Newsflash

Aufgrund der aktuellen Entwicklungen bleiben alle unsere Häuser – zu unserem größten Bedauern – bis auf Weiteres geschlossen.

Ellen Bauer, Herscheid (1947)

Meine Hochzeit

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Mein zukünftiger Ehemann wurde Anfang November 1947 aus französischer Gefangenschaft entlassen und konnte in unsere Heimatstadt Naumburg zurückkehren. Beide bewohnten wir in der Freyburger Straße 7 ein Zimmer mit Küchen- und Badbenutzung, vom Wohnungsamt stand uns nicht mehr zu.

Wohnungseigentümerin Frau Ruth Reschke bewohnte in gleicher Wohnung auch nur ein Zimmer. Kein Mann war weder im Besitz von Kleidung noch eines Anzuges. Als Heimkehrer erhielt er von der Stadt einen Bezugschein für 3 Taschentücher und ein Tafeltuch zum Preis von 27 Mark und damit konnte er sich nicht bekleiden. Ich hatte das Glück, den Frack meines Tanzlehrers Beck für ihn auszuleihen. Brautkleid und Schleier bekam ich von Frau Maleske, Mühlgasse 12 ausgeliehen. Beim Goldschmied Reißmann haben wir \"Eiserne Ringe\" erworben, die hatten beizeiten ihr Aussehen verloren. Mein Brautstrauß bestand aus 5 Maiblumen und Ziergrün, er kostete 30 Mark und war durch gute Beziehung zu bekommen. Für die Fahrt einer einspännigen Pferdekutsche zur Othmarskirche und zum Fotograf Eisenhardt am Lindenring mußten wir 30 Mark bezahlen und für den lahmen Gaul 30 Pfund Hafer besorgen. Eine Flasche Schnaps haben wir für 150 Mark auf dem Schwarzmarkt erstanden.

Der Wochenlohn meines Mannes bei der Glaserei Meitz in der Michaelisstraße betrug 41,97 Mark. Mit meinen Ersparnisse konnte ich die Ausgaben für unsere Hochzeit begleichen. Einen Raum gut zu beheizen war nicht möglich, Rohkohle bekam man zugeteilt und gab kaum Wärme ab. Für die Kuchen verbrauchten wir die Zuteilungen unserer Lebensmittelkarten des ganzen Monats Februar 1948 wie Zucker, wenig Marmelade, auf die Brotmarken wurde Mehl gekauft, und das wurde an Gewicht gekürzt. Meine Mutter spendierte für zwei kleine Kuchen je ein Glas Stachel- und Johannesbeeren. Von rohen geriebenen Kartoffeln mit wenig Mehl gemischt und Süßstoff entstanden zwei Kuchen in Kastenformen. Sie wurden mit etwas Marmelade gefüllt und schmeckten in der damaligen Hungerszeit köstlich. Auf unsere Fleischmarkenzuteilung gab es zu gegebener Zeit nur ein paar Salzheringe und die verwendeten wir mit unseren wenigen Kartoffeln zu einem Kartoffelsalat für das Abendessen. Um unsere Gäste unterbringen zu können räumten wir unsere Habseligkeiten aus dem von uns bewohntem Zimmer (Bett, Kleiderschrank, Vertiko, Hocker und einen großer Karton, der uns als Tisch diente). Wohnungsinhaberin Frau Reschke stellte uns ihren großen Küchentisch, Stühle und Geschirr zur Verfügung. Am Vormittag des 7. Februar 1948 fand unsere standesamtliche Trauung im Rathaus und am Nachmittag die kirchliche in der Othmarskirche statt. Eine Cousine meinerseits, sie war Opernsängerin in Magdeburg, überraschte uns in der Kirche mit ihrem Gesang \"Ave Maria\". Pfarrer Lange vollzog die Trauung, ohne jegliche Einladung erschien er zur Kaffeezeit und ließ es sich schmecken. (Er sah recht gut ernährt aus.)

An Geschenken erhielten wir von meiner Mutter eine Waschrumpel, von meinem Bruder einen kleinen weißen Teller, von der Brautkleidausleiherin eine Flasche Schnaps und eine Holzdose, von einer Tante 6 Meißner-Kompott-Teller, leider ist nach Verlassen aus der DDR im März 1957 nur einer in meinem Besitz, eine Holzfigur (Frau mit Tragekorb), von ehemaligen Kollegen meinerseits Kerzenleuchter aus Holz, von der Bäckersfrau Freytag, Salzstraße. einen Topf mit einer Galablüte und dazu bemerkte sie: wir könnten diesen eintauschen gegen einen Kochtopf, einen solchen konnte man weder eintauschen noch kaufen. Meine Großmutter schenkte uns 3 handgewebte und noch neue, zwar vergilbte Damast-Handtücher, diese hatte sie zu ihrer Hochzeit am 13.6.1897 bekommen. Mit der Hochzeitsfeier hatte unsere Ernährung ein Ende. Ich klagte einer Tante, Käthe Götte, wohnhaft hinter der Othmarskirche mein Leid. Sie beschenkte mich mit je einer Tüte Möhren und Kartoffeln, und das reichte für einige Mittagessen. In das kochende Wasser wurde eine fein geriebene Kartoffel gegeben und mit Salzbergpaste von Kaffee-Hoffmann schmackhaft gewürzt. Nachtragen möchte ich noch unseren Polterabend : Beschäftigte der Glaserei Meitz schütteten einen vollbeladenen Handwagen Glasscherben vor die Haustür. Mit viel Mühe hat sie mein Mann außerhalb der Stadt entsorgt. Heute leben wir im Überfluß, und keiner der Nachkommen kann sich in solch eine große Hungersnot versetzen!