Nachkriegszeit

Peter Orlamünde

Eine Kindheit in Naumburg

Vorwort

Wann beginnt die Kindheit? Wann endet sie?

Über die ersten, unbewusst erlebten Dinge kann man nur Berichte abgeben, die man später erfahren hat. So erfuhr ich, dass ich am 5. Juni 1938, es war der Pfingstsonntag, im Naumburger Krankenhaus geboren wurde. Ein Freund der Familie schickte am 8. Juni eine Glückwunschkarte in die Hallesche Straße 41, die erste Wohnung meiner Eltern. Die Karte hatte folgenden Text:

Pfingstsonntagsjunge Peter,
das ist fürwahr nicht jeder!
Es hat der Schicksalsengel
dem kleinen lieben Bengel
des Glückes blaue Blume
zu stetem Eigentume
schon in das Wiegenbett gelegt,
damit er stark und unentwegt
zum tücht’gen Mann einst werde,
der fest auf dieser Erde
mit seinen beiden Beinen steht
und in des Führers Bahnen geht.
Er mög zur Freud Euch werden,
zur schönsten hier auf Erden!

Das 1000-jährige Reich währte nur 12 Jahre, ich war 7 Jahre alt, als "des Führers Bahnen" nirgendwo mehr begehbar waren...

Das war also der Anfang am Pfingstsonntag 1938. Es wird nicht viele Menschen geben, die auf die Stunde genau sagen können: jetzt ist meine Kindheit vorüber, beendet. Ich kann dies sehr wohl.

Es war am 9. März 1953 zwischen 9 und 10 Uhr. Ich war 14 Jahre alt und Schüler der 9. Klasse der Naumburger Oberschule. Gegen 9 Uhr wurde ich aus dem Unterricht geholt und zum Direktor zitiert. Dort wurde mir (und einer ganzen Reihe anderer Schülerinnen und Schülern) erklärt, ich hätte die Trauerfeier aus Anlass des Todes von Stalin auf "provokative Weise" gestört, ich sei hiermit von der Schule verwiesen.

Später bekamen wir es schriftlich: Ausschluss von allen Oberschulen der DDR. Die "Freiheit" druckte am 19. März eine ganze Schmähschrift-Seite gegen meine Familie ab unter der Überschrift: " In der Oberschule Naumburg weht ein frischer Wind" und "Ein Beispiel dafür, wie Feinde des Fortschritts entlarvt werden", darin heißt es: "Solche Elemente wie Peter Orlamünde werden an Plätze gestellt, wo sie das notwendige Bewusstsein am ehesten erhalten".

Das war das Ende meiner Kindheit und ich habe trotz meiner 14 Jahre sofort begriffen, dass von nun an mein Leben in eine ganz andere Richtung gehen würde.

Der Grund für diese Ereignisse war die Tatsache, dass ein großer Teil der Schülerschaft neben der FDJ auch in der "Jungen Gemeinde", also der evangelischen Jugend angehörte und dies war den Regierenden ein Dorn im Auge. Später erfuhr ich, dass solche Aktionen im ganzen Land durchgeführt wurden, mit unabsehbaren Folgen für die Betroffenen...

Die Stationen: Hallesche Straße Herrenstraße Lepsiusstraße

Die 1. Wohnung meiner Eltern war in der Halleschen Straße 41, daran habe ich keine Erinnerung mehr. Der Hauptteil meines kindlichen Lebens spielte sich in der Herrenstraße 2, der Lorbeerbaum-Apotheke, ab. Wir wohnten dort von 1940 bis 1950.

Die Wohnung war groß, wir wohnten viele Jahre zu dritt dort: Mutter, Schwester Sabine und ich, der Vater war 1939 eingezogen worden und kam erst 1946 aus amerikanischer Gefangenschaft wieder. Allein die Wohnung zu beschreiben würde einige Seiten füllen. Ich will es bei zwei Beispielen belassen: Zur Herrenstraße hin waren 2 Zimmer, im 17. Jahrhundert hatte man zur Straßenseite oft ein oder zwei "Prunkzimmer". Eines dieser Zimmer hatte einen Erker, man konnte von hier aus die Straße in alle Richtungen überblicken. Der Clou der Wohnung war am anderen Ende ein Dachgarten mit einer Laube. Wir haben hier in luftiger Höhe über den alten Höfen sonnengebadet, Tomaten und Tabakspflanzen gezogen und ich hatte über einige Jahre Kaninchen in ihrem Stall zu versorgen.

Das Haus hatte einen tiefen Keller, der hauptsächlich von der Apotheke genutzt wurde. Drei Böden gab es über uns, dort standen große Trommeln mit Kräutern und Tees - überhaupt roch es natürlich im ganzen Haus nach Apotheke. Neben der Apotheke gab es noch ein zweites Geschäft im Haus: ein Zigarrenladen mit einem Besitzer, der mich an Theo Lingen erinnerte, Mittelscheitel, sehr gepflegt, modisch gekleidet, immer mit Krawatte und blitzblank geputzten Schuhen.

1950 zogen wir "ins Grüne", in die Lepsiusstraße 4. Wir Kinder mussten fleißig helfen und kleinere Dinge wie Bücher oder Eingemachtes mit dem Handwagen oder dem Kinderwagen (1947 war Sybille geboren worden) in die neue Wohnung bringen. Jetzt hatten wir ein Stück Garten und viel Grün um uns herum, es gab Linden und Kastanienbäume und man schloss neue Freundschaften mit Nachbarskindern. Die Straßenbahn war nun nicht mehr zu hören, dafür dann nachts, wenn es ganz still war, vom Bahnhof her die Pfiffe der Eisenbahn und das Schnauben der Dampflokomotiven.

Schulzeit

Die Schultüte war grün, an den Inhalt kann ich mich nicht mehr erinnern - die Mutter wird 1944 ihre Not gehabt haben, das Papp-Ungetüm zu füllen. Die Georgenschule war eine reine Jungenschule und es war nur das 1. und 2. Schuljahr, das ich dort verbrachte, dann wurde die ganze Klasse in der Diesterwegschule weiter unterrichtet, die eigentlich Salztorschule hieß und Mehrschicht-Unterricht hatte. Das war ein alter Bau, den schon mein Vater von innen gesehen hatte. Für viele hundert Kinder gab (und gibt) es nur einen kleinen Schulhof. Im Sommer konnte man vor lauter Staub kaum den Schulhof überblicken und im Winter gab es eine ganz unangenehme Sache: die nicht beheizbare kleine Toilettenanlage fror bei tiefen Temperaturen ein und die erledigten Bedürfnisse der Schüler liefen dann aus dem Häuschen heraus und folgten dem natürlichen Gefälle des Schulhofs...

In jedem Klassenzimmer war ein großer eiserner Ofen, der mit Kohle beheizt wurde. Vor diesem Ofen stand eine Holzkiste mit dem Kohlevorrat. Jeden Vormittag öffnete sich die Klassenzimmertür, Hausmeister Vogel (ein recht gestrenger Mann) kippte eine gefüllte Kiepe über die Schulter in die Holzkiste und verließ, in eine gewaltige Staubwolke gehüllt, wieder den Raum.

Wir mussten unsere ersten Lesebücher abgeben. Ich erinnere mich noch an ein Bild in diesem Buch: ein Junge fuhr Roller, an dem Roller war vorn ein Wimpel mit einem großen Hakenkreuz darauf. Als wir die Bücher wiederbekamen, war dieses Zeichen eingeschwärzt - so, wie die Briefmarken zunächst weitergalten und geschwärzt wurden und genau so, wie später Briefe aus dem Westen mit missliebigen Marken im Osten geschwärzt wurden...

Ein großes Ereignis war die Auflösung der Diesterwegschule 1951: Unsere 8. Klasse wurde der Marienschule zugeteilt, einer reinen Mädchenschule. Da fühlten wir uns wie die kleinen Könige und der vorher nicht so sehr beliebte Posten der Pausenaufsicht mit Armbinde war plötzlich sehr begehrt. Das Schuljahr schloss mit einer Abschlussprüfung mündlich und schriftlich in verschiedenen Fächern. Das war auch mitentscheidend für den Übergang auf die Oberschule, heute Lepsius-Gymnasium.

Im Herbst 1952 war ich dann Schüler der 9. Klasse der Oberschule Naumburg - 6 Jungen und 30 Mädchen. Die meisten Mitschüler kannte ich nicht, viele waren aus dem Landkreis, kamen aus Bad Kösen oder auch aus Freyburg.

Eine Sache möchte ich noch erzählen: meine Stärken waren Musik (natürlich!) und Deutsch. Mit den Naturwissenschaften, insbesondere Mathematik, hatte ich es nicht so besonders. Es war immer ein knappes "genügend" und im Mathe-Unterricht machte ich mich immer recht klein und unauffällig. Die erste Mathe-Stunde der Oberschule nahte. Ich hatte mir einen "Neuanfang" vorgenommen, denn vielleicht lag es ja auch am Lehrer, der bislang meine eventuell versteckten mathematischen Begabungen nicht zu fördern wusste. Mein Gesicht sprach sicher Bände, als sich die Tür öffnete und derselbe Lehrer der 7. und 8. Klasse den Raum betrat: er war mit mir versetzt worden! Nach einem kurzen Blick in die Runde meinte er vielsagend: "Na, wir kennen uns ja..."

Dass meine Zeit in der 9. Klasse nur bis zum März ging, habe ich im Vorwort schon erläutert. Insgesamt bin ich, wenn ich ehrlich bin, nicht gern zur Schule gegangen. Ich hatte immer viele andere Interessen und wenn mir 1952 jemand gesagt hätte, dass ich einmal noch 30 Jahre lang zur Schule gehen würde - diesmal als Lehrer und diesmal gern - dann hätte ich es ihm damals nicht abgenommen!

Ein "Denkmal" möchte ich noch anfügen. Wir hatten von der 5. bis zur 8. Klasse einen Klassenlehrer, den wir sehr verehrten und der ein Pädagoge von hohen Graden war: Dr. Werner Herrtwich, der übrigens noch seinen 100. Geburtstag feiern konnte!

Kriegsende – Nachkriegszeit

Auch Naumburg wurde mehrere Male bombardiert, wir hatten immer unsere Taschen mit wichtigen Unterlagen griffbereit stehen, die wir mit in den Keller nahmen. Unten, am Fuß der Kellertreppe, war zum Nachbarhaus hin ein Durchbruch in der mittelalterlichen Kellermauer geschaffen und mit einer dünnen Ziegelmauer wieder verschlossen worden. Davor lag eine große Spitzhacke: wenn unser Haus einen Treffer bekommen hätte und die Ausgänge verschüttet worden wären, hätten wir so den "Notverschluss" öffnen und in den Nachbarkeller flüchten können. Nur gut, dass wir das nicht ausprobieren mussten...!

Im April 1945, nach einem Angriff auf die Innenstadt Naumburgs kamen bald darauf amerikanische Soldaten, der Krieg war zu Ende. Der Bombenangriff hatte eine große Anzahl von Opfern gekostet, wir waren mit dem Schrecken davongekommen. Das Heereszeugamt lag teilweise (übrigens noch viele Jahre lang) in Trümmern, der Rest war für die Bevölkerung freigegeben worden. Da sah man Leute mit Butterwürfeln, Zigarrenkisten oder auch technischem Gerät nach Hause laufen. Wir haben uns später hölzerne "Rennwagen" gebaut, als Räder dienten große Kugellager aus dem Heereszeugamt. Ich selbst durfte leider nicht an der "Räumung" teilnehmen, Mutter hatte es verboten.

Nach ein paar Monaten hieß es, die Amerikaner ziehen ab, die Russen kommen. Die Propaganda hatte viel bewirkt, den Russen ging ein schlimmer Ruf voraus und so waren wir und viele andere auch an diesem Tag noch einmal im Luftschutzkeller. Als es totenstill blieb, sind wir wie die Mäuschen aus dem Loch nach oben und von der Herrenstraße aus zum nahen Markt gegangen. Dort wurden wir Zeuge von der "Besetzung": kleine struppige Pferde zogen Wagen, die vollgepackt waren, oben saßen Soldaten mit ihren seltsam geformten Maschinenpistolen, teilweise waren auch Frauen dabei. Wir Jungen waren ein bisschen enttäuscht, nachdem wir die Panzer und riesigen LKW der Amerikaner gesehen hatten. Uns erschien das alles recht ärmlich.

Es gab bald neues Geld, die roten Fahnen blieben, sie hatten in der Mitte oft einen Kreis, der andersfarbig war: hier war im Schnellverfahren das Hakenkreuz entfernt worden. Lebensmittelkarten hatte es vorher schon gegeben, über die "Rationen" hinaus gab es kaum etwas, es sei denn auf dem Schwarzmarkt. Viele Leute fuhren aufs Land, um bei Bauern etwas gegen Essbares einzutauschen. Die Mutter war einfallsreich und versuchte mit Phantasie unsere hungrigen Mäuler zu stopfen. Eine "Leberwurst" hatte nie Leber gesehen, sie bestand aus Grieß und Majoran...

Das Leben spielte sich in der Küche ab, ein weiteres Zimmer zu beheizen verbot sich. Unvergesslich ist mir eine Szene im kalten Winter 1947: die Schule fiel aus über Tage und Wochen. Es war ein kalter Vormittag, wir Kinder lagen noch in den Betten, als es klingelte. Der Onkel aus Freyburg war mit dem Fahrrad gekommen, blau gefroren. Er brachte ein paar Würste und eine große Aluminiumkanne voll Wurstsuppe, die zu einem einzigen Eisklumpen erstarrt war. Das gab ein Festmahl!

Eine eigene Geschichte hat unser Schreibtisch. Er wurde im August 1940 bei der Firma Kühn in Naumburg (am Kaiser-Friedrich-Platz, heute H.-v.-Stephan-Platz) gekauft als Bestandteil eines "Renaissance"- Herrenzimmers. In der Herrenstraße stand er unter dem Fenster zur Engelgasse hin. Nach dem großen Bombenangriff (die Fenster mussten wegen der Druckwellen offen bleiben ) lag eine dicke Staubschicht auf ihm, außerdem ein scharfkantiger Bombensplitter. Der Vater hat drei Jahrzehnte an ihm gearbeitet, Schreibmappe und Tintenfass, Briefwaage und Familienfotos waren ordentlich darauf angeordnet. Dann schrieb später die Mutter zwei Jahrzehnte lang an ihm Briefe an die Kinder in Ost und West, in die Lausitz, nach Niedersachsen und nach Amerika. Und nun steht er, nachdem er alle Umzüge ohne Blessuren überstanden hat, bei unserer Tochter Uta in Coburg. Das übergroße Format wird noch immer geschätzt, beherrschend ist heute natürlich die Computeranlage mit Bildschirm!

Was in der Welt geschah, erfuhr man aus Radio oder Zeitung, es wurden so lange Siegesmeldungen verbreitet, bis es dann schließlich nichts mehr zu siegen gab, und die Amerikaner in Naumburg einrückten.

Wir hatten aber schon vorher einen Vorgeschmack vom nahen Ende bekommen, nicht nur in der Schule, wo die Klasse fast täglich um einen Mitschüler aus Ostgebieten größer wurde, auch zuhause änderte sich einiges. Wir bewohnten ja eine große 6-Zimmerwohnung, der Vater war eingezogen worden und ich lebte mit Mutter und Schwester wohnraummäßig "üppig". Das sollte sich bald ändern. Im Oktober 1944 bekamen wir eine holländische Familie einquartiert: Vater, Mutter, Tochter und Sohn Hubert, der in meinem Alter war. Diese Familie hatte ein besonderes Schicksal. Nachdem die Amerikaner schon im Oktober 1944 Aachen und das südliche Holland besetzt hatten, musste die Familie fliehen, weil sie Parteigänger der Nazis waren und Repressalien befürchteten. Ihre Hotelpension in Valkenburg wurde enteignet, und als sie im Frühjahr 1945 Angst hatten, den anrückenden russischen Truppen in die Hände zu fallen, entschlossen sie sich doch zur Rückkehr nach Holland. Dort wurde das Ehepaar zu mehreren Jahren Gefängnis verurteilt und bekamen erst Anfang 1953 die völlig leergeräumte Pension zurück.

Dann wurde eine junge Frau mit Baby bei uns einquartiert, anschließend ein älteres Ehepaar aus dem Sudetenland und zuletzt ein Uhrmachermeister aus Liegnitz mit Frau und vier Töchtern. Das war für unsere Mutter nicht immer ganz einfach: Vieles spielte sich in der Küche ab, der Herd war in Dauerbetrieb und das Bad mit Toilette war auch nicht gerade ein Schönheitsfleck in der Wohnung und ständig umlagert.

Kurz vor Kriegsende, an einem kalten Wintertag, klingelte es an der Wohnungstür und draußen standen Onkel und Tante mit Koffer und zwei großen Bündeln: den Federbetten. Der Onkel, der einzige richtig überzeugte Parteigenosse in der Familie, hatte als "alter Kämpfer" das goldene Parteiabzeichen und war von der Partei mit einem Häuschen in der Horst-Wessel-Siedlung oberhalb der Lehmgrube belohnt worden. 1940 wurde er nach Lodz ("Litzmannstadt") versetzt und dort in eine komplett eingerichtete Villa einquartiert (...wer da wohl vorher gewohnt hat?) Kurz vor der Besetzung von Lodz durch russische Truppen verließ er mit der Tante Polen und stand nun mit Koffer und Federbetten vor unserer Tür. Die Tante stammte aus Freyburg, dort hielten sie sich für kurze Zeit auf und sind dann in Onkels alte Heimat ins Badische weitergezogen. Im Häuschen in der Horst-Wessel-Siedlung wohnten dann ganz andere Mieter, auch der Name der Siedlung änderte sich in "Lenin-Höhe". (Seit der Wende heißt das Wohngebiet Richard-Lepsius-Siedlung.)

Es gab keine Pimpfe mehr, sondern junge Pioniere, keine Hitlerjugend, sondern die Freie Deutsche Jugend, und auf dem Dach der "Reichskrone" verschwand das große Hakenkreuz. Es wurde später durch die drei Buchstaben SED ersetzt.

Über Politik zu sprechen, gar Scherze damit oder darüber zu machen, gefiel dem Regime nach wie vor nicht. Ich erinnere mich gut daran, dass es immer den Blick nach rechts und links gab (besonders in Gastwirtschaften), bevor man über politische Themen sprach: es könnte ja jemand zuhören... Und es gab zwischen 1945 und 1950 auch schlimme Urteile, oft 10 oder 25 Jahre Haft. Ein Beispiel aus dem Bekanntenkreis: Ein Bäcker, spät aus russischer Kriegsgefangenschaft gekommen, arbeitete in einer Konsum-Bäckerei. Ein Mehlsieb war geplatzt und es wurden versehentlich Drahtsplitter mit verbacken. Das Brot wurde an die russische Armee geliefert, das Wort ("Sabotage" war schnell gesagt und die pauschalen 10 Jahre Gefängnis wurden verhängt. Erst im Juni 1953 kam er wieder frei!

Oft wurde beim Mittagessen darüber gesprochen, wer wieder "weggemacht" war, d.h. mit Kleingepäck über die grüne Grenze oder in Richtung West-Berlin Naumburg den Rücken gekehrt hatte. Viele Menschen aus dem Freundes- und Bekanntenkreis verloren wir aus den Augen, viele gingen, weil ihnen der Unterschied zwischen Anspruch und Wirklichkeit zu groß war.

In der Herrenstraße hatte sich einiges verändert, "Thams & Garfs" und "Schade & Füllgrabe" gab es nicht mehr, alle anderen Geschäfte, meist mit dürftigen Auslagen, waren noch geöffnet. Durchgehalten in Kriegs- und Nachkriegszeit hatte Arturo Gamba, der "Eismann" Naumburgs. Er war Italiener, wohl der einzige in der Stadt, und die Eisdiele in den schönen Gewölben war Magnet für Groß und Klein. "Trillhase", das Feinkostgeschäft an der Ecke zum Lindenring, musste dem ersten HO-Laden Naumburgs weichen. Hier gab es Lebensmittel, die ohne Marken zu kaufen waren, anfangs zu horrenden Preisen, aber es gab sie wenigstens und es gab auch immer Leute, die sich an den hohen Preisen nicht störten...

Das Trümmerfeld hinter der Sparkasse und der Sielingschen Druckerei wurde von uns Kindern gründlich nach Brauchbarem abgesucht, vor allem nach brennbaren Dingen. Die Beschaffung von Heizmaterial war neben der Sorge um Essbares das Problem der Nachkriegszeit. Kohlen auf Bezugsschein waren knapp, und jeder Naumburger kennt noch die Kohlenmänner, die säckeweise Briketts oder Braunkohle in die Keller trugen, wenn das "schwarze Gold" nicht einfach vor die Tür gekippt und von den Belieferten selbst in den Keller geschafft werden musste.

Weit verbreitet war das Kohlenklauen an der Bahn. Auch wir Kinder sind zum Bahnbetriebswerk gezogen, wo die Dampfloks standen, sind auf die Tender geklettert, haben zwischen den Schienen nach Kohlen gesucht, immer gewärtig, von der Bahnpolizei verjagt zu werden. Eine beliebte Stelle war das Haltesignal vor der Rossbacher Brücke. Wenn hier die schweren Kohlezüge halten mussten, kletterten Männer auf die Loren und warfen in Windeseile Briketts nach unten, die wir dann in mitgebrachten Beuteln und Netzen nach Hause trugen. Da gab es auch mal blaue Flecke, wenn man von einem Kohlestück getroffen wurde!

Von den vielen tausend russischen Soldaten in der Stadt bekamen wir nicht viel zu sehen, wenn, dann wurden sie im Trupp durch die Stadt geführt, oder man sah sie auf Kohle-LKW vom Ostbahnhof her kommend den Flemminger Weg zu den Kasernen fahren. Von dort oben gab es den "Stadtfunk": Lautsprecher dröhnten und verbreiteten Marschmusik und russische Chormusik über die Stadt. Ganze Viertel, z.B. um das Oberlandesgericht herum, wurden mit Bretterzäunen abgeriegelt, hier wohnten die Offiziere mit ihren Familien, die sich frei in der Stadt bewegen durften. Ich habe es im "Hackerbräu" ein paar Mal erlebt, dass ein russischer Offizier das Lokal betrat, Geld auf den Tresen legte, " sto gramm" (100 g) Wodka verlangte, diesen austrank und schnell wieder verschwand.

Ferien

Da hat sich wohl bis heute nicht viel geändert! Welcher Schüler freut sich nicht auf die Ferien? Und im Vergleich zur Jetztzeit, wo Familien in alle Winkel der Welt ausfliegen (können), Badeurlaub an entfernten Stränden verbringen oder zum Wintersport fahren: wie bescheiden sind da unsere Erlebnisse gewesen, wie eng der Radius unserer Fahrten.

Zumeist blieben wir zuhause, machten mit der Familie Ausflüge, lange Wanderungen zum Bismarckturm, nach Bad Kösen oder Freyburg. Beliebte Ziele waren auch der Felsenkeller, die Fischhäuser oder der Bürgergarten. Für uns Kinder gab es dann, wenn eingekehrt wurde, eine Fassbrause, nach dem Fussmarsch vom Kösener Bahnhof in die Gaststätte "Himmelreich" auch mal zwei. Höhepunkte waren die Schiffsfahrten auf der Saale zur Rudelsburg.

Ein paar Mal habe ich die Sommerferien in Freyburg verbracht. Der Onkel hatte in der Oberstraße einen Sattler- und Tapeziererbetrieb mit Laden und großer Werkstatt, dazu noch eine kleine Landwirtschaft und einen romantischen "Berg" mit einer verfallenen Hütte. Das war für einen kleinen Stadtjungen ein wahres Paradies. Die Tante hat selbst Brot gebacken, geschlachtet wurde auch und bekanntlich schmeckt es ja woanders immer besser als zuhause. Freunde waren auch schnell gefunden, es gab und gibt in Freyburg viele Winkel zu entdecken, wenn ich da allein an die Gegend um Schloss Neuenburg und den Haineberg denke.

Besonders schöne Erinnerungen habe ich an die Sommerferien bei den Großeltern in Burg bei Magdeburg, wobei mir schon die Bahnfahrt dorthin wie eine Weltreise erschien. Das große barocke Haus in der Brüderstraße bot auch alles, was einen Jungen begeistern konnte: vom besteigbaren Maulbeerbaum bis hin zu einem riesigen Garten, in dem ich auch eine Eisenbahn aufbauen durfte. Eine Besonderheit war das städtische Schwimmbad, das sich die Kommune schon vor dem Krieg gebaut hatte: potente Steuerzahler wie die Tack- Schuhfabriken oder die Knäckebrot-Werke werden das ermöglicht haben.

Und in Burg sprach man einen ganz anderen Dialekt als in Naumburg, schon das imponierte mir. 1944/45 habe ich die Luftangriffe auf Magdeburg miterlebt. Obwohl 25 Kilometer entfernt, bewegte sich das große Hoftor in den Angeln. Die Bahnfahrt durch die zerstörten Städte Magdeburg und Halle waren sehr bedrückend.

Im Winter 1945/46 musste man in Magdeburg über eine Notbrücke die Elbe überqueren, den Rest der Strecke bis nach Burg fuhr ein offener LKW mit einem Kessel, in dem Holzstücke verbrannt wurden. Ich weiß noch, dass ich als Bübchen von den zahlreichen Mitfahrern bis zu diesem Kessel weitergereicht wurde, weil es dort am wärmsten war...

Winterzeit — Sommerzeit

Was gab es doch "früher" für Sommer! Und erst die Winter! Wir zogen mit dem Schlitten los, gab und gibt es doch um Naumburg herum herrliche Rodelbahnen. In besonders lebhafter Erinnerung ist mir dabei der Kirschberg. Wenn man von ganz oben startete, die Straße schön glatt war und man unter lautem "Bahne frei"- Rufen ordentlich in Schwung kam, konnte man es die Luisenstraße hinunter fast bis zur Vogelwiese schaffen - was bei dem heutigen Autoverkehr undenkbar wäre.

Als wir in die Lepsiusstraße gezogen waren, hatten wir die Rodelbahn direkt vorm Haus. Da wurden dann auch mal mehrere Schlitten zusammengebunden, was nicht selten zum Umkippen der ganzen Fuhre führte und die eine oder andere Schürfwunde verursachte. Hin und wieder bin ich am späten Abend mit Wassereimern unterwegs gewesen, um die Bahn schneller zu machen. Da gab es aber auch "Spielverderber", die Kohlenasche ausstreuten, um die Bahn stumpfer zu machen. Unvergessen ist mir, wie meine Mutter eines Tages mit auf den Schlitten stieg, mit einem Besenstiel lenkte, und die schöne glatte Bahn damit aufkratzte, was mir viel Kritik der Mitrodler einbrachte und mir selbst ganz schön peinlich war.

Nach dem langen kalten Winter 1946/47 kam übergangslos der Frühling mit einem Temperatursprung von wenigstens 20 Grad. Der viele Schnee taute schnell, aus der Buchholzstraße schoss ein gewaltiger brauner Strom, der dann zwischen den Salztorhäuschen hindurch die Freyburger Straße hinab den Moritzwiesen entgegenfloss zur Saale hin. Die Schule fiel aus, ein Lehrer ließ sich mit einem Pferdefuhrwerk zur Salztorschule in der Schulstraße bringen.

Die Sommerzeit war natürlich auch die Badezeit. Sobald es die Temperaturen zuließen, liefen wir barfuß. Von der Herrenstraße zu Kayser-Ede nach Rossbach hatte ich eine lange Wegstrecke. Man muss sich vorstellen, dass Naumburg durch die vielen Flüchtlinge zwischen 1945 und 1950 gut 40.000 Einwohner hatte. Wer im Sommer schwimmen wollte, ging an die Saale, an den Halleschen Anger oder an den Gänsegries nach Grochlitz. Die einzige Flussbadeanstalt, etwa 200 m unterhalb der Rossbacher Brücke war ein Unikum: zwei Holzkästen mit unterschiedlichem Tiefgang für Nichtschwimmer gab es, das Schwimmerbecken lag frei in der Saale, es war mit leeren Tonnen eingefasst, auf denen Bretter lagen, so dass man um das ganze Becken herumgehen konnte. Die ganze Anlage war an Ketten befestigt, die um riesige Erlen geschlungen waren. Es müssen Tausende gewesen sein, die bei schönem Wetter nach Rossbach strömten!

Meine Schwester Sabine, drei Jahre jünger als ich, hatte ihre Ferien bei unserer Großmutter in Burg bei Magdeburg verbracht und kam von dort mit einer Trophäe zurück: sie hatte das Freischwimmerzeugnis und gab mir gegenüber häufig damit an, was mich schon sehr wurmte. Der Sommer 1950 war nicht übermäßig warm, trotzdem fasste ich den Entschluss, bei Adolf Kayser "an die Angel" zu gehen, also richtig schwimmen zu lernen. Ich wurde dann zur Prüfung bestellt, an einem kalten Morgen, die Saale hatte gerade mal 14 Grad, weil die Saaletalsperre Wasser abgegeben hatte. Nach zwanzig Minuten habe ich es mit Mühe geschafft, steif gefroren aus dem Wasser zu klettern. Auch das ist eine Geschichte von gestern: Als wir mit der Familie zur Saale am Grochlitzer Gries zogen, wurden wir von den Eltern ermahnt, immer aufzupassen, nicht in die scharfkantigen Muschelschalen zu treten. Die Saale war noch ein sauberer Fluss, es gab noch Muscheln, Fische und man konnte von der Rossbacher Brücke immer den Grund des Flusses sehen.

Die Straßenbahn

Unsere Naumburger Straßenbahn gehört zu den ältesten Straßenbahnen in Deutschland. Zunächst als Pferdebahn unterwegs, schnaufte sie dann mit Dampf und seit 1902 elektrifiziert durch die Stadt. Da es mehrere Ausweichstellen gab, konnte die Straßenbahn, die als einspurige Ringbahn unterwegs war, den Ring in beide Richtungen abfahren.

Ich habe in meinen Kindertagen die Bahn allerdings nur in eine Richtung fahren sehen: vom Marktplatz aus durch die Herrenstraße in Richtung Hauptbahnhof. Die Wagen, von 1 bis 10 durchnummeriert, waren die gleichen, die schon mein Vater als Kind kannte. Zuerst war der Arbeitsplatz des Wagenführers offen, d.h. vor der Witterung schützte ihn nur der verglaste Vorbau, der dann später mit Holz verkleidet wurde. Als Junge musste ich immer wieder das Schild "Nicht auf den Boden spucken" lesen und konnte eine solche Mahnung gar nicht verstehen.

Von unserer Wohnung im 2. Stock der Lorbeerbaum-Apotheke aus konnte ich die Fahrt der Straßenbahn durch die ganze Herrenstraße beobachten, als musikalischer Knabe habe ich am Motorengeräusch und dem Quietschen in der leichten Kurve vor dem Haus jeden einzelnen Wagen erkennen können ohne ihn zu sehen! Eine kurze Zeit fuhr die Bahn mit kleinen offenen Gepäckanhängern. Wir Kinder machten uns einen Spaß daraus, ein Stück "gratis" auf diesen Loren mitzufahren, was nicht ganz ungefährlich war und vom Personal der Straßenbahn nicht gern gesehen wurde.

Es gab nach dem Krieg im Kino "Reichskrone", das auch das Naumburger Theater war, hin und wieder vor Filmvorführungen anstelle eines Vorfilms eine "Bühnenschau" mit 50 Pf. Aufpreis. Eine dieser Bühnenschauen hatte die Naumburger Straßenbahn zum Thema, die "wilde, Zicke" oder "Ille", wie sie auch genannt wurde. Ich habe im Friedheimschen Kinderchor mitgesungen, und der Chor wurde als singende Statisterie auf der Bühne gebraucht, wo dann eine nachgebaute Bahn stand, um die sich die Handlung rankte. Ich musste mich auf einen reservierten Platz im ersten Rang setzen und auf das Stichwort von der Bühne her, ob denn wohl jemand ein Gedicht zur Straßenbahn parat hätte, ganz "zufällig" antworten "Ich weeß eens" und legte dann los:

"Kennen sie die wilde Zicke?
Nee? Noch nick? Da ham se Gliche.
Da gehn se nur mal in de Stadt,
wo Gleise man geleget hat.
Doch bleim se bloß nich darauf stehn,
sonst isses bald um sie geschehn.
Es naht dann nämlich mit viel Ticke
unsre heeßgeliebte wilde Zicke..."

Wie es weiterging weiß ich nicht mehr. Als Belohnung durfte ich ein- oder zweimal kostenlos den Hauptfilm sehen. Das war schon etwas!

Die Straßenbahn gehörte zum Naumburger Leben. Wenn wir am Salztor standen und die Bahn die Pfortastraße (heute Weimarer Straße) heranschwanken sahen (das Gleismaterial war abgenutzt, noch schlimmer war es auf der folgenden Strecke am Wenzelsring), dann gehörte auch das zum Erscheinungsbild unserer Straßenbahn. Hin und wieder kamen Freunde aus ländlichen Gegenden zu Besuch, da stand dann fast immer eine Rundfahrt mit der Straßenbahn auf dem Programm...

Musik – Musik

Der Vater war Kirchenmusiker in Naumburg, Kantor an der St. Othmars- Kirche. Ich hatte einiges von seiner Musikalität geerbt und es war schon in meinen Kindertagen vorgezeichnet, dass die Musik in meinem Leben einmal eine gewichtige Rolle spielen würde. Frühe Erinnerungen sehen mich als Drei- oder Vierjährigen unter dem Flügel sitzen, wenn der Vater übte. Ich wollte von ihm immer wieder die Revolutions-Etude von Chopin hören, wohl deshalb, weil es "so schön laut" war. Der Vater hatte zahlreich Klavier- und Violin-Schüler, regelmäßig probte in unserer Wohnung ein Streichquartett, und dass wir alle in der Othmars-Kantorei mitsangen, war ganz selbstverständlich. Und natürlich hatte ich einen festen Platz neben dem Vater in der Kirche, um ihn beim Orgelspiel zu beobachten. Oft bin ich allein in die Kirche gegangen, um die Orgel auszuprobieren. Da wir die Kantoren in Naumburg alle kannten und ich wusste, dass in St. Wenzel eine viel größere und schönere Orgel stand, bekam ich vom damaligen Wenzels-Kantor Gottfried Fauck den Kirchenschlüssel immer dann, wann ich wollte. Ich habe mir Choralbücher und leichte Orgelstücke vorgenommen, und eines Tages, ich werde wohl 12 Jahre alt gewesen sein, schickte mich mein Vater los, um in St. Othmar eine Trauung auf der Orgel zu begleiten. Natürlich hat er sich erkundigt, ob auch alles geklappt hat: Es hatte! Ich bekam eine Mark als "Honorar", das war damals der Gegenwert von immerhin vier Kinokarten für Kinder im Schwanen-Kino. Den ersten Klavierunterricht hatte es beim Vater gegeben, der seine Schüler mit viel Geduld unterrichtete. Diese Geduld hatte er allerdings bei mir, seinem Sohn, nicht. Er meinte, ich müsste alles wenigstens doppelt so schnell lernen, was aber nicht der Fall war. Und so kam, was kommen musste: die Mutter meinte, der heulende Knabe am Klavier muss zu einem anderen Lehrer gehen. Ein Fräulein Linde in der Jakobstraße sorgte dann wesentlich weniger aufregend für meine Fortbildung. Ich musste in jede Klavierstunde ein in Zeitungspapier eingewickeltes Brikettstück mitbringen...

Als 8-jähriger begann ich, im Friedheimschen Kinderchor mitzusingen. Es wurde mit etwa 15 Gleichaltrigen in der Luisenstraße geprobt und hat viel Spaß gemacht.

Es gab auch einen recht guten Posaunenchor, den Herr Musbach leitete. Ich bekam ein Flügelhorn als Leihinstrument und musste fleißig üben. Wir haben Gottesdienste in Kirchen Naumburgs und der näheren Umgebung begleitet. In guter Erinnerung sind mir noch Posaunenchortreffen in Bernburg und Wittenberg, bei denen mehrere tausend Bläser zusammenkamen.

In der Kantorei des Vaters hatte ich mit meinem hellen Sopran einen festen Platz. In einem Kirchenkonzert musste ich den Sopran-Solopart in einer Mozart-Messe singen, die LDZ (Liberal-Demokratische Zeitung) bescheinigte mir, wie ein Chorknabe der Thomaner gesungen zu haben! Dies hat meinen Vater wohl bewogen, mich bei den Thomanern in Leipzig anzumelden. Mit klopfendem Herzen und sicher zitternder Stimme habe ich Thomas-Kantor Günther Ramin vorgesungen. Ramin fand meine Stimme wohl ganz gut, meinte aber, meine Anmeldung käme um mindestens 2 Jahre zu spät, da ich mit 14 oder 15 in den Stimmbruch käme und tiefe Stimmen hätte er genügend. Wer weiß, was geworden wäre, wenn...?

Eine Episode fällt mir ein. Wir waren 44 Jungen in der Klasse, der Musikunterricht bei Fräulein Heinemann bestand vorwiegend aus Singen. Sie begann und beendete jede Musikstunde mit dem Kanon "Himmel und Erde müssen vergehen...". Dies nun fand ich sehr langweilig und begann damit, den Kanon genau einen Ton tiefer mitzusingen, was dem Gesamtklang freilich nicht sehr zuträglich war. Irgendwann kam sie mir auf die Schliche und ich bekam im Zeugnis in Musik eine 4, was damals "mangelhaft" war! Wie ich schon erwähnte, musste ich meinen Vater an der Orgel vertreten und eines Tages heiratete Fräulein Heinemann in unserer Kirche. An der Orgel saß ihr mangelhafter Musikschüler! Das wird 1950 gewesen sein, ich war also, 12 Jahre alt.

Das Fahrrad

Ein Fahrrad war in der Nachkriegszeit ein Schatz, den es zu hüten und zu pflegen galt. Am Anfang gab es zwei Räder in der Familie. Die Mutter erzählte, dass ihr Rad kurz nach der Hochzeit gestohlen worden war, als sie im Cafe Herfurt in der Marienstraße nach einem Eis anstand, das war 1937. Fortan gab es nur noch ein Fahrrad. Bereifung, also Mantel und Schlauch, waren Mangelware und ich erinnere mich noch an die Vollgummi-Notlösung, was bei den Pflasterstraßen in Naumburg nicht gerade für "sanftes" Fahren sorgte, gab es doch nur in der Salzstraße, der Marienstraße und Müntzerstraße glatten Teerbelag.

Das Fahrrad war unentbehrlich, ich war (und bin es bis zum heutigen Tag) ein begeisterter Radler. Mit 15 Jahren bin ich durch ganz Deutschland, mit 16 Jahren durch Holland und Belgien gefahren, aber das war schon Jenseits der Kindheit.

Ich musste (durfte!) oft Besorgungen mit dem Rad machen, zum Beispiel bei einem Bäcker in Flemmingen Brot holen. Zwischen den Kasernen lagen viele Glasscherben, die russischen Soldaten "entsorgten" ihre Flaschen der Einfachheit halber aus den Fenstern direkt auf die vorbeiführende Straße. Da musste das Rad dann geschoben werden, einen Plattfuß wegen eines zerschnittenen Reifens durfte man sich nicht leisten. Auf die Abfahrt in die Stadt, den Flemminger Weg hinunter, habe ich mich immer besonders gefreut.

Ein Erlebnis ist mir in trauriger Erinnerung geblieben. Für mich war das Radfahren immer eine besondere Sache, eine Art Belohnung, und hin und wieder fuhr ich auch ohne Erlaubnis. An einem schönen Sommerabend planten die Eltern einen Kinobesuch. Sie gingen von der Lepsiusstraße in Richtung "Reichskrone" und ich fasste den Entschluss, dies auszunutzen, holte nach gebührender Wartezeit das Fahrrad aus dem Keller, fuhr in die Salzstraße hinein in Richtung Marktplatz und genau hier kamen mir die Eltern entgegen, die keine Kinokarten mehr bekommen hatten. Ausweichen konnte ich nicht mehr und wusste natürlich, dass meine unerlaubte Tour Folgen haben würde, und die waren erheblich: einen Monat Fahrverbot und was noch schlirnmer war, ich durfte das kurz darauf stattfindende Konzert des Leipziger Thomanerchors in der Wenzelskirche nicht besuchen!

Meine Liebe zum Zweirad hat das letztlich nicht geschmälert, später (viel später) bin ich auf das Motorrad umgesattelt und damit sicher mehr als 100.000 Kilometer gefahren. Ein Fahrrad stand aber immer in der Garage.

Nachwort

Weshalb schreibe ich so etwas auf? Es sind zum Einen persönliche Dinge, an die ich mich erinnere, es ist aber auch ein Blick auf eine Zeit, die einen anderen Rhythmus hatte. Und dann natürlich die liebe alte Stadt Naumburg, die ich später in fast jedem Jahr (bis heute) besucht habe, in der meine Mutter bis zu ihrem Tod 1998 lebte.

Ich habe noch den Wenzeltürmer Schunke gekannt, das Braustübl in der Wenzelsstraße, habe miterlebt, als 1950 die neuen Glocken den Othmars- Kirchturm bezogen: ich durfte sie von der Glockengießerei Schilling in Apolda aus begleiten.

Mit dem Domküster zusammen bin ich auf einen Domturm gestiegen und konnte zusehen, wie die Glocken geläutet wurden: der Glöckner stand über der Glocke und musste mit dem Fuß auf ein mitschwingendes Brett treten, das an der Glocke befestigt war. Das Ganze war nicht ungefährlich, denn er musste von Glocke zu Glocke eilen, um sie in Schwung zu halten.

Als Schüler habe ich Mai-Aufmärsche und Kartoffelkäfer-Sammelaktionen erlebt, Kinderverschickung im "Waldschloss" genossen (es gab gutes Essen) und auch in der "Herberge zur Heimat" am Neuengüter im Kriegs-Kochgeschirr köstlichen Reisbrei mit Rosinen abgeholt.

Es sind Erinnerungen, wie sie der eine oder andere Naumburger sicher auch noch hat...

Ritter

Der 16. August 1944

Am 15. August waren wir gerade von wunderschönen Ferientagen zurückgekehrt. Es lagen noch einige freie Tage vor mir und ich freute mich wieder zu Hause zu sein. Nach Ausschlafen und gemütlichem Frühstück kam wie so oft Vollalarm, den wir aber noch nicht so ernst nahmen. Meine Mutter versuchte noch, das Essen vorzubereiten. Da kamen plötzlich Schwärme von Flugzeugen und man hörte neben dem Motorengeheul kräftiges Flackabwehrfeuer. Ich sah noch am Fenster, wie die beiden letzten Flugzeuge des Geschwaders beidrehten. Da kam auch schon meine Mutter angestürzt und riß mich zurück und sagte: Rasch in den Keller!! Kaum waren wir im Zimmer, knallte und krachte es ohrenbetäubend, dichte Staubwolken umfingen uns und Glascheiben splitterten, der ganze Raum schwankte. Wir sausen angstgetrieben los, gerade als ich im Treppenhaus angekommen bin, fällt mir splitternd das Bleiglasfenster entgegen mit Staubwolken. Auch meine Großmutter schaffte noch den Weg in den Keller, wo wir fast gleichzeitig mit anderen verängstigten Hausbewohnern zusammentreffen. Dann sitzen wir noch fast 2 Stunden im Keller, Krachen, Schießen, Geschrei. Mutter und ich saßen unter einer Türfüllung, weil da die Gefahr der herabbrechenden Decke nicht so groß sein sollte. Genau besinne ich mich noch, wie ich mich vor Angst fast in meine Mutter vergrub – nicht aus Angst, daß mir etwas zustoßen könnte, viel größere Angst hatte ich vorm Allein-Zurückbleiben- Müssen. Frau Kusian und Fräulein Roth, 2 Mitbewohnerinnen, gingen, nachdem es sich ein wenig beruhigt hatte, nach oben, um nach eventuellen Brandherden zu suchen. Sie kamen erschüttert zurück. Fräulein Brumby’s Haus ist getroffen!!! Das ist das 2 Haus in der Burgstraße, wir das 2 Haus am Marienring – also direkt unser Nachbarhaus über Eck. Ein lähmendes Entsetzen packte uns, als wir endlich nach der Entwarnung nach oben kamen. Zunächst lagen wir uns weinend in den Armen und dankten Gott, daß wir aus diesem unvergeßlich Furchtbaren lebend herausgekommen waren. Aber was für ein Anblick erwartete uns oben. Überall Scherben und Kalkstaub, doch was war das alles gegen das furchtbare Geschehen in unserer nächsten Nachbarschaft!!! 4 alte Damen tot in diesem Haus! Wie seltsam der Luftdruck bei diesen Sprengbomben wirkt, fanden die Helfer, die zuerst das Haus versuchten zu betreten – ein Eierschränkchen in der Küche war völlig unversehrt! Kurz hinterher stürzte das ganze Haus in sich zusammen und blieb ein Schutthaufen. ½ Std. vor diesem entsetzlichen Alarm bat mich Frl. Brumby noch um eine Tasche, sie wollte uns von ihrer Obsternte etwas abgeben. Die Tasche hing nun nutzlos am Zaun. Oben in der Wohnung angekommen fanden wir neben Trümmern und Scherben auch unsere beiden lieben Wellensittiche, grün und blau, tot im Bauer, der Luftdruck hatte ihre kleinen Lungen zerfetzt. Allmählich erfuhren wir auch von etlichen weiteren Schäden, vor allem die Burgstraße hatte etliche Treffer abbekommen, und ein Blindgänger lag noch in der Straße, so daß sie voll gesperrt wurde. Auch der Linsenberg und das Heereszeugamt wurden heimgesucht. Das war für uns das erste schreckliche Ereignis, dem aber noch viele weitere folgen sollten.

Damals war ich 11 Jahre alt, viel Zeit ist darüber hingegangen und Vieles hat einen tief erschüttert. – Aber selbst heute noch, wenn am Samstagmittag die 12 Uhr-Sirene wie früher ein "Voralarm" ertönt, wird mir noch immer ganz flau und die Ereignisse bleiben eingebrannt. Möge so etwas nie wiederkehren!

[Kriegstagebuch von Annemarie Reißbrodt]

1.4. Erste Nachrichten im Radio über den "Wehrwolf", eine Organisation aus Frauen und Kindern, die sich neben dem Volkssturm die Vernichtung des Feindes zur Pflicht machen sollten. – Ernste Berichte über das Vordringen der Amerikaner ins Deutsche Reich.

2.4. Weiterhin trübe Nachrichten von der Westfront. Der Feind rückt bedenklich näher – Fulda, Meiningen und Eisenach wurden heut im Wehrmachtsbericht genannt, dazu die Tag und Nacht anhaltenden Alarme. Meine Zuversicht und mein Glaube sind aber felsenfest, so daß wir den kommenden Ereignissen ruhig entgegensehen.

4.4. Früh wieder Alarm. Wir beobachteten große Geschwader Jagdflieger, für uns ging es vorerst glimpflich ab. Abends wieder heftiger Alarm, der uns bis gegen Mitternacht im Keller erzittern ließ. ½ 2 schreckte uns erneut die Sirene aus den Betten. Unter Fliegergesurre rasch Anziehen, und unter Krachen und Knallen in den Keller. Bis gegen 3 Uhr bangten wir um Sein oder Nichtsein. Helle Feuerscheine klagten die Not der armen Betroffenen an.

5.4. Früh 8 Uhr schon wieder Alarm, dazu ein Durchrasen von militärisch getarnten Fahrzeugen, seltsamerweise von Westen kommend. Die Geschäfte sind leer, große Sorge und Angst beim Publikum um die näherrückende Front, sie verläuft jetzt Mühlhausen, Gotha, Suhl, einzelne Panzerspitzen sind durch den Thüringer Wald bis nach Arnstadt vorgestoßen.

6.4. Eine große Unruhe erfaßt die Leute. Die Stadtverwaltung hat die Lebensmittel für die nächste Periode freigegeben, jeder rennt und kauft in dem Gedanken, daß es morgen schon nichts mehr gibt. Um Brot, Gemüse und Milch zu bekommen, habe ich 4 Stunden in verschiedenen Schlangen gestanden. Dieses Gehetze und Gerenne macht einen ganz kaputt, dazu noch Alarm - Entwarnung -Alarm - Entwarnung

7.4. Eisenach und Langensalza sind gefallen. Naumburg soll zur "offenen Stadt" erklärt werden – doch soll die Partei ihre Angehörigen in Sicherheit gebracht haben! Heut habe ich für 125 g Butter 2 Std. Schlange gestanden, bis erneuter Alarm uns heim trieb. So gehts den ganzen Tag. Abends wieder sehr heftiger und schwerer Alarm, über 2 Stunden im Keller. Nach der Entwarnung überflogen uns noch sehr viele Tiefflieger, so daß man nicht wußte, sind es Feindliche oder Deutsche.

8. 4. Sonntag. Früh 1/2 5 Uhr trieb uns Alarm aus den Betten, gegen 8 Uhr Entwarnung. 1/2 9 Uhr wieder Alarm ...und so fort den ganzen Tag. Es war sehr erregend. Umso mehr genossen wir die kommende ganz ruhige Nacht wie ein Gottesgeschenk.

9.4. Früh gegen 8 Uhr Alarm, gegen 10 Uhr Entwarnung. Oma ging zur Stadt. Gegen 1/2 11 Uhr wieder Alarm und gleich darauf schossen Tiefflieger mit M.G. und die ersten Bomben fielen. Wir rasten in den Keller voller Sorge um Oma. Gott Lob ging alles glimpflich vorbei und Oma kam heil heim. Am Nachmittag erneut Alarm, der uns einen schweren Angriff auf unsere Stadt brachte. Es war ganz entsetzlich! Mit nassen Tüchern vor dem Mund hockten wir im Keller, jeden Moment den Tod erwartend. Ein Splittern und Klirren und Krachen um uns herum, ein Tosen und Brausen, daß man nicht glaubte, lebend aus dieser Hölle herauszukommen. Nach der Entwarnung sah man die ganze Verwüstung. Die Marienstraße war erheblich getroffen, vor allem aber auch der alte Friedhof und einige darumliegenden Häuser. Viele Grabsteine waren durch die Luft gewirbelt, ein ziemlich großer lag in unserem Gartenzaun! Auch die Innenstadt hatte zahlreiche Treffer mit schweren Schäden hinnehmen müssen.

10. 4. Eine entsetzliche Lähmung liegt über uns allen. Nachts wagte man nicht mehr ins Bett zu gehen. Früh konnte man kaum das Nötigste erledigen, als auch schon wieder Vollalarm einsetzte. Kaum waren wir im Keller, tobte der Schrecken wieder los. Es war wieder grauenvoll! Großer Gott, erbarme Dich über uns! – Gegen Mittag kam die ersehnte Entwarnung. Diesmal hatte es mehr das Heereszeugamt und Umgebung getroffen, es sollen wieder viel Todesopfer sein. Neuer Kummer, neue Sorge, neues Herzeleid. – Nachmittags jagte ein neuer Alarm uns wieder in den Keller, nach 6 Uhr kam Entwarnung, da aber noch sehr viel Flugzeuge über uns surrten, wagte niemand den Keller zu verlassen. Plötzlich, gegen 7 Uhr kam "Feindalarm" – 5minutenlanger Dauerton. Große Aufregung bemächtigte sich unser. Panzerspitzen sollen vor der Stadt stehen. In großer Eile holten wir Bettzeug, Essen und Trinken in den Keller und machten schnell im Luftschutzraum den kleinen Ofen an und blieben die ganze Nacht unten. – Gegen 3 Uhr hörten wir erhebliches Autogerassel durch die Straßen - sind das die Panzer???

12. 4. Gegen 6 Uhr morgens kam Frau Kusian, unsere Mitbewohnerin, ganz aufgeregt und hatte irgendwo das Gerücht gehört: Naumburg solle sich verteidigen! Diesen Wahnsinn glaube ich nicht, jedoch bleiben wir weiterhin im Keller. Gegen 9 Uhr Vollalarm. Etliche Mitbewohner jagten in den Schutzraum der Luisenschule, weil sie sich dort sicherer fühlten. 2 Soldaten klingelten bei uns und baten um etwas zu trinken. Wir gaben ihnen von unserem "Muckefuck". Sie berichteten, sie kämen aus dem Lazarett mit der Weisung zu Türmen! Herr Gott, ist das das Ende des Großdeutschen Reiches???

Gegen Mittag standen 26 Feindpanzer (Amerikaner ) vor der Reichskrone, viele Menschen rannten hin, um sie sich anzuschauen. Gegen 3 Uhr nachmittags kamen die Mitbewohner aus der Luisenschule zurück mit der Nachricht: Die Stadt ist vom Feind besetzt, uns geschieht nichts mehr! Gott sei Dank ist der Wahnsinn des Terrors nun vorbei! Wilde Plünderungsgeschichten durchziehen die Stadt, viele schleppen heran, was sie nur erwischen können. – Nachts blieben wir nochmals im Keller, da Explosionen und lebhaftes Artilleriefeuer zu hören waren, man kommt nicht zur Ruhe.

13.4. Von früh 8 Uhr bis 18 Uhr ist Ausgeherlaubnis, so eilte ich gleich zu Besorgungen. Ununterbrochen jagen amerikanische Panzer und Autos durch die Stadt, und nächtliches Schießen zeigt uns die Nähe der Front. Man ist in ständigem Zittern und Bangen. – Oma ging mit den beiden Soldaten, bzw. nun jungen Männern, aufs Rathaus, um sie als Zivilisten anzumelden. Überall stehen amerikanische Posten und Wegweiser, Privatwagen sind gekapert und mit einem weißen Stern versehen. Große Anschläge verkünden die neuesten Maßnahmen. Alle Betriebe sind stillgelegt, nur die Lebensmittelgeschäfte sind stundenweise geöffnet. – Amerikanische Polizeiautos, kleine wendige Wagen, jagen durch die Stadt und schießen Schreckschüsse auf plündernde Leute. – Es gibt kein Licht, kein Wasser, kein Gas. Ich holte abends in der Hallischen Straße ein paar Eimer Wasser aus einem tiefen, tiefen Brunnen. Heute Nacht wollten wir wieder oben schlafen, doch der Artilleriebeschuß recht in der Nähe ließ einen kaum Ruhe finden.

14.4. Früh ging ich als Erstes zum Rathaus, um unsere Radios anzumelden. Eine lange Schlange hielt mich lange auf. Als ich zum Marienring zurückkam, stand der Fußweg und die Promenade voller Lastwagen. Bretter u.a. wurden aus den Häusern getragen und auf Handwagen geladen. Voller Schreck erkundigte ich mich bei Frau Schied, unserer Nachbarin, die gerade vor ihrem Haus Nr. 5 stand, was das bedeuten sollte. Die Häuser Nr. 1 bis 4 sind beschlagnahmt für Quartiere des Nachschubs der Feinde. Diesmal hatten wir wirklich Glück gehabt als Hausnummer 6. Es ist eine niederdrückende, erregende Zeit.

15.4. In dieser Nacht ist vom "Wehrwolf" geschossen worden, so haben wir nur von 8-10 und 16-18 Uhr Ausgeherlaubnis. Nun, wir bleiben zu Hause, es kam Nachmittag noch Besuch. Die beiden jungen Männer, die vor Tagen aus dem Lazarett kamen, sind weitergezogen.

16.4. Immer noch Ausgehverbot. Ich rannte gleich um 8 Uhr um Brot zu holen, stand bis 3/4 10 in der Schlange und bekam schließlich nichts mehr. Man erfährt nichts über den Kriegsschauplatz, von irgendwoher kommen Gerüchte. Wie mag es unseren Angehörigen gehen und vor allem unserem Vater??? Man ist in ständiger Sorge.

17.4. Das Ausgehverbot ist gelockert worden. Heute bekam ich Brot zu kaufen, wie gut! Der Strom und das Wasser sind wieder da, wunderbar. Nun können wir doch wieder Nachrichten hören, aber was man da zu hören bekommt ist trostlos. Magdeburg, Halle und Leipzig werden hartnäckig verteidigt, überall dringt der Feind vorwärts. Große Lastwagen mit Gefangenen ziehen westwärts – die armen Menschen! – Schwere Bomberverbände brausen über uns weiter ins Innenland, wohin mögen sie Tod und Verderben bringen? Man bangt um all unsere Lieben, wie mag es bei ihnen aussehen?

18.4. Nachts wachten wir durch ein kräftiges Donnern auf, wir fürchteten, die Front habe sich wieder näher an uns heran verschoben. Als ich das Fenster öffnete, zuckten kräftige Blitze herunter und es donnerte und goß. So glücklich waren wir noch nie über ein Gewitter wie in dieser Nacht!

19.4. Morgens wurden wir durch eine Polizeistreife gewarnt vor Plünderern, die Türen sollten gut verschlossen bleiben. Durch geöffnete und befreite Gefangenenlager sei die Gefahr besonders groß. – Der Russe hat eine neue Offensive begonnen. Berlin wird umlagert und zwischen Cottbus und Görlitz wüten starke Kämpfe. Der Amerikaner steht am linken Elbufer. Wohin soll das alles noch führen?

Wieder herrliches Wetter. Wir gingen zur Gärtnerei um Pflanzen zu holen. – Immer mal fallen noch Schüsse, Explosionen krachen und Feindwagen rasen durch die Straßen. Auch werden deutsche Gefangene wie Heringe zusammengepfercht vorbeigefahren, dazwischen Rote Kreuz Wagen und Sanitätspersonal. Wie hat sich alles in den 10 Tagen verändert!

23.4. Die Russen sind in Berliner Vororte eingedrungen, Hitler ist zum Endkampf in Berlin eingetroffen. Cottbus ist gefallen, ebenso Bischofswerda. Königsbrück wird stark umkämpft, auf Dresden liegt Artilleriefeuer – sagen die Nachrichten. Lieber Gott, hilf Du uns allen und all unseren Lieben. Man bangt und sorgt den ganzen Tag.

24.4. Früh bei meinen Besorgungen huschte ich schnell in unsere durch die Bomben ziemlich mitgenommene Marienkirche zu einer kleinen Morgenandacht. Es ist schön, daß einem die Gelegenheit geboten ist, in Andacht zu beten. Das Einkaufen ist entsetzlich beschwerlich, überall lange Schlangen und wenn man drankommt ist’s oft ausverkauft. Nachmittag gingen wir auf den alten Friedhof, der durch die Bomben in eine Wüstenei verwandelt worden ist. Offene Grüfte in denen weggeworfene Militäruniformen und Zeug liegen, man geht durch Rotten von Ausländern hindurch und fühlt sich unsicher und niedergedrückt. – Die Wehrmachtsberichte sind wieder ernst und sorgenvoll – wann wird endlich das Ende kommen?

25. 4. Großenhain ist gefallen, die Front rückt immer mehr auf Dresden zu. Heute kam die 1. Naumburger Zeitung unter der Militärregierung. Die kommende Lebensmittelzuteilung wird voraussichtlich nicht mehr gekürzt, das beruhigt mich sehr. Die Russen sollen bis nach Riesa vorgedrungen sein und die Elbbrücke soll gesprengt worden sein. Wenn man doch nur etwas von unseren Angehörigen erfahren könnte!

27. 4. Wieder recht erschwertes Einkaufen. Die Russen und die Amerikaner sollen sich bei Torgau getroffen haben. – Berlin soll schwer umkämpft werden. - Göring soll sein Abschiedsgesuch eingereicht haben!!!

29.4. Wieder große Unruhe wegen Räumungszwang in der Sedan-, Burg - und Grochlitzer Straße. Wir sind froh, daß wir verschont blieben. Gräßliches Wetter.

30. 4. Heute mußten wir ins Caffee-Zentral, eine Pflichtanmeldung für jede Person, wieder Schlange stehen. Zu Hause war ein Herr vom Quartieramt um Zimmer zu beschlagnahmen.

1.5. Der ganze Tag stand im Zeichen des Schlangestehens, und schließlich kam ich ohne Erfolg nach Hause. Ich war fast am Heulen, es ist so schwer meine Lieben satt zu bekommen, und wenn man schließlich nach Stunden heimkommt, ist der Ofen aus und alles kalt.

2.5. Heute nochmals der Versuch zum Anmelden. Es stand zwar auch wieder eine lange Schlange, aber heute klappte es. – Hitler soll tot sein, Generalfeldmarschall Dönitz sein Nachfolger. Doch es wird weiter gekämpft. Ich kann es noch nicht glauben, und vermute, daß Hitler noch aus irgendeinem Versteck weiter agiert.

3. 5. Heute wieder stundenlanges Schlangestehen. Als ich aus dem Laden gehen wollte, war so ein Gedränge, daß mir fast der Arm ausgekugelt wurde. Aber selig kam ich mit meinem bißchen Margarine nach Hause. – Verwirrende Nachrichten übers Kriegsgeschehen.

5. 5. Erneutes Schlangestehen von früh bis spät nach Brot und Gemüse und Fleisch. Für unsere 150 g Fleisch pro Person und Woche haben wir wieder nur Pferdefleisch gekauft, da es dafür die doppelte Menge gibt. Dönitz soll den Alliierten Mächten Waffenstillstandverhandlungen angeboten haben, die Russen sollen aber abgelehnt haben. Wenn nur erst einmal Klarheit und Wahrheit zu uns käme, was man hört ist verzerrt und unerfreulich.

7.5 Heute Mittag soll allgemeiner Waffenstillstand ausgerufen worden sein, aber Radiomeldungen sagen, daß Prag noch immer unter Feuer liege.

8. 5. Wir konnten endlich unsere Fensterscheiben wieder abholen, die beim Bombenangriff zerstört worden waren. – Großer Siegestaumel bei den Feinden. Ich bin sehr niedergeschlagen, – das ist nun das Ende des "ewigen großdeutschen Reiches!"

Gebe Gott, daß die Bedingungen der Feinde uns Deutschen ein menschenwürdiges Dasein zugestehen. Meine Tochter (12 Jahre alt) empfindet auch schon recht die Niederlage des Vaterlandes. Sie kann nicht begreifen, wie Kinder aus ihrer Umgebung die Amerikaner um Schokolade usw. anbetteln. Sie befolgt mein Verbot auf die Straße zu gehen strengstens. Nur Omas Hund Struppi verschwindet täglich so um die Mittagszeit, er hat seiner Nase folgend die Gulaschkanone der Amis in der Burgstraße entdeckt und läßt sich zum Gaudi der Soldaten gut futtern.

12.5. Das Zeitungsblatt brachte die Meldung, daß endlich der Verdunklungszwang aufgehoben ist. Sofort lösten wir alle Decken und Vorhänge und Rollos von den Fenstern. Wie schön diese allgemeine Helligkeit.

13.5. Am Nachmittag war große Beerdigungsfeier für die beim Bombenterror und Umbruch Verunglückten. – Mußten erst die Amerikaner kommen, um uns die Kirchlichen Feiern wieder zu erlauben?!

Also heute erfuhren wir es amtlich: Am Montag dem 7. Mai um 2Uhr 41 morgens hat Deutschland bedingungslos kapituliert. Damit ist der 2. Weltkrieg, der vor 5 Jahren, 8 Monaten und 6 Tagen begann, von den Alliierten siegreich beendet worden. Armes Deutschland, wie bist du irre geleitet worden! Wieviel Schmerz und Jammer hat dieser wahnsinnige Krieg über uns gebracht – was mag nun die Zukunft bringen???

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15.5. Oma hatte heute "Kränzchen" (Treffen alter Freundinnen mit Kaffeeklatsch) Es ging heute besonders lebhaft zu, da das Erleben in der letzten Zeit ja reichlich aufregend war. – Abends saßen wir auf dem Balkon beim Abendbrot, als plötzlich unser Familienpfiff ertönte und mein Vater unten stand! Das war ein Jubel! – und doch schlich sich in alle Wiedersehensfreude eine Furcht vor einer amerikanischen Gefangennahme ein. Wir konnten es gar nicht begreifen, daß wir plötzlich wieder beisammen waren und weinten vor Glück. – Dann sauste ich in den Keller, um Vaters Zivilsachen aus den Luftschutzkoffern zu holen. Nach einer gründlichen Säuberung mußte Vater tüchtig erzählen. Was hat der Ärmste alles durchgemacht und erlebt und aus wieviel Gefahren ist er wunderbar errettet! – Er hat sich bei dem 8-tägigen Marsch die Füße tüchtig wund gelaufen und ist natürlich auch körperlich wie seelisch unsagbar mitgenommen. Doch danken wir Gott, daß wir ihn wiederhaben. – Einen sehr großen Schmerz mußte er uns aber bereiten: Onkel Holms ( Bruder meiner Mutter) sind total ausgebombt in Dresden und haben ihren Arnd (ältester Sohn von 13 Jahren) unter den Trümmern begraben. Wir sind ganz erschüttert, wie furchtbar ist ihr Schicksal und wo mögen sie sich nun aufhalten? Auch Re ist sehr traurig, ihren Lieblingsvetter Arnd nie wiedersehen zu können. Lieber Gott, wieviel Schmerz und Jammer hat dieser wahnsinnige Krieg über uns gebracht – und was mag nun die Zukunft bringen?

16.5. Nach einem ruhigen Ausschlafen ging Vater fort, um sich bei der Militärregierung zu melden. Schweren Herzens ließen wir ihn gehen, mußte man doch immer mit seiner Verhaftung rechnen. Aber er kam doch wieder heim, leider ohne endgültigen Erfolg. Er soll am Sonnabend wiederkommen und sehen, ob bis dahin seine Papiere zurückgesandt worden sind. Man muß natürlich noch mit einer Vernehmung rechnen. Abends kam noch Besuch. Omas Beine sind sehr geschwollen, hoffentlich kommt Frau Dr. bald einmal heran.

17.5. Vater hatte wieder viel Wege zu Behörden, Wirtschaftsamt usw. Seine Füße heilen recht schön, im übrigen ist er sehr müde und kaputt. Eine Mieterin ist ausgezogen, ganz gut so – Gegen Mittag kam eine Familie Dr. Schmitt auf ihrer Flucht von Karlsbad nach Sangerhausen hierher, um ihre Freunde Dr. Michels zu begrüßen. Sie waren sehr bestürzt, sie nicht anzutreffen. Da sie reichlich erschöpft schienen, nahmen wir sie bei uns auf. Sie machten einen mitleiderregenden Eindruck: Dr. Sch. schwerverwundet an 2 Krücken, sie fuhr den Krankenstuhl, hochbepackt mit geretteten Koffern und Kisten, ein 10- jähriges Mädelchen Ursel fuhr ihr 2-jähriges Schwesterchen im Kinderwagen. Da prachtvolles Wetter war, schlugen sie sich im Hof ein Lager auf mit Liegestühlen usw. Ich brachte ihnen eine Büchse Kompott zur Erfrischung und zu Mittag briet ich ihnen ihre Kartoffeln. Nachts einigten wir uns mit Hansens (Mitbewohner), die die 2 Mädels aufnahmen, und das Ehepaar zog in das freigewordene Zimmer bei uns oben ein. Wir konnten noch lange im Garten sitzen.

18.5. Schön Wetter, viel zu tun Schlange stehen usw. Vater wieder viel Behördenwege, dauernd fürchtet man, daß Vater zu Vernehmungen abgeholt wird, scheußlicher Zustand. – Abends lange Verabschiedung von Dr. Schmitts, die morgen früh mit einem Passierschein von einem LKW bis Eisleben mitgenommen werden sollen. Es waren sympathische Menschen.

19.5. Früh 7 Uhr Abfahrt Dr. S. nach Eisleben. Kaltes Wetter. Viel Lauferei. Gegenseitige Besuche mit Freunden.

20.5. Pfingstsonntag, ausgeschlafen. Vater bastelte viel im Haus, Tochter hatte mir einen reizenden Muttertagstisch aufgebaut mit vielen Basteleien und einem Begleitschreiben, wie sie mir künftig helfen will. Sie hat immer so besonders liebe Gedanken und weiß solche Festtage bes. festlich zu gestalten. Nachmittag Besuch.

21.5. Pfingstmontag, wir genossen sehr die Ruhe. Nachmittag reparierten wir die Balkonjalousien, Vati legte sie uns auf. Wieder Besuch. Abends Rommee. Wir packten die Luftschutzkoffer aus und suchten nach Wäsche von Vater, leider hat er nur noch wenig hier.

22.5. Kühles Wetter, Vater reparierte wieder Etliches. Seine Papiere sind noch nicht fertig, es ist immer eine ungemütliche Warterei. Hoffentlich kann er noch bei uns bleiben.

23.5. Besorgungen, viel zu tun. Der Elektriker Menzel legte für Frau Dees elektrisch Licht in die Kellerstube. (Frau Dees wurde in der Gartenstraße völlig ausgebombt, verlor dabei Ihren Mann. Da sie meine Großmutter von früher her kannte, bat sie nach längerem vergeblichen Suchen meine Großmutter um ein Unterkommen, was durch die Überbelegung nur im Kellerzimmer möglich war). Am Nachmittag bekam Vati nach häufigem Nachfragen endlich seinen Paß mit amerikanischem Stempel. Gott sei Dank, nun hat man doch die Hoffnung, daß er bei uns bleiben darf. Uns ist ein Stein vom Herzen gefallen. Vor 8 Tagen war er den ersten Tag bei uns.

24.5. Vati hatte wieder verschiedene Laufereien und Reparaturen. Viel Regen. Re und Hansens Kinder spielten auf dem Boden mit heller Begeisterung. - Churchill soll mit seinem gesamten Kabinett zurückgetreten sein. Er wird wohl seine Macht aus seinen Händen gleiten sehen.

25. u. 26.5. Vielerlei Unruhe und Arbeit. Emma Dees brachte wieder Holztrümmer usw. aus ihrem Trümmerhaufen. Sie erzählte, daß sie heute ihren Kaninchenstall freigelegt habe, da sei ihr das große, alte Kaninchen ganz matt entgegen gehoppelt gekommen. Das arme arme Tier, 7 Wochen lang unter Schutt und Trümmern vergraben gewesen zu sein ist zu schrecklich,

hoffentlich geht es ihr nun nicht an Ermattung ein.

27. u. 28.5. Ein ruhiger Sonntag, lesen, Handarbeiten, abends auf dem Balkon Rommee gespielt. Am Montag zog Frau Dees ein, Vati schaffte tüchtig mit in Hof und Garten und half.

29. u. 30.5. Häßliches Schlangestehen um eine Geburtstagsblume. Nachmittag gewaschen. Auch am nächsten Tag wieder langes Schlangestehen um Gemüse, leider keine Kartoffeln erwischt. - Vati schafft tüchtig im Holzstall und Re spielt Krokett.

31.5. Vati und Re gingen heute Besorgungen machen und brachten herrlichen Salat mit.

1.6. Früh Putzhilfe da. Nachmittag löste mich Oma noch 1 Stunde in der Butterschlange ab, wegen 50 Gramm pro Kopf und Woche! Ich eilte heim, um mit Vati und Re nach Boblas zu wandern wegen unserer Kartoffelnot. Nach einem langen Marsch und manchem vergeblichem Fragen erwischte Vati 1/2 Zentner Kartoffeln. Wir waren selig. In der Mühle bekam Vati ein prachtvolles 4-Pfund-Brot. Reich beladen und glücklich zogen wir heim, die Schwierigkeiten mit unserem alten Handwagen lachend überwindend.

2.6. Vormittag tüchtig zu tun, und am Nachmittag gondelten wir 3 nach Schellsitz, um dort zu hamstern. Der gestrige Erfolg hatte uns mutig gemacht, doch wir waren bei mindestens 12 bis 15 Leuten und wurden überall prompt abgelehnt. Da das Wetter aber herrlich war, gaben wir uns Mühe, fröhlich zu bleiben, und kamen schließlich müde und hungrig heim. Abends klingelte es noch so gegen 1/2 9 Uhr, ich hörte gerade noch wie Vati rief: Mein Gott, wo kommt Ihr denn her! Wer steht vor der Tür? Inge Michel aus Cottbus mit einer Freundin (Tochter vom Jugendfreund meines Vaters). Müde und braungebrannt waren beide aus einem Gefangenenlager entlassen hier einpassiert. Wir nahmen sie natürlich sofort auf, doch war ich doch recht deprimiert, wie ich die Beiden wohl satt bekommen sollte. Doch Frau Kusian brachte ein paar gekochte Kartoffeln, die ich gleich briet, und so gings ganz gut. Dann bezogen wir rasch die Betten, die gute Frau Dees wurde ins Mittelzimmer quartiert, und nach einem erfrischenden Bad gings zur Ruhe.

3.6. Sonntag – herrliches Wetter. Die Mädels schliefen tüchtig aus. – Ich machte über mein Essen ein Kreuz, sie es mein Muttchen oft tat damit es reichen sollte, und siehe da, wir wurden auch zu 6 satt. Nachmittag waren wir alle gemütlich im Garten. Nach dem Abendessen kam noch eine junge ehemalige Mieterin dazu und wir spielten alle auf dem Balkon Rommee.

4.6. Meines Vaters Geburtstag. Gegen Mittag verließ uns das Fräulein Ingrid, ein sehr sympathisches Menschenkind in Richtung Halle. Was muß die Jugend alles durchmachen. Inge lief von Behörde zu Behörde und bekam eine 7-Tage Lebensmittelkarte und leider nur für 4 Wochen die Erlaubnis in Naumburg zu bleiben. Na – kommt Zeit, kommt Rat, darum machen wir uns heute noch keine Sorgen, bis dahin kann sich noch so manches klären. Abends ging Vati noch zu einer Bekannten zum Holzhacken.

5.-6.6. Inge viel Behördenwege. Nachmittag gingen Re und ich nach Grochlitz und erhandelten eine Tasche voll Wirsingkohl.

7.6. Meines Muttchens Geburtstag. Wie wohl ruht sie in ihrem letzten Bettchen, aber traurig bin ich, daß ich ihr nicht frische Blumen hintragen kann. Vor 1 Jahr begann die Invasion, da konnten wir auch nicht zu ihr. So hat mir Re ihr Bild herrlich geschmückt mit einer Begonie und Rosen und Margariten. Das liebe Herzel hat immer so liebe Gedanken.

8.6. Vormittags saubermachen, nachmittags gingen wir 4, Vati, Inge, Re und ich nach Schellsitz. Wir mußten uns in eine lange Schlange stellen, und als wir ca 1 Stunde gestanden hatten, öffnete sich das Hoftor für den 1. Schub. Beim Dritten waren wir mit dran und bekamen jeder 1 Pfund Spargel, Inge auf besonderes Bitten sogar 2 Pfund. So zogen wir sehr zufrieden in strömendem Regen heim.

9.6. Re hat bei ihrem Gärtnerfreund 6 Kohlrabi erhandelt, herrlich. Vati ist heute recht elend, er hat eine Art Mundfaule, eine Krankheit, die beim Militär stark herumging. Schlimm. Der Arme hat eine ganz dicke Backe und viel Schmerzen und ging gleich nach Tisch ins Bett. Hoffentlich wird es bald wieder gut.

l0.6. Sonntag. Trübes Wetter, Mittags herrliches Spargelessen. Vati geht es ein wenig besser. Nachmittag Rommee gespielt, abends Skat geübt unter Vatis geduldiger Anleitung.

11.6. Ich habe mir einen üblen Magen und Darmkatarrh geholt und fühle mich sehr elend. Inge hat einen geschwollenen Hals, Vati hat immernoch mit den Zähnen zu tun und Oma mit ihren geschwollenen Beinen. Hoffentlich bleibt Re wenigstens frisch.

Große Aufregung: Sachsen und Thüringen soll noch von den Russen besetzt werden! –

12. - 13.6. Inge verschaffte sich einen Passierschein nach Leipzig, um über ihre nächste Zukunft zu verhandeln.

14.6. Früh um 7 ging Inge zur Omnibushaltestelle und hoffte, mitgenommen zu werden. Da sie nicht wieder zurückgekommen ist, hat es höchstwahrscheinlich auch geklappt. Heute habe ich mit einer Schlangenbekanntschaft 1/2 Pfund Zucker gegen 12 Pfund Kartoffeln getauscht. Wenn mir es auch schwer wurde, den Zucker abzugeben, so habe ich doch wieder für 2 Tage Kartoffeln für meine hungrigen Lieben. Große Aufregung: Die Burgstraße ist geräumt worden, um Einquartierung für die zurückflutende, erholungsbedürftige amerikanische Infanterie zu schaffen. Hoffentlich wird der Marienring nicht auch noch belegt!

15 - 16.6. Oma mit Re nach Schellsitz wegen Gemüse oder Kartoffeln. Oma will ein Tischtuch als Tausch hingeben. Ja, hats geheißen, kommen Sie morgen früh wieder. Also gingen Vati und Re heute früh um 7 wieder hin. Oma und ich abwechselnd in die Gemüseschlange, aus der ich später heimkam als meine Lieben aus Schellsitz, die zu meiner großen Freude 30 Pfund Kartoffeln mitbrachten. Inge ist noch nicht zurückgekommen.

17.6. Sonntag, sonnig aber kühl. Abends kam Inge zurück, recht zufrieden mit dem, was sie erreicht hat. Einquartierung von einem jungen Arbeitsdienstmann, der nach Hamburg weiter will.

18.6. Vati, Re, Inge und ich früh nach Schellsitz. Wir bekamen 20 Pfund kleine Kartoffeln, Inge herrlich weißes Mehl und Grieß in der Mühle.

19.6. Inge und ich wieder nach Schellsitz, wo wir 5 Pfund Schoten bekamen.

20.6. Vati und Re in Schellsitz, mit einem herrlichen Kartoffelerfolg, 35 Pfund! Ich bin glücklich, so kann ich doch meine 5 schön satt machen. Oma in der Mühle, ohne Erfolg.

21.6. Die beiden Ingen rüsten zu einer Reise nach Jena und Weimar. Sie marschierten früh zur Jenaer Str. in der Hoffnung, von einem Lieferwagen mitgenommen zu werden. Oma, Vati und Re nach Flemmingen, ohne Erfolg. Mittags Gewitter.

23.6.Gegen Mittag kamen beide Ingen wieder, sie hatten alles erreicht, sind aber total erschöpft.

23.6. Früh kam eine Fuhre Kohlen. Vati, Re und Oma tüchtig in Arbeit mit Hineintragen. Ich ging auf den Markt und wurde bald totgedrückt um 2 Bund Möhren. Nachmittag Johannisbeeren und Kirschen abgenommen und tüchtig eingeweckt.

24.6. Sonntag Vormittag kam ein Soldat aus Cottbus, der einen Brief von Inges Eltern brachte. Große Freude allerseits. Vor allem, da alle die Russengefahr gut überstanden haben, Inge ist glückselig. Nachmittag trieb uns ein heftiger Gewitterregen vorzeitig aus Hängematte und Liegestühlen.

25 .6. Vati, Inge u. Re wieder nach Schellsitz, ohne Erfolg. Nachmittag wieder Obst abgenommen, und eingeweckt. Inge ging ins Bett wegen plötzlichem Fieber.

26.6. Ich morgens nach Schellsitz. Inge weiterhin krank. Abends Vati und Re nochmals nach Schellsitz, schöne Möhren bekommen.

27.6. Ganzen Tag Regen. Inge noch immer krank, so daß Vati Frau Dr. Befelein her bat, die auch abends noch kam – womöglich Typhus! –

30.6. Inge hat Gott lob offensichtlich doch keinen Typhus, sie ist aber ein schwieriger Patient. Für Omas Geburtstag Kuchen gebacken – recht kriegsmäßig. Nachmittag große Bestürzung, Vati bekam vom Arbeitsamt einen Arbeitsbefehl, sich am Montag früh um 7 Uhr im Bauhof zu melden.

1.7. Sonntag. Wetter schlecht und Stimmung mies. Re ging nachmittag zu Annelotte Scheidig zum Geburtstag, ich pflegte Inge. Abends kamen noch Dr. Wenzels, Verwandte von Inge.

2.7. Früh 6 Uhr raus, Omas Geburtstag. Vati 7 Uhr zum Bauhof, recht niedergedrückt kam er wieder, er muß am Lindenring Bombentrichter zuschaufeln. – Für Oma hatten wir ein Paar Pelzschuhe gekauft, alles muß durch lange Schlangesteherei mühsam erkauft werden. Frau Dr. kam zu Inge, ich hetzte dann in sämtliche Apotheken nach den Medizinen herum und dann in Eile heim zum Essen kochen. Ein unruhiger Tag. Abends noch lange beisammen gesessen.

Die ersten Amerikaner verlassen die Stadt, da russische Besatzungstruppen herkommen sollen.

3.7. Gewitterwetter. Vati wieder zum Schippen – recht niedergedrückt. Gegen Abend noch viel Besuch für Oma. Durchzug der Russen. Große Plündereien von Italienern und Polen.

4.7. Vati zum Schippen, Frau Dr. bei Inge, mittags kam ihr Onkel. Danach stieg die Temperatur bei Inge erheblich an, so daß ich Frau Doktor vom Roten Kreuz aus anrief. Sie forderte, daß Inge ins Krankenhaus solle, so konnte ich an Ort und Stelle gleich alles erledigen. 1 Stunde später brachten wir Inge ins Krankenhaus. – Die Pflege war recht anstrengend.

5.7. Früh gleich zum Wirtschaftsamt und Krankenhaus, dann große Desinfektionsaktion im Hause. Ich habe am Nachmittag gewaschen, um 5 Uhr mit Re nochmals ins Krankenhaus. Vati völlig kaputt, körperlich und seelisch.

6.7. Vati ging zu verschiedenen Dienststellen, um eine leichtere Arbeit zu erhalten. Sämtliche Läden sind geschlossen. Die Stadtverwaltung ist unter russische Oberherrschaft gekommen –

Damit enden die Aufzeichnungen von Annemarie Reißbrodt.

Willkür

Anfang Juli 1945 hatten uns die Amerikaner verlassen und die Russen Einzug gehalten. Wir waren sehr unglücklich darüber, was wird uns nun bevorstehen? Mein Vater war nach abenteuerlichem 14tägigem Fußmarsch heil nach Hause gekommen, und hatte sämtliche Anmeldungen und Registrierungen gut überstanden. Nun ging für die ehemaligen Offiziere wieder das Bangen los. Er hatte alle vorgeschriebenen Anweisungen strikt befolgt und wir hofften nun eine ruhigere Zeit zu haben. –

Da kam eines Tages, es mochte wohl Ende Juli - Anfang August gewesen sein, eine deutsche Dolmetscherin und ein russischer Offizier bei uns klingeln : Papiere zeigen! Vater zeigte ihnen alles was sie haben wollten, der Russe war zufrieden und ging bereits wieder die Treppe hinunter. Die deutsche Dolmetscherin aber hielt ihn zurück und sagte: Halt, Offizier, mitnehmen! Lange bange Stunden vergingen für uns alle. Meine Großmutter regte sich so darüber auf, daß sie eine Gallenkolik bekam und schleunigst ins Krankenhaus mußte. – Am späten Abend kam mein Vater zu unser aller Jubel wieder heim und erzählte Folgendes. Alle Verhafteten bei dieser Razzia wurden auf der Vogelwiese zusammengefaßt. Mein Vater traf dort noch einen bekannten Herrn und beide tauschten so ihre Erlebnisse aus. Plötzlich hieß es – alles in einer Reihe aufstellen, es mochten wohl gut 100 oder mehr Männer gewesen sein. – Dann hieß es "Durchzählen!" Die geraden Zahlen vortreten! – Nun standen 2 Gruppen herum. Da kamen russische Lastwagen, luden die eine Gruppe auf und verschwanden. Nach einiger Zeit durfte die andere Gruppe nach Hause gehen! Mein Vater hat von seinem guten Bekannten nie wieder etwas gehört, dessen Angehörige auch nicht!

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[Russische Besatzung]

Die Zeit nach der Besetzung durch die Russen brachte viele zusätzliche Ängste und Erschwernisse mit sich.

Nach den relativ toleranten Amerikanern mit der starken Motorisierung kamen die sehr bestimmenden Russen, zum Teil noch sehr primitiv ausgestattet mit Pferdewagen, bespannt mit kleinen, struppigen aber zähen und ausdauernden Panjepferden. Sie besetzten natürlich die ganzen vorhandenen Kasernen und außerdem noch viele Privathäuser, deren Bewohner innerhalb weniger Stunden ihre Wohnungen verlassen mußten. Darunter waren auch ganze Straßenzüge, die komplett geräumt und gesperrt wurden. So z.B. die Breithauptstraße und der Frauenplan.

Auch zu uns an den Marienring kamen die Russen mit den Worten: "Wohnung, Wohnung, ganze Wohnung raus!" Da wir aber gerade den Typhusfall bei uns hatten und ein großes Schild "TYPHUS" an der Haustür prangte hatten wir Glück und der russische Quartiermacher ließ uns in Ruhe. Große Angst verbreitete sich unter den nach Lebensmitteln anstehenden Menschenschlägen vor den nur mit geringen Mengen ausgestatteten Geschäften. Die Russen kamen mit offenen LKW’s durch die Stadt gefahren, hielten vor willkürlich ausgewählten Schlagen an und zwangen so jeweils 20 bis 30 Frauen auf die Wagen und nahmen sie mit in die Kasernen zum Putzen von vor allem den Toiletten.

Trotz aller Schwierigkeiten und miserabler Versorgung waren wir doch immer wieder dankbar, daß der entsetzliche Krieg mit den Bomben und Schlachtfeldern zu Ende war. Die durch unsere Befreier geräumten Lager und Gefängnisse füllten sich aber nun wieder mehr und mehr durch sie mit oft unschuldigen und willkürlich verhafteten deutschen Bürgern, von denen viele dann nicht mehr zurückkehrten. Dadurch war die Bedrückung damals sehr groß und man hatte ständig Angst, den einen oder anderen Familienangehörigen auf diese Weise noch zu verlieren.

Im Laufe der folgenden Jahre normalisierte sich ganz langsam das Leben. Die Willkür ließ auch nach, aber gehungert und gefroren wurde weiterhin sehr stark. Vor allem der Winter 1947 mit wochenlangen Kältegraden von 20 bis 30 Grad unter Null im Februar und steifem Ostwind zehrte stark an allen Menschen. Aus dieser großen Not heraus wurden nachts die auf dem Bahnhof haltenden Kohlenzüge geplündert und die Polizei war machtlos. Treibstoff war natürlich Mangelware und die Fahrzeuge dazu auch. LKW’s wurden deshalb häufig mit Holzgasgeneratoren ausgestattet, um überhaupt noch die wichtigsten Transportprobleme zu bewältigen. Wer über Pferdegespanne verfügte war gut dran.

Schwarzmarkt und Tauschhandel blühten. Die gute alte Reichsmark existierte zwar noch beim offiziellen Einkauf auf die Lebensmittelmarken. Mit denen konnte man aber kaum auskommen. Wer zusätzlich etwas brauchte, mußte bei den Bauern der Umgebung betteln gehen und als Bezahlung diente da nicht etwa die Reichsmark, nein, da mußten wertvolle Güter des täglichen Lebens ran: hier ein Teppich dort Porzellan oder gar Silber. Ich habe es erlebt, daß für ein Klavier vier Zentner Kartoffeln geliefert wurden. So besinne ich mich, daß selbst 1948 mein schönstes Konfirmationsgeschenk ein Dreipfundbrot gewesen ist! Es wurde sorgfältig eingeteilt mit "Kerben", kleine Einschnitte an der Seite, bis zu denen nur täglich abgeschnitten werden durfte. Die Rationen waren damals doch noch sehr knapp!

Auch an des "Stoppeln" von Kartoffeln sollte erinnert werden. Zu Scharen zog die Bevölkerung auf nahe und ferne Kartoffelfelder der Umgebung. Man wartete bis der Landwirt das Feld abgeerntet hatte: Sobald der letzte Wagen das Feld verlassen hatte stürzte alles auf den Acker und die mitgebrachte Hacken traten in Tätigkeit. Wenn das Feld günstig war, konnte man am Nachmittag schon einen ganzen Zentner der Erdäpfel sammeln. Um einen Erwachsenen ein Jahr mit Kartoffeln zu versorgen benötigte man damals 5 Zentner! Denn: Kartoffeln, Brot und Mehl waren die Hauptlebensmittel, Beilagen gab es nur ganz wenig.

So könnte man noch Vieles berichten, so z.B. vom Sirup-Kochen aus gestoppelten Zuckerrüben und vom Tabakanbau, weil es ja auch keine Tabakwaren gab, aber das würde jetzt zu weit führen. Zum Schluß möchte ich nur noch das Eine sagen: Mögen solche Zeiten nie wieder kommen!

Ludwig Gosewitz, Naumburg

Tanzstunde

Mathilde Döring ist für unseren Naumburger Kreis eine bedeutende Persönlichkeit, die bis ins hohe Alter ihr Leben dem Tanz, der Anmut, dem Charm und vor allen der Jugend gewidmet hat.
Eh Frau Döring sich selbstständig gemacht hat, führte sie mit ihrem Ehemann Herrn Döring die Tanzstunden durch. 1938 im Sommer lernte ich beim Ehepaar Döring im Saal des Restaurants “Zur Post” in Bad Kösen die Kunst des Tanzens. Frau Döring war damals genau so schlank und elegant wie bis zu ihrem Lebensende. Wir Mädchen haben sie alle bewundert und für die Jungen war es eine Ehre, wenn sie mit Frau Döring vortanzen durften.
Wichtig war in der Tanzstunde ja nicht nur das Tanzen, sondern auch das gegenseitige Verhalten, das Benehmen überhaupt. Dazu hatten wir getrennten Unterricht, Herren und Damen extra.
Sie lehrte uns: Eine Dame schlägt nie die Beine über Kreuz, dies gibt hässliche Krampfadern im Knie, Büroangestellte müssen besonders darauf achten! Beim Sitzen achtet man darauf, die Füße möglichst geschlossen zu halten, die Knie nicht auseinander zu spreizen, gerade sitzen. Eine Dame raucht nicht auf der Straße! Auch lernten wir einen festlichen Tisch zu bereiten.
Frau Dörings Lebensregeln waren wunderbar, ich hab mich immer gern daran und an Frau Mathilde Döring erinnert. Sie war eine wunderbare Frau!

Annelotte Scheidig, Naumburg (1945)

Wie ich das Kriegsende erlebte

Der 12. April 1945 war ein warmer Frühlingstag. Die Sonne meinte es sehr gut mit uns. Sie erwärmte die Zimmer bei geöffneten Fenstern. Wir Kinder spielten draußen im Hof. Die Eltern hörten einen verbotenen Radiosender. Es war schlecht zu verstehen, was sie da erzählten.

Aber es hatte eine große Auswirkung.

Trotz des schönen Wetters und der knappen Kohlen wurde im Wohnzimmer der Ofen geheizt. Es wurde allerhand Papier verbrannt. Meine Mutter rief mich herein, ich war damals zwölf Jahre alt. Den BDM-Ausweis sollte ich bringen. Er wurde zu meinem Entsetzen verbrannt. Auch die BDM-Kleidung sollte ich holen. Von der BDM-Uniform wurden die Knöpfe abgetrennt und verbrannt. Auch mein Turnhemd mit dem Nazi-Emblem auf der Brust musste herhalten. Das Emblem wurde vorsichtig abgetrennt und auch verbrannt.

Vom Abtrennen blieben winzig kleine Löcher zurück. Die erinnerten mich später an die fröhlichen Nachmittage und Sportfeste mit den vielen Volksliedern.

Sogar Schlips und Knoten, die ich erst kurze Zeit hatte und auf die ich so stolz war, kamen ins Feuer. Da fing ich an zu heulen und konnte die Welt nicht mehr verstehen. Erklärt wurde mir wenig: Die Amerikaner würden kommen, heute oder morgen, da müsse das alles weg sein, sagte meine Mutter und zerriss dabei wieder ein Buch, damit es besser brennt.

Auch das Hitlerbild über meinem Bett wurde entrahmt und verbrannt. Und ich war doch so stolz darauf! Tante Marthel hatte es mir zum Geburtstag geschenkt. Sehr begeistert waren meine Eltern allerdings darüber nicht gewesen.

Es wurde schon beträchtlich warm im Zimmer. Mutter kramte immer noch im Bücherschrank. Auch mein Bruder Klaus musste einiges her geben., z.B. die Fotos von den Ritterkreuzträgern, für die ich auch schwärmte.

Im Bücherschrank hatte sich einiges verändert. In der vordersten Reihe stand ein Buch, das ich vorher nie gesehen hatte: Heinrich Heine "Buch der Lieder".

Auf dem Klavier lag jetzt ein Notenbuch. Auf dem stand mit großen Buchstaben: Mendelsohn-Bartholdy. Auch diese Noten hatte ich vorher noch nie bei uns gesehen.

Die Amerikaner kamen ohne Bomben und Schüsse. Es ging alles ganz friedlich zu. Ich wurde ohne Sorge Einkaufen geschickt mit den Lebensmittelkarten. Im Laden grüßte ich Herrn Eulau mit "Heil Hitler". Da sagte ein alter Mann zu mir: "Na, Fräuleinchen, das darfst du aber jetzt nicht mehr sagen!" Diese Äußerung machte mich recht betroffen. War das doch von Kindheit an der öffentliche Gruß. "Guten Tag" sagte man doch nur zu Hause.

Die Amerikaner erlebten wir in den ersten Tagen als freundliche, Kaugummi schenkende Männer, an denen wir unsere spärlichen Englischkenntnisse aus der Schule ausprobieren konnten.

Doch dann kam plötzlich eine weniger freundliche, barsche Aufforderung, unsere Wohnung zu räumen für die Unterbringung der Soldaten. Nur ganz wenige Stunden hatten wir Zeit. Aber wohin? Die gute Tante Mariechen nahm uns auf. Immerhin waren wir fünf Personen: der Vater, gelähmt durch einen Schlaganfall, die Mutter, Klaus und ich und unser kleinster Bruder, fünf Monate alt, im Kinderwagen. Es wurden viele Windeln eingepackt, etwas Kleidung und alles, was Essbares im Hause war.

Wie lange wir ausquartiert waren, weiß ich nicht mehr. Es kam mir sehr lange vor. Aber sicher waren es nur zwei bis drei Wochen. Dann zogen die Amerikaner weiter. Sie hatten die Matratzen unserer Betten zur Polsterung ihrer Lastwagen mitgenommen. Klaus kam dazu, als sie unser Grammophon raus trugen. Es war weinrot und mit weinrotem Filz und Samt ausgekleidet. Er wollte es zurückholen, da haben sie ihn mit dem Gewehr bedroht.

Ziemlich verwüstet fanden wir die Wohnung vor. Unser gutes Wohnzimmerbuffet hatten sie zum Rasieren benutzt. Es war voller Wasserpfützen und Seifenschaum. Man sieht die Flecken noch heute. Aber sonst sind wir glimpflich davon gekommen im Vergleich zu andern Familien.

Mir blieb die Frage, wer ist nun gut und wer böse. Ich lag in meinem Bett und konnte nicht einschlafen. Immer schaute ich auf die Stelle an der Wand, wo das Bild gehangen hatte. Der Rand war noch zu sehen, innen hell und außen dunkel. Die Bomben werfenden Amerikaner, die auch in unserer kleinen Stadt einige Häuser zerstört hatten, waren jetzt die großen Befreier, die Guten. Das war schwer zu verstehen.

Eva Gerber

Die Pappel an der Unstrutmündung

Es war an einen Sonntag gegen Ende de« Krieges, als wir ist Blütengrund mit der Fähre über die Saale setzten. Der Fähr- mann stand schwer gebeugt am Seil. Meine Mutter sah, wie er sich möglichst unbemerkt die Tränen von den Wangen wischte* "Schlechte Nachrichten von der Front?" fragte sie ihn mit- fühlend. "Mein Jüngster", stieß er hervor. "Dort, die Pappel, die habe ich vor zwanzig Jahren zu seiner Geburt gepflanzt. Sie steht für ihn, aber er kommt nicht wieder.

Bomben auf Naumburg

Wenn die "Christbäume" am Himmel standen, wußten wir, daß Leuna bombardiert wurde. Trotzdem blieben alle Lichter aus und es ging in den Keller. Beim Rückflug der Bomber dröhn- ten sie nicht mehr so bedrohlich, ihr Geräusch klang heller, sie hatten ihre zerstörerische Fracht abgeworfen. In einer Nacht hatten sie wohl noch nicht alles abgeladen, sie klink- ten ihre letzten Bomben über Naumburg aus und es traf das "Judenviertel" (genau das, was auf dem Faltblatt mit der An- kündigung dieser Ausstellung abgebildet ist). "Mein Gott", sagten die Leute, "was die Nazis nicht geschafft haben, das besorgt jetzt der Tommy", und die Menschen waren sehr betrof- fen. Gleichwohl waren sie auch froh, daß die nahe gelegene Stadtkirche nur geringen Schaden erlitten hatte«
Eines Tages, als ich mich auf dem Schulweg befand, heulten die Sirenen - Voralarm. Sollte ich umkehren oder zur Schule laufen? Welcher Weg war kürzer? In Höhe der Fischstraße dröhnte und brauste es, ein Mann riß mich mit sich, stieß mit der Schulter eine Haustür auf, wir flogen hinein» Er drückte mich unter die Treppe und hockte sich schützend vor mich. Es krachte gewaltig, dann hörte man die Flugzeuge ab- drehen. Wahnsinnige Stille. Der fremde Mann rappelte sich auf, half auch mir, zupfte mein Mäntelchen und meinen Ranzen zurecht und streichelte mir die Wangen. "Das ist noch mal gut gegangen, meine Kleine I" Ich sah ihn groß an und lief Rich- tung Schule. Erst viel später wurde mir bewußt, daß er mir das Leben gerettet hatte. Wie gerne hätte ich ihm gedankt, und noch heute denke ich in Dankbarkeit an diesen fremden Menschen. Ich stieg über Erdklumpen, Steine und wohl auch Knochen, bis ich an der Marienschule ankam. Direkt vor dem Schultor lag eine Schädeldecke mit roten Haaren. Hier konnte ich nicht weiter; das Grauen packte mich, und ich lief wei- nend nach Hause.
Aus dem zerbombten Teil des Friedhofes wurde später ein Park für die Opfer des Faschismus gemacht. Die Bevölkerung nannte ihn den "Knochenpark". Daß gerade diejenigen einen Park für die Opfer einer Diktatur angelegt haben, die selbst schon wieder die Gefängnisse und Zuchthäuser mit sogenannten "Staatsfeinden" füllten* war schwer nachzuempfinden und noch schwerer zu ertragen.
Der von den Bomben verschont gebliebene Teil des Domfried- hofs gammelte während der DDR-Zeit vor sich hin. Viele sehr schöne Grabstätten, auch von wichtigen Menschen der Geschichte, fanden wir nach der Wende, und es wurde uns von der Stadt versprochen, daß aufgeräumt und gerettet wird, was möglich ist.

Was für ein Frieden!

Es war ein wunderschöner Frühsommertag. Blatter Himmel, Sonnenschein und eine Ruhe, die beängstigend wirkte, nach alle- dem.
"In deiner Küche stinkt es", sagte mein Großvater zu meiner Mutter. "Aber Vater, das kann nicht sein, bei uns ist alles sauber." Es wurde gesucht. Auch keine faulende Kartoffel. Aber das Fenster war geöffnet und ich rief: "Der komische Geruch kommt von draußen1!"
Wir standen alle drei am Fenster und schnupperten und horch- ten. Es gab auch ein undefinierbares Geräusch von ratternden Rädern, Hufen, Stiefeln, Stimmengewirr und Musikfetxen. Da kamen auch schon Nachbarn, die Kinder voran, und riefen voll Entsetzen; "Die Russen kommen, die Russen kommen - die Russen sind dal"
Ich, als Kind, die Beine untern Arm und übern Zaun des alten Werksgeländes Eckartstraße - Pfortastraße. Da kamen sie: Ein endloser Zug aus Wägelchen mit den kleinen Steppenpferden da- vor. Mit der Wodkaflasche und der Ziehharmonika lagen die Of- fiziere auf Heu und auf Stroh, doch keiner betrachtete sie froh. Die Mannschaften kamen zu Fuß. Sie füllten alle Kaser- nen, alle Turnhallen, Schulen und alle Gebäude, in denen ir- gendwie Platz war.
Das bedeutete schulfrei, bis Villen geräumt waren. Die Besitzer galten sowieso als Bourgois, man konnte ihnen alles wegnehmen. Viele von ihnen hatten den Ernst der Lage erkannt und gingen in die Westzonen, bevor sie verschleppt wurden. Diese Praxis ließ meine Mutter die Äußerung tun: "Jetzt geht das wieder los, es trifft nur andere." Daraufhin bekamen wir in unsere 50 m -Wohnung einen Offizier, den Pjotr, seine Geliebte, eine Offizierin, die Nina und deren Burschen, den Nikolai, als Einquartierung.
Nun waren die Schulen geräumt und der Unterricht sollte begin- nen, jedoch wurde bekanntgegeben, daß wir Kinder mit Eimern in die Schule kommen sollten.

Wir bekamen Wasser und Desinfektionsmittel, sowie Bürsten und Scheuerlappen, und haben unsere Michaelisschule von Läusen, Wanzen und Dreck befreit* Das war der Anfang einer lan- gen Besatzungszeit.
Wie vir mit unserer Einquartierung fertig wurden? öaß wir noch leben und auch vor Vergewaltigung verschont geblieben sind« verdanken wir der GPU, die auf der Jenaer Straße in einer Vil- la untergebracht war und auch immer sofort kam und die betrun- kenen Offiziere mitnahm, wenn wir nächtens zum Fenster hinaus um Hilfe schrien. Wieso sich so viele Offiziere bei uns auf- hielten? Unser Pjotr hatte die Wodkaverteilung für eine Grup- pe von ca. 10 Offizieren. Manchmal kamen alle und soffen die Wochenration gleich an Ort und Stelle, das waren die schlimmen Nächte. Manchmal schickten sie aber auch ihre Burschen die Ra- tion abholen.
Einer der Offiziere, Fedor, war ein feiner, sensibler Mensch. Er saß manchmal nachmittags in unserer Küche und las uns die Briefe seiner Mutter vor. "Mein Ijeber Junge, der Krieg ist nun schon so lange aus und Du kommst noch immer nicht wieder* Ich stehe täglich an der Landstraße und warte auf Dich." Da weinten wir alle drei. Er hat uns auch oft gewarnt, wenn er wußte, daß sich die Offiziere für den Abend in unserem klei- nen Wohnzimmer zum Saufgelage verabredet hatten. So konnten wir unser Schlafzeug nehmen und in der Nachbarschaft übernach- ten.
Eines Tages lasen wir in der Zeitung, daß ein russischer Offi- zier an der Wenzelskirche von eigenen Kameraden erschossen worden war. Fedor kam nicht mehr* Wir fragten Nina. Sie sagte: "Fedor kaputt, er euch nie wieder sagen, daß alle kommen und trinken!"
Nach einigen Wochen bekam auch Pjotr eine Villa zugewiesen. Sie zogen aus, und als der zweite Bursche, Mische, zu allem andern noch die Glühbirnen aus den Lampen schraubte, waren meine Mutter und ich fast ohnmächtig vor Erleichterung.

Unsere "Elle"

Sie fuhr und fuhr und quietschte, für zehn Pfennig eine Runde. Manchmal überlegten wir: für'n Groschen Brause oder 'ne Rund- fahrt?
Wir stiegen an der Pfortastraße ein, Wenzelsring, Vogelwiese, kühne Kurve an der Reichskrone in die Jakobstraße, mit Gerum- pel am Wenzelsbrunnen um den Markt in die Herrenstraße, Linden- ring, große Schleife zum Jägerplatz, mit Karacho die Bergstraße hinunter - Aufenthalt am Bahnhof. Dann den Moritzberg wieder hinauf* Man sah immer etwas Neues und wenn die Bahn nicht roll war, erzählte uns der Schaffner eine Menge von früher. So lern- ten wir unsere Heimatstadt kennen. Manchmal durften wir auch klingeln. Schön war's.
Man sagte in meiner Kindheit nicht "Straßenbahn", sondern "Elek- trische", und wir Kinder kürzten ab auf "Elle", nicht "Ille", wie ich jetzt schon oft gehört und gelesen habe.
Während der letzten Kriegsjahre und in den ersten Jahren nach dem Krieg, als die Leute keine Autos besaßen, fuhr unsere Elle mit einem kleinen offenen Anhänger für's Gepäck. Reisende konn- ten darauf ihre Koffer unterbringen oder man hievte seinen schwe- ren Rucksack mit gehamsterten Kartoffeln hinein. In den Kurven mußte die Bahn besonders langsam fahren, damit das angehängte Leichtvehikel nicht entgleiste.
Im Fahren aufspringen oder mit dem Fahrrad anhängen war verbo- ten. Aber wir taten es doch. Einmal kam ich auf der Bergstraße mit dem Hinterrad in das Gleis. Ich war noch fähig, mein Fahr- rad halb tragend nach Hause zu schieben. So etwas nennt man Erfahrung.
Ich wünschte mir, daß sie wieder ihre Runden dreht, unsere Elle, auch als Stadtrundfahrt für Touristen.

Die Rollschuhbahn im Friesenheim

Für uns Rollkunstläufer war die Rollschuhbahn im Friesen- heim ein Paradies«
Eva und Margot Schötensack, Klaus Benkwitz, Joachim Krusch und viele andere gute Läufer veranstalteten jedes Jahr mehr- mals Schaulaufen. Das waren herrliche Feste, auch für mich, obwohl ich zum Nachwuchs gehörte und meine Sprünge noch nicht so gewagt waren, und ich die Pirouetten noch nicht so wirbeln konnte«
Allenthalben wurden jetzt die Sportvereine mit allen Mitglie- dern in die FDJ überführt. Wer nicht der FDJ beitreten woll- te, durfte keinen Sport mehr treiben.
So ereilte auch uns Rollkunstläufer das Schicksal. Einstimmig erklärten wir, daß wir nicht Mitglieder der FDJ werden woll- ten. Eines Tages, wir waren zum Training gekommen, durften wir das Gelände nicht mehr betreten. Die Bahn wurde abgebaut und vor dem FDJ-Heim, einer alten Villa am Jägerplatz, zum Teil wieder aufgebaut.
Nun war es vorbei mit dem schönen Schaulaufen. Ein paar von uns Jüngeren schlichen sich noch einige Male hin, aber es wur- de uns verboten. Eine neue Generation wuchs heran.

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