Newsflash

Geschafft! Seit Juni sind Stadtmuseum Hohe Lilie, Romanisches Haus Bad Kösen (mit Käthe-Kruse-Sammlung) und Max-Klinger-Haus in Großjena wieder geöffnet. Die Hygieneregeln gelten weiterhin (med. Masken, AHA-Regeln).

Volkert Hansen, Naumburg (1945)

Die Amerikaner kommen!

[Die folgenden anrührenden Schilderungen entnehmen wir einigen losen Blättern, die uns Frau Helga Rammelt, Naumburg, zur Verfügung gestellt hat. Sie stammen aus dem Nachlaß ihres Bruders, der 1945, als zwölfjähriger Junge, niederschrieb, wie er das Ende des Krieges erlebte. Leider sind die Aufzeichnungen nicht vollständig erhalten.]

Dann kam zu unserm Jungzug der Hauptjungzugführer Melzer. Er sagte: "Jungzug 3 stillgestanden! Rechts um, im Gleichschritt marsch!" Wir marschierten bis zur "Erholung". Dort sagte er: "Abteilung halt, rechts um, rührt euch!" Dann fuhr er fort: "Am Sonntag ist Jugendfilmstunde. Es wird der Film ‘reitet für Deutschland' gespielt. Wer 20 Pfennig mithat, kann gleich eine Karte kriegen." Etwa 5 Mann meldeten sich. Alle 5 bekamen eine Karte. Zu mir sagte er: "Du wohnst neben mir, du kannst mir das Geld zu anderer Zeit geben." Ich bekam gleich eine Karte und steckte sie in die Ausweismappe. Ich freute mich sehr. Dann sagte der Hauptjungzugführer: "Ich will euch jetzt die Ausweise überreichen." Er griff in eine Ledertasche und holte einen Stoß Ausweise heraus. Er rief jetzt einen Kameraden auf, noch einen. Vor mir kamen 10 Mann vor. Endlich, nach langem Warten, kam ich dran. Er rief: "Volkert Hansen!" Mit einem Satz war ich vorne. Er überreichte mir den Ausweis mit den Worten: "Sauber halten!" Ich machte eine Kehrtwendung und trat ein. Wir warteten noch 10 Minuten. Dann sagte der Hauptjungzugführer: "Jungzug 3 fertig. Jungzug 3 stillgestanden! Nach hinten weggetreten". Ein freudiges "Hurra" war der Widerruf. Freudig über alles, rannte ich nach Hause.

12 Jahre! 4. Erlebnis. Den 12. April 1945
Eindringen der Amerikaner in Naumburg.
Am Abend des 11. April 1945 gegen 5 Uhr gab es Fliegeralarm. Es war Tieffliegerangriff. Mitten im Angriff gab es Vorentwarnung – es schoß noch ein Flieger. Da sagte ich: "Das kann nicht stimmen." Nun hatte ich aber schon früher mal von meiner Mutter gehört, dass wenn feindliche Panzer vor Naumburg sind, die Sirene 5 Minuten lang in hohem, gleichmäßigem Ton gehen solle. Jetzt hatte die Sirene schon 1 Minute lang Entwarnung gegeben. Immer länger – endlich, nach 5 Minuten, ging die Sirene herunter. Ein Gemurmel ging von Mund zu Mund: "Panzeralarm!" Die Familie Reißbrodt schlief im Keller. Wir dagegen dachten uns: "So schlimm wird es wohl nicht kommen!" Daher schliefen wir oben. Die Nacht verlief ruhig. Aber am 12. April sollte es dann passieren. Ich wachte gegen 6 Uhr auf. Alles ruhig. Dann schlief ich bis 8 Uhr. Voralarm! 8:15 Uhr: Vollalarm. Meine Mutter war gegen 7 Uhr gegangen, um ein Brot zu kaufen. Da hatte sie unser Nachbar Reinsberger angehalten und sagte: "Naumburg wird Festung, gehen sie lieber in die Luisenschule, in den Keller, der hat Eisenträger. Naumburg wird einem Bombardement ausgesetzt. Wenn mit schwerer Artillerie hereingeschossen wird, hält der Keller stand. Dabei wird sich auch die alliierte Luftwaffe einsetzen." Meine Mutter teilte uns das mit. Darauf liefen wir schnell in den Keller. Auf dem Weg sahen wir einen Tiefflieger. Es verlief bis 12 Uhr alles ruhig, außer einem Bomberverband, der sehr laut hier rüber brummte. 12:30 Uhr ging ich heraus und horchte. Es war nichts zu hören. Nur in der Ferne Kanonendonner und Maschinengewehrfeuer. Ich ging beruhigt wieder herunter. Wir hatten seit heute früh nichts gegessen. Daher hatte ich mächtigen Hunger. Ich bekam von einem Soldaten ein dickes Stück Brot mit dick Fleisch. Meine Mutter rannte zu uns hinüber, um was zu essen zu holen. Nach einer halben Stunde kam sie wieder. Auch von dieser Ration aß ich genug. Der Stabsarzt vom Lazarett sagte, dass um 10 Uhr hier die ersten Panzer eingerückt seien. Gegen 14:30 hieß es dann, wir sollten uns ruhig hinsetzen, Naumburg sei zur freien Stadt erklärt worden, das heißt Naumburg verteidigt sich nicht und gleich kämen hierher die Panzer, Naumburg sei besetzt und die Panzer täten uns nichts. Dann wurden wir gezählt. Gegen 15:00 Uhr kam der Stabsarzt nochmal und sagte, die Zivilbevölkerung solle nach Hause gehen. Glücklich nahmen wir alles zusammen und begaben uns nach Hause. Dort ließ ich meine Sachen und rannte zur Hindenburgstraße, um mir die Panzer anzusehen. Als ich dort angekommen war, sah ich die ersten amerikanischen Panzer. Darauf saß Infantrie mit ihren runden Stahlhelmen. Sie verteilte Schokolade an die Kinder. Es ist doch so: Vereinigung zwischen Soldaten und Kindern. Am ersten Tag waren die Soldaten sehr streng. So verlief glücklich der erste Tag.

12 Jahre! 5. Erlebnis. 16. April 1945
Freundschaft mit einem Amerikaner.
Am Dienstag, dem 16. April 1945 abends gegen 19:00 Uhr stand ich bei Kühns vorm Haus bei einem amerikanischen Polizeiposten. Dieser ging immer auf und ab. Endlich fiel sein Blick auf mich. Ich hatte mein HJ-Koppelschloß um. Er trat an mich heran, sein Blick blieb am Koppelschloß haften. Darauf ließ er den Kopf bedenklich schief hängen und ging weiter. Nach 5 Minuten fragte ich ihn: "Syr, hew yu for mi bittl of Schoklid?"
[...?]
Nach einiger Zeit kam ich nach dem Küchenauto. Darin lag Bohnenkaffee, Schokolade, Zigaretten, Kaugummi und Keks. Noch andere schöne Sachen lagen darin. Der Verteiler verteilte an die Soldaten, was sie haben wollten. Als ich wieder an das Auto ging, in dem die Gewehre lagen, stiegen da 3 Soldaten hinten ein und fuhren ab. Ich ging fröhlich nach Hause. O, wie freute ich mich!

12 Jahre! 8. Erlebnis. 21.4.45
Zukucken beim Autoverkehr.
Am Sonnabend, dem 21.4.45 ging ich zur Vogelwiese, um mir dort den Verkehr anzusehen. Ich stellte mich auf die Vogelwiese und beschaute mir jedes Auto. Zuerst kam da eine Lastwagenkolonne. Jedes Auto wurde von einem Neger gelenkt. Sie beförderten Kisten. Trotz der schweren Last hatten sie eine sehr hohe Geschwindigkeit. Nach dieser kam ein Sanitätsauto. Es hatte links und rechts und hinten ein rotes Kreuz. Auch dieses fuhr sehr schnell. Zuletzt kam noch eine kleine Autokarre, hierhinein konnten 4 Mann. Darin saßen 3 Offiziere. Der eine fragte den Militärposten: "Wimar?" Nun beschrieb dieser die Fahrtrichtung. Bei der Abfahrt grüßte der Posten zackig mit der Hand. Mit einem Tritt auf den Fußhebel raste das Auto davon. Diese kleinen Autos können bei einem Tritt die schnellste Geschwindigkeit erreichen und bei einem Tritt sofort halten. Mittlerweile war es 6 Uhr geworden. Ich stand immer noch da und guckte. Erst gegen 20 Uhr ging ich nach Hause. Ich freute mich schon auf den Sonntag.

12 Jahre! 9. Erlebnis. 27.4.54
Ein amerikanischer Stahlhelm
Ich stand am Freitag, dem 27.4.45 an der Post. Der Militärposten ging auf und ab. Auf einmal kamen 2 Jungen angerannt mit einem Stahlhelm. Sie sagten: "Dieser Stahlhelm ist vom Auto gefallen!" Sie meldeten es der Militärpolizei und gaben ihn ihm. Dieser legte ihn auf die Bordkante. Danach ging ich nach Hause. Als ich wiederkam, war der Stahlhelm noch da. Aber plötzlich kam ein Gewitter auf. Es regnete ganz dicke Tropfen. Ich ging daher unter einen Baum. Aber unter diesem Baum stand ein ungefähr 1,50 m hoher Briefkasten. Ich machte die Tür auf und setze mich hinein. Mitten im Gewitter rannte ich heraus. Durch und durch naß kam ich an der Post an. Als der Regen nachgelassen hatte, ging ich nach Hause. Gegen 19:30 Uhr kam ich wieder. Da lag der Stahlhelm immer noch. Als dann das Militärpolizeiauto die Wache abholte, rief ich: "Der Helm!" Ich rannte hin. Sie sagten: "Yu heww im!" Dann holte ich ihn herbei. Sie sagten: "Geh nach Hause!" In dem Helm lag noch ein Buch drin, in amerikanischer Schrift. Das Auto fuhr ab. Mit Helm, Buch und zwei Stück Schokolade, die mir ein Amerikaner geschenkt hatte, rannte ich nach Hause. O, wie freute ich mich! Den Stahlhelm aber habe ich heute noch als Andenken!
12 Jahre! 10. Erlebnis. 30.4.45.
Beinahe angeschossen.
Am Montag, dem 30.4.45 wollte ich mit meinem Freunde zur Vogelwiese gehen. Wir wollten zu dem dort liegenden, kaputten Auto gehen. Auch spielen wollten wir. Als wir auf der Vogelwiese ankamen, rannte ich zum Auto hin. Mein Freund war noch 50m hinter mir. Als ich am Auto ankam, rief mein Freund: "Volkert, komm!" Ich antwortete: "Was ist los?" Er rannte aber wie wild zurück. Ich wollte in's Auto einsteigen, da kam ein Amerikaner an. Er stand 30m vor mir. Ich bekam Angst. Er hielt das Gewehr im Anschlag. Ich hob sofort die Arme hoch. Dann ging ich zu ihm heran. Er fragte: "Was wolltest du da?" Ich antwortete: "Ich wollte im Auto spielen!" Dann sagte er: "Warte hier!" Nach einer Minute sagte er "Raus!" (von der Vogelwiese). Darauf ging ich weg. Mir schlug das Herz hoch, ich hatte starkes Herzklopfen. Bis nach Hause saß der Schrecken mir noch in den Gliedern. Ich habe mich sehr geärgert!

12 Jahre! 11. Erlebnis. Den 1. Mai 1945.
Auf der Vogelwiese.
Am Dienstag, dem 1.5.45 ging ich mit meinem Freund zur Vogelwiese. Wie freuten wir uns! Da standen ja an die 50 amerikanische Autos! Nun rannten wir. Da aßen die Amerikaner ihr Nachmittagsessen. Wir grüßten: "Good day!" Manche antworteten. An einem Soldat kamen wir vorbei. Diesen Grüßten wir. Als wir weitergehen wollten, rief er: "Boy!" Wir guckten uns um und sahen, dass er jedem einen großen Sahnebonbon reichte. Ich sagte: "Ei thenk yu." Wir freuten uns sehr. Nun gingen wir zu einigen Negern. Die hatten in eine Büchse Benzin geschüttet, und warfen ein Streichholz hinein. Darauf brannte das Benzin. Dann taten sie eine volle Büchse mit Nudeln darauf. Nach fünf Minuten nahmen sie diese wieder ab. Dann öffneten sie die Büchse und aßen die Nudeln so warm. Dann öffneten die Neger noch eine Büchse. Darin waren Süßigkeiten. Wie: Würfelzucker, Sahnebonbon, Obstbonbon und viele Plätzchen. Wir bekamen davon 1 Würfelzucker und einen Sahnebonbon. Wir bedankten uns. Auch hatten die Neger ein großes Feuer angemacht. Daran wärmten sie sich. Gegen halb 8 Uhr gingen wir fröhlich nach Hause. O, wie freute ich mich.

12 Jahre! 12. Erlebnis. Den 3. Mai 1945.
In der Wohnung eines Amerikaners
Am Donnerstag, dem 3. Mai 45 hatte ich ein schönes Erlebnis. An der Reichskrone stand ein amerikanischer Posten. Ich grüßte: "Good morning!" Er antwortete freundlich. Ich kannte ihn schon. Am 2. Mai waren wir auch schon in seiner Wohnung gewesen. Darauf gingen wir zu seiner Wohnung. Diese ist am Anfang der Weißenfelser Straße. Wir gingen hinein. Da sah es wüst aus! Da lag der ganze Tisch voll Weißbrot, Bonbons, Papier, Milch, Fleisch, Munition und anderen Dingen. Auf zwei Betten langen Zeitungen und Kästen. In einer Ecke standen 4 deutsche Gewehre. Wir grüßten ihn "Good morning". Eine freundliche Antwort erschall. Jetzt ging der Amerikaner daran, Fleisch zu zerschneiden. Er tat es in eine Pfanne, dazu Butter. Dann holte er einen Benzinkocher hervor und tat ein brennendes Streichholz daran. Es gab eine große Flamme. Dann setzte er die Pfanne daran. Nach 15 Minuten war das Fleisch fertig. Er kostete es. Dann gab er meinem Freund und mir ein Stück. "M", wie das schmeckte! Er aß das Fleisch auf. Dann ging er an eine Büchse. Nahm seine Gabel und holte ein Stück Pfirsich heraus und gab es mir. Nun ging er an's Aufräumen. Er gab uns 3 dicke Stücke Weißbrot. Dann sagte er uns, er hätte von seinem Bruder aus Japan Geld gekriegt. Die Briefmarke schenkte er mir. Jetzt fragte er meinen Freund, was er ihm für den Kompaß gäbe? Er wüßte es nicht, sagte er. Dann fragte er mich. Ich wußte nicht was. Er gab ihn mir aber einfach. Er gab uns noch einen Bonbon, dann gingen wir fröhlich nach Hause. O, wie freute ich mich.