Drittes Reich

Dr. Volkhard Jung, Karlsruhe

Dienst im Deutschen Jungvolk (DJ)

[Auszüge]

Immer auf den 20. April (Hitlers Geburtstag) war die Pflichtaufnahme in das Deutsche Jungvolk gelegt. Das DJ gehörte zwar organisatorisch zur Hitlerjugend, war aber seiner Herkunft nach eine gleichgeschaltete Einrichtung. Wer nicht unbedingt in die HJ wollte, wurde gerne Führer im Jungvolk. So waren die Schüler der oberen Klassen des Domgymnasiums meist Führer im Jungvolk. Im Juni 1944 gab es eine Woche der Jugend, nun zusammen mit der Hitlerjugend. Dabei sah man erstmalig die Marine-HJ. Es war angeordnet worden, eine Woche lang Uniform zu tragen. So erschienen wir zur Beerdigung eines Klassenkameraden sämtlich in Uniform. Es wurde auch ein Vorbeimarsch eingeübt, mit angewinkeltem Arm und Daumen hinter dem Koppelschloß. So zogen wir von der Vogelwiese durch die Jakobsstraße zum Markt. Die Jungmädel bildeten Spalier. Meine Schwester meinte, es habe ausgesehen, als wenn wir alle Bauchkneifen gehabt hätten. Das Rathaus war mit riesigen Hakenkreuzfahnen beflaggt. Zwei Jahre später waren es dann nur noch rote Fahnen. Den weniger verblichenen Kreis mit Hakenkreuz sah man dann noch. Eindrucksvoller war die feierliche Aufnahme vor dem Langemarck-Denkmal oberhalb des Bürgergartens. Da wurde uns beigebracht "Ein Hitlerjunge macht keinen Diener" beim Händedruck.[...]

Geländespiele

Jeder Pimpf hatte einen DJ-Ausweis, der einmal im Monat gestempelt wurde, dazu gab es eine Dienstbenotung. Bisweilen gab es auch sonntags Dienst. Dann zog man mit Fahne z.B. zum Sperlingsholz. Oben auf der Höhe angelangt wurden die Ausweise gestempelt. Dann wurde das "Ausschwärmen" befohlen. Die meisten kletterten auf Bäume. Andere kletterten auf einer hölzernen Panzeratrappe herum. Zu Ende dieses Ausflugs mußte die Fahne wieder ins Haus der Jugend gebracht werden. Geländespiele gab es unter der Woche z.B. im Bürgergarten und auf dem Exerzierplatz. In einer Schlucht oberhalb des Bürgergartens wurde ein Überfall geübt. Die eine Partei mußte sich unter Fichten verbergen, die andere Partei sollte überfallen werden. Als die zu überfallende Partei durch die Schlucht zog, stürmte die verborgene Partei aus der Deckung hervor und es gab Ringkämpfe Pimpf gegen Pimpf. Das Pfeifen der Jungzugführer beendete das Spektakel.

Ein anderes Mal zogen wir zum Exerzierplatz. Auf einem Baum wurde ein Brief versteckt, der zu erbeuten war. Zwei Parteien wurden gebildet, die Angreifer und die Verteidiger. Die Einen trugen ihr Fahrtentuch um den rechten Arm gebunden, die anderen um den linken. Die Fahrtentücher sollten mit einer Schleife zugebunden werden, nicht mit einem Knoten. Wenn es dem Gegner gelang, die Schleife aufzuziehen, war der Gegner sozusagen "tot" und er schied aus. Ganz Gewitzte machten dennoch einen Knoten in das Fahrtentuch, so daß es sehr schwer war, diesen Gegner matt zu setzen. Das sollte eigentlich nicht sein, wurde aber praktiziert. Die Ehrlichen waren die Dummen.

Große Geländespiele

Im Sommer 1944 gab es ein großes Geländespiel, das zusammen mit der Napola (NPEA) gleich "Nationalpolitische Erziehungsanstalt", früher Kadetten-Corps, durchgeführt wurde. Da es kein Manöver NPEA gegen DJ sein sollte, wurden die Parteien aus DJ und NPEA gemischt. An der Stadtmauer sollte Naumburg verteidigt werden. Die Angreifer mußten auf Schleichwegen zum Markt gelangen. Etliche dieser Angreifer kletterten an unbeobachteten Stellen über die Stadtmauer und gelangten auf den besagten Schleichwegen zum Markt. Naumburg wurde von den Verteidigern also nicht gehalten.

Im selben Sommer gab es auch einen Staffellauf rund um den Ring. An den Stabübergabestellen wurden diejenigen postiert, die nicht am Lauf beteiligt waren, sie waren somit nur Zuschauer. Ich glaube, das war alles im Zusammenhang mit der Woche der Jugend, in welcher wir die ganze Dauer dieser Woche Uniform zu tragen hatten, auch zur Beerdigung eines gestorbenen Klassenkameraden aus der Salztorschule. Da waren wenigstens alle gut angezogen. Am Sonntag fand ein großer Vorbeimarsch von der Vogelwiese durch die Jakobsstraße zum Markt statt. Die Jungmädel bildeten Spalier und wir mußten mit angewinkeltem Arm, Daumen, hinter dem Koppelschloß und Augen links paradisch marschieren.

Pimpfen-Probe

Schon sehr früh im Sommer fand die Pimpfen-Probe statt. Diese Prüfung bestand aus relativ zahmen sportlichen Leistungen: Weitsprung 2,50 m, 75 m-Lauf in 12 Sekunden und sonst wohl noch einiges, z. B. lernen: Unsere Fahne flattert uns voran, nur die 1. Strophe Deutschlandlied; aber 3 Strophen "Horst-Wessel-Lied". Aus Jux sang man die Pfanne hoch, die Bratkartoffeln brennen. Nach bestandener Pimpfen-Probe durfte man Schulterriemen und Fahrtenmesser tragen. Dann gab es die Aufnahme in das Deutsche Jungvolk mit einer Feier am Langemarck-Denkmal. Per Händedruck wurde dann die Aufnahme bestätigt, wobei man keinen Diener machen durfte. Das Naumburger Tageblatt berichtete über diese Feier. Bürgermeister Radwitz war zugegen und selbstverständlich auch der Bannführer, der mit dem Dienstmotorrad gekommen war. [...]

Führerdienst am Sonntag

Was mir nicht gefiel, war der Führerdienst an jedem Sonntag. Meiner Mutter gefiel das auch nicht. Was mir auch nicht gefiel, waren Sauberkeitsapelle. Hatte man zu viel Ohrschmalz im Ohr, mußte man auf der Vogelwiese in einem großen Kreis herumlaufen und rufen: "Ich bin ein Dreckschwein." Posten waren aufgestellt, die einen ermahnten, auch das besagte Zitat zu rufen. Auch Fahrtenmesser wurden geprüft, ob sie blank waren. Waren sie es nicht, so flogen sie im hohen Bogen in den Sand, und man mußte diese nachher wiederholen.

Lieder, die wir lernten und sangen

Recht Lustig fanden wohl viele das Spottlied auf den Duce: "O, grande Mussolini, hei der Faschistico, sie fraßen Makkaroni, bis daß der Bauch zerplatzet vor lauter Fressico."
Jedes Fähnlein hatte ein spezielles Fähnleinlied. Das Fähnleinlied des Fähnleins 6 war "Hoch auf dem gelben Wagen". Beim Endvers "Aber der Wagen, der rollt" verstand ich mitunter: "Aber der Magen, der knurrt". Das Fähnlein S hatte als Fähnleinlied: "Wir sind vom ersten Steyerischen Tschechobattalion, Heil und Sieg der 1. Kompanie." Und weiter: "Und ist der Friede da, so rufen wir hurra, nach alter Jägersart mit wip hurra, ja so gehen wir, ja so stehen wir..." Die Melodie nach dem "Wir sind vom k. u. k. Infanterieregiment..." Das kam mir zu habsburgisch vor. Da fand ich: "Der Preußenkönig hat gar viel Soldaten..." sehr viel schöner.
Bei unserem damaligen Jungzugführer, Martin Assmus lernten wir: "Und ein Harung dick und stramm, der auf dem Meeresgrund schwamm, verliebte sich, o Wunder, in eine Flunder." Noch im Fähnlein 6 lernten wir: "Es steht eine Mühle im Schwarzwälder Tal, die klappert so leis vor sich hin..." Das war doch eigentlich harmlos!

Elisabeth Hafenmaier, Celle (1939)

In einer verwunschenen Welt

HafenmaierIch war damals erst fast 5 Jahre alt. Die Sauerkirsch-Bäume gibt es nicht mehr. Ich habe oft in den Bäumen gesessen und Kirschen gepflückt. Auch an meinen Weg in die Innenstadt erinnere ich mich gern. Eigentlich hätte ich die Burgstraße entlang gehen müssen, die war aber langweilig. Die Grochlitzer Straße dagegen interessanter. Das Heimatmuseum mit dem großen Tor und dem langen Garten davor war eine verwunschene Welt und es dauerte eine ganze Zeit, bis ich dann mal wirklich hineinkam.

Gisela Große-Lindner, Wolfen (1944)

Unterkunft im "Alten Felsenkeller"

1944 - Wir Schülerinnen aus Halle hatten unsere zweite Heimat im “Alten Felsenkeller” gefunden. Des Terrors wegen war “KLV” angesagt. Bei Friedchen und Walter Weiland waren wir geborgen und die Gemeinschaft trug uns 12 jährige. 50 Grazien an der Zahl, Lagerleiterin und zwei Jungmädelführerinnen, das war unsere Großfamilie. Nach dem Mittagessen war 1 Stunde Ruhe zu befolgen und eigenartigerweise war an jenem Mittag das Radio im kleinen Schlafsaal zugestellt. Achtung, eine Durchsage! Der Führer spricht! Wann, wo, warum war kein Thema. Wir mussten zum Vorkonfirmanten - Unterricht nach Schellsitz. Wie bekamen wir das in den Griff? Fräulein Schulze, unsere Lagerleiterin, bestand darauf, dass wir uns persönlich bei Pfarrer Werner im kleinen Dorfkirchlein vom Unterricht befreien lassen sollten. Tags zuvor bekamen wir Holzpantoffeln, die im Waschraum zu tragen waren. Ein Gaudi - jeder schnappte seine Pantinen und düste zur Fähre. Das war die erste Geräuschkulisse - mit Anlauf in den Holzkahn. Die wilde Horde stürzte in die heute herrlich restaurierte Barockkirche. Wir überschlugen uns, unser Anliegen vorzutragen. Der betagte Pfarrer war von Großjena nach Schellsitz gekommen, gewiss mit dem Rad aufwendig, aber wer bedachte das schon. Kopfschüttelnd entließ er uns zurück ins Lager - wir waren in Siegerpose. Heute, wo wir das Leben gelebt haben, es sind fast 60 Jahre ins Land gegangen, erkennt man die Irrungen und Wirrungen, die eine Diktatur nach sich zieht - immer wieder gibt es Herrscher und Beherrschte!

Frau Grothe

Verweigerte Ausbildung

Ich wurde am 21. März 1941 als Sabine Wappenhaus in Naumburg in der Burgstr. 66 (später Alfred-Meißner-Str.) geboren und besuchte bis 1955 die Michaelisschule. Danach meldete mich meine Mutter auf der Oberschule in Naumburg an, weil ich das Abitur machen und später studieren wollte. Mein Vater lebte seit seiner Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft in der BRD. Meine Eltern hofften seit Jahren auf eine Wiedervereinigung.

Die Zulassung zur Oberschule wurde mir verwehrt, da man keine Kinder heranbilden wollte, die dann später nach Westdeutschland gingen. Für den Besuch der Oberschule war Voraussetzung, die Abschlußprüfung der Grundschule mindestens mit "gut" zu bestehen. Diese Prüfung hatte ich mit "sehr gut" bestanden. Anbei eine Karte meines damaligen Lehrers Eduard Strambowski, auf der er sein Bedauern darüber äußert, dass er mir nicht helfen konnte.

Ich besuchte dann das Proseminar in Erfurt, eine von der Kirche eingerichtete Ausbildungsmöglichkeit, die zu einem kirchlichen Abitur hinführen sollte. Dieses Proseminar wurde jedoch circa neun Monate später von seiten des Staates geschlossen mit dem Versprechen, die Schüler auf gleichwertigen Schulen unterzubringen. Trotzdem erfolgte an der Oberschule Naumburg zunächst wieder eine Ablehnung. Erst nach weiteren Bemühungen und Schreiben bis nach Halle und Berlin konnten wir die Zulassung erreichen. Ich musste wieder in die neunte Klasse gehen, da ich ein Jahr lang kein Russisch und Englisch, dafür aber Griechisch und Latein gehabt hatte.

Nachdem die Hoffnung auf Wiedervereinigung immer aussichtsloser wurde, beantragte meine Mutter unsere Ausreise, und wir konnten im Mai 1957 die damalige DDR legal auf dem Wege der Familienzusammenführung verlassen. Ab Mai 57 besuchte ich das Gymnasium in Celle (wieder neunte Klasse, da mir Englisch und Französisch fehlten), machte 1962 das Abitur, studierte dann an der Pädagogischen Schule in Braunschweig und war über 30 Jahre als Lehrerin an einer Grundschule tätig. Naumburg ist meine Heimatstadt, Celle wurde mir zur zweiten Heimat. Hier habe ich noch die Schule besucht, eine Familie gegründet und meinen Beruf ausgeübt. Durch die damaligen Umstände gingen mir zwei Jahre in meiner Ausbildung verloren. Dass das einem jungen Menschen gegenüber ungerecht und willkürlich war, ist mir eigentlich erst später richtig bewusst geworden.

Dr. Helmut Gatzen, Gütersloh (1937-1944)

Der Detektor

Durch den Detektor mit der Welt verbunden.
1944 oder 1945, - was tun, wenn die Stromleitungen zerstört waren, der Strom abgeschaltet wurde oder ganz einfach die “Sperrstunde” angebrochen war? Dann war es dunkel - in unseren Zimmern und in der Wohnstube: Keine Lampe brannte und auch der Volksempfänger schwieg. Kein Licht und kein Ton mehr. Das war die Stunde der Kerzen und des Detektors mit seinen Kopfhörern, die funktionierten auch ohne Strom. Mein Bruder (14) und ich (11) hatten eine Schaltung ertauscht oder “gefunden”, nach der man sich sein “Radio” selber bauen konnte.
Das Wichtigste war ein Bleikristall und ein Silberdraht, die auf einem Stecker so verbunden waren, dass der Silberdraht auf der Oberfläche des Bleikristalls sich bewegen konnte. Für beide gab es einen besonderen Stecker, der mit einer Spule, einem Kondensator und einem Lautstärkeregler nach dem Schaltbild verbunden wurde. Das Ganze wurde auf dem Deckel einer Zigarrenkiste aufgeschraubt oder in einem Kunststoffkästchen miteinander verbunden. Nun mußten nur noch eine Antenne ausgespannt, eine Erdverbindung hergestellt und die Kopfhörer mit dem “Detektor” verbunden werden. Spannend, wenn es im Kopfhörer knisterte, und der Silberdraht so bewegt wurde, dass er eine Stelle fand, an der plötzlich Sprache oder Musik zu hören waren. Dann konnten wir “Radio hören”, Fliegermeldungen bei Alarm, Nachrichten über den Frontverlauf und nach der Kapitulation die neue “Jazz-Musik”. Das geschlossene Kunststoffkästchen, im zerstörten Heereszeugamt “gefunden und mitgenommen”, hat uns gute Dienste geleistet: jetzt konnten wir auch draußen oder im Weinberg Radio hören.

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