Nachkriegszeit

Helmut Gatzen

Naumburg 1940- 1950

Denn wie von treuen Müttern
in schweren Ungewittern
die Kindlein hier auf Erden
mit Fleiß bewahret werden,
also auch und nicht minder
läßt Gott ihm seine Kinder,
wenn Not und Trübsal blitzen
in seinem Schoße sitzen.
Paul Gerhardt 1653

Lebensfäden

Auf dem Weg vom Marktplatz zur Post gab es in der Marienstraße auf der rechten Seite das Kleider - und Konfektionsgeschäft Wachtel, und hier sollte es die Winteruniformen für das Jungvolk geben, Schwarze Skimütze, schwarze Windjacke und schwarze Überfallhose, heiß begehrt und kaum noch zu bekommen im Herbst 1944. Es hatte sich in der Schule herumgesprochen, aber wie sollte ich an solch eine Uniform kommen?

Eine Uniform mußte ich doch haben; ich wollte doch dazugehören, nachdem wir gerade aus Pegau zugezogen waren, und ich mich im Domgymnasium und im Jungvolk einleben mußte. Also, nach der Schule schnell nach Hause, die Mutter informiert, Geld geholt und ab in die Marienstraße zu dem Geschäft. Die Verkäufer- innen gingen gerade zum Mittagessen und schlossen die Tür ab, aber ich stand als Erster davor, also mußte ich auch eine Uniform bekommen. Die Verkäuferinnen wunderten sich, daß da schon einer "anstand", denn bis zum Ende der Mittagspause um 15 Uhr waren es noch 3 Stunden, aber ich hatte es geschafft: Wenn auch nur wenige Uniformen gekommen waren, so mußte ich als Erster in der Schlange doch eine bekommen.

Ich weiß nicht mehr, ob ich ein Buch zum Lesen dabei hatte oder was mir so durch den Kopf ging, als ich da vor dem Eingang stand. 3 Stunden waren eine lange Zeit. Vielleicht habe ich an Pegau gedacht, an die Geländespiele und den Wehrsport im Jungvolk, und daß ich die rotweiße Schnur des Hordenführers bekommen sollte. Ich hatte mich bewährt, aber eine Geschichte geht mir bis heute nicht aus dem Kopf. Unser Fähnlein "Emden" war zum Sportplatz marschiert, Laufen, Springen, Werfen standen auf dem Plan. Aus unserem Jungzug sollte ich eine Horde zur Sprunggrube fuhren, den Weitsprung üben und abnehmen. Also, Abmarsch in einer Reihe. "Im Gleichschritt, marsch!" Das Springen machte Spaß und die Weiten der Sprünge habe ich jeweils in eine Liste eingetragen. Die Jungen verbesserten ihre Sprünge. Als wir fertig waren gingen wir einzeln oder zu zweit, wie "eine Horde von Jungen" zurück zum Sammelplatz. Ich gab unsere Liste ab, aber statt einer Anerkennung bekam ich ein Donnerwetter zu hören: "Wie ich mit meiner Gruppe hier ankäme?" "Eine Hammelherde liefe besser!" und "Wo denn Zucht und Ordnung bliebe?" Ich wagte noch einzuwenden, daß wir doch mit guten Leistungen kämen, und daß "die Kameraden" doch einzeln genauso gut hergekommen wären wie in einer geschlossenen Formation, aber das zählte alles nicht, ich hatte meinen "Anschiß" weg.

Inzwischen war es kurz vor 15 Uhr, hinter mir stand eine lange Schlange von Jungen, die auch eine Winteruniform kaufen wollten; ob die Lieferung wohl für alle gereicht hat? Ich weiß es nicht, ich weiß nur, daß ich als erster in das Geschäft und an die Reihe kam, Skimütze, Windjacke und Überfallhose in der richtigen Größe erhielt, mein Geld hinlegte und glücklich nach Hause lief: Ich hatte eine richtige Winteruniform - es fehlte nur noch das Fahrtenmesser. Ich habe diese Uniform noch in Naumburg getragen, bei den Geländespielen oben im Bürgergarten vor dem Langemarkdenkmal, Rot gegen Blau, und wer die meisten "Lebensfäden" der Gegenpartei zerrissen und erobert hatte, der hatte gewonnen.
Was für uns in der Heimat noch Spiel und Abenteuer war, das war für unsere Väter und Onkel blutiger Ernst, vor allem, wenn sie die Besiegten und Verlierer waren und ihre Lebensfäden zerrissen wurden.
1942 war unser Onkel Heinz, der 2. Bruder meiner Mutter Elfriede Gatzen, geb. Tromm, in Rußland bei der Belagerung von Leningrad am Ilmensee "gefallen". 1944 war Tante Elly Tromm, geb. Fischer, die Frau unseres Onkels Felix, des 1. Bruders meiner Mutter, im Zuge der nationalsozialistischen Euthanasie in Bayreuth "verstorben", -meine Mutter hatte die Urne in Pegau noch in Empfang genommen und im Grabmal der Familie Fischer beigesetzt. 1944 war unser Vater in Polen "beim Partisanenkampf' verwundet worden. Meine Mutter hatte ihn aus Marienbad geholt und nach Bad Kösen ins Lazarett gebracht, von wo er uns mit seinem hochgestreckten, mit Binden umwickelten linken Arm besuchen konnte. 1943 hatten meine Eltern ihr Hab und Gut bei einem Flieger- angriff in Aachen durch einen Bombenvolltreffer verloren. Zum Glück waren wir in dieser Zeit im Roßbacher Weinberg in den Ferien und konnten danach bei unserem Onkel Felix in Pegau/Sachsen unterkommen. Von hier aus hatte meine Mutter eine Wohnung in Naumburg gefunden, wohin wir 1944 zogen. Dorthin hatte sich auch unsere Tante Dore, die Schwester meiner Mutter, geflüchtet, die in Berlin dasselbe Schicksal erlitten hatte wie wir in Aachen. Naumburg, Zuflucht mitten im Krieg für eine alte Naumburger Familie.
Wir wohnten damals 1944/45 "An der Wenzelsmauer" 9, im obersten Stockwerk. Die Wohnung war klein, ganz anders als die Wohnungen, in denen wir seit 1936 "Am Spechsart" 3 oder seit 1939 in der "Sedanstraße"10 gewohnt hatten. Aber wir hatten eine gute Aussicht. Schauten wir nach Norden zur Wenzelskirche, sahen wir vor uns in den Hinterhof der Fa. Hahn, die aber schon lange keine Tapeten mehr verkaufte. Hier standen die Kaninchenställe von uns und unsern Nachbarn. Schauten wir nach Süden auf den Wenzelsring hinaus, konnten wir die damals noch rote "Elektrische" sehen, die regelmäßig hin und her fuhr. Jetzt, gegen Ende des Krieges führen aber mehr und mehr Flüchtlingstrecks mit hochbeladenen Pferdewagen von Osten nach Westen, oft lief ein Fohlen oder eine Kuh nebenher. Dann kamen die schmutzigen PKW und LKW der zurückweichenden Wehrmacht, die von Westen nach Osten flohen, und schließlich eines Abends in der Dämmerung die Insassen des KZ Buchenwald in ihren Sträflingsanzügen, von SS-Leuten bewacht, auf ihrem Todesmarsch, wohin? Wir haben uns damals keine Gedanken darüber gemacht, wir bangten um das Leben unserer Väter und Onkel.
Aber unser eigenes Leben war damals auch in Gefahr. Die Fliegerangriffe gegen Leipzig flogen über Naumburg hin und zurück. Bombern fielen auf das Heereszeugamt, auf die Innenstadt, wo die Wenzelsgasse zerstört wurde, und auf den alten Friedhof, wo die Gräber der Familie Fürstenhaupt, der Ahnen unserer Mutter, umgepflügt wurden. In diesem Tohuwabohu war unsere Mutter die Ruhe im Sturm: Sie hat eine Frau mit Kind aus einem verschütteten Keller der Wenzelsgasse geborgen und bei uns untergebracht. Sie hat die alten Grabsteine ihrer Ahnen in Sicherheit gebracht, sie hat Geschirr, Wertsachen und die familiengeschichtlichen Sammlungen meines Vaters in den Weinberg bringen lassen, in der Hoffnung, sie dort erhalten zu können.

Singen

Helmut_Arnold_Gatzen_1948k Helmut und
Arnold Gatzen

Ja, und unsere Mutter hat mit uns Kindern gesungen. Meinen älteren Bruder Arnold, mich den 2. Sohn, meine 1.Schwester Charlotte und meine 2. Schwester Ursula, die Jüngste, hat sie jeden Sonntag um das schwarze Klavier versammelt, den Deckel aufgeklappt und das Choralbuch aufgeschlagen, sie spielte die Melodie und den Takt vor und sang den Text dazu, und wir sangen nach: "Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt, der allertreusten Pflege, des der den Himmel lenkt. Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann. "Mit diesem Lied von Paul Gerhardt begann unsere Liederstunde, und dann kamen - situationsbezogen - "Aus tiefer Not schrei ich zu dir, Herr Gott, erhör mein Rufen","Was Gott tut, das ist wohlgetan, es bleibt gerecht sein Wille" und "Wer nur den lieben Gott läßt walten und hoffet auf ihn allezeit, den wird er wunderbar erhalten, in aller Not und Traurigkeit, wer Gott dem Allerhöchsten traut, der hat auf keinen Sand gebaut. "Es wurde der Ton angegeben, probiert, gesungen, -"noch einmal die schwierige Stelle"- Text, Melodie und Rhythmus zusammen, bis es harmonierte und sich hören lassen konnte.
Die Lust, auf dem Klavier zu klimpern, ist uns bald vergangen. Wir wollten selber so schön spielen können wie unsere Mutter. Das fing mit der Blockflöte bei Fräulein von Hartung an, die unter uns im Hause wohnte und an der Marienschule meine Schwester unterrichtete. Bei mir fand das Blockflötenspiel seine Fortsetzung im Cellounterricht, den ich aber später "im Westen" nicht fortsetzen konnte; dafür habe ich das Trompetenspiel mir selber beigebracht und im Posaunenchor dieselben Lieder gespielt, die wir am Klavier bei unserer Mutter gelernt hatten. Es ging dort in Naumburg aber nicht nur "fromm" zu, sondern auch "vaterländisch". Theodor Körners Lied von den Lützow'schen Jägern "Was glänzt dort im Walde im Sonnenschein, hörs näher und näher schon brausen. Es zieht sich herunter in düsteren Reih'n und gellende Hörner erschallen drein, und erfüllen die Seele mit Grausen. Und wenn ihr die schwarzen Gesellen fragt: Das ist Lützows wilde, verwegene Jagd." hatte uns ergriffen und zu weiteren Aktionen inspiriert. "Es braust ein Ruf wie Donnerhall, wie Schwertgeklirr und Wogenprall, zum Rhein, zum Rhein zum deutschen Rhein, wer will des Stromes Hüter sein? Lieb Vaterland magst ruhig sein, lieb Vaterland magst ruhig sein, fest steht und treu die Wacht, die Wacht am Rhein!" sollte wohl die Heimatfront "moralisch" aufrüsten und unseren Widerstandswillen stärken. Unsere Mutter kannte alle Volkslieder aus dem "Zupfgeigenhansel", aus dem Kommersbuch und aus dem Gesangbuch, und alle diese Lieder haben uns in der Zeit des "Zusammenbruchs" begleitet, ermuntert und ermutigt.

Die Amerikaner kommen

"Die Wacht am Rhein" hat allerdings nicht lange gehalten. Die "Siegfriedlinie" oder der "Westwall" wurde von den Alliierten durchbrochen; sie haben die "Ardennenoffensive" gestoppt und über die "Brücke von Remagen" den Rhein überschritten. Das Ende des Krieges war absehbar, aber Naumburg sollte vom Volkssturm noch vereidigt werden. Ich entsinne mich, daß nach der Schule Hitlerjungen vor dem Domgymnasium standen und mich fragten, ob ich nicht mitgehen wollte, um Panzergräben auszuheben. Der tapfere Pimpf und Uniformträger aber zog es vor, erst nach Hause zu gehen und seine Mutter zu fragen. Aber zu Hause gab es genug zu tun: Einkaufen, was es noch an Lebensmitteln gab, Wertsachen in den Keller bringen, Vaters Pistole verstecken und Hitlers "Mein Kampf beseitigen. Unsere "Vorbilder" sollten wir von den
Wänden nehmen, - ich hatte es mit den U-Boot-Kommandanten, den Admirälen Räder und Dönitz, mein Bruder Arnold begeisterte sich für die Jagdfliegerpiloten und den Feldmarschall Hermann Göring. Und über Marine und Luftwaffe hing in erhabener Höhe das Führerbild: Adolf Hitler. Alles sollte weg, wenn die Amerikaner kämen. Wir haben unsere Idole und unser Jungvolkabzeichen in eine Zigarrenkiste gepackt und im Hof vergraben. Unsere Mutter hängte ein großes weißes Bettuch aus dem Fenster. Das war unsere Kapitulation, äußerlich. Und dann war es so weit. Naumburg wurde doch nicht mehr durch Panzergräben und Hitlerjungen verteidigt. Die Amerikaner kamen ohne einen Schuß in die Stadt. Ihre Jeeps mit den langen Antennen fuhren durch die Straßen, lässig gelenkt von GI's, die übrige Besatzung hatte die Maschinenpistolen im Anschlag und die Finger am Abzug. Was uns später auffiel: Sie trugen keine Stiefel, die Sohlen mit Nägeln bestückt, die immer so zackig knallten, wenn man die Hacken zusammenschlug. Die Amis gingen, ohne daß man sie hörte, auf Naturgummisohlen, leicht, lässig, gewandt und schnell. Auf dem Wenzelsring vor der Wenzelsmauer waren sie im Schutz der Lindenbäume in Stellung gegangen, Panzer, LKW und Jeeps zu Hauf und Soldaten, auch "Neger" und Inder, die uns Kindern Apfelsinen anboten. Aber wir waren viel zu stolz, sie anzunehmen. Dafür haben wir ihnen die Telefonkabel durchgeschnitten, die in Mengen durch die Straßen gelegt waren. Dummerweise gingen uns immer die Schuhbänder auf, wenn wir auf so einem Kabel standen, und wenn wir sie wieder zugebunden hatten, dann war das Kabel darunter mit einer Zange zerschnitten. Wir haben noch manchen anderen Unsinn gemacht: Beim Einkaufen haben wir noch die Hand zum Hitlergruß erhoben und mit "Heil Hitler" gegrüßt, Benzinkanister geklaut, gesammelt und versteckt, in der Hoffnung, damit den Amis zu schaden und den Endsieg doch noch zu erringen.

Die Russen kommen

Solche Späße sind uns aber bald vergangen, als nach den Amerikanern die Russen kamen. In Panjewagen, von kleinen Pferden gezogen, fuhren sie über den Wenzelsring, bepackt mit Waffen, Proviant und Beutegut. Sie bezogen ihre Quartiere in den ehemaligen Kasernen, mit Bretterwänden von der Außenwelt abgeschnitten. Nur die Offiziere hatten Villen im Bürgergartenviertel beschlagnahmt und ihre Kinder beherrschten die Straße. Das war für uns Jungen nicht so ganz einfach, wir mußten als "Begleitschutz" der Frauen mitgehen. Fräulein Bucerius, eine Freundin von Fräulein von Hartung, und ihre Kollegin an der Marienschule, mußte ich immer nach Hause bringen, sie wohnte auch im Bürgergartenviertel. Na, und eines Tages, als wir ihren Hinweg unbehelligt geschafft hatten, und ich allein zurück ging, da fiel eine Horde russischer Kinder über mich her, schrie wild "Faschist, Faschist" umkreiste mich und wickelte eine lange Leine um mich herum. Was mir drohte, war ersichtlich. Ich habe schnell die noch lockere Leine abgestreift, habe mich durch den Kreis geschlagen und dann aber tüchtig Fersengeld gegeben.

Mein Bruder Arnold

Eine ähnliche Situation hatten wir auf dem Weg von Roßbach nach Naumburg zu bestehen. Mein Bruder Arnold und ich hatten Holz im Roßbacher Weinberg geholt und mit unserem Handwagen waren wir auf dem Rückweg gerade bis zur Auffahrt der großen Eisenbahnbrücke gekommen, als eine wilde Jungenbande uns drohend nachlief. Auf der Brücke angekommen, waren sie schon nahe an uns dran, aber mein Bruder blieb ruhig und sagte nur: "Wenn ich sage 'Los!', dann nehmen wir uns jeder ein Holzscheit und laufen ihnen entgegen, dann werden sie schon abhauen." Gesagt, getan, die Angst war verflogen, wir stürmten los und die Bande machte auch wirklich kehrt und nahm "Reiß aus". Die Holzfuhre haben wir dann sicher nach Hause gebracht.
Mein Bruder Arnold, 1930 geboren, muß in dieser Zeit des Übergangs konfirmiert worden sein. Die Konfirmation fand im Dom statt, und mir ist noch in Erinnerung, daß seit diesem Tag ein neuer Spruch über seinem Bett hing, frisch aufgeschrieben in gotischer Schrift und gerahmt bei Grete Nauendorf auf dem Steinweg:
"Allen Gewalten zum Trutz sich erhalten, nimmer sich beugen, kräftig sich zeigen, rufet die Arme der Götter herbei!"
Johann Wolfgang von Goethe Arnold hat dann eine Elektriker-Lehre bei Meister Dörr an der Roßbacher Straße begonnen, und seitdem haben wir alles, was an elektrischen Geräten auf dem Ostbahn- hof oder im zerstörten Heereszeugamt zu finden war, mit nach Hause geschleppt: Blaupunkt-Radiogeräte, Feldtelephone mit Kurbelantrieb, Kopfhöhrer, Motoren und Kabel. Praktisch dabei heraügekommen ist Zweierlei: Wir hatten beide einen funktionsfähigen Detektor, und Arnold hatte sich in unserem Zimmer eine Schalt- tafel gebaut, mit Volt-und Amperemessern, Widerständen, Tranformatoren, Kon- densatoren, verschiedenen Fassungen für die Sockel verschiedener Birnen, ja und dann gab's öfters Blitze und Knaller, und wieder war eine Sicherung durchgebrannt. Mein Bruder hat sich bald auf Motoren spezialisiert, und dann surrten bald kleine und große Maschinen in unserem kleinen Zimmer. Während seiner Lehre hat er viele Wohnungen und Häuser installiert und repariert, aber soviel ist sicher: Er hatte bei seinem Lehrherren nicht viel zu lachen: Es hat Schläge gegeben und oft ist er abends kaputt nach Hause gekommen. 1948 hatte er die Gesellenprüfung bestanden und ist dann "in den Westen" gegangen, er wollte dort studieren. Aber seine Pläne haben sich leider nicht erfüllt. Er ist 1951 in Bielefeld durch einen Verkehrsunfall ums Leben gekommen.

Sammeln

Wir hatten damals wohl das Schlimmste überstanden, aber bis dahin fehlte es am Nötigsten: Kohle gegen die Kälte und Brot gegen den Hunger. Es gab kaum etwas zu essen, und unsere Mutter mußte vier hungrige Mäuler stopfen. Wir haben Kartoffel- schalen gegessen und sie hat aus Kaffeesatz Kaffeekuchen mit Hirschhornsalz ge- backen. Sie hatte praktisch das ganze Jahr durchorganisiert: Das fing mit dem Ährenlesen im Juli/August an: Gerste, Roggen, Weizen, was gerade reif, geschnitten, und auf Hocken gesetzt war, wurde eingesammelt, aber nur die Halme, die nebenher lagen oder nach dem Verladen übrig geblieben waren. Nicht alle Bauern ließen uns auf ihre Felder, und dann mußten wir weiter, ein neues Feld suchen. Ich erinnere mich an manchen Nachmittag, wenn unsere Mutter und wir drei Kinder, meine Schwestern Charlotte, Ursula und ich müde und matt irgendwo im Schatten saßen und für die Rückkehr neue Kräfte sammelten. Wir haben damals die ganze Umgebung von Naumburg erforscht, gute und schlechte Felder, gute und böse Bauern kennen gelernt, und abends ging es dann mit dem Handwagen wieder zurück, die Säcke prall gefüllt mit Ähren. Bis zur Mehlsuppe oder bis zum Brot war es noch ein langer Weg. In ihrer Küche hat unsere Mutter uns ans "Ähren pulen" gesetzt, was ungefähr dem Dreschvorgang entsprach: Die Körner aus den Ähren streifen und dann die Spelzen wegblasen. Die übrig gebliebenen Körner haben wir dann in einer alten Kaffeemühle zermahlen, das kniff immer so an den Beinen, wenn wir, die Mühle zwischen den Beinen, zu ungeduldig drehten, und die Mühle sich ab und an hob und senkte. Aber der Erfolg lohnte die Mühe: Die Mehlsäckchen füllten sich. War die Getreideernte fertig, kam das Kartoffelstoppeln dran. Erst wenn die Felder aufgepflügt und vom Bauern abgelesen waren, durften wir aufs Feld. Mit Feldspaten oder ohne wurde der Boden umgewühlt, ob nicht doch eine große Kartoffel vergessen oder eine kleine noch zu finden war. Auch hier füllten sich langsam die Taschen, und unsere Mutter war froh, wenn der Handwagen beladen wieder zu Hause ankam. Dasselbe wiederholte sich dann im Spätherbst mit den Zuckerrüben. Reste auf den Feldern sammeln, an den Verladestellen nachsuchen bis zum Bahnhof hin, wo die Zuckerrüben in Waggons verladen wurden. Dann hatte unsere Mutter wieder die Arbeit organisiert: Rüben putzen, Rüben schnitzeln, Rübenschnitzel kochen, Schnitzel aus- pressen und den Rübensaft dick kochen. Das war eine mühsame Arbeit, das Auspressen und Kochen war am Schlimmsten: Der Rübensaft und der Rübensaftdampf waren sehr heiß, und das Eindicken dauerte lange. Schön aber, wenn wir mit dem fertigen "Rübenkraut" unsere Namen auf die Brote gießen konnten: Arnold, Helmut, Lotte, Ursel.
Ach, und dann kamen noch die anderen Sammelaktionen: Äpfel aus dem Weinberg, Hagebutten vom Rodel und Kohlen vom Haupt- und Ostbahnhof.

Sorgen

Unsere Mutter hatte aber noch andere Sorgen. Wo war unser Vater geblieben und wo waren unsere Onkel? Wann kam Nachricht: Lebten sie noch, waren sie noch in den letzten Kriegstagen gefallen, auf der Flucht umgekommen oder in Gefangen- schaft geraten, und wenn ja, wo? Versprengte Soldaten, die am Wenzelsring Wasser tranken - bei der Wäscherei Felske -, haben wir mit nach Hause genommen, verpflegt und ausgefragt. Eines Tages kam die Nachricht aus Pegau, daß Mutters Bruder, unser Onkel Felix, nach Hause gekommen, aber gleich wieder als "Kapitalist" verhaftet worden sei. Als Teilhaber an der "Pegauer Filzwaarenfabrik" war er von den Russen und Kommunisten nach Buchenwald gebracht worden, wo in den alten Lagern der Nazis nun "Faschisten" und "Kapitalisten" konzentriert wurden. Unsere Mutter ist mit Brot, Kaffee und Zeitungen nach Buchenwald gefahren. Ich weiß nicht mehr, ob sie ihren Bruder Felix gefunden, gesehen, gesprochen hat und ob sie ihre Gaben übergeben konnte. Ich weiß nur, sie hatte in Erfahrung bringen können, daß er noch lebt. Bei meiner Konfirmation 1948 jedenfalls war er aus "russischer Gefangenschaft" wieder zurückgekehrt, hat an der Kaffeerunde im Weinberg teilgenommen und seine Glückwünsche ins Gästebuch geschrieben.

Domgymnasium

Erich Eller k Erich Eller

Mein Bruder ging in die Lehre, weil das Schulgeld nicht für zwei Söhne gereicht hätte, ich durfte weiter die Schule besuchen, und zwar das Domgymnasium, wo Heinrich Fürstenhaupt, einer unserer Vorfahren mütterlicherseits, von 1808 bis 1821 Professor für alte Sprachen gewesen war. Meine ersten Lehrer Dr. Güldenberg, Dr. Fuhrmann, Dr. Silbermann (Knulch), Erich Eller, Otto Scheibe und Direktor Behne habe ich in meinem ersten Beitrag "Kriegsende in Naumburg" gewürdigt. Hier ist noch nachzu- tragen, daß wir nach dem Krieg auch neue, geflüchtete Lehrer bekommen hatten. Der "Aci" (von 'Accusativ mit Infinitiv'), - war sein richtiger Name nicht Müller? - lehrte uns streng und fast zwanghaft Latein, "Poldi" - den richtigen Namen weiß ich nicht mehr - lehrte uns Englisch, aber wir haben ihn leider schrecklich geärgert. Dann kam Herr Hoppe, aus dem Sudetenland geflohen; er lehrte uns auch Englisch, aber noch mehr aus seinem Leben. Er hatte den Winter auf der Flucht verbracht und zeigte uns immer seine "frost-bitten-hands", und wir konnten nachempfinden, was er erlitten hatte. Schließlich kam eine junge Dame, ich glaube Frau Simon hieß sie, sie hat mit uns nur Englisch gesprochen und mit uns "The Radschahs Diamond" von Stevenson gelesen, wobei uns natürlich das Boudoir der Lady Vendeloer besonders interessierte. Wir haben sie sehr verehrt.

Theater im Domhof

Ein Ereignis hat uns im Sommer 1948, Klaus Friedrich aus Freiburg war damals Klassensprecher, intensiv beschäftigt: Unser Deutschlehrer, Studienrat Erich Eller hatte mit uns den Schwank von Hans Sachs: "Sankt Peter vergnügt sich mit seinen Freunden auf Erden" gelesen und mit verteilten Rollen sprechen lassen. Nun sollte dieses Stück im Domhof aufgeführt werden, wobei der Platz vor dem südlichen Kreuzgang die Erde und der Himmel das Dach des Kreuzganges war. Dazwischen stieg Dieter Marquardt als Petrus herunter und wieder hinauf. Unten auf der Erde genoß er mit mir, einem Bürger, mit Cyriak, einem Bauern, gespielt von Volkhardt Jung, und einem anderen "Erdenkind" "Wein, Weib und Gesang", oben im Himmel schritt er im Reigen der musizie- renden Engel, gespielt von Jürgen Sauer, Hans Lieback und Rudolf Klatt über die Wolken. Die Melodie dazu hatte Dr. Haacke komponiert. Ich kann sie heute noch summen. Die Aufführung war ein großer Erfolg, und ich fände es originell und spannend, wenn das Domstift, das wiedereröffnete Domgymnasium und die Stadt Naumburg die Ideen von Eller und Dr. Haacke aufgreifen und daraus die "Naumburger Domfestspiele" machen würden.. Der "Jedermann" von Hugo von Hoffmannstal würde sich im Domhof doch auch ganz gut ausnehmen.

Zusammenbruch

Doch wir haben damals nicht nur romantische Schwänke gespielt, sondern, als die alte "Reichskrone" nicht mehr braune Parteizentrale, sondern wieder als Film- theather zu gebrauchen war, eben auch aktuelle Filme gesehen. Einer davon hieß "Professor Mamlock" und handelte von einem jüdischen Arzt und Gelehrten, der von den Nazis aus seinem Amt gejagt wurde, mit der Zahnbürste unter dem Gelächter seiner Studenten die Straße putzen mußte, von SA-Soldaten geschlagen, ins KZ gebracht und schließlich erschossen wurde. Ich war schockiert, entsetzt. Ich hatte so etwas bisher nur von unseren Feinden, den Engländern (KZs für die Buren) und von den Russen (Gefangene in Sibirien) gehört. Jetzt konnte ich einen Zusammenhang herstellen zwischen dem verlorenen Krieg und den Gefangenen, die die SS aus Buchenwald evakuiert und durch Naumburg gejagt hatte.. Wohin die damals getrieben wurden, das wurde uns nun langsam klar.
Es war eine große Verwirrung. Alte Werte erwiesen sich als wertlos, ja sogar als falsch. Was sollten Ehre, Treue, Pflicht und Gehorsam nun bedeuten, wenn damit Verbrechen begründet und Gewalt gerechtfertigt wurde? Was hatten unsere Väter eigentlich im Krieg getan, wenn Hitler den Krieg vom Zaun gebrochen hatte und ganz Europa zum "Großdeutschen Reich" umformen wollte? Umgepflügt hat er die Länder, unterworfen die Menschen und ganze Kulturen vernichtet. Unsere Mutter war verzweifelt. Ich höre sie noch klagen: "Was war unsere Schuld? Unsere große Schuld?" Warum wurde uns Deutschen nun in Nürnberg der Kriegs- verbrecherprozeß gemacht? Und warum gab die Evangelische Kirche in Stuttgart eine "Schulderklärung" heraus? War das nicht "Vaterlandsverrat" und "Siegerjustiz"? Diese Zweifel und die vielen ungelösten Fragen, - damit begann der innere Zusammenbruch unseres nationalen Stolzes

Lesen

Ihre Männer waren in der Gefangenschaft, und so mußten die Mütter selber eine Antwort finden. Unsere Mutter versammelte uns vier Kinder abends um den Kachelofen, für den wir tagsüber Kohlen geklaut hatten, sie strickte Pullover und wir Kinder mußten reihum vorlesen. "Die Ahnen" von Gustav Freitag gingen durch die ganze Geschichte, "Rulaman" von David Friedrich Weinland, kämpfte in der Steinzeit um seine Existenz, "Die letzten Tage von Pompeji" von Edward Bulver, ein Untergang, wie wir ihn gerade erlebten. Gorch Fock "Seefahrt ist not" hieß weiter machen, auch wenn der Vater ertrunken war. "Der Seeteufel" von Graf Luckner kämpfte im 1. Weltkrieg, "Der Werwolf' von Hermann Löns verteidigte sich im 30-jährigen Krieg, na, und dann kam nach langem Bitten und Betteln auch Karl May an die Reihe: "Durch die Wüste" ging es mit Kara ben Nemsi und Hadschi Halef... (Natürlich konnten wir alle Namen auswendig hersagen), den "Schatz im Silbersee" fanden Old Shatterhand und Winnetou, und die "Aladschibrüder" wurden "durchs wilde Kurdistan" gejagt. Wunderbar, wenn dann ein Stück Schokolade aus dem Westen ausgeteilt wurde: Nahrung für unsere Phantasie und für unsere Mägen. Wir haben aber auch Klassiker gelesen. Mit den "Räubern" von Friedrich Schiller fing es an, dann mit verteilten Rollen "Wilhelm Teil", dessen Lektüre ja in der Nazizeit verboten war. Und hier ging uns langsam der Sinn von Staufachers Begründung für den Rütlischwur auf: "Nein, eine Grenze hat Tyrannenmacht!
Wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden, Wenn unerträglich wird die Last, greift er, Hinauf getrosten Mutes in den Himmel Und holt herunter seine ewgen Rechte, Die droben hangen unveräußerlich Und unzerbrechlich wie die Sterne selbst."
Langsam setzte sich die Erkenntnis durch, daß der Tyrann im eigenen Lande aufgewachsen und auf den Schild gehoben worden war. Jetzt begann die Diskussion in Familie und Kirche um die Gültigkeit des Soldateneides: "Ich schwöre bei Gott diesen heiligen Eid, daß ich dem Führer des Deutschen Reiches und Volkes, dem Oberstem Befehlhaber der Wehrmacht, Adolf Hitler, unbedingten Gehorsam leisten und jederzeit bereit sein will, für diesen Eid mein Leben einzusetzen." Diesen falschen Eid hatten unsere Väter geschworen, deshalb waren sie in den Krieg gezogen! Warum war das Attentat vom 20. Juli nicht geglückt, unsere Väter wären vom "Eid auf den Führer" frei gewesen!

Konfirmation, Jugendbund und Junge Gemeinde

Am 16.5.1948 hatte ich Konfirmation im Dom zusammen mit meinen Klassenkame- raden vom Domgymnasium und die erste Abendmahlsfeier. Ich fand das alles ein bischen viel auf einmal, der erste schwarze Schlips, der dunkle Anzug, die Buße und das Versprechen. Einzig das Lied "Nun bitten wir den Heiligen Geist, um den rechten Glauben allermeist" und mein Konfirmationsspruch sind mir noch in Erinnerung. Das anschließende Kaffeetrinken im Weinberg war wohl angenehmer. Mein Vater, aus amerikanischer Gefangenschaft in Bad Kreuznach und Attichy in den Westen entlassen, war besuchsweise in den Osten gekommen und hat in das obligatorische Gästebuch geschrieben:
"Ein Pfingstfest in Friede und Wachstum, dank gütigem Regen und Sonnenschein - im erfreulichem Gegensatz zur vorjährigen Trockenheit. In allem Wachsen und Werden Helmuts Einsegnung; zu der Kaffeestunde nahm der Berg uns in seinem Zauber auf."
Unterschrieben von meinen Eltern Karl und Elfriede Gatzen, meinem Onkel Felix, meiner Tante Dore und meinen Geschwistern Arnold, Charlotte, Ursula Gatzen und Cousine Elisabeth. Reine Idylle, wohl notwendig und beruhigend, aber kein Wort von dem, was uns eigentlich bewegte.

Superintendent Möring hatte uns einen lebendigen Konfirmationsunterricht erteilt und zum 5. Gebot "Du sollst nicht töten" am 1.10.1946 in unser "Heft für den Vor- und Konfirmandenunterricht" diktiert: "Gott will, wir sollen niemand das Leben verkürzen, uns selber nicht und anderen nicht. Selbstmord ist Feigheit. Krieg ist Folge der Sünde." (Im Jungvolk hatten wir gelernt, anderen den "Lebensfaden" zu zerreißen.)

Otto Schwendler Otto Schwendler

Ich habe alles aufgeschrieben und gerne mitgemacht, aber irgendwie fehlte die per- sönliche Ansprache, ein vertrautes Klima; das war bei Otto Schwendler im "Jugend- bund für Entschiedenes Christentum" ganz anders. Mein Klassenkamerad Dieter Marquardt hatte mich in das Gebäude am Domplatz 7 "gelockt", und die Lieder, die da gesungen wurden, haben mich sehr angesprochen. "Wilde Gesellen vom Sturmwind durchweht, Fürsten trotz Lumpen und Loden," das waren wir, die wir gerade den Krieg überstanden hatten und "noch einmal davongekommen" waren, - und trotzdem sollte "uns die Sonne nicht untergehen". Das Lied aus dem Reichs- liederbuch "Ich weiß einen Strom, dessen herrliche Flut fließt wunderbar stille durchs Land. Doch strahlet und glänzt er wie feurige Glut, wem ist dieses Wasser bekannt? O Seele ich bitte dich komm, und such diesen herrlichen Strom! Sein Wasser fließt frei und mächtiglich, o glaub es, er fließet für dich!" Hier war eine Jugendgruppe, in der man unter "Ottos" Begleitung seine Fragen stellen und seine Furcht aussprechen konnte. Otto war jederzeit für uns zu sprechen, und wir haben ausgiebig davon Gebrauch gemacht, abends nach den Jugendstunden oder am Sonntagmorgen nach der Andacht im "Buchholz"-wald. - Schade nur, daß in diesem Jugendbund Jungen und Mädchen getrennt waren, das war im Gottesdiensthelferkreis und in der "Jungen Gemeinde" ganz anders. Mein Freund Wolfgang Unger und ich, wir gingen dann in den Helferkreis von Pfarrer Trott und hielten nach dem Gottesdienst in der Marienkirche unsere Kinderkirche ab, in der wir unserer kleinen Kindergruppe biblische Geschichten erzählten und zusammen mit Annelotte Scheidig Krippenspiele einübten. Die "Junge Gemeinde" sammelte sich um den "ausgemusterten Offizier" und neu angestellten Katecheten Heinz Bobbe. Er war im Krieg verwundet worden und hatte ein steifes Bein mit nach Hause gebracht. Wir hielten unsere Bibelabende in der Sakristei der Wenzelskirche ab. Leidenschaftlich haben wir diskutiert über Römer 13: "Jedermann sei Untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat." und Apostelgschichte 5: "Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen". Widersprüchliche Aussagen in der Bibel, welche sollte nun gelten, nachdem der "Untertanengehorsam" gerade in das Verderben geführt hatte?

Heinz Bobbe war es, der uns, meinen Freunden Wolfgang Unger, Hans Lieback und eben mir eine "Rüstzeit" des Evangelischen Jungmännerwerkes Sachsen-Anhalt auf Schloß Mansfeld empfohlen hatte. Den "Rüstbrief" habe ich noch heute. Er lud ein zu einer "Silvesterfreizeit vom 28.12.-2.1. 1950" und war "gültig für Helmut Gatzen". Mitzubringen waren "Bettwäsche, Ersatzdecke, warmes Zeug und gutes Schuhwerk. Dazu Lebensmittel für 5 Tage in natura oder Reisemarken, einschließlich Kartoffeln. Möglichst Kerzen, Bibel, Lieder- oder Gesangbuch, Musikinstrumente". Dazu "wolle sich jeder überlegen, in welcher Weise er mit Gedichten, Kurzgeschichten ect. zur Ausgestaltung der Abendstunden, vor allem an Silvester, beitragen kann." Leitung der Freizeit "Diakon Willy Reschke". "Für das Evgl. Jungmännerwerk Sachsen-Anhalt: Fritz Hofmann". Wir sind natürlich hingefahren, mit der Eisenbahn, die damals schon wieder fuhr. In Erinnerung geblieben ist mir, daß wir viel gesungen haben, persönlich gesprochen und vor dem Schlafengehen zur "Abhärtung" im Schloßhof bei Minusgraden in der Turnhose herumgetobt sind. Die Silvesternacht war sehr eindrucksvoll: Zuerst wurden die Monatssprüche der letzten 12 Monate aufgesagt und dann wurde ein großes Kreuz entzündet, dessen Schein weit in die Landschaft hineinleuchtete. Dazu haben wir das neue Lied (von Willy Reschke?) gesungen:

"Jesus Christus, König und Herr,
Sein ist das Reich, die Kraft, die Ehr.
Gilt kein andrer Namen,
Heut und ewig - Amen.
In des Jüngsten Tages Licht,
Wenn alle Welt zusammenbricht,
Wird zu Christi Füßen,
Jeder bekennen müssen:
Jesus Christus, König und Herr,
Sein ist das Reich, die Kraft, die Ehr.
Gilt kein andrer Namen,
Heut und ewig - Amen."

Auf der Rückfahrt nach Naumburg kam die erste Herausforderung. In den Zug war
eine Gruppe von Grenzsoldaten zugestiegen, und die sangen ihre Lieder von den
Spanischen Schützengräben und vom Sieg der Freundschaft.
Und wenn die eine Pause machten, haben wir unsere Lieder gesungen:
"Wir jungen Christen tragen ins dunkle deutsche Land, ein Licht in schweren Tagen als Fackel in der Hand: Wir wollen Königsboten sein des Herren Jesus Christ, der Frohem Botschaft heller Schein uns Weg und Auftrag ist."
Ich weiß nicht mehr, wie dieser "Sängerkrieg nach der Mansfelder Schloßburg" ausgegangen ist, ich weiß nur, daß in der Schule die Auseinandersetzung um das "Kugelkreuz" der "Jungen Gemeinde" und um das blaue FDJ-Abzeichen mit der aufgehenden Sonne in unserer Klasse weiterging.

Spielen

Zu Hause hatte unsere Mutter noch eine andere Art, uns zu bändigen und die Familie zusammen zu halten: Durch Arbeit und durch Spiele. Abends haben wir immer zusammen gesessen und Vasen bemalt, Krippen ausgesägt, Gürtel und Taschen geflochten. Unsere Mutter selbst hat viel gestrickt: Pullover, Jacken, Handschuhe, Pulswärmer, Leibbinden, alles, um Geld zu verdienen - und sie hat Patiancen gelegt, und wir durften zugucken: "Geht sie auf oder geht sie nicht auf?" Hatte sie Glück oder nicht?
Zum Spielen haben wir auch um den Familientisch gesessen, haben "Mensch ärgere dich nicht", "Fang den Hut", Halma, Dame, Mühle und Schach gespielt. Dichter-und Komponistenquartetts hatten wir, und schließlich kamen die Kartenspiele Mau-Mau und Rommee dran. Besonders spannend war das Ratespiel "Stadt, Land, Fluß" (und Tier und Pflanze), wo ein bestimmter Buchstabe aus einem Buch herausgepickt wurde, und wir zu diesem Buchstaben alle Städte, Länder, Flüsse, Tiere und Pflanzen aufschreiben konnten, die wir wußten. Wer nach 5 Minuten und einem Vergleich einen Stadt, ein Land oder einen Fluß aufgeschrieben hatte, den kein anderer gefunden hatte, der hatte einen Pluspunkt gewonnen. Nächste Runde mit einem neuen Buch- staben. "Denkfix" war ein ähnliches Spiel, nur ging es da um nur ein Wort und viel schneller. Dann gab es in Naumburg ein neues Spiel, "Monopoly", aus dem Westen "importiert"; wir haben es uns nachgebaut mit den Städten Berlin, Hamburg, Frankfurt und den entsprechenden Straßen: Schloßallee, Bahnhofstraße, auf denen man Häuser bauen und Miete verlangen konnte. Eisenbahnen und Flugplätze gab es auch. Ein Spiel um Grundstücke, Häuser, Geld, Verlust und Gewinn, ein echtes "kapitalistisches" Spiel, bei dem sich die Kumulationstheorie von Karl Marx bewahrheitete: Die "Armut" wuchs im Laufe des Spieles bei der Mehrheit, und nur bei einem, meist bei dem, der die Hotels in der Schloßallee besaß, sammelte sich das "Kapital". Wir haben bei diesen Spielen alle Ängste vergessen und unsere Sorgen "überspielt". Jeder hat sich geärgert und sich gefreut, wir haben dem andern etwas gegönnt und geneidet, Verlieren und Gewinnen gelernt. Es ging nicht mehr nur um den "Lebensfaden".

"Das Wesentliche zuerst"

Singen, Sammeln, Lesen und Spielen - unsere Mutter hatte aber auch noch andere Methoden, uns "bei Laune" und "bei der Stange zu halten". Sie hatte eine schnelle und "lose Hand", die sie bei jeder "passenden und unpassenden Gelegenheit" in Bewegung setzte. In der Mittagspause wollte und mußte sie schlafen, wir Kinder machten Schularbeiten am Familientisch - solange, bis wir fertig waren. Wer sich da auch nur muckste, der wurde mit dem Blick zur Wand "in die Ecke gestellt". Größere Vergehen wurden mit Rede- und Kontaktverbot bestraft - eine schlimme Strafe. Zuwendung und Strafe hielten sich die Waage, wenn nicht die Überlastung unserer Mutter das Gleichgewicht störte - und die Zeiten damals waren nicht leicht. Dennoch verlangte unsere Entwicklung zur Selbständigkeit ihre eigenen Rechte. Die Anschaffung eines "Bootes" habe ich meiner Mutter verschwiegen, den Bau eines Kanus ebenfalls. Und das selbstzusammengebaue Fahrrad hat sie erst gesehen, als es fertig war und anerkannt, als es sich für die Hamsterfahrten in den Dörfern nützlich erwies. Unser Aktionsradius wurde größer und wir entwuchsen dem mütter- lichen Zugriff.
Unsere Mutter ließ sich von zwei Maximen leiten: "Das Wesentliche zuerst!" und "Nur nicht weich werden!" - wobei die Fragen nicht ausbleiben konnten: "Was ist jeweils wesentlich?" und was passiert, wenn man "weich werden" würde? Und wenn nicht "weich", dann etwa "hart"? Beide Maximen waren sinnvoll und wertvoll, aber gehörte die Zweite nicht eher auf den Kasernenhof und in den Krieg? Nun, den Krieg hatten wir gerade hinter uns. Die "früh"-militärische Erziehung aber ließ noch viel zu wünschen übrig.

Eigene Pläne und Flucht

Es muß wohl im Frühjahr 1948 gewesen sein, mein Freund Volkhardt Jung war noch nicht in den Westen gegangen, und mit ihm zusammen habe ich meine erste Bootsfahrt in den Saalewiesen gestartet. Ein Boot hatten wir immer schon gesucht, möglichst ein Schlauchboot von der Wehrmacht aus dem Heereszeugamt, aber da waren schon alle weg. Das Faltboot, das sich in den Streben der zerstörten Eisenbahnbrücke verfangen hatte und zerbrochen war, war nicht mehr zu gebrauchen. Aber da gab es in Flemmingen auf dem Berg einen Kriegsgeräteplatz, und da lag ein Motorrad- beiwagen unter alten zerstörten und verrosteten Wagen, Maschinen und Kanonen. Volkhardt und ich, wir haben den Beiwagen auf einen Handkarren geladen und haben ihn auf den Moritzplatz gefahren, wo Volkhardt zu Hause war.
Im Winter haben wir die Schraubenlöcher und die Klapptür mit Teer gedichtet, im Frühjahr führte die Saale Hochwasser und wir konnten Schiffstaufe in den überfluteten Saalewiesen halten. Klaus Wellmann und Heinz Kalkhoff waren dabei, als wir den "gedichteten" Motorradbeiwagen mit Ballast versehen und in das Wasser gestoßen haben. Er schwamm,aber wir konnten nur einzeln darin sitzen und uns voranstaken, aber der stolze Kahn drohte zu kentern, wenn der Kapitän aufstehen wollte. Also mußten Ausleger gebaut werden - aber dazu kam es nicht mehr. Volkhardt Jung und Heinz Kalkhoff gingen in den Westen und für mich allein war das "Boot" zu schwer zu bewegen. Deshalb habe ich versucht, auf dem Dachboden in der Wenzelsmauer ein Kanu zu bauen, wie es in dem Bastelbuch von Maximilian Kern "Selbst ist der Mann" beschrieben ist. Kiel, Bug und Heck hatte ich schon besorgt und miteinander verbunden, aber dann mußte ich es liegen lassen, auch wir gingen "in den Westen".
Mit dem Fahrrad ist mir genau so ergangen. Einen blauen Rahmen hatte ich auf einer Müllhalde gefunden und kaputte Fahrradmäntel lagen da zuhauf. Zwei kaputte Mäntel auf ein Rad, die Luft hielt. Lenker und Sattel dran, fertig war das neue Fahrrad, und beim Hamstern in der Umgebung hat es uns gute Dienste geleistet. Aber auch das Fahrrad mußte in Naumburg bleiben, es ließ sich nicht mit der Post verschicken. Dorthin haben wir Tisch- und Bettwäsche, Besteck und Bücher gebracht, wohl verpackt in einzelnen Paketen, und langsam unsern Haushalt aufgelöst. Der Plan bestand schon länger: Mein Vater, der seine Familie in Naumburg gegründet und dort das Offizierspatent erworben hatte - ich sehe ihn noch 1939 in Ausgehuniform und Offiziersdolch -hatte in Naumburg den Boden unter den Füßen verloren. Der Krieg war verloren," der Offizier" war nichts mehr wert; "alte" Beamte wurden nicht wieder eingestellt, also hatte er keinen Beruf mehr. Unsere Mutter hat im Zusammenbruch sich selbst behaupten und ihre Familie "durchbringen" müssen. Wir Kinder waren ohne Vater groß geworden. Vater konnte und wollte auch nur "im Westen", in der Eifel wieder anfangen, woher er 1920 als junger Mann vor den Franzosen nach Naumburg geflohen war. Die Westkontakte nach dem Krieg sind den Russen und der Volkspolizei auch nicht verborgen geblieben. Als meine Schwester Charlotte "abgeholt" und im Bürgergartenviertel "verhört" wurde, da wurde es Zeit, zu gehen. Im Frühjahr 1950 sind wir in zwei Schüben "schwarz über die grüne Grenze" in den Westen, nach Bielefeld geflohen: Zuerst meine Schwester Ursula und ich, dann meine Mutter und Schwester Charlotte. Die entscheidende Lebensphase 1940 bis 1950 in Naumburg war abrupt abgebrochen und beendet.

Helmut Gatzen (1945-50)

Otto Schwendler und der Jugendbund für Entschiedenes Christentum

Otto Schwendler wohnte bei seiner Mutter in Naumburg, Weinbergsweg 10. Er arbeitete in einem chemisch-pharmazeutischen Betrieb in der Kösener Straße, da, wo sie zwei Kurven macht: Erst nach rechts zur Thüringer Pforte, dann links nach Kösen zu in der Nähe vom Othmarsfriedhof. Seine Freizeit gehörte dem “Jugendbund für Entschiedenes Christentum” EC, der im Hause der Landeskirchlichen Gemeinschaft am Domplatz 7 seinen Treffpunkt hatte. Sein Wirkungskreis war Naumburg, aber sein Horizont ging weit darüber hinaus. Alle, die “bei Otto” im Jugendkreis waren, aber später auch die Ausgewanderten, hat er in ganz Deutschland mit “Otto-Kurz-Grüßen” begleitet“, die Freude bereiten, aber nicht zur Antwort verpflichten sollten.”

Otto Schwendler war im Krieg gewesen und wohl früh aus der Gefangenschaft entlassen worden, aber er hat seine jungen Brüder nicht mit Kriegserlebnissen gefesselt oder verschreckt, wir wußten auch nicht, welchen Dienstgrad und ob er eine Auszeichnung bekommen hatte. Ich glaube, er hat uns mal von Kriegsgefangenen erzählt, die auch “den Herrn Jesus kennen gelernt hatten” - und mit denen er sich deshalb gut habe verständigen können, und von “Zeugen Jehovas”, die auch im KZ gewesen waren, und die auch auf die Wiederkunft des Messias warteten. Es ist ihm gelungen in der Zeit des Zusammen- und Umbruchs 1945 bis 1950 einen stattlichen Jugendkreis zu sammeln, und ich sehe uns noch 1948 – nach meiner Konfirmation – in zwei großen Kreisen sitzen, singend, lesend, fragend, antwortend und betend. Martin Thalheim, Johannes Kunthoff, Johannes Zipfel, Alfred und Fritz Voll, Hans-Dieter Marquardt, Hans Lieback, Wolfgang Unger und einer, dessen Vornamen ich nicht mehr kenne, der Erbes hieß und den wir “Erbse” nannten.

Wir trafen uns immer in den Kellerräumen der Landeskirchlichen Gemeinschaft, ich glaube jeden Mittwoch am Abend, und wir kamen uns vor wie die ersten Christen in den Katakomben Roms, als wir die Geschichte der 1. Gemeinde, die Apostelgeschichte lasen: Die Bekehrung des Paulus und unsere Bekehrung, das Bekenntnis des Stephanus und unser Bekenntnis, der Schwindel von Anamas und Saphira und unsere Wahrhaftigkeit. Immer ging es um die Bekehrung zu Jesus, um die neue Beziehung zu ihm und die “Absage an die alte Welt”. Zu dem neuen Leben gehörte das persönliche Gebet, das Fürbittengebet für andere und die Gebetsgemeinschaft mit den Brüdern. Und praktisch wurde es auch: Wir sollten uns gegenseitig zu den Jugendstunden abholen, und wenn möglich, einen Neuen mitbringen. So hat mein Freund Dieter Marquardt mich gelockt und überredet, und dann war es das Lied von den “Wilden Gesellen, vom Sturmwind durchweht, Fürsten trotz Lupen und Loden, ziehn wir dahin, weil das Herze uns steht, nur nach der Heimat dort oben” mit dem Refrain : “Uns geht die Sonne nicht unter”, das mich bewegt hatte.

Noch etwas anderes war neu: Hier wurde nicht gelehrt von oben nach unten, von einer Kanzel in die Bänke, sondern hier wurde die Schrift gemeinsam reihum gelesen, der Text von jedem ausgelegt und dann miteinander diskutiert: “Was ist uns unklar? Was ist richtig? Was ist falsch? Was ist zu tun?” Wir durften selber Bibelabende vorbereiten, und ich habe noch Konzepte, nach denen ich im Jugendkreis vorgetragen habe: Bibelarbeit über Johannes 8,31 -56: “Wer Sünde tut, der ist der Sünde Knecht”; Tageslosung Matthäus 4,10. “Du sollst anbeten Gott, deinen Herrn, und ihm allein dienen”; Apostelgeschichte 20: “Eutychus verschläft die wichtigste Stunde seines Lebens” und Lukas 18,9-14: “Gott widerstehet den Hoffärtigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.” Die Bibel und ihre Auslegung, das war Ottos wichtigstes Anliegen, um dadurch das Verhältnis zu Jesus immer fester zu knüpfen.

Ottos Stärke aber war nicht nur die Herausforderung zur eigenen Stellungnahme und zur Bestätigung der jeweiligen Position, sondern seine Stärke war auch das seelsorgerliche Gespräch, und jeder, den ich später um eine Stellungnahme zu Otto und seine Tätigkeit gebeten habe, hat gesagt: “Ich war in seiner Seelsorge, und da verdanke ich ihm viel.” Diese Seelsorge zeichnete sich dadurch aus, daß man Otto alles erzählen konnte, was einem auf dem Herzen lag, und daß man gewiß und sicher sein konnte, daß kein anderer etwas davon erfahr, es sei denn “Der da oben”, dem er alles in der Fürbitte vorlegte. Keine Eltern, keine Lehrer, keine Freunde und – horribile dictu – keine Spitzel haben je etwas von ihm erfahren, aber er hat sich mit uns “in aller Not” persönlich vor Gott gestellt und seine Hilfe zugesagt. Er hat uns auch mitgeteilt, woraus er seine Weisheit schöpfte.

Es war damals gerade erschienen von Ernst zur Mieden das Seelsorgebuch: “Sprechstunden mit deinem Ich”. Zu solchen Sprechstunden hat er uns regelmäßig eingeladen, und wir haben ausgiebig davon Gebrauch gemacht: Nach der Bibelstunde, bei ihm zu Hause, auf Spaziergängen und am Telefon.

Ich habe noch ein Heft, das den Titel trägt: “Strongforth-Methode” – “Ratschläge des Strongforth-Institutes Frankfurt am Main, Roßmarkt 25". Otto hatte mir das Original gegeben, und ich habe in dieses Heft geschrieben und gezeichnet, was mir wichtig erschien. Auffällig sind zunächst die Strichmännchen, die Hanteln nach vorne, nach hinten und nach oben stemmen; Strichmännchen, die den Rumpf seitwärts, vorwärts und rückwärts wenden und selbst im Liegen ihre Arme strecken und beugen. Das waren Übungen zur ”Entwicklung von Brust und Lunge, für die Schultermuskeln, den Bizeps und die Bauchmuskeln”. Und als allgemeine Regel galt: “Jeden Morgen die kalte Abwaschung nicht vergessen. Alle Übungen hintereinander machen. Bei Zeitmangel Übungen kürzen. 8 Stunden Schlaf täglich. Täglich eine Stunde wandern, keine zu engen Schuhe. Tee, Kaffee, Alkohol möglichst meiden, Tabak erst recht. Ist der Körper in Ordnung, so sind auch die geistigen und Willenskräfte auf Draht.” Ich weiß nicht, wem Otto diese “Strongforth-Methode” noch empfohlen hat, ich weiß nur, daß sie dem “Sprungfeder-Helmut” (so Ottos Name für mich) gut bekommen ist. So hat Otto uns in unserer körperlichen und geistigen Entwicklung, in der Zeit des Zusammenbruchs und des Aufbaus zweier totaler Herrschaftssysteme, für die einmal das Kollektiv der Rasse, zum andermal das Kollektiv der Klasse wichtig waren, sich um uns und unsere Seele gesorgt.

Die allgemeine Begrüßung: “Na, wie geht’s?” hatte bei ihm eine vielschichtige Bedeutung: “Woher-Wohin?”, “Zufrieden oder unzufrieden?” ,“Gut oder Schlecht?” und immer die Kernfrage nach der Seele und ihrer Gottesbeziehung: “Wohin gehst Du?”, “Mit wem gehst Du?” “Geht Jesus mit Dir?” Er war es, der “nach uns”, nach Mir und Dir gefragt hat und uns damit zur Selbst-und Gottesgewißheit und zur Selbst- und Gottesverantwortung in einer menschenverachtenden Zeit berufen hat. Das war seine Wirkung. Gewollt hat er noch etwas anderes. Als ich ihn als Antwort auf einen “Otto-Kurz-Gruß” einmal bat, doch einmal zu schreiben, wie es ihm denn ginge, da hat er zu meinem Bedauern abgewehrt: “Das ist nicht so wichtig.”- und gepaßt. Warum? Ich finde eine Antwort in dem Lied 373 des Reichsliederbuches “Stern, auf den ich schaue”, das wir an den Bibelabenden im Keller der Landeskirchlichen Gemeinschaft oft gesungen haben: “Drum so will ich wallen, meinen Pfad dahin, bis die Glocken schallen und daheim ich bin. Dann mit neuem Singen jauchz ich froh Dir zu: Nichts hab ich zu bringen. Alles,Herr, bist Du.”

Kinder in der Dompredigergasse

Klaus Becker, Naumburg

Das Leben in den Gassen der alten Domfreiheit

von Klaus Becker, geb. am 17. Februar 1942

Das Foto auf dem Plakat der Sonderschau „Kindheit und Jugend in Naumburg“ des Stadtmuseums Naumburg – Hohe Lilie im Jahre 2003 mit den Kindern der Dompredigergasse vor dem 1. Weltkrieg animierte mich zum Schreiben dieses Artikels. Auch ich bin ein Kind dieser alten Naumburger Gasse, allerdings einige Jahrzehnte später geboren als die Kindergruppe auf dem besagten Bild.

Ausgehend vom Standpunkt des Fotografen möchte ich hiermit in Gedanken einen Spaziergang durch die Dompredigergasse meiner Kindheit und Jugendzeit und das angrenzende Viertel beginnen. Auf geht es in Richtung Norden:

Die alte Lehmmauer auf der Ostseite der Gasse war in der Nachkriegszeit schon sehr zerfallen. Wir Kinder kratzten gern etwas Lehm von der Mauer um zusammen mit Wasser eine herrliche „Meierpampe“ zu erzeugen. Im Grundstück mit der Frau vor der Tür wohnte damals eine Familie, die eine umfangreiche Tierhaltung betrieb. Sie hatten die später zu DDR- Zeiten übliche „Specki- Tonne“ für Küchenabfälle schon damals in den Nachbarhäusern eingeführt. Wenn geschlachtet wurde, konnten sich die Futterlieferanten dann mit Wustsuppe versorgen.

Am nördlichen Abschluss der Lehmmauer stand ein Pavillon aus Fachwerk und Lehm. Dieser wurde später abgerissen und an seiner Stelle stehen heute drei Garagen. Hier war auch eine Eingangstür zur damaligen Gärtnerei Hornig. Der Gärtnermeister nutzte die heute nur eine Ruine darstellende Orangerie als Arbeitsraum und Gewächshaus. Neben dieser Gärtnerei gab es im Umfeld noch die Gärtnerei Hädicke in der Probstei sowie mehrere Gärtnerein in der Georgengasse, welche in der Nachkriegszeit sehr intensiv bewirtschaftet worden sind.

Dompredigergasse Nr. 5 war und ist auch heute noch das Pfarrhaus. Mein Geburtshaus war Nr. 6, es stand daneben. Heute befindet sich an dessen Stelle ein Neubau. Aus einem Bodenfenster unseres Hauses konnte man in das Arbeitszimmer des Dompfarrers schauen, es war damals Prof. Stolzenburg.

Das Haus Dompredigergasse 6 war ein´s wie viele in diesem Stadtteil, Parterre anderthalb Zimmer, im ersten Stock drei Räume im Vorderhaus und zwei ein halb Räume im Hinterhaus. In den drei kleinen Zimmern im Dachgeschoss wohnten wir und dort wurde ich auch an einem eiskalten Februartag  im Kriegswinter 1942 geboren. Nach Kriegsende wohnten im Haus vier Familien, insgesamt 13 Personen, zwei Kinder wurden im Laufe der folgenden Jahre noch geboren. Alle gingen auf eine Latrine, die sich neben dem Waschhaus und vier kleinen Kohlenkammern auf dem winzigen Hof befand. Das Kellergewölbe mit den vier Lattenverschlägen war über eine Falltür im Hausflur zu erreichen. Im Hof und im Hausflur standen vier Handwagen, die „Trabis“ der späten vierziger Jahre.

k.becker_09k Blick zu den Nachbarn

Es geht weiter die Georgenmauer entlang nach Osten. Dort und in der Wagnerstraße, wo heute unzählige Autos parken, gehörte die Straße uns Kindern, wir konnten ungestört auf der Straße spielen; denn vorbei fahrende Autos waren eine Seltenheit. Aber am liebsten hielten wir uns im Turnhof der Georgenschule auf. Dort wurde Ball gespielt, in der Weitsprunggrube gebuddelt und auf die großen Lindenbäume geklettert. Einer aus der Clique war im Besitz einer Taschenuhr mit Sekundenzeiger. Diese war das wichtigste Utensil für unsere Rundenrenn- Wettbewerbe.

In den fünfziger Jahren verwandelte sich der Turnhof im Winter in eine Spritzeisbahn. Stundenlang glitten wir mit unseren „Absatzreißern“, das waren Schlittschuhe, welche mittels einer Kurbel an den Schuhen befestigt wurden, über das Eis.

Ein Höhepunkt war für uns Kinder auch immer die Vorbereitung von Boxveranstaltungen, die je nach Wetter entweder im Turnhof oder in der Georgenturnhalle durchgeführt worden sind. Wir halfen beim Aufbau des Boxringes und schleppten unentwegt Klappstühle und Bänke heran. Als Belohnung durften wir dann meisten der abendlichen Boxveranstaltung beiwohnen. Das war schon was; denn Naumburg verfügte in den fünfziger Jahren über eine gute Boxstaffel und die vielen Boxsportfans huldigten unter anderem einem „Schorch“ Schleußner, einem Peter Fahrenkrug und einem Hannes Scherbaum.

Im Norden schließt sich an den Turnhof das Gelände des damaligen Jugendklubhauses (heute Jugendklub „Otto“) mit der alten Rollschuhbahn an. Dass Naumburg in den Fünfzigern die Rollkunstlauf- Hochburg der noch jungen DDR war, brauche ich wohl nicht besonders zu betonen. Renate Löser und Betty Otto waren neben zahlreichen anderen talentierten Mädels die unangefochtenen Stars der Rollkunstlaufszene. Aber ich möchte auch meinem Klassenkameraden aus der Mittelschule, Rainer Benisch, ein Denkmal in dieser Sportart setzen; denn er war der einzige Junge in diesem Mädchenverein. Er gewann natürlich alle Meistertitel in seiner Klasse, da er meistens im Alleingang bei Wettbewerben startete.

Doch zurück zur Georgenmauer. Obwohl in unmittelbare Nähe wohnend, bin ich nie in die Georgenschule gegangen. Ich kenne diese Schule nur vom Wäscheaufhängen; denn die Hausfrauen aus den Anliegerstraßen durften bis Anfang der fünfziger Jahren die große Wäsche auf dem riesigen Boden oder auf dem Schulhof dieser Schule aufhängen. Gegenüber der Georgenschule befand sich die Bäckerei Rühlemann (später Sander) und im Nachbarhaus der Kramhändler Wedemeyer. Letzterer war für uns Kinder interessant, weil er Brausepulver führte, damals eine Leckerei. An der Ecke zum Neuen Steinweg war in einem winzigen Häuschen der Milchladen Baumgärtner untergebracht. Herr Baumgärtner versorgte auch mittels eines Handwagens, auf dem sich mehrere Milchkannen befanden, als fliegender Händler das Siedlungsviertel. Später zog dieses Geschäft in ein Eckhaus Windmühlenstraße – Georgenmauer und wurde von Frau Hermann geführt. An dieser Straßenkreuzung befanden sich auch noch die Bäckerei Schmidt und die Fleischerei Schütze. Die Fleischerei habe ich einesteils in unguter Erinnerung, da es dort speziell vor den Wochenenden sehr voll war und meine Mutter mich oft als „Platzhalter“ in die Warteschlange schickte. Fast regelmäßig wurde es mir dort durch die Herumsteherei und die ungewohnten Fettdüfte schlecht und ich war heilfroh, wenn ich abgelöst wurde. Anderseits schmeckten mir die Wurstwaren sehr gut, leider kamen diese verhältnismäßig selten auf den Tisch. In der Vorweihnachtszeit wurden die Lebensmittelmarken für Wurstwaren immer wochenlang aufgespart, um für Weihnachten einen gewissen größeren Wurstvorrat anlegen zu können. Wenige Tage vor Heiligabend hingen dann meisten drei komplette Würste (Blut, Leber, Knack) an einem Haken in der Schlafstube und ich konnte es kaum erwarten bis diese zum Fest angeschnitten wurden.

Weiter geht es südwärts die Windmühlenstraße entlang. Rechts zweigt die Webergasse ab und dort befand sich in einem Hinterhaus eine elektrische Wäscherolle. Dieses Ungetüm erweckte als Kind mein technisches Interesse. Fasziniert verfolgte ich immer wieder den Richtungswechsel des schweren mit Steinen gefüllten Holzkastens, der die auf Rollen gewickelten Wäschestücke glättete.

In der Windmühlenstraße gab es auch den letzten innerstädtische Bauernhof, ein Hof wie auf dem Dorfe mit Misthaufen und Stallungen. Er wurde bis weit in die Fünfziger von der Familie Altenburg betrieben.

Diesem Hof gegenüber befand sich der Gemüseladen Grossek. Die kleine Frau Grossek, die auch an den Markttagen auf dem Marktplatz Gemüse und Obst verkaufte, war ein Naumburger Original. Gegen ihr Mundwerk konnte man nicht ankommen und ehe man sich versah, hatte man beim Einkauf auch noch etwas nicht mehr ganz Einwandfreies in der Tasche.

Im Haus daneben, es ist heute unbewohnt und dem Verfall preisgegeben, wohnte mein Schulkamerad Bernd, den ich seit der 1. Klasse kenne. Wir sind heute noch befreundet und treffen uns regelmäßig, obwohl er nicht mehr in Naumburg wohnt. Die erste Etappe meines täglichen Schulweges endete hier; denn ich musste dort  auf dem in der Küche befindlichen Kohlenkasten sitzend warten, bis Bernd fertig gefrühstückt hatte. Dann zogen wir gemeinsam los, verlängerte Windmühlenstraße, Steinweg, „Pfütze“ (Othmarsweg) und Kramerplatz wurden passiert, bis wir in der Schulstraße angekommen waren.

Im Hinterhaus war eine Schlosserei untergebracht und schräg gegenüber die Bücherei von Alfred Zeisler. Mein Vater lieh sich sehr oft Bücher dort aus. Das ging aber nicht allzu lange; denn der gesamte Buchbestand wurde eines Tages konfisziert und Herr Zeisler handelte von da ab mit Büchern und Büromaterial.

An der Ecke zur Seilergasse war die Fleischerei Zeigermann und in der verlängerten Windmühlenstraße die Kohlenhandlung Böhme. Von dort habe ich so manchen Handwagen mit Briketts in die Dompredigergasse gezogen.

Unser wichtigster Einkaufsladen war der von Ernst Selmar an der Ecke Seilergasse – Brunnengasse. Als Kind beeindruckte mich dort immer der riesige Butterblock, von dem kleine Butterstückchen mit einem großen Messer abgeschnitten wurden. Weitere Geschäfte in der Brunnengasse waren der Gemüsehändler Haase, der Fotohändler Sack, bei dem ich mir meinen ersten Fotoapparat, die Plastekamera „Pouva Start“ gekauft habe, der Elektriker Netz (Nomen ist Omen), der Textilladen Springer und am Ende der Gasse der Optiker Riechard, der in der Vorweihnachtszeit immer wunderschöne Modellbahnen in einem Schaufenster ausstellte und das Zigaretten und Spirituosengeschäft Kröhl. In letzterem wurde nicht nur eingekauft, sondern hier traf sich die Männerwelt um alle großen und kleinen Neuigkeiten auszutauschen und zu diskutieren.

Weiter geht’s ein kurzes Stück den Lindenring entlang und dann in den Steinweg.

Gleich rechts am Anfang das „Hackerbräu“, eine urige Kneipe (die sie auch heute noch ist), bewirtschaftet wurde sie am Anfang der sechziger Jahre von zwei älteren Damen, das kleine Bier kostete 40 Pfennige. Wir trafen uns zu dieser Zeit dort jeden Freitag- Abend, es wurde getrunken, gewürfelt, geknobelt, Karten gespielt, Neuigkeiten ausgetauscht und es war immer urgemütlich.

Auf der anderen Straßenseite neben dem Bürstenmacher Steinbrück war die Glaserei und Bilderrahmerei Nauendorf. Dieses Geschäft war für uns Schuljungen deshalb interessant, weil dort auch in unzähligen Alben eine sehr umfangreiche Briefmarkensammlung vorhanden war. Sehr oft ließen wir uns die nach Ländern sortierten Briefmarkenalben zeigen, um für einige Groschen Briefmarken zu kaufen.

Auf dem Steinweg gab es unter anderem auch wieder einen Gemüseladen, einen Lebensmittelladen, zwei Fleischereien und noch einen Briefmarkenhändler.

Der Steinweg führt direkt zum Naumburger Dom und über dieses Bauwerk braucht man keine weiteren Worte verlieren. Als Kinder sind wir sehr gern auf dem  fast den ganzen Dom umgebenden reichlich kniehohen Steinsockel entlangbalanciert. Viel zu sehen gab es auch, als Ende der vierziger Jahre auf den Südost- Turm des Doms eine im Krieg verschont gebliebene große Glocke heraufgezogen wurde. Interessant war für uns Schuljungen auch der Domgarten mit den Teichen an der Freyburger Straße. Wir suchten dieses Gelände gern nach dem Religionsunterricht auf. Dazu mussten wir nämlich aus unserer Schule hierher kommen, da dieser Unterricht in der alten Domschule, die sich über dem Kreuzgang befand, abgehalten werden musste. Allerdings durften wir uns dabei nicht vom Dom- Hausmeister Klapperstück erwischen lassen; denn dieser war ein sehr grimmiger Zeitgenosse.

Viel Freude bereitete es mir auch, mit meinem luftbereiften Roller vom Oberlandesgericht hinunter zum Domplatz zu rollern. Dieses Spiel konnte allerdings nicht lange betrieben werden; denn die russischen Soldaten und Offiziere, die sich im Oberlandesgericht und den umliegenden Häusern einquartiert hatten, vernagelten sehr bald mit einem hässlichen Bretterzaun das westliche Ende des Domplatzes, so dass von dort die Georgenstraße und die Straße Hinter dem Dom nicht mehr passiert werden konnten.

Das wunderschön restaurierte Haus Domplatz 4, das sogenannte Domnest, steht am Eingang der Dompredigergasse (vom Domplatz aus) und damit hat sich der Ring geschlossen; noch ein paar Schritte und man befindet sich wieder am Anfang der gedanklichen Wanderung durch die Gassen der ehemaligen Domfreiheit.

ch mache mit Gästen gelegentlich diese Runde und verweise dabei immer auf die beschriebene, längst Geschichte gewordene kleinstädtische Infrastruktur. Besonders freue ich mich schon jetzt darauf, wenn die Domgärten mit der zerfallenen Orangerie hinter der neu entstehenden Evangelischen Schule am Domplatz wieder in Ordnung gebracht werden. Dann wird meine alte Gasse bestimmt ein wahres Schmuckstück sein.

Wolfgang Cyliax, Pödelist

Wir schlichen aus den Kellern, obwohl die Angst unser Begleiter war

Auch wir als Schüler, während der Kriegszeit in unserer Heimatstadt Naumburg, können ein wenig erzählen von den Grausamkeiten des Zweiten Weltkrieges, wenn es uns auch nicht so bewußt gewesen ist.
Ich habe bei meinen Pflegeeltern in der Freyburger Straße über der „Quelle" am Othmarsweg gewohnt. So kann ich mich doch noch genau erinnern, was sich in unserem ruhigen Wohnviertel so alles ereignete.
Da zogen die siegreichen Truppen des Frankreichfeldzuges, vom Bahnhof kommend, wieder in ihre Kasernen Naumburgs zurück. Später dann kamen Trecks von Flüchtlingen und Gefangenentransporte. Ansonsten war ein Auto zu Kriegszeiten in unserer Freyburger Straße nur selten zu sehen. Der Schulunterricht wurde besonders in den letzten Kriegsjahren durch Fliegeralarm gestört, so manchmal zwei- bis dreimal am Tage.

Im Luftschutzkeller

Nachts mußten wir sehr oft in die Luftschutzkeller, da kamen die britischen Bomber und tagsüber die amerikanischen Luftverbände. Nach der knappen Schulzeit spielten wir auf „unserer Straße”, so zum Beispiel Balltreiben, Ballköppen oder Huppen. Aber auch mit der Sammelbüchse fürs WHW (Winterhilfswerk) zogen wir durch Naumburgs Straßen.

Nach Entwarnung des Fliegeralarms drängte es uns auch zur Wenzelskirche. Dort klingelten wir beim Türmer, Herrn Schunke, um nach ganz oben zu gelangen und zu schauen, wo es nach den Bombenangriffen brannte. Auch wurden von uns Kindern Brandbombenhülsen und Staniolstreifen gesammelt. Kinobesuche für 50 Pfennig in der „Reichskrone” oder im „Schwanen” gehörten zu unserem Programm. Das Jahr 1945 war angebrochen, der Vater an der Ostfront, die Mutter Angestellte in der Barbarakaserne. Der Pflegevater war Gärtner im Heereszeugamt.

Die Schulzeit wurde ausgesetzt. Wir verzogen nach der Neidschützer Straße, hier erlebte ich die letzten Tage des Krieges. Hier konnten wir beobachten, wie die Wehrmacht von Naumburg sich auf eine Verteidigung der Stadt Naumburg vorbereitete. Viele Lafettenfahrzeuge führen vom Heereszeugamt auf die „Schie-wiese" (gegenüber vom Waldschloß). Verteidigungsgräben, Splittergräben und Erdbunker wurden ausgehoben. Das war natürlich was für uns Jungen. Angehörige des Volkssturmes und die Hitlerjugend wurden an Waffen und Panzerfäusten ausgebildet.

Dann kam der große Panzeralarm, alle Einwohner mußten sofort in die Luftschutzkeller, keiner durfte auf die Straße. Einige Tage waren die Menschen auf engstem Raum in den Kellern eingepfercht. Und es waren nicht nur Naumburger Einwohner, sondern es kamen viele Flüchtlinge und Umquartierte aus dem Osten und Westen Deutschlands dazu. Hinzu kam noch die Kunde, daß das Berliner Postministerium nach Naumburg in die Postfachschule, also in unsere Nachbarschaft, verlegt werden sollte. Sollte sich eine neue Gefahr anbahnen? Zum Glück war es nur eine „Ente”. Obwohl die Angst unser ständiger Begleiter war, schlichen wir uns heimlich doch mal aus den Kellern, um zu schauen, was es da „Neues" gibt. Wir sahen, wie die Soldaten, der Volkssturm und die Hitlerjugend, flüchteten oder Waffen, Munition und Uniformen eilig verscharrten. Dann dauerte es nicht lange, und mit Riesengedröhne kamen die ersten Panzer der Amerikaner, die wuchtigen Shermans.

Weiße Fahnen

An unseren Häusern flatterten die eiligst selbst geschneiderten weißen Fahnen. Die Waldschloßwiese und das Zentrum des Buchholzes brannte, dicke Rauchschwaden stiegen auf, hier hatten unsere Soldaten noch die zurückgelassene Wehrmachtstechnik in Brand gesetzt.
Nun waren sie da, die Amerikaner. Die Häuser der Neidschützer Straße und die Postfachschule wurden durch sie besetzt. Innerhalb sechs Stunden mußten die Bewohner ihre Häuser verlassen.

Der Panzeralarm war aufgelöst. Wir konnten wieder auf die Straße, haben den Amerikanern neugierig beim Sport und Autofahren zugeschaut, und auch ganz schön beklaut, Fressalien natürlich in Dosen und Alu-Verpackungen. Mit viel Eifer suchten wir auch deutsche Waffen und Munition, gesucht gefunden und bei den Amis für Schokolade und Kekse eingetauscht.

Der Krieg war nun Gottseidank zu Ende, wir mußten wieder in die Schule und harrten der Dinge, die auf uns Jungen und Mädchen zukamen.

Dieser Beitrag erschien zuerst im Naumburger Tageblatt. Ergänzung zum Zeitungsartikel:

[Hunger]

Unsere Stadt Naumburg war ja nun von den Amerikanern besetzt. Das Leben sollte sich wieder normalisieren. Die Heereslager wurden von den Naumburgern aber auch von den ehemaligen Fremdarbeitern geplündert. So die Lager auf den Bahnhöfen, in Eulau und vor allen Dingen das Heeresverpflegungsamt. In Letzterem sollten wohl Lebensmittel eingelagert gewesen sein, daß man unser Naumburg 3 Jahre davon hätte verpflegen können. Es waren vor allen Dingen Mehr, Zucker, Fleischkonserven. Diese wurden in Mengen unter dramatischen Bedingungen geraubt. Die Amerikaner schauten anfangs zu, als es ihnen aber “zu bunt” wurde, schossen sie in die Luft und verscheuchten die Leute mit ihren gefüllten Handwagen. Die Fleischkonserven mußten dann wieder abgegeben werden laut Befehl der Amis und wurden auf die Fleischmarken neu verteilt.

[Kriegsgefangene]

Ich habe aber auch nicht vergessen als die Amerikaner tausend deutscher Kriegsgefangene auf dem Gelände des Heeresverpflegungsamts auf dem Rasen neben den Ostbahngleisen eingesperrt hatten. Wir, die damaligen Schüler, gingen von Haus zu Haus und Tür zu Tür in Grochlitz und bettelten Lebensmittel für diese Gefangenen.
Obwohl die Leute selbst nicht viel hatten, gaben sie doch fast ihr Letztes an Eßbaren. Diese Gaben schmissen wir dann, nachdem wir die amerikanischen Militärposten (auf ihren Stühlen hockend) abgelenkt hatten, über die Stacheldrahtzäune und wurden von unseren “Soldaten” begierig angenommen.

Doch einige Tage später wurde das Gefangenenlager aufgelöst und es ging mit großen AMI-LKW “Studebeker” in ein anderes Lager. Vielleicht in das als Hungerlager bekannte Bad Kreuznach.

Einzug der Amerikaner

[...]. Dann war es soweit – die ersten AMI Panzer kamen aus Richtung Jena. Auch bei uns zogen amerikanische Einheiten in den Park gegenüber und in das Posttöchterheim sowie in die Häuser Nr. 25/24 ein. Hier mußten die Bewohner innerhalb von wenigen Stunden ausziehen. So auch Familie Stange [...] und sie wohnten dann einige Zeit bei uns (1 ½ Zimmer). Wir Kinder suchten nun die Amerikaner im Park auf und brachten ihnen einige der versteckten Waffen, bekamen dafür Schokolade, Kaugummi und Kekse. Wir klauten aber auch aus den Jeeps liegende Konserven und Schokolade. Den Amis schauten wir beim Sport zu und durften auch einmal im Jeep mitfahren. Nach einigen Wochen zogen die Amis ab, die Wohnungen waren in desolaten Zuständen verlassen. Danach zogen die nächsten Besatzer und Befreier ein, die Russen.

Klaus Becker

Erinnerungen an das Kriegsende 1945 und an die Nachkriegszeit in Naumburg

Mit drei Jahren etwa hat der Mensch seine ersten bleibenden Eindrücke. Diese ersten Erinnerungen, aus dem tiefsten Langzeitgedächtnis hervorgeholt, beziehen sich bei mir ausnahmslos auf die letzten Tage des 2. Weltkrieges und die Nachkriegszeit. Aus dieser Zeit blieben mir bis heute folgende Bilder im Gedächtnis, die immer wieder einmal auftauchen und die ich hiermit interpretieren möchte:

Im Luftschutzkeller

In einem ziemlich finsteren Raume liegen auf einer großen Tischplatte einige dick in Decken eingewickelte Säuglinge, die meine besondere Aufmerksamkeit erwecken. Wie mir später einmal meine Mutter erzählte, spielt diese "Szene" im Luftschutzkeller in der Georgenschule. Wir wohnten damals in der Dompredigergasse und bei Luftalarm ging es im Laufschritt mit ein paar Habseligkeiten durch unseren Hinterausgang in den "Schlüfter" neben der ehemaligen Fleischerei Hartung und über die Straße (Georgenmauer) in die Georgenschule.

Der schrille Ton der Sirenen und das anschließende laute Gebrumm der Bomberverbände waren eine Geräuschkulisse, die noch viele Jahre in mir nachwirkte. Zum Glück ließen die Bomber aber bis auf die bekannten Angriffe auf das Stadtzentrum und auf das Heereszeugamt unser Städtchen ungeschoren.

Amerikanische Panzer

Ich stehe mit meiner Mutter am Jakobsring, etwa in der Kurve am ehemaligen "Stadt Naumburg". Mit Donnergetöse ziehen große Eisenkolosse an uns vorüber und aus den Luken dieser Ungetüme gucken dunkelhäutige Männer heraus. Hierbei handelte es sich, wie man leicht erraten kann, um den Einmarsch der Amerikaner am 12. April 1945 in Naumburg. Meine Mutter wollte mit mir die Einnahme Naumburgs im Schrebergarten einer Tante erwarten. Dieser Garten lag am Ende der Kleingartensparte "Erholung" und seine hintere Begrenzung bildete ein Steilhang, in dem sich ein kleiner verschließbarer Stollen befand, der normalerweise als Geräteschuppen genutzt wurde. In diesem Stollen wollten meine Tante und meine Mutter mit uns Kindern in Erwartung der kommenden Dinge ausharren. Irgendwie wurde es aber meiner Mutter in diesem "Bunker" zu langweilig und ungemütlich. Sie schnappte mich und das Handgepäck und wanderte mit mir in Richtung Innenstadt, mit dem Ergebnis, dass wir mit den amerikanischen Panzern direkt konfrontiert worden sind. Offensichtlich wurden von den amerikanischen Soldaten die am Straßenrand stehende Frau mit dem schwarzen Köfferchen und der Dreikäsehoch mit dem Netz voller Spielsachen (dieses Netz soll übrigens auch mein ständiger Begleiter in den Luftschutzkeller gewesen sein) nicht als potente Feinde betrachtet und wir konnten ungeschoren nach Hause gehen.

Heimkehrer

Ich werde mitten in der Nacht geweckt, aber dieses Mal handelt es sich nicht um einen bevorstehenden Gang in den Luftschutzkeller, sondern es wurde mir ein bis dahin völlig unbekannter Mann vorgestellt. Es war September 1945 und dieser Mann in der schäbigen Uniform war mein Vater, der aus russischer Gefangenschaft kam. Er hatte mir einen Apfel mitgebracht, den eine mitleidige Frau im Zug nach Naumburg dem abgehärmten Heimkehrer zugesteckt hatte. Übrigens entstand durch diesen Apfel in unserer Familie bereits 1945 das Klischee vom armen Osten und vom reichen Westen; denn fast gleichzeitig traf auch mein Onkel aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft in Italien wieder zu Hause ein. Der Onkel kam im Gegensatz zu meinem Vater schwerbepackt mit mehreren Säcken an. Darin befanden sich für die damalige Zeit so wertvolle nützliche Sachen wie Lebensmittel und sogar Schokolade.

"Kohlenklau"

Ich befinde mich im Kreise einer großen Kinderschar, in einer Erdgeschosswohnung in der Windmühlenstraße und wir werden wahrscheinlich von meiner ältesten Cousine beaufsichtigt. (Das Haus ist unterdessen abgerissen und eine hohe Mauer trennt jetzt das Grundstück von der Straße.) Nach einer langen Zeit erscheinen unsere Eltern, alle mit einem großen Rucksack voller Briketts auf dem Rücken. Nur einer trägt traurig einem leeren Sack, er war vom Wachpersonal am stehendem Kohlezug auf den Gleisen des Naumburger Güterbahnhofes erwischt worden und musste seinem vollen Rucksack ausschütten. Der Ärmste brauchte für Spott nicht zu sorgen.

Buntkarierte Naumburger

Dieses Bild begleitete mich fast bis zur Einschulung im Jahre 1948 und viele Naumburger werden sich bestimmt ebenfalls daran erinnern. Es gab in dieser Zeit einen absoluten "Modehit", den man sehr oft in Naumburgs Straßen bewundern konnte. Hemden, Blusen und sogar Kleider der Passanten bestanden aus einem Stoff, blaubunt-kariert auf weißem Leinen, der verdächtig an Armeebettwäsche erinnerte. Man sollte nichts Schlimmes annehmen, aber diese Bettwäsche stammte bestimmt einmal aus den Beständen des Naumburger Heereszeugamtes.

 

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