Nachkriegszeit

Kurt Göhle

Und die Angst war ständiger Begleiter

Seit Anfang des Jahres 1945 vermehrte sich die Zahl der Bomberverbände, die unseren Ort Pleismar überflogen, um Städte östlich zu bombardieren. Schon ein oder zwei Jahre vorher hatte ein Bomber fünf Bomben in den nahe gelegenen Wald, die Möckeritz, abgeworfen. Ob es Notwurf war, weil er beschädigt war, das bleibt dahingestellt.

Panzer kommen!

Das Dröhnen der schweren Fliegermotoren ließ uns immer nach draußen gehen und beobachten, ob wir den Feuerschein des Angriffs sehen konnten. Die Angst hat uns im-

mer begleitet. Damals war ich 13 Jahre alt, auch da habe ich immer an das Leid der Menschen gedacht, die es wieder betraf. Dann, am Montag, 11. April 1945, waren unsere russischen Arbeiter nach dem Mittagessen mit dem Pferdewagen auf unser Feld gefahren, um Futterrüben aus einer Vorratsmiete für unser Vieh zu holen. So etwa gegen drei kamen sie verängstigt in schnellem Tempo auf den Hof gefahren und sagten: "Panzer kommen!" In unserer Dorfschule waren zu dieser Zeit etwa 20 Hitlerjungen von Mühlhausen einquartiert. Sie waren 15 Jahre alt. Diese sollten die Heimat verteidigen und die vordringenden amerikanischen Panzerverbände aufhalten. Sie wurden

angeführt von einem SS-Mann. Er könnte so 21 bis 22 Jahre alt gewesen sein. Diese Truppe ist dann, wie wir später erfuhren, in den über Pleismar gelegenen Kiefernwald gegangen. Das haben vermutlich die drei amerikanischen Panzer beobachtet und den Wald mit ihren Panzerkanonen beschossen. Wir waren zu dieser Zeit im Keller. Als das Schießen beendet war, kam einer der Jungen sehr aufgeregt, er sagte: "Wir haben einen Schwerverwundeten und zwei Tote."

Nacht im Keller

Bei uns im Keller arbeitete auch eine in Ausbildung stehende Ärztin. Diese ging mit dem Jungen zu den Verwundeten. Nach etwa zwei Stunden kam sie zurück und sagte, dass auch dieser Junge tot sei. Die Panzer waren weiter gezogen, und es war dann wieder eine ruhige Nacht, die wir aber im Keller verbrachten. Am nächsten Tag kamen die Hitlerjungen dann durch unse-

ren Hof. Die toten Jungen wurden von ihren Kameraden zum Friedhof getragen. Den Anblick werde ich mein Lebtag nicht vergessen. Auf dem Friedhof gruben sie ein Grab und betteten sie in Decken gehüllt alle drei gemeinsam in ein Grab. Das Kreuz mit den drei Querbalken, auf denen die Namen und das Alter der Jungen steht, ist heute noch zu sehen, ein Lebensbaum verdeckt es etwas. Als die Jungen beim Grabmachen waren, kam eine große Zahl amerikanischer Panzer. Sie stoppten ihre Fahrzeuge und fotografierten die Jungen. Danach sind sie auf unseren Dorfplatz gefahren, dort stand dann Panzer an Panzer. Sie haben auch noch ein Flugzeug beschossen, das den Ort überflogen hatte. Die Soldaten gingen anschließend in die Gehöfte und sammelten Waffen, Fotoapparate und Ferngläser ein.

Da haben wir nach langer Zeit von einem schwarzen Soldaten Schokolade bekommen, die wir schon lange nicht mehr essen konnten, weil es keine gab. Übrigens: Der SS-Mann, der die Jungen befehligte, hat sich nicht mehr um diese gekümmert. Er stand auf unserem Hof, fuchtelte mit einer Pistole an seinem Kopf herum, und er fragte, wie er zu den deutschen Linien kä-

me und betonte dann, dass die letzte Kugel ihm gehöre. Wir waren alle froh, dass das sinnlose Blutvergießen nun endlich ein Ende hatte, und hoffen, dass so etwas nie wieder geschehen mag. Was wohl aus dem SS-Mann geworden ist? Darauf wird es keine Antwort geben.

Regina Collas

Wehen setzten in der Sperrstunde ein

Naumburg. Unsere Wohnung befand sich in der Kösener Straße in Naumburg. Im gleichen Haus wohnten Familien, deren Haushaltsvorstände Erzieher in der Na-pola-Schule waren. Als die Amerikaner in Naumburg einmarschierten, mussten die Bewohner der rechten Straßenseite (von Bad Kosen kommend) ihre Häuser verlassen. Mit meiner schwangeren Mutter standen wir - fünf Frauen, ein alter Mann und sechs Kinder - zitternd im Vorgarten, während die amerikanischen Soldaten das Haus durchsuchten. In den Kleiderschränken der Erzieher hingen diverse Uniformen. Die Amerikaner, die von der Kontrolle aus dem Haus kamen, spuckten aus und sagten nur das eine Wort: "Nazi". Auf der Straße fuhren die Jeeps stadteinwärts; ein Jeep hielt vor unserem Vorgarten: Auf dem Jeep war ein MG montiert. Wir Kinder haben später erfahren, dass die Erwachsenen damit rechneten, dass wir erschossen werden sollten.

Es wurde uns klargemacht, dass wir Haus und Grundstück verlassen und uns auf der anderen Straßenseite ein Unterkommen suchen sollten. Schräg gegenüber der Na-pola-Schule befanden sich zwei Villen, die von älteren Zöglingen und Erziehern bewohnt wurden. Dorthin begab sich unsere kleine Karawane; am nächsten Tag sind meine Mutter und ich zu einer Bekannten am Othmarsplatz gegangen, wo wir für einige Zeit Unterschlup gefunden haben, bis unsere Wohnung wieder frei war. Als wir dorthin zurückkehrten, sah es wüst aus. In unserem Haus war die Funkstation untergebracht und in unserer Küche, Wohnzimmer und Schlafzimmer haben die amerikanischen Soldaten gewohnt. Mitte/Ende Mai 1945 setzten bei meiner schwangeren Mutter die Wehen ein. Natürlich passierte das zur Sperrstunde am Abend. Zwei Frauen aus dem Haus, von denen eine etwas Englisch konnte, bewaffneten sich mit einer weißen Fahne und stellten sich vor das Haus bis eine motorisierte Patrouille kam. Mühselig wurde ihr erklärt, um was es ging. Die beiden Frauen wurden aufgefordert, in den Jeep zu steigen, um zur Hebamme gebracht zu werden. Mit der Geburt dauerte es aber

noch einen Monat. Als es so weit war, haben eine Frau und ich meine Mutter zu Fuß ins Krankenhaus gebracht. Am 25. Juni kam meine Schwester zur Welt. Während des Krankenhausaufenthalts meiner Mutter vollzog sich die Übergabe der Ostzone an die Russen. Ich war während dieser Zeit bei meinen Großeltern und Mitbewohnern in der Kösener Straße.

Nach den technisch bestausgerüsteten Amerikanern kamen nun die sowjetischen Besatzer mit ihren Panjewagen und ziemlich abgerissenen Soldaten. Ob mein Vater noch lebte, wussten wir nicht. Ich glaube, die erste Post aus russischer Gefangenschaft kam Ende 1945. Mehr als zehn Worte durfte er nicht schreiben. Auch die Antwort meiner Mutter bestand nur aus zehn Worten. So erfuhr er jedenfalls, dass meine Schwester geboren worden war. Im Sommer 1947 kam mein Vater krank und zermürbt aus Rußland zurück.

Über diese Zeit - auch über die Kriegsjahre - hat er nie mit mir gesprochen. Er hat nur über die Gefangenschaft erzählt, dass derjenige, der beim morgendlichen Appell bei Namensaufruf nicht anwesend war, lange warten musste, bis sein Name wieder aufgerufen wurde.

Wilhelm Grüneberg

Siegreich, keine Unterdrücker

"Die Stadt ist gerettet. Es ist geschafft!"

Dem DKW entstiegen der Feldwebel und der Unteroffizier. Sie folgten ohne weiteren Befehl der Waffenabgabe und begaben sich in Gefangenschaft, auf den Schutzblechen rechts und links aufsitzend. Von der Verteidigung war nicht mehr die Rede. Ein Karabiner, der beim Wenden des Wagens herunterfiel, wurde noch einige Meter mitgeschleift und blieb dann liegen. Ich hob ihn auf, entlud ihn und schlug auf dem Pflaster den Kolben ab. Das sah die damalige Inhaberin des Reichskronen-Cafes, kam aus

dem Haus und bat mich, die im Hausflur liegenden Waffen ebenfalls unbrauchbar zu machen. Der Oberbürgermeister bat mich nachzusehen. Ich fand einige Gewehre für den Zivilgebrauch, entlud und beseitigte sie. Danach erstattete ich dem Bürgermeister Bericht. Sichtlich erleichtert durch die letzten Vorgänge reichte mir der OB die Hand und sagte: "Die Stadt ist gerettet. Es ist geschafft!" Aus der Schönburger Straße schob sich das gewaltige Ungetüm eines amerikanischen Panzers. Die Stelle, wo

vorher die Stadtverteidigung gestanden hatte, passierte er unbehelligt, hielt auf dem Platz und richtete sein Geschütz drohend durch die Jakobsstraße nach dem Marktplatz. Nach einigen Minuten rollte er ein wenig rückwärts und wendete sich nach der Vogelwiese zu. Als nichts geschah, wiederholte er dasselbe Manöver in Richtung Post. Da alles stumm blieb, keinerlei Verteidigung zu merken war, rollte der Panzer durch die Schönburger Straße wieder zurück. So waren die Stadt und ihre Einwohner gerettet.


Regina Collas

Bei Fliegeralarm vor Kellertür

Naumburg. Ich wurde am 28. Februar 1935 in Naumburg geboren und bin im Jahre 1953 nach Westberlin geflüchtet. Meine Erinnerungen sind von den Kriegsjahren, Zusammenbruch und den Jahren danach geprägt. Zum Glück ist die Stadt vor größeren Bombardierungen verschont geblieben.

Ich kann mich aber erinnern, dass wir bei Fliegeralarm meist vor der Kellertür gestanden haben und die Bomber, voran die silbern blinkende Leitmaschine und dahinter die grauen Bomber, betrachtet haben, die ihre Bombenlasten nach Berlin und anderen großen Städten und Zielen brachten. An einem Tag, welches Jahr weiß ich nicht mehr, aber es muss Sommer gewesen sein, haben die Bomber wohl noch ein paar Bomben an Bord gehabt, die über Naumburg abgeworfen wurden. Es wurden ein paar Häuser im Stadtzentrum, der alte Domfriedhof und das Heereszeugamt getroffen. Für uns Kinder war vor allem (diejenigen, die in die Marienschule gingen) der zerbombte

Domfriedhof eine Sensation! Bei einigen Erbbegräbnissen waren die Abdeckplatten verschoben, und darunter konnte man Gebeine erkennen. Mein Vater war im Krieg in Russland und bis 1947 dort, in Gefangenschaft. Meine Mutter arbeitete im Hotel "Drei Schwanen" als Zimmerfrau. Dort hatte ich eine Freundin, eine polnische Fremdarbeiterin (ich schätze im Nachhinein, dass sie etwa 18 Jahre alt war) namens Olga, die ich heiß und innig geliebt habe.

Was wusste ein achtjähriges Kind schon über Fremdarbeiter, zumal sie von der Hotelbesitzerin wie ein "normales" Küchenmädchen behandelt wurde. Im Dachgeschoss befanden sich die Mädchenkammern, und Frau Bergmann schloss auch nicht abends die Zimmertür bei Olga ab, wie es eigentlich Vorschrift war. Olga wurde im April 1945 von den amerikanischen Truppen befreit und kam in ein Lager in der bisherigen Nationalpolitischen Erziehungsanstalt in der Kösener Straße zwecks Rückführung in die Heimat.

Eberhard Kaufmann

Unser Haus

Unser Haus, in der Kösener Straße, in dem wir wohnten, wurde nachts 2 Uhr besetzt. Wir hatten alle Türen unverschlossen gelassen, als ein Mannschaftswa gen auf den Hof rollte. Auf dem Tisch brannte eine Kerze, Strom gab es nicht mehr. Vorsichtig kam der erste Soldat in die Wohnung, öffnete die Zimmertür nur einen Spalt breit und in der Tür erschien der Lauf einer Maschinenpistole. Dann kam er ganz herein, schaute sich im Zimmer um und ging wortlos. Im Haus wurde Geschrei laut. Die Bewohner der anderen Wohnungen wurden auf den Hof getrieben und mussten sich an die Wand stellen. Gegen Morgen, nachdem das Haus durchsucht war, wurden sämtliche Bewohner zu uns in die Wohnung getrieben und die übrigen Wohnungen von den Soldaten und ihren "Damen" bezogen, die sich im Anhang befanden. Diese waren es dann auch, die sich in den Wohnungen kräftig bedienten und so alles mitgehen ließen, was sie gebrauchen konnten. Nach etwa drei bis vier Tagen zogen die Truppen weiter, und wir hatten das große Glück, dass jeder wieder in seine Wohnung konnte. In der Stadt herrschte große Wohnungsnot.

Durch den siegreichen Vormarsch der russischen Armee waren schon im Januar 1945 insgesamt 957 Flüchtlinge in die Stadt gekommen. Im Februar stieg diese Zahl auf 5025, und im März kamen noch einmal weitere 4108 Flüchtlinge dazu. In der Stadt herrschte seit dem 12. April, 19 Uhr, der Ausnahmezustand. Eine Bekanntmachung wurde an den Häusern angeklebt. Zivilpersonen durften in der Zeit zwischen 19 und 7 Uhr die Wohnungen nicht verlassen. Keiner durfte ohne Erlaubnis aus der Stadt heraus. In der Öffentlichkeit durften sich nicht mehr als fünf Personen versammeln. Der Gebrauch von Fotoapparaten und Feldstechern war verboten. Der Einmarsch der Amerikaner legte einen Teil des Gesundheitswesens völlig lahm, da Jede Verbindung mit dem Kreis Eckartsberga abgeschnitten war und Personal aus dem Kreis nicht herein konnte. In einem Bericht des städtischen Gesundheitsamtes wird von einer katastrophalen Notlage berichtet. Schon Anfang des Jahres 1945 begannen die Schwierigkeiten. Die Evakuierung von Siechen- und Altersheimen aus dem Osten und die nicht angekündigte Verschiebung nach Naumburg nötigte die Stadt zur überstürzten Einrichtung des Hilfskrankenhauses. Nach der schon . erwähnten Bekanntmachung vom 12. April lesen wir unter Punkt 12: "Unzensierte Zeitungen, sonstige Veröffentlichungen und Plakate jeglicher Art dürfen weder gedruckt, verteilt noch angeschlagen werden."

Am 2 5. April erscheint dann jedoch das Verkündungsblatt Nummer 1 des Oberbürgermeisters der Stadt Naumburg. Es beginnt mit der Proklamation Nummer 1 an das deutsche Volk: "Ich, General Dwight D. Eisenhower, Oberster Befehlshaber der Alliierten Streitkräfte, gebe hiermit folgendes bekannt: I. Die alliierten Streitkräfte, die unter meinem Oberbefehl stehen, haben jetzt deutschen Boden betreten. Wir kommen nach Deutschland als ein siegreiches Heer; jedoch nicht als Unterdrücker."

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