Nachkriegszeit

Elke Roßberg, geb. Rataj, Sylt

Erinnerungen an Naumburg, Dresden und Sylt (1933/50)

Eine Sylterin und ein königlich-sächsischer Koch

Mein Vater war königlicher Hofkoch beim letzten sächsischen König. Er hatte in der Hofküche gelernt und ist dann mit Friedrich-August III. ins Exil gegangen nach Schloss Sybillenort bei Breslau. Meine Mutter ging mit ihm nach Breslau und hat in der Liebigshöhe gearbeitet. Die Liebigshöhe war eins der berühmten Lokale dort. Sie haben 1932 geheiratet und 1933 wurde ich in Dresden geboren.

Elkes Eltern Antonie und Kurt RatajElkes Eltern Antonie und Kurt RatajDer Name Rataj kommt wohl aus der Gegend Österreich-Ungarn. Die Familie kam wahrscheinlich ursprünglich von der ungarischen Grenze. Mein Großvater väterlicherseits war Justizbeamter in Dresden. Mein Urgroßvater väterlicherseits war königlich-sächsischer Stallmeister, war also schon am Hof und er hat wohl dafür gesorgt, dass mein Großvater auch in den königlichen Dienst kam und Justizbeamter wurde. Dadurch hat mein Vater die Möglichkeit bekommen, in der Hofküche zu lernen, denn damals war es ja so, dass man für die Lehre bezahlen musste. Das war eine ziemlich teure Angelegenheit. Man musste nicht nur eine hohe Bargeldsumme bezahlen, so 5000 Reichsmark, sondern auch das ganze Besteck, die Messer und alles selbst bezahlen. Einiges davon habe ich noch, z. B. meine Fleischgabel in der Küche. Das war alles noch handgearbeitet. Er war mit Leib und Seele Koch.

Mein Urgroßvater ist gestorben als ich 4 Jahre alt war. Ich habe ihn noch kennengelernt. Mein Vater sah ihm sehr ähnlich. Er hatte ja ganz schwarze Haare, blauschwarze Haare. Die hatte mein Urgroßvater auch. Mein Urgroßvater hatte als Gardekürassier angefangen und ist dann Stallmeister des königlichen Gestüts geworden. Das war ein toller Posten. Auch mein Vater war sehr angesehen. Er hat mit dem König Reisen gemacht. Der nahm seinen Leibkoch und seinen Leibjäger mit. Mein Vater erzählte auch von einem General, der mitreiste. Zuerst reisten sie noch mit Kutschen, z. B. nach Italien. Er war auch zu einer Besprechung in Rapallo. Davon hat er mir erzählt. Als ich 1933 geboren wurde, war der König schon tot. Meine Eltern waren nach dem Tod des Königs von Breslau nach Dresden gezogen.

Mein Vater war schon, als er noch für den König kochte, von Offizieren angesprochen worden, die berichteten, dass in Naumburg Kasernen gebaut werden sollten. Sie fragten, ob er nicht die Kantinen und das Offizierskasino dort übernehmen könnte. Sie aßen seine Sachen gerne. Er war so etwas wie ein Sternekoch und er hat auch auf Kochkunstausstellungen Preise gewonnen. Die Kasernen wurden erst 1935 fertig. Bis dahin lebten wir in Dresden und mein Vater fuhr zuerst bei der HAPAG-Lloyd als Schiffskoch auf den kombinierten Passagier-Fracht-Dampfern nach Mittel- und Südamerika. Da war er immer eine ganze Zeit unterwegs, mindestens ein Vierteljahr. Meine Mutter sollte eigentlich als Stewardess mitfahren, konnte dann aber nicht, weil ich ja die Absicht hatte, auf die Welt zu kommen.

Mein Vater arbeitete auch eine Zeit lang bei der Mitropa als Speisewagenkoch bis 1935 die Kasernen in Naumburg fertig waren. Da übernahm er zwei Militärkantinen und ein Offizierskasino. Das war damals eine teure Angelegenheit. Er musste sich schwer in Schulden stürzen. Die Inneneinrichtung war sein Eigentum. Das war ein ganz schöner Batzen Geld. In dem einen Gebäude war oben ein großer Saal mit einem Tresen und Zapfhähnen und unten waren ein ganz großer Saal und ein kleinerer Raum, d.h. es waren da zwei Theken mit je vier Zapfsäulen und im Keller der Kühlraum. Da standen acht Fässer Getränke, verschiedene Biersorten, Pils und Export und dunkles Bier und Apfelbrause. Die schmeckte ausgezeichnet. Die konnte ich als Kind trinken. Und dann gab es die Läden dazu. Da gab es praktisch alles. Ich habe als Kind schon Coca-Cola kennengelernt. Das verkauften wir. Coca-Cola-Flaschen sind ja heute noch so geformt, aber damals waren die Flaschen etwas kleiner und irgendwie schmeckte die Cola anders, sehr viel besser. Sie war nicht so süß wie heute. Ich durfte natürlich nicht immer Coca-Cola trinken. In den großen Verkaufsräumen konntest du von der Nähnadel bis zu Süßwaren und Zigaretten alles kaufen. Wir hatten neun Mann Personal. Mein Vater hatte noch einen Koch und dann mussten die Tresen besetzt sein und meine Mutter herrschte über alles. Sie war die Chefin und Vati stand am Herd.

Die Charaktere meiner Eltern waren sehr verschieden. Meine Mutter war gebürtige Sylterin, also Nordfriesin, aber sehr temperamentvoll. Mein Vater als gebürtiger Dresdner, dessen Vorfahren väterlicherseits aus der Gegend Kroatien-Ungarn kamen, war ein ganz ruhiger Vertreter. Normalerweise sollte man sich das ja umgekehrt vorstellen. Mein Vater konnte sich nur erregen, wenn er bei 68°C am riesigen Herd in der Küche stand. Dann konnte es mal vorkommen, dass er aus der Haut fuhr, aber eigentlich bestimmte meine Mutter das ganze Geschehen. Dazu kam noch, dass mein Vater überaus pünktlich war und meine Mutter das ganze Gegenteil davon. Es war so, dass meine Schwester und ich unser ganzes Leben lang immer superpünktlich waren. Wir waren direkt ängstlich bemüht, pünktlich zu bleiben, weil wir eben auch unsere Erlebnisse hatten.

Meine Mutter musste sich z. B. unbedingt noch, als wir im Zug nach Dresden saßen, eine Zeitung holen. Sie ging also nochmal raus und ich saß allein da. Ich muss so 5 Jahre alt gewesen sein. Der Zug fuhr ab und meine Mutter war noch nicht da. Sie kam dann in Weißenfels ins Abteil. Sie ist im letzten Moment noch auf den Zug aufgesprungen und da man damals noch nicht die durchgehenden Wagen hatte, musste sie bei der nächsten Station aussteigen und das Abteil suchen, in dem die verlorene Tochter saß. Das waren die Gründe, weshalb wir uns bemüht haben, immer pünktlich zu sein. Das war auch für Birgit ein reiner Angstzustand - auch heutzutage noch. Das steckte uns im Blut.

Der Duft von Heckenrosen

Ich fuhr im Sommer - nicht jedes Jahr - das ging nicht, aber das erste Mal mit zweieinhalb Jahren und das letzte Mal vor dem Krieg 1939, nach Sylt zu meinen Großeltern mütterlicherseits. Nach Sylt zu kommen war nicht so einfach damals. Man war eine ganze Reihe von Stunden unterwegs mit der Bahn mit x-mal Umsteigen. Mit einem kleinen Kind hat man das nicht so gerne gemacht. Das waren für mich große Erlebnisse, da lernte ich eigentlich meine "Heimat" kennen. Groß geworden bin ich ja in Mitteldeutschland. Meine anderen Schulferien habe ich in Dresden verbracht bei meinen Dresdner Großeltern, aber Heimat war Sylt. Mir ging das schon so, wenn wir den Nord-Ostsee-Kanal überquert haben und ich sah die Warften liegen mit den Bauernhäusern drauf. Da lebte ich auf. Das war für mich zu Hause. Und wenn man dann auf Sylt aus dem Bahnhof kam, da hatte man den Duft der Heckenrosen schon am Bahnhof in der Nase. […]

Es war eine sehr schöne Zeit auf Sylt. Was mir in der Nase geblieben ist und was ich heute vermisse, das war der Duft der Heckenrosen. Die Dünenränder waren auf der Ostseite vollkommen bewachsen mit Rosen. Es war einfach ein zauberhafter Duft. Wir konnten ja die Dünen damals noch betreten. Also wurden Blaubeeren gesammelt und Kronsbeeren. Das haben wir allerdings auch nach dem Krieg noch gemacht. Da kannte man die Stellen. Später habe ich einige Stellen auch durch meinen Schwiegervater kennengelernt. Er kannte das wiederum durch seine Eltern, denn sein Vater hatte das Jagdgebiet von Westerland nach Hörnum gepachtet. Damals wurden ja auch noch Möweneier gesammelt, was man heute ruhig wieder tun könnte, denn die nehmen ja überhand. In einem friesischen Buch aus den 30er Jahren, das wir gerade lesen, steht ein Bericht darüber, dass es hier auch "einige" Möwen gibt, dass man aber vorsichtig sein müsse, damit die Population nicht gefährdet wird. In den 30er Jahren wurde die Anzahl der Möwen geringer und man durfte keine Eier mehr sammeln.

Bei Kriegsbeginn wurde die Insel gesperrt für Besucher. Dann konnten nicht einmal mehr Kinder zu ihren Eltern, wenn sie irgendwo anders wohnten. Hier war die Einreise nur gestattet für die, die tatsächlich hier gelebt haben. Das war natürlich hart. Wir waren 1939 das letzte Mal auf der Insel. Da war noch kein Krieg. Aber wir mussten vorzeitig wieder abreisen. Wir sind ja immer im Sommer gefahren. Da haben wir uns noch mit der ganzen Verwandtschaft getroffen. […] Es waren viele Künstler auf der Insel und es gab tolle Konzerte. Das war damals ein ganz anderes Publikum hier. Da haben wir auch Hermann Göring gesehen. Der hatte in Wenningstedt ein ganzes Stück Strand für sich abgesperrt. Man konnte am Wasser langlaufen, aber man durfte sich nicht am Strand aufhalten. Das Haus gehörte seiner Frau Emmi Sonnemann, der Schauspielerin. Man hatte ja immer gehört, dass er Jagdflieger war und von seinem Aufstieg und nun kam er von oben die Düne herunter in seinem rot-weiß-gestreiften Badeanzug. Wir liefen am Wasser entlang und er war damals schon recht fett und ich habe mich wohl laut darüber geäußert. Mir wurde dann gesagt, dass ich mal lieber ruhig sein sollte.

Nach dem Krieg sind wir das erste Mal 1946 wieder auf die Insel gekommen. […] Als wir auf die Insel kamen, musste Mutti in Niebüll aussteigen und eine Bescheinigung ausfüllen, sozusagen eine Erlaubnis, damit wir rüberfahren durften, denn hier war ja besetzt von Belgiern und Engländern. Sie hat uns damals 6 oder 8 Wochen hiergelassen und ist wieder nach Hause gefahren. […]

Bei den Großeltern in Dresden

Ich war jedes Jahr in Dresden bei meinen Großeltern. Als ich später zur Schule ging, konnte ich auch Freundinnen mitnehmen. Heinz´ Schwester Marianne war einmal mit und meine Freundin Erika; für die war das herrlich. Sie erzählt heute noch, wenn wir am Telefon klönen: "Weißt du noch, wie wir auf der großen Elbbrücke standen und von oben ins Wasser gespuckt haben?" Ich habe ihr Dresden gezeigt. Ich bin mit ihr in den Zwingerhof gegangen und da haben wir unsere Füße im Zwingerteich baumeln lassen. Ich habe ihr das Nymphenbad gezeigt. Ich habe sehr viele schöne Stunden in Dresden bei meinen Großeltern verbracht. Mein Großvater war ein recht nachgiebiger, sanfter Mann. Auch als Justizbeamter im Zuchthaus blieb er ein guter Mensch. Er sang im Dresdner Staatsopernchor und hat auch als Statist bei der Oper gearbeitet. Damals sagte man noch nicht Semperoper. Das war eben die Oper und die Oper liebte er. So kamen wir an Karten und ich habe schon als vierjährige "Hänsel und Gretel" in der Dresdner Staatsoper gesehen. Meine Großeltern wohnten am Jägerhof in einem Gebäude für Angehörige der sächsischen Verwaltung direkt neben dem sächsischen Heimatmuseum. Heute heißt es Volkskundemuseum. Das ist in der gleichen Straße wie die sächsische Landesregierung, die Staatskanzlei. Meine Großeltern waren mit dem Museumsdirektor befreundet, ich nannte den Onkel und konnte immer dorthin und im Museum spielen. In der Mitte stand die Riesenpyramide und es gab ein ganzes Bergwerk, ein Silberbergwerk, das man anstellen konnte und dann konnte man sehen, wie im Bergwerk gearbeitet wurde. Ich habe auch mit Begeisterung das Elbufer in der Neustadt als mein Eigentum empfunden. Da gab es den Steingarten und den Rosengarten. Das war ganz wunderschön. Heute sind dort nur noch Wiesen.

Mein Urgroßvater wohnte am Zwingerteich. In den letzten Jahren brachte meine Großmutter regelmäßig das Essen dorthin und ich begleitete sie. Anschließend waren wir dann im Zwinger und ich konnte mir jede Ecke dort angucken. Mein Großvater musste arbeiten, aber mit meiner Großmutter habe ich Ausflüge gemacht. Wir fuhren mit der weißen Flotte, mit dem Raddampfer die Elbe rauf nach Rathen bis zur tschechischen Grenze. Da fanden früher die Karl-May-Festspiele statt. Am Amselsee wurde der "Schatz im Silbersee" gespielt. Ich hatte in Dresden auf dem Zwingerteich rudern gelernt und ich habe auch auf dem Amselsee gerudert. Wir waren auf der Bastei. Ich finde, die sächsische Schweiz ist eine der schönsten Landschaften, die man sich vorstellen kann. Wir haben dort viele Wanderungen gemacht. […]

Mein Großvater hatte einen wunderbaren Schrebergarten. Das vergesse ich nie. Den Anblick habe ich heute noch vor Augen. Ein Teil der Laube war mit Teer abgedeckt und der andere Teil war umrankt von allem möglichen, z. B. auch von diesen rotblühenden Feuerbohnen. Das war wunderbar. Ich hatte meine Schildkröte da, meine Hakila, die eigentlich Hansi hieß. Mein Vater brachte sie mir von einer Reise nach Westindien mit. Hansi hatte eine rote Schleife um seinen Panzer und ein langes Band und lief frei im Garten herum. Durch die Schleife und das lange Band konnten wir ihn immer sehen. Es gab einen Gang, der war mit hellem Kies bestreut und Rabatten. Großvater hatte Stachelbeerbäumchen und Johannisbeerbüsche immer versetzt. Johannisbeeren gab es in sämtlichen Farben und Kirschbäume, auch weiße Kirschen, Knubber und Sauerkirschen, Pfirsiche, zwei Quittenbäume, einen Birnenquittenbaum, einen Apfelbaum und auch Pflaumen und Reneclauden. Das war ein ganz schön großer Garten. Meine Großeltern konnten sich praktisch vom Garten ernähren. Mein Vater hat fürs Offizierskasino eingeweckte Sachen bekommen, große Einmachgläser mit Quitten, Kirschen und Mirabellen. Ich habe mir nie Gedanken gemacht, wie sie das nach Naumburg gekriegt haben. Irgendwie ist es angekommen und wurde bei uns gegessen. Auf den Rabatten waren immer Blumen. Es blühte immer etwas, fast das ganze Jahr über. Es gab Nelken und kleine Astern und Ringelblumen. Der Garten war nicht weit vom Haus. Man musste, um zum Eingang zu kommen, das ganze Schrebergartengebiet umrunden. Eigentlich hätten wir bloß über einen Zaun springen müssen, aber das Gelände war hoch eingezäunt. Wenn man den hinteren Eingang benutzte, war rechts das Winterzelt des Zirkus Sarrasani. Da waren auch die Raubtierhäuser. Von der Seite kamen ab und zu kräftige Gerüche.

Eine Kindheit in der Kaserne

Am schönsten war es 1937 oder 38. Direkt hinter dem Haus, wo wir wohnten und wo auch die Kantinen waren, wurde ein Schwimmbad gebaut. Das war eigentlich ein Feuerlöschteich, weil man wahrscheinlich mit Krieg gerechnet hat und mit Fliegerangriffen, damit immer Wasser vorhanden war. Es gab einen kleinen Sprungturm und ein Floß darauf, damit konnte man rudern. Ich habe dort mit 5 oder 6 Jahren schwimmen gelernt. Das war natürlich auch ein Anziehungspunkt. Als ich zur Schule ging, kamen meine Freundinnen von Naumburg rauf. Die Kasernen waren 3 oder 4 km von der Stadt entfernt. Man musste einen Berg hinaufsteigen. Tante Laurette, die Cousine meiner Mutter, war oft bei uns und sagte mal, es sei kein Wunder, dass ich Rheuma gekriegt hätte, in diesen kalten feuchten Häusern. Mir kam das nicht so vor, aber sie meinte, sie hätte mich immer bedauert, weil es so kalt bei uns gewesen wäre. Also ich fand die Zeit herrlich. Sicher waren es große Räume, aber es gab ja eine Heizung. Vielleicht waren die Heizkörper nicht immer angestellt. Das ist möglich. Meine Mutter holte als Kindermädchen für mich eine Sylterin und auch als Personal. Wir hatten eigentlich immer Sylter Mädchen bei uns und auch Mädchen aus den Dörfern in der Nachbarschaft.

Ich war ein freies Leben gewöhnt und auch ein selbständiges. Mir blieb ja gar nichts anderes übrig. Wenn du Eltern hast, die sich gerade eine Zukunft aufbauen, dann bist du auf dich alleine gestellt, was ich nie als Nachteil empfunden habe. Man hat mich ab und zu mal vergessen. Ich habe mich auch nicht gemeldet. Ich habe gedacht, guck dir das mal an und sag mal nichts. Also eingeschlafen bin ich nie in den Ecken, in denen ich saß, bis um 10 Uhr einem plötzlich einfiel: Ach Gott, das Kind, wo ist das Kind? Entweder saß ich bei meinem Vater in der Küche und hab mir das angeguckt oder ich saß unten im Laden. Da habe ich mich still in eine Ecke verzogen und wenn da rundherum die Tresen sind, ist man gut versteckt. Ich habe natürlich auch einiges mitgekriegt, was ich nicht unbedingt hätte hören sollen, denn unsere Mädchen waren meistens ganz hübsch. Die wurden ja auch immer geheiratet. Wir brauchten andauernd neue.

Krieg und Nationalsozialismus

Ich bin in einer Kaserne unter Soldaten groß geworden. Das war das Infanterieregiment 53 und die mussten bei Kriegsbeginn 1939 natürlich einrücken. Die Soldaten zogen nach und nach ab, nicht alle auf einmal. Aber die verschiedenen Regimenter zogen ab. Ein Kasernengelände ist ja unwahrscheinlich groß. Das war richtig wie eine kleine Stadt und nach dem ersten Jahr waren die Soldaten fast alle weg und dann wurde es Reservelazarett. Das heißt die Verwundeten kamen und da kriegt man viel mit. Zumindest weißt du dann, wie das ist - auch als Kind - wenn diejenigen, die als Soldaten fröhlich ausziehen, wenn die dann praktisch als Krüppel zurückkommen. Das taten die meisten, die dort waren. Denen fehlte entweder ein Arm oder ein Bein oder auch mal beide Beine. Das waren keine Fälle, die sofort wieder entlassen wurden, sondern das waren Leute, die z. T. jahrelang dort blieben. Die Kantinen waren immer noch da, das Offizierskasino natürlich nicht mehr. Später wurde noch extra ein Offizierskasino gebaut. Das steht heute noch und ist jetzt ein Wohnhaus. Es wurde mitten im Wald gebaut, nicht mehr auf unserem Kasernengelände und mein Vater hat das auch nicht bewirtschaftet. Er hätte das machen können, aber er wurde dann selber eingezogen. Wir hatten nur noch Kantinenbetrieb Verkauf und Ausschank. Die Soldaten wurden nicht durch meinen Vater bekocht. Hauptsächlich hat meine Mutter den Betrieb geleitet. Mein Vater war in Naumburg stationiert. Er hatte dieses russische Gefangenenkommando und er brachte, wenn er kam, immer 2 oder 3 Russen mit. Er wechselte ab, so dass jeder mal rauf kam, damit die dann bei uns verpflegt wurden und in der Kantine mithelfen konnten. Man hat es ihm nicht direkt verboten, aber gern gesehen wurde das nicht.

Elke Roßberg mit Puppen auf dem KasernengelaendeElke Roßberg mit Freund und ihren Puppen auf dem KasernengeländeVon der Verfolgung der Juden habe ich nicht so viel mitgekriegt. Bei uns wurde kein Unterschied gemacht. Es wurde nicht gesagt, das sind Juden oder so etwas. Den Ausdruck habe ich nie gehört. Es gab wohl auch nicht viele jüdische Familien in Naumburg. Naumburg war eine Garnisonsstadt und eine Kleinstadt. Es gab ein jüdisches Geschäft, aber denen ist eigentlich nichts passiert. Ich hatte das Gefühl, dass da jemand seine Hand drüber gehalten hat. Ich weiß aber noch, als ich 1938 gerade in Dresden war, ging meine Großmutter mit mir über die Brücke zum Schloss in der Altstadt. Dort standen wir dann vor den Trümmern der Dresdner Synagoge und da hat meine Großmutter gesagt: " Das musst du dir angucken und das darfst du nie vergessen." Weiter haben wir darüber nicht gesprochen. Sie war sehr ernst dabei. Und dann sind wir wieder zurück gegangen.

In der Schule habe ich auch Glück gehabt. Wir hatten eine alte Lehrerin, Fräulein Henning, die hat nie über Rassenlehre gesprochen. Sie war unsere Klassenlehrerin auf der Volksschule und später auf dem Lyzeum waren die Lehrer alle weg. Wir hatten nur alte Damen, alte Professorinnen, die hatten ihre eigenen Gedanken, aber nicht solche. Da war keine Nazisse dabei.

Als Jungmädchen wurde ich zum BDM eingezogen. Da mussten wir alle hin und da habe ich ein paar Mal Dienst mitgemacht. Das hat mein Vater mal mit einigen Bekannten - einer war bei der Gestapo - mitgekriegt. Die saßen oben beim eisernen Wenzel, das war ein Freund meines Vaters, auf dem Balkon und der hatte den Ausblick auf die Vogelwiese. Und auf der Vogelwiese hatten wir am Sonnabendnachmittag Dienst und mussten bei glühender Sonne und großer Hitze marschieren. Das haben sich die Männer angeguckt und dann sagte einer zu meinem Vater, er sollte mich raufholen, ich würde mich ja halbtot schwitzen. Aber mein Vater meinte, ich solle mal ruhig marschieren, sonst würde ich Ärger kriegen. Hinterher haben sie mir nahegelegt, dass ich den Dienst ja auch in Flemmingen machen könnte. Das war viel näher. Die hatten auch eine Jungmädchengruppe. So bin ich von Naumburg weggekommen. In Flemmingen haben wir eigentlich nur Sport gemacht und gebastelt. Da wurde nicht mehr marschiert. Wir hatten den Sportplatz direkt dabei und es gab jedes Jahr ein Sportfest. Dafür musste man das ganze Jahr trainieren, damit man das gut machte und wir waren gut. Wir waren sehr gut. Wir haben auch sehr viel trainiert. Dann mussten wir für die Winterhilfe basteln. Wir haben sehr viele Holzarbeiten gemacht, mit der Laubsäge gearbeitet, ausgeschnitten und alles Mögliche zusammengebaut. Das wurde eingesammelt und für die Winterhilfe verkauft. Wir haben auch Pulswärmer gestrickt und den Soldaten in Feldpostpäckchen geschickt. Aber marschiert? Ich weiß nicht, ob ich Flemmingen auch nur einen Tag marschiert bin. Wir haben viel gesungen und zur Sonnenwende gab es die großen Jugendweihefeiern. Da sind wir auch mitgezogen. Das ist ganz klar. Das war immer sehr schön feierlich. In Buchholz gab es einen freien Platz. Da wurden rundherum Fackeln abgesteckt und da war das ganze Jungvolk versammelt. Da wurden dann allerdings Fahnen gehisst und markige Reden gehalten, die wir uns anhörten. "Deutschland, Deutschland über alles" und das Horst-Wessel-Lied wurden gesungen.

Ich habe ein freies Leben, aber auch ein abgeschirmtes gehabt. Wir wohnten ja immer außerhalb. Wir hatten allerdings viele Freunde in der Stadt. Wenn wir zusammenkamen, wurden die Kinder immer mitgenommen. Es gab wunderbare Feiern und wir gingen dann irgendwo dort in die Betten und wurden schlafen gelegt. Am nächsten Tag wurden wir wieder nach Hause gebracht. Das war rundum so, wo man sich gerade traf. Die Kinderschar war immer dabei. Das war ein sehr schönes, freies, aber auch sehr behütetes Leben.

Meine Großeltern konnte ich die ganze Zeit weiter in Dresden besuchen. Das letzte Mal war ich im Winter 1944 auf dem Striezlmarkt, das war einer der schönsten Weihnachtsmärkte der Welt. Dort gab es die Stollen, für die Dresden so berühmt war und die Schnitzereien aus dem Erzgebirge wurden verkauft. Am 14. Februar 1945 wurde Dresden dann bombardiert und ein paar Tage später waren meine Großeltern bei uns. Von da an haben sie bei uns gelebt. Sie hatten unter der Augustusbrücke überlebt. Ihr Haus ist nicht von einer Bombe getroffen worden, es war ausgebrannt. In dieser Nacht ist meine ganze Dresdner Verwandtschaft ausgebombt worden. Meine Mutter lag mit meiner Schwiegermutter meistens etwas quer. Sie meinte, die beiden hätten ja noch etwas rausholen können. Aber die beiden alten Leute hatten versucht, sich vor den Flammen zu schützen und hatten - weiß Gott - anderes zu tun, als in der Hitze nach irgendwelchen Sachen zu suchen. Meine Mutter hätte das getan. So wie wir unsere Mutter kennengelernt haben, Birgit und ich, die wäre da rein marschiert und hätte ausgeräumt, was noch zu holen war.

Ich war ein Jahr später in Dresden. Da war gerade der Jahrestag der Bombardierung gewesen. Man konnte zwar die Straßen entlanggehen, aber rechts und links lagen riesige Trümmerberge. Das war sehr beeindruckend. Da hatten die Menschen, weil es der Jahrestag war, auf die Trümmer Kränze gelegt. Es waren ja Dresdens Prachtstraßen, die Prager Straße, die Seestraße, da standen früher neben Wohngebäuden auch die riesigen Kaufhäuser und da lagen überall Kränze drauf. Ein ganz merkwürdiger Geruch lag über der ganzen Stadt. Der Anblick war grausam. Alles war noch zerstört, auch das Schloss, der Zwinger und die Oper. Alles lag in Trümmern. Das hat man später sehr schnell wieder aufgebaut.

Naumburg hat auch ein paar Bomben abgekriegt, aber schlimm war vor allem, dass die ganzen Bombergeschwader, die in der Umgebung bombardierten - das Leunawerk und die anderen großen Werke waren nicht weit von uns entfernt - dass die niedrig über unsere Kasernen flogen. Es war gefährlich und vor allem in der letzten Kriegszeit waren immer Tiefflieger unterwegs, Bristol-Blenheims. Auf meinem Schulweg musste ich mich schnell verkrümeln in den Graben, wenn einer da war oder in die Büsche. Das kriegten wir eingeimpft. Es gab ein hohes Summen. Wenn man dieses Geräusch hörte, dann wusste man Bescheid, dann begab man sich sofort in Tieflage. Das war schon beängstigend.

Das Ende des Krieges

Meine Schwester wurde im Dezember 1944 geboren und sie wurde am 12. April 1945 getauft. Wir machten eine Haustaufe, denn es war alles mit Schwierigkeiten verbunden. Es waren Tiefflieger unterwegs und man konnte nicht mehr Autofahren in die Stadt und ein Bus fuhr auch nicht mehr. Mein Vater war da und etliche Ärzte und Bekannte von uns. Birgit hatte gerade ihre Taufe empfangen, da kam Panzeralarm. Dann verteilte sich alles so schnell es ging. Die Leute, die von der Stadt raufgekommen waren, sahen zu, dass sie wieder runterkamen, nur der Pastor aß noch gemütlich alles auf, was er kriegen konnte. Der ging als letzter. Da war ich schon lange im Keller. Am nächsten Tag waren die Amerikaner da. Angst haben wir vor den Amerikanern nicht gehabt.

Eine Ahnung, dass der Krieg zu Ende gehen würde, hatten wir schon vorher. Bei uns wurde manchmal etwas offener geredet, auch mit den Offizieren. Die Wehrmachtsoffiziere hatten mit den Nazis nicht viel am Hut. Ich habe gehört, wie die sich unterhalten haben und wie sie sagten: "Das ist das Ende."

Ab und zu kamen Freunde zu meinem Vater zum Essen. Der eine war Rossschlachter. Der kam mal mit 12 Steaks an, die mein Vater zubereiten sollte. In der Zwischenzeit hatte unser Hund sie gefressen. Zu der Gruppe gehörte auch der Gestapomann, ein ganz feiner Mann, der hat vielen Naumburgern zur Flucht verholfen. Als die Amerikaner kamen, ist er ihnen ganz alleine entgegen gegangen und hat sich erschießen lassen. Er hat bloß die Pistole rausgeholt. Hinterher wurde erzählt, sie wäre nicht einmal geladen gewesen.

Die Amerikaner kaElke Roßberg mit Puppenwagen auf dem KasernengeländeElke Roßberg mit Puppenwagen in der Hubertuskaserne am Flemminger Wegmen in die Kaserne und guckten sich alles an. Es gab oben auf dem Berg zwei Kasernen, das Infanterieregiment und die Artillerie. Das waren zwei vollkommen getrennte Bereiche. Dazwischen führte die Straße nach Flemmingen. Früher hieß sie Flemminger Weg. 1939 wurde sie umgetauft in Adolf-Hitler-Straße und nach dem Krieg hieß sie wieder Flemminger Weg. So heißt sie heute noch. Flemmingen war das nächste Dorf. In der Artilleriekaserne lebten dann die Amerikaner. Einmal kriegten wir Besuch von Amerikanern, die fragten meinen Vater, wo man gute Weinbrände, Schnäpse und so etwas einkaufen könnte. Mein Vater hat erzählt, wo er einkauft. In Northeim im Harz, in der Nähe von Quedlinburg, da wäre die Spirituosenfabrik und Brennerei. Sie wollten einen Bus organisieren und mein Vater sollte mit ihnen dorthin fahren. Sie wollten für die Kaserne einiges einkaufen. Mein Vater aber sprach nur Französisch, er sprach kein Englisch. Ich konnte ganz gut Englisch und dann haben sie mich mitgenommen. Das hat mir Spaß gemacht. Ein amerikanischer Offizier fuhr mit und zwei Leute von der Mannschaft, die die Sachen schleppen sollten. Er hat sich mit mir unterhalten und hat auch gefragt, ob ich in Naumburg aufgewachsen wäre. Als ich erzählte, ich wäre in Dresden geboren, stockte er, schaute mich an und sagte: "Oh, pardon me." Das fand ich schon erstaunlich.

Von da an kamen die amerikanischen Offiziere öfter zu uns. Sie brachten Lebensmittel mit und ließen sich von Vati etwas Schönes kochen. Es entwickelte sich eine ganz nette Freundschaft mit diesen Offizieren. Sie waren nicht lange da, bis August etwa. Ich war immer mit dabei, denn ich musste ja übersetzen. Eines Tages sagten sie zu uns, dass sie abrücken würden und dass die Russen kämen. Davon hatten wir als Bevölkerung noch nichts gehört. Es wurde gemunkelt, aber wir erfuhren nichts Eindeutiges. Mein Vater erzählte, dass er von seinen russischen Kriegsgefangenen einen Brief bekommen hätte. Sie hätten ihm aufgeschrieben, dass er gut zu ihnen gewesen wäre und sie vor dem Verhungern bewahrt hätte. Falls Russen kämen, sollte er den Brief zeigen. Ein amerikanischer Offizier hat meinen Vater gefragt, ob er den Brief noch hätte, ob er ihn vorweisen könnte. Mein Vater meinte nur: "Nein, so etwas brauche ich doch nicht." Für ihn war es eine Selbstverständlichkeit, dass er den Brief nicht aufbewahren musste, als müsste eigentlich jeder wissen, dass er ein anständiger Mensch war.

Am nächsten Tag waren die Russen da. Das war ein Unterschied zwischen den Russen und den Amerikanern. Wir kriegten ja die russische Kampftruppe dahin, verlaust, verdreckt, z. T. in Fetzen gekleidet mit Fußlappen, mit ihren kleinen Panjewagen mit Pferden davor. Es war eine Katastrophe. Die amerikanischen Offiziere waren elegante, gut gekleidete, sehr zivilisierte Leute gewesen. Frau Lamberty kam mit ihren zwei Töchtern zu uns in die Kaserne und fragte, ob sie die Mädchen bei uns lassen könnte. Die wohnten mitten im Sperlingsforst, im Wald und hatten Angst. Die Mädchen sollten ein paar Nächte bei uns schlafen. Wir haben sie mit einquartiert. Muschi war ein Jahr jünger als ich und ihre Schwester war drei Jahre jünger. Wir waren gut befreundet und hatten immer zusammen gespielt. Der Vater war Schnitzer. Er hat die wunderschönen Holzschnitzereien in Naumburg gemacht.

Es dauerte gar nicht lange, dann mussten wir aus der Kaserne raus. Natürlich mussten wir die Wohnung eingerichtet verlassen. Wir zogen ins Offizierskasino mitten im Wald. Muck Lamberty wohnte genau daneben. Wir Kinder haben uns gefreut. Wir waren dann praktisch Nachbarn. Meine Eltern führten das Offizierskasino, jetzt das russische. Mein Vater hat gekocht, meine Mutter hat gearbeitet wie immer. Wir standen dann unter einem gewissen Schutz und wir konnten diesen Schutz auch weitergeben, so dass auch die Nachbarn geschützt waren. Es gab dort auch nur diese beiden Häuser, das Offizierskasino und die Villa von Lambertys. Wir hatten überall, wo wir gewohnt haben, ein Stück Garten. In der Kaserne hatten wir ein Stück entfernt, einen großen Garten, den hat mein Großvater gleich in die Hand genommen, als er kam. Mir tat am meisten leid, als wir raus mussten, dass der Pfirsichbaum gerade trug.

Im Dezember, ein paar Tage vor Weihnachten, wurde dann mein Vater abgeholt. Er wurde nicht alleine abgeholt, sondern viele Naumburger. Da war Birgit so krank, sie hatte ganz furchtbaren Keuchhusten. Sie war wirklich todkrank. In der ersten Zeit haben wir überhaupt nichts von meinem Vater gehört. Er war zuerst in Mühlberg und dann in drei oder vier verschiedenen Lagern. Die letzten zweieinhalb Jahre war er in Buchenwald. Eine Zeitlang war er wohl im gleichen Lager wie Heinrich George. Der hatte dort eine Theatergruppe aufgemacht. Birgit erzählt, er habe später über die Zeit gesprochen. Ich war, als er 1950 nach Hause kam, nur noch vier Monate da. In dieser Zeit erzählte er noch nichts.

Es gab einen kurzen Zettel. Wir wussten dann, dass er in Mühlberg war. Aber von ihm selber haben wir das nicht gehört. Wir kriegten auch mal aus Buchenwald einen Zettel. Man hat manchmal, wenn Leute entlassen wurden, etwas gehört.

Schule, Schwarzmarkt und keine Uniform

Inzwischen hatte die Schule wieder angefangen. Davon war ich nicht begeistert. Ich musste ja von oben den ganzen Weg runter in die Stadt. Ich ging eigentlich schon in die zweite Klasse im Lyzeum. Wir hatten bereits Englisch und Latein. Mit Schulbeginn kriegten wir sofort Russisch als dritte Sprache dazu. Englisch und Latein blieben uns aber erhalten. Auf die Art und Weise habe ich von 1945 bis 1950 Russisch gelernt. Die Schule war durch den Krieg ungefähr ein halbes Jahr ausgefallen. Wir konnten eine Prüfung machen und wer die schaffte, kam praktisch gleich in die nächste Klasse. Ich kam also auf dem Lyzeum gleich in die Quarta. Es gab Doppelstunden. Wir hatten von morgens um 8 bis mittags um 2 Uhr Schule. Da hat kein Mensch danach gekräht, ob man das aushalten konnte. Es gab wenig zu essen. Von den Amerikanern angeregt kriegten wir Milch. Das ging auch bei den Russen weiter. Eine Zeitlang gab es auch eine Schulspeisung, Milchsuppe, aber nicht lange. Wir hatten kein Papier, um darauf zu schreiben. Es gab Zeitungen, z. B. das Neue Deutschland. Wir haben z.T. auf Zeitungspapier geschrieben, auf die Ränder. Bücher gab es auch keine, infolgedessen haben wir alle Stenographie gelernt, so dass wir im Unterricht mitstenographieren konnten und zu Hause haben wir die Inhalte dann auf irgendwelches Papier geschrieben. Also haben wir unsere Schulbücher praktisch selber geschrieben. Das ging 2 bis 3 Jahre so, bis es sich etwas besserte. Ich muss ja sagen, wenn ich das Gejammer höre mit dem Abitur in 12 Schuljahren. Das gab es in der DDR gar nicht anders und unsere Allgemeinbildung, die war viel besser als heute. Ich finde das manchmal erschreckend. Die Leute sind doch nicht dümmer geworden. Wir hatten natürlich nicht so viele Ablenkungsmöglichkeiten. Ich ging allerdings, nachdem ich konfirmiert war, auch in die Tanzstunde. Ich musste aber über 30 Jahre alt werden, bevor ich einmal ohne männliche Begleitung ein Lokal betreten habe. Das gab es nicht. Man kriegte eine Einladung und man wurde abgeholt. Die Mutter kriegte einen Blumenstrauß. Das war selbstverständlich. Mit der Gleichberechtigung und dem Verhältnis der Geschlechter zueinander waren wir in der SBZ und in der DDR weiter als im Westen. Bei uns ging man normal miteinander um, so wie das auch heute der Fall ist. Im Westen gaben noch die Männer den Ton an. Als ich später auf Sylt im Frauenchor war, gab es einmal eine Wahl. Wir haben darüber gesprochen und ich habe meine Meinung kundgetan. Und eine Frau sagte: "Ich wähle selbstverständlich das, was mein Mann wählt." Ich meinte dazu: " Hast du denn keine eigene Meinung?" Solche Sachen fielen mir auf. Vielleicht waren die Leute auf der Insel oder in Schleswig-Holstein auch besonders rückständig. Man sagt ja, das waren die "prüden" Jahre, die erst durch die 68er abgeschafft wurden. In der Beziehung waren wir in Mitteldeutschland 20 Jahre voraus.

Meine Mutter konnte sich immer durchschlagen, auch mit uns alleine. Sie hat das immer irgendwie geschafft. Sie hat ordentlich nebenbei schwarz gehandelt. Ich weiß nicht, ob sie sich manchmal über ihre ängstlichen Kinder geärgert hat. Für mich war das ein Graus, diese Sachen machen zu müssen. Der Vater sitzt schon irgendwo im KZ und ich selber musste mit geschmuggelten Sachen herumziehen. Das waren Hausbrände, Kartoffelschnaps und so etwas. Wir wohnten dann unten in der Stadt, weil wir aus dem Offizierskasino auch raus mussten. Wir hatten eine kleine Stadtwohnung und Mutti arbeitete oben. Wir hatten dort auch Telefon. Mutti rief an und sagte: "Bring mal drei Stück rauf." Das hieß dann nur "Stück". Das waren diese komisch geformten Literflaschen. Mehr ging nicht rein. "Bring mal drei Stück und setz das Kind drauf." Die Kinderkarren waren damals noch niedrig mit kleinen Rädern. Die waren nicht gerade stabil. Meine Oma half mir. Die packte die Flaschen rein. Dann kam ein Kissen drauf und eine Decke. Und obendrauf kam Birgit - sie muss so zwei gewesen sein - die rutschte und wurde festgeschnallt. Dann musste ich den Berg hoch und die Flaschen ins Kasino transportieren. Ich war ja schon recht ansehnlich. Für mich war das nicht leicht, wenn du unterwegs dauernd angemacht wirst von Russen. Ich bin wütend angekommen und dann bin ich mit dem Kind tieferliegend in der Karre wieder nach unten.

Ich hatte zu der Zeit noch Klavierstunden. Unser Klavier war allerdings eingelagert. Wir konnten das Klavier in Naumburg in der kleinen Wohnung nicht aufstellen. Später hatten wir es dann in der Hopfenblüte im Vereinszimmer. Ich sollte immer zu einer Bekannten von meiner Mutter, die auch für uns genäht hat, zum Klavier üben. Sie kriegte dafür Essen, denn wir kamen ja durch Muttis Arbeit ganz gut an Nahrungsmittel ran. Aber wenn du als Kind bei irgendwelchen Leuten Klavier üben sollst… Die Übungen sind ja nicht immer so hörenswert. Du musst ja Übungen machen und spielst keine Stücke, also das hatte keinen Zweck mehr. Dann hat es sehr lange gedauert, ehe ich wieder ein Klavier hatte.

Elkes SchulklasseElkes Klasse des Lyceums (Elke in der hintersten Reihe in der Mitte)

Die russische Besatzungszeit war eine unruhige Zeit. Ich durfte weg, auch zum Tanzen, aber ich musste immer Bescheid sagen, man wusste immer, wo ich war. Wir hatten auch immer ein Telefon und auch bei meinen Freundinnen gab es meistens ein Telefon. Wir konnten immer Bescheid geben, ob wir gebracht werden oder ob wir abgeholt werden sollten. In so einer Zeit musste man das wissen. Aber sonst konnte man tun, was man wollte. Ich war in verschiedenen Vereinen und Clubs. Im Ruderclub und im Kulturverein. Da ging ich schon hin, damit ich nicht in die FDJ brauchte. Dann hatte ich die kirchliche Spielgruppe mit den Krügers, Klaus Krüger und seiner Schwester Helga. Ich war nie in der FDJ. Ich habe nie viel Dienstkleidung getragen. Beim BDM nur in der ersten Zeit in Naumburg und in der Nachkriegszeit wollte ich mir das absolut nicht angewöhnen. Ich hatte kein Blauhemd. Ich war die einzige. Das ist mir nicht immer gut bekommen. Die Zeit wurde dann auch anders, als die Leute kamen, die angeblich mit den Nazis nichts zu tun gehabt haben, obwohl man ja in der Kleinstadt ganz genau gewusst hat, dass sie es doch hatten. Erst die große Klappe vorher und hinterher genauso.

1950 - Hopfenblüte und Flucht

Mein Vater war die ganzen Jahre mit einem seiner Kollegen, dem Wirt aus der Waidmannsruh, zusammen im Lager gewesen. Der Hoffmann aus der Waidmannsruh hatte einen Sohn und mein Vater eine große Tochter und so wurden wir in ihren Gedanken miteinander verheiratet. Werner war aber 10 Jahre älter als ich. Er war schon im Krieg als Soldat gewesen. Wir beide, Werner Hoffmann und ich, haben unsere Väter dann vom Bahnhof abgeholt, als sie aus Buchenwald entlassen wurden. Meine Mutter konnte ihn nicht abholen. Wir wussten, dass die Väter diese Pläne hatten, aber Werner war schon verlobt und das wurde erst mal verheimlicht. Wir sind sogar mal zusammen ausgegangen. Nur um unsere Väter nicht aufzuregen. Die kamen ja beide ziemlich krank zurück. Mit der Zeit mussten wir ihnen dann mitteilen, dass wir nicht die Absicht hatten, etwas miteinander anzufangen. Wir konnten uns trotzdem gut leiden. Ich habe von Werner die Lateinkladden bekommen. Er hatte uralte Übersetzungen aus dem 19. Jahrhundert. Wir kriegten die Lehrer vom Jungengymnasium an unsere Schule. Herr Dr. Dr. Meier, Latein und Geschichte, meinte eines Tages, er würde jede Kladde kennen: "Aber bei Ihnen, Rataj komme ich nicht klar. Entweder sie können das tatsächlich, oder sie haben eine Übersetzung, die mir noch nicht untergekommen ist." Ich war nicht schlecht in Latein, ich übersetzte auch ziemlich wörtlich, aber natürlich benutzte ich die Übersetzungen. So hat mir Werner geholfen und wir waren auch mal tanzen zusammen, als unsere Väter gerade gekommen sind, aber da war seine Freundin mit dabei. Das wussten die Väter natürlich nicht.

Meine Eltern konnten dann die "Hopfenblüte" pachten, ein Lokal an der uralten Stadtmauer von Naumburg. Wir haben vorher schon immer die Biere vor Ort bezogen und die Weine, viel Saale-Unstrutwein und auch Sekt. Die Sektkellerei in Freiburg, wo wir Weine und Sekt bezogen haben, hieß Kloss und Förster. Die sind dann nach Westdeutschland gegangen. Damals lebte die alte Frau Kloss noch und die hatten verschiedene Gaststätten. Das war so üblich, dass ein Weingut auch Gaststätten hatte und so konnten meine Eltern die Gaststätte pachten, das ganze Haus mit Vereinszimmer und Kegelbahn und Wohnung. Die Anfänge habe ich noch mitgekriegt und dann war ich zweimal zu Besuch, bis ich ein für die Deutsche Demokratische Republik "unwürdiges Subjekt" wurde. Dann durfte ich nicht mehr hin. 1954 und 1955 war ich noch dort. Das erste Mal noch mit Uta alleine und das zweite Mal war auch Anke schon unterwegs. Ich kannte Frau Kloss von früher. Es gab also damals schon den Rotkäppchensekt und Saale-Unstrut-Weine. Meine Eltern waren nicht in der HO und auch nicht beim Konsum, denn sie wollten sich nicht organisieren lassen. Dadurch wurde mein Vater nicht mehr beliefert. Er kriegte sozusagen das, was übrig war. Und da haben meine Eltern sich auf - heute würde man sagen "Naturkost" - spezialisieren müssen. Es gab Salate, Eierspeisen, auch mal Fleisch und Fisch und vor allem Pilzgerichte. Die Anfänge waren nicht so einfach. Wir haben alle nicht so den Drang gehabt, uns irgendwelchen Vereinigungen anzuschließen. Meine Eltern haben sich auch mit Erfolg bemüht, keine Ämter in der Öffentlichkeit zu übernehmen. Die wollten sie gerne haben, auch meinen Vater als Schützenkönig, aber da hat er immer abgelehnt, genau wie meine Mutter in der Frauenschaft. Sie hat immer gesagt, zu solchen Sachen hätte sie keine Zeit, sie wäre genug kriegsdienstlich eingesetzt, sie müsste die verwundeten Soldaten betreuen.

Ich bin praktisch bei Nacht und Nebel weggegangen. Ich habe mir mein Zeugnis noch geben lassen und habe dann zu Hause gesagt: "Ich fahre nach Sylt." Nicht, dass ich nicht wiederkommen wollte. Ich habe mich sozusagen einfach mit meinem Koffer in Marsch gesetzt. Ich hatte vorher ein Gespräch mit unseren zwei Schuldirektoren. Die hatten mich - nicht mich alleine, sondern auch noch eine Freundin - zu sich bestellt. Ihr Onkel war zu der Zeit Bürgermeister in Naumburg und die wohnten auch zusammen. Wir wurden beide hinbestellt, wurden einzeln rein gerufen und kriegten ungefähr das gleiche zu hören. Zu der Zeit wurden nur Ingenieure und Ärzte gebraucht und etwas anderes durfte auch nicht studiert werden. Weil wir keine Arbeiter- und Bauernkinder wären, müssten wir etwas dafür tun, um studieren zu dürfen. Wir sollten erst mal auf dem Bau arbeiten und anschließend Ingenieur werden oder Krankenschwester oder medizinische Assistentin werden, um dann vielleicht zum Medizinstudium zugelassen zu werden. Wir hatten sozusagen Fachabitur und man musste dann schon entscheiden, was man machen wollte. Sie wollten auch, dass wir Spitzeldienste machten. Inge Becker hatte man gedroht, da ihr Onkel Bürgermeister wäre - ihr Vater lebte nicht mehr, der war wohl gefallen - müsste sie sich besonders anstrengen. Mir hat man gesagt, mein Vater wäre ja gerade aus dem KZ gekommen und könnte genauso schnell wieder reinkommen. Dann hat man uns ein Schreiben vorgelegt. Wir sollten unterschreiben und nach diesen Worten haben wir das natürlich auch getan. Und dann habe ich zu mir selber gesagt, so das war's. Hier musst du weg, weil ich das ja nun absolut nicht wollte. Bei meinen Eltern verkehrten auch Leute, die dem damaligen System in der SBZ nicht genehm waren. Und die auszuspionieren kam für mich natürlich überhaupt nicht in Frage. Da habe ich mich in der gleichen Nacht in den Zug gesetzt und bin abgehauen. Ich kriegte allerdings von einem Schulkameraden, der zur Stadt-FDJ gehörte - wir haben ihn immer "Oma" genannt, weiß der Deubel, warum - ein paar Tage vorher eine Warnung. Der sagte: "Du Elke, es wäre besser, wenn du dich dünne machst." So hat er sich damals ausgedrückt. Wir haben ziemlich offen rebelliert, also uns passte das ganze System nicht. Uns hat es vorher nicht gepasst und jetzt passte es uns schon gar nicht mehr. Wir wollten Freiheit. Wenn du gesagt bekommst, du kannst nur das eine machen. Ich wollte ja damals schon Geschichte und Archäologie studieren. Das kam auch durch meinen tollen Geschichtslehrer, Dr. Meier. Mein Lebenstraum war, irgendwo still und leise in Ägypten oder anderswo zu sitzen und im Sand zu buddeln. So hatte ich mir das eigentlich vorgestellt. Und wenn du dann zu hören kriegst, du kannst entweder Ingenieur werden oder vielleicht Medizin studieren. Ich hatte zu beidem absolut keine Lust. Ich wollte das nicht und vor allem - das war wohl der Hauptgrund - wollte ich mir nicht vorschreiben lassen, was ich zu tun und zu lassen hatte. Das war ich mein Leben lang nicht gewöhnt.

Meine Fahrt war sehr abenteuerlich. Ich bin ziemlich unbedarft an die Grenze gekommen, habe mich dort erst mal umgesehen und erkundigt und fand andere, die den gleichen Weg vorhatten, von Hötensleben nach Schöningen. Das war im Harz, irgendwo bei Helmstedt. Zwischen den beiden Dörfern war ein kleiner Fluss. Wenn man den Fluss überwunden hatte, war man auf der anderen Seite. Zu der Zeit gab es noch keinen Zaun. Es war eher ein Bach, durch den man musste, etwa 5 Meter breit. Jeden Tag gingen da Gruppen durch. Einer führte unsere Gruppe am helllichten Tag. Zu der Zeit ging man noch ziemlich unbedarft rüber. Kurz bevor wir an der Grenze ankamen, wurden wir von Russen geschnappt. Die brachten uns zurück und sperrten uns den Tag über ein. Da mussten wir Küchendienst machen. Ich musste Bohnen putzen. Am Abend kriegten wir eine Verwarnung und sollten zusehen, dass wir nach Hause kamen. Das wollte natürlich keiner, also haben wir uns wieder in kleineren Gruppen zusammengefunden und sind diesmal im Dunkeln los. Wir sind durch den Fluss gewatet. Ich war todmüde. Man ging ja noch nicht in Hosen. Ich hatte so ein kleines Kostüm an und habe meinen Koffer hinter mir hergezogen. Alles war sehr nass. Wir kamen auf ein Feld und sind einfach weitergelaufen bis uns ein Wagen entgegen kam. Das waren westdeutsche Grenzpolizisten. Die haben uns mitgenommen und gaben uns etwas zu trinken und sie meinten, wir sollten einen Lastwagen anhalten. Es würden dort Fernfahrer unterwegs sein. Wir hielten einen Lastwagen an, der lud die Leute hinten drauf, ich sollte mit vorne sitzen. Der Fahrer wurde dann später sehr "freundlich", so dass ich mich lieber mit nach hinten setzte.

Elke Roßberg (13, links) mit Schwester Birgit und Mutter Antonie, Weihnachten 1946Elke Roßberg (13, links) mit Schwester Birgit und Mutter Antonie, Weihnachten 1946

In Bremen wurde ich auf dem Marktplatz abgesetzt und dann habe ich mich durchgefragt, bis ich zum jüngsten Bruder meiner Mutter, Onkel Hansi und seiner Frau Annegret kam. Die beiden hatten eine Tochter, die etwa 4 Jahre alt war. Ich blieb dann ein paar Tage und wollte eigentlich per Anhalter weiter. Ich hatte nicht mehr so viel Geld, weil ich einiges für die Lastwagenfahrt losgeworden war. Aber sie bestanden darauf, dass ich mit dem Zug weiter nach Hamburg fuhr zu meiner Patentante, Tante Inge. Von dort bin ich mit dem Zug nach Sylt gefahren.

 

Doris Siepmann, Oberhausen

Meine Erinnerungen an Naumburg von 1944 - 1954

Ich bin 1944 am Topfmarkt 11 geboren und habe dort bis 1950 gewohnt, dann zogen wir zum Lindenring 6.

Kinderwagenerster Schultag

Von dort eingeschult in die Salztor- bzw. Michaelis- Schule in der Schulstr. Später kam ich in die Georgenschule. Meine Lehrerin war Frau Hanna Dehmel, an einige Mitschülerinnen kann ich mich auch noch erinnern: Doris Mommert, Christa König, Gudrun Bobbe , Heidrun Wötzel, Thea Nitze, Ursula Schäpe, Susi Neumann, Marlies Wachsmuth, Waltraud Bauer (alles Einträge in mein Poesie Album aus dem Jahr 1953, leider habe ich aber nie wieder Kontakt zu ihnen gehabt.

Klassenfoto GeorgenschuleDie Kinder der 3. Klasse Georgenschule Naumburg

Meine Mutter wurde 1916 in Oberhausen /Rheinland als 1. von 7 Kindern 1916 geboren, ging dort zur Schule, machte ihre Ausbildung und arbeitete als Verkäuferin in einem Kolonialwarenladen.

Anfang 1938 verließ sie ihre Heimat zusammen mit der Freundin aus Oberhausen “Luise Jeschke” und folgte dem “Ruf des Vaterlandes “ als Hilfsschwester zu arbeiten, Menschen zu pflegen und die Geburtshilfe zu erlernen bzw. der Hebamme zur Seite zu stehen. Nach welchen Kriterien auch immer, wurden sie ins Städtische Krankenhaus nach NAUMBURG beordert.

Am Krankenhaus Am Portal zum Krankenhaus, rechts außen “Schwester Maria Leipertz” meine Mutter
Krankenhaus-Schwestern Die Mitschwestern im Krankenhaus Naumburg

Nach sehr kurzer Schwesternzeit infizierte meine Mutter sich mit TB und Diphtherie, und wurde auf die Isolierstation des Krankenhauses verbannt. Als es ihr nach mehreren Wochen wieder etwas besser ging, teilte man ihr auf mysteriöse Art mit, dass die Freundin Luise Jeschke und damals ihr einziger nahe stehende Mensch in Naumburg, bei einem Angriff des Feindes, im Einsatz in einer anderen Stadt zu Tode kam. Keine nähere Information, kein wie und wo, keine Grabstelle, trotz vieler Nachfragen. Meine Mutter war verzweifelt, traurig und wütend auf die Menschen die Ihr die liebe Freundin weggeschickt bzw. genommen hatten. Nach ihrer Genesung wollte sie nicht mehr in diesem Krankenhaus arbeiten, und kündigte. Einem Patienten erzählte sie ihre Situation und dass sie ja sowieso gelernte Verkäuferin wäre und nicht mehr Krankenschwester sein wolle. Dieser Patient sagte ihr, sie solle doch mal in “ Eckard́s Weinstuben “ am Topfmarkt 11 vorsprechen. Dort wären seine beiden Söhne ( Moritz + ? ) beschäftigt und wären jetzt zum Kriegsdienst einberufen worden, da würde sicher eine Verkaufskraft gebraucht. Auch der Sohn von Eckard́s “Helmut” wäre wohl einberufen und man würde Arbeitskräfte suchen, zum Bedienen in der Weinstube und auch eine Verkäuferin im Feinkostladen. Sie fragte an und wurde dort ab Okt. 1938 eingestellt und wohnte auch im Hause bei Eckard́s, Topfmarkt 11.

Neben dem Bedienen im Laden und in der Weinstube wurden auch Arbeiten im Weinberg, Weinflaschen spülen, abfüllen, verkorken, etikettieren, einlagern und vieles mehr von ihr erwartet und ausgeführt.

Ein schlimmes Erlebnis befreite sie von der schweren Arbeit im Eckardschen Weinberg: Bei Arbeiten im Weinberg war plötzlich ein Bienenschwarm um ihren Kopf herum, sie rannte zu einer Wassertonne und steckte den Kopf tief ins Wasser, das rettete sie, aber etliche Stiche und Stachelentfernung beim Arzt ließen sie lange leiden. Noch heute hat sie höllische Angst vor Bienen und Insekten.

Die Weinfässer wurden damals im Keller Topfmarkt 11 und in den Kellern der Nachbarhäuser eingelagert. Ein Teil der Flaschen war auch in dem Keller eingelagert, in welchen die Familie und Hausbewohner sich in der Kriegszeit bei Bombenalarm begeben mussten. Mich brachte man damals im Kinderwagen dort hinunter und nach dem Verlassen des Kellers lag die eine oder andere Flasche Wein, an meinen Füßen, im Kinderwagen. Man sagte: “ Das muss der heilige Geist gewesen sein “. Wer sonst? Aber das war schon ein paar Jahre später, nachdem meine Mutter am 6. Sept. 1941 Herrn Artur Rößler genannt Akki, geheiratet hatte.

Hochzeit v. l. n. r. Tante Berti Schwester meiner Mutter, Bummelchen, Freund meines Vaters Helmut König, Tante Marta Schwester meines Vaters, Renate, vorne das Brautpaar.

Im Dienste bei der Familie Eckard kochte ein Frl. Friedchen Stichling für die Angestellten unter anderem, oft ” Kartoffelsuppe” welche meine Mutter überhaupt nicht mochte (wegen diverser Gewürze und dicken Kartoffelstücken). Und eben wegen dieser Suppe packte meine Mutter eines Tages ihre Habseligkeiten und wollte weg vom Topfmarkt und Eckard́s, weg nach Hause. Als sie aus dem Haus kam, durch das große Tor neben der Weinstube, standen da zwei Herren welche gerade die Weinstube verlassen hatten, sie redeten meine weinende Mutter an, und fragten ob sie helfen könnten. Sie erzählte ihr Leid und dass sie weg wolle. Die beiden Herren konnten meine Mutter überreden, in so unsicheren Zeiten nur wegen einer dummen “Kartoffelsuppe” ihre doch relativ sichere Bleibe zu verlassen. Auch eine Kollegin aus der Weinstube bei Eckard eine “Fanni Hinterholzer “aus Kitzbühl oder St. Johann in Tirol redeten meiner Mutter damals gut zu, und sie blieb da.

Fanni Hinterholzer Fanni Hinterholzer

Na ja, die Zeit verging und 1941 hat sie dann einen der beiden Herren geheiratet und der andere Herr ”Willi König” war mit seiner Freundin, genannt “Bummelchen” Trauzeugen. Noch heute ist meiner Mutter “Kartoffelsuppe “ ein Graus und sie hungert eher, als welche zu essen.

Nach der Hochzeit richtete man im Hinterhaus Topfmarkt 11, eine kleine Wohnung (Toilette im Flur) ein. Zur Eheschließung bekam man damals einen Bezugschein über 350 Mark zum Erweb einer Wäschewanne voll Hausrat, einzulösen in einem Hausratgeschäft, wegen einer Trauung. Meine Mutter arbeitete weiter bei Eckard und mein Vater war Drucker erst bei ” Sieling” später am Bahnhof bei “Tribüne”.

Der Gesellenbrief meines Vaters ein so genannter “Gautschbrief” der G.Patzschen Buchdruckerei , Naumburg, aus dem Jahr 1923, bestätigt durch den Gautschmeister Franz Schilling, dem 1. Packer Emil Heise, dem 2. Pakker Hermann Kulusa, dem 1. Schwammhalter Walter Großer und dem 2. Schwammhalter Conrad Lurtz, hängt noch heute bei mir an der Wand. Später war mein Vater oft der Gautschmeister selber, in Ausübung seines Berufes, und hat die Reden zu den Gautschfeiern der jungen Buchdrucker gehalten. Ich musste immer seine Gautschreden abhören, die er verfasste.

Hier wäre noch zu sagen, dass 5 weitere Geschwister meines Vaters in Naumburg geboren aber durch Heirat aus Naumburg weg zogen, aber alle kinderlos waren. Mein Vater war der jüngste Sohn des Hermann Otto Rößler (gelernter Steinmetz) und Friedericke Auguste geb. Röbenack, damals wohnhaft Naumburg, Große Wenzelstr. 26.

Geschäft Der kleine Junge vorne links ist mein Vater Leider weiß ich nicht wo dieses Haus ist, auf jeden Fall in Naumburg, aber nicht Wenzelstr. 26.
Gruppenfoto v.l.n.r. Renate, meine Mutter, Onkel Otto, Tante Marta, Frau Schrader, Onkel Hermann, Tante Else, mein Vater, Tante Mila, im weißen Kleid ich ca.8 J vor dem Haus Linsenberg 3

Der Weg zum Linsenberg führte entweder über Grochlitzer Str. oder Schönburger Str. hier kam man einem Haus vorbei wo man oft Babygeschrei hörte, das war damals die Babykrippe wo ich mir überhaupt nichts drunter vorstellen konnte.

Die Tochter meiner Tante Marta “Renate” war verlobt mit dem Sohn einer Frau Rosa Schrader wohnhaft Linsenberg 3, der Verlobte fiel im Krieg und Renate wurde von Frau Schrader adoptiert und erhielt deren Mädchennamen Bierwirth (aus erbrechtlichen Gründen). Ich glaube sie war in Naumburg beim Stadtamt und auch als Schöffin beim Landgericht beschäftigt, aber genau weiß ich nicht was sie beruflich tat. Auch sie ist inzwischen verstorben. Nun war diese Frau Schrader zuvor mit einem Bürgermeister aus Schafstett (?), verheiratet. Nach dessen Tod war meine Tante “Marta” älteste Schwester meines Vaters, Gesellschafterin bei Frau Bürgermeisterin Schrader, ja sie ließ sich so anreden, nur ich durfte Tante Schrader zu ihr sagen. Ihr Haus war wie gesagt Naumburg Linsenberg 3, ein Paradies für mich. Es gab einen wunderschönen Garten, einen Dachboden, (von welchem mein Bruder Wolfgang so manches Teil “aussortierte”) mehrere Kellerräume, durch welche man in den Garten gelangte, Küche separat, Schlafzimmer mit kleinem Wintergarten, 1 Esszimmer , 2 Wohnzimmer, aus meiner damaligen Sicht einfach märchenhaft, weil unsere eigenen Wohnverhältnisse wohl sehr bescheiden waren. Ich war oft dort, obwohl nicht immer gerne, weil man besonders brav, manierlich und höflich sein musste. In diesem Haus gab es so wunderbare Sachen wie einen Kachelofen in jedem Zimmer, eine Ledereck- Sitzbank im Essbereich, herrliches Geschirr, viele Bücher, wunderschöne Glaswaren in Glasschränken, gehäkelte Decken und Blumenvasen auf den Tischen, dicke Teppiche und viele Bilder und Spiegel an den Wänden. Nur das Klo war mir suspekt, im Treppenhaus ein paar Stufen runter, und oberhalb hing ein Wasserkasten mit Strippe, der auch ständig im Winter einfror. Dann musste man einen Eimer mit warmen Wasser aus der Küche mit zur Toilette nehmen und spülen.

Bei Tante Schrader gab es auch wunderbare “Märchenbücher” die standen im Glasschrank , aber wenn ich versprach vorsichtig zu sein, durfte ich sie mir ansehen, lesen konnte ich ja noch nicht. Jede Geschichte hatte viele Bilder (ich denke es waren diese Zigarettenbilder Alben) Manchmal las mir auch jemand etwas vor. Da war die Geschichte vom “ Dilldopp” oder vom “Dicken, fetten Pfannekuchen” der “Kanntapper-Kanntapper” zur Stadt raus lief, und viele, viele Geschichten mehr. Später bekam ich auch das eine oder andere Buch geschenkt, wenn ich versprach immer fleißig zu lesen. Tante Schrader hatte immer dunkle lange Kleider an, mit Rüschen am Hals und einer “Gemme” aus Elfenbein.

Frau Schrader Frau “Bürgermeisterin” Schrader

Im ihrem Garten habe ich einmal von ihren Passionsblumen 12 oder mehr große aufgeblühte Blüten abgepflückt, mit Gras und Stiefmütterchen zusammen gelegt und ihr gebracht. Ich dachte sie würde sich darüber freuen, aber da hatte ich mich gründlich verkalkuliert. Ich hatte von ihrem “ganzen Stolz “ einfach die Blüten gekappt. Das hat sie mir wohl nie verziehen. Es flossen Tränen, und nach tüchtiger Schimpfe durfte ich eine Zeit lang nicht mehr alleine in den Garten. Familienfeste und Geburtstagsfeiern, auch Weihnachten und Ostern gingen wir zum Linsenberg zu Tante Marta, Frau Schrader und Renate. Man besuchte sich damals oft, wohl auch weil der Tisch immer relativ gut gedeckt war. An einem Weihnachtfest, ich war 5 oder 6 Jahre bekam ich, nachdem ich unter dem Tannenbaum mit Knicks und Verbeugung ein langes Gedicht vorgetragen hatte, (Mein Vater hatte es mir gelernt und ich kann es heute noch, fand den originalen Text aber nie in einem Buch) einen Puppenwagen mit einer großen Puppe darin geschenkt. Heute würde es mir Tränen in die Augen treiben wenn ich so ein Teil bekäme, aber damals habe ich dazu gesagt,: ”Da wird der Hahn im Korb verrückt und der Hund springt aus der Pfanne, mit dem Ding soll ich auf dem Lindenring spazieren gehen.” Das hat man mir sehr übel genommen, und immer wieder vorgehalten in späteren Jahren. Ich war enttäuscht und hätte viel lieber einen kleinen einfachen Holzkarren gehabt.

Dieser Puppenwagen war ein Traum aus Tante Schraders Kinderspielzeug-Sammlung. Weißer Lack, Lederriemenfederung hoher Schiebegriff, an den Seiten geprägte Blütenranken, Lederkuppel ausgeschlagen mit weißer Seide und in den Rüschenkissen saß eine Puppendame mit Porzellankopf, Schlafaugen, echtem langen Haar, Ledergelenken, Rüschenunterwäsche, rotem Samtkleid, Lederschühchen und weißen Strümpfen. Heute ein Traum, ein Prachtexemplar, für mich damals Horrorvorstellung damit auf die Straße zu gehen und den Freundinnen zu zeigen, er war schon damals ein Nostalgiestück. Ich weiß nicht wo er geblieben ist, nach dem ich 1954 aus Naumburg von meiner Oma abgeholt wurde, aber das ist eine andere aufregende Geschichte.

Manchmal besuchten wir den Onkel und die Tante in Bad Kösen. Über die Höhen waren das ca. 7 km zu laufen am “Himmelreich” einem Sommerlokal, gab es eine Erfrischung oder man hatte etwas mitgenommen, und setzte sich irgendwo auf die Wiese, heute nennt man das Picknick. In Bad Kösen spazierte man einmal um die Saline und sah Max und Moritz beim Schaukeln zu, diese saßen auf der Solepumpe als große Figuren. Die Wohnung von Onkel Otto und Tante Else war auf der Borlachstrasse, in der Nähe war die Werkstatt von Käte Kruse. Zwei ihrer Puppenkinder saßen immer auf dem Sofa bei der Tante und ich durfte mit ihnen sehr vorsichtig spielen. Im Garten gab es verschiedene Apfelbäume auf die der Onkel sehr stolz war. Sie hießen Berlepsch, Goldparmäne oder Sternrenette und dufteten und schmeckten herrlich ( so duften heute keine Äpfel mehr) und zur rechten Zeit bekamen wir auch ein paar Äpfel mit auf den Heimweg. Zurück ging es mit dem Zug, vorbei an der “Glocke” einem Berg wo das Korn so angebaut war, das das Feld aus der Ferne im Sommer aussah wie eine riesige Glocke. Dann fuhr man mit der Ringbahn ( Bimmel) bis zum Salztor bzw. “ Schwarzen Ross” und kam todmüde zu Hause an.

Ein Bruder meines Vaters “Onkel Hermann” und seine Frau “Tante Mila” wohnten auf der Eckardstr. 14. Im Garten hinter ihrem Haus stand auch ein großer alter Kirschbaum welcher die herrlichsten Früchte trug. Zur rechten Zeit wohl (Kirschfestzeit) bekam ich auch ein kleines Körbchen voll, aber sonst kann ich mich an die beiden nicht recht erinnern. Eher an die Kirmes/Rummel die zur Kirschfestzeit auf der “Vogelwiese “ aufgebaut war. Das war immer ein ganz besonderes Vergnügen. Einmal Ketten-Karussell und ein paar Lose an der Losbude spendierte der Vater. Mit meinem Bruder zusammen schafften wir den Schiff-Schaukel-Überschlag - unvorstellbare Sicherheitsmaßnahmen - nur am Handgelenk einen Lederriemen. und dann über Kopf rund und rund, hinterher war man total duselig im Kopf. Dann gab es noch den Affenkäfig in welchem man stehend mit eigener Kraft den Käfig über seine Achse schwingen musste. Einmal habe ich einen hässlichen Plüschaffen gewonnen. An dessen Armen und Beinen waren Fäden, so eine Art Marionette mit dem ich nichts anfangen konnte. Ich habe ihn noch nicht mal mit nachhause genommen. Aber irgendwie wollte ich immer etwas gewinnen.

Auch in Berlin-Falkensee, Seepromenade 47 war ich einmal.(1948/49) zu Besuch bei der Tante Marie einer Schwester meines Vaters.

Wir fuhren mit dem Zug vom Naumburger Bahnhof und das war immer ein großes Erlebnis für mich, am Bahnsteig zu stehen und auf das schwarze Ungetüm zu warten, auch auf das Ratter die ratter die ratter das monotone Geräusch der Räder des Zuges, freute ich mich. Tante Marie war verheiratet mit einem Willi Hadert, welcher wohl beim Rundfunk was zu sagen hatte, so wurde erzählt. Ich habe noch eine alte Schellack-Schallplatte auf welcher er “In diesen heiĺgen Hallen “ singt. (Na ja keine HIFI Aufnahme aber Nostalgie). Mit der Tante Marta und dem Onkel Otto aus Bad Kösen war ich dort. Tante Marie und der Onkel wohnten dort gegenüber dem Strandbad Falkensee wo ich das schwimmen übte. Ob ich es in der Zeit gelernt habe, weiß ich nicht mehr. Was mir aber in Erinnerung ist, das wir dort mit mehreren Leuten ( wohl Nachbarn) auf geheimnisvollen Wegen irgendwie in den Westsektor geschleust wurden, eine direkte Grenze war da noch nicht. (für mich waren das so genannte West-Ausflüge) und ich bekam wohl die ersten Bananen zu essen, aber am Abend waren wir immer wieder zurück in Falkensee im Haus von Tante Marie und Onkel Willi Hadert.

Zurück ins Jahr 1944, im Ruhrgebiet war schon viel zerbombt, auch das Zechenhaus in Oberhausen in welchem meine Großeltern mit ihren nicht mehr so kleinen Kindern lebten. Der jüngste Bruder meiner Mutter (“Engelbert “damals 9 Jahre) wurde wegen der Bombardierungen im Ruhrgebiet nach Naumburg geschickt bzw. gebracht und kam zur Familie Rößler, Topfmarkt 11.

gruppenfoto v.l.n.r. Tante Berti ( Schwester meiner Mutter), Wolfgang ( Sohn aus 1. Ehe meines Vaters), meine Mutter, ich6-7 Mon., Tante Marta ( Schwester meines Vaters) im Bürgergarten.

Man glaubte Naumburg würde von Bomben verschont.

Als auch noch 1944 die Frau aus der 1. Ehe meines Vaters verstarb, bei welcher deren beider Sohn Wolfgang bis dahin lebte, kam dieser “Wolfgang” als 11jähriger nun auch noch zur Familie Rößler Topfmarkt 11, nun war das Chaos in der 2 Zimmer Wohnung perfekt. Plötzlich waren für meine Mutter 3 Kinder zu versorgen. Über den Einfluss großer Weltgeschichte und die familiären Glücks- und Unglücksgeschichten gäbe es noch viele Geschichten zu schreiben.

Eine Schwester meiner Mutter “ Tante Berti “war in Nienburg oder auch Quedlinburg als Funkerin bei der Wehrmacht eingesetzt, sie setzte sich irgendwann von ihrer Einsatzstelle ab ( wie auch immer weiß ich nicht) und wohnte auch noch zeitweise bei uns.

Tante Berti Tante Berti

Sie bediente dann wohl auch mit in der Weinstube als sie bei uns war, und half meiner Mutter in der Zeit bevor und nachdem ich geboren wurde. Sie fuhr mit einem der letzten amerikanischen Truppen-Transport-LKẂs , die Naumburg verließen, wieder gen Westen nach Hause.

So war in der kleinen 2 Zimmer Wohnung im Hinterhaus 1. Etage Topfmarkt 11, oft viel Betrieb. Aber irgendwie ging Alles, und große und kleinere Aufregungen belebten den grauen Alltag.

Selbst ein Aquarium meines Bruders Wolfgang hatte in der kleinen Wohnung oder auf dem Flur, noch irgendwo Platz, aber als die Guppís und Schleierschwänze kurz vorm einfrieren standen ( das muss wohl im Winter 1947 gewesen sein), stellte man das Aquarium in die Nähe des bullernden Herdes, irgendwann gab es einen Knall und die Fischchen schwammen und verendeten auf dem Fußboden . Ein weiteres Ärgernis bereitete die Mäusezucht meines Bruders, meiner Mutter. Als die Tierchen sich stark vermehrt hatten, hieß es für meine Mutter entweder die Mäuse kommen raus, oder ich gehe. Sie siegte und die Mäuse wurden an die Freunde von Wolfgang verteilt.

Einer seiner Freunde wohnte in der Jüdengasse und hieß Klaus Böttcher. Auch die Wäscherolle bzw. Kaltmangel war dort. Wenn ich mit meiner Mutter dorthin ging mit einem Korb voll Wäsche, hatte ich immer einen “Heidenrespekt“ vor dem großen polternden Ungetüm. Wenn der Motor auch noch Krach machte und die Rollen, in welche die Wäsche zwischen Tücher eingelegt wurde, sich hin und zurück bewegten, durfte ich mich nicht von meinem Platz in der Ecke wegrühren. ( Kindern war der Zutritt sowieso verboten)

Hinter unserer 2 Zimmerwohnung, hatten die Rechtanwälte“ Patschke“ und “Weimar” welche im Vorderhaus in der 1. Etage ihre Kanzleien hatten, noch ein Aktenzimmer. Dort wurde mein großer Bruder Wolfgang einquartiert. Ich erinnere mich, dass man eines Tages durch die Zimmerdecke in den Himmel sehen konnte. (Oder weil immer wieder davon gesprochen wurde, glaube ich es gesehen zu haben.)

Spaziergang Ich war ja im April 1945 gerade mal erst 1 Jahr 3 Mon. alt).

Da wo Wolfgangs Bett stand, lag ein großer Berg Schutt, und die gelagerten Akten flogen überall im Zimmer rum, von unserer Küche fehlte auch ein Stück Wand und der Herd auf welchem gerade noch ein Topf mit Essen stand, hing schief unter dem Schutt. Eine Luftmiene hatte auch unsere Wohnung getroffen. Es muss wohl eine aus der Serie gewesen sein, als auch die Sparkasse und die Druckerei “Sieling?”, wo das so genannte “Blättchen” gedruckt wurde, an der Ecke Topfmarkt/Gutenbergstr. getroffen wurden. Wir waren im Keller, und der Eingang war total verschüttet. Durch ein kleines Kellerfenster schob man Wolfgang ( er war der Kleinste und Schmalste gerade 12 Jahre) nach draußen und er buddelte allein den Zugang zum Keller, welcher in der Toreinfahrt Topfmarkt 11 war, mühsam frei, damit die Leute raus konnten. Er machte das große Tor nach draußen auf und versuchte Hilfe zu holen, aber da fand er auch nur das große Chaos.

Aus dieser Zeit gibt es so viele kleine Geschichten die auch später oft erzählt wurden, die aber auch immer etwas anders klangen. Zum Beispiel musste ein Heer Zinnsoldaten aus Tante Schraders Schatztruhe den Weg der Schmelze gehen. Man konnte mit diesem Heer komplette Schlachten aufstellen, mit Kanonen und Pferden.́( Ich glaube dieses Heer wurde mit jedem Erzählen ein Stück größer und herrlicher). Wolfgang bestückte später leere Konservendosen mit dem kleinen Völkchen und verwandelte es über einem Essbitbrenner in Lötzinnstangen, welche beim Klempner eingetauscht wurden, gegen was weiß ich. Er kam auch oft mit einem Rucksack voll Kohlen nach Hause, abgefüllt von Güterzügen. Als das Heereszeugamt bombardiert wurde schleppte er was er tragen konnte an. Vermeintliches Schmalz in Dosen war leider nur weiße Farbe, aber auch diese wurde gegen was “Essbares “eingetauscht. Mein Bruder war überall dabei, was verboten war. Mehrmals wurde er auch verletzt weil er mit explosiven, chemischen Materialien experimentiert hatte, ( Knallfrösche gebastelt) oder versucht hat gefundene nicht explodierte Patronen oder Granaten zu öffnen.

Aber ich denke auch, diese Zeit und die Not schuf ihre eigenen Gesetze.

Später ging er in die Elektriker Lehre Ecke Wenzelstr./Wenzelgasse bzw. beim Comunalen Wirtschaftunternehmen der Stadt Naumburg unter Direktor Seja, das war 1948.

Mein Vater wurde 1944 im Sept. noch zum Kriegsdienst einberufen, er war damals 44 J. ( als Drucker war er in der Zeit auch mit Aufträgen fürs Militär beschäftigt und irgendwie vorher nicht entbehrlich), er geriet aber bald schon in amerikanische Gefangenschaft, und kehrte ende 1945 aus München/Riem per Lastwagen nach Naumburg zur Familie zurück. Er kam völlig zerlumpt und verdreckt an, seine Sachen wurden sofort verbrannt und heizten einen großen Waschkessel mit Wasser auf. Man stellte eine Wanne in den Flur, irgendwoher wurde ein Stück Kernseife geholt und der Heimkehrer wurde gründlich gebadet. Er war so dünn und ausgezehrt, dass seine alten Sachen von früher nur so an ihm herumschlackerten. Die Schneiderin, Frau Napieralla, ich glaube sie wohnte auf der Fischstr. musste ihm erst mal einige Sachen zurecht schneidern. Sie hatte auch schon das Brautkleid meiner Mutter geschneidert und auch für mich nähte sie Sachen aus Stoffen welche Tante Marta bei “Weidner” aussuchte. Damals war ein schöner bunter Stoff ein feines Geschenk. Mein Vater selber hat später aus dieser Zeit nur sehr wenig erzählt.

Ich ging in den Kindergarten an der Stadtmauer. Zum Sommer- oder auch Abschlussfest führten wir für die Eltern die Geschichten vom “Goldtöchterchen” auf. Ich durfte das “Goldtöchterchen “sein.

Im Kindergarten auf der Liege ich, dahinter meine “Eltern” und die Enten und Gänseblümchen aus der Geschichte
Familie Meine Mutter, ich, mein Vater auf der Stadtmauer am Kindergarten,1949.

In der Nähe vom Kindergarten hatte auch ein Imker seine Bienenzucht und ab und an brachte er ein Glas von der süßen Leckerei und alle Kinder bekamen ein Löffelchen voll zu schlecken, zum Trost weil auch schon mal ein Kind von seinen Bienen gestochen wurde. Wir Kinder hatten auch damals schon ein kleines Beet im KINDERGARTEN an der Mauer, welches wir selber pflegen und gießen durften. Wir hatten Bauernblumen/Ringelblumen gesät und beobachteten wie aus diesen kleinen Würmchensamen wunderschöne Blumen wurden. Diese Arbeiten machen mir auch heute noch Freude, säen, pflanzen, gießen im kleinen Rahmen im Glashaus, auf dem Balkon und im Garten.

Meine Schulzeit in Naumburg begann 1950 in der Salztor bzw. Michaelis-Schule auf der Schulstrasse und sie endete (vorerst )Anfang 1954 in der Georgenschule. Ein Zeugnis bekam ich nicht, weil meine Oma mich einfach so mitgenommen hat ohne Schulabmeldung, und die Zeugnishefte blieben damals in der Schule. Jedoch existiert ein Einzel-Exemplar vom 20. Juni 1953 unterzeichnet vom Schulleiter Wendt und Klassenleiter Kortenhaus. Davon etwas später in meiner Geschichte mehr.

Ein beliebter Spielplatz war die “Sandkuhle “ oder hieß der Platz “Lehmkuhle“? Obwohl die Eltern es verboten hatten dort zu spielen, weil dort angeblich Zigeuner lebten, und die Kinder mitnahmen. Jedenfalls zogen wir (oder Wolfgang nahm mich mit) immer wieder mit einer Gruppe Kinder dorthin und spielten abenteuerlich, “Schnitzeljagd” oder “Räuber und Gendarm”. Auch ein herrlich bunt lackierter, großer Ball welchen mir die Oma aus Oberhausen schickte, kam dort beim Fußballspiel zum Einsatz. Das hat er nicht lange überstanden und war kurz darauf nur noch ein kleiner Matschball. Einmal bin ich dort von einem Dach gesprungen wohl ein Schuppen oder Garage, es war so eine Art Mutprobe. Mut hatte ich genug, aber für mich war es wohl zu hoch, denn wie ich nach Hause gekommen bin wusste ich nicht mehr. Nachdem ich gesprungen war bekam ich keine Luft mehr und alles war schwarz um mich herum. Ein paar Tage musste ich im Bett liegen, dann ging es mir wieder gut. Danach habe ich immer erst gut überlegt, ob man irgendwo runterspringen kann.

Im Winter zog ich mit meinem Bruder mit dem Schlitten zum Bürgergarten und der “Kirschberg” war eine herrliche Rodelbahn. Ich glaube einen Winter ohne Schnee gab es damals überhaupt nicht. Tante Berti organisierte damals auch irgendwo her 2 Paar Ski. Die waren zwar weiß angestrichen aber erfüllten hauptsächlich für Wolfgang ihren Zweck. Mit den kleineren habe ich es auch mal versucht rum zu rutschen, aber meine kleinen Schuhe passten überhaupt nicht in die Bindung.

Am “Posttöchterheim” habe ich einmal eine feine, neue, blaue Trachten-Strickjacke beim Spielen im Buchholzgraben liegen lassen. Die Oma hatte sie mir damals zusammen mit dem Ball geschickt. Nachdem ich es gemerkt hatte sind wir gleich zurück gegangen, und das war ein ganz schön langer Weg, aber das gute Stück war nicht mehr da.

Die Wenzelskirche war unsere Kletterwand, sowie auch das umlaufende Sims am Dom. Wir Kinder beherrschten es ganz gut über ganze Stücke dran entlang zu kraxeln, man durfte sich nur erwischen lassen.

Beim Türmer in der Wenzelskirche machten wir auch hin und wieder einen Besuch. Wolfgang kannte sich rund um die Kirche gut aus. Im kleinen Turm rechts vom Portal, belauschten wir auch manchmal die dort wohnenden Käuzchen, aber ich erinnere mich mit etwas gruseln an die doch morschen und lückenhaften Holzböden, Balken und Treppen darin.

Sonntagmorgens ging mein Vater regelmäßig zum “ Frühschoppen “ins “Lämmerschwänzchen” auf dem Lindenring, manchmal schickte die Mutter Wolfgang um auszurichten, das das Mittagessen fertig wäre. Dann hatte der Vater aber den “vorzüglichen Schweinebraten” dort schon gegessen, aber das durfte Wolfgang auf keinen Fall zu Hause sagen und der Vater verputzte auch zu Hause noch mal seine Sonntagsportion. Seit 2007 ist das “Lämmerschwänzchen” unwiederbringliche Geschichte, es wurde abgerissen. Der Vater hat dort mit seinen Freunden und um die Ecke im “Deutschen Haus “ auf dem Reußenplatz, so manches Bierchen getrunken. Wenn wir zu Hause Gäste hatten, wurde Wolfgang mit einem großen Bierseidel ( 3l ) geschickt um Bier zu holen. ( Da hatte man noch keinen Kasten mit Flaschenbier zu Hause).

Es muss so ca. 1950/51 gewesen sein , wir wohnten schon auf dem Lindenring, als in einer Nacht der Dachstuhl des Hauses Lindenring / Ecke Reußenplatz gegenüber der Bäckerei, in hellen Flammen stand. Viele Menschen, auch wir, beobachteten wie die Feuerwehr den Brand löschte. Ich weiß noch wie ich vor Aufregung schlottrige Beine hatte, so hohe Flammen hatte ich noch nie gesehen, und man hatte Angst, dass das Feuer auf andere Häuser überspringen konnte.

Auf dem Hof Lindenring 6, lernte ich Fahrrad fahren mit einem Herrenrad. Als kleine Göre steckte ich das rechte Bein durch die Gabel und betätigte die Pedale. Da ich kaum selber an den Lenken kam war das schon ein kleines Kunststück, so immer im kleinen Kreis zu fahren. Das Fahrrad gehörte meinem Bruder und bekam auch einmal eine “Einbrennlackierung”. Mit einer brennenden Kerze wurde die gelbe Grundfarbe stellenweise eingeschwärzt. Für mich sah das damals toll aus.

Nebenan war das Bildergeschäft “Konradi” ( heute ein Trödler Laden). Außerdem erinnere ich mich an eine alte Frau die ihre Katzen immer an der Leine spazieren führte, sie wohnte “Reußenplatz” und ein kleines Fenster von ihr ließ sie auf unseren Hof sehen. Wir Kinder riefen immer “Katzenminna” hinter ihr her. Das war frech und ungezogen. Damals gab es auch schon so genannte “Schrauber” Herr Mittwoch hatte auf dem Hof einen Schuppen in welchem sein Motorrad stand. In jeder freien Minute schraubte er an diesem Teil rum und Wolfgang war begeisterter “Mitschrauber”. Als das Ding dann doch einmal fuhr setzte es mein Bruder mit elegantem Schwung gegen das Hoftor. Weil er nicht wusste wie man bremsen musste. Mann und Maschine waren hübsch lediert.

Maifeier 2. von links mein Vater (ich glaube während einer Maifeier)

Im Sommer 1953 besuchten wir meine Großeltern in Oberhausen “im Westen” ( und das Elend nahm seinen Lauf ) . Wieder zurück in Naumburg erzählte mein Vater im Betrieb, er arbeitete damals in der Druckerei “Tribüne” davon, was man “DRÜBEN” schon alles kaufen konnte und dass es dort wirtschaftlich wunderbar bergauf ging, dass die Schaufenster voll Ware lägen, dass es Apfelsinen, Bananen und vieles zu kaufen gäbe, eben vom “Goldenen Westen”. Darauf hin legten ihm Freunde nahe, schnellstens die DDR zu verlassen weil er wegen Volksverhetzung und aufrührerischer Reden verhaftet werden sollte. Er verschwand daraufhin auch (für mich plötzlich) aus Naumburg. Wir wohnten damals schon länger auf dem Lindenring Nr. 6 und meine Mutter führte die Konsum Fleischerei in dem Haus.

Mit Blumenkranz Ich, vor dem Laden Lindenring 6

Hier bekamen wir eine Wohnung hinter dem Laden. Wolfgang bekam ein Zimmer im Hinterhaus, über den Hof rechts oben. Da war es im Winter allerdings ungemütlich kalt weil man das Zimmer nicht heizen konnte. Dort lagerte auch der Vorrat über den Winter, an Äpfeln die fein säuberlich in Stiegen übereinander gestapelt wurden . Der Vater kontrollierte die Äpfel auch ständig auf Fäulnis-Schäden, dann gab es Kompott aus den angeschlagenen Früchten. Auf jeden Fall hatten wir immer herrlich schmeckende Äpfel im Hause.

Irgendwann wurde dieser Fleischerladen geschlossen und meine Mutter führte eine HO Fleischerei auf der Wenzelstr. Nachdem sie auch in der HO Fleischerei am Georgentor und auch, HO Ecke Herrenstrasse und Lindenring, eingesetzt war.

Ich weiß noch genau wie ich dort (Wenzelstr.) nach der Schule, im Hinterraum die damals noch benötigten Lebensmittel- bzw. Fleischmarken auf Zeitungsblätter mit Pellkartoffeln aufkleben durfte, um die Marken besser zählen zu können.

Nachdem nun mein Vater spurlos verschwunden war, und meine Mutter keine Auskunft über seinen Aufenthaltsort geben konnte ( oder wollte), wurde in der Fleischerei eine Spontan-Inventur durchgeführt und meine Mutter unverzüglich wegen Unterschlagung verhaftet, weil unvorstellbare Mengen an Fleisch angeblich fehlten. Von der Stelle fort, ab ins Gefängnis nach Weißenfels. Niemand fragte danach was aus mir wurde. Ich stand so, mit 9 Jahren ganz allein da. Nachbarn, eine Familie Mittwoch sie wohnten auch Lindenring 6, nahmen mich auf.

Ehepaar Mittwoch Frau und Herr Mittwoch

Mal musste ich eine Zeit zur Tante Schrader nach der Schule, mal zu den Eltern der Frau Mittwoch irgendwo Nähe Buchholz,( die hatten einen kleinen Bauernhof), mal war ich bei Freunden der Eltern Familie “Neubert “auf der Sixtus-Braun- Str. einer lieben freundliche Familie untergebracht.

Ich glaube “Hugo Neubert “war ein Sportfreund von meinem Vater seit deren Jugendzeit. Ich weiß es aber nicht genau ob er auch auf diesem Foto ist.

Naumburger Fußballverein 1916 vorne links mein Vater (ich denke ca. 1916)

Wir hatten auf jeden Fall guten Kontakt mit Familie Neubert. Ich schlief auch ab und zu dort wenn unsere Eltern aus gingen. Leider riss der Kontakt zu Neubert́s vor ca. 30 Jahren ab . (Die Tochter “Irene” verheiratete “Kranz” war beim Standesamt der Stadt Naumburg beschäftigt ).

Oder ich war alleine in der Wohnung Lindenring. Mit einem Schlüssel um den Hals, von dem auch niemand etwas wissen durfte. So flog ich eine ganze Zeit hin und her, von einer Familie zur anderen und wusste nicht wie mir geschah. Heute habe ich keine genauen und schon gar keine guten Erinnerungen an diese Naumburger Zeit.

Familie Paul und Lieschen Mittwoch ( inzwischen auch verstorben) informierte irgendwie die Verwandtschaft und organisierten unter anderem, dass meine Oma aus Oberhausen kam und mich im Januar/Februar 1954 ganz offiziell mitnahm nach Oberhausen, (wo mein Vater schon war, aber das durfte ja keiner wissen). Es dauerte dann noch bis zum 1. Mai 1954 dass meine Mutter plötzlich in Oberhausen vor der Tür stand, wo mein Vater und ich froh und glücklich waren sie wieder zu haben. Die Familie war wieder vereint.

Nach Einschaltung der Anwälte, die eine erneute Durchrechnung der Inventur erzwungen hatten, musste man meine Mutter aus der Haft entlassen. Angeblich hatte man vergessen, die Lebensmittelmarken welche auf Zeitungen aufgeklebt waren und im Hinterzimmer des Ladens aufbewahrt wurden, bei der 1. Inventur mit zu zählen bzw. abzuziehen. Nun stimmte der Warenbestand wieder und man konnte ihr keinerlei Vorwürfe machen. Eine Entschädigung oder Entschuldigung der HO Zentrale für Fehlentscheidung oder Verleumdung wegen angeblicher Unterschlagung, hat es auch nie gegeben. Na ja, meine Mutter war ja auch nicht mehr zu erreichen. Sie fuhr sofort nach ihrer Entlassung ( ein Anwalt holte sie in Weißenfels ab) nach Berlin und flog während der 1. Mai-Kundgebungen von Tempelhof nach Düsseldorf . Nachbarn, Freunde und Verwandte hatten in Naumburg alles schon irgendwie organisiert, auch den Anwalt “ Weimar“. Man packte viele Pakete mit unseren Sachen aus der Wohnung und schickte diese, (bevor die Wohnung staatlich versiegelt wurde) von den verschiedensten Orten und unter den verschiedensten Absender-Angaben an die Adresse meiner Oma. So sind einige, relativ wenige, Sachen aus dieser Zeit in Naumburg noch heute in unserem Besitz. Natürlich blieb das meiste unseres Hausrates, viele Bücher, die Möbel, Wäsche, Kleidung und so manches dekorative Stück, in der Wohnung Lindenring, auch mein Puppenwagen und eine Menge Erinnerungen an Naumburg.

Mein großer Bruder war zu der Zeit bei der Volkspolizei - irgendwo - und hat von alledem nichts mitbekommen. Erst etliche Jahre später bekamen wir wieder Kontakt zu ihm.

Mein Vater verstarb 1974 und hat immer daran geglaubt, dass Deutschland wieder vereint würde. 1972 fuhr er noch mit einer organisierten “Leipziger-Messe-Bus-Fahrt“  von Oberhausen nach Leipzig. Eigentlich durfte man nur die Messe in Leipzig besuchen, aber man traf sich zu Hause beim Sohn Wolfgang in Leipzig, der inzwischen verheirat war. Mein Bruder fuhr damals auch unerlaubter Weise (er war zu der Zeit Taxifahrer in Leipzig) mit dem Vater eine Runde nach und durch Naumburg ohne auszusteigen. Die Angst, das bestehende Verbot - die vorgegebene Strecke zur Messe - Leipzig zu verlassen- und in Schwierigkeiten zu kommen war zu groß.

Damals 1972 war mein Vater erschüttert und sehr ergriffen, wie verfallen Naumburg, und nicht nur Naumburg sondern die ganze Region war. Sicher wäre er sehr erfreut, wenn er Naumburg heute noch einmal sehen könnte. So schön wie heute war “Naumburg “ wahrscheinlich auch in der guten alten Zeit seiner Jugend nicht. Er wäre jetzt 107 Jahre.

Meine Mutter ist 91 Jahre kann aber leider nicht mehr gut sehen, jedoch haben wir vor, in diesem Jahr mit ihr, Naumburg noch mal zu besuchen. Vielleicht ist dann Topfmarkt 11 auch wieder hergerichtet und keine Baustelle mehr. Oder das Nachbarhaus von Juwelier Reismann, die Tochter Christel Reismann war meine Spielfreundin und wir haben uns gegenseitig die Zöpfchen abgeschnitten, woraufhin es entsetzlichen Ärger mit den Eltern gab. Auch würde ich gerne mal ein Orgelkonzert in der Wenzels-Kirche (meiner Taufkirche) besuchen, im Bürgergarten spazieren gehen, oder im Blütengrund, an der Saale sitzen.

Ich habe noch genug Gründe auch in diesem Jahr Naumburg zu besuchen.

vor der Wenzelskirche

Ostersonntag am 9. April 1944 “St. Wenzelkirche” gegenüber unserem Wohnhaus Topfmarkt 11

Über eine ganz besondere Erinnerung an Naumburg muss ich noch berichten.

Es war im Jahr 1982. Der pure Zufall führte uns auf einen winzig kleinen Caravan- mehr Abstell- als Campingplatz am Plattensee in Ungarn. Auf einem Wohnwagen, nur ein paar Meter von Unserem entfernt, prangte ein großes Bild vom “Naumburger Dom”. Da wurde man ja neugierig. Wir sahen uns das KFZ-Schild an und stellten fest das diese Camper wirklich aus Naumburg kamen. Wir sprachen sie an und sie stellten sich mit “Rößler” vor. Meine Gedanken überschlugen sich.

Nachdem wir dann Ahnenforschung betrieben hatten, stellte sich heraus dass mein Vater und Gerrit Rößlers Vater, Cousins waren, somit unsere Großväter Brüder waren. Nun wohnten Gerrit und Monika und ihre beiden Kinder in Naumburg, Hallesche Str. 5. Wären die Campingplatz-Verhältnisse nicht so miserabel gewesen, hätten wir damals sicher ein paar nette Urlaubstage verbracht. Aber ich wollte dort nur weg, egal wohin. Wir schliefen eine Nacht dort und fuhren am nächsten Morgen gleich wieder ab. Seitdem schreiben wir uns hin und wieder. Inzwischen sind sie, nach dem Fall der Grenze in die Nähe von Würzburg gezogen und der Sohn André hat das Haus in Naumburg übernommen.

Noch einen Rat, den auch ich nur übernommen habe, zum guten Schluss -

“Ihr Lieben, sorgt solang ihr Jung, an Vorrat an Erinnerung
wir leben länger als wir dachten vom Früher einmal - Eingemachten”.

v.l.n.r. Renate, meine Mutter, Onkel Otto, Tante Marta, Frau Schrader, Onkel Hermann, Tante Else, mein Vater, Tante Mila, im weißen Kleid ich ca.8 J vor dem Haus Linsenberg 3
Lutz Heinrich, White Plains, NY, USA

Die Kirschfestlanze

Schon als Kinder im Vorschulalter hatten wir von den Großeltern viel über die früheren Naumburger Vorkriegskirschfeste gehört. Als ich 1951 zur Schule kam, gab es solche Feste noch nicht wieder. Deshalb wurden die Geschichten von uns leichtfertig als alter Kram abgetan. Als dann aber Mitte der fünfziger Jahre wieder Kirschfeste eingeführt wurden, änderte sich diese Haltung, und die aktive Teilnahme wurde für uns Schüler zur aufregenden Attraktivität.

Das erste Kirschfestfoto in meinem alten Kinderalbum ist mit 1955 datiert. Wir  marschierten als Klasse 4b der Georgenschule ordentlich in Dreierreihen, mit schmucken Lanzen als Symbol der Hussiten, ganz begeistert inmitten des langen Kirschfestumzuges. Kurze dunkelblaue Hosen, weiße Hemden und weiße Strümpfe waren die Festkleidung. Von der Schule erhielten alle Jungen eine schöne Holzlanze mit schwarzem Stiel und einer kleinen rotweißen Naumburger Stadtfahne daran befestigt. Die Lanzen mußten mit grünem Efeu umrankt und, wenn möglich, noch mit einem Blumenstrauß an der Spitze geschmückt werden. Große Aufregung für Eltern und Schüler, das frische Efeu zu besorgen. Naturfreunde oder manche Garten- oder Hausbesitzer wußten, woher man welches beschaffen konnte.

Bevor es zum großen Festumzug kam, platzte jedoch mitten in die ganze freudige Vorbereitungsaufregung die unerwartete Nachricht hinein, daß alle Kirschfestlanzen umgehend wieder in der Schule abgeliefert werden sollten. Trotz geplantem Blumen- und Grünschmuck durften sie nicht, so wie sie waren, im Umzug gezeigt werden. Allmählich sickerte die Ursache für diese unverständliche Aktion durch. Jemand hatte ausgetüftelt, daß die Farbkombination von Schwarz am Stiel mit Weiß und Rot der Stadtfahne als Farben des dritten Reiches doch auf keinen Fall öffentlich gezeigt werden könne. So wurden alle Lanzenstiele sämtlicher teilnehmenden Schulen schleunigst auf grau umlackiert. Wir erhielten unsere Lanzen danach rechtzeitig zurück, haben nie eine offizielle Erklärung über die Aktion vernommen und haben sie kopfschüttelnd und schmunzelnd, aber wunderschön geschmückt, im Kirschfestumzug präsentiert.

Klaus Siebeneicher, Neumünster (1940 – 1956)

Kindheit auf unserem Hof

Geboren wurde ich 1940 und aufgewachsen bin ich auf einem ärmlichen Gelände, in der Weißenfelser Straße 21, gleich neben der Gasanstalt. Und zwar auf dem Hinterhof, rechts. Dort stand einmal eine Kammfabrik und die Wohnungen, die dann daraus wurden, waren billig, kalt und feucht. Aber es gab viele Kinder, mindestens 20.

Am Tor zur Straße gab es 2 große Pfeiler. Darauf saßen wir, mein Freund Günter Böhme und ich und sahen im April 45 dem Einmarsch der Amerikaner zu. Das Brummen ihrer Lastwagen war schon weit zu hören und vor den Schwarzen darauf habe ich mich ein bisschen gefürchtet. Später im Sommer gab es da den Einzug der Roten Armee zu sehen mit ihren Panjewagen und ihren struppigen Pferdchen. Die Soldaten in ihren Filzmänteln, mit den runden Magazinen an ihren Gewehren. Da hatten wir schon keine Angst mehr.

In die Wohnung neben uns zogen russische Offiziere sozusagen in Untermiete ein (die eigentliche Mieterin, eine ältere Frau, blieb jedenfalls auch da wohnen). Die Russen sangen Lieder und feierten ständig. Sie waren sehr kinderlieb und gaben uns von ihren Schätzen ab. Das zog uns natürlich an. Ich zeigte ihnen meine Blechkanone und Günter brachte einen Taschenkalender mit deutschen Rangabzeichen. Die Russen sahen sich alles genau an und sagten zu uns: Du – Faschist. Dann war da noch ein Pjotr, offenbar ein Leutnant. Er besaß einen Schäferhund, ein Leichtmotorrad und ein Jagdgewehr. Er fuhr ins Buchholz und schoss einen Hasen und befestigte ihn auf dem Gepäckträger. Als er wieder auf dem Hof war, war der Hase weg. Er konnte sich gar nicht einkriegen vor Lachen. Leider wurden nach kurzer Zeit alle Russen kaserniert. Obwohl wir Kinder und wohl auch die Russen es bedauert haben. Damit war es aus mit den neuen Freunden.

Mein Vater war im Krieg vermisst, ein etwas unklarer Zustand mit immer noch leichter Hoffnung, und für meine Mutter, meine Schwester und mich brach eine schwere Zeit an.

Zum Glück hatte sie im Krankenhaus bei meiner und meiner Schwester Geburt als Zimmernachbarn Bauersfrauen gehabt und zu denen Kontakt gehalten. Das hat uns sehr geholfen. Der Familie Schnicke in Größnitz bin ich heute noch dankbar. Trotzdem hatte ich ständig Hunger und es war auch elend kalt.

Ich habe manchmal Kohlen geklaut, am Ostbahnhof, war aber zu ungeschickt dafür und bekam etwas Dresche von den russischen Soldaten. Durch das miserable Heizmaterial ist uns ein paar Mal der Kachelofen hochgegangen. Irgendwie wurde er aber immer wieder repariert.

1947 wurden wir, Günter und ich in die Salztorschule eingeschult. Dort hatten wir gute Lehrer und wir waren auch gute Schüler. Der 1. Lehrer Herr Meißner wollte uns gleich ein Jahr überspringen lassen. Wir wurden noch einmal besonders geprüft, oben im Umspannwerk, dort war er zuhause. Aber wir haben es dann doch nicht gemacht.

Auf unserem Hof war immer viel los. Bärbel, Peter, Helga, Gisela, Günter, Anita, Dieter, Christine, Barbara, Klaus und noch viele andere, deren Namen mir schon leider entfallen sind – es waren immer genügend draußen. Es wurde großflächig zum Ärger der Nachbarn Verstecken gespielt und Hallihallo. Größere Kinder beklebten eine kleine Anschlagtafel an Rölkes Zaun mit witzigen Geschichten. Wir haben auf dem Kirschberg und am Stadtgraben gerodelt und sind auf der Straße Schlittschuh gefahren. Das war damals noch möglich. Wir haben mit Karbidstückchen Wasserrohrbruch simuliert und bekamen welche hinter die Ohren. Wir lernten Fahrradfahren und vergrößerten unseren Radius. Wenn der Reifen kaputt war, half uns Herr Rudat. Er arbeitete in der Vulkanisieranstalt. Wenn die Hosen kaputt waren, half uns Günters Mutter Charlotte, eine Schneiderin. Sie wird in diesem Jahr übrigens in Naumburg ihren 100. Geburtstag begehen.

Im Sommer sind wir sehr gerne an die Saale zum Baden gegangen. Manchmal auch in Kaisers Badeanstalt. Aber das kostete ja Geld. Also badeten wir gegenüber und da wäre ich auch einmal beinahe ertrunken. Weil aber immer der halbe Hof zum Baden ging, wurde ich herausgezogen. Es muss dieselbe Stelle gewesen sein, die auch Peter Dünkel erwähnt. Schwimmen bei Kaiser zu lernen, war außerhalb unserer Möglichkeiten und völlig undenkbar.

Da kam der berühmte glückliche Zufall: In dem HO-Kaufhaus am Markt wurden plötzlich Schwimmwesten verkauft, aus alten Heeresbeständen, zu M 2,50 das Stück. Das war meine Chance. Ich begab mich in die Lepsiusstraße, wo meine Mutter in der Arzneimittelfirma arbeitete und wartete geduldig auf ihr Erscheinen. Unterwegs übte ich die Worte ein, mit denen ich meiner Mutter dieses Geld abzuringen erhoffte. Sie verdiente 80 Pfennige in der Stunde und das war bitter wenig. Aber es gelang mir. Und nun gingen wir zur Brücke an der „Henne“ und schwammen, mit dieser Schwimmweste gesichert, bis zur Bucht am Ruderklub. Nach zwei Sommern konnte ich sie weiterverkaufen. Ich hatte das Schwimmen auch so erlernt.

In der Schule traten wir den Jungen Pionieren bei. Viel änderte sich nicht dadurch. Nur, dass die Nachbarn die Uniform belächelten, fiel mir auf. In der 5. Klasse wurde Herr Menzel unser Klassenlehrer. Ich verdanke ihm viel. Russisch wurde Unterrichtsfach bei Frau Wolter. Leider war der vermittelte Stoff dermaßen unpraktisch, dass kein Kontakt zu Russen zustande kam. Aber der war wohl auch nicht erwünscht. Auf unserem Hof versuchten Paul Reißweck und sein Sohn Ricardo eine Art Hof-Pioniergruppe aufzuziehen. Das war ganz lustig. Jedoch wurde dem Treiben von unbekannter, höherer Stelle schnell ein Ende gemacht. Es kam der 17. Juni 1953. Man hörte ein paar Gerüchte über Ereignisse im Gefängnis. Für die Kinder auf dem Hof aber hatte der 17. Juni etwas viel interessanteres: eine Gruppe VOPO sollte das Gaswerk vor Sabotage schützen. Und diese Leute saßen um ein Lagerfeuer, hatten einen Gitarrespieler dabei, der auch die neuesten Schlager dazu sang und sie hatten gar nichts dagegen, dass die Kinder von Nummer 21 dazu kamen.

In der 8. Klasse versuchte Gerhard Menzel mich zum Besuch der Oberschule zu überreden. Er riet mir für den Lebenslauf zu vergessen, dass mein Vater einmal Offizier war. Statt dessen sollte ich die Betonung darauf legen, dass meine Mutter Arbeiterin sei, was ja auch stimmte. Ich dagegen wies ihn darauf hin, dass wir leider immer noch bettelarm seien. Und dass es auf der Oberschule eventuell sogar Schulgeld kosten würde. Nein, ich wollte das nicht.

Es war jedoch sehr dumm von mir. Irgendwie wäre es wohl gegangen. Da genau hätte ich einen ratgebenden Vater dringend gebraucht.

Im Sommer 1955 verließ ich also die 4. Grundschule mit einem guten Abschluss und begann eine Elektrolehre bei der Firma Fritz Simon, auch auf unserem Hof. Ein guter Lehrling war ich nicht. Mit 15 war ich noch viel zu jung. Auf der Schule wäre ich besser aufgehoben gewesen. Aber ich habe dort auch viel gelernt. Einen lebenslangen Respekt vor guter Arbeit zum Beispiel. Und schließlich habe ich dann doch mein ganzes Arbeitsleben im Elektrofach zugebracht, nämlich als Röntgentechniker bei Philips.

1955 erhielten wir eine etwas bessere Wohnung. Wir verließen unseren Hof und zogen auf den Moritzberg und wohnten dort noch ein Jahr. Denn 1956 stellten wir einen Ausreiseantrag, weil meine Mutter in Westdeutschland heiraten wollte. Der wurde ziemlich schnell genehmigt. Im September 1956 kehrten wir Naumburg den Rücken.

Im Mai 1989, also nach 33 Jahren Abwesenheit, besuchte ich zusammen mit Günter Böhme von Berlin aus wieder unseren Hof. Je näher wir Naumburg kamen, umso gespannter wurde ich. Schließlich hatte sich in den langen Jahren der Abwesenheit die Erinnerung an unseren Hof verklärt. Wir stellten das Auto ab und gingen herum.

Ich war von allem, was ich wiedersah, sehr enttäuscht. Alles war viel kleiner und ärmlicher als in meiner Erinnerung. Wir stiegen auf den Wenzelsturm. Von oben sahen wir die verfallenen Häuser hinter dem Cafe Furcht. Und ich sagte mir: „Das vergiss mal lieber. Und nach Naumburg wirst du wohl nie mehr fahren.“

Im November brach die DDR zusammen. Es kam die Einheit. Und es begann langsam aufwärts zu gehen mit Naumburg. Und nun bin ich doch ab und zu mal wieder nach Naumburg gefahren.

Nur das mit unserem Hof - das ist, wie unsere Jugend, unwiederbringlich vergangen.

Helga Houben (geborene Worm), Weimar

Mit Naumburg verbinden mich schöne Erinnerungen aus meiner Kindheit. Im Alter von 3 Jahren musste meine Familie Ihren Heimatort Schumburg verlassen da dieser von den Tschechen besetzt wurde. So wurde Naumburg 1946 zu meiner zweiten Heimatstadt.
Mein Vater Ernst Worm arbeitete als Schlosser während sich meine Mutter Helene  um mich und meine 4 Geschwister kümmerte. Nach mehreren Umzügen (vom Lauscherweg 2 in den Mertensdorferweg 2 ) wurde schließlich die Jakobsgasse 22 unsere feste Adresse für die nächsten 11 Jahre.  Ich kann mich noch sehr an die anderen Kinder in der Jakobsgasse erinnern und schnell hatte man viele Spielkameraden. Auch die Schulzeit in Naumburg werde ich nie vergessen. Eingeschult wurde ich am 01. September 1949 in der Michaelisschule welche leider zwei Jahre später aufgelöst wurde. Wir wurden zur Georgenschule überwiesen in der auch einige der alten Lehrer weiter Unterrichten durften.  Ich kann mich noch an einige Namen der Lehrer erinnern, Heinemann, Menzel Scheiding und Frau Schob unsere Klassenlehrerin. Renate Issermann, meine Klassenkameradin ist leider vor kurzem verstorben aber ich hatte die Chance sie vorher nochmal zu besuchen und über die guten alten Zeiten in Naumburg zu plaudern.

Ich bin mir leider nicht mehr ganz sicher aber die Umzüge der Kirchfeste wurden erst später von Schulklassen begleitet. In unserer Schule wurden Mädchen gesucht welche die kleineren Schulkinder während des Umzuges beaufsichtigen. Ich hatte Glück und durfte die Aufgabe dieses eine mal mit übernehmen. Nach dem Umzug durch die Stadt haben wir uns dann auf dem Festplatz vergnügt, mit Karussellfahrten für 5 Pfennig.

Brigitte Selditz eine Schulkameradin wohnte auch in der Jakobsgasse gegenüber unserem Haus über einer Metzgerei. Unsere Fenster waren fast auf der selben Höhe, so wurde sich oft dort getroffen um gemeinsam über die Gasse hinweg Blockflöte zu üben, geredet oder gelacht. Wir hatten einen witzigen Wettkampf mit dem Strickliesel , wer zuerst vom Fenster heraus den Boden erreichte hätte gewonnen. Es hat so viel Spaß gemacht aber ich kann mich nicht mehr erinnern wer jetzt wirklich erster war.

Eine unserer Nachbarin war Frau Gertrud Rauchbach mit ihren zwei Söhnen Karl-Heinz und Guenter bei denen ich öfter Kindermädchen sein durfte, ebenso wie bei Frau Börner in der Weißenfelserstr.

1957 durfte meine Mutter mit uns nach Westdeutschland auswandern. Wir zogen nach Düsseldorf und später nach Haaren in NRW. 47 Jahre später bin ich meiner Kindheit wieder etwas näher gekommen in dem ich mit meiner Familie von NRW nach Weimar gezogen bin. Noch heute habe ich Erinnerungen an meine Zeit in Naumburg, eine Zeit die ich nie vergessen werde und welche ich mit diesem kurzen Einblick gerne mit den Menschen jener und heutiger Zeit teilen möchte.

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