Drittes Reich

Joachim Vöckler

Straßensperre vor Möbel-Kühn

Naumburg. Am 11. April war Panzeralarm. Wir verbrachten eine unruhige, ungewisse Nacht. Als es am Morgen immer noch verhältnismäßig ruhig war, gingen wir Kinder nach oben in den Hausflur und sahen wie Soldaten und Hitlerjungen von der Salzstraße her über den Naumburger Markt liefen.

Plötzlich Motorengeräusche, und uns bekannte Fahrzeuge fuhren auf den Marktplatz. Die "Amis" waren da. Wir rannten schnell in den Keller zurück. Nach bangen Warten erschien eine Militärstreife und suchte nach Wehrmachtsangehörigen. Da hier keine waren, kam die Antwort: "Der Krieg ist aus - nach Hause gehen." Noch Tage danach herrschte große Aufregung. Die Naumburger Burgstraße wurde vom Ostbahnhof her geräumt und von amerikanischen Truppen besetzt. Die Einwohner mussten kurzfristig mit wenig Sachen ihre Häuser verlassen. Es traf jedoch nicht alle Häuser. In unserer Nähe wurde das Haus Nummer 21 nicht besetzt. Wie ein Wunder blieb auch unser Haus Nummer 15 verschont. Einwohner aus der Nummer 32 zogen mit in unser Haus. Vor der Nummer 32 war dann später die Feldküche. Oben bei "Möbel-Kühn" wurde eine Straßensperre erreicht. Bald gab es teilweise Ausgangssperre. Wir Kinder spielten mit den Soldaten, erhielten manchmal Süßigkeiten und Essen aus der Feldküche. Es kam darauf an, wer Dienst hatte, denn manche Soldaten jagten uns auch fort. Besonders ein farbiger Fahrer hatte es uns angetan. Er ließ uns in seinem Jeep und fuhr sogar mit uns herum. Auf das Wort "Kapitän" mussten wir schnell verschwinden.

Ich konnte von unserem Wohnzimmer aus beobachten, wie amerikanische Soldaten die Schränke der Familien Kettnitz und Bermich in den Häusern uns gegenüber durchsuchten. Am 7. Mai hatte ich Geburtstag, wurde zehn Jahre alt. Am Wochenende war eine Kaffeestunde mit Verwandten angesagt. Auf der Straße plötzlich ein Militäraufmarsch. Vor dem Haus Nummer 23a befand sich eine Fahnenstange, wurde die amerikanische Flagge gehisst, traten Soldaten an. Der Zweite Weltkrieg war beendet.

Von Joachim Vöckler

Seitdem hatte ich bei Fliegeralarm Angst

Ich war neun Jahre, als wir im Juni 1944 die Nachricht erhielten, dass mein Vater im Mai auf einem Flugplatz bei Reims gefallen war. Meine Mutter hatte diese Nachricht seelisch schwer getroffen, und sie hat sich bis zu ihrem Lebensende von diesem Schock nicht erholt. In dieser Zeit war auch bei uns in Naumburg oft Fliegeralarm, meistens nur Voralarm. Wir wurden nur überflogen und konnten dabei die Flugzeuge beobachten. Die Schule fiel gelegentlich aus, oder wir wurden wegen Fliegeralarm nach Hause geschickt.

Zur Ablenkung wollte meine Mutter am 16. August 1944 mit mir nach Bad Kosen. Vorher sollten noch Brötchen und Milch eingekauft werden. Mitbewohner der Burgstraße machten uns aufmerksam: "Der Kuckuck hat gerufen". Dies war ein Warnsignal im Radio zur Ankündigung von Feindflügen meist mit der Durchsage: "Angloamerikanische Bomberverbände sind eingeflogen in den Raum Hannover, Braunschweig." Da kamen sie oft bis hier in den mitteldeutschen Raum, warfen Bomben auf Halle, Merseburg, Leuna. Wir gingen trotzdem einkaufen. Als wir beim Bäcker Lisker am Marienplatz waren,’ erfolgte Voralarm und gleich danach Hauptalarm.

Wir begaben uns schnell auf den Heimweg. Zu Hause angekommen, fielen die ersten Bomben. Die Häuser Burgstraße 3 und 12 erhielten Volltreffer. Auf dem Weg in den Keller bekam ich Splitter ab. Vor unserem Haus Nummer 15 war auf der Straße in großer Bombentrichter. In der Nummer 4 hatte es mehrere Tote gegeben. Sie hatten an der Haustür gestanden und die Flugzeuge beobachtet. In unserer Wohnung waren die Fenster zerstört, Splitter und Putzstücke lagen herum, überall Staub und Dreck. Zum Aufräumen wollten wir unsere Oma holen, durften aber nicht wieder in die Straße zurück. Ein Blindgänger musste entschärft werden, und so waren wir bei meiner Tante untergebracht. Seitdem hatte ich bei jedem Fliegeralarm mächtig Angst. Wir gingen deshalb ab sofort in den öffentlichen Luftschutzkeller im Haus Markt 12.

Diese Angst hat mir vielleicht das Leben gerettet. Am 9. April 1945 war ich mit meiner Mutter auf dem Friedhof in der Weißenfelser Straße. Eine Bekannte meiner Mutter wurde beerdigt. Da ertönten plötzlich die Sirenen, und wir wurden aufgefordert, Keller aufzusuchen. Ich rannte meiner Mutter weg, wollte in den Luftschutzkeller am Markt. Meine Mutter lief hinterher. Mitte der Weißenfelser Straße fielen schon die ersten Bomben. Das Heereszeugamt wurde angegriffen. Bomben fielen auch in Grochlitz am Gänsegries sowie in der Innen-Stadt in der Salzstraße, Neustraße, Salzgasse, Neugasse und Topfmarkt. Ein Luftschutzhelfer riss uns von der Straße und brachte uns in den Keller des Friseur Rückart. Auch auf dem Friedhof, wo wir davor waren, sind Bomben gefallen.

Am 11. April war dann Panzeralarm. Wir gingen mit Koffer, Wertsachen und Betten in den Luftschutzkeiler am Markt. Dort waren bereits auch meine Oma und die Tanten. Wir verbrachten eine unruhige, ungewisse Nacht. Als es am Morgen immer noch verhältnismäßig ruhig war, gingen wir Kinder nach oben in den Hausflur und sahen, wie Soldaten und Hitlerjungen über den Markt von der Salzstraße her liefen. Plötzlich Motorengeräusche, und uns bekannte Fahrzeuge fuhren auf den Marktplatz. Die "Amis" waren da.

Malve Hoffmann, Maulbronn

Reitstunde

Wenn ich an meine Naumburger Kindheit zurückdenke, so geht irgendein Leuchten in mir auf, welches alle nachfolgenden Geschehnisse – die mich selbstverständlich auch geprägt haben – in den Schatten stellt. Und so wage ich es heute – als Fortsetzung meiner vorherigen Ausführung – noch einige Begebenheiten zu Papier zu bringen und der Nachwelt zu überliefern.

Da fällt mir als erstes die Reitstunde für meinen Bruder und mich ein, und zwar im Kasernenhof des AR 14. Viel haben wir Kinder dort nicht gelernt, aber es machte einfach Spaß, die Welt von einem Pferderücken aus zu sehen! Es war kurz vor des Hitler-Regime – dann wurde plötzlich alles anders!!! 1944 war ich in der Kolonialen Frauenschule in Rendsburg – auch da stand Reiten auf dem Lehrplan – nur waren die Pferde zum Kriegsdienst eingezogen. Auch Auto fahren stand auf des Lehrplan, aber es gab kein Benzin mehr!

[Kindheit]

Nun aber zurück nach Naumburg, in unser schönes Haus in der Oscar-Wilde Str. Meine Schuhe standen morgens frisch geputzt auf der Treppe – frische Brötchen hingen schon an der Tür. Wir hatten eine Eismaschine: da kam Roheis hinein, dann die nötigen Zutaten, dann mußte man per Hand tüchtig drehen! Butter kam im Paket aus Holstein, Eier aus einer großen Hühnerfarm von glücklichen Hühnern ..... u.a.m.

Natürlich gab es auch Bettler, sie wurden mit einem Teller guter Suppe versorgt. Im Sommer kam oft ein Mann mit einem Wagen durch die Straßen, laut rufend; "Hedelbeeren, frische Hedelbeeren!" Dieselben hatte er im Thüringer Wald geerntet. Wir kauften sie natürlich gern. Inzwischen weiß ich aus eigener Erfahrung, wie mühsam die Heidelbeer-Ernte ist.

Diese, wie ein Märchen klingende Geschichte war ein Kinderparadies, aber natürlich nicht von Dauer. Schon 1934 mußten wir das Haus verkaufen, da alle jüdischen Mandanten wegfielen. So kam man bald in Not. Dennoch bekam ich mein erstes Fahrrad für 79,- Mark von Fahrradhändler Körner am Steinweg! Mein heutiges Fahrrad – nunwohl das letzte – hat 400,- Euro gekostet! Nun frage ich meine Leser: Leben wir in einer Fortschrittswelt oder sagt man dazu Inflation!?

Unser Nachbar hatte das erste Auto in der Straße (ich glaube, es war ein BMWuppdich!). Das war die Sensation und erweckte Aufmerksamkeit von allen!!

[Jugend]

Erwähnenswert ist noch der Dienst bei den JM (Jungmädel) und im BDM (Bund deutscher Mädchen). Samstag, war Reichsjugendtag : ohne Schule, aber Dienst in Uniform: blauer Rock, weiße Bluse, schwarzes Dreiecktuch mit Lederknoten. Ich, da ich Geige spielte, gehörte zur Musikschar; und das war mir natürlich recht, so konnte ich den ganzen Vormittag in einem kleinen Orchester mitspielen und nach Herzenslust musizieren!

Dann kam meine Konfirmation am 2. April 1939 (Palmarum). Am 1. April 39 mußte mein einziger Bruder beim Arbeitsdienst antreten. Tücke des Schicksals! Der Reichsarbeitsdienst war – nachträglich gesehen – eine gute Sache (wenn er nicht politisch ausgenutzt wäre!) und verdiente Nachahmung!

In Naumburg war es Sitte, dass die Konfirmationshäuser ein kleines Buchsbaumsträußchen angebracht hatten – und an dem großen Festtag holten wir einander ab, um gemeinsam zur Kirche zu gehen. In dem ehrwürdigen, festlich geschmückten Dom habe ich es dann gelobt und bekam den Spruch:

"Herr, du weißt, alle Dinge,
du weißt, dass ich dich lieb habe"

Damit will ich für heute schließen und habe der Nachwelt wiederum einen kleinen Einblick geben können, was man damals erleben konnte, durfte und mußte.

In der Anlage ein paar Fotos, die vielleicht für manche interessant sein können ?


Malve Hoffmann, Maulbronn

Kindheit

Mein Leben hat in der Camburgerstrasse in Naumburg begonnen (1925) es ging weiter in einer schönen grossen Villa (13 Räume) mit vielen Bequemlichkeiten, die ich mir heute gar nicht mehr vorstellen kann (Essensaufzug von der Küche zum Esszimmer u.v.m) in der Oskar-Wildestr. 8.

Dort verbrachte ich die schönste und behüteste Zeit meines Daseins. Und eben diese Zeit strahlt hinüber bis ins hohe Alter und ist mir unglaublich wertvoll!!

Es war übrigens die Zeit der Gaslaternen - wer kann sich daran noch erinnern? Ein Mann mit einer langen Stange ging abends durch die Straßen und zündete die Lampen an!

Wir hatten einen hübschen Garten mit Birnbaum, Rasen und Rosenbeet, Johannisbeeren und Aprikosen. Zeitweise eine Schildkröte, genannt Hexe, und ein weißes Angorakaninchen welches Wolli hieß und nach der Schur die Wolle versponnen wurde. Ich fütterte es fleißig mit Löwenzahnblättern. –

Ostern 1931 (ich wurde im Mai erst 6 Jahre) Einschulung in die Marie-Encke-Schule (Körnerstrasse).

Originellerweise bekamen wir die Zuckertüten erst dort in der Klasse, indem ein Osterhäschen mit Bollerwagen – darauf die Tüten – hereinkam und diese verteilte, = die erste große Schulfreude!!!

Schreiben und Rechnen lernten wir nicht, wie in den anderen Schulen, auf der Schiefertafel, sondern wir hatten gleich großkarierte Hefte und natürlich bunte Stifte.

Wir waren etwa 20 in der Klasse, Mädchen u. Jungs gemischt. Vor der ersten Stunde hatten wir täglich in der Aula eine Andacht. Eine Lehrerin spielte Harmonium. Die Choräle, die ich damals gelernt habe, sind mir heute noch am geläufigsten! Bei Frl. v. Sperling (Nichte von Hindenburg), sie hatte immer einen schicken, blauen Turnanzug an, bekamen wir den ersten Sportunterricht! Frl. Henning gab Religion und Frl Schröder Handarbeit – alles Damen. Der Unterricht machte mir Spaß!

Nun ging es mit der Encke-Schule nicht so harmonisch weiter: 1934 wurde die Leiterin und Gründerin, der Schule abgelöst, und eine "zeitgemäße" Direktorin, Frl. Dr. Petermann, kam ans Ruder. Einiges wurde nun anders: die schwarz-weiß-rote Fahne mußte verschwinden und eine rote mit Hakenkreuz wurde gehißt.

Aber was geschah mit der alten treuen Fahne? Könnt Ihr es erraten?! Es wurden Stoffbälle daraus genäht -schändlich!! Aber wir spielten mit denen Völkerball bis zum Umfallen!

Nun eine positive Begebenheit: eine schöne Klassenfahrt nach Weimar ins Nationaltheater. Meine erste Oper: Mozarts "Zauberflöte" – es war hinreißend und unvergeßlich!

Natürlich durften wir auch als Oberschülerin Konzerte besuchen. Für mich das Schönste war ein Cellokonzert von Enrico Meinardi; ich kam begeistert nach Hause. Meine gute Mutter, nicht faul, heute würde man sagen "clever", besuchte Herrn Meinardi am nächsten Morgen im "Schwarzen Roß", wo er abgestiegen war, und als ich aus der Schule kam, stand ein Bild mit eigenhändiger Unterschrift auf meinem Schreibtisch. Es war eine große Überraschung!

Die Jahre im Luisenlyzeum mit Französisch, Englisch, Latein, Mathe, Chemie und Physik gipfelten mit dem erstrebten Abitur 1943. Unmittelbar danach wurde ich zum RAD eingezogen und kam zunächst in ein Stadtlager nach Wurzen. Nach dem Berg fest (die Hälfte der eigentlich geplanten Zeit) kam ich in ein abgelegenes Barackenlager zu einer Luftnachrichtentruppe. Dort gab es zunächst kein Wasser – zu wenig – und es hieß: "entweder ihr könnt euch waschen oder es gibt etwas zu essen!". Letzteres haben wir vorgezogen. Dann war Dienst angesagt als Arbeitsmaid bei allen anfallenden Erntearbeiten - nebenher Soldatendienst: Gasmaskenübungen, nächtliche Appelle und Schikanen. Wir sollten dort ILO’ s (=Jägerleitoffizier) werden. Wer kennt den Slogan noch: ein jeder muß zum Arbeitsdienst, 25 Pfg ist der Reinverdienst!!

Zunächst spielte ich mit meinem einzigen Bruder (1920) und den Nachbarkindern. Auch bekamen wir bald Gymnastik-unterricht von einer freundlichen Lehrerin.

Im Winter stand im Spielzimmer ein komplett eingerichtetes Puppenhaus (aus Mutters Kindheit). Zu Großmutters Geburtstag haben wir mit Begeisterung kleine Theaterstücke einstudiert. Schließlich kamen unsere Geburtstagsfeiern – später wurde die ganze Klasse eingeladen und im Garten gefeiert und geschmaust. Die bekannten Spiele: Sackhüpfen, Topf schlagen, Blinde Kuh u.v.m.

Zu den Winterfreuden gehörte nun auch das Skilaufen auf dem "Idiotenhügel" und im Buchholz, (Vorsicht: Spitzensalat!) Die Skier wurden bald eingesammelt und an die Front geschickt!

Außerdem Schlittschuhlaufen auf den Saalewiesen. Wir waren ausgerechnet dort, als Hitlers Machtergreifung proklamiert wurde – welch ein bedeutendes Erlebnis für uns damals – nicht ahnend, welch schreckliches Ende damit verbunden war.

Der Nachmittag war dann mit den tollsten Spielen ausgefüllt, z.B. Indianerspiel im Buchholzgraben, wo wir uns gegenseitig in einem Rohbau (später von Fam. Fortlage) fesseln konnten. Natürlich gab es auch mädchenhafte Spiele, wie Puppenwäsche im Garten, Stelzen laufen und unentwegte Ballproben (mit 2 oder 3 bunten Bällen).

Unserm Haus, gegenüber war damals ein Tennisplatz (denselben gibt es nicht mehr), auf dem meine Eltern spielten - und wir Kinder durften Bälle aufsuchen!

Sonntags stand stets eine Wanderung auf dem Plan – natürlich ins schöne Unstrut- oder Saaletal. Vater ausgerüstet mit Feldstecher, wir Kinder mit schönen Botanisiertrommeln – es gab unterwegs viel zu sammeln und zu sehen. Nach solch schönem Erlebnis erreichten wir schließlich mit hängender Zunge den letzten Zug Richtung Heimat.

Dann das Schwimmen in der Saale - mit einem Bus fuhr man zu den "Fischhäusern". Dort lernte ich an der Angel, wie man sich im Wasser fortbewegt – wer kann sich das heute noch vorstellen? Das Freischwimmerzeugnis habe ich heute noch: ich mußte 15 Min. frei schwimmen können – dann kam ich aus dem Wasser mit einem schönen Dreckrand am Hals. Die Saale war ja nicht das sauberste Gewässer! aber ich profitiere heute noch und schwimme regelmäßig oft noch 1000 m .

Ich erinnere mich an den Tod Hindenburgs: Wir wurden alle in der Aula der Schule versammelt und mußten dort die Rundfunkübertragung der Tauerfeier anhören. Nun waren wir noch zu klein, um die Tragweite dieses Ereignisses ermessen zu können und plötzlich kullerten etliche Kastanien unter die Bänke, was natürlich zu einem unpassenden Kichern Anlaß gab!

In Naumburg gab es einige jüdische Familien, und ich sehe heute noch die Menschen mit dem gelben Judenstern durch die Stadt gehen. Dann kam bald die schreckliche "Kristallnacht", die Zerstörung der Geschäfte und die Vertreibung. Auch hier konnte man uns für die Folgen nicht verantwortlich machen. Wir waren noch zu klein und die Nazipropaganda zu mächtig.

Im Krieg war Erbsen pflücken und Ähren lesen angesagt, sowie in JM (Jungmädchen) Uniform Altstoffe sammeln und WHW (Winterhilfswerk) Abzeichen verkaufen.

Die BDM-Weihnachtsfeiern – nicht etwa mit Weihnachtsmann oder gar Christkind – es wurde umfunktioniert: "der Grüne" kommt, allerdings blieb der Weihnachtsbaum erhalten.

In dieser Zeit 1943 wurde mein Bruder, ehem. Domschüler, in Afrika schwer verwundet und mußte dort in einem Feldlazarett sein junges Leben lassen (23 J.)

Währenddessen zogen meine Eltern von Naumburg fort, da mein Vater in Halberstadt eine Kriegsvertretung übernahm. Seitdem habe ich in Naumburg keine Heimat mehr. —

Eine ganz wichtige Begebenheit war natürlich die Tanzstunde im Saal des Rathauses. Zum Abschlußball durften wir nicht in langen Kleidern kommen – es war ja Krieg! Regelmäßig nach der Schule gab es auf dem Marktplatz ein Treffen mit seinem Tanzstundenherrn, der uns dann nach Hause begleitete. Die Mädchen aus der Marienstr. kommend, die Jungs vom Dom natürlich aus der Herrenstraße.

Der Vater meiner Freundin G. war hoher Offizier, und somit wurde ich mit eingeladen zu einem Casino-Ball im Bürgergartenschlösschen. Das war für mich ein solches Erlebnis, dass es mir unvergessen bleibt und ich ähnliches nie wieder erleben durfte. Nur am nächsten Tag wurde die Kompanie nach Stalingrad abkommandiert – und keiner kam zurück!

Nun - der Höhepunkt der Naumburger Feste war und ist – wie ihr alle wißt – das berühmte Kirschfest. Historischer Umzug durch die Stadt, ebenso die Schulen. Die Mädchen in weißen Kleidern und in der Encke-Schule weiße Nelkenkränzchen im Haar, im Lyzeum hübsche Kornblumenkränze (Lieblingsblume der Königin Luise!) und die Jungens natürlich mit ihren Schülermützen. Es wurden Kirschen verteilt und das dazugehörige Hussitenlied gesungen. Das bunte Treiben beobachteten die Eltern vom Fenster des Bürohauses Markt 14.


Dr. Volkard Jung, Karlsruhe-Waldstadt

Was sollte man machen?

Wir, die wir bei unserer Großmutter Holtzendorff lebten, wußten, daß der Schwiegersohn ihres 1906 vom Blitz erschlagenen Bruders, Vollrath v. Braunschweig, im KZ war. Der Kommentar unserer Großmutter: "Er konnte seinen Mund nicht halten." So wußten wir, daß Gefahr besteht, wenn man seinen Mund nicht hält, ins KZ zu kommen.

Außerdem wurde schon 1934 nach dem sogenannten Rhöm-Putsch der zweite Vorsitzende unseres Familienverbandes von Gestapo-Beamten in Zivil mit vergiftetem Wein umgebracht. Er war sächsischer Gesandter beim Reich und stand konträr zu Hitler, auch ein Holtzendorff. Da unser Vater im Oberkommando des Heeres in Berlin (OKH) war, bekam er mehr mit als andere. Das färbte auch auf die Familie ab, wenn auch ohne Details. Er stand in Kontakt mit Stauffenberg.

Unsere Nadja Smoljakowa aus der Ukraine wußte genau den Unterschied zwischen Wehrmacht und SS – Vogel auf der Brust gut, Vogel auf dem Arm ploche (schlecht). Sie erzählte, daß sie in dem Lager aus dem wir sie auslösten, gekochte Kartoffelschalen zu essen bekam. Aber, man mußte ja den Mund halten. Wir wußten ja, was passiert, wenn man es nicht tut.

So war auch die Nachricht vom Attentat am 20. Juli 1944 dann verständlich als wir die Namen lasen, alles bekannte preußische Namen. Ein Schabrendorff gehörte zu unseren Ahnen. Und unsere Großmutter war mit einer Frau Hayessen befreundet, die im Bürgergartenviertel in Naumburg lebte.

Dieses Wissen war sicher kein Verdienst, aber, was sollte man denn machen, etwa selber ins KZ kommen, weil man den Mund nicht hielt? So ist es doch erfreulich, daß noch 5 Jahre vor der Wende 1994 in Bornstedt bei Potsdam Gedenkveranstaltungen für die Opfer des Widerstandes stattfanden, wobei sogar die Stasi 1988, also 1 Jahr vor der Wende einen durchaus positiven Bericht gab.

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