - davon wusste ich damals noch nichts. Der Gabentisch wartete auf uns - bescheiden - aber wir Kinder freuten uns auf das Wenige.

Jürgen Dorka, Bad Harzburg (1934-1949)

Kino und Tomatenschlachten

Meine Kindheitserinnerungen beinhalten im Wesentlichen die Zeit der Einschulung, der Zeit des Kriegsendes und der Nachkriegszeit: z.B. wie ich als Zehnjähriger von der Hitlerjugend als Melder eingesetzt, im Schoß meiner Mutter während eines Bombenangriffes im Luftschutzkeller der “Reichskrone” Zuflucht suchte, statt zu melden. Mir bleibt in Erinnerung, wie die “Christbäume” am Himmel standen, die das Bombenabwurfziel der Leunawerke markierten oder wir tagelang in den Obstregalen des Kellers im Haus Grochlitzer Straße 54 schliefen, um das Kriegsende zu erleben. Ich sah staunend, wie die Glocken aus dem Turm des Domes als Rohstoff für Kriegszwecke herausgeholt wurden.

DorkaEs war die Zeit unmittelbar nach dem Zusammenbruch, als wir uns aus dem Heeres-Verpflegungsamt mit Lebensmitteln eindeckten, während im brennenden Gebäude die Konservendosen “explodierten”, uns aus der Schokoladenfabrik Bolle in er heutigen “Rosa-Luxemburg-Straße” über fetthaltige Rutschen aus eingeschlagenen Fenstern mit Butter versorgten oder aus dem Heereszeugamt u.a. mit Kugellagern eindeckten, um uns fahrbare Untersätze zu bauen. Es war die Zeit, als die Russen von bewachten Kohlenzügen am Ostbahnhof abgelenkt werden mussten, damit andere und ich die begehrten Briketts von den Güterwagen werfen konnten, um zu Hause notwendigen Brennstoff zum Kochen zu haben oder die Stube heizen zu können.
Nahrungsmittel waren in der Zeit nach dem Krieg knapp. Wir lasen die verbliebenen Ähren auf und suchten mit Hacke und Spaten nach den letzten Kartoffeln in den abgeernteten Feldern. Wir sammelten auf den Straßen heruntergefallene Zuckerrüben auf, schrubbten sie in der Badewanne und kochten Rübensaft. Wir blähten unseren Bauch - für nur kurze Zeit andauernd -mit “Schlagsahne” aus Molke auf und fuhren in überfüllten Zügen aufs Land, um bei den Bauern unser mehr oder minder wertvolles Hab und Gut in Lebensmittel umzusetzen.
Ich sah meine Mutter weinend aus dem Esszimmer gehen, als für jeden der vier Kinder nur noch eine Kelle Spinat zum Mittagessen auf den Teller kam und keiner mehr satt wurde. Als mein Bruder dann die Abwesenheit der Eltern nutzte, sich in den Sessel zu setzen und die verbliebenen Reste von seinem Teller abzulecken, nahm ich mein Sitzkissen und warf es nach ihm. Die Folge: Der Teller brach mitten entzwei und schlitzte seine Nase quer auf. Er bewahrte mich aber vor einer weiteren Tracht Prügel und freut sich noch heute über seinen “Schmiss”.
Offenbar muss ich wohl in dieser Zeit den meisten Hunger gehabt haben.
Die unmittelbare Nachkriegszeit brachte es mit sich, dass wir sämtliche Schulen von Naumburg kennen lernten und die Klassen zeitweise nur durch mitgebrachte Kohlen geheizt werden konnten.
Es gab Schulspeisung in Form eines Brötchens. Da half mir, dass mein Vater Chef der Kinos war. Die kulturhungrigen Menschen stürmten die meist überfüllten Vorstellungen, die teilweise noch mit Bühnenschauen meines Vaters wie folgt angereichert waren und bei denen ich als “jugendlicher Statist” mitwirken konnte: Eintrittskarten dazu waren stets begehrt.
Ich “besorgte” mir also sorgsam gehütete Freikarten, tauschte sie in der Schule bei vielen Mitschülern gegen Brötchen ein, wurde daher in dieser Zeit meist auch satt und konnte meine Familie noch damit “beglücken”. Reichten die Freikarten nicht aus, legte ich den Hebel des Notausganges der “Reichskrone” so um, dass die Tür von außen mit einem Tritt gegen die Tür geöffnet werden konnte. Gegen einen Obolus schleuste ich meine Mitschüler auf den Hausboden des Theaters, wo man unbemerkt (meistens) auch manch “jugendverbotene Filme” sehen konnte. Gelitten haben wir dadurch nicht. Ich kam gut durch.
In der Erinnerung blieben meist nicht die Dinge, die man geleistet hat, sondern die Dinge, die man sich so geleistet hat. In der Gärtnerei Fischer in der Grochlitzer Straße lieferten wir uns Tomatenschlachten. Wem die “Munition” ausgegangen war und wer gewonnen hat, oder ob die “Rotfärbung” hier ihren Ursprung hatte, weiß ich nicht mehr.
Ich landete im Krankenbett, als ich im Bürgergarten mit Skischuhen die Durchfahrt zwischen zwei Bäumen verfehlte und einer dieser Bäume trotzdem meinem Aufprall standhielt. Am “Halleschen Anger” flog ich in hohem Bogen von einem durchgehenden Sattel- und zügellosen Pferd und landete ebenfalls im Krankenbett. Ich spieß mir die Nase am Eisenzaun des Nachbarn auf und brachte eine Platzpatrone zur Explosion, die zielgenau und mit “durchschlagendem Erfolg” an meinem Knie landete.
Man “klaute” mir das von meinem Vater unerlaubt entliehene Fahrrad in der Salzstraße, als ich mir ein paar Groschen durch den Verkauf von leeren Flaschen verdienen wollte. Meine Lederhose verstärkte danach die Kraft des sich sinkenden Rohrstocks auf meinem Hinterteil.
In Erinnerung bleibt mir auch die Mitwirkung in einem Orchesterfreilichtkonzert des Gymnasiums in der NAPOLA, obwohl mir das Balancieren von frisch lackierten Kugeln für Bücherstützen mit dem Geigenbogen oder das Durchbohren der Gardinen manchmal mehr Spaß machte als das tägliche Üben auf der Geige.
1949 war der Spaß vorbei - der “Ernst des Lebens” begann: Mein Vater brachte mich frühmorgens vollbepackt, aber mit der Geige unter dem Arm zum Bahnhof mit einer Fahrkarte nach Ilsenburg. Von da aus ging es zu Fuß Richtung Eckertal, wo mich verabredungsgemäß ein Naumburger Grenzpolizist über den Grenzfluß der Ecker in den Westen schleuste. Seine Heimatstadt vergisst man nicht. Noch heute treibt es mich hin und wieder an die Stellen meiner Kindheitserlebnisse zurück. Das wird wohl auch so bleiben.


Günter Bornschein (siehe unten stehenden Kommentar) stellte uns folgende Abbildungen zum "Freilichtkonzert" zur Verfügung:

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Peter Dünkel, Naumburg (1949)

Fast ertrunken

Es war 1949, ein heißer Sommer, in diesem Jahr sollte ich in die Schule kommen. Wir gingen an die Saale baden. Wie immer barfuß, gleich in der Badehose, mit einem Handtuch. Viele Familien und Kinder in Gruppen zogen täglich, bei schönem Wetter, an die Saalewiesen rund um Naumburg. Wir liefen den Bauernweg hinunter, die Rossbacher Straße entlang, über die Eisenbahnbrücke bis zum Ortsausgang, wo die Mausa unter der Straße hindurch in Richtung Saale fließt. Hier bogen wir ab und liefen den von großen Zitterpappeln gesäumten Weg entlang zur Saale, an Kaisers Badeanstalt vorbei, bis zur Rossbacher Brücke. (In die Badeanstalt konnten wir nicht, da wir kein Geld hatten.) Etwa in der Mitte zwischen der Brücke und der Badeanstalt war eine flache Stelle in der Saale. Hier badeten wir immer.

Ich ging also ins Wasser und lief ein Stück, der Untergrund bestand aus Kieselsteinen, die gaben plötzlich nach und rollten unter mir weg. Ich tauchte unter und fand keinen Grund. Ich versank, hatte aber keine Angst, wusste nicht wie mir geschah und sah mit aufgerissenen Augen, wie sich die Sonnenstrahlen im Wasser brachen. Plötzlich hatte ich wieder Grund unter den Füßen, die Steine rollten aber wieder weg und ich konnte keinen Halt finden. Da packte mich jemand an den Armen und zog mich ans Ufer! Glück gehabt!

Nachdem meine Eltern von dem Ereignis erfahren hatten, bekam ich Geld und durfte bei Kaiser Ede schwimmen lernen.
Die "Schwimmlehre" war in mehrere Stufen eingeteilt:

Duenkel Leine a1. "Die Angel": Man bekam einen Gurt um den Leib, daran war eine Leine, die an einer Stange befestigt war. Die Stange hielt der Bademeister über das Bassingeländer und erteilte dem daran hängenden Schwimmeleven seine Anweisungen. Bei Nichtbefolgen ließ er die Leine kurz los, so dass man unter Wasser geriet - zur Freude der vielen Zuschauer.

2. "Die straffe Leine": Man hing mit dem Gurt um den Bauch an einer straff gehaltenen Leine, an der man vom Bademeister an der Kurzen Seite des Bassins hin- und hergeführt wurde.

3. "Die lockere Leine": Sie wurde, wie gesagt, locker gehalten und der Bademeister ließ einen daran um das ganze Bassin schwimmen.

4. "Bassinfrei": Man musste 15 Minuten hintereinander ohne Leine schwimmen.

5. "Saalefrei": Hierbei musste man 45 Minuten hintereinander ohne Leine schwimmen. Dafür durfte man dann das Sprungbrett benutzen um in die freie Saale zu springen und dort unter Aufsicht baden.

Als Kinder hatten wir immer Hunger, besonders nach dem Baden. Da die mitgebrachte Bemme nicht lange vorhielt, aßen wir auf dem Heimweg alles was erreichbar und essbar war, Äpfel, Birnen und Pflaumen von den Straßenbäumen, die Blätter vom Sauerampfer und die Früchte (Käse) der Wegmalve.

Wer die Möglichkeit hatte, beschaffte sich einen möglichst großen Autoschlauch. Der wurde aufgepumpt zur Saale oder zum Baggerteich (bei Almrich) gerollt. An so einem Schlauch hingen oder saßen meist mehrere Kinder und trieben lachend, strampelnd und spritzend die Saale hinab. An der Almricher Brücke beginnend, ließ man sich von der Strömung die Saale hinunter, um ganz Naumburg herum, bis zum Hallischen Anger treiben. Das konnte, die üblichen Pausen mit eingerechnet, bis zu fünf Stunden dauern. Häufig war dann aber der Schlauch kaputt und musste zu Hause zum soundsovielten Mal geflickt werden.

Wir wohnten damals am Domplatz, hier war auch unser Spielplatz. Auf dem Domplatz parkten häufig russische Jeeps und LKW, die Offiziere waren in der Kommandatur im Oberlandesgericht und die Fahrer hatten Langeweile. Sie spielten mit uns Fußball, ließen uns in ihren Fahrzeugen herumklettern und ihre Waffen ansehen. Wir holten für sie hin und wieder Brot oder Wodka im Konsum. Dabei lernten wir auch ein paar Brocken russisch.

Ab und an kletterten wir auf der Georgenmauer am Oberlandesgericht herum und kauderwelschten mit den Wachen. Dabei entdeckten wir ein Armeeschlauchboot im Hof. Ziel erkannt. Abends, als es dunkelte und die Wachen zum Essen gingen, sprangen wir in den Hof und lehnten eine Leiter an die Mauer um das Schlauchboot hochzuziehen. Doch es war viel zu schwer! Außerdem hatten uns die Russen bald entdeckt. Sie packten uns am Kragen und zerrten uns zum Wachoffizier. Der sprach deutsch: "was ihr wollen?" Wir sagten es ihm, die Russen lachten. Jetzt wurde er ernst: "ihr gehen Kuchnja, Kartoffel und Zwiebel schälen, Dawai!" Sie brachten uns in ihre Küche und wir schälten, 4 ganze Stunden lang, eingerechnet die Pausen in denen uns der Koch mit Kartoffelpuffern und gebratenen Zwiebeln fütterte. Als wir dann in der Nacht nach Hause kamen, gab es nochmal richtig Ärger.

Geraume Zeit später entdeckten wir auf einem Schrottplatz einen amerikanischen Zusatztank von einem Flugzeug. Er war etwa 3 Meter lang und aus Aluminium. Wir schnitten ein längliches Loch hinein, so groß, dass zwei von uns hineinpassten und schleppten ihn zur Saale.

Wir ließen ihn zu Wasser, einer setzte sich hinein und - kippte um. Der Tank war rund und hatte keinen Kiel und auch mit Steinen beschwert kenterte er. Wir versteckten den Tank im Gestrüpp und gingen heim. Irgendwie fiel einem von uns die Sache mit dem Ausleger ein. Wir bauten diesen Ausleger aus einer Zaunlatte und einem leeren Benzinkanister und befestigten ihn an dem Tank. Nun ging alles ganz gut, der Tank schwamm, kippte nicht und konnte zwei Jungen tragen. Aber in der Strömung der Saale war der Tank immer schneller als der Kanister. Da musste man ständig gegensteuern. Jeden Abend versteckten wir unser Fahrzeug im Gestrüpp, doch wohl nicht gut genug, denn eines Tages war es weg.

Ellen Bauer, Herscheid (1947)

Meine Hochzeit

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Mein zukünftiger Ehemann wurde Anfang November 1947 aus französischer Gefangenschaft entlassen und konnte in unsere Heimatstadt Naumburg zurückkehren. Beide bewohnten wir in der Freyburger Straße 7 ein Zimmer mit Küchen- und Badbenutzung, vom Wohnungsamt stand uns nicht mehr zu.

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