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Erich Sojka

Unter den Türmen des Doms

Naumburg. Es war am 12. Mai 1945. Das "tausendjährige Reich des Feldherrn aller Zeiten" war endgültig zusammengebrochen. Die Spitzen der sowjetischen und amerikanischen Truppen hatten sich bei der Festung Torgau an der Elbe getroffen und den dort Eingekerkerten die Zellen geöffnet. Auf allen Straßen Deutschlands strömten Hunderttausende befreite Insassen der Konzentrationslager und Kriegsgefangene ihrer Heimat zu. Auf Lastwagen oder Bauernfuhrwerken fuhren sie in die Freiheit oder wanderten zunächst zu Fuß von Dorf zu Dorf in die Auffanglager. Auf dem Platz vor dem ehrwürdigen Dom in Naumburg bremste ein US-Militär-Lkw. Zwei stämmige Amis, ein Sergeant und ein Captain, sprangen ab und klappten die Rückwand herunter.

Die Insassen, eine Gruppe französischer und englischer Kriegsgefangener, erkenntlich an dem auf dem Rücken aufgemalten KGF, stiegen langsam vom Wagen, wie Menschen, die das Gehen verlernt hatten. Schweigend vertraten sie sich die Füße. Die Sonne dieser ersten Maitäge drang wohlig durch ihre abgetragenen Uniformen und in der Luft lag ein Hauch von eben aufgebrochenem Flieder. "Okay", sagte der Captain in der singenden Weise der Südstaatler, "ruht Euch einige Stunden aus, gegen Abend kommt Euch ein anderer Wagen aus Erfurt abholen." Dann warf er noch einen Karton mit Marschrationen vom Wagen, reicht jedem der Männer seine Pranke, dass die Gelenke knackten, und setzte sich neben den Fahrer. In wenigen Augenblicken hatte der Lkw gewendet und war wieder zurückgebraust, woher er gekommen war, nach Torgau an der Elbe. Die vier Türme des Domes sahen in eherner Ruhe auf die ungewohnten Gestalten herab, die sich bescheiden am Randstein niedergelassen hatte. Das hintere Turmpaar war gotisch mit spitzen Dächern, stellte Ewald, einer der Männer bei sich fest und dachte dankbar an seinen alten Professor Kretschmer zurück, der ihnen Kunstgeschichte eingepaukt hatte. Um den Dom war es still - nur hier und da flitzte ein Jeep mit amerikanischen Soldaten vorbei, ohne sie zu beachten. Von Zivilpersonen war weit und breit nichts zu sehen. Die Stadt lag wie ausgestorben. Ewald Schuster, ein deutscher Antifaschist, der den Krieg in französischer Uniform mitgemacht hatte, ließ seine Blicke hoch hinauf zu den Spitzen der Domtürme gleiten.

 

Im Lager Luckenwalde zum Tod verurteilt

Erich Sojka, Bauingenieur und Journalist in der Tschechoslowakei, deutscher Nationalität, wurde 1902 in Prag geboren. Er war mit Louis Fürnberg befreundet, musste nach dem Nazieinmarsch 1939 emigrieren und gelangte auf abenteuerlichem Weg über Afrika nach Frankreich. Dort meldete er sich als Freiwilliger in die Armee. 1940 geriet er in deutsche Gefangenschaft. Über vier Jahre war Sojka als Kriegsgefangener Nummer 74 172 im berüchtigten Lager Stalag III A in Luckenwalde. Wegen aktiver antifaschistischer Tätigkeit im Lager wurde er zum Tod verurteilt, konnte jedoch nach der historischen Begegnung US-amerikanischer und sowjetrussischer Truppen am 25. April 1945 an der Elbe aus der Festung Torgau befreit werden. Er starb 1977 als Schrift steller in Liberec/Reichenberg.