Nachkriegszeit

Horst Kayser

Hilfspolizei gegen Plünderer

Naumburg. Die aus Richtung des oberen Linsenberges kommenden amerikanischen Fahrzeuge bogen wegen der Bombentrichter vor dem Erbsenweg rechtsseitig durch einen Garten, um dann wieder in Höhe Am Gerberstein auf den Linsenberg in Richtung Schönburg aufzufahren. An dieser Stelle lag auch eine getötete Person, an ihr fuhren die Panzer dicht vorbei.

Einschüsse an Häusern

Für uns gab es ein Problem, da wir im Hinterhaus wohnten und sich die Toiletten im Hof befanden. Wir vermieden es deshalb, uns auf dem Hof aufzuhalten, da unmittelbar die Amerikaner entlang fuhren. Bestand doch die Gefahr, dass geschossen wurde. Und dass auch geschossen wurde, zeigten zwei Einschüsse einige Häuser weiter. Vermutlich nahmen sie Widerstand an. Erst später kamen Bergungspanzer zum Einsatz. Zum Verfüllen der Trichter wurde alles Mögliche genommen. Gartenzäune, Trümmerschutt, aber auch der Koks vom Lagerplatz der Firma Siegel. Wir sahen auch zu, wie ein E-Karren in den Trichter geschoben wurde. Diese Fahrzeuge fuhren bei Alarm aus dem Heereszeugamt. Selbst unsere zirka zehn Meter hohe Birke wurde aus Platzgründen umgestoßen.

Kaugummi gesammelt

Als Kinder waren wir viel auf der Straße und sammelten Kaugummi, der uns entgegengeworfen wurde. Dabei sahen wir erstmals amerikanische Soldaten schwarzer Hautfarbe, auch welche mit Turban und Säbeln. Diese hatten es auf die Hühner im Nachbargrundstück abgesehen. Tagelang fuhren amerikanische Fahrzeuge Gegenstände und Sachen aus den Kasernen in die Trichter. Viele dieser Sachen wurden dann später von den einmarschierenden russischen Truppen wieder heraus geholt. Beim Zusehen gaben sie uns eine Handsirene, und sie hatten ihren Spaß, als wir daran drehten. Sehr zum Ärger der Anwohner, was auch nach den vorherigen Ereignissen verständlich war. Meiner Meinung nach waren die amerikanischen Soldaten recht human. Auf dem Gelände des Heeres-Verpflegungsamtes hatten sie ein Internierungslager eingerichtet. Ich befand mich auf dem

Weg zwischen Schönburger und Grochlitzer Straße, als eine Person am Zaun neben den Bahngleisen mir zuwinkte und zu verstehen gab, eine Decke zu bringen. Ich holte eine Decke, und obwohl ein Posten in der Nähe war, konnte ich die Decke durch den Zaun reichen.

Opfer zu beklagen

Noch heute, 60 Jahre danach, sehe ich diese Zeit genau noch so vor mir wie damals. Und ich stelle mir immer wieder die Frage: Musste die sinnlose Bombardierung kurz vor Einzug der amerikanischen Truppen noch sein? Wenn auch der Angriff dem Heereszeugamt galt, es lag völlig in Trümmern, so gab es

doch viele Opfer unter den Zivilbeschäftigten. Abgesehen von den materiellen Schäden, insbesondere im Gebiet zwischen Linsenberg und der Weichau.

Splittergraben getroffen

Jedes Mal, wenn ich zum Kaufland fahre und mein Blick auf das Gelände fällt, das von den Bomben zerstört wurde, habe ich die Ereignisse vor mir. Ich weiß nicht, wie viele Opfer bei der Bombardierung statistisch erfasst wurden. Gesehen habe ich aber mehrere Tote, vor allem im Bereich zwischen Kroppen-talstraße und Linsenberg, wo ein Splittergraben mit Zwangsarbeitern getroffen wurde.

Geburtstag gefeiert

Begeht man heute den Linsenberg, so ist davon kaum noch etwas zu sehen. Die geschädigten Häuser sind meist wieder aufgebaut, und auch sonst hat sich sehr viel bis zum Zuckerberg verändert. Vielleicht sei noch gesagt, dass wir und zwei bombengeschädigte Tanten mit Kindern im Verwaltungsgebäude des Heereszeugamtes eine Wohnung bekamen und für uns Kinder das Gelände als Spielplatz diente. Dabei sind wir als Kinder sehr fahrlässig mit kriegerischem Material umgegangen. Bekannt ist auch, dass von vielen Naumburgern das Arsenal zum Plündern genutzt wurde. Es kam dann eine Hilfspolizei zum Einsatz, zu erkennen durch eine rote Armbinde. Es sei noch erwähnt, dass das gerettete Baby von damals heute in einem Ortsteil von Naumburg wohnt und am 8. März inzwischen seinen 60. Geburtstag gefeiert hat.

Helmut Kitzmann

Kriegsende

Am 17. Januar 1945 verließen wir unsere Heimat im Warthegau. Es war höchste Zeit, denn die sowjetischen Truppen waren weit vorgedrungen, ein Spähtrupp kam schon auf Sichtweite heran. Ein Treck wurde zusammengestellt, und dann ging es über Breslau, Lieg-nitz, Görlitz, Pirna, Chemnitz in Richtung Westen. Unser Pferdewagen kam am 28. Februar in Schellsitz an. Unterwegs immer die bange Frage, werden wir eine neue Heimat finden, wo werden wir landen. Wir hatten sehr viel Glück, denn eigentlich sollte der Treck ja durch Dresden fahren, und das am 13. Februar - am Tag des verheerenden Bombenangriffs. Ein Zufall verhinderte das.

In Schellsitz bekamen wir von den örtlichen Behörden ein Zimmer zugewiesen. Unsere Familie bestand aus neun Personen, es war sehr eng, aber wir waren glücklich, unbeschadet diese weite Tour überlebt zu haben. Aber der unselige Krieg war ja noch nicht zu Ende. Der Einmarsch der amerikanischen Truppen stand bevor. Wird alles gut gehen? Ein Tag vor dem Einmarsch, am 11. April, bekam ich den Auftrag, in Grochlitz einzukaufen. Es war bereits Voralarm. Ich befand mich mit zwei weiteren Kunden im Laden von Bäcker Meier, als plötzlich Jagdbomber auftauchten. Wir rannten zwischen den Gärten in Richtung "Alter Felsenkeller", da fielen schon die ersten Bomben. Beim dritten Anflug schlugen die Bomben etwa 40 Meter von uns entfernt ein. Glücklicherweise erreichte ich, meine beiden Begleiter hatte ich verloren, den Stollen am Zuckerberg, der als Luftschutzbunker eingerichtet war. Dort konnte ich das Ende des Angriffs abwarten.

An nächsten Tag, 12. April, rückten die amerikanischen Truppen in Naumburg ein. Unsere Familie hielt sich vorsichtshalber im Keller auf. Es war aber ruhig, Kämpfe fanden nicht statt, und so begaben wir uns bald ins Freie. Wir sahen die amerikanischen Fahrzeuge auf der Straße oberhalb des Felsenkellers in Richtung Schönburg fahren. Nach Schellsitz kamen sie erst am 13. April. Erstmalig sahen wir "Amis", die besonders zu uns Kindern sehr freundlich waren.

An eine Begebenheit erinnere ich mich gern: Der Schellsitzer Fährkahn war plötzlich verschwunden. Zum Übersetzen gab es nur als Aushilfe einen kleineren Fischerkahn. Ich habe einige Tage den Fährmann "gespielt". Eines Tages standen 18 amerikanische Soldaten da, die unbedingt auf einmal übersetzen wollten. Es war nicht einfach, der Kahn lag tief im Wasser, aber ich habe es geschafft.

Erich Sojka

Unter den Türmen des Doms

Naumburg. Es war am 12. Mai 1945. Das "tausendjährige Reich des Feldherrn aller Zeiten" war endgültig zusammengebrochen. Die Spitzen der sowjetischen und amerikanischen Truppen hatten sich bei der Festung Torgau an der Elbe getroffen und den dort Eingekerkerten die Zellen geöffnet. Auf allen Straßen Deutschlands strömten Hunderttausende befreite Insassen der Konzentrationslager und Kriegsgefangene ihrer Heimat zu. Auf Lastwagen oder Bauernfuhrwerken fuhren sie in die Freiheit oder wanderten zunächst zu Fuß von Dorf zu Dorf in die Auffanglager. Auf dem Platz vor dem ehrwürdigen Dom in Naumburg bremste ein US-Militär-Lkw. Zwei stämmige Amis, ein Sergeant und ein Captain, sprangen ab und klappten die Rückwand herunter.

Die Insassen, eine Gruppe französischer und englischer Kriegsgefangener, erkenntlich an dem auf dem Rücken aufgemalten KGF, stiegen langsam vom Wagen, wie Menschen, die das Gehen verlernt hatten. Schweigend vertraten sie sich die Füße. Die Sonne dieser ersten Maitäge drang wohlig durch ihre abgetragenen Uniformen und in der Luft lag ein Hauch von eben aufgebrochenem Flieder. "Okay", sagte der Captain in der singenden Weise der Südstaatler, "ruht Euch einige Stunden aus, gegen Abend kommt Euch ein anderer Wagen aus Erfurt abholen." Dann warf er noch einen Karton mit Marschrationen vom Wagen, reicht jedem der Männer seine Pranke, dass die Gelenke knackten, und setzte sich neben den Fahrer. In wenigen Augenblicken hatte der Lkw gewendet und war wieder zurückgebraust, woher er gekommen war, nach Torgau an der Elbe. Die vier Türme des Domes sahen in eherner Ruhe auf die ungewohnten Gestalten herab, die sich bescheiden am Randstein niedergelassen hatte. Das hintere Turmpaar war gotisch mit spitzen Dächern, stellte Ewald, einer der Männer bei sich fest und dachte dankbar an seinen alten Professor Kretschmer zurück, der ihnen Kunstgeschichte eingepaukt hatte. Um den Dom war es still - nur hier und da flitzte ein Jeep mit amerikanischen Soldaten vorbei, ohne sie zu beachten. Von Zivilpersonen war weit und breit nichts zu sehen. Die Stadt lag wie ausgestorben. Ewald Schuster, ein deutscher Antifaschist, der den Krieg in französischer Uniform mitgemacht hatte, ließ seine Blicke hoch hinauf zu den Spitzen der Domtürme gleiten.

 

Im Lager Luckenwalde zum Tod verurteilt

Erich Sojka, Bauingenieur und Journalist in der Tschechoslowakei, deutscher Nationalität, wurde 1902 in Prag geboren. Er war mit Louis Fürnberg befreundet, musste nach dem Nazieinmarsch 1939 emigrieren und gelangte auf abenteuerlichem Weg über Afrika nach Frankreich. Dort meldete er sich als Freiwilliger in die Armee. 1940 geriet er in deutsche Gefangenschaft. Über vier Jahre war Sojka als Kriegsgefangener Nummer 74 172 im berüchtigten Lager Stalag III A in Luckenwalde. Wegen aktiver antifaschistischer Tätigkeit im Lager wurde er zum Tod verurteilt, konnte jedoch nach der historischen Begegnung US-amerikanischer und sowjetrussischer Truppen am 25. April 1945 an der Elbe aus der Festung Torgau befreit werden. Er starb 1977 als Schrift steller in Liberec/Reichenberg.

Von Manfred Schmidt

Löbitz.

Löbitz wurde am 12. April 1945 um 14 Uhr durch die Amerikaner befreit. Am Vorabend des 12. April verkündete die Propaganda im Rundfunk, dass Panzerspitzen im Raum Camburg durchgebrochen waren, die mit allem Verfügbarem aufzuhalten wären. Die Eisenbahnbrücke über die Saale wurde gesprengt. Die Wirklichkeit jedoch war, dass zwei Tage und Nachte eine gewaltige Übermacht an Panzern, Geschützen und Nachschub durch unseren Ort und die Flur rollten. Die Gefahr für den Ort und die Bevölkerung bestand darin, dass eine abgezogene Flakeinheit mit zwei Vierlingsgeschützen aus dem damaligen Hydrierwerk bei Zeitz vor unserem Ort westwärts zum Panzerbeschuss in Stellung gebracht werden sollte. Die Geschützstände wurden ein paar Tage vorher von uns Hitlerjungen sowie den Flaksoldaten ausgehoben und vorbereitet. Die Geschütze standen früh am 12. April 1945 auf dem Waggon im Bahnhof Osterfeld bereit. Nur durch die Besonnenheit meines Vaters Fritz Schmidt, der in Löbitz Bürgermeister war, in Verbindung mit einem Oberfeldwebel der Luftwaffe konnte verhindert werden, dass die Geschütze nicht zum Einsatz kamen. Der Ort wäre sonst in Schutt und Asche geschossen worden. Auf dem oben gezeigten Bild sind die Flakhelfer zu sehen, die vor Löbitz von den Amerikanern am 12. April 1945 gefangen genommen wurden.

Am Vortag mussten zwei große Rittergutswagen mit je 30 Dezitonnen Pflastersteinen beladen werden, die als Panzersperren dienen sollten. Sie wurden jedoch in unwegsames Gelände gerückt, so dass sie am 12. April 1945 nicht bereitgestellt werden konnten. Noch erwähnt werden muss, dass eine geschwächte Infanteriekompanie von etwa 30 Mann, die im Rittergut untergebracht war, zur Verteidigung des Ortes eingesetzt werden sollte. Hier gelang es dem damaligen Gutsbesitzer, den befehligenden Offizier von der Sinnlosigkeit der Verteidigung mit diesen schwachen Waffen und Soldaten zu überzeugen und den Ort kampflos zu übergeben. Im Dorf befanden sich zum damaligen Zeitpunkt doppelt so viele Flüchtlinge aus Ostpreußen, Schlesien, dem Rheinland sowie Berliner als Einwohner.

Vor dem Einmarsch der Amerikaner wurden die Einwohner von den Verantwortlichen aufgefordert, die weiße Fahne zu hissen und somit den Ort kampflos zu übergeben. Durch diese Taten war es möglich, die Einwohner vor Kriegsschäden und Verlusten an Menschen zu verschonen. Lediglich eine Feldscheune sowie ein Stallgebäude wurden in Brand geschossen. Nicht verschweigen darf man, dass diese mutigen Taten im Endkampf des Krieges gefährlich waren und sofort mit dem Tode durch Erschießen bestraft werden konnten.

Nach der Besetzung mussten wir für einige Tage die Häuser verlassen. Es wurde nichts weggenommen. Auf den Wiesen von Löbitz nach Pauscha übernachteten einige Einheiten. Sie hinterließen so viele Konserven, wovon wir uns tagelang versorgten. Noch am gleichen Tag mussten auf Befehl der Amerikaner sämtliche Granaten und Waffen, darunter Karabiner, MG, Jagdgewehre, Kleinkaliber sowie Luftgewehre abgegeben werden. Sie wurden am darauf folgenden Tag mit Benzin Übergossen und verbrannt. Der gesamte Angriff wurde durch ein Flugzeug der Amerikaner aus der Luft geleitet. Fast die gesamte Bevölkerung hatte sich selbst in die bewaldeten Schluchten um Löbitz evakuiert und für mehrere Tage mit Lebensmitteln versorgt, um einem Panzerbeschuss des Dorfes zu entfliehen.

Es war ja nicht klar, ob die Geschütze doch noch in letzter Minute zum Einsatz kommen würden und der Ort dadurch in Schutt und Asche geschossen worden wäre. Hinter dem Dorf nach Pauscha wurden in der Feldflur zwei deutsche Infanteristen erschossen. Sie wurden auf dem Friedhof in Löbitz begraben. In den ersten Apriltagen stürzte ein viermotoriger Bomber hinter Löbitz ab. Die Besatzung konnte sich zum Teil mit dem Fallschirm retten und wurde gefangen genommen. Des Weiteren würde ein deutsches Jagdflugzeug im Luftkampf bei Löbitz abgeschossen. Der Pilot kam ums Leben und wurde mit allen militärischen Ehren begraben. Als Denkmal wurde ihm ein Propellerteil des Flugzeuges aufgestellt.

Erich Sojka

Ewald Schuster, ein deutscher Antifaschist, der den Krieg in französischer Uniform mitgemacht hatte, ließ seine Blicke rundum gleiten bis hoch hinauf zu den Spitzen der Türme des Naumburger Doms. Es schien ihm wie ein Wunder. Noch vor wenigen Tagen hätte er nicht geglaubt, je lebend der Torgauer Todeszelle zu entkommen.

Und jetzt saß er blinzelnd im Sonnenlicht, zu Füßen dieses wunderbaren Bauwerkes, welches er seit seiner Studienzeit besichtigen wollte. Seine Kameraden, ebenso wie er zum Tode verurteilte Kriegsgefangene, hatten sich während der langen Monate der Haft einander angeschlossen. Sie verstanden sich, ohne viel zu sprechen. Jeder genoss die ersten Stunden der lange ersehnten Freiheit auf seine Weise. Collins, der wortkarge Bergmann aus Wales, rauchte mit Behagen die ersten "Cameis". Mc Croy, der ewig hungrige Seemann aus Irland, öffnete mit dem Klappmesser die Corned-beef-Konserven und Sergeant Twyman, der die kleine Gruppe nach Erfurt führen sollte, verteilte umsichtig harte Biscuits.

Die Franzosen zerstreuten sich in die umliegenden Häuser, um Wasser in ihre Feldflaschen zu füllen. Nur Rene, der immer lustige Kellner aus Bordeaux, hatte sich entfernt, um in irgendeinem Wirtshaus eine Flasche Wein aufzutreiben. "Die Fritzen müssen doch im Keller etwas aufgespart haben für den Sieg. Pour notre victoire natur-ellement", für unseren Sieg natürlich, hatte er schelmisch hinzugefügt. Ewald konnte in dieser Stunde keine Fröhlichkeit aufbringen. Zu lang und zu schwer war für ihn der Weg bis hierher gewesen. Aus dem hunderttürmigen Prag nach der Besetzung geflohen, war er über Asien und Afrika nach Frankreich zu seiner Armee gestoßen und an der Front mit seiner Kompanie in deutsche Gefangenschaft gefallen. Nach fünf harten Jahren hinter Stacheldraht und den letzten düsteren Monaten auf der Festung Torgau rastete er nun friedlich vor den Toren dieser altehrwürdigen Kirche, die ihn wehmütig an so manches Bauwerk seiner böhmischen Heimat erinnerte. Sein Freund Pierre Zollinger, der junge Architekt aus Straßburg, legte den Arm um ihn. Er verstand ihn ohne Worte. Zu viele schlaflose Nächste hindurch hatten sie sich ihre Schicksale erzählt. "Komm, Ewald, keine Rührung aufkommen lassen", sagte er, "jetzt wollen* wir uns als freie Menschen erst mal den Dom ansehen." Ewald sprang auf, seine Müdigkeit war wie weggeflogen. Die beiden Kameraden Umschriften die Kirche, die wie in tiefem Schlafe lag. Sie durchwanderten mehrere Male den schönen, alten Kreuzgang und rüttelten vergeblich an den verschlossenen Eichentüren. Der Dom lag da wie eine uneinnehmbare Festung. "Mensch, hier muss doch irgendwo ein Küster wohnen!", rief der praktische Elsässer und zog Ewald zu einem schräg gegenüber liegenden Hause, das etwas von der breiten Festigkeit des Domes abbekommen hafte. Sie läuteten.

Ein älterer Mann, dem man nicht die Not eines verlorenen Krieges anmerkte, öffnete den beiden mageren Gestalten, die ihren Ohren nicht trauten, als er sie geradezu ungehalten fragte, was sie wünschten, Kriegsgefangenen sei doch der Eintritt in den Dom nicht gestattet. Barsch erwiderte Ewald: "Es hat sich was verändert in Deutschland. Nehmen Sie die Schlüssel und sperren Sie uns den Dom auf. Wir werden schon nichts wegtragen." Verlegen, sich seiner Würde erinnernd, murmelte der beamtete Hüter etwas von "jahrelanger Gewohnheit" und fragte dann etwas sächselnd, ob sie denn eine Genehmigung von der Domverwaltung hätten. Da mischte sich Pierre in den Disput und klopfte unmissver-ständlich auf seine Pistolentasche, die er seit ihrer Befreiung als billiges Beutegut an der Seite trug.

Diese Sprache verstand der Brave. Er machte den Ansatz zu einer Verbeugung, nahm achselzuckend einen Schlüsselbund vom Nagel und schritt den beiden voran. Ewald lächelte in sich hinein. Zum ersten Mal hatten sie ihre Waffen benutzt, wenn auch nur, um einen deutschen Dom zu besichtigen!

 

 

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