Nachkriegszeit

Eva Jollasse, Meckenheim (1950er Jahre)

Flüchtlingskind

Wenn ich an Naumburg zurückdenke, fällt mir meine Kindheit ein - ich war 8 Jahre alt, als ich hinkam und 18, als ich wegzog. Ich wurde meinem Alter entsprechend eingeschult und kam mit, obwohl ich durch die Flucht gar keinen oder unregelmäßigen Unterricht hatte.
Die erste schwere Zeit nach dem Krieg, als die Klassenkameraden klingelten: bei Stein gibt es Kartoffeln. Man riss die Tasche vom Haken und rannte hin - manchmal mit, manchmal ohne Erfolg- man musste alles versuchen. Schlange stehen, war normal. Nach Wurstsuppe, nach Molke, nach Brot- sogar nach Kohle haben wir (mitten in der Nacht, damit man früh der erste war) angestanden. Wie wir in der Marienschule mit Mantel und Handschuhen Hausaufgaben notierten, weil für den Unterricht keine Heizung vorhanden war. Als noch Krieg war: Es gab etwas außerhalb von Naumburg ein Lokal, in dem man ohne Marken essen konnte. Auf dem Weg dorthin: Fliegeralarm. Wir mussten uns in den Felsenkeller retten - eine unheimlich Atmosphäre. In unserer Wohnung in der Weimarerstraße heulten über unseren Köpfen die Bomben, die etwas weiter in die - ich glaube, sie hieß Medlerstraße - fielen. Wo vorher Häuser standen, war da jetzt ein riesiges Loch.
Flacksplitter auf dem Stuhl eines Nachbarn, der gerade davon aufgestanden war -jede Nacht aus dem Schlaf gerissen werden und im Keller bei Flackerlicht Unsicherheit spüren.
Dann sah man alles zum ersten Mal: Panzer der Amerikaner - einen farbigen Soldaten, später die Wagen der russischen Armee - unverkennbar mit der Art, wie die Pferde unter dem hohen Joch eingespannt wurden. Wie russische Soldaten melancholische Lieder sangen, wenn sie über die Straßen marschierten. Wie man bei Stromsperre im Dunklen auf der Straße Angst hatte.

Die Prozession im Bürgergarten

Die katholische Kirche war für einen Flüchtling ein guter Ansprechpartner - so beziehen sich auch viele Erinnerungen nach dem Krieg darauf. An Fronleichnam wurde von der (damals noch winzigen) katholischen Kirche aus bis zum Bürgergarten hin (also von der Kirche, über diesen Wenzelsring -?- bis zur Bürgergartenstraße, dann hoch bis zum Bürgergarten - dort quer durch, bis man auf der anderen Straße, die parallel zur Bürgergartenstraße verlief, wieder zurück zur Kirch kam) eine Prozession unternommen mit allem, was dazu gehörte: Monstranz unter dem Baldachin, Kommunionkinder in weißen Kleidern, Fahnen, Banner, danach die Gemeinde. Im Bürgergarten waren ganz prachtvolle Altäre im Freien errichtet worden mit mühsam gelegten Blütenblätter-Symbolen dazwischen und auf den Wegen. Die Prozession nahm den ganzen Vormittag in Anspruch und war für die Katholiken das Ereignis. Weil die Kirche so klein war, wurde mit der evangelischen Othmarskirche vereinbart, dass das Hochamt am Sonntag dort gehalten werden konnte. Da gab es mehr Platz -was besonders an den Jugendsonntagen wichtig war. Wegen dieser Vereinbarung wurde vor und nach der Messe das Allerheiligste hin- und hergetragen: durch den Pfarrer, flankiert von zwei Messdienern. Häufig kam es vor, dass gerade dann, wenn der Pfarrer von dort oder von da unterwegs war, ihm ein Musikzug der FDJ entgegenkam. Keiner der Gehenden und sich auf engstem Raum Begegnenden wich zurück oder hielt ein - so war es ein reines Geschicklichkeitsspiel, dass da nicht irgend jemand zu Fall kam. Auch wenn in der kleinen Kirche eine Messe abgehalten wurde, kam es öfter vor, dass man gerade bei der Wandlung (also dem leisesten Teil der Messe) draußen mit lautem “uff-tata” vorbeimarschierte.
Ein anderes sehr bedrückend in Erinnerung behaltenes Erlebnis ist der 17. Juni 1953. An diesem Tag war ich nach der Schule bei einer Schulkameradin in der Bürgergartenstraße zu Besuch, als meine Mutter dort plötzlich auftauchte. Diese Zeit war ungewöhnlich für eine Berufstätige, also musste etwas Besonderes passiert sein. Meine Mutter sagte nur, komm schnell nach Hause. Wir gingen (in Richtung Weimarer Straße) sofort los und kamen über den Wenzelsring. Dort entlang stand russisches Militär mit aufgepflanztem Bajonett. Ich hatte so etwas noch nie gesehen. Von den schweigend dastehenden Männern ging Bedrohung aus. Meine Mutter und ich hielten uns aneinander fest, obwohl das total unüblich zwischen uns und ich kein Kind mehr war. Zu rennen wagten wir nicht - so gingen wir, so schnell wir konnten den langen Weg in dem Bewusstsein, etwas Unheimliches, Unberechenbares zu erleben. Die Straßen waren menschenleer.
Andere Erlebnisse in Naumburg waren die Aufmärsche am l. Mai (schön klang es uns in den Ohren, wenn der Lautsprecher sagte - es marschiert ein - die Oberschule Naumburg/Saale)-unvergessen auch die gänsehautverursachenden Fackelzüge - Ende war ein Riesenfackelhaufen an der Vogelwiese-, Kirschfest -und natürlich auch die Tanzstunde im Ratskellersaal eine Etage hoch.
Wie wir Mädchen am Tag des Kränzchens und des Abschlussballs nachmittags mit Geschirr, Tischkarten und Kuchen in den Saal gelassen wurden, um die Tische einzudecken. Wie sehr freute man sich auf einen Abend mit der Kapelle “Alex Heide” im Ratskellersaal unten. Wie erwachsen kam man sich da vor, wie viel Organisationstalent musste man haben, um an Karten zu kommen. Das alles kommt einem in den Sinn - und noch vieles mehr - das den vorgegebenen Rahmen jedoch sprengen würde. Interessant ist noch, dass man glaubte, allem diesem wohnt ein Zauber inne - der sich aber in nichts auflöst, wenn man die gleichen Orte als Erwachsener nach so langer Zeit wieder sieht. Wie schön, dass einem das im “Land der Erinnerung” nicht passieren kann.

Bei Bürgergarten fällt mir auch noch ein, da wir damals ein Stück Land zugewiesen bekamen, auf dem wir Gemüse anbauen durften. Das war damals öffentliche Anlage - und ist es - wie ich mich überzeugt habe - auch heute wieder. Wir haben dort ein bezeichnetes Stück neben - wenn ich es noch recht weiß - drei anderen gehabt. (Es wurde also ein freigegebenes Stück in 4 Teile geteilt) Wir haben dort umgegraben, gepflanzt (Wasser bis dorthin getragen (!!) von der Weimarer Straße aus) und geerntet. Dazwischen haben alle vier abwechselnd Wache gehalten, damit nicht alles gestohlen wird.

Lutz Heinrich, White Plains, NY, U.S.A. (1954)

Mutters Mohnmühle

Der uralte Kasten! Noch heute fühle ich das Rumoren der Mahlräder, das man wahrnahm, wenn man die kunstvoll geschwungene Handkurbel kraeftig und ausdauernd genug betätigte.

Heinrich01_400Natürlich kam die Mühle ursprünglich von Oma. Sie lebte in Grochlitz. Omas Mohnkuchen war besonders gut, deshalb besaß die Mühle damals schon so großen Wert. "Damals", 1954, war ich 10 Jahre alt, und wir wohnten in der Blumenstraße.

Das kleine technische Wunderwerk war immer faszinierend für mich. Eigentlich war es eine alte Kaffeemühle. Kaffee zum Mahlen besaßen wir nach dem Krieg nicht. Außerdem durfte man die nach zerquetschtem Mohn duftende Handmühle nicht mit Kaffee verunreinigen.

Das Mahlgetriebe konnte man mit einer Federrastung an der Kurbelachse nach Feinheitsgrad einstellen. Alles ohne Mikroprozessor! Natürlich wurde der feinste Quetsch eingestellt, damit man den maximalen Mohneffekt und -duft erreichte. Der Aufnahmetrichter faßte etwa sechs Eßlöffel rohen Klatschmohn. Nach "racke, racke", einigen hundert Kurbelumdrehungen und mehreren Nachladungen hatte man genug frisch gemahlenen Mohn, der, mit Gries und anderen wundervollen geheimen Kuchenzutaten gemischt, eine wohlschmeckende Auflage für den Hefeteig ergab. Bei Mittelhitze im Gasofen gebacken (Oma tat das im Kohleherd), war der Festschmaus unübertroffen.

Mehrmals mußte man mitten im Mahlprozess das kleine Holzschubfach aus der Mühle herausnehmen und das Mahlgut ausleeren. Das Kästchen durfte nicht zu voll sein, sonst wären eventuell einige Krümel daneben gegangen. Durch zärtliches Klopfen und Ruckein konnte man es optimal füllen. Den Trick hatte ich perfekt raus und war der Topspezialist fürs Mohnmahlen.

Man mußte die hölzerne Mühle beim Mahlen auch sicher im Schoß einklemmen, damit das Schubkästchen durch die Vibration nicht etwa herausfiel oder sich lockerte.

Viele Erinnerungen an meine Kindheit hängen an der guten alten Mühle, so daß sie noch heute einen Ehrenplatz in meiner Küche hat. Da ich in den USA lebe, wo es keinen Mohn gibt, wird nunmehr Mohnkuchen brutaler- und bequemerweise mit backfertiger Mohnmasse aus der Tüte gebacken. Sie wird bei jeder Überseereise per Handgepäck eingeflogen. Mahlen ist nicht mehr notwendig, aber trotzdem schmeckt's ausgezeichnet.

Volkert Hansen, Naumburg (1945)

Die Amerikaner kommen!

[Die folgenden anrührenden Schilderungen entnehmen wir einigen losen Blättern, die uns Frau Helga Rammelt, Naumburg, zur Verfügung gestellt hat. Sie stammen aus dem Nachlaß ihres Bruders, der 1945, als zwölfjähriger Junge, niederschrieb, wie er das Ende des Krieges erlebte. Leider sind die Aufzeichnungen nicht vollständig erhalten.]

Dann kam zu unserm Jungzug der Hauptjungzugführer Melzer. Er sagte: "Jungzug 3 stillgestanden! Rechts um, im Gleichschritt marsch!" Wir marschierten bis zur "Erholung". Dort sagte er: "Abteilung halt, rechts um, rührt euch!" Dann fuhr er fort: "Am Sonntag ist Jugendfilmstunde. Es wird der Film ‘reitet für Deutschland' gespielt. Wer 20 Pfennig mithat, kann gleich eine Karte kriegen." Etwa 5 Mann meldeten sich. Alle 5 bekamen eine Karte. Zu mir sagte er: "Du wohnst neben mir, du kannst mir das Geld zu anderer Zeit geben." Ich bekam gleich eine Karte und steckte sie in die Ausweismappe. Ich freute mich sehr. Dann sagte der Hauptjungzugführer: "Ich will euch jetzt die Ausweise überreichen." Er griff in eine Ledertasche und holte einen Stoß Ausweise heraus. Er rief jetzt einen Kameraden auf, noch einen. Vor mir kamen 10 Mann vor. Endlich, nach langem Warten, kam ich dran. Er rief: "Volkert Hansen!" Mit einem Satz war ich vorne. Er überreichte mir den Ausweis mit den Worten: "Sauber halten!" Ich machte eine Kehrtwendung und trat ein. Wir warteten noch 10 Minuten. Dann sagte der Hauptjungzugführer: "Jungzug 3 fertig. Jungzug 3 stillgestanden! Nach hinten weggetreten". Ein freudiges "Hurra" war der Widerruf. Freudig über alles, rannte ich nach Hause.

12 Jahre! 4. Erlebnis. Den 12. April 1945
Eindringen der Amerikaner in Naumburg.
Am Abend des 11. April 1945 gegen 5 Uhr gab es Fliegeralarm. Es war Tieffliegerangriff. Mitten im Angriff gab es Vorentwarnung – es schoß noch ein Flieger. Da sagte ich: "Das kann nicht stimmen." Nun hatte ich aber schon früher mal von meiner Mutter gehört, dass wenn feindliche Panzer vor Naumburg sind, die Sirene 5 Minuten lang in hohem, gleichmäßigem Ton gehen solle. Jetzt hatte die Sirene schon 1 Minute lang Entwarnung gegeben. Immer länger – endlich, nach 5 Minuten, ging die Sirene herunter. Ein Gemurmel ging von Mund zu Mund: "Panzeralarm!" Die Familie Reißbrodt schlief im Keller. Wir dagegen dachten uns: "So schlimm wird es wohl nicht kommen!" Daher schliefen wir oben. Die Nacht verlief ruhig. Aber am 12. April sollte es dann passieren. Ich wachte gegen 6 Uhr auf. Alles ruhig. Dann schlief ich bis 8 Uhr. Voralarm! 8:15 Uhr: Vollalarm. Meine Mutter war gegen 7 Uhr gegangen, um ein Brot zu kaufen. Da hatte sie unser Nachbar Reinsberger angehalten und sagte: "Naumburg wird Festung, gehen sie lieber in die Luisenschule, in den Keller, der hat Eisenträger. Naumburg wird einem Bombardement ausgesetzt. Wenn mit schwerer Artillerie hereingeschossen wird, hält der Keller stand. Dabei wird sich auch die alliierte Luftwaffe einsetzen." Meine Mutter teilte uns das mit. Darauf liefen wir schnell in den Keller. Auf dem Weg sahen wir einen Tiefflieger. Es verlief bis 12 Uhr alles ruhig, außer einem Bomberverband, der sehr laut hier rüber brummte. 12:30 Uhr ging ich heraus und horchte. Es war nichts zu hören. Nur in der Ferne Kanonendonner und Maschinengewehrfeuer. Ich ging beruhigt wieder herunter. Wir hatten seit heute früh nichts gegessen. Daher hatte ich mächtigen Hunger. Ich bekam von einem Soldaten ein dickes Stück Brot mit dick Fleisch. Meine Mutter rannte zu uns hinüber, um was zu essen zu holen. Nach einer halben Stunde kam sie wieder. Auch von dieser Ration aß ich genug. Der Stabsarzt vom Lazarett sagte, dass um 10 Uhr hier die ersten Panzer eingerückt seien. Gegen 14:30 hieß es dann, wir sollten uns ruhig hinsetzen, Naumburg sei zur freien Stadt erklärt worden, das heißt Naumburg verteidigt sich nicht und gleich kämen hierher die Panzer, Naumburg sei besetzt und die Panzer täten uns nichts. Dann wurden wir gezählt. Gegen 15:00 Uhr kam der Stabsarzt nochmal und sagte, die Zivilbevölkerung solle nach Hause gehen. Glücklich nahmen wir alles zusammen und begaben uns nach Hause. Dort ließ ich meine Sachen und rannte zur Hindenburgstraße, um mir die Panzer anzusehen. Als ich dort angekommen war, sah ich die ersten amerikanischen Panzer. Darauf saß Infantrie mit ihren runden Stahlhelmen. Sie verteilte Schokolade an die Kinder. Es ist doch so: Vereinigung zwischen Soldaten und Kindern. Am ersten Tag waren die Soldaten sehr streng. So verlief glücklich der erste Tag.

12 Jahre! 5. Erlebnis. 16. April 1945
Freundschaft mit einem Amerikaner.
Am Dienstag, dem 16. April 1945 abends gegen 19:00 Uhr stand ich bei Kühns vorm Haus bei einem amerikanischen Polizeiposten. Dieser ging immer auf und ab. Endlich fiel sein Blick auf mich. Ich hatte mein HJ-Koppelschloß um. Er trat an mich heran, sein Blick blieb am Koppelschloß haften. Darauf ließ er den Kopf bedenklich schief hängen und ging weiter. Nach 5 Minuten fragte ich ihn: "Syr, hew yu for mi bittl of Schoklid?"
[...?]
Nach einiger Zeit kam ich nach dem Küchenauto. Darin lag Bohnenkaffee, Schokolade, Zigaretten, Kaugummi und Keks. Noch andere schöne Sachen lagen darin. Der Verteiler verteilte an die Soldaten, was sie haben wollten. Als ich wieder an das Auto ging, in dem die Gewehre lagen, stiegen da 3 Soldaten hinten ein und fuhren ab. Ich ging fröhlich nach Hause. O, wie freute ich mich!

12 Jahre! 8. Erlebnis. 21.4.45
Zukucken beim Autoverkehr.
Am Sonnabend, dem 21.4.45 ging ich zur Vogelwiese, um mir dort den Verkehr anzusehen. Ich stellte mich auf die Vogelwiese und beschaute mir jedes Auto. Zuerst kam da eine Lastwagenkolonne. Jedes Auto wurde von einem Neger gelenkt. Sie beförderten Kisten. Trotz der schweren Last hatten sie eine sehr hohe Geschwindigkeit. Nach dieser kam ein Sanitätsauto. Es hatte links und rechts und hinten ein rotes Kreuz. Auch dieses fuhr sehr schnell. Zuletzt kam noch eine kleine Autokarre, hierhinein konnten 4 Mann. Darin saßen 3 Offiziere. Der eine fragte den Militärposten: "Wimar?" Nun beschrieb dieser die Fahrtrichtung. Bei der Abfahrt grüßte der Posten zackig mit der Hand. Mit einem Tritt auf den Fußhebel raste das Auto davon. Diese kleinen Autos können bei einem Tritt die schnellste Geschwindigkeit erreichen und bei einem Tritt sofort halten. Mittlerweile war es 6 Uhr geworden. Ich stand immer noch da und guckte. Erst gegen 20 Uhr ging ich nach Hause. Ich freute mich schon auf den Sonntag.

12 Jahre! 9. Erlebnis. 27.4.54
Ein amerikanischer Stahlhelm
Ich stand am Freitag, dem 27.4.45 an der Post. Der Militärposten ging auf und ab. Auf einmal kamen 2 Jungen angerannt mit einem Stahlhelm. Sie sagten: "Dieser Stahlhelm ist vom Auto gefallen!" Sie meldeten es der Militärpolizei und gaben ihn ihm. Dieser legte ihn auf die Bordkante. Danach ging ich nach Hause. Als ich wiederkam, war der Stahlhelm noch da. Aber plötzlich kam ein Gewitter auf. Es regnete ganz dicke Tropfen. Ich ging daher unter einen Baum. Aber unter diesem Baum stand ein ungefähr 1,50 m hoher Briefkasten. Ich machte die Tür auf und setze mich hinein. Mitten im Gewitter rannte ich heraus. Durch und durch naß kam ich an der Post an. Als der Regen nachgelassen hatte, ging ich nach Hause. Gegen 19:30 Uhr kam ich wieder. Da lag der Stahlhelm immer noch. Als dann das Militärpolizeiauto die Wache abholte, rief ich: "Der Helm!" Ich rannte hin. Sie sagten: "Yu heww im!" Dann holte ich ihn herbei. Sie sagten: "Geh nach Hause!" In dem Helm lag noch ein Buch drin, in amerikanischer Schrift. Das Auto fuhr ab. Mit Helm, Buch und zwei Stück Schokolade, die mir ein Amerikaner geschenkt hatte, rannte ich nach Hause. O, wie freute ich mich! Den Stahlhelm aber habe ich heute noch als Andenken!
12 Jahre! 10. Erlebnis. 30.4.45.
Beinahe angeschossen.
Am Montag, dem 30.4.45 wollte ich mit meinem Freunde zur Vogelwiese gehen. Wir wollten zu dem dort liegenden, kaputten Auto gehen. Auch spielen wollten wir. Als wir auf der Vogelwiese ankamen, rannte ich zum Auto hin. Mein Freund war noch 50m hinter mir. Als ich am Auto ankam, rief mein Freund: "Volkert, komm!" Ich antwortete: "Was ist los?" Er rannte aber wie wild zurück. Ich wollte in's Auto einsteigen, da kam ein Amerikaner an. Er stand 30m vor mir. Ich bekam Angst. Er hielt das Gewehr im Anschlag. Ich hob sofort die Arme hoch. Dann ging ich zu ihm heran. Er fragte: "Was wolltest du da?" Ich antwortete: "Ich wollte im Auto spielen!" Dann sagte er: "Warte hier!" Nach einer Minute sagte er "Raus!" (von der Vogelwiese). Darauf ging ich weg. Mir schlug das Herz hoch, ich hatte starkes Herzklopfen. Bis nach Hause saß der Schrecken mir noch in den Gliedern. Ich habe mich sehr geärgert!

12 Jahre! 11. Erlebnis. Den 1. Mai 1945.
Auf der Vogelwiese.
Am Dienstag, dem 1.5.45 ging ich mit meinem Freund zur Vogelwiese. Wie freuten wir uns! Da standen ja an die 50 amerikanische Autos! Nun rannten wir. Da aßen die Amerikaner ihr Nachmittagsessen. Wir grüßten: "Good day!" Manche antworteten. An einem Soldat kamen wir vorbei. Diesen Grüßten wir. Als wir weitergehen wollten, rief er: "Boy!" Wir guckten uns um und sahen, dass er jedem einen großen Sahnebonbon reichte. Ich sagte: "Ei thenk yu." Wir freuten uns sehr. Nun gingen wir zu einigen Negern. Die hatten in eine Büchse Benzin geschüttet, und warfen ein Streichholz hinein. Darauf brannte das Benzin. Dann taten sie eine volle Büchse mit Nudeln darauf. Nach fünf Minuten nahmen sie diese wieder ab. Dann öffneten sie die Büchse und aßen die Nudeln so warm. Dann öffneten die Neger noch eine Büchse. Darin waren Süßigkeiten. Wie: Würfelzucker, Sahnebonbon, Obstbonbon und viele Plätzchen. Wir bekamen davon 1 Würfelzucker und einen Sahnebonbon. Wir bedankten uns. Auch hatten die Neger ein großes Feuer angemacht. Daran wärmten sie sich. Gegen halb 8 Uhr gingen wir fröhlich nach Hause. O, wie freute ich mich.

12 Jahre! 12. Erlebnis. Den 3. Mai 1945.
In der Wohnung eines Amerikaners
Am Donnerstag, dem 3. Mai 45 hatte ich ein schönes Erlebnis. An der Reichskrone stand ein amerikanischer Posten. Ich grüßte: "Good morning!" Er antwortete freundlich. Ich kannte ihn schon. Am 2. Mai waren wir auch schon in seiner Wohnung gewesen. Darauf gingen wir zu seiner Wohnung. Diese ist am Anfang der Weißenfelser Straße. Wir gingen hinein. Da sah es wüst aus! Da lag der ganze Tisch voll Weißbrot, Bonbons, Papier, Milch, Fleisch, Munition und anderen Dingen. Auf zwei Betten langen Zeitungen und Kästen. In einer Ecke standen 4 deutsche Gewehre. Wir grüßten ihn "Good morning". Eine freundliche Antwort erschall. Jetzt ging der Amerikaner daran, Fleisch zu zerschneiden. Er tat es in eine Pfanne, dazu Butter. Dann holte er einen Benzinkocher hervor und tat ein brennendes Streichholz daran. Es gab eine große Flamme. Dann setzte er die Pfanne daran. Nach 15 Minuten war das Fleisch fertig. Er kostete es. Dann gab er meinem Freund und mir ein Stück. "M", wie das schmeckte! Er aß das Fleisch auf. Dann ging er an eine Büchse. Nahm seine Gabel und holte ein Stück Pfirsich heraus und gab es mir. Nun ging er an's Aufräumen. Er gab uns 3 dicke Stücke Weißbrot. Dann sagte er uns, er hätte von seinem Bruder aus Japan Geld gekriegt. Die Briefmarke schenkte er mir. Jetzt fragte er meinen Freund, was er ihm für den Kompaß gäbe? Er wüßte es nicht, sagte er. Dann fragte er mich. Ich wußte nicht was. Er gab ihn mir aber einfach. Er gab uns noch einen Bonbon, dann gingen wir fröhlich nach Hause. O, wie freute ich mich.

Dr. Almut Hedemann, Hameln (1945)

Frühsommer 1945

Ich bin 13 Jahre alt und habe mein erstes selbstverdientes Geld in der Hand: 45 Reichsmark.

Hedemann_Puppe_300Seit Kriegsende fiel die Schule in der Kleinstadt Naumburg an der Saale aus. Die Gutsbesitzer aus der Umgebung suchten Helfer zum Rübenverziehen und Erbsenpflücken und schickten Trecker mit Anhängern, mit denen die Schüler auf die Felder gefahren wurden.

So kam ich zu Geld und meinem Traum, eine Käthe-Kruse-Puppe zu besitzen, näher.

Zu kaufen gab es damals nicht viel, was ein verspieltes Mädchenherz begehrte. Aber dann hörte ich, dass im 7 km entfernten Bad Kösen an bestimmten Tagen ab 6 Uhr in kleiner Anzahl Käthe-Kruse-Puppen verkauft würden. Aber wie sollte ich um diese Zeit da hinkommen, um mir meinen großen Wunsch nach so einem weiteren Puppenkind zu erfüllen? Meine Mutter hatte eine aufregende Idee. "Lass uns nachmittags hinfahren. Da klingelst du einfach an der Tür der Privatvilla und trägst deinen Wunsch vor!"

Meine kluge Mutter wartete auf einer Bank am Rande der alleeartigen Straße. Ich klingelte mit Herzklopfen, eine alte Frau öffnete die Tür und brachte mich zum Warten in ein ziemlich dunkles Wohnzimmer.

Dann kam Käthe Kruse. Ich habe sie klein, weißhaarig und dunkel gekleidet in Erinnerung. Sie hörte sich meine Geschichte an und sagte: "Da wollen wir mal sehen, was sich machen lässt." Sie verließ den Raum und kam sehr bald mit einem blonden Puppenkind namens Bärbel zurück. Wir wurden schnell handelseinig, und "zu zweit" kam ich überglücklich bei meiner Mutter wieder an.

Dr. Winfried Gisske, Osterburg (1948-1952)

Der Neue - Erinnerungen an das Domgymnasium

Am 18. Januar 1948 betrat ich in Begleitung meines Vaters Wilhelm Gisske das ehrwürdige Domgymnasium zu Naumburg. Wir waren für 8 Uhr beim derzeitigen Direktor Oberstudienrat Behne angemeldet, der uns auch schon auf der Treppe entgegen kam. Nach der Begrüßung per Handschlag gingen wir nun zu dritt den breiten Flur entlang, rechts befanden sich in regelmäßigen Abständen schmale Spitzbogenfenster. Am Ende Flures vor der letzten Tür blieben wir stehen, und der Direktor sagte mir, dass hier mein Klassenzimmer sei. Der Unterricht hatte schon begonnen, man hörte keinen Laut. Der Direktor klopfte an, wartete auf kein Herein, und wir betraten das Klassenzimmer, in dem sich der Deutschlehrer Herr Eller und 18 Knaben befanden. Ich wurde den Anwesenden namentlich als neuer Mitschüler vorgestellt. Mir wies Herr Eller einen Platz am Fenster in der vorderen Bankreihe zu, die als ungeliebt galt. Neben mir sass Rudi Klatt, der aber keine Notiz von mir nahm, da er den Augenblick der Unterrichtsunterbrechung als willkommene Gelegenheit benutzte, um mit dem Mitschüler Harald Haase sich per kleinem Zettel über ein Schachproblem auseinander zu setzen. Herr Eller, der auch der Klassenlehrer war, bat mich nun nach vorne zu seinem Pult, um meine Personalien in das Klassenbuch einzutragen. Im Klassenzimmer herrschte ein gespannte Ruhe, und ich glaubte, auf meinem Rücken die neugierigen Blicke zu spüren. Es war auch ungewöhnlich, dass in der Mitte des Schuljahres ein neuer Schüler eintraf, der in einigen Wochen 16 Jahre alt wurde und nun in die 8. Klasse aufgenommen wurde.

Hoch interessant verlief die folgende Stunde. Hier war die Lateinstunde angesagt unter der Regie des Lateinlehrers Dr. Fuhrmann. Nun tat sich ein gewaltiger Gegensatz auf, der Kopfschütteln und Ungläubigkeit bei meinen künftigen Mitschülern hervorrief. Meine Lateinkenntnisse beschränkten sich darauf, sagen zu können. “Gallus cantat, multi galli cantant”, Das zu deutsch heißt: „Der Hahn kräht, viel Hähne krähen.” Das lernt man in der ersten Stunde, und mehr konnte ich nicht, da mein privater Lateinlehrer in Weißenfels, von wo wir Ende Dezember 1947 nach Naumburg umgezogen waren, schon länger krank war. Meine neuen Klassenkameraden lasen den “Gallischen Krieg”, geschrieben von Julius Caesar, das Standardwerk für den Lateinunterricht seit Jahrhunderten. Diese Offenbarung stand wie eine fest gefügte Mauer zwischen mir und den anderen. Ich empfand mich als Fremdkörper und in den ersten Pausen bekam ich mit, dass die Kameraden mich auch so sahen, und die Fragen kamen logischerweise auf, was wohl dieser Knabe hier wolle, und wo kommt der überhaupt her. Die Lehrer wussten um meine Lage und sie akzeptierten mich als einen ganz normalen Schüler. Um die Riesenlücke im Fach Latein zu schließen, vermittelte Oberstudienrat Behne mir einen pensionierten Lateinlehrer, der sich vom l. Weltkrieg her mit einer schlecht sitzenden Oberschenkelprothese durchs Leben schleppte. Zu ihm in seine Wohnung ging ich viermal in der Woche nachmittags für eine volle Stunde und paukte mir Latein ein. Er gab mir auch Hausaufgaben auf, die ich in den Lateinstunden meiner Mitschüler erledigte. Diese Situation stand logischerweise einer Integration in die Klasse im Wege. Unser Lateinlehrer, Dr. Fuhrmann, mein Vater und der Oberstudienrat Behne hatten mir das Ziel gesetzt, bis zu den Sommerferien des Jahres 1948 den Anschluss an das Fach Latein zu schaffen. Eine Klasse tiefer gab es nicht mehr, denn wir waren der letzte Durchgang im Domgymnasium, das als Schule nach dem Willen der Machthaber geschlossen werden sollte. In den übrigen Fächern “schwamm” ich mühelos mit, ohne zu Höchstleistungen aufzulaufen, aber die Integration in die Klasse war bis zu den Sommerferien noch vollzogen. Wir schafften alle die Versetzung in die nächst höhere Klasse, und mit Beginn des neuen Schuljahres änderte sich sehr schnell der Umgang mit mir. Wir begannen Griechisch zu lernen, und da waren wir alle gleich, und, wie schon erwähnt, ich hatte den Anschluss an das Lateinniveau geschafft. Sehr schnell entwickelte sich eine Freund- und Kameradschaft wie sie heutzutage selten geworden ist. Ein Beispiel möge dies untermauern. 1949 wurde die sogenannte Schulspeisung eingeführt. Das Bereiten einer Mahlzeit im Domgymnasium war nicht möglich, und so kam es, dass wir 3 mal in der Woche, montags, mittwochs und freitags, ein dunkles Vollkornbrötchen ausgeteilt bekamen. Es ist für die heute lebenden jungen Menschen nicht vorstellbar und auch nicht beschreibbar, was dieses Brötchen für schöne Gefühle auslöste. In unserer Klasse waren 5 Mitschüler, deren Eltern in der näheren Umgebung eine Landwirtschaft betrieben. Diese Schüler hatten natürlich jeden Tag ein ordentliches und ausreichendes Frühstück mit und verzichteten auf das Vollkonbrötchen zu Gunsten der 13 anderen. Nach einem von unserem Mathe - Ass entwickelten Zahlenschüssel bekam jeder der 13 Kameraden etwa jeden 3. Tag 2 dieser Brötchen. Ein unheimlich schönes Gefühl, für ein oder zwei Stunden den Magen nicht mehr knurren zu hören.

Ich bin Jahrgang 1932 und in Düsseldorf am Rhein geboren. Meine Mutter war eine Jüdin aus Holland. Sie hatte den Zollbeamten Wilhelm Gisske, der an der deutsch - holländischen Grenze seinen Dienst versah, kennen und lieben gelernt, ihn nach ihrer Konvertierung zum evangelischen Glauben geheirat und mit nach Düsseldorf gezogen war. Das Leben einer solchen Familienzusammensetzung war in den Jahren der Naziherrschaft sehr schwer. Mein Vater, der inzwischen zur Kriminalpolizei gewechselt war und es bis zum Kriminaloberassistenten geschaft hatte, lehnte mehrere Aufforderungen, sich von der jüdischen Ehefrau scheiden zu lassen, ab. Der Druck wurde erhöht, und staatlicherseits wurde die räumliche Trennung angeordnet, indem mein Vater nach Weißenfels/Saale strafversetzt wurde. Die Repressalien steigerten sich und endeten in der Entlassung aus dem Staatsdienst Anfang des Jahres 1941. Den Unterhalt für die Familie verdiente er durch Pförtnertätigkeit in einer Weißenfelser Eisengießerei. Bei dieser Tätigkeit kam es zum freundlichen Umgang mit französischen Kriegsgefangenen, die in diesem Werk zur Zwangsarbeit eingesetzt waren und die er nicht nur mit ihrer Post von Hause versorgte, sondern auch mit Nachrichten vom Sender BBC London. Mein Vater beherrschte die französische Sprache recht gut, da er im l .Weltkrieg 4 Jahre an der Westfront als Leutnant der Bonner Husaren gewesen war. Er wurde angezeigt und kam nach Sitzendorf in Thüringen, wo eine Außenstelle des Konzentrationslager Buchenwald war.

Ich besuchte in Weißenfels die Volksschule bis 1942 und da meine Leistungen gut waren, wechselte ich ab Herbst dieses Jahres in die Oberschule, die ich aber nach 6 Wochen wieder verlassen mußte, “denn ein Halbjude brauche keine Oberschulbildung und kein Abitur”, so lautete die Begründung. Ich ging nun weiter in die Volksschule bis zum November 1944. Da erhielten meine Mutter und ich die persönlich überbrachte Aufforderung, sich in Halle /Saale bei der Gestaposammelstelle einzufinden. In Halle auf dem Bahnhof, nach dem wir die Sperre passiert hatten, geschah ein Wunder. Ein großer Mann kam auf mich zu, nahm mein Bündel und sagte: “Du gehst jetzt mit mir, hab’ keine Angst und stelle keine Fragen!” Die Mutter habe ich in diesen Sekunden aus den Augen verloren und erst am 24. Juni 1945 wieder gesehen. Den Rest des Tages verbrachte ich in einem Abstellraum eines Labors im pharmakologischen Institut der Martin-Luther-Universität. Es war schon lange draußen dunkel geworden, als derselbe Mann, der mich am Bahnhof in Empfang genommen hatte, aus dem Verschlag holte und mit mir zum Bahnhof mit der Straßenbahn fuhr. Mit einem Personenzug, der einmal auf freier Strecke länger halten mußte, weil allierte Bombenflugzeuge einen Einsatz in Mitteldeutschland flogen, ging nach Beesenstedt, einem kleinen Dörfchen zwischen Halle und Eisleben. Im Zug saßen wir in einem Abteil alleine, und hier begann die Aufklärung über die jetzige und zukünftige Situation. Ich erhielt einen anderen Namen, galt als Waise aus dem zerbombten Erfurt, und erfuhr einiges über die Familie, die mich nun aufnahm. Die Lage, in die ich nun als 12 jähriger gekommen war, hatte viele Unannehmlichkeiten hinsichtlich Ernährung, Kleidung und Bewegungsfreiheit, am schlimmsten war das Heimweh. Die Beschreibung des Aufenthaltes dort würde den Rahmen dieses Berichtes sprengen, sollte vielleicht an anderer Stelle ausführlich beschrieben werden, denn es ist unter anderem ein Ausdruck des Willens zum Überleben und eine Manifestation von Zivilcourage und Mut der Menschen, die mich aufnahmen und versteckten in einer selbstlosen Art, die es in dieser schrecklichen Zeit sehr selten gab. Im Februar 1945 mußte ich meine Gastgeber in Beesenstedt verlassen. Es hatte sich eine nahe Verwandte, die aus Breslau vor den anrückenden russischen Truppen flüchten mußte, angemeldet. Sie war bekannt als fanatische Hitleranhängerin und die Familie mußte eine Denunziation durch sie befürchten und so mußte ich aus dem Haus. Ich wanderte an Hand einer kleinen Wegskizze nach Wettin an der Saale, suchte die mir benannte Familie auf. Dort kam ich unter und wurde ein freier Mensch, als am 4. April amerikanische Panzer durch die Straßen rollten. Nach Hause konnte ich aber erst am 24. Juni, denn vorher fuhr kein Zug. Seit dem Jahr 1945 feiere ich am 24. Juni immer meinen 2. Geburtstag. Mein Vater war inzwischen zum Leiter der Kriminalpolizei in Weißenfels eingesetzt, wurde im Herbst nach Naumburg versetzt und konnte zum Jahresbeginn 1948 die Familie nachkommen lassen. Wir zogen in den Freien Blick. Meine Schulbildung lag sehr im Argen, denn in den ersten Nachkriegsjahren fehlte es an Lehrern, an Schulräumen, an Kohlen zum Beheizen derselben, so dass der Unterricht sehr oft ausfiel, worüber wir Schüler uns natürlich freuten. Und nun stand am 18. Januar 1948 diese kleine Häufchen Mensch unterernährt, hohlwangig, schlecht gekleidet und nickelbrillenbehaftet in einem Klassenzimmer des Domgymnasiums. Es gab in den ersten Wochen kaum Kontakte zu den Mitschülern. Sie empfanden mich fast wie einen Fremdkörper, der nicht in ihre Welt zu passen schien. Ich hatte aber auch ein ähnliches Gefühl. Eine kleine Anerkennung erfuhr ich beim Schulsport. Die Sportanlage und die Turnhalle des Domgymnasiums in den Moritz-Wiesen wurde von sowjetischen Soldaten benutzt und waren so für uns Schüler nicht nutzbar. Daher beschränkte sich der Sportunterricht auf das sogenannte Völkerballspiel auf dem Domhof, wenn es das Wetter erlaubte. Ich konnte den schweren Ball recht gut fangen, was sehr oft zum Sieg meiner Mannschaft führte. Die Anerkennung merkte ich daran, daß ich bei der freien Wahl der Mannschaften sehr früh benannt wurde.

Bei anderen Aktivitäten außerhalb des Unterrichtes wurde ich übergangen. So mußte jede Klasse zum Abschluß des Schuljahres vor den Sommerferien eine kleine Theateraufführung bringen. Unser Deutschlehrer, Herr Eller, studierte mit uns eine kleine Szene aus Schillers “Wilhelm Teil” ein. In der Szene erhielt ich lediglich eine Statistenrolle ohne Text. Das tat mir weh, denn ich hatte einen Hang zum Theaterspielen, zumal ich in meiner Weißenfelser Nachkriegszeit im Rahmen der “Jungen Gemeinde” in einer Laienspielgruppe aktiv gewesen war.

Ein schönes Erlebnis bestand im gemeinsamen Besuch der Tanzschule im Herbst 1951. Unter der Anleitung der Tanzlehrerin Frau Mathilde Döhring trafen wir uns jeweils donnerstags um 15 Uhr im Saal des Naumburger Ratskeller. Die ersten Stunden dienten dem Unterricht in Sachen des Herrn Knigge, und dann folgte das Einüben der Tanzschritte ohne Partnerinnen als sogenannte Trockenübungen in Analogie zum Schwimmunterricht. In der 3. Stunde kam das große Ereignis, Tanzübungen mit Damen. Unsere Schüchternheit und die Ehrfurcht vor den Damen schlug sich nieder in glühenden Ohrläppchen, in schweißnassen Händen und in klopfenden Herzen. Es war himmlisch schön und aufregend zugleich. Wir alle absolvierten den Unterricht mit Bravour und Anstand. Höhepunkte dieses Kurses waren das Kaffeekränzchen in der Mitte des Kurses und der Abschlußball im Dezember 1951 mit und vor unseren Eltern. Während der Monate, in denen wir an diesem Unterricht teilnahmen, zeigten alle unsere Lehrer Verständnis und Toleranz, in dem sie auf Hausaufsätze und große Klassenarbeiten verzichteten. Im Gegenzug sagten wir Schüler für die Zeit nach dem Abschlußball intensives Lernen und Aufmerksamkeit zu. So brachten uns unsere Paedagogen nahezu spielerisch bei, daß das Leben ein gegenseitiges Geben und Nehmen ist, wobei der philosophische Grundgedanke der Antike “Nichts im Übermaß” oberste Priorität haben muß. Mit Beginn des Jahres 1950 wurde der politische Druck von Seiten der Machthaber in alle Bereiche des öffentlichen Lebens hinein immer stärker und machte auch vor dem Schulwesen nicht halt. Unzufriedenheit mit der wirtschaftlichen Lage und Repressalien gegen jeden, der Gedanken äußerte, die nicht mit der SED-Ideologie übereinstimmten, führten zum Weggang vieler Menschen in die neu gegründete Bundesrepublik Deutschlands. In der Schule merkten wir das daran, dass besonders nach Ferien die Zahl der Schüler kleiner geworden war.

Wir merkten im Domgymnasium von den sich immer stärker entwickelnden politischen Problemen zunächst nichts. Die relative Selbständigkeit des Domgymnasiums paßte nun nicht mehr in das sozialistische Schulsystem und da die Organisation “Freie Deutsche Jugend” so gut wie keinen Anklang bei uns Domschülern fand, wurde das Domgymnasium im Sommer 1951 geschlossen, und mit dem Übergang zur 11. Klasse wurden wir in die Oberschule neben der Post eingegliedert. Dabei mußten wir Abschied unter anderem nehmen von unserem Deutschund Klassenlehrer Eller. Er ging in den Ruhestand. Wir waren ein wenig traurig, denn wir alle, ohne Ausnahmen, schätzten an ihm seine sanfte Stimme, die nie laut geworden war im Umgang mit 17 pubertierenden Knaben. Ich denke gerne an ein von ihm uns aufgegebenes Hausaufsatzthema, für dessen Bearbeitung er uns zwei Wochen Zeit ließ. Das Thema lautete: “ Freiheit ist ein edler Wein, aber nur Dumme betrinken sich daran.” Mein Hausaufsatzheft ist noch in meinem Besitz, und mit einem Schmunzeln in meinem Gesicht lese ich gerne die Beurteilung von Herrn Eller: “Die Schrift des Verfassers ist an der Grenze der Lesbarkeit und stellt fast eine Zumutung dar. Das Thema ist gut begriffen und sehr gut dargestellt. Der Wert der Arbeit wird neben der üblen Schrift durch einen hölzernen und gelegentlich gespreizten Stil gemindert”. In angenehmer Erinnerung habe ich unter anderem den Lehrer Dr. Meyer. In der neuen Schule war er in unserer Klasse für das Fach Geschichte zuständig. Da gab es kaum langweilige Geschichtszahlen zu hören, er zeigte uns historische Zusammenhänge auf mit ihren Reflexionen auf unsere Gegenwart, in der wir lebten. So half er uns, dem Druck der herrschenden Macht stand zu halten, uns auch gelegentlich anzupassen, aber vor allem dem System DDR mit kritischem Blick zu begegnen.

Der schnelle Rhythmus der damaligen Zeit brachte uns voran, und wir näherten uns dem Abitur im Jahre 1952. Im April diese Jahres brachten wir unter strenger Aufsicht die schriftlichen Arbeiten in den Fächern Deutsch, Latein, Griechisch und Mathematik hinter uns. Bis Mitte Juni gab es keine schulischen Pflichten mehr und in kleinen Gruppen, die sich gebildet hatten, bereiteten wir uns auf die mündlichen Prüfungen vor, wobei jeder offiziell Kenntnis hatte in welchen Fächern er vor die Prüfungskommission treten mußte. Wir waren alle sehr optimistisch, nur eine unumgängliche Tatsache gefiel uns allen nicht. Die FDJ-Leitung der Oberschule hatte angeordnet, die mündliche Prüfung müsse im Blauhemd der FDJ angelegt werden. Eine Weigerung hätte den Ausschluß von der Prüfung zur Folge gehabt, also liehen wir uns derartige Hemden aus, und ich weiß noch ganz genau, dass das von mir getragene Hemd etliche Nummern zu groß war und ich sehr hilflos darin “gerudert” bin. Der Montag, der 23. Juni 1952 war dann gegen 15.30 Uhr der große Moment. Nach 51 Jahren ist es sehr schwer, vielleicht auch unmöglich, noch einmal das Gefühl zu beschreiben, daß wir in den Tagen nach der Prüfung hatten. Fest in Erinnerung ist jedoch, daß wir eine ganze Woche gefeiert haben. Am Abend des Prüfungstages besuchten wir die Eltern der Mitschüler, die in der Stadt Naumburg wohnten und nahmen deren Glückwünsche entgegen. Die Eltern, die außerhalb, verteilt im gesamten Kreisgebiet wohnten, machten das Portemonnaie auf und mit der für die damalige Zeit beachtlichen Summe feierten wir im “Parkschlößchen” im Bürgergarten beim Wirt, Herrn Mohrmann. Das “Parkschlößchen” war unsere Stammkneipe, in der wir uns gelegentlich, wenn es das Taschengeld erlaubte, zu einem fröhlichen Skat bei Bier und Bockwurst trafen. Eine besonders schöne Feier, die auf meine Initiative zurück ging, fand in Kleinjena statt. Auf einer Anhöhe, etwas außerhalb des Dorfes, fand eine Autodafé statt. Das ist ein Feuer, in dem ungeliebte Hefte und Bücher aus der gesamten Schulzeit verbrannt werden. Leicht alkoholisiert tanzten wir um das fast mannshohe Feuer, ausgelassen wie eigentlich nur Kinder sein können. Wir waren im Schnitt 18/19 Jahre alt, und nur ich hatte die 20 schon erreicht. Einen Nachmittag in dieser “Festwoche” hatten wir unsere Lehrer, die uns so erfolgreich zum Abitur geführt hatten, zum Umtrunk auf die Rudelsburg bei Bad Kösen eingeladen. Nun stellte das Schicksal die Weichen. Fast die Hälfte von uns verließen Naumburg in Richtung Bundesrepublik, denn sie hatten unverständlicher Weise keinen Studienplatz im Osten bekommen. Ich hatte den Vorzug, als anerkanntes Opfer des Faschismus im Rahmen der Wiedergutmachung sofort einen Studienplatz an der Martin-Luther- Universität in Halle zu erhalten.

Jetzt bin ich 70 Jahre alt, habe erfolgreich einen schönen Beruf ausgeübt. Meine Schulzeit in Naumburg mit ihren schlechten und den vielen guten Erfahrungen haben meine humanistische Weltanschauung geprägt, die mir im Beruf immer wie eine unsichtbare Nabelschnur vorkam. Meine Naumburger Lehrer haben mir gezeigt und vorgelebt was Toleranz ist, wie man sie durchlebt und mit ihr lebt, aber auch lehrte man mir Durchsetzungsvermögen ohne anderen Menschen weh zutun.

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