Nachkriegszeit

Barbara von Poschinger (1947-1957)

Ernste Probleme

Mit fünf Jahren, 1947, war ich eingeschult worden. In dieser Zeit fing meine Mutter in der Klinik Schiele als medizinisch technische Assistentin (MTA) im Labor an zu arbeiten. Die Klinik Schiele blieb die einzige Privatklinik der DDR. Schichtdienste, Wochenenddienste, ich habe meine Mutter damals selten zu Gesicht bekommen. Um so intensiver waren die wenigen freien Tage, die wir miteinander verbracht haben. Ausflüge zu Saale und Unstrut, nach Bad Kösen oder in den Harz zum Kyffhäuser sind unvergessen.

Meine Mutter, auch die meisten der Paßows, waren überzeugte Christen in einer engagierten Gemeinde in St. Othmar. Erst mit etwa vier Jahren wurde ich getauft und so erinnere mich an dieses Ereignis. Ich trug ein hellblaues Kleid, an dessen seidigen Stoff ich mich heute noch erinnere. Auch an die Weihnachtsmetten und Andachten und die Flirts von Empore zu Empore mit den Jungens auf der anderen Kirchenseite. Oder die eisig kalten Gottesdienste am Ostersonntag unter freiem Himmel auf dem Friedhof, wenn Pastor Böhm im schwarzen schlichten Talar beim Aufgehen der Sonne seine Hände erhob: “Hölle, wo ist Dein Stachel, Tod, wo ist dein Sieg...” In diesem Moment habe ich verstanden, was mit der Auferstehung gemeint war. Später dann, als Teenager mit meinen Zweifeln am Sinn des Glaubens, hat mich der Pastor bei der Stange gehalten. Pastor Böhm ist mir unvergesslich mit seiner ruhigen, bestimmten, sehr aufgeschlossenen Art.

Wir wurden älter, die Probleme nahmen zu. Politik spielte immer eine Rolle. Ich war begeisterte junge Pionierin, was meine Mutter mit Skepsis beobachtete. Spöttisch hob sie den Zipfel meines blauen Halstuches hoch: “Bei uns war das schwarz, heute ist es blau, dämmert‘s dir?” Es dämmerte mir nicht.

Poschinger_Radfahren_1955Radfahren im Jahr 1955Bei einem Ausflug mit seinen Freunden fand mein Bruder einen Packen Flugblätter. In einer Nacht und Nebelaktion vom CIA abgeworfen. Er war vierzehn Jahre alt. Die Volkspolizei holte ihn abends zum Verhör. Er blieb die ganze Nacht in Gewahrsam. Beim morgendlichen Fahnenappell musste ich vortreten. Ich wurde vor allen Schülern und Lehrern gerügt, weil mein Bruder eine schändliche Dummheit begangen hatte. Erst einen Tag danach kam er wieder frei. Meine Mutter schrieb einen Beschwerdebrief an Wilhelm Pieck und erhielt eine kurze abschlägige Antwort.
Von jetzt an drangsalierte man sie, verweigerte man mir und meinem Bruder die Oberschule. Wir standen unter Beobachtung. Und jede pubertäre Dummheit, jeder Streich wurde doppelt gewogen. Es kam zur Anklage gegen meinen Bruder und gegen meine Mutter. Beide reisten nach Brandenburg ab. Es vergingen Wochen, ohne dass ich etwas von ihnen hörte. Ich ging wie immer zur Schule, bis eines Tages meine leibliche Tante aus Weißenfels abends in der Buchholzstraße auftauchte. Nur das Nötigste durfte ich mitnehmen. Ich nahm Abschied von meinen geliebten Paßows, von Tante Dotty. Es war mir nicht bewusst, dass es für eine lange Zeit sein würde. Früh am Morgen brachte mich meine Tante zum Bahnhof und wir fuhren nach Berlin, stiegen in die S-Bahn und kamen über die Friedrichstraße nach Westberlin. Das war im Frühjahr 1957. Einige Stunden später stand ich meiner Mutter und meinem Bruder im Flüchtlingslager Berlin Marienfelde gegenüber. Meine Kindheit war beendet.

Dr. Ernst-Joachim Meusel, Rohrbach/Ilm (um 1947)

Naumburger Tanzstunde in der Nachkriegszeit

Selbst während des Krieges wurde in Naumburg noch hin und wieder Tanzunterricht erteilt, obwohl ab 1943 schon 15- bis 16jährige Schüler als Flakhelfer eingezogen und in der Nähe von Leuna stationiert waren. Ein paar in Naumburg verbliebene Pennäler oder junge Fronturlauber aber nahmen gern die Gelegenheit wahr, auf solche Weise zarte Kontakte zu den Lyceums-Schülerinnen zu knüpfen. Unterricht erteilte Frau Hölzer-Hallmann, eine resolute Witwe in den 60er Jahren, die zwar ein wenig gehbehindert war, aber leichtfüßig die wichtigen Grundschritte vorzutanzen verstand. Mindestens ebenso wichtig war ihr der sog. “Anstandsunterricht”, in dem die - für das noch immer konservative Naumburg - wichtigen Etikette-Fragen geklärt wurden.

Itte Niehoff, Bärli Cornelius, Heidi Schliephacke beim Maskenball Itte Niehoff, Bärli Cornelius, Heidi Schliephacke beim Maskenball Unmittelbar nach dem Kriege aber bekam Frau Hölzer-Hallmann Konkurrenz durch das deutlich jüngere und modernere Ehepaar Erich und Mathilde Döring. Sie hatten bald Naumburgs Tanzparkett erobert und sollten es über viele Jahre erfolgreich beherrschen.

Schwerpunkt waren die Schülertanzstunden für Anfänger und Fortgeschrittene, die - streng getrennt - für Domgymnasiasten und Realschüler erteilt wurden. Es hieß, dass sich “die Schönsten im Lande” vor allem zum “Dom” hingezogen fühlten.

An zwei Abenden in der Woche gab es Unterricht, an dessen Ende auch die zahlreichen Zaungäste “mitschwoofen” durften. Zwei “Tanzkränzchen” und der “Abschlussball” bildeten die Höhepunkte des halbjährigen Kursus. Zu ihnen “engagierte” der Jüngling die Dame seines Herzens, sofern sie noch nicht vergeben war und er sich aus dem “Restbestand” bedienen musste.

Gelegentlich aber hatte das Herz zu schweigen, weil der Magen knurrte. Es waren die Jahre, in denen oft bitter gehungert wurde. Da fiel dann auch schon mal der Blick auf die “Dorfschönheiten”, die zu Kränzchen und Ball die reichhaltigsten Torten zu kredenzen pflegten. Freundeskreise planten strategisch: je zwei luden nahrhafte Bauerntöchter ein, die beiden anderen durften nach “Herzenslust” engagieren, beim nächsten Mal umgekehrt - so war jeder Achtertisch an Leib und Seele gut versorgt. Unbeobachtet konnte man sogar dem befreundeten Zaungast ein Stück ländlicher “Buttercremetorte” (damals der kulinarische Höhepunkt!) vor der Tür des Restaurants “Bürgergarten” zustecken.

Kritisch war die Kleiderfrage. Vor allem für die jungen Herren, die in die Anzüge und Schuhe ihrer Altvorderen - noch nicht oder nicht mehr - hineinpassten. Zu kaufen gab es höchstens mal ein Paar Holzpantinen, die ganz Pfiffige durch schwarze Schuhcreme zu verfeinern und zu kaschieren suchten; vergeblich: die Schmiere stank so entsetzlich, dass sie bei den jungen Damen jeden Appeal einbüßten. Diese wiederum hatten es leichter, weil sie sich Kleider ihrer Mütter umarbeiten oder auch schon mal aus Gardinenstoff eine Ballrobe nähen konnten. Auf manchem Dachboden fanden sich allerliebste Kostüme aus dem Fundus der Großeltern, die für den Maskenball geeignet waren. Zu solcher “Aufmachung” passten auch einige der Tänze, die Dörings ihren Schülern beibrachten. Das waren nämlich nicht nur die Standardtänze, wie Walzer, Foxtrott und Tango, sondern auch noch Rheinländer, Kreuzpolka, Marsch und Quadrille. Den Höhepunkt der Modernität aber bildete der Swing, der jedoch erst zum Ende der Unterrichtsstunde oder des Balles in aller Ausgelassenheit getanzt werden durfte. Unter den Zuschauern befanden sich nicht nur ehemalige und künftige Tanzschüler, sondern bei Bällen und Kränzchen auch die Mütter, die von einer Estrade herab, auch “Drachenfels” genannt, liebevoll-argwöhnisch ihre Kinder beäugten. Zum Maskenball erschien auch schon mal einer der jüngeren Lehrer, z. B. der allseits beliebte Musiklehrer Dr. Walter Haacke, in phantasievollen Kostümen, angehimmelt von den jungen Damen, deren Gunstverlust mancher der Schüler befürchtet haben mag. Bei einem dieser Schülerbälle hat Haacke dann auf dem Stimmungshöhepunkt selbst zum Schlagbass gegriffen und “mitgejazzt”, was den ihm übelgesonnenen Kommunisten Anlass zu einer publizistischen Hetzkampagne mit der Forderung auf Entlassung aus dem Schuldienst bot.

Ursel Becker, Dr. Walter Haacke, Hans-Herman OehringUrsel Becker, Dr. Walter Haacke, Hans-Herman OehringAn dem einem Ball oder Kränzchen folgenden Tag fand der sogenannte “Katerbummel” statt, obwohl es mangels Alkohols gar keine echten “Kater” gab. Solche Ausflüge führten nach Großjena oder zum Rektorberg, wo fröhlich weiter gefeiert wurde. Hier kam es denn auch schon mal vor, dass die sonst züchtigen Tanzspiele leicht orgiastische Züge annahmen: in der Tanzstunde bewegten sich die Damen zu Marschmusik in einem inneren Kreis in die eine Richtung, die Herren in einem äußeren Kreis in die andere Richtung und fanden bei plötzlichem Aussetzen der Musik ihren Partner für den nächsten Tanz. Beim Katerbummel durfte man die in der Marschpause vorgefundene Dame nicht nur betanzen, sondern - wenn man Glück hatte - auch küssen. Das galt als verrucht.

Ein wenig überschattet waren die Tanzstunden dadurch, dass man sich - und vor allem die Tanzstundendamen - auf dem spätabendlichen Heimweg vor angetrunkenen russischen Soldaten rechtzeitig in Sicherheit bringen musste. Da gab es manche gefährlichen Situationen.
Obgleich die Lebensumstände sehr beengt waren: die Naumburger Tanzstunde in der Nachkriegszeit hatte für die Beteiligten vorwiegend fröhliche Seiten. Sie schweißten so zusammen, dass man sich noch heute nach fast 50 Jahren ein um das andere Jahr zum Wiedersehen verabredet: vor der “Wende” in Glashütten im Taunus, seitdem im geliebten Naumburg.

Hanns-Werner Merkelbach, Kunheim (Frankreich) (1954)

Der Badevertrag

Naumbg. S. d. 10.9.1954

Entschließung zur gemeinsamen Badung. Nach langen Debatten auf der heutigen 2. Hofpause u.s.w. haben sich die Unterzeichneten zur Aufgabe gestellt, gemeinsam solange zu baden, bis es in der hiesigen Saale wegen allzugroßer Kühle im Wasser nicht mehr möglich ist, die Gesundheit aufs Spiel zu setzen. Das Fernbleiben eines Unterzeichneten vom Baden ohne Entschuldigung beim anderen wird durch eine Rüge des anderen Badepartners bestraft.
Proaspiranten-Kandidat Zippel
Proaspirant H.W. Merkelbach


Merkelbach Badevertrag1 400

Dieser Vertrag zwischen dem Proaspiranten Merkelbach und dem Proaspirantenkandidaten Zippel wurde strikt eingehalten. Wir fuhren mit dem Rad bei jedem Wetter an allen Wochentagen zur Saale und badeten dort nackt. Wir ließen uns von der Strömung treiben und gingen in der Nähe von einem Bootshaus wieder aus dem Wasser.

Eines Abends wurden wir dabei von den Ruderern gesehen und ich wurde offensichtlich erkannt. Als ich etwa eine Stunde danach mit meiner Tanzstundendame die Gastwirtschaft am Güterbahnhof (Ende der Burgstraße, links) aufsuchte, waren die Ruderer auch da. Sofort lief am nächsten Tag das Gerücht durch die Schule, ich hätte abends nackt mit diesem – in diesem Falle – unschuldigen Mädchen gebadet.

Wir (Freund Zippel und ich) haben bis etwa 7 Grad Wassertemperatur durchgehalten. Dann wurde die Badesaison für beendet erklärt.

AC bedeutet Aspiranten-Club. Dieser Club (Mitglied unter anderem Ekkehard Hahn) war als Vorbereitung auf das Abitur gegründet worden. Ich wurde – als ein um ein Jahr Jüngerer – zum Proaspiranten ernannt. Ich wiederum nahm meinen Freund Zippel als Proaspirantenkandidaten auf. Hierarchie muss sein.

Es folgt der Vertrag der Saisonbeendigung:

In der Schule am 11.10.1954.
Heute fassten die Mitglieder des A. C. den wahrhaft großen Entschluss, die Badesaison für dieses Jahr zu beenden, da es die Gesundheit aller Mitglieder nicht zulässt, weiter der Abhärtung wegen unseren Körper den Wellen als Opfer darzureichen.
Bis zum nächsten Jahr
Proaspiranten-Kandidat Zippel
Proaspirant Merkelbach

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Hanns-Werner Merkelbach, Kunheim (Frankreich) (1954)

Wilde Zeiten

Von der Moritzstrasse über den Othmarsplatz kommt man in die Salzstrasse. Gleich am Anfang der Salzstrasse rechts war ein Friseur. Den Namen habe - mit Recht, wie man sehen wird - vergessen. Im Jahre 1948 kam ich aus Bad Bibra nach Naumburg “in Pension” und besuchte die Diesterweg-Schule, die umschichtig mit der Salztorschule im Gebäude letzterer betrieben wurde. Meine Familie, bei der ich in “Pension” war, lebte in der Kösener Strasse.

Auf dem Weg ins Ferienlager Stadtroda, 1954Auf dem Weg ins Ferienlager Stadtroda, 1954Eines Tages wurde ich zum Friseur geschickt und stolperte in dieses oben beschriebene Geschäft. Da man mich “scheißfreundlich” behandelte, fasste ich Vertrauen und lies mich vom Friseur ausfragen:

“Na. mein Junge, wo kommstn her?” “Aus Bad Bibra.” “Ach, un da jehst wohl in Bad Bibra och zum Haareschneiden?” „Ja, bei Friseur Hörich.” “Na, wie wern denn da die Haare jeschnittn?” “Na, wie wern sen jeschnitten wern. Wie bei Ihn och.” “Ach, un ich hatte jedacht, De grichst n Nachttopp offn Kopp un alles was raufguckt werd abjeschnitten!”

Ich bekam eine schamviolette Gesichtsfarbe und schwieg ab sofort, zahlte die Rechnung und verließ diesen Laden - für immer. Wenn ich später vorbei ging, habe ich noch nicht einmal in das Schaufenster geschaut. Ein Hundsfott, dieser Friseur.

Kunst und Bier

Ich erinnere mich, dass wir (einige Schulkameraden und ich) in einer Aufführung des Stückes “Thomas Müntzer” als Stadtsoldaten auftraten. Wir standen tonlos herum und im dritten Akt flohen wir vor dem aufgebrachten Volk. Alle flüchteten - bis auf “Wim”, mein Klassenkamerad Wilhelm vom Marientor. Der blieb und setzte sich zur Wehr. Keine Regie hatte dazu Anweisung gegeben - aber nachdem er es einmal gemacht hatte, musste er diese tapfere Tat auch bei den nächsten Aufführungen wiederholen - und bekam jedes Mal fürchterliche Prügel vom Volk (Mitglieder einer anderen Klasse unserer Schule). Anschließend haben wir das abendliche “Gage” (waren es M 3,- ??) in der Zille-Stube verzecht. Der große Tisch, gleich wenn man rein kam gegenüber an der Wand, war von Schröder schon freigehalten worden. Oder - es sassen schon Freunde und Freundinnen dort, die auf die größeren Geldmengen warteten. Auf mich wartete Claudia. Sie trank gern und reichlich Pilsener - für mich blieb dann höchstens noch ein halber Liter Bier. Und ich hatte sooo Durst! Eine Tages kam ich in die Zille-Stube und wurde von Schröder mit der Frage überrascht: “Weest De schon, dass mer in Naumburg eene Werft ham?” “Nee, wo en?” “Na, in der Henne-Brauerei. Die machen jetzt ‘Kriegsschiffe’!”

Der Pflegevogel
Im Winter hatte ich in Bad Bibra abends auf der Ladestrasse einen fast erfrorenen, also nahezu bewegungslosen, schwarzen Vogel gefunden. Ich nahm ihn behutsam in meine handschuhbewehrten Hände und brachte das Tier nach Hause. In der Küche setze ich ihn ab - das Tier begann gänzlich aufzutauen und verkroch sich unter dem Küchenschrank. Meine Mutter war begeistert und verlangte, dass das Vieh sofort entfernt werden müsse. Es gelang mir unter Aufbietung meines gesamten kindlichen Charmes meine gestrenge Mutter zu davon überzeugen, dass das Tier noch bis zum Sonntag in der Küche bleiben könne. Ich würde es dann mit nach Naumburg nehmen. Das tat ich dann auch und brachte den Vogel noch am Abend zur Zille-Stube. Herr “Haupt-ist-mein-Name” hatte im kleinen Hof hinter der Scheibe am Tresen einen Tierpark. Und dort wurde auch dieses Tier untergebracht. Am Montag nach der Schule und dem Mittagessen ging ich natürlich zu meinem Vogel und wurde von Haupt und Schröder freudig empfangen. Wir gingen an den Stehtisch rechts in der Ecke hinter dem Tresen und nahmen einen Schnaps und ein Bier. Das Tier musste getauft werden. Es war ein Blässhuhn aus der Familie der Sumpfhühner und sollte “Hansi” heißen. Einige Wochen später - abends - wurde ich wieder an diesen Tisch in der Ecke gerufen, der vom Lokal nicht einsichtig war. Wieder kamen die Beiden mit Schnaps und Bier. Mit schrecklicher Mine und stockend wurde mir verkündet: “Hansi ist nicht mehr.” Trotz bester Ernährung und Pflege hatte sich der Wasservogel in dem trockenen Hof allein wohl doch nicht entwickeln können und war einsam verstorben. Wir haben gehörig “über sein Grab geschossen”. Es war ein schrecklicher Abend.
Als Knabe in der Mädchenpension
Gelegentlich bat mich Schröder, auch nach Schließung des Lokals dazubleiben. An diesen Tagen kamen Kellner und andere muntere Knaben aus anderen Lokalen und spielten mit Haupt hinten links (wo die Tür zur Toilette war) am runden Tisch (?) Glücksspiele. Da Haupt den ganzen Abend (und sicherlich auch tagsüber) gewissenhaft die Qualität des von ihm gezapften Bieres prüfte, war er nächtens schon mal etwas unbesonnen und unvorsichtig. Da Schröder aufräumen musste, bat er mich, ein Auge auf seinen Chef zu werfen und aufzupassen. Wenn er dann fertig war, übernahm er und ich trabte durch die dunkle, menschenleere Stadt (Marienstrasse und dann Burgstrasse) in meine damalige Unterkunft. Ich wohnte als einziger Knabe in einer Mädchenpension in der Burgstrasse. Selbstverständlich weit entfernt von den Mädels. Die schliefen in der abgeschlossenen Wohnung parterre und ich hatte ein Zimmer im zweiten Stock für mich allein. Später zog noch ein mit mir befreundeter Lehrer zu mir, der in Bibra auch in unserem Hause mit seinen Eltern wohnte. Die gemeinsame Toilette von den Mädchen und uns war außerhalb der Wohnung im Parterre. Die Mädels, die mir wohlgesonnen waren, ließen dann nachts ein Fenster in der Toilette angelehnt und unverschlossen, durch das ich nach meinen nächtlichen Exkursionen „einschliefen" konnte. Natürlich hatte ich - fast - die gleichen Pflichten, wie die Mädels. Das heißt in einem konkreten Fall, dass ich auch den Tisch decken und abräumen musste. Stand ich dann abends mit Freunden vor der Tür, konnte es passieren, dass eines der Mädchen erschien und laut und vernehmlich rief: “Komm rein, Du hast ‘Deckwoche’.” Ein Hundsfott, der Schlechtes dabei denkt.
Hanns-Werner Merkelbach, Kunheim (Frankreich) (1954)

Fahnenschwenker 1954

Merkelbach_2_300Durch einen alten Freund wurde ich daran erinnert, dass das erste Kirschfest mit Umzug nach dem Kriege im Jahre 1954 stattfand. Wir wurden vom damaligen Direktor Brys und einem Vertreter der Stadt in den Biologie-Saal der Schule gerufen. Mein Freund Johannes Zippel, ein guter Sportler, wurde zum Turnvater Jahn erkoren - und ich zum Fahnenschwenker. Zippel war der Sohn des ehemaligen Pfarrers von Herrengosserstedt - er wurde später selbst Pfarrer und lebt nun in Wernigerode.

Das Schlimmste an der ganzen Fahnenschwenkerei waren die rutschenden Strumpfhosen. Da ich beide Hände dringend brauchte, konnte ich die blöden Dinger nur bei einem Stau wieder hochziehen. Ich habe schrecklich gelitten. Die Fahne besichtigte ich zunächst im ersten Stock des Rathauses im Treppenhaus (wenn ich mich recht erinnere). Sie war ziemlich alt und recht gewichtig.

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