Nachkriegszeit

Karl Dorka

Rote Rosen zum Empfang

Brief an einen guten Naumburger Freund vom 24.11.1953 - Über das Kriegsende und die Jahre nach dem 2. Weltkrieg in Naumburg.

"Mein lieber Freund Horst A(...)!

Ich freute mich über Deinen Bericht sehr; ich hatte schon damals nach meiner Rückkehr in Naumburg so ab und zu über Dein Schicksal manches gehört. Selbstverständlich interessierte mich das alles und es war auch klar für mich, dass jedem anständigen Menschen geholfen werden musste, soweit man dazu überhaupt in der Lage war. Ich bemühe mich, nicht zu den Menschen zu gehören, die erst "Hosiana" und dann "Kreuziget ihn!" schreien. Du weißt ja, dass mir auch damals nichts geschenkt wurde, aber von den "Opfern des Faschismus" halte ich auch nicht allzu viel, ich respektiere lieber eine Gesinnung, die menschlich ist und aus Überzeugung kommt – ganz gleich aufweiche Anschauung sie sich stützt.

Damals, lieber Horst, als wir voneinander in N. Abschied nahmen, da zog ich freiwillig aus, den Krieg glorreich zu beenden. An das Ende und an ein so nicht erwartetes habe ich allerdings damals nicht gedacht. Ich glaubte an den Führer und an den Sieg. Allerdings muß ich sagen, dass damals wohl mein gesunder Menschenverstand mich wohl etwas im Stich gelassen hat. Doch ist das wohl so bei mir, wenn ich an etwas glaube, von etwas überzeugt bin, dann bis zum sturen Fanatismus. Allgemein hat sich diese Einstellung in meinem Leben bewährt, diese Einstellung hat mir wahrscheinlich damals auch noch die Kraft gegeben, wirklich nicht an allem zu verzweifeln.

Meine Kriegsabenteuer erstreckten sich über die Ausbildung in Chemnitz – einer damals für mich unwahrscheinlich herrlichen Zeit – über das "Erlebnis" des Bombardements in Dresden und Chemnitz, über manchen Felddienst im Erzgebirge und manchen Blitzfahrten ins Sudetenland und den wirklich ungewollten Abschluß am 8. Mai durch Übergang in amerikanische Gefangenschaft.

Ich habe die Gläubigkeit vieler Menschen besonders in den Grenzgebieten gesehen, habe die verzagten deutschen Menschen in der Tschechoslowakei aufzurichten versucht, habe mich mit meinen alten Landsern als Korporal die Hoffnung hochzuhalten bemüht und war zuweilen erschüttert über manche Dinge, die ich in meiner Gesinnung nicht für möglich gehalten hätte.

Meine Gefangenschaft dauerte nicht lange, 18 Tage, sie schien mir unendlich und eine Hölle. Dabei hatten wir gar nichts auszustehen, der Amerikaner "behandelte" uns überhaupt nicht, wir faulenzten in der Sonne, schliefen in einer Fabrik auf dem nackten Boden und wurden trotz aller Entbräunungsbestrebungen braun und gesund, aber wir hatten Hunger. Dennoch hütete ich einen kleinen Vorrat an Lebensmitteln, um sie meiner Familie zu erhalten.

Als man uns aus der Gefangenschaft entließ, fuhr man uns mit LKW’s nach Leipzig. Selten war ein Tag in meinem Leben glücklicher als die Fahrt durch die Frühlingslandschaft in die Freiheit, nach Hause. Ich verdammte die Volksseele, die sich nur in Massenreaktionen zu äußern versteht – in diesem Falle über die unbequeme, beengende LKW-Fahrt murrte – und jubilierte innerlich. In Etappen landete ich in Naumburg, direkt per Auto mit Bier-Naumann vor meiner Haustür und der glücklichste Gruß war der meines Jüngsten "Der Vatiii!". Zu Hause war alles wohlerhalten; mit requirierten Lebensmitteln aus den Verpflegungsämtern hatte man sich nach den letzten Tagen des Krieges wohl erholt und ich wurde auch entsprechend hochgepäppelt. Die letzten Ereignisse des Krieges wurden mir brühwarm berichtet – auch die tapferen Verteidigungsversuche und der Schock des plötzlichen Schlusses.

Es bot sich noch kein Anlaß, das Leben neu zu beginnen. Das Stadium der gleichgültigen Ruhe tat mir auch wirklich noch wohl. Indessen konnte man schon beobachten, was aus dem deutschen Volk geworden war: Verräter und Denunzianten. Wenigstens fielen diese durch ihren Eifer besonders auf. Und bezeichnend für eine Gesinnungstreue schien mir der alte Kämpfer R(...) M(...), der es sehr eilig hatte, unzählige Nationalsozialisten zu denunzieren. Man sprach von 90 Menschen. Man sah, wie die Menschen zu Lumpen wurden und diese Lumperei bekam ich auch zu spüren. Mich brachte so was aber nicht aus der Ruhe.

Dann die Frauen: Aber ich will über diese den Stab nicht brechen und meine Achtung vor ihnen verlor sich – trotz aller, nach spießbürgerlichen Begriffen verwerflichen Haltung der Weiblichkeit – nicht. Mir tat nur leid, dass ich früher zu diesen, durch den Krieg besonders benachteiligten Wesen, nicht noch netter war, mit anderen Worten: ich bedauerte es, dass es jetzt andere besorgten und dieses Bedauern wurde noch größer, als sich ein Teil der sonst so ehrsamen Naumburger Weiblichkeit den Russen in die Arme warf. Ich bin dennoch weit entfernt, dieses Kapitel als eine besondere Schande anzusehen.

Manche honorigen Bürger machten tiefe Bücklinge. Ich kenne jemand, der dem russischen Kommandanten rote Rosen zum Empfang überreichte. Ein auch Dir bekannter Bürger – allerdings auch schon damals zweifelhaften Charakters – brachte persönlich ein Transparent mit dem "Willkommen" für die Rote Armee in der Jakobstraße an.

Ein Ausschuß mit roten Binden befand darüber, ob einer in Amt und Würden kam oder verschwand. Ich machte mir keine Mühe, um die Gunst der roten Machthaber beider Kategorien – der deutschen bürgerlichen und der sowjetischen militärischen – zu kriechen. Mei’ Ruh wollt ich haben!

Doch da kamen bald alte Freunde, Freunde der Kommune, denen ich früher geholfen hatte, geholfen deswegen, weil sie anständige Kerle waren und meinten, dass es so nicht weiterginge. Ich müsste schon etwas für mich tun, damit ich von der Liste verschwände und sie wollten sich für mich einsetzen.

Na, dann wurde ich beauftragt, das Kulturleben schnellstens in Gang zu bringen.

In dem Kulturleben hatten sich schon manche versucht. Betrüger und Scharlatane. Einige sitzen hier in der Westzone und einer von ihnen, der Dir sicherlich auch bekannte W(...), der ist wohl noch in Naumburg. Sie richteten ein heilloses Durcheinander an, jeder wollte jedem bestimmen und jeder hatte den Ehrgeiz, "die Pfoten" in Dinge rein zu stecken, von denen er nichts verstand.

Jedenfalls brachte ich die "Kultura" in Gang und war wahrscheinlich einer der ersten, der in der Ostzone überhaupt mit Film und Konzerten anfing. Mit der übernommenen Substanz an eingelagerten Filmen, mit ortsanwesenden Künstlern, mit solchen auch, die es werden wollten oder zu sein meinten, ging der Betrieb los und – ehrlich gesagt – es war eine Freude, wieder schaffen zu können und nicht nur KdF um Karten zu bitten.

Die unterhaltungshungrigen Menschen strömten in die Kinos. Damals wurden noch deutsche Filme gespielt und die Russen fanden sie "ungemein interessant". Der Kommandant inaugierte sie vorher persönlich, bat mich aus einem Kulturfilm "Rügen" den heilhitlernden Postbeamten zu entfernen und fand das Kino so sauber und angenehm. Das war zur Eröffnung.

Die Russen schlugen sich um die Kinokarten, die deutschen Frauen ließen sich diese durch die Russen besorgen, die anderen Deutschen maulten, dass ich nur den Russen Karten verkaufte. Die Russen bedrohten mich und die Kassiererinnen. Ich verlor einmal die Nerven und sprang durchs Fenster und schämte mich hinterher, die Frauen allein gelassen zu haben. Ich wurde zur GPU befohlen, weil ich angeblich den Russen keine Karten verkaufen wolle oder ihnen schlechte Plätze gäbe. Die Ausländer drängelten sich von der Seite, wurden frech und wurden von mir zur Raison gerufen. Die Deutschen beschimpften die Versehrten, die bevorzugt abgefertigt wurden als "Kriegsverbrecher" und ich musste unter Zustimmung der Massen, die Schreihälse schulmeistern.

Wem etwas an mir nicht passte – und wenn du so auf dem Piedestal stehst, paßt vielen vieles nicht – der ging zur GPU, ging zur Kommandantur, kam mit seinem russischen Freunde, beschwerte sich beim Oberbürgermeister. Es war eine turbulente Zeit.

Da war eine kleine Tänzerin, die wollte jede Woche einmal auftreten. Als ich das nicht wollte, steckte sie sich hinter die Kommandantur. Du wirst sie kennen. Die Mutter drohte mit der GPU und sitzt jetzt wahrscheinlich selbst irgendwo im GPU-Loch.

Der Oberbürgermeister Schaffernicht benahm sich heldenhaft. Ihm gebühret ein Denkmal. Nachher, als langsam Ordnung wurde, dann durfte er nicht mehr Stadtkämmerer sein, dann sollte er nicht mal den Posten eines Straßenkehrers bekommen. Er trat tapfer aus der SED aus und starb nachher wahrscheinlich aus Gram.

Später entwickelte sich alles fortschrittlich. Die Filme wurden fortschrittlich – sie waren nur russisch. Die Kultur wurde fortschrittlich – sie wurde von den Volksbühnen übernommen, wie damals von KdF. Ich hatte schon was zugelernt, ließ mir das Heft nicht aus der Hand nehmen, wehrte mich mit dem Oberbürgermeister gegen eine Theatergründung in Goslar (?) (Unstrut-Theater-GmbH). Der Oberbürgermeister kippte der SED zuliebe um, ich blieb der ausgesprochene Gegner von Theaterexperimenten, setzte mich in unangenehmen Geruch bei den entsprechenden offiziellen russisch gelenkten Stellen und den lenkenden.

Man suchte mich zu kaufen, machte mich gegen meinen Willen zum Verwaltungsdirektor der neuen Landesbühne, bot mir Regierungsratposten für Film in Halle an, beredete mich in die Landesleitung nach Halle zu gehen, machte mir Aussichten bis in die höchsten Stellen zu rücken, bekniete mich oft nächtelang, nicht gegen den Strom zu schwimmen und fragte mich, was ich für einen Posten haben und was ich verdienen wolle.

Ich sagte offen, dass wer hoch steigt auch tief fällt. Ich stellte fest, dass viele verschwanden, dort verschwanden, nach hier verschwanden, von ihren Posten verschwanden.

Die Leute, die mir in den Rücken fielen, bei Wahrung der städtischen Belange, nachdem die Kinos enteignet wurden, die Leute, die mich bedrohen ließen, sie alle waren schneller fort als ich.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Mut und Aufrichtigkeit die besten Waffen sind. Freilich nicht immer, bei dem verlogenen und tückischen System. Jedenfalls konnten mir die kleinen Geister nichts anhaben und mit den Russen wurde ich fertig.

Du weißt wohl noch, wie ich in nächtlichen Stunden russisch studierte. Ich ahnte, was kommen wird, obwohl mein Verstand sich dagegen wehrte, aber meine aufgefrischten Kenntnisse nützten mir sehr viel. Die Russen machten mich zu ihrem Freund, was ich nicht wollte, sie respektierten meine Stellung und meine Geradlinigkeit; sie taten mir selbst dann nichts, als ich einmal ablehnte, für die GPU zu arbeiten.

Aber Du kannst Dir denken, dass das Nerven kostete, Zu oft wünschte ich mir, nicht mehr aufzuwachen. Oft habe ich meine Uhr und meine Brieftasche zu Hause gelassen und ging, weil ich gerufen wurde: zur Kommandantur, zur GPU, zur Polizei, zum Oberbürgermeister. Von allen diesen Stellen führte oft der Weg ins endlose Dunkel. Meistens wollte man von mir eine Auskunft, wollte einen Rat oder hatte Lust, sich mit mir zu besaufen.

Ich sah mit Sorge, wie langsam aber sicher ausgerottet wurde: die deutschen Menschen, der deutsche Fleiß, die deutsche Ehrlichkeit, sich von ihrem väterlichen deutschen Erbe noch etwas zu erhalten, was ihnen wert und heilig war.

Ich kannte das System des östlichen Vernichtungswillens, ich kannte die teuflische Technik des seelischen Mordes und ich wusste, dass es keinen Pardon geben würde.

Das Gesicht der Massen veränderte sich, die Freude wurde selten, Kunst, Kultur und Erholung wurden zu Konsumgütern und wenn ich mal in Oberhof weilte, konnte ich ganz besonders Physiognomie der Menschen studieren, die sich von ihrem Alltag losgelöst hatten. Es war ein seelisches Siechtum, es war ein seelenloser Konsum auch der Dinge, die die Seele gestalten.

Ich habe damals angefangen ein Buch zu schreiben, in dem ein Teil unserer heutigen Geschichte wiederspiegelt, in dem besonders die Stiege des Thüringer Waldes und auch Naumburg eine Rolle spielen, und ich habe versucht, unserem schönen Naumburg auch ein Denkmal zu setzen, in diesem Buch. Leider ist die Arbeit unterbrochen, obwohl sie schon weit fortgeschritten ist. Es fehlt mir die Zeit – es fehlt mir der "Tatort".

Wir haben uns damals dort geschworen zusammen zu halten. Ich muß Dir sagen, dass viele Menschen uns nahe kamen und soviel von dem guten treuen, deutschen Wesen, von seiner Herzlichkeit, Gemütlichkeit und Hilfsbereitschaft kennenlernten, dass dieses Erlebnis alles andere aufgewogen hat. Wir schworen uns, trotz allem zusammen zu halten, auszuhalten und auf andere Zeiten zu hoffen.

Wenn die Menschen nicht so verschüchtert und schwach wären, könnte sich das System dort nicht durchsetzen, hätte der Russe nicht so leichtes Spiel. Aber derjenige, der Widerstand leistet, steht allein da, und ich meine nicht den gewalttätigen, sichtbaren Widerstand. Man kann dem dortigen System mit seiner eigenen Zulänglichkeit begegnen, aber irgendwie kapituliert man doch. Das liegt an der Hinterhältigkeit des Systems, das liegt daran, dass jeder intelligente und kritische Mensch diskriminiert und liquidiert werden muß, das liegt an dem deutschen Zutreibersystem, welches nun mit der Zeit auch den Russen ein lückenloses Bild über jeden Menschen in der Ostzone geliefert hat.

Ich weigerte mich innerlich dennoch, die Ostzone zu verlassen. Ich hatte die Absicht, meine Söhne zur gegebenen Zeit herüberzuschleusen und ich hatte das auch schon mit einem gemacht und selbst wollte ich durchhalten.

Naumburg war meine Heimat geworden und ich liebte es. Ich liebte es so, dass ich den Naumburgern mit Bühnenschauen nach eigenen Ideen ihre Stadtgeschichte, ihr Wesen, ihre Not, ihre Eigenart immer wieder vor Augen gehalten habe. Ich kam bis zu 5 Bühnenschauen "Hier spricht Naumburg" mit dem Titel "Kennt ihr nicht das Kirschenfest" und die Menschen waren glücklich, drückten mir mit Tränen in den Augen die Hände und andere wühlten, fuhren zur russischen Kulturstelle nach Halle, griffen mich in der Presse an und mußte auch mal eine Abfuhr vom russischen Kulturoffizier hinnehmen, der sie belehrte, dass es noch mehr solcher Männer geben müsste, wie den Dorka.

Die Stellen, die von Amtswegen bei der Stadt mich in solchen Bestrebungen unterstützen sollten, fielen mir in den Rücken, ließen mich mit Strafen von 10 000 DM bedrohen, zeigten sich unfähig, es ähnlich machen zu können, boten mir an, unter ihrer Firma zu segeln, also unter ihrem Namen meine Ideen durchzuführen. Ich trumpfte auf, manche drückten mir heimlich die Hand und ich hatte Alpdrücken.

Langsam bröckelte mir alles aus den Händen, ich wurde Befehlsempfänger der russischen Filmstellen. Man bot mir dennoch Direktorposten an, man redete mir in alles hinein und man haßte mich. Man machte mich darauf aufmerksam, dass ich doch auch "Nazidreck" am Stecken hätte und es wohl besser wäre, mit den Wölfen zu heulen und diese Wölfe versuchten sich dann auch noch persönliche Vorteile bei mir zu verschaffen.

All mein Haß gegen die Bürokratie, der mir aufgezwungene Untertanengeist aus der seligen Nazizeit entlud sich.

Damals war Ordnung und da konnte man sich auch mit Vernunft fügen, aber jetzt saßen die Scheißkerle oben und tyrannisierten. Sie sahen mich lieber gehen als kommen und ihre Version "Mochn Sie mal een Andrach" konnte mich zum Rasen bringen. Doch ich bin keineswegs gerast, lieber Horst, wie ein wildgewordener Furz. Ich machte das mit ihren eigenen Mitteln, wie ich das schon sagte.

Ich muß mit Hochachtung an viele mutigen Männer denken, wie den Oberbürgermeister Schaffernicht. Am Wege Karl K(...), dann auch viele aus der Kommune – ich komme gerade nicht auf den Namen des damaligen Bürgermeisters – der für seine Gesinnung im KZ gewesen ist, ebenfalls andere Männer, die auch im KZ gesessen hatten und mutig genug waren, für die Deutschen auch gegenüber den Russen einzutreten und den Russen den Widerspruch zwischen ihrer Ideologie und ihrem Verhalten vor Augen zu führen. Die verbohrten Kommunisten wurden belehrt und bekehrt. Diejenigen, die sich vieles von den Russen versprachen, die ich warnte, eine Probe aufs Exempel zu machen, die sagten hinterher: "Hätten wir das gewußt". Ich hatte es ihnen damals klar gemacht und hinterher saßen sie mit hängenden Köpfen. Die ehrlichen Gesinnungstreuen wurden kaltgestellt, die 150%igen triumphierten.

Die Verbrecher, die die Deutschen den Russen auslieferten, setzten sich in die Westzone ab, weil sie wussten, dass sie auch einmal kassiert würden, weil sie eben zuviel wussten und zwar von dem System, dem sie dienten; die Ehrlichen resignierten und fristeten ihr Dasein.

Ich kannte einen, der seit jeher Kommunist war, dem ich um 1933 einen Wink geben konnte, sich unsichtbar zu machen, weil ich ihn menschlich für harmlos hielt. Dieser Mann kam nach Kriegsschluß aus der Westzone in die Ostzone, um sich dem Regime, das nun seiner Ideologie entsprach, zur Verfügung zu stellen. Er gestand mir, dass ihm beim Anblick der roten Fahnen die Freudentränen kamen. Er schimpfte auf den Kapitalismus. Er wurde Polizist, er saß oft bei mir, wandelte sich vom Saulus zum Paulus und verfluchte das, woran er einst geglaubt hatte. Er ließ den Kopf immer mehr hängen und verzagte. "Hätte ich das gewußt!" Eines Tages, als ich schon in der Westzone war, da erschien dieser Mann als Volkspolizist bei mir und hatte es satt.

In der ersten Zeit verschwanden die Leute von den Straßen, aus ihren Wohnungen, von den Arbeitsstellen, von unterwegs. Man hörte nie was von ihnen, höchstens gerüchteweise, das sie starben.

Wenn es nachts klopfte, polterte an der Haustür, na Du weißt, es war kein Milchmann. Sie waren so unverschämt, einen nachts im Schlaf zu stören und in den Ehebetten zu suchen. Ich schimpfte einmal gründlich mit den Russen, dass es keine Art sei, einen Bürger nachts im Bett bei der Arbeit zu stören. Sie lachten und gingen.

Einmal torkelte in unserem Hauskomplex eine Horde und suchte nach einem Mädchen. Die Frauen waren verzweifelt. Ich klaubte mein Russisch zusammen, formulierte es zum kürzesten Schimpfsatz und Drohung mit der GPU und weg waren sie. Dafür brachen sie dann in der "Reichskrone" ein und suchten Schnaps.

Ich habe kennen gelernt, dass Mut eine Herausforderung an die Angst ist. Mittlerweile verschwanden dann die Menschen nicht ganz so auffällig.

Unser Freund S(...) tauchte kurz nach Kriegsende bei mir auf. Ich rang die Hände und beschwor ihn nach dem Westen zu verschwinden. Er fühlte sich unschuldig. Eines Tages war er weg. Nach 2 1/2 Jahren kam er aus Buchenwald, er kam wieder und war dem Tode entronnen. Dank der kameradschaftlichen Hilfe.

Ein anderer kam aus Buchenwald wieder, mit eingeschlagenen Zähnen, weil er die Deutschen so gut behandelt hat, dass sie im Kriege noch eifriger Kriegsmaterial gegen die "friedliebende Sowjetunion" produzierten. Er saß bei mir, erzählte mir Ungeheuerliches – das eigentlich nur in schikanösen Verhören, in schwerer Arbeit und in Hungerkuren bestand. Er schilderte mir jenen Besuch des westdeutschen Geistlichen, der von den erträglichen Verhältnissen in den KZs der Ostzone berichtete und sich nicht die Mühe machte, hinter die Kulissen zu schauen, der in einer freundlich ausgestatteten Baracke mit gekauften Individuen speiste und Unterhaltung pflegte, während die anderen an diesem Sonntag in ihren Baracken eingeschlossen waren und hungerten für die Rationen, die die anderen anlässlich des geistlichen Besuchs doppelt fraßen.

Freund S(...) war nachher in Bitterfeld in irgendeiner Viehhandlung oder Viehrechnungsstelle Rechnungsführer, d. h. er rechnete und die Viecher führten. Ich konnte ihm eine Reiseleiterstelle bei einer Theatertruppe besorgen. Er überlegte sich lange und dann zu spät. Was er nun macht, weiß ich nicht.

Rudi M(...) tauchte auch auf. Ich spie vor ihm aus – im Geiste. Er, der im Parteigericht befangen gegen mich stand, er, der mit dem Brustton ehrlichster Gesinnung sagte in Bezug auf mich: Ich lasse meinen Führer nicht beleidigen. Der ging, wie ich schon erwähnte und verriet unzählige, sicherlich der Redlicheren und Getreueren.

Kein Mensch kann es ermessen, was es bedeutete in Unfreiheit zu leben und immerwährend die zupackende Faust der Inquisition im Nacken zu spüren. Es nahm kein Ende und es war auch nicht abzusehen, wann all die Bedrängnis aufhören würde. Die Unfreiheit hinter Stacheldraht ist anders. Sie hat noch etwas an Gewißheit zu enden. Was meinst Du, wie den Menschen dort zu Mute ist?

Es legt sich wie Blei auf den Kopf, es macht einen Unfähig zu handeln und zu denken, es rinnt einem wie das Gift ins Blut und es macht einen zu Herdenvieh. Man kann nicht denken, man handelt wie benebelt, man zweifelt an seinem Denkvermögen.

Dann hämmert blöd und verlogen die Propaganda, so blöd, dass man ihre Urheber anspringen und würgen möchte. Man liest und hört es, was die Masse alles gutheißt, was sie alles beschließt, wie sie die Segnungen preist. Sie machen sich zu Sprechern der Masse, die von ihnen nichts wissen will, die sie verflucht und – die doch allmählich der benebelnden Propaganda erliegt. Die Menschen handeln wie benebelt und ich kann mir denken, dass dieses System nicht einmal einer Droge bedarf, um sich die Menschen gefügig zu machen.

Ich habe Menschen mit sonst vernünftigen und klugen Ansichten gekannt, die mit der Zeit ideologisch verworren wurden und die man zum Schluß für Irre halten konnte, wenn einem nicht Zweifel darüber kamen, ob man nicht vielleicht selbst schon irre geworden war. Dieser Zustand hat sich noch lange bei mir auch hier fortgesetzt. Ich musste das Umfeld lernen, obwohl ich dort, weiß Gott, mit aller Anstrengung mich mühte, den gesunden Menschenverstand nicht zu verlieren und kritisch zu sein.

Die Leute die von dort türmen, handeln tatsächlich oft in einer solchen geistigen Notwehr. Niemand wird dort auf die Dauer durchstehen können und wenn wir in absehbarer Zeit doch wieder einmal eins werden sollten, was aber zu bezweifeln ist, werden wir dort einem ganz anderen Geistesleben begegnen. Dieses Element wird uns so gegenüberstehen, wie die hiesigen Einheimischen den Flüchtlingen. Sie werden uns Vorwürfe machen, dass wir sie verließen, sie werden uns tadeln, dass wir zu wenig für sie taten. Sie werden unser Argument nicht gelten lassen und werden uns vorhalten, dass sie bis zur letzten Konsequenz durchgehalten haben. Sie werden die Ansprüche von uns "Rückkehrern", die sich in Sicherheit brachten, nicht anerkennen und sie werden Recht haben.

Du wirst nun fragen, wieso ich denn dennoch nach hier herüber gewechselt bin, da ich mich doch nach meinen Schilderungen so "heldenhaft" durchgeschlagen habe.

Weißt Du, es gibt im Leben Momente, wo ein Kurzschluß eintritt, sozusagen ein Affekt. Man hat mich oft gewarnt und mir geraten, mich in Sicherheit zu bringen. Einmal wollte man mich mit Sack und Pack auf einen Lastzug verladen und mitnehmen. Manchmal riet man mir, statt den Weg zu GPU lieber einen anderen zu gehen, d. h. zu verschwinden.

Ich bangte und blieb.

Doch, eines Tages nimmt das Schicksal sozusagen mit einem Gewaltakt eine Korrektur des Lebensablaufes vor. Es packt einen am Kragen und man folgt willenlos. Ich war gerade einige Tage in Oberhof. Ich tat das häufiger, denn ich mußte in gewissen Zeitabständen "frische Luft" haben, ich mußte ab und zu mal "von oben herab" auf die Menschheit schauen.

Beileibe hatte ich mir nicht in Oberhof zurechtgelegt, nun endlich der Ostzone Lebewohl zu sagen. Manche, die mich damals in O. trafen, meinten, sie hätten mir eine solche Absicht angesehen. Keineswegs!

Aus irgendeinem Umstande hatte ich meinen Aufenthalt verkürzt. In Oberhof hatte ich noch nette Gesellschaft in Frau B(...)und Frau H(...). Erstere bestätigte mir, dass ich gar nicht so hochnäsig und ungefällig wäre, wie sie mich dafür hielte. Ich war froh, dass wieder jemand eine ungünstige Meinung über mich korrigierte. Dann hatte ich mit Frau H(...) ideologische Dispute. Ihr Mann ist doch Ratsherr, Mitglied der Volkskammer, Leiter des Wirtschaftsamtes usw. Ich weiß noch, als er damals abgeholt wurde. Ich versuchte etwas für seine Frau zu tun. Er pumpte sich mal von mir Geld zur Existenzgründung, ich kannte seine Bemühungen zur Wiedererlangung der Wehrwürdigkeit. Ich wusste, dass es ihm auch in der Nazizeit sogar sehr gut gegangen war, also ich wusste manchmal mehr von manchen, als sie es vermuteten.

Frau H(...) war die Leiterin des demokratischen Frauenbundes. Ich frotzelte sie damit, dass man politisch so verbohrt sein kann. "Immer bereit - mir sind die jungen Bioniere". Nun, die Unterhaltungen hatten auch noch anderen, sozusagen geselligen Charakter. Immerhin sollte

sie anlässlich einer Tagung in der "Reichskrone" damals auch schon "Haus des Volkes" eine Rede halten. Sie ist doch immerhin eine simple, wenn auch nette Frau und sogar manchmal reizend.

Mir tat damals leid, dass ich die kurzen schönen Wintertage in O. abbrechen musste. Es war, glaube ich wohl so, dass der, Dir auch bekannte Auto-Röder nach Naumburg fuhr und ich diese Gelegenheit benutzen wollte, kurz nach dem rechten zu sehen, um wieder nach O. zu fahren. (Einmal war mir während eines Aufenthaltes in Oberhof der Maschinenraum des Schwanen-Theaters ausgebrannt.)

Zu Hause erwartete man mich sehnsüchtig. Man wußte sich in einer Angelegenheit nicht recht zu helfen. Ich war ja auch nur Befehlsempfänger und die Kommandostellen erwarteten, dass ich mich bei ihnen vorher abmeldete, ihnen sagte, wohin und wie lange ich fortführe. Ich habe das zumeist ignoriert, denn ich war so größenwahnsinnig genug zu behaupten, dass ich von all den Dingen etwas mehr verstünde, wer was von mir wolle, möge zu mir kommen und sich nach mir richten. Ich erkenne keine andere Autorität außer Gott, den Oberbürgermeister und dann mir in meinen Belangen an. Damals war schon Becker von der ADCA Oberbürgermeister. Den Weg, den er gehen würde, ahnten wir schon, ahnte er auch wohl selbst. Du weißt es wohl, man stellte ihn unter Anklage, man steckte ihn dann ins Irrenhaus, man ließ ihn wieder heraus. Man wollte den Platz frei machen für den weiblichen SED-Oberbürgermeister, die wohl aus dem BDM kam. Ich habe den Namen vergessen, aber Deine Frau wird sie kennen.

Also, als ich damals von O. ankam, warteten schon paar russische Offiziere auf mich. Keineswegs wollten mich diese verhaften. Sie waren ungeduldig geworden, dass ihr "glawni Drug" ihr "Haupf"freund so lange fort war und ihnen ein Mensch fehlte, mit dem sie sich "kulturno", also gebildet unterhalten könnten. Also, was tun. Ich hatte mich kaum mit meiner Familie begrüßt, kaum mit meinen Frauen im Büro das nötigste besprochen, da gingen wir in ein Nebenzimmer des Kaffees "Reichskrone" zu einem Begrüßungstrunk. Es wurde eine Orgie. Der eine Offizier schimpfte auf die Juden, die beiden anderen jüdischen Offiziere meinten, es wäre zu überlegen, ob man den schimpfenden Offizier aufhängen oder nach Sibirien schicken sollte. Das war aber nur so ein heiteres Intermezzo. Als die Zeche bezahlt werden musste, da hatten meine Gastgeber nicht genug Geld, ich pumpte ihnen welches. Sie haben es aber zurückgebracht, als ich auch nicht mehr da war.

Ich war froh, dass die Sauferei zu Ende war. Meine Frau, die hinzukam und auch daran teilnehmen musste, lotste mich langsam ins Büro des Theaters. Ich räumte noch ein bisschen auf und schwelgte schon in Gedanken in ehelichen Freuden nach den Tagen der Abstinenz.

Da klingelte das Telefon.

Wir hatten uns versprochen, uns gegenseitig zu warnen. Mir wurde angeraten, vielleicht doch was zu tun.

Und merkwürdigerweise, jetzt hatte ich keine Überlegungen mehr. Ich handelte wie in einem Zwang.

Morgens, 1/2 5 Uhr saß ich im D-Zug nach Berlin. Meine Frau und etwas Habe hatte ich bei mir. Ich wollte Abstand gewinnen, um vielleicht doch wieder zurück zu fahren. Ich war ja oft unterwegs und es fiel gar nicht auf, wenn mich die Kripo abreisend auf dem Bahnhof sah. In Berlin kriegte ich doch Bedenken und beschloß, den Weg nun weiter zu gehen. Mein Stiefbruder holte meine Jungens.

Dann waren nach kaum 48 Stunden schon der Betrieb meiner Frau und die Wohnung versiegelt. Nach einigen Tagen war schon die Enteignungserklärung vom Rathaus da, weil ich angeblich "illegal" in der Westzone sei, dabei war ich ja noch in Berlin und kein Mensch konnte wissen, dass ich mich endgültig absetzen wollte.

Jedenfalls scheint es mir – und ich muß mir das auch heute noch oft zugeben – dass der Augenblick vom Schicksal richtig bestimmt war. Ich habe kein Heil von dieser "Zone" erwartet.

Es wurde mir nichts geschenkt. D. h. Angehörige meiner Frau halfen uns schon, aber es war bitte "Danke schön" zu sagen.

Von Berlin flogen wir mit dem Flugzeug nach Hamburg und reisten dann nach Goslar. Wir verteilten uns auf unsere verschiedenen Verwandten, hockten – bildlich gesprochen – wie arme Sünder in den Ecken und mussten oft die Fragen hören, ob wir es nötig hatten, dort wegzugehen und hier vielleicht goldene Berge zu erwarten. Bald verbat ich mir auch solche Kommentare, denn ich fühlte mich allein für meine Entschlüsse verantwortlich. Verständlich, dass man mich loswerden wollte.

In entscheidenden Dingen habe ich immer Glück, oder wir wollen sagen, da, wo ich mir beim besten Willen nicht mehr selber helfen kann, hilft eine unsichtbare Hand. In Uelzen erkannte man mich als Flüchtling nicht an. Dort weiß man besser, wann einer sich in Sicherheit zu bringen hat und wann noch nicht und aus welchen Motiven. Vielleicht bringt man sonst die NKWD gleich mit oder schreibt eine Postkarte aus einem Sowjetzonen-KZ oder von Sibirien.

Ich schlüpfte durch die Lücke der Paragraphen – unbewusst und ungewollt – bekam Personalausweise und konnte sogar Arbeitslosenunterstützung beziehen.

Wir bekamen durch Vermittlung eine Wohnlaube, schön fern von den Häusermassen gelegen – mit Garten. Ich baute noch behelfsweise zwei Zimmer an.

Ich sollte die Gründung und Leitung eines Filmverleihs in Hannover übernehmen, da kam die Koreakrise dazwischen. Ich arbeitete in der Werkstätte meines Bruders als Arbeiter, baute jene bereits erwähnten zwei Zimmer in Form eines kleinen Behelfsheims, holte Holz aus dem Walde und schuftete und schuftete.

Nachher machte mir ein Naumburger, der in Stuttgart sitzt, ein glänzendes Angebot; nach seinen Worten sollte alle Not vorbei sein und ich mir wirklich ein angenehmes Leben gestalten können.

Schlechter Kaufmann, der seine Ware nicht lobt, aber auch ein schlechter Kaufmann, der bewusst die Not eines anderen sich zum Vorteil machen will oder selbst nicht in der Lage ist, zu übersehen, wie seine angepriesenen Geschäfte wirklich laufen.

Man bot mir eine Vertretung in Celluloidartikeln an. Ich reiste, ich lief zu Fuß, ich schlich von Geschäft zu Geschäft. Ich machte Aufträge, aber der Silberstreifen war dünn. Der Firma genügten wohl die Geschäfte. Sie versprach mir goldene Berge, sie schickte mir unverlangt Kisten her, damit ich ein Lager für sie einrichte, sie bewilligte und erhöhte mir Reisespesen, versprach mir goldene Berge und ein paar Flaschen Wein - und schickte mir meine Provisionen, die ich ja als Spesen und Reisegeld brauchte nicht. Ich machte ihr klar, dass ich ohne Betriebsstoff nicht reisen und daher auch keine Aufträge bringen kann. Der Naumburger wusste ja von meiner Lage, zumindest brauchte er die hier allgemein übliche Geschäftsmoral nicht an mir erproben.

Ich behielt die Muster, ich gab die Muster, um mich schadlos zu halten, einem Drogisten, ich habe heute noch nicht das Geld dafür, obwohl ich damals mit den Reisespesen das knappe Wirtschaftsgeld meiner Frau geplündert hatte.

Immer wieder musste ich auf die Erkenntnis stoßen, dass ich mir selbst helfen müsse. Ich war Nachtwächter für einen Wachdienst. Mir zerplatzte ohne meine Schuld ein Reklameballon, ein größenwahnsinniger Fatzke verlangte von mir militärischen Schneid, ich bedankte mich für den weiteren Wachdienst.

Es lockte mich eine wenigstens leise Verbindung mit den Filmtheatern und ich reiste in Kinoreklame. Ich bekam allerdings Spesen und Reisegelder. Ich bearbeitete Gebiete, an denen die anderen sich schon die Zähne ausgebissen hatten, ich holte noch raus, wo nichts mehr zu holen war und dann war diese Arbeit – es ging auf Weihnachten im vorigen Jahr – saisonmäßig auch zu Ende.

Ich bekam Plattfüße und auch Kreislaufstörungen. Ich hatte von meinen 122 Pfund, die ich inzwischen hier von 104 aufgeholt hatte, bis wieder auf 102 Pfund verloren. Ich lernte Goslar, Braunschweig, Hildesheim, Wolfenbüttel bis zum Hintertreppchen und Hintergässchen kennen. Ich studierte die Physiognomie des Kaufmannstandes. Ich war über die Geschäftsmoral, über den Geist jenes einst königlichen Standes erschüttert. Ich versuchte es mir zu merken, wie man etwas machen und nicht machen soll und ich nahm mir vor, getreu meinem alten Wahlspruch, den ich auch oft den Russen erklären musste, weil dieses Sprüchlein in meinem Büro hing, die Russen es aber dennoch nicht verstanden, also meinem Wahlspruch getreu wollte ich nun doch lieber "ein kleiner Herr als ein großer Knecht" sein; ich schwor mir, niemanden zu dienen, nur mir selbst.

Es kamen noch mancherlei Angebote, so als Kinogeschäftführer für nicht ganz 200,— DM (übrigens in dem Theater, das ich hier in Goslar vor mehr als 20 Jahren geführt habe und die jetzigen Inhaber, damals als Hosenmätze noch die Hintertreppchen herauf ins Kino ließ). Ich sollte eine Verkaufsorganisation einrichten und führen (ohne Kapital), man machte mich zum Geschäftsführer einer Zeitung für die Anzeigenwerbung.

Ich sagte mir, die anderen wollen nur verdienen und lassen für sich arbeiten, dann wenigstens werde ich für mich allein arbeiten und nicht für die anderen. Beinahe könnte man sich mit den kommunistischen Thesen vom kapitalistischen Spekulanten und Faulenzern identifizieren, wenn man bittere Wahrheit nicht an Ort und Stelle kennen gelernt hätte.

Du siehst, lieber Horst: es reicht mir – doch denke nicht, dass mich so was umbricht. Freilich würde ich bittere Tränen weinen, wenn mir nun dieses Anwesen, in das ich all meine Hoffnung gesetzt habe, jetzt unter dem Hintern weggenommen würde. Ich glaube, die Tränen würden noch salziger sein, als der Schweiß, den ich in diesem Grundstück schon verloren habe.

Ich will nämlich später in diesem Grundstück ein kleines Geschäftchen mit Lebensmitteln, Milch u. Käse, dann eine kleine Sportklause und für meine Jungen und natürlich für mich eine Werkstätte einrichten; ein dahinter liegendes Flurstück habe ich gepachtet, vielmehr will ich pachten und – will sogar einige Reben pflanzen und eine Orchideenzucht errichten. Das alles natürlich so nach und nach. Ich will auch an der einen Stelle, an der unser Verkaufshäuschen in Oker steht (das ist nicht auf dem Grundstück, von dem ich vorher sprach) einen Laden errichten und neben Süßwaren, Zigaretten Hausrat und Spielzeug verkaufen. Das alles ohne Kapital, denn ich habe nicht die Absicht, Flüchtlingsmittel zu beanspruchen, zu denen ich bei nachträglicher Anerkennung als Flüchtling kommen könnte. Könnte – das bürokratische Verfahren kotzt mich an, der Bürokratismus ist mir so verleidet, dass ich hochgehe, wenn ich nur an irgendeine Behörde denke. Daher wird es Dich nicht verwundern zu hören, dass ich mit der Bürokratie dauernd im Streit liege. Ich werden denen was von demokratischer Freiheit erzählen und werde ihnen das abgewöhnen, einen Bürger zu bevormunden und zu gängeln.

So zankte ich mich mit der Handelskammer, die die Genehmigung für Tabakwarenverkauf mangels "fachlicher Voraussetzungen" versagte; ich hielt ihr vor, dass wohl bei ihr die fachlichen Voraussetzungen fehlten, wenn sie nicht beurteilen könnte, dass ein alter Geschäftsmann eine Tafel Schokolade genau so gut (oder umgekehrt) eine Schachtel Zigaretten genau so gut wie eine Tafel Schokolade über den Ladentisch reichen könne. Das dauerte beinahe ein Jahr. Sie kamen nachher allein mit der Genehmigung. Die Stadt Goslar verklagte ich vor dem Verwaltungsgericht, weil sie mir nicht die Genehmigung für den Verkauf von Getränken erteilen wollte, mit der Begründung, es wäre kein Bedarf dafür und es hindere den Verkehr. Ich denke nicht daran Rücksicht darauf zu nehmen, dass schon ein Haufen Kneipen da sind (womit die Stadt Goslar mein Ansuchen abgelehnt hat), denn ich will eine Existenz gründen und habe ein Recht darauf. Die Sache läuft noch, doch habe ich mich mit dem Verkauf von Zigaretten und von Getränken den Teufel um deren Genehmigungen gekümmert. Ich bin nämlich der Ansicht, dass wir Gewerbefreiheit haben, dass die Zuverlässigkeit eines Gewerbetreibenden nur darin zu suchen ist, ob er den Steuerbestimmungen gerecht wird (abgesehen von einigen Konzessionsberufen wie Apotheker, Ärzte, Rechtsanwälte) und dass es lediglich Sache der Behörden ist darüber zu wachen, dass den einschlägigen Vorschriften in gesundheitlicher, verkehrstechnischer, allgemeinsicherheitlicher Art Rechnung getragen wird. Wie sich sonst der Bürger durchschlägt, wie er seinen Unternehmungsgeist entfaltet, das unterliegt keiner Reglementierung durch die Behörden, es sei denn der Polizeiorgane, wenn gegen die Gesetze verstoßen wird.

Aber die Bürokratie maßt sich an, darüber zu befinden, ob ein Bürger – dass ein Bürger vielleicht etwas kann und nicht kann und unterstellt ihm von vornherein diskriminierend, er könnte sich schon gegen eine Bestimmung vergehen, wie z.B. Ausschank an Jugendliche im Falle unserer Konzession, Mangel an Hygienischer Einrichtungen, bevor eine Genehmigung erteilt und der Betrieb aufgenommen worden ist.

Du darfst Dich darauf verlassen, dass ich durchaus nicht derjenige bin, der sich behördlicher Diktatur beugt. Ich habe Zigaretten auch ohne Genehmigung verkauft, ich habe Getränke auch ohne Konzession ausgeschenkt. Schließlich geht es darum, dass sich ein Bürger wohl eine Existenz schaffen darf und nicht auf die mildtätige Hand von Sozialämtern wartet und sich den Grad seiner Initiative von Behörden vorschreiben lässt. Das ist Notwehr, eben Wehr gegen die Not.

Selbstverständlich war das Leben der letzten drei Jahre nicht ohne Freude. Es gab viele Freuden und viele glückliche Momente.

Zunächst fand ich nach der Tretmühle der letzten Jahrzehnte und nach den Tagen voller Furcht und Bedrängnis zu mir selbst zurück. Wenn ich meinte, dass das Leben nun inhaltslos geworden war, weil mir die gewohnte Umgebung, das angesehene Amt, die überragende Stellung fehlte, so versuchte ich mich immer wieder daran zu erinnern, was für gute Tage und welch einen Teil eines glücklichen Lebens ich hinter mir hatte. Ich hielt mir vor Augen, dass es auch eine Aufgabe ist beweisen zu können, dass das vergangene Leben nicht nur ein glücklicher Umstand war, sondern ein Ergebnis von Fleiß und Zielstrebigkeit und dass es nötig sei zu beweisen, dass der Erfolg eben nicht Glück, sondern ein Ergebnis bewussten, planmäßigen Strebens sei. Diesen Weg wollte ich gehen, ich begann ihn und ich will sehen, ob man nicht die Leiter des Erfolges wieder mit Bewußtsein und Überlegung heraufklettern kann.

Es ist so, lieber Horst, dass wir für alles bezahlen müssen, was uns das Schicksal Gutes gab. Du und ich. Ich verstehe Deine innere Sehnsucht nach vergangenen Tagen, nach der Heimatstadt. Ich habe sie auch. Ich schaue auch zurück, aber ich versuche mich von diesen Erinnerungen nicht bremsen zu lassen, ich mühe mich, nicht zu warten, dass es vielleicht wieder mal so sein könnte, wie es mal war und wo wir aufgehört hatten. So wird es nicht.

Immer kommt es ganz anders, als wir uns das vorstellen und wenn wir mal nach N. zurückgingen, es würde alles anders sein, als wir es uns vorstellen.

Wir haben da beide ein Stück liebster Heimat zurückgelassen, Du den Bereich Deiner Jugend, Deine Eltern, den Ort eines beglückenden Aufstiegs und Wirkens und ich eine zweite Heimat, da ich die erste schon im vorigen Krieg verlor, im ersten Krieg, da mir auch mein Vater von den Russen ermordet wurde, wo sie uns die Häuser über dem Kopf abbrannten und ich nackt aus dem brennenden Hause wie durch ein mir noch heute nicht erklärliches Wunder herauskam. Als ich zum Fenster heraussprang, stürzt das Haus zusammen. Damals stand ich vor dem Nichts - ohne Eltern und ohne Vaterhaus. Dann stand ich das zweite Mal ratlos da und wußte nicht wohin, damals, nach dem ersten Krieg, als ich entlassen worden war, in Königsberg ein anderes Leben kennen lernte, als das einer ländlichen Heimat mit begrenztem Horizont.

Es ging immer weiter und wendete sich zum Besten und es geht auch jetzt weiter. Freilich sind jetzt die Jahre schon gezählt und ich habe Eile, noch manches von dem Leben zu erhaschen, das ich für lebenswert halte.

Mein Bau ist eingefroren

Der Hypothekengläubiger des Vorbesitzers hat zum 17. Jan. die Zwangsversteigerung des Grundstückes angesetzt. Ich muß mir wieder den Kopf zermartern, wie ich damit fertig werde.

Gewiß bekomme ich einen Baukredit, aber das versprechen sie alle vor den Wahlen und dann gibt es keine Mittel. Ich muß mir selbst helfen.

Inzwischen ist mein Ältester arbeitslos geworden. Er wird reichlich Arbeit bei mir bekommen, aber es war ganz schön, als er zu jedem Lohntag 60,- bis 70,- DM brachte. Das Leben kostet viel und bei all den Investitionen, die ich schon gemacht habe, ist flüssiges Geld immer zu gebrauchen.

Ich habe mein eigenes Arbeitsbeschaffungsprogramm.

Vor 33 hatte ich manche Pläne in der Schublade, ich fand sie viel, viel später wieder und sah, dass manches, was durchgeführt wurde, doch meinen Gedanken sehr ähnlich sah; jetzt verfolge ich ein eigenes Prinzip der privaten Arbeitsbeschaffung und Kapitalschöpfung. Leicht ist das nicht – aber was ist leicht?

Als Optimist habe ich in diesen Tagen, als das Wetter etwas milder wurde, unser Grundstück bepflanzt, bepflanzt mit Forsythien, die mich an Naumburg erinnern, bepflanzt mit Pappeln die mich wiederum an unsere Heimatstadt erinnern. Ich denke da an die Pappeln am Schlachthof. Als ich nach Naumburg kam, da waren sie kaum 1 m hoch und dann sah ich sie immer wieder und sah, wie sie wuchsen und wie sie schließlich die hässliche Mauer, die mir damals so besonders auffiel, ganz überragten. Ich denke auch an die Pappeln, die auf dem Wege nach Kösen wuchsen und die Napoleon pflanzen ließ, um die richtigen Wege wiederzufinden. Er fand ihn nicht zurück.

Oft schaute ich von dem Plateau am Bauernweg in die Ferne, über die Wiesen und Almrich hinweg, an die "Wege des Schicksals", die der Leitgedanke meiner novellistischen Arbeit sind. Diese Arbeit ruht. Sie verlangt direkt noch einmal das Erlebnis der Heimat.

Auf meinem Grundstück pflanzte ich Magnolien und Rosen und Tulpen und immer wieder in der Erinnerung an das farbige Bild unserer Stadt Naumburg.

Bedenke, wenn uns das wieder weggenommen würde ? Das darf aber nicht sein und wird nicht sein.

Da denke ich wieder daran, dass Du Naumburg wohl sehr verändert finden würdest. Wo der alte Friedhof unweit der Post war, da sind jetzt schöne Anlagen, da steht ein Denkmal für die Opfer des Faschismus. Das Denkmal ist nicht schlecht und so gehalten, dass es auch an die Leiden der Menschen aus anderer Ursache heraus erinnern kann.

Damals wurden diese Anlagen zum großen Teil aus dem Kulturgroschen, die ich aus eigener Initiative von den Film- und Theatereinnahmen der Stadt abführte, errichtet. Sicher wird das in den Analen der Stadt kaum erwähnt worden sein, denn mit diesen Federn schmückten sich andere Leute und sie machten sich auch noch gesund daran.

Du würdest Dir heute auch noch einen neuen Straßenatlas kaufen müssen, denn die Straßen tragen die Namen bedeutender Menschen, die es allerdings nicht in Deutschland, sondern nur in Russland gab. Auf meinen Anschriften nach Naumburg vermerke ich zuweilen aus Bosheit an der Straßenbezeichnung "oder wie sie jetzt schon wieder umbenannt ist".

Zur Zeit dirigiert ein Herr namens Simonsohn das Kulturleben der Stadt und dieser Mann ist sogar städtischer Musikdirektor. Er war nicht unrecht, menschlich gesehen, aber andere gab es schließlich nicht, die sich dafür einsetzten. Ein Herr Büttner-Zedlitz, der aus dem Osten kam, der sicherlich aus der Verwaltung war und sich in den Schlichen der Kommunalbürokratie auskannte, mußte gehen. Er fühlte sich so sicher, war ein höriger Diener des derzeitigen Systems, aber mir hat er das Leben schwer gemacht – ich ihm auch. Er musste gehen und das hat mich gefreut. Vorher wollte er mich noch um 1000 DM anpumpen, aber er wurde gegangen, als ich schon fort war. Jetzt macht Simonsöhnchen die Kultur und knöpft den Leuten 3,- DM ab, wenn sie ein Buch nach hier schicken; dafür notiert er sich dann die genaue Anschrift der Empfänger. Du siehst, die lassen sich für ihre Spitzelei noch mit Gebühren bezahlen, wofür aber sicherlich das Jüdchen nichts kann.

Es wird nun Zeit, lieber Horst, dass ich diesen Brief beendige. Sein Datum ist bereits verjährt.

Wahrscheinlich habe ich noch manches vergessen, was ich Dir schreiben wollte, aber das kann sich noch mit der Zeit wieder finden

Vielleicht habe ich Dir den Brief auch zu lang geschrieben und er wird Dich langweilen, doch ich wollte bei dieser Gelegenheit ein wenig Stadtgeschichte festhalten, was mir ein Herzensbedürfnis war. Wenn ich dabei etwas zuviel von mir geredet habe, nimm es nicht übel. Denke auch nicht dabei, dass der Karl wohl sehr viel Zeit haben muß. Ich mache das so zwischendurch, wenn ich Dienst in unserem Goslarer Häuschen habe, zuweilen, wie heute (d. 25.11.) mit klammen Fingern.

Mein Schreibmaschinchen hatte ich damals in die Aktentasche gepackt und mitgenommen. Man bedenke, dass im Februar, genau am letzten, bereits drei Jahre vergangen sind, dass ich N. verließ, da kann man wohl sagen "wie die Zeit vergeht" –

Nochmals zu Dir:

Deine Frau hatte, wenn ich mich nicht irre, doch eine ebenso reizende Schwester. Die beiden Mädels kamen damals häufig ins Kino und ins Theater und waren so mein stiller Schwarm. (Hier wird sicherlich meine "Zensur" mit dem Finger drohen.) Wo ist diese Deine Schwägerin – wenn ich mich richtig erinnere? Ist sie noch in Naumburg?

Ich lege Dir eine Liste der Naumburger bei, die herübergesiedelt sind. Gewiß wird diese nicht vollständig sein und auch manche Anschrift ist nicht ausführlich. Ich habe sie von Vorwergk bekommen und hie und da einige Namen ergänzt.

All die "führenden Führer" scheinen wohl in Süddeutschland zu sein. S(...) ist mir in besonders freundlicher Erinnerung, als er mir mangelndes Fingerspitzengefühl vorwarf, weil ich nicht rechtzeitig den Bismarckfilm über die Partei groß herausbrachte und dabei waren eigentlich ihr, Du und Willy, daran schuld. Immerhin hatte die Parteibürokratie auch noch drei Tage Zeit dazu gehabt, eine Blitzpropaganda zu entwickeln. Aber der Film fand auch so sein Publikum, mich brachte diese Sache nur wieder mal in Nöte der Partei gegenüber. Schön war das damals nicht, wenn man so heute daran denkt.

Hoffentlich lernen wir alle daraus etwas und zum Lernen ist es ja nie zu spät.

So Horst, dann will ich nun doch die Schlußzeilen formulieren. Meinen Grüßen schließen sich meine Frau und meine Familie an.

Die Kleinen sind nun größer geworden, wie auch Deine Jungens und wir beide haben ja Gelegenheit genug, das Führerprinzip noch in unserer Familie beizubehalten. Ansonsten müssen sich ja unserer Weiber wacker mit uns durchschlagen und haben sicherlich in der zarten Regung unserer Jugendsympathien mit uns ollen Eseln das Leben anders gedacht. Mitgefangen, mitgehangen! Wollen wir es ihnen nicht allzu schwer machen und ihnen dankbar dafür sein, dass sie kameradschaftlich auch in der Not zu uns halten. Meine Frau hat ja schon schönere Tage mit mir mitgemacht, aber Deine wird wohl vieles von dem vermissen, was ihr einstmals schön und lockend erschien, da ja alles anders wurde.

Grüße sie also bitte herzlich und auch Deine Kinder. Vielleicht sehen wir uns noch einmal in diesem Leben, vielleicht kommt der olle Dorka auch mal zur Messe nach Frankfurt.

Wenn ich Dich bemühen dürfte, könntest Du mir mal die Anschrift von einem Ernst W(...) aus Königsberg, zuletzt von Naumburg gekommen, ermitteln. Er war oder ist Volkswirt, war damals ein versoffenes Genie, führte die Volkssolidarität und setzte sich ab. Ich habe in Frankfurt noch viele damalige Bekannte, aber ich habe keine Verbindung zu ihnen.

Die Menschen vergessen sich schnell.

Hier endet der Brief

Ich will nicht versagen, mit jammern und klagen. Ich will noch stehen, wenn andere kläglich vergehen.

[BRIEF]

Der Rat der Stadt Naumburg (Saale) - Abt. Wirtschaft und Verkehr -

An die

Firma Gertrud D o r k a, Naumburg /Saale Am Dom 1

W. u. V. I d Schu./Scha.- 13.5.195o

Da sich Ihre Betriebsinhaberin seit Anfang März 1950 illegal in den Westzonen (West-Berlin) aufhält, wird zur Sicherung des Betriebs gem. Erlass der Landesregierung Sachsen-Anhalt, Minister des Innern, Halle/S., vom 23.6.1949, Az, I a Nr. 1080 - 49, ziff. 5, der Betrieb unter treuhänderische Verwaltung gestellt. Als Treuhänder wurde von uns Herr Max Melzer, Naumburg/Saale, Markgrafenweg 51, eingesetzt. Bank- und Postvollmachten sind ihm erteilt. Die Treuhänderbezüge betragen monatlich l00,- DM brutto.

Abt. Wirtschaft und Verkehr

(Hollmann) Stadtrat

Dorka, Karl

Die Filmtheater in der sowjetischen Zone

Es ist wohl bekannt, dass es in der Ostzone keine unabhängigen, privaten Filmtheater mehr gibt. Selbst wenn hie und da noch ein Filmtheater von seinem alten Besitzer oder Pächter geführt wird, so kann sich dieser kaum noch als "Herr im Hause" fühlen und selbstständig schalten und walten, wie er es möchte.

Die Enteignung der Filmtheater erfolgte in der Ostzone nicht mit einem Schlage und einheitlich. Es wurden politische und propagandistische Winkelzüge angewendet, um die Filmtheater der privaten Hand zu entreißen.

Zunächst beschlagnahmte die sowjetische Militärverwaltung, oder über diese der sowjetische Filmverleih die begehrenswertesten und größten Objekte. Weiter machten sich die Gewerkschaft und die SED zu Recht oder Unrecht durchgeführte Sequestrierungen oder Enteignungen zunutze und setzten sich ebenfalls in den Besitz von Filmtheatern. Mancher Kinobesitzer entdeckte plötzlich wieder eine "unarische" Abstammung um seinen Besitz zu behalten und wiederum andere waren seit je her 100% kommunistisch gewesen. Die kalte Enteignung wurde langsam, aber sicher vorwärts getrieben. Die Theaterbesitzer wurden aus ihren Wohnungen herausgesetzt, ihnen wurde nicht einmal der bescheidenste Wohnraum im eigenen Hause gegönnt. Angehörige und Verwandte der Inhaber wurden nicht mehr in den Betrieben geduldet und langjährige Mitarbeiter misstrauisch beobachtet. Selbstverständlich gab es für solche Enteignungen keine Entschädigungen. Dann fanden sich missgünstige Angestellte, neidische Nachbarn und auch "Genossen", die wiederum aus den politischen Verhältnissen Kapital zu schlagen suchten und manchen Theaterbesitzer um Hab und Gut brachten.

Wer die Ziele der "Sozialisierung" und "Demokratisierung" kannte, war darüber nicht im Zweifel, dass eines Tages sämtliche Filmtheater enteignet werden würden. Dieses Unterfangen musste aber einen "demokratischen" Anstrich bekommen und dem "Volkswillen" entsprechen. Wo in den Landtagen eine SED-Mehrheit war, wurden Gesetze zur Enteignung des Filmtheaterbesitzes ohne Widerspruch angenommen. Die Filmtheaterbesitzer oder Sachverständige wurden dazu nicht gehört. Es war eben "demokratisch" ohne das Volk zu regieren.

In allen Fällen wurden die Enteignungsmaßnahmen damit begründet, dass die Filmtheater kapitalistischer Ausbeutung dienten und diese "kulturellen" Aufgaben nur dann erfüllen könnten, wenn sie in den Händen des Volkes wären. Man setzte sich über die Tatsache hinweg, dass nach 1945 die Filme allein von dem russischen Filmverleih "Sovexport" und die Filmtheater nur solche Filme spielen konnten, die ihnen von diesem Filmverleih zugeteilt wurden.. Eine selbstständige Filmpolitik oder gar eine solche, die den Belangen der Besatzungsmacht zuwiderlief, würde kein Filmtheater riskiert haben. Vielmehr ging das Bestreben der Besatzungsmacht dahin, sich in den Besitz eines großen Theaterparks zu bringen und das ganze Filmwesen ihrer Politik nutzbar zu machen. Das wurde immer wieder unter dem Vorwand propagiert, dass der Film fortschrittlichen und kulturellen Aufgaben zu dienen hätte. Der russische Filmverleih schloss mit den Filmtheatern, auch mit solchen, die zunächst noch im privaten Besitz waren, Verleihverträge ab, die über fünf Jahre liefen. In diesen Verträgen war eine Mindestabnahme von 40% russischer Filme vorgesehen. Der Verleihanteil wurde auf 50% der Einnahme nach Abzug der Steuern festgelegt. Der Unterzeichnung der Verträge durch die Filmtheater wurde sanft nachgeholfen und die Auslegung der Bedingungen wurde seitens des Verleihs ziemlich einseitig aufgefasst. Die Terminierung und Zuteilung der Filme erfolgte durch den Verleih und die Theater hatten keinen Einfluss auf die Programmgestaltung. Gleich nach 1945 wurde zunächst noch eine große Anzahl deutscher Filme gezeigt, die aber langsam durch russische von den Spielplänen abgelöst wurden. In der ersten Zeit waren es russische Filme, die schon ein ziemlich betagtes Alter hatten und den uns gewohnten Ansprüchen in technischer und künstlerischer Hinsicht entfernt nicht entsprachen. Ihre Handlung war durchweg politisch und tendenziös. Das Publikum, das zunächst aus Neugierde zu den Filmen kam, mied sie nach kurzer Zeit und blieb den Filmtheatern fern. Es mussten oft zwei oder drei Wochen hintereinander russische Filme gespielt werden, jeder mindestens eine Woche. Die Auswirkungen auf den Besuch waren katastrophal. Das war eine weitere Taktik, um den privaten Unternehmer mürbe zu machen. Doch dieses Verfahren führte zunächst noch nicht zu dem gewünschten Ergebnis. Die Kinobesitzer verzweifelten, aber sie rangen um ihre Existenz.

Eines Tages wurden dann die Theaterbesitzer aufgefordert, ihre Häuser dem russischen Filmverleih zu verpachten. Es wurden ihnen 8 bis 10% des Umsatzes geboten, jedoch behielt sich der Verleih vor, alle ihm als notwendig erscheinenden technischen Verbesserungen und Umgestaltungen in den von ihm gepachteten Theatern auf Kosten der Theaterbesitzer vorzunehmen. Wahrscheinlich hätte es nur noch wenige Theaterbesitzer gegeben, die bei einem solchen Vertrag nicht draufgezahlt hätten, zumal sie kein Recht hatten, dem neuen Pächter in seine Maßnahmen hereinzureden. Bei den vorgedruckten Film- und Pachtverträgen wurden Änderungen der Bedingungen seitens der Verpächter nicht geduldet. Während alle Theater nach und nach die Filmverträge unterschrieben oder unterschreiben mussten, fanden sich nur ganz wenige, die auf die Pachtverträge eingingen. Hier war sich die ganze Kollegenschaft einig, dass es ein größeres Risiko nicht mehr gab. Diese Haltung der Theaterbesitzer ließ die andere Seite nun einen anderen Weg einschlagen, der zudem aus bestimmter Richtung gewünschten Erfolg führen musste. Die Enteignung musste vollends geschehen und zwar auf gesetzlichem Wege.

Nun gab es aber noch Länderparlamente die eine bürgerliche Mehrheit hatten. Doch musste man sich wundern, mit wie wenig Verständnis die sogenannten bürgerlichen Mehrheiten den Dingen gegenüberstanden, die von prinzipieller und weltanschaulicher Bedeutung ihrer Parteidogmen waren. Wenn es sich nämlich um die Enteignung von Privatbesitz handelt, so müsste das ihren Parteiprinzipien widersprechen, ganz gleich ob es sich um Hausbesitz, um Land oder um Filmtheater handelt. Als es um den Kinobesitz ging, zeigten die bürgerlichen Parteien eine so unverständlich schlappe Haltung, dass nach zweimaligem Antrag das Gesetz zur Enteignung der Filmtheater angenommen wurde. Eine oder zwei Stimmen Mehrheit der bürgerlichen, die sie tatsächlich hatten, konnten hier zur Gunsten der Filmtheater entscheiden, aber diese Stimmen fehlten. Es fehlten Abgeordnete und es fehlte sogar der Fraktionsführer einer bürgerlichen Partei. Ob die Abgeordneten dieses Mal an ihrer Pflicht gehindert worden sind oder aus ihrem Fernbleiben persönlichen Nutzen gezogen haben, soll hier nicht untersucht werden. Versionen darüber kann man nicht als verbürgt ansehen.

Der Gesetzesentwurf, der von irgendeinem Regierungsrat ausgearbeitet war und schon lange in dessen Schublade lag, enthielt für die Enteignung u.a. fast wörtlich die Begründung, dass zur Führung eine Filmtheaters keinerlei Kenntnisse, sondern nur allein Kapital notwendig sei. Damit sollte die "kapitalistische" und daher unsoziale Eigenschaft der Filmtheaterleute begründet werden. Die Theaterbesitzer wurden zu dieser Angelegenheit nicht gefragt, Fachvertretungen gab es nicht und beherzten Kollegen, die es unternahmen, gegen die Maßnahmen Sturm zu laufen, wurde diskret aber unmissverständlich geraten, in der Enteignungssache weniger Aktivität zu zeigen.

Die Theaterbesitzer waren verzweifelt. Sie kamen heimlich zusammen und berieten über ihr Schicksal. Sie wiesen darauf hin, dass mehr als 70% der Kollegenschaft zur SED gehöre. Sie zeigten, dass die Mehrzahl der Theaterbesitzer Handwerker und Arbeiter waren und das ihr Einkommen oft nicht die Höhe des einen Angestellten erreichte. Sie betonten, dass die Intelligenz der strebsamen Fachleute den großen Fortschritt der Filmtechnik gebracht hat. Sie versuchten zu beweisen, dass nur die persönliche Fürsorge und Mühe um das Publikum der Allgemeinheit am besten diene. Die Kinobesitzer errechneten, dass die Mehrzahl der Theater keinerlei zusätzliche Belastung durch den Verwaltungsapparat vertrage, da die ganze, mitarbeitende Familie der Theaterbesitzer sich auf ein Minimum des Einkommens beschränken müsse. Sie machten darauf aufmerksam, dass sie ja ohnehin schon nur noch Verwalter der Filmtheater wären und auf kulturelle und politische Bestrebungen keinen Einfluss hätten und das nicht einmal ein Reklamedia ohne Zensur laufen dürfe.

Die Theaterbesitzer wurden von einer Panik erfasst und viele trugen sich mit grausigen Plänen. In einer großen Versammlung sollte über die akuten Fragen beraten werden. Der russische Filmverleih veranlasste das Verbot der Versammlung über die Militärverwaltung. Den wortführenden Kollegen wurden Repressalien angedroht.

Die Enteignung der Filmtheater ging jetzt radikal vor sich und von der sonstigen bürokratischen Schwerfälligkeit merkte man dieses Mal nichts. In wenigen Stunden waren die Gemeinden von dem angenommenen Gesetz benachrichtigt und erhielten für die Inbesitznahme ihre Anweisungen. Mancherorts umstellte die Polizei die Gebäude der Theaterbesitzer und stellte die Besitzer unter polizeiliche Aufsicht. Es wurde nicht geduldet, dass die enteigneten Besitzer oder deren Angehörige in den Theatern mitarbeiteten. In manchen Ländern der Ostzone und bei späteren Enteignungen beließ man dann doch manchen Theaterbesitzer als Verwalter, als es sich herausstellte, das die Ablösung der erfahrenen Fachleute in den Theatern chaotische Zustände heraufbeschwor. Diese Einsicht widerlegte schlagend die Behauptung, das für die Führung eines Filmtheaters "nur" Kapital notwendig sei.

Wer etwas tiefer sah, brauchte sich über eine solche Filmpolitik nicht zu wundern. Es ging hier um die "Demontage" eines hochentwickelten Gewerbezweiges und um den Abbau einer beruflich intelligenten Gesellschaftsschicht.

So mancher Theaterbesitzer verließ bettelarm mit seiner Familie bei Nacht und Nebel seine Heimat. Zwar hieß es, dass die Kinobesitzer für den Verlust ihrer Betriebe entschädigt werden sollten, doch darauf warten wohl die meisten von ihnen.

Zunächst übernahmen die Gemeinden die Filmtheater, die der russische Filmverleih noch nicht in seinen Theaterpark eingegliedert hatte. Die Filmtheater wurden von den Gemeinden in ihren Verwaltungsapparat eingeschaltet und den Dezernenten für Volksbildung unterstellt.

Aus den Filmtheatern, die durch ihre Besitzer bisher bemüht waren "Dienst am Kunden" zu pflegen, ihre Programmgestaltung auf die Mentalität des Publikums einzustellen, ihre Häuser für den gastlichen Empfang der Besucher zu betreuen und mit dem Fortschritt der Technik Schritt zu halten, wurden jetzt bürokratisch verwaltete Dienststellen. In die Leitungen setzten sich Beamte, Parteigenossen und manchmal auch Angestellte der früheren Besitzer. Der Betriebsrat hatte das Recht sich in alle Fragen des Betriebes einzuschalten.

Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass manche Gemeinden die Eigenart der, ihr mit den Filmtheatern zugefallenen Unternehmungen, erkannten und bewährten Kräfte aus dem Fach mit der Führung betrauten. Sie ließen ihnen die großzügige Freiheit und Verantwortung, aber es konnte nicht verhindert werden, dass sich untergeordnete Stellen des bürokratischen Verwaltungsbetriebes spürbar hemmend überall einschalteten. Mancher Filmvorführer, der Theaterleiter geworden war, erkannte erst jetzt, was für ein Maß von Verantwortung und ungewohnte Arbeit ihm aufgebürdet worden war. Er wetterte, sofern er sich das zu erlauben glaubte, über den Bürokratismus und über die Diktatur des Filmverleihs. Die alten Vorführer sehnten sich wieder nach der ruhigen und gewohnten Arbeit ihrer Vorführräume und die alten Angestellten dachten wehmütig an die Zeit, in der sie noch ihren "Chef" hatten.

Die neuen Leiter konnten nicht nach ihrem eigenen Willen schalten. Hier war der Bürokratismus ihrer Gemeinden und dort die Diktatur des sowjetischen Filmverleihs. Die Filme wurden von dem Verleih bestimmt und die Anweisungen des Verleihs im Kommandoton den Theatern erteilt. Die Theaterleiter hatten sich dem Filmverleih für unzureichenden Besuch russischer Filme zu verantworten, sie mussten die Besucherzahlen täglich telefonisch melden, sie hatten sich dort zur Inempfangnahme von Rügen und neuen Anweisungen einzufinden. Die Geschäftsführung wurde von den örtlichen Kommandanturen überwacht und die Vorstellungen bzw. das Publikum sorgfältig beobachtet. Der Film hatte – so wurde es immer wieder betont – kulturellen und fortschrittlichen Aufgaben zu dienen und nur allein der russische Film war für diese Aufgaben ausersehen.

Auch die Funktionäre der Partei überwachten die Filmveranstaltungen. Sie fanden oft Gründe zu Beanstandungen, bei denen man aber jede Sachkenntnis vermisste. Schlechte Ton – und Bild wiedergabe, Reißen der Filmstreifen und schlechten Besuch erklärten sie als Sabotage am russischen Film und mussten erst darüber aufgeklärt werden, in welchem schlechten technischen Zustand die Filme und, dass für die Apparaturen auch Ersatzteile notwendig waren. Die fortgebliebenen Kinobesucher mussten noch über die einzige und wahre Filmkunst der russischen Filme "aufgeklärt" werden. Der Theaterleiter war hierfür verantwortlich, er hatte in die Betriebe zu gehen, nach den Filmvorstellungen Diskussionen zu veranstalten und den russischen Film selbst für den besten zu halten.

Die Menschen mieden die russischen Filme und kein Propagandatrick mehr vermochte sie in die Kinos zu locken. Sie schüttelten den Kopf darüber, dass die "volkseigenen" Betriebe sich so gar nicht nach dem Volke richteten, aber die Besucher machten von ihrer demokratischen Freiheit den ihr noch möglichen Gebrauch: sie gingen eben nicht zu diesen "fortschrittlichen" Filmen.

Besser wäre es jedoch gewesen, wenn die russischen Filme einen stärkeren Zuspruch gehabt hätten, denn sie waren zum großen Teil ein vorzügliches Anschauungsmaterial über die Verhältnisse in einem Staat, der den Anspruch darauf erhob, der ganzen Welt seine Segnungen als das einzige Heil zu empfehlen.

Die meisten russischen Filme entbehren jener filmischen Substanz, die den Film zu einem Kunstwerk für sich macht. Die Filme zeigen fast durchweg das Niveau des Filmschaffens vor 20 Jahren. Die Handlung der Filme ist naiv, schleppend und dünn. Sensationelle und erotische Momente, die in den westlichen Filmen oft übertrieben dominieren, sind in russischen Filmen nicht zu finden. Die Technik der Aufnahmen erinnert an erste Aufnahmen eines Amateurs. Das Grundmotiv der Filme ist – sofern sie nicht vom Kriege handeln und oft unerträgliche plumpe Hetze darstellen – Aktivistenleistung, Sollerfüllung, das lockende Ziel einer Moskaureise, ein Orden für gute Schweinezucht und die Segnungen der sozialistischen Revolution. Mancher Witzbold wagte an der Kasse zu fragen, was für ein russisches "Lustspiel" es schon wieder gäbe.

Von den filmschöpferischen Leistungen eines Eisenstein, Pudowkin usw. ist in den russischen Filmen auch nicht die leiseste Spur mehr zu finden.

Selbstverständlich gab es auch neue russische Filme, aus denen die Bemühungen um den technischen Fortschritt zu spüren waren, aber alle diese Filme erweckten den Eindruck von "Belehrungs"filmen, die immer wieder auf propagandistische Aufgaben eingestellt waren. Nach dem Stoff der Filme war alles in Russland erfunden und entdeckt worden und der Sowjetmensch war der fleißigste, der heldischste, der tüchtigste, der intelligenteste, der freieste und der kultivierteste der Welt. Die Filmregisseure störte es nicht, dieses Volk bei "freiwilliger" und "begeisterter" Arbeit mit verbissenen seelenlosen Gesichtern zu zeigen und die im Hintergrund mit MP’s bewaffnete Soldateska, die wahrscheinlich diese begeisterten Massen bewachte, als störend zu empfinden.

Nun war es auch nicht etwa so, dass die Deutschen die Filme nur nicht sehen wollten, weil sie von den Russen kamen. Es gab einige russischen Filme und ganz besonders Farbfilme, deren Handlung schon etwas erträglicher, die farbliche Gestaltung aber hervorragend war. Dazu kamen die sehr schönen Naturaufnahmen für die sich die Besucher sehr interessierten. Solche Filme waren gut besucht. Hervorragend waren die russischen Märchen- und Kulturfilme. Die Märchenfilme waren von einer nahezu verschwenderischen Ausstattung und künstlerisch vortrefflich gemacht. Allerdings war manches Märchen "sozialistisch" gedeutet. Die Kulturfilme, die Landschaften und Tiere zeigten, waren überragend und es war schade um manchen Kulturfilm, dass er unbedingt eine politische Tendenz haben musste. Die Märchen-und Kulturfilme ohne politische Tendenz sind wirklich von internationalem Wert.

Die russischen Filme wurden in den Filmtheatern manchmal bis zu sechs Wiederholungen an einem Platz gezeigt. Es war einfach keine Seltenheit, dass bei dem immer wieder eingesetzten Gleichen kein Mensch im Kino saß und Vorstellungen ausfallen mussten. Da ordnete der russische Filmverleih an, dass mit russischen Filmen soviel Besuch eingespielt werden musste wie mit deutschen, und dass vorher kein deutscher eingesetzt werden durfte. Man stelle sich vor, dass ein deutscher Film in einer Woche das Vielfache der Einnahmen der russischen Filme brachte. Die Theaterleiter, sofern sie Ehrgeiz hatten, verzweifelten über die leeren Häuser, aber auch die, die keinen Ehrgeiz besaßen, verzweifelten, weil sie durch den russischen Filmverleih für den schlechten Besuch verantwortlich gemacht wurden. Der Verleihchef war immer ein russischer Offizier.

Es musste ein anderer Weg gefunden werden, um den "fortschrittlichen" Filmen Besucher zuzuführen: Mit den Eintrittskarten für deutsche Filme sollten gleich Karten für russische Filme verkauft werden. Das sonst verpönte Koppelungsgeschäft sollte hier straflos angewendet werden. Mutige Theaterleiter lehnten es erfreulicherweise ab, solche Geschäftsmethoden einzuführen. Die Kinos befürchteten, dass dann auch wohl der Besuch der deutschen Filme leiden würde. Der russische Verleih machte dann für den Koppelungsvorschlag "untergeordnete" deutsche Angestellte verantwortlich. Merkwürdigerweise waren diese Vorschläge in fast allen Verleihstellen gemacht worden. Dann wurden Kinoabonnements vorgeschlagen, die auch keine Gegenliebe fanden. Weiter erhielten die Organisationen Anweisung, sich mit Nachdruck für die "fortschrittlichen" Filme einzusetzen und die Gesellschaft zur Förderung der deutsch-sowjetischen Freundschaft zeigte in ihren Klubs und an öffentlichen Plätzen russische Filme ohne Erhebung eines Eintrittsgeldes. Im übrigen wurden auch die Filmtheater aufgefordert, solche Veranstaltungen auf den Marktplätzen oder mit Kofferapparaturen, die der Filmverleih gegen Leihgebühr und Bezahlung einer Filmmiete anbot, durchzuführen. Den Organisationen wurden erhebliche Preisermäßigungen bis auf 25 Pf je Platz eingeräumt, dann wurden öffentliche Vorstellungen mit bestimmten Filmen für diesen Eintrittspreis veranstaltet, aber es gelang nicht, den Kinobesuch fühlbar zu beleben. Für Schulvorstellungen waren grundsätzlich nur russische Filme geeignet.

An ein rentables Wirtschaften der Kinos war schon lange nicht mehr zu denken, selbst wenn irgendwo Überschüsse erzielt worden waren, so bildeten diese keine ausreichende Rücklage für Erneuerungen des Betriebes. Das Schlagwort "dass die Bürgermeister die Kinos nicht als melkende Kuh zu betrachten hätten, sondern für die Kultur auch einmal tief in das Gemeindesäckel greifen sollten" gehörte zur ideologischen Phrase eines gutausgerichteten Theaterleiters. Die Gemeinden hatten also das Risiko für die schlechte Filmwirtschaft zu tragen. Jetzt war mancher Theaterbesitzer froh, dass er kein Kino mehr hatte, er hätte es auf die Dauer nicht halten können. Die neuen Kollegen der Kinobranche konnten es sich nicht denken, dass ein zugkräftiger Film und ein gutgeleitetes Haus, die eine Höchstzahl von Besuchern frequentierten, auch einer Idee dienen konnten. Das konnte politisch allerdings gefährlich werden.

Es gab tatsächlich auch einige Leute, die den russischen Film für den fortschrittlichsten und besten hielten und die Filmerzeugnisse der westlichen Produktion als überkultiviert, kitschig und als kapitalistische Machwerke erklärten. Das taten manche mit einer leidenschaftlichen Überzeugung und gesinnungsgetreue Parteigenossen hatten das in ihr Glaubensbekenntnis aufzunehmen. Eines Tages aber soll wohl Stalin selbst gesagt haben, dass die russische Filmproduktion mit der allgemeinen Entwicklung nicht Schritt gehalten habe. Natürlich weiß man nicht, ob Stalin seine Erkenntnisse auch aus den deutschen Filmen, die er zu sehen bekam, bezog. Aber die sowjetische Armee, die in Deutschland war, fällte ein maßgebendes Urteil über die Filme ihrer Landsleute. Angehörige der Besatzungsmacht, selbst die einfachsten Soldaten bevorzugten den deutschen gegenüber dem russischen Film. Sie sagten, und das sagten sie sogar bei neueren russischen Filmen, dass diese wenig "fortschrittlich" sind und zuviel "Moral" hätten. Mit "Moral" sagten sie das, was wir mit dem Wort "Tendenz" meinen. Man sollte also nicht meinen, dass die russischen Filme so kindlich und naiv sein mussten, damit sie den breitesten Volksschichten verständlich wurden. Selbst in den Soldatenkinos wurden deutsche Filme vorgeführt, die nur betitelt waren und diese Filme erzielten Rekordbesucherzahlen durch Soldaten. Auch andere ausländische Filme, die ebenfalls nur betitelt waren – englische und amerikanische – fanden bei den Soldaten reges Interesse. Daraus ist zu folgern, dass das russische Volk nicht etwa problematische künstlerisch und technisch hochstehende Filme nicht versteht, sondern dass die russischen Filmschöpfer, von einigen Ausnahmen abgesehen, mit dem Fortschritt des Filmschaffens nicht mitgegangen sind. Aber wie das so in den "demokratischen" Ländern ist: Auch der Filmdiktator hat nicht Schuld, wenn er schlechte Filme macht, sondern das Volk, weil es diese schlechten Erzeugnisse nicht sehen will.

Die Zahl der in der Ostzone gezeigten deutschen Filme wurde allmählich kleiner. Es wurden keine neuen Kopien gemacht. So verbrauchte sich der Filmbestand, es wurden aus weltanschaulichen Gründen auch immer mehr Filme ausgemerzt. Die Vorführung geeigneter deutscher Filme wurden dann immer wieder auf den Spielplan gebracht und das Publikum verlor das Interesse an den stetigen Wiederholungen. Ab und zu war auch ein englischer oder amerikanischer Film zu sehen. Obwohl diesen Filmen anzusehen war, dass sie nicht der Standardklasse angehörten und ihre Auswahl von gewissen ideologischen Gesichtspunkten erfolgte, brachten sie Rekordbesuch. Auch die Westzonenfilme, an denen man die Dürftigkeit der Nachkriegszeit spürte und deren Handlung noch die Zustände vor der Währungsreform oder allgemeine soziale Missstände zeigten, fanden bei dem östlichen Filmhunger ebenfalls starken Zuspruch. Über das westliche und internationale Filmschaffen berichtete keine Zeitung und Fachschrift. Die Theaterleiter sind von dem Filmgeschehen der Welt vollkommen isoliert, dass es aber auch andere russische Filme gibt, erfahren sie höchstens aus ab und zu erscheinenden negativen Kritiken über Filme kapitalistischer Länder.

Die Filme der später gegründeten DEFA konnten zunächst auch nicht zu den Herzen der Filmbesucher finden. Die Menschen mochten die Tendenzfilme nicht. Genauer gesagt, sie wollten die Tendenz nicht so dick aufgetragen sehen und mit dem Holzhammer belehrt werden. Die DEFA versuchte sich langsam durchzusetzen. Wenn die Filme wirklich gut gemacht waren, so akzeptierte sie das Publikum, auch wenn sie eine Tendenz hatten. Einige DEFA-Filme brachten sogar große Besucherzahlen und fanden zum internationalen Filmmarkt. Irgendwo war man darauf neidisch. Sobald sich ein DEFA-Film als erfolgreich erwies, hatte die Presse und der Rundfunk an ihm etwas auszusetzen und zu mäkeln. Bei dem Film "Die Hochzeit des Figaro" wurden die breitesten Bevölkerungsschichten durch öffentliche Diskussionen und durch Pressepolemiken darauf aufmerksam gemacht, dass mit diesem Film Mozart "gemordet" worden sei. Filme aus der Westzone, die sich bemühten soziale Probleme zu behandeln, also sich doch auch einer "fortschrittlichen" Aufgabe unterzogen, fanden vor der amtlichen Kritik keine Gnade. Die Deutschen konnten ebenfalls keine Filme machen und wenn dem Publikum ein Film gefiel, sogar sehr gut gefiel, dann musste es darauf aufmerksam gemacht werden, dass der Film gar nicht gut sei. Als einmal ein Volkskorrespondent in einer Zeitungsnotiz behauptete, dass die Massen nur Courts-Mahler-Stoffe im Filme liebten, machte jemand, der die Filmbesucher besser kannte, die Zeitung darauf aufmerksam, dass sie hier irrten. Als Beispiel nannte der in Filmdingen Kundigere Filme, wie die "Ehe im Schatten", "Affäre Blum", "Die letzte Etappe", "Land von Sibirien", "Steinerne Blume" um damit zu beweisen, dass gute Filme ohne Unterschied der Nationalität und des Stoffes erfolgreich sein können, wenn sie gekonnt gemacht sind. Mit der Erwiderung sollte der Beschuldigung der werktätigen Massen widersprochen werden, dass sie keinen Geschmack habe. Obwohl ausdrücklich betont wurde, dass die Enteignung im Namen der Werktätigen erfolge, erschien eine Berichtigung nicht. Der Volkskorrespondent und mit ihnen die Presse wissen alles besser und sprechen alles im Namen des Volkes, obwohl das Volk die Presse überhaupt nicht mehr ernst nimmt.

Angehörige der Besatzungsmacht, Soldaten wie Offiziere, lobten die Qualität der deutschen Filme. Sie rühmten die guten deutschen Maschinen, die erstklassige Optik und die gute Wiedergabe. Sie baten oft bestimmte deutsche Filme zu bringen, die sie schon irgendwo anders in Ostdeutschland oder gar in Russland gesehen hatten und oft waren ihnen die Darsteller der Filme geläufig.

Zwischen den Filmtheatern der Ost- und Westzone ist ein augenfälliger Unterschied. In den Theatern Westberlins und der Westzonen herrscht regeste Schaumannsarbeit, Kundendienst und Kundenwerbung. Die Vielzahl der angebotenen Filme lässt mannigfaltigste Spielplangestaltung zu. Die Theater sind sauber und mit Licht wird innen und außen nicht gespart. Das Platzanweiserpersonal ist nett gekleidet und überall spürt man das Mühen um den Besucher. In der Ostzone mangelt es an Beleuchtungskörpern, es fehlt an guten Putzmitteln, Plakatpapier, Farben und Leim sind rar und Fußbodenläufer gibt es nicht. Die Betriebe würden den Platzanweiserinnen keine Kleidung kaufen, denn dafür hat die bürokratische Verwaltung keine Bestimmungen, außerdem gibt es für Kinoplatzanweiserinnen keine Sonderzuteilung in Stoff für ihre Dienstkleider.

Für russische Filme liefert der Verleih ausreichend und oft sogar zuviel Reklamematerial und die Filmtheater haben laut Vertrag nicht das Recht überflüssige und zu teure Reklame zurückzuweisen. Für alte deutsche Filme wird keine Reklame geliefert, nicht ein Plakat oder ein Foto oder ein Personenverzeichnis. Für Interzonen- und Ausländerfilme gibt es ebenfalls keine oder aber nur ganz wenig Reklamematerial.

Es gibt auch Wettbewerbe für die beste Propagierung russischer Filme. Neuerdings wird sogar ein Wettbewerb für die Filmtheater als "Kulturstätten" durchgeführt. Die Kontrollen der Theater, anders kann man die Besichtigungen anlässlich der erwähnten Wettbewerbe nicht bezeichnen, werden durch die Gewerkschaft und durch die Kulturämter durchgeführt und darüber werden Protokolle geschrieben. In den Protokollen wird seitens der Theaterleiter von den Schwierigkeiten der Materialbeschaffung gejammert, aber ein Erfolg wird damit nicht erzielt und die Lage der Kinos nicht verbessert. Die Beschaffung von Ersatzteilen ist außerordentlich schwierig. Für die Tonapparaturen gibt es keine Röhren oder aber nur solche, die minderwertig sind.

In den Theatern, auf den Toiletten und an den Außenfronten der Theater herrscht Finsternis und die Notausgänge sind unzulänglich beleuchtet. Manche Theaterleiter versuchen sich zu helfen. Sie besorgen sich für teures Westgeld Glühlampen und Ersatzteile. Manche Gemeinden drücken dabei ein Auge zu, selbst wenn die Wege solcher Beschaffung vor dem behördlichen Gewissen nicht ganz zu verantworten sind und manche Theater bekommen schon langsam wieder ein verjüngtes Aussehen. Doch mancher Theaterleiter stolperte über eine gar zu eifrige Sorge um sein Theater. Er musste sich wegen Schwarzhandel verantworten, zahlte die Mehrausgabe selbst und wurde dazu noch fristlos entlassen. Allgemein wird erreicht werden, dass auch der rührigste Theaterleiter vor dem Bürokratismus resigniert.

Ausreichende Beheizung der Filmtheater war bis zum vergangenen Winter noch nicht möglich. Man konnte niemand verübeln, dass er darauf verzichtete sich russische Filme anzusehen und dabei noch zu frieren.

Die Gemeinden durften ihre Kinos nicht lange behalten, denn sie durften keine eigenen Unternehmungen haben zu denen auch Straßenbahnen, Schlachthöfe, Stadtwerke, Baugenossenschaften usw. gehörten; sie durften also auch keine Kinos mehr besitzen. Darüber waren viele Gemeinden froh. Zunächst hielten sie die Kinos für "melkende Kühe". Die Einnahmen flossen in die Stadtkassen, oft reichten sie nicht für die Unkosten und Löhne und zum Schluss bekam der Verleih seine Leihmieten nicht. Dringendste Anschaffungen konnten nicht gemacht werden und mancher Bürgermeister runzelte bei der Pleite mit den Kinos seine Stirn. Es wurde ein neuer Weg gesucht, der für die Erhaltung der Filmtheater für den "fortschrittlichen" Film beschritten werden könnte. Die Kinos wurden in die KWU’s eingegliedert, das sind Kommunale Wirtschaftsunternehmungen. Zwar waren sie vorher "volkseigen", aber jetzt wurden sie "kommunal". Die Allgemeinheit konnte mit den Übernahmen in Volkseigentum oder, wie man das noch besser sagte, Überführung in die Hände des Volkes, nicht viel anfangen. Was es darunter verstand ging aus einer Erklärung eines Oberbürgermeisters hervor, dass die Stadt nicht in der Lage sei, nun etwa die Bürger umsonst ins Kino hineinzulassen.

In den KWU’s wurden die Kinos tatsächlich in einen Topf mit den Schlachthöfen, Straßenbahnen, Friedhöfen und Badeanstalten geworfen. Das geschah in der Absicht, Verluste mit Überschüssen auszugleichen und vor allem die Kinos in einem Wirtschaftssektor der DWK, der Deutschen Wirtschaftskommission zusammenzufassen. Das "Kommunale" hatte mit den Gemeinden wenig zu tun. Ein KWU-Direktor führte nun auch die Kinos und die Theaterleiter hatten sich von diesem die Anweisungen für die Theaterführung zu holen, ihm Rede und Antwort zu stehen. Wenn der Theaterleiter noch etwas Berufsehre hatte, musste er sich den kränkenden Umstand gefallen lassen, dass die anderen es besser wussten als er, wie man ein Theater zu führen hat.

Wir wissen es aber, das die Filmtheater überhaupt nicht mehr "geführt" sondern verwaltet wurden. Der Verleih bestimmte die Programmgestaltung und der Amtsschimmel die Verwaltung.

Für Schul- und Kindervorstellungen, für politische Aufklärung, für kulturelle Feiern und für Parteiveranstaltungen waren nur russische Filme grundsätzlich geeignet. An russischen Revolutionsfeiertagen, an Armeegedenktagen, zur Erinnerung an russische Dichter, Denker und Politiker mussten in den Filmtheatern russische Filme eingesetzt und ein Revolutions- oder "Lenin"-Film lief zum x-ten Male vor leeren Häusern. Russische Filme waren für Jugendliche zugelassen, hingegen die meisten deutsche Filme nicht. Diese Prädikate erteilte der russische Filmverleih. Er ließ sich auch von den deutschen Regierungsstellen seine Filme als künstlerisch hochstehend begutachten um Steuerermäßigung zu erzielen, für die deutschen Filme wurde das seltener in Anwendung gebracht.

Da ein großer Teil der Filmtheater im russischen Besitz waren, musste sich der schlechte Geschäftsgang auch auf diese auswirken. Alle Propagandaphrasen von der "kulturellen und fortschrittlichen" Bedeutung des russischen Filmes überzeugten nicht mehr. Man fand heraus, das Filme auch ein "Geschäft" sein müssen, wenn sich die Filmtheater erhalten sollen. Man suchte sich unter den vorhandenen deutschen Filmen weitere heraus, die auf die Spielpläne gebracht wurden. Es erschienen sogar solche Filme, deren Handlungsinhalt mit den gepredigten sozialistischen Lehren im krassen Widerspruch stand. Da wurde der frühere Film "Der Herr Senator" unter dem Titel "Die Jahre vergehen" gezeigt und mit diesem Film das Unternehmertum geradezu verherrlicht und dem strebsamen Kaufmann ein Loblieb gesungen. Weiter wurde der Film "Romantische Brautfahrt" hervorgeholt, dessen Stoff geradezu ein Hohn auf die "Bodenreform" erschien und in der Filmhandlung wimmelte es nur so von Grafen, Exzellenzen, betressten Lakaien und "gnädigen Frauen". In dem Film "Wiener Madin" marschierten die Deutschmeister und das Publikum stieg jubelnd auf die Kinosessel. Dann allerdings wurde dieser Film zurückgezogen und erschien nach einer Weile wieder etwas beschnitten. "Figaros Hochzeit" wurde aus den Weihnachtsterminierungen der Filmtheater herausgenommen und vorrangig nur den Sowexporttheatern zugewiesen; hinterher erst kam der Streit um den "gemordeten" Mozart.

Also musste der Film doch wieder erst ein "Geschäft" sein, damit auch die Sowexporttheater leben konnten und deren Kassen sich wieder füllten. Dabei, vielleicht sah man das ein, brauchte der Film auch nicht kulturfeindlich und unfortschrittlich zu sein.

Nach den vorangegangenen Ausführungen ersehen wir, was es mit der Sozialisierung auch der Filmtheater auf sich hat. Vielleicht können wir daraus eine Lehre ziehen: Der Film sollte nicht nur ein "Geschäft" sein, sondern auch als Kulturgut angesehen und behandelt werden, dann werden die freien Filmtheater auch ohne dass sie verstaatlicht werden müssten "volkseigen" sein. Die Filmtheater sollten darauf bedacht sein, den vielen Armen, Flüchtlingen und politischen Opfern einen Kinobesuch möglich zu machen und solche Bemühungen mit den Fürsorgestellen durchführen. Sie könnten im Winter in warmen Theatern der armen Bevölkerung einige Stunden Aufenthalt und dann auch noch eine Filmaufführung gönnen und sie würden sich dankbare Herzen erobern. Viele Menschen haben nicht den bescheidensten Platz, den sie als ihr Heim bezeichnen könnten und würden glücklich sein, sich irgendwo, und in diesem Falle in einem Filmtheater, wohl zu fühlen. Mit solchem Unterfangen würden die Kinos der verlogenen Propaganda vom "Sozialismus" und dem Verlangen nach Enteignung der Filmtheater wirksam entgegen arbeiten. Niemand weiß es mit Sicherheit, dass er nicht eines Tages vor ein gleiches Schicksal gestellt wird, wie die Kollegen der Ostzone. Die Theaterbesitzer können sehr viel tun, die Bemühungen des Staates und der echten Demokratie zu unterstützen. Sie können das noch mit freiem Willen und froh tun, denn sie können dankbar dafür sein, dass sie noch frei und unabhängig sind. Freiheit sollte nicht zum Egoismus werden und auch der Theaterbesitz sollte als anvertrautes Volksgut angesehen werden und die Treuhänderschaft darüber mit Sorge und Verantwortung getragen werden.

Alte Kinobesitzer, die noch in der Ostzone weilen, sprachen in internen Kreisen oft darüber, wie es einmal war und was sie heute anders machen würden, wenn sie wieder ihren Betrieb hätten.

Dr. Volkard Jung, Karlsruhe-Waldstadt

Erinnerung an Doctor Gualterius Uncus (Dr. Walter Haake) Kirchenmusikdirektor

Jürgen Sauer und ich waren schon zusammen in der Salztorschule und auch im Jungvolk im gleichen Jungzug. Martin Assmus, ehemaliger Vorsitzender des BaND, war erst unser Jungzugführer, später unser Fähnleinführer.

1944 wurden wir in die Sexta (damals erste Klasse) des Domgymnasiums aufgenommen. Walter Haake war damals noch im Felde (erst protzt er auf der Orgel, jetzt orgelte auf der Protze), er war wohl bei der Artillerie. Musikunterricht gab Vogler, genannt Ade, dann Polit. Haake kam früh aus der Kriegsgefangenschaft, es kann wohl 1946 gewesen sein. Er war Organist am Naumburger Dom und wurde sehr bald zum Kirchenmusikdirektor ernannt. Vor seiner Ernennung genossen wir schon den von reicher Bildung geprägten Musikunterricht bei ihm.

Was jetzt folgt, ist nicht unbedingt chronologisch zu sehen. Die Erinnerung kennt keine scharfen zeitlichen Grenzen. Als er sich uns vorstellte, schrieb er seinen Namen latinisiert an die Tafel: "Doctor Gualterius Uncus". Schließlich konnten wir ja schon alle Latein. Er nahm uns mit auf die Orgel, die damals noch auf dem Westlettner stand, die Pfeifen seitlich davon. Bei der 3manualigen Orgel zeigte er uns die verschiedenen Register und wie man Manuale untereinander und mit Registern koppeln konnte, spielte auch auf dem Pedalwerk. Welche Prachtentfaltung durch die verschieden Stimmen der Register! Jürgen Sauer durfte am Sonntag Register ziehen. Die Analogie zum Manualwerk der Orgel zeigte Haake uns an einem 2-manualigen Cembalo. Auch hier konnte man ja koppeln und Register ziehen z.B. den Lautenzug. Dann ging es weiter zum Clavichord mit seinem feinen zarten Klang – die Kerzen knisterten, die Hörer hielten den Atem an. In Erinnerung ist mir noch, wie wir um das Cembalo herumstanden und das Lied von Matthias Claudius "Wir pflügen und wir streuen den Samen auf das Land,.." in einer etwas schöneren Melodie als der gängigen (Lied EG 508) sangen. Es war wohl die Zeit des Erntedankfestes.

Als der Westchor des Domes mit den Stifterfiguren und der Westlettner von ihrer schützenden Ummauerung befreit waren (sie waren erst 1944 eingemauert worden), erklärte Haake uns den Westlettner und die Stifterfiguren. Daran erinnerte ich mich, als ich den Ausschnitt aus der Wiesbadener Zeitung las: "Alle meine Claviere" und weiter: "Ich ging die Wendeltreppe hinauf zur Orgel, es war meine Orgel, gespielt habe ich nicht mehr, nur die Tasten gestreichelt." Es war der Abschied vom Naumburger Dom und von Naumburg. Das war wohl einige Jahre später.

Doch auch in den Ostchor wurden wir geführt und durften auf den Pulten, von welchen die Mönche sangen, aus schweinsledernen Büchern, die Neumen bestaunen. Dabei verkrochen sich einige in eine Wendeltreppe im Turm, wurden aber später wieder gefunden. Bei anderer Gelegenheit zeigte uns Haake ein buntes Fenster, das aus vielen kleinen Bruchstücken zusammengesetzt war, wohl in der Taufkapelle.

Bei den Generalproben zu großen Chorwerken durften wir im Ostchor sitzen. Das waren die teuersten Plätze bei den Aufführungen. So wurde im Sommer 47 Bachs h-moll Messe gespielt und im Herbst 47 Brahms Deutsches Requiem einstudiert. Haake gab uns zuvor eine Einführung mit Klavierauszug. So erinnere ich mich doch noch an den Ausspruch: "An dieser Stelle, da zittern die Kirchenfenster." Es war wohl die Stelle: "Denn alles Volk ist wie Gras..." aus Jesaja.

Nicht unerwähnt bleiben dürfen die Aufführungen im Domhof zu Peter und Paul, kurz vor Ferienbeginn. Erich Eller (genannt Ellerhäschen) hatte mit uns ein Stück von Hans Sachs einstudiert, das z. T. im Himmel, als auch auf der Erden spielte. Der Himmel war das Dach des Kreuzganges, die Erde der Domhof. Dort saß auch das Orchester, das beim Einzug des Herrgotts eine Suite spielte, von Haake komponiert. Sie erinnerte dem Stile nach an Jean-Baptiste Lully. Auch wurde die Serenade "Im Walde zu singen" aufgeführt. Zum Schluß das Lied des Nachtwächters: "Hört ihr Herrn und laßt euch sagen...". Bongo, vormals Fahnenträger beim Jungvolk, kam aus einer Luke im Turm und sang den Solopart. Unten bei den Zuschauern saß auch Frau Dr. Bevelein, unsere Hausärztin. Sie hatte mich während einer Gelbsucht versorgt. Frau Dr. Bevelein strahlte die ganze Zeit Haake an. Naiv, wie ich war, glaubte ich, daß sie mich anlachte. (Ich hatte eine stumme Rolle auf dem Dache des Kreuzganges.)

Wenn ich später Hermann Hesses Glasperlenspiel las, dachte ich an den Musikunterricht, in dem Haake uns die Analogie eines barocken Parkes mit der Form einer Sonate erklärte. Auch glaube ich, daß er uns im Zuge des Cantus firmus die Spiegelung und den Krebs in einer Fuge beibrachte. Welche Fugen er als Vorbild nahm, weiß ich nicht mehr, es könnte Bachs Kunst der Fuge gewesen sein. Ist es doch eine ganz hohe Kunst, im Krebs eine Melodie gleichzeitig vorwärts und rückwärts laufen zu lassen. Ich glaube, Haake verdanke ich die Hinführung zu den alten Meistern, Schütz, Schein, Scheidt, zu den Bachen aber auch zu Telemann.

Nicht nur geistliche Werke wurden uns nahe gebracht, so z. B. auch Balladen von Karl Löwe vertont. Haake saß am Klavier und sang aus Edward: "Ich habe geschlagen mein Roß tot" bis "ich habe geschlagen meinen Vater tot, doch verflucht seid ihr, denn ihr rietet’s mir".

Nun wird es wieder geistlich: Johann Rudolph Ahles (EG 450) Melodie zu Knorr v. Rosenroths Lied Morgenglanz der Ewigkeit, Licht vom unerschöpftem Lichte, ... wurde uns von Haake nahegebracht. Zum Vortage des 1. Mai 1947 hatten wir Laternen gebastelt. Eine solche war mir, wie ich meinte, recht schön gelungen. Im dunklen Flure unserer Wohnung am Moritzplatz 1, wo uns unsere Großmutter Holtzendorff aufgenommen hatte, zündete ich die Laterne an und sang dazu dies überaus schöne Lied.

Es ist sicher vieles unbewußt geblieben, wozu uns Haake geführt hat. Manches habe ich sicher auch einfach vergessen. In dem Alter zwischen 10 und 14 Jahren sind Kinder sehr aufnahmefähig und auch prägsam. Ich glaube, daß uns Walter Haake ganz wesentlich geprägt hat. Für diese Prägung wollen wir ein sehr spätes Danke sagen.

Ilse Janda

Kriegstagebuch 1945/1946

Sonntag, d. 8.4.45

Von früh 1/2 5 Uhr bis 6 Uhr Gasalarm. Gaszug bei Bad Bibra getroffen. Gasrichtung unbestimmt.

Montag, d. 9.4.45

Von 1530-1830 Uhr Großalarm. Angriff auf die Stadtsparkasse, Salzstr., Wenzelkirche, Polizei, kl. Salzgasse, Neustr., Heereszeugamt. Göttingen und Eisenach fiel in Alliierte Hände. Arie [Ami?] schießen gehört.

Dienstag, d. 10.4.45

Den ganzen Tag Alarm. Straßenkämpfe bei Erfurt und Mühlhausen. Braunschweig und Meinigen ging verloren. Bombensplitter in unseren Hof.

Mittwoch, d. 11.4.45

Von 800 - 1200 Uhr Alarm, ohne Entwarnung. Bomben auf das Heereszeugamt (brannte), Lindenring, Friedhof, Gartenstr., Marienstr., Kanonierstr., Medlerstr., Weichau. Bei den 2 Angriffen 1000 Tote. Abend um 1830 Uhr Panzeralarm!!! Panzer in Bad Kösen. Diese Nacht im Keller geschlafen. Arie [Ami?] schießen gehört, sowie Sprengungen von Brücken u.a. die Eisenbahnbrücke zwischen Henne und Schellsitz. Wurst und Brot ohne Marken gekauft. Große Aufregung unter der Bevölkerung.

! Donnerstag, d. 12.4.45 !

Um 1600 Uhr kamen die ersten Panzerspähwagen auf den Marktplatz an. Der Oberbürgermeister übergab die Stadt ordnungsgemäß. Die Infantrie- Kaserne (Ad: Hitlerstr.) hißte die weiße Fahne. Die Wehrmacht wollte sich erst verteidigen. Weitere Panzer kamen von Almrich, wobei sich die N.P.E.A. verteidigte. 17 Panzer wurden von den Ammi’s (Amerikaner) abgeschossen, jedoch fielen 40 Jungens im Alter von 10-16 Jahr dabei. Aus dem Heeresverpflegungsamt wurden von der Zivilbevölkerung Lebensmittel unter Beaufsichtigung der Ammi’s rausgeholt. 12 Gesetze wurden gleich am Rathaus angeschlagen. Im Laufe des Spät-Nachmittags kamen immer mehr Panzer von allen Seiten.

Freitag, d. 13.3.45

Halle, Merseburg, Weißenfels, Jena, Saalfeld, Rudolstadt, Magdeburg ging verloren: Bei den Straßenkämpfen in Halle fiel Gauleiter Eggeling. Schußwaffen aller Art mußten abgegeben werden. Polizei, Parteimänner, Soldaten, Verwundete, die laufen konnten, kamen in die Hindenburgkaserne ins Gefangenenlager. Nbg. war eines der größten Gefangenenlager im Gau Halle-Merseburg. Wohnungen einiger Straßen wurden für die Ammi’s beschlagnahmt. Stendal im Norden ging verloren. Ausgehzeit von 700 - 2000 Uhr.

Sonnabend, d. 14.4.45

Zeitz, Tangermünde, Bitterfeld ging uns verloren.

Sonntag, d. 15.5.45

Ein Hitler-Junge und eine Frau haben je ein Ammi erschossen. Deshalb mußte von der Militärregierung eine Belagerungszeit angesetzt werden. Ausgehzeit für die Zivilbevölkerung von 800-1000 und 1600-1800 Uhr. Die für die Ammi’s arbeiten bekamen eine Armbinde (M.G. = Military Gouvernment) und (Police = Polizei). "Naumburg wurde nach schweren blutigen Straßenkämpfen genommen", wurde im Radio gesagt.

Montag, d. 16.4.45

Roosevelt gestorben!!! Ammi’s setzten ihre Fahne auf dem Rathaus auf halbmast. Bayreuth ist Festung. 10 km vor Chemnitz. Harte Kämpfe vor Leipzig. Potsdam (Berlin) das 1. Mal heftig von den Ammi’s bombardiert. Russen treten zu einer Großoffensive an. Erker [Erkner?] b. Berlin ging verloren.

Dienstag, d. 17.4.45

Belagerung aufgehoben. Ausgehzeit von 600-2000 Uhr. Ammi’s und Neger verteilten Schokolade, Zigaretten usw. Ausländer plünderten Wohnungen, Geschäfte, sowie Weinhandlungen.

Donnerstag, d. 19.4.45

Dr. Goebbel’s spricht von 2015 - 2200 Uhr (auf Schallplatte) (und Deutschland gewinnt doch !?). In Dessau, Köthen heftige Kämpfe.

Sonnabend, d. 21.4.45

Heftige Kämpe südlich und östlich von Berlin sowie Potsdam. Jüterborg und Fürstenwalde wird von den Russen bekämpft.

Sonnabend, d. 28.4.45

Heftige Kämpfe bei Dresden. Berliner Vororte: Tegel, Mittenau, Reinickendorf, Laukewitz, Osdorf wurden im Laufe des Tages genommen. Der Schlesische Bahnhof in Berlin fiel in russische Hände. Russische Truppen haben die Straße Berlin-Hamburg durchschnitten. Fürstenwalde und Guben gingen verloren. Großenhain b. Elsterwerda wurde von den Russen überrannt.

Montag, den 30.4.45

Adolf Hitler an der Reichskanzlei gefallen !?? Um 2200 Uhr nur diese Nachricht. Dönitz wird Nachfolger.

Freitag, d. 4.5.45

Berlin ging nach heftigen, blutigen Kämpfen mit Russen und Amerikaner, den Deutschen verloren.

Montag, d. 7.5.45

!!! Der Krieg in Europa ist zu Ende !!!

Am 7.5.45 um 241 Uhr morgens hat Deutschland bedingungslos kapituliert. Am 8.5.45, 1 Minute nach Mitternacht, haben alle Armeen den Befehl erhalten zur Einstellung des Feuers. Die Kapitulationsurkunde wurde unterzeichnet zu Reims Frankreich um 241 Uhr am 7. Mai.

Für das deutsche O.K.W. [Oberkommando der Wehrmacht] Generaloberst Gustav Jodl. Beglaubigt von: Für den Oberstkommandierenden der alliierten Streitkräfte: Smith, für das Sowjet-Oberkommando: Susloparoff, für Frankreich: Sevez. Generalfeldmarschall Keitel genehmigte die Unterzeichnung. Die Zeremonie (Feierlichkeit) war kurz. Goebbels starb durch Gift. Familie Herm. Göring im Versteck in Kitzbühel vorgefunden. Deutschlands Krieg dauerte 5 Jahre 8 Monate 6 Tage seit dem Überfall auf Polen am 1. Sept. 1939. Die Stadt und Festung Breslau wurde von Kommandant und 40.000 Mann den Russen übergeben. 6 Mill. Deutsche in Kriegsgefangenschaft.

So endete der feige Krieg in Deutschland!

Sonnabend, d. 12.5.45

Mit Wirkung vom 11.5. mittags wurden alle Verdunklungsvorschriften aufgehoben.

Dienstag, d. 15.5.45

Alle Personen, die im Besitz eines Passes (Ausweis) sind, dürfen 6 km um Nbg. zu jeder Ausgehzeit reisen. Ausgehzeit 530 Uhr - 2130 Uhr

Sonnabend, d.19.5.45

Auflösung der Nazi-Partei, z.B. H.J., N.S.V., N.S.D.A.P.; Gestapo usw. Zeitung erscheint in zwangsloser Folge. 1. Nbg. Tageblatt am 25.4.45.

Sonnabend, d. 26.5.45

Alle Einwohner Nbg’s dürfen ohne Passierschein aber mit Paß auch im Landkreis Weißenfels reisen. Neue Straßennamen z.B. Adolf-Hitler-Str. - Flemminger Weg usw. Gesetz Nr. 7 = Entfernung aller N.S.D.A.P.-Abzeichen. Das Geld: 100,- RM von 1935, 50,-RM von 1935, 20,- RM von 1929, 10,- RM von 1928, das gilt.

Sonnabend, d. 16.6.45

Der Oberbürgermeister gibt bekannt: "An die Militärregierung ergehen Anfragen darüber, wann dieses Gebiet von unseren russischen Alliierten besetzt wird. Es ist nicht nur kein Datum dafür angegeben, sondern z.Z. auch noch nicht amtlich bestätigt, daß irgend ein Wechsel der jetzigen Besatzungstruppe statt finden soll." 2 Millionen Kriegsgefangene kehren heim. Nur 660000 Mann bleiben in amerikanischer Kriegsgefangenschaft zur Arbeit. Adolf Hitler heiratet 2 Tage vor der Berliner Übergabe seine Sekretärin Eva Braun und ist auf der Reise nach Japan, behauptet der Russe Marschall Zhukow.

Mittwoch, d. 20.6.45

Alle deutschen Kriegsgefangenen die entlassen sind und noch Uniform tragen, müssen alle Partei- und Rangabzeichen entfernen, sonst werden sie wieder festgenommen. 1. Raucherkarte für Männer.

Sonnabend, d. 23.6.45

Ausgehzeit von 500-2100 Uhr wegen Plünderung verkürzt. Reichsaußenminister Joachim v. Rippentropp wurde am 12.6.45 vormittags 1000 Uhr im Hamburger Pensionat, wo er sich aufhielt und versteckte, von britischen Soldaten aufgefunden. Er lag noch im Bett als die Engländer kamen. Er hieß Rieß und ist 53 Jahre alt. Bei sich hatte er Brief die er an Churchill, Eden und Montgommery geschrieben hatte. Westwall wird Ackerland. Erste Bestimmtheit über den Tod Himmler’s, Reichsführer der SS. Häftige Kämpfe um Japan.

Sonnabend, den 30.6.45

Wiedererscheinung des Nbg Tageblattes wie früher. 50 Nbg Einwohner, darunter Ärztinnen, Pastoren usw. besuchten das K-Z-Lager Buchenwald. Zugverkehr nach Weißenfels über Teuchern (1 1/2 Std). Gefangenenlager Hindenburgkaserne aufgelöst von den Ammi’s.

!! Montag, den 2.7.45

Nach 8 Wöchigen Aufenthalt ziehen die Amerikanischen Truppen von hier nach Westen ab. Um 1200 Uhr mittags wurde die Stadt Naumburg von den Amerikanischen Stadtkommandanten Oberstleutnant Lorenzen dem neuen russischen Stadtkommandaten Oberstleutnant Jeremin übergeben. Große Aufregung wegen den Russen.

Dienstag, d. 3.7.45

Im Laufe des Tages kamen immer mehr Russen. Sie kamen meist zu Fuß, oder auf deutschen erbeuteten Pferdewagen und machten Musik. Die Russen waren sehr schmutzig im Gesicht und die Uniform, nur die Offiziere gingen sauber. Rote Fahnen kamen gleich auf das Rathaus, Gericht, Post, Bahnhof usw. und auch an viele Häuser. Manche Fahnen hatten einen Stern mit "Hammer und Sichel". In der Windmühlenstr. ist die Geschäftsstelle der K.P.D. und der Antifaschistischen Jugend, welche gegründet wurde.

Mittwoch, d. 4.7.45

Abend um 2245 Uhr ging in Almrich die Alarmsirene , weil Ausländer geplündert hatten, war dies das Zeichen, für die Russen, die dann schnell eingriffen. Auto’s bekamen eine rote Fahne über den Kühler. Polizei bekam eine rote Fahne mit der Aufschrift

Viele Leute haben ein rotes Bändchen im Knopfloch. Heeresverpflegungsamt wurde von den Ausländern geplündert. Sonderzuteilung pro Kopf 2 kg Zucker und 1/4 Pfund Reis, aus dem Heeresverpflegungsamt

Sonntag, d. 8.7.45

Im russisch-besetzten Gebiet, kann jeder reisen wohin er will ohne Passierschein nur mit Paß. Bei Verlangen nur Paß oder Kennkarte vorzeigen.

Donnerstag, d. 12.7.45

Kinoeröffnung, Farbfilm "Opfergang". Postverkehr im beschränkten Umfang wieder zugelassen. Neuer Oberpräsident von Halle-Merseburg, Zimmermann (früherer Landrat von Weißenfels) "Hessische Post" aufgehoben da 12 amerik. Armee. Ferner besetzen die Russen sofort die Städte: Schwerin, Magdeburg, Halle, Leipzig, Kassel, Weimar, Erfurt, Plauen. Amerika bietet Japan die Friedensbedingung an, Japan lehnt es ab.

Mittwoch, d. 18.7.45

In der Nacht vom 16. zum 17.7. 2400 Uhr sind alle Uhren um 1 Std vorzustellen, also auf 100 Uhr nach Moskauer Zeit. Kommunisten haben die 1. Versammlung in der Reichskrone (K.P.D.)

Sonnabend, d. 21.7.45

Aufruf der K.P.D. an das deutsche Volk.

Sonnabend, 28.7.45

Anläßlich des auf den Sportplatz auf der Saale-Straße stattfindenden Sportfestes des russischen Militär’s soll auf Anordnung des Stadtkommandaten Jeremin rot geflaggt werden. Auf den Sportplatz waren 60 rote lange Fahnen. Offiziere gingen ganz weiß, sogar weiße Handschuhe. Soldaten gingen, wie alltags, schmutzig. Ruskie’s schossen Leuchtkugeln (am Tag) aller Farben ab. Auch spielten die Russen gegen die deutschen N.B.C. Fußball. Die Deutschen gewannen 11:3. trotzt die Russen vorher treniert hatten. Habe mich zur Antifa gemeldet.!! Der Oberbürgermeister: Seit einiger Zeit laufen in der Stadt Gerüchte rum, daß die russischen Besatzungstruppen durch englische abgelöst werden sollen. Ich warne vor jeder weiter verbreitung.

Montag, d. 6.8.45

"Volkszeitung" Sonderausgabe von Halle erscheint in zwangsloser Folge. Das Dokument der Berliner Konferenz. Am 17.7.45 trafen sich der Präsident der U.S.A. Harry S. Truman, der Vorsitzende des Rates der Volkskommisare der U.d.S.S.R. Generalissimus J. W. Stalin, und Premierminister Großbritanien Winston S. Churchill, sowie Herr Clement R. Attlee auf der 3 Mächte beschickten Konferenz. Churchill abgesetzt, nach der Wahl in England - C.R. Attlee wird Führer der Arbeiterpartei. Schluß der Konferenz am 2.8.45.

 

Mittwoch, d. 8.8.45

Warnung: "Wiederholt ist der Stadtkommandant zu Nbg./S. durch falsche Gerüchte alarmiert wurden. Falls sich derartige unrichtige Meldungen wiederholen, wird die betreffende Person vom Stadtkommandant mit 500,- RM Geldstrafe belegt!" Wehrmachtsuniformteile dürfen nicht mehr getragen werden, befor sie nicht geändert und gefärbt sind. In der Nacht zum 8.8. hat Rußland, Japan den Krieg erklärt, mit Einvernehmen der anderen Mächte. Amerika schießt die neue "Atombombe" (von deutschen erfunden) nach Japan, die schwerste Zerstörungen anrichtet.

Donnerstag, d. 15.8.45 !!!

!!! Es ist wieder Friede auf der ganzen Erde !!! Der Krieg im fernen Osten ist zu Ende. Japan hat am 13.8.45 nachts 100 Uhr bedingungslos kapituliert und die Waffen gestreckt, nach 8 jähriger Kriegsdauer, 8 Tage nach der Kriegserklärung an Japan und der Atombombe, hat Japan das Feuer eingestellt. Der Kaiser. spricht des 1. X über den Tokioer Sender.

Sonnabend, d. 25.8.45

Alle Nazi-Wohnungen wurden beschlagnahmt. Näheres nächste Seite. Baldige Eröffnung der Schulen. Meldung der Lehrer die nicht in der Hitler-Partei waren.

Mittwoch, d. 29.8.45

Es wird wieder Gas zum Kochen abgegeben, und zwar in der Zeit von 1100 - 1400 Uhr. Ausmerzung der Nazi-Literatur.

Sonnabend, d. 1.9.45

Meldung von Berufsmusiker. Ab heute gehen jeden Abend 2-3 Sirenen, 10 Min vor 1100 Uhr (Ausgehzeit), damit die Leute auf schnellstem Wege nach Hause gehen sollen und in 10 Min nicht mehr die Straße passieren. In letzter Zeit sind noch viel Leute nach 1100 Uhr von der russischen Polizei angetroffen worden.

Dienstag, d. 11.9.45

Änderung der Postleitzahl. Der Regierungsbezirk Merseburg - bosherige Postleitzahl 10 - ist in das Postleitzahlgebiet 19 einbezogen. Also für Nbg. Postleitzahl 19. Ab 12.9. früh fährt wieder die Naumburger Straßenbahn seit 9.4.45. Ärztliche Untersuchung aller weiblichen Einwohner von Nbg./ S.

Sonntag, d. 16.9.45

Große Kundgebung der Antifaschistischen Jugend von Nbg. in der Reichskrone. Volkszeitung täglich. Alle früheren Angehörigen der deutschen Wehrmacht, von Leutnant aufwärts sowie Angehörige der SS, SA, Gestapo, N.S.D.A.P. haben sich in der Militärkommandantur im Hotel "Schwarzes Roß" zu melden.

Mittwoch, d. 19.9.45

Privater Telegrammwechsel in der gesamten sowjetischen Besatzungszone zugelassen.

Sonnabend, d. 22.9.45

Auf Anordnung des Herrn Stadtkommandanten ist eine Registrierung aller Männer von 15-60 Jahren und aller Frauen von 15-55 Jahren durchzuführen. Arbeitssuchende bekommen vom Arbeitsamt einen Schein zur Erlangen der Lebensmittelkarte 81. In der Nacht vom 22.9. zum 23.9. sind alle Uhren, nachts 2 Uhr auf eine Stunde zurückzustellen (deutsche Sommerzeit)

Montag, d. 24.9.45

Alle Uhren sind wieder auf 1 Stunde vorzustellen - Moskauer Zeit -. Die Uhr wurde ohne Befehl des Stadtkommandanten zurückgestellt. Als dann am 23.9. die Sirenen abends 11 Uhr 1 Std. eher ging, hat sich der Stadtkommandant Jeremin aufgeregt und ließ die Uhr gleich wieder richtig stellen. Die Reichsbahn hat deutsche Sommerzeit also 1 Std. zurück als die Stadt. Englische Truppen sind auf der Suche nach Hitler in Hamburg, da er evtl. vermutet wird, bisher vergeblich, schreibt die Volkszeitung von Halle.

Mittwoch, d. 10.10.45

Beschränkung des Reichsverkehrs. Nur Dringlichkeitsreisen mit Bescheinigung und Reisegenehmigung. Eröffnung der Schulen.

Dienstag, d. 23.10.45

Meldepflicht und Registrierung aller Medizin-Personen, z.B. Ärzte (innen), Schwestern, Hebammen usw. Rückkehr von Deutschen in die Westzone. Alle Evakuierten aus dem Westen müssen sich zwecks Rückführung bei den gemeldeten Obmännern melden.

Mittwoch, d. 24.10.45

Lebensmittelversorgung nach Gruppen ab 1. November, 82. Zuteilungsperiode. Befehl: Alle Ausländer: Russen, Italiener, Rumänen, Ungarn, Franzosen usw. haben sich am 25.10.45 800 Uhr mit sämtlichen Gepäck auf der Kommandantur zwecks weitere Überführung in ihre Heimat zu melden.

Sonnabend, d. 27.10.45

Kinopreise um 50% erhöht. Dr. Robert Ley, Reichsorganisationsleiter, hat sich in Nürnberg in seiner Zelle aufgehängt. Er hat sein Handtuch in Streifen gerissen und sie aneinander geknotet. So starb er den Tod.

Montag, d. 31.10.45

Unbenutzte Heiz- und Kochöfen müssen gemeldet werden. Der Naumburger Stadtkommandant Oberstleutnant Jeremin, ist zum Oberst ernannt.

Sonnabend, d. 3.11.45

Offiziere der früheren deutschen Wehrmacht von Leutnant aufwärts bis zum General sowie SS, SA, Gestapo usw. müssen sich wieder registrieren lassen.

Dienstag, d. 6.11.45

"Wir grüßen die Oktober-Revolution im Sinne einer kämpferischen Demokratie!" Aus Anlaß des Feiertages der russischen Oktoberrevolution, sollen alle Einwohner der Stadt reichlich flaggen auch mit unseren Stadtfarben weiß-rot. Es soll geflaggt werden vom 6.10. bis 10.10. Für den Monat November muß die Miete doppelt bezahlt werden, als einmalige Spende für Flüchtlinge.

Sonnabend, d. 10.11.45

Registrierung der Naumburger Bevölkerung ! Von jeder Person müssen 2 Personalfragebogen ausgefüllt werden. Meldepflichtig sind alle Personen vom 16. Lebensjahr an. Die Registrierung dauert vom 15.-30.11.45. Nach vollzogener Registrierung werden Lebensmittelkarten nur noch auf Grund dieser neuen Registrierkarte ausgegeben. 2. Raucherkarte für Männer ab 18 Jahre. Vollmilch nur noch an Kinder bis zu 2 Jahren. Magermilch nur noch an Kinder von 3.-6. Lebensjahr. Männliche Personen über 18 Jahre erhalten 1 Stk. Rasierseife.

Dienstag, d. 13.11.45

Auf den Abschnitt 1+2 der Raucherkarte, je 10 Zigaretten, also 20 Zigaretten dürfen abgegeben werden.

Donnerstag, d. 15.11.45

In ganz Deutschland wird eine Einheitszeit eingeführt und zwar werden die Uhren am 18.11. um 2 Uhr nachts eine Stunde zurückgestellt. So hat Deutschland die Mitteleuropäische Zeit wieder.

Donnerstag, d. 22.11.45

Gruppe G der Lebensmittelkarte 82. erhalten 200 gr. Pferdefleisch als Sonderzuteilung. Auf den Sonderabschnitt 10 der Lebensmittelk. gibt es an alle 3/4 lt. Magermilch. Schwer- und Schwerstarbeiter erhalten je 1 Ei. Abgabe von 3/4 Pfund Salz auf die Lebensmittelkarte. Neuer Jugendfilm der Antifa, auf den Lindenring 20a, ehemalige deutsche Bank.

Mittwoch, d. 28.11.45

Für den Aufruf der Hilfsaktion "Rettet die Kinder" werden freiwillige Spenden, an Winterkleidung und Geld entgegen genommen.

Freitag, d. 30.11.45

Befehl Nr. 66 ab 28. November hat der Oberstleutnant Nesterow Grigoriy Romanowitsch die Geschäfte des bisherigen Stadtkommandanten Oberst Jeremin übernommen. Jeremin ist dienstlich versetzt. Herausgabe des Jugendschutzgesetzes. Ende der Registrierung. Alle Registrierten erhalten eine Registrierkarte.

Sonnabend, d. 8.12.45

Verkauf von Spiritousen. 40%, 60,- RM je Liter, 40%, 43,80 RM je 0,7 Liter, 32%, 49,- RM je Liter, 32%, 35,80 RM je 0,7 Liter

Montag, 17.12.45

Meldung aller N.S.D.A.P. Mitglieder. Das Ausgehverbot der deutschen Bevölkerung von 2300-500 Uhr ist mit sofortiger Wirkung aufgehoben. Wiederbeginn der Geld-Lotterie.

Sonnabend, d. 22.12.45

Der 1.+2. Weihnachtsfeiertag 1945 sowie der Neujahrstag 1946 wird bezahlt. 20 Zigaretten auf die Raucherkarte.

Sonntag, d. 23.12.45

Alle Geschäfte sind heute geöffnet.

Montag, d. 24.12.45

Geschäfte vormittags auf. Feuersirenen "Alarm" um 2300 Uhr. Im "Roten Kreuz" gebrannt.

Montags, d. 31.12.45

Brand bei Weidners Steinweg 19 im Keller durch Holzwolle und durch einen Streichholz eines Jungen (H. Knaut).

1946

Freitag, d. 4.1.46

Naumburger Tageszeitung von dem Stadtkommandant beschlagnahmt.

Freitag, d. 18.1.46

Vom 20.-23.1.46 waren alle Gaststätten zu, Filmtheater geschlossen, Tanzverbot, da Lenin am 21.1.1924 für die Kommunistische Partei in Rußl. starb.

Mittwoch, d. 27.2.46

64 Straßen werden in Nbg. umbenannt.

Dienstag, d. 19.3.46

1. Versammlung der K.P.D. und S.P.D. im "Haus des Volkes". Seit 16.3. bin ich in der K.P.D. bezw. S.E.D.

Sonntag, d. 14.4.46

Die Uhr ist wieder auf 1 Std. vorgestellt worden. Normale Sommerzeit.

Dienstag, d. 2.4.46

Angehörige, der noch nicht zurückgekehrten Kriegsgefangenen müssen innerhalb 8 Tage dieß auf dem Rathaus Zimmer 15 melden.

Mittwoch, den 17.4.46

Ab heut erscheint nicht mehr die Volkszeitung aus Weißenfels, sondern die Freiheit, Tageszeitung der S.E.D.

Dienstag, d. 30.4.46

Heute, am Vorabend des 1. Mai veranstaltet die Jugend einen Fackelzug durch die Straßen von Nbg. Die F.D.J. trat um 2030 Uhr am Seminar an. Um 2100 Uhr ging es mit den Fackeln und Laternen los. An der Spitze ging der Spielmannszug der F.D.J. und an deren Spitze, als, als aller erster der Führer des Spielmannszuges und Parteigenosse Günter Nöding. Auch Schulen und Betriebe schlossen sich an. Um 2200 Uhr trafen sich alle auf dem Markt. Dort hielt der Genosse Burkhardt eine Rede. Danach marschierte alles auf den Holzmarkt, wo die Fackeln im Beisein der Feuerwehr auf den Markt geworfen wurden. Dann spielte der Spielmannszug noch etwas und anschließend um 2245 Uhr ging alles nach Haus.

Mittwoch, der 1.Mai 1946

Früh ab 600 Uhr in allen Straßen wecken durch den Spielmannszug. Um 10 Uhr versammelten sich alle wieder auf dem Markt. Um 900 Uhr wurde wieder am Seminar (Mittelschule) angetreten, auch Betriebe und die Partei. Dann ging es mit Musik, an der Spitze Günter, zum Markt. Von anderen Straßen kamen auch Betriebe. Um 1000 Uhr sprach der Sekretär der S.E.D. Genosse Burkhard, anschließend Genosse Dathe und Wallbrunn, auch Genossin Weltzin vom Frauenausschuß sprach. Dann marschierte die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (S.E.D.), Jugend und 2 Betriebe durch die Marienstr. - Fischstr. und Lindenring, dann trennten sie sich und die F.D.J. marschierte zum Jugendheim wo sie dann wegtraten. Nachmittag ab 1500 Uhr war überall geschlossener Tanz der einzelnen Betriebe. Zusammenschmelzung der K.P.D. und S.P.D. zur S.E.D.

Montag, den 6.5.46

Abend 2000 Uhr brannte ein Holzbalken im Dom.

Donnerstag, d. 9.5.46

Alle Personen vom 3. - 65. Lebensjahr werden 3x gegen Typhus geimpft im Abstand von 8 Tagen also am 9. 16. 23.5. Entweder Privat oder unentgeldlich öffentlich in Schulen usw. Vor 1.x in die Brust, das 2.x rechte Oberarm, das 3.x linke Oberarm.

Freitag, den 10.5.46

Alle ehemaligen Mitglieder der N.S.D.A.P., SA, SS usw. auch die keine Funktion hatten müssen bezw. die Angehörigen einen Fragebogen ausfüllen, worauf angegeben werden muß, Wohnungseinrichtungen, Geld auf der Bank, Hypotheken u. versch. der Nazi-Leute.

Magel, Eva (1933-56)

Nun zu meinen kleinen Erinnerungen

[Versteck]

Mit ca. 4 Jahren kam ich in den Kindergarten, der sich am Neuengüter befand. Ich ging überhaupt nicht gern in den Kindergarten. Mein Vater aber bestand darauf, dass ich ihn regelmäßig besuchte. Da es mir immer schwer gefallen ist, hatten wir uns, unser Pflichtjahrmädchen und ich, einen Plan ausgedacht. Ich versteckte mich unter einer Kiste, die uns als Vorratskiste für Brennholz diente. Immer wenn mein Vater sich aus unserem Laden, wir hatten eine Drogerie in der Michaelisstrasse, näherte, bin ich schnell darunter gekrochen. Aber der Spass währte nicht lange. Eines Tages entdeckte er mich. Er konnte aber absolut nicht ernst bleiben, denn die ängstlichen Augen brachten sein Herz zum schmelzen und schmunzeln.

In der Badewanne In der Badewanne

[Naumburger Original]

In der Schulstraße wohnte ein Original von Naumburg. Es war "Aschen-Richard". Die Kinder ärgerten ihn natürlich, indem wir seinen Spitznamen nachriefen. Jedoch hat er sie oft ohne Erfolg verfolgt. Auch bei uns am Geschäft fuhr er eines schönen Tages mit einem Handwagen vorbei. Ich dachte mir, jetzt kannst du ja auch einmal richtig laut rufen "Aschen-Richard!", denn ich hatte ja mein Zuhause hinter mir. So geschehen. Oh je, er verfolgte mich bis in den Laden hinein. Mein Vater stand gerade hinter dem Ladentisch und konnte sich schon denken was passiert war. Aber beide Männer haben nur darüber geschmunzelt und ein paar Worte ausgetauscht, weil ich so schrecklich Angst hatte. Sicher wäre es bei Harry Piel (wäscht die Beine in Persil) nicht so ausgegangen, denn er verfolgte die Kinder mit dem Stock und hätte auch die Kinder verhauen, wenn er sie überhaupt erwischt hätte. Er war zum Fürchten. Bei ihm war ich vorsichtig.

[Michaelis-Drogerie]

Übrigens gründeten meine Eltern 1927 in der Michaelisstraße die Drogerie, die sie trotz ständiger Bedrängnis ca. 1950 durch die HO weiterhin selbständig führen konnten. Mein Vater hatte sich mit Händen und Füßen gegen eine Kommission mit der HO gewehrt, und er hatte Erfolg. Für den Erhalt des Geschäftes haben meine Eltern gekämpft. Auch zum Wohle ihrer Kinder. An dieser Stelle spreche ich meinen Eltern Hochachtung und Dank aus. Bis weit über 70 Jahre führten sie die Drogerie bei noch recht guter Gesundheit. Leider kam keine Drogerie wieder in den Laden, was [...] besser gewesen wäre, denn nun mußten unsere treue Kundschaft weit in die Stadt laufen um Drogerieartikel zu kaufen.

Michaelis-Drogerie_k Geschaefts-Eroeffnung_k Die Miachelis-Drogerie

[Kinderschar]

Meine beste Freundin war Liesel, die in der Kösener Straße 2 wohnte. In diesem Haus waren sehr viele Flüchtlinge untergebracht. Alles Mütter, die ihre 4 bis 5 Kinder allein erziehen mußten, da die Männer noch in Gefangenschaft waren oder waren gar in Stalingrad gefallen. Die Kinder hatten sehr sehr wenig zu essen und hatten oft Heißhunger. Mein Vater ging oft über Land und konnte dort aus dem Geschäft vieles tauschen, so dass es uns noch relativ gut ging. Deshalb luden wir Liesel oft zum Essen ein.

Alfred_Hutzelmann_Geb.1925_k Eva_Hutzelmann_Geb.33_k Alfred (geb. 1925) und Eva Hutzelmann (geb. 1933)

In der Kösener Straße 2 konnten wir wunderschön im Hof spielen. Die Besitzerin des Hauses, Frau Kampff, hatte viel Verständnis für die vielen Kinder. Es waren 25 Kinder an der Zahl, die in dem Haus wohnten. Teilweise brachten sie natürlich auch noch Freunde und Freundinnen mit, so dass wir u. a. ganz toll Völkerball, Brandball, Versteckspiel, Blumenhaschen und dergleichen mehr spielen konnten. Diese Zeit möchte ich aus meiner Kindheit nicht missen. Sie war trotz der schweren Zeit wunderschön für uns. Auch Theater konnten wir in den riesigen Räumen prima spielen und es wurde den kleineren Kindern vorgeführt. Die Mütter waren von unserem Erfindergeist sehr erfreut.

Es muß einmal von Hochachtung gesprochen werden, denn in der riesigen Wohnung im 1. Stock von Liesel Königs Mutter, sie hatte 4 Kinder, waren noch Frau Kramer (Ehegatte war in Stalingard gefallen) mit 5 Kindern und die Familie Kähler mit 4 Kindern untergebracht. Frau König hat aber alles hervorragend gemeistert und es war immer eine Harmonie. Wir Kinder haben nie und nimmer einen Streit der Erwachsenen erlebt. Schulfreundinnen waren natürlich auch immer noch dabei. Wir haben wunderbar gespielt. Sonntags gingen wir dann größtenteils in die Moritzkirche (Pfarrer Wagner), denn Königs waren und sind sehr gläubige Menschen. Mit 10 Jahren kamen Liesel und ich zu den Jungmädeln. Hier kamen wir in die Spielschar von Eva Schäfer. Sie hat uns prima beschäftigt und hat viel mit uns unternommen. Wir mußten viel Kräuter sammeln, Fahnenappell und zu Anlässen marschieren, z. B. zum Sportfest ins Friesenheim usw., war natürlich damals sehr wichtig. Aber so gestriezt wie die Jungens wurden wir natürlich nicht.

Das Spielen in der Kösener Straße hatte ein Ende, denn die drei Familien siedelten nach dem Westen. Liesels Vater z. B. bekam nach seiner Entlassung aus der Gefangenschaft, eine Anstellung als Amtsrichter in Usingen. Dies war dann später auch meine Anlaufstelle als ich Naumburg verließ.

[Klavierstunde]

Ab 1943 ging ich in die Klavierstunde zu Fräulein Linde. Sie wohnte im 4. Stock des Cafe-Central (im CC). Hier gab es jedes Jahr vor der Weihnachtszeit ein Klaviernachmittag, wobei alle Schüler ihre Fortschritte den Mütter oder Geschwistern zeigen sollten. Einmal mußte ich Fräulein Linde zu ihrem Gesang begleiten, und zwar zu "Drei Könige wandern ins Morgenland, ein Sternlein führt sie zum Jordanstrand...". Na ja, ich fand, es klang schon ziemlich schrill. Aber natürlich konnte sie ja nicht mehr so eine Glockenstimme haben wie wir. Bei Ihr habe ich 4 Jahre Unterricht gehabt. Man sollte schon einmal wechseln, deshalb ging ich noch zwei Jahre zu dem Organisten Löbnitz Am Freien Blick. Liesel ging leider nicht zu Fräulein Linde in die Klavierstunde. Sie wurde von Fräulein Bamberg in der Lepsiusstr. unterrichtet. Aber trotzdem konnten wir oft zusammen vierhändig spielen. Das bot sich dann immer an, wenn wir ein Theaterstück aufführen wollten.

[Schulzeit]

Mit 6 Jahren wurde ich in der Schulstrasse in die Hans-Schemm-Schule eingeschult. Mein Bruder Alfred (er ist leider aus dem Krieg – noch im Januar 1945 – nicht wieder zurückgekehrt) nahm mich liebevoll an die Hand, was eigentlich auch damals für einen Jungen von 14/15 Jahren nicht so selbstverständlich war, und er begleitete mich erst in meine Schule, bis er seinen Weg zum Realgymnasium in der Weißenfelser Straße antrat.

Nach der 4. Klasse wurde ich in die Luisenschule in der Artilleriestraße eingeschult. Doch die Irrungen und Wirrungen des Krieges haben uns immer wieder in verschiedene Schulen gebracht. So waren wir kurz im Domgymnasium, wo heute die Generalstaatsanwaltschaft untergebracht ist, und zwar am Neuengüter. Von dort aus konnten wir, Liesel und ich, sehr gut bei Fliegeralarm nach Hause rennen. Es war immer sehr aufregend, aber ich war froh, dass ich bei meinen Lieben sein konnte. Mein Vater allerdings war beim Roten Kreuz und mußte sich bei Fliegeralarm immer in der Walter-Flex-Schule einfinden.

 

Lehrerkollegium Luisenschule 02 k Das Lehrerkollegium der Luisenschule 1949.
Hintere Reihe von links: Prof. Dr. Kraus, Studienrat Wedekind, Rektor Buchholz, Dr. Karl Schneider. Mittlere Reihe v. links: Studienräte Klein, Bielitz, Hansen, Feldwisch, Mair, Sauberzweig. Vordere Reihe: Studienräte Stiller, Dr. Kaufmann, Dietel, Dr. Wassermann, Dr. Burkhardt, Dr. Meyer, Rösle.
Karikaturen_Lehrerkollegium_1949_Luisenschule_k Unten: Schüler-Karikaturen des Kollegiums.

Nach 1945 kamen wir Mädchen dann in den Ostflügel, und die ganzen Jungen der Gymnasien in den Westflügel der "Napola". Das war das erst Mal, dass wir überhaupt gemischt in einem Gebäude waren. Allerdings nicht in den Klassen. Sogar auf dem Schulhof hieß es, dass die Jungen den oberen Teil des Schulhofes und die Mädchen den unteren Teil des Schulhofes benutzen sollten. Dabei ist es natürlich nicht geblieben. Alles rannte durcheinander. Später dann wurden wir, alle Jungen und Mädchen, aus der ehemaligen Napola verlegt, und zwar ein großer Teil ins Lyzeum der Artilleriestraße, die mittlerweile in Humboldtschule umbenannt wurde, und in die Schule der Seilergasse, was vorher einmal Berufschule war. Das Realgymnasium in der Weißenfelser Straße wurde dann Berufsschule. In die ehemalige Napola zog später die Volkspolizei.

Nunmehr wurden wir immer mehr an ein neues Regime herangeführt. Latein wurde z. B. abgeschafft und dafür wurde Russisch ersetzt. Es gab für jede Klasse eine FDJ-Stunde, die von einem Schüler der Oberprima gehalten werden mußte. Wir und auch dieser Oberprimaner nahmen die Sache überhaupt nicht ernst. Im Gegenteil. Er hieß Matuscheck, genannt Schecke. Ich gehörte sowieso zur Jungen Gemeinde, so daß ich mich schon aus Protest für die FDJ und dgl. nicht interessierte. Dr. Schwarz, unser Mathe-Lehrer, bei dem mir übrigens Mathematik sehr viel Spaß machte, nahm mir die Nadel (Kreuz mit Kreis) ab, und legte sie mir in die Hand. Er hatte mir bzw. uns empfohlen sie nicht zu tragen. Kurz darauf wurde sie doch wieder angesteckt. Später hatte man aber schon mit Repressalien zu rechnen.

[Hochwasser]

Eines schönen Tages ergossen sich Wassermassen vom Bürgergarten über den Salzberg in die Kanalstrasse. Zu diesem Zeitpunkt traf ich gerade Renate aus meiner Klasse. Sie war in der Stadt und schaute sich diese Strömung an. Sie kam dann noch mit zu mir, und seitdem sind wir bis heute sehr gute Freundinnen. Nach dieser Hochwasserkatastrophe sind wir bis zum Abschluß der Schule unzertrenntlich gewesen. Renates Elternhaus in der Kanonierstr. (Rosa-Luxemburg-Str.) wurde von den Russen besetzt, so dass sie es räumen mußten. Ihre Mutter und ihre Geschwister zogen in die Kösener Strasse in das Haus von Fräulein Bier; auch eine Lehrerin so wie Renates Mutter. Wie schön, denn nun hatten wir auch immer einen gemeinsamen Schulweg.

[Kinderspiel]

Wir [Renate und Eva] verbrachten viel Zeit bei uns in der Gartenlaube, wo wir bis zum Abwinken das Kartenspiel "Mauscheln" spielten. Aber nicht nur so, nein, es ging um Reichsmark. Zuerst wurde mit Papierschnippseln gespielt, die aber dann in harter Währung ausgezahlt wurden. Unser Nachbarsjunge, Hans, spielte mit sowie Werner, genannt Hirsche, der in unserem Haus so wie ich geboren wurde. Da er nur ein paar Monate älter war, wuchsen wir auf wie Geschwister, verbrachten die ganze Kindheit und Jugend miteinander und seine Eltern waren für mich Mammi und Papi so wie meine Eltern für ihn ebenfalls. Das Kartenspiel ging so lange, bis uns die Währungsreform einen Strich durch die Rechnung machte. Außerdem ließen die schulischen Leistungen nach, so dass ein Blauer Brief unvermeidbar war. Das Teufelsblatt wurde von unseren Eltern verbrannt.

Vor der Phase des Kartenspielens kamen viele Nachbarskinder zu uns zum Spielen. Wir machten Geländespiele, liefen Stelzen und schaukelten mit Abspringen. Je weiter desto besser.

Aber irgendwann kam die Zeit, dass meine Bewährungszeit von meinen Eltern aus vorbei sei, und ich solle mich nunmehr reiferen Dingen zuwenden. Sollte damenhaft werden.

[Jugendzeit]

Nach meiner Konfirmation ging ich dann in die Tanzstunde, die uns natürlich auch viel Unterhaltungsmöglichkeiten bot. Es war ein neuer Abschnitt in meinem Leben.

Ich ging zu Mathilde und Erich Döring in die Tanzstunde, außerdem wurden wir oft von der Tanzschullehrerin der Pfortaer Schüler, Frau Höltzer-Hallmann, nach Pforta eingeladen, die an Mädchenmangel litt, weil Schulpforta eine reines Jungeninternat war.

In Schulpforta wurden von den Schülern Theaterstücke aufgeführt, von denen Renate und ich total begeistert waren. Es waren "Antigone" und "König Ödipus". Die Hauptdarsteller waren die Gebrüder Kreysig. Wir waren ganz begeistert.

Luisenschule_1949_02_k Klassenfoto 1949. Hinten: Rosemarie Precht, Studienrätin Klein, A.-M. Jahnel, Inge Kleeberg, Karla Schleicher, Marianne Schmieschek, Renate Szikora, Helga Schröter. Mitte: Evchen Block, Hannelore Jahnke, Helga Soff, Renate Herfurth, Renate Scheibe, Dorle Schmidt, Marianne Schneider, Annemarie Dathe, Roswitha Meumann. Vorne: Eva Hutzelmann, Renate Mende, Erika Tietze, Edith Felske, Renate Ziemer, Gisela Beck, Anneliese Unzner, Annerose Wilhelm, Dorle Krygk, Karin Kurosch. (Es fehlt: Ruth Henze)
Freundinnen_Luisenschule_1949_k Freundinnen: Renate Herfurth, Helga Soff, Marianne Schmieschek, Renate Szikora, Anneliese Unzner, Annerose Wilhelm, Eva Hutzelmann, Dorle Kryk vor der Luisenschule.

Im Jahr 1949 hatten wir in unserer Klasse ein sehr trauriges Erlebnis, was uns sehr betroffen und traurig machte. Anneliese, eine hübsche und liebenswerte Schulfreundin und einzige Tochter der Familie Unzner, starb. Sie glaubt das Feuer im Herd sei aus gewesen. Sie wollte es mit Methanol wieder anfachen, denn Kohlenanzünder waren rar. Die Flammen schlugen zurück. Sie erlitt Verbrennungen 3. Grades. Sie hat noch viele Tage unter unsagbaren Schmerzen leiden müssen.

Nach dem Abschluss der Schule, erlernte ich in Jena den Beruf "Optikerin". Auch hier traf ich Schulfreunde von Naumburg wieder, die ebenfalls den Beruf des Optikers erlernen wollten. Ich hatte aber nach der Lehre in Jena überhaupt keine Möglichkeiten, auf die Ingenieurschule zu kommen, weil ich kein Arbeiter und Bauernkind war Deshalb beschloss ich, in den Westen zu gehen. Zunächst nach Usingen zu Liesel. Ich war 23 Jahre. Liesels Eltern hatten mir den Start im Westen sehr erleichtert. Zu meinem nächsten Besuch bei meinen Eltern, der schon Weihnachten war, meldete ich mich dann in Naumburg regulär ab und gab an, dass ich meinen Beruf in Wetzlar weiter ausüben möchte, worauf man mir antwortete: "Na, solche Elementen brauchen wir ooch nicht." Das war ein hartes Urteil, aber ich habe gewußt, wer es sagte!

Seite 4 von 11