Drittes Reich

Reinhard Krämer, Nienhagen (1942-1945)

Gärtnerlehre

Palmarium 1942 wurde ich konfirmiert und gleich nach Ostern fing meine Lehre als Gärtnerlehrling an. Oberstadtinspektor Otto Strauß war mit meinen Eltern befreundet. Er hatte freundschaftliche Verbindung zu Fräulein von Usedom und Obergärtner Heinrich Voß in der Gartenverwaltung Haus Berglinden. Otto Strauß sein Büro war im Schlößchen am Markt. Durch ihn war es möglich die Lehrstelle zu bekommen. Ich war noch einen Monat 13 Jahre, da fing meine Lehre schon an. Zuerst wohnte ich in der Jägerstraße, Fleischerei Ehrhardt. Nach 6 Wochen bin ich dann umgezogen in das Schülerheim Vollrath. Für mich war das eine gewaltige Umstellung, erst als Einzelgänger und dann zwischen ca. 10-15 Schülern. Dort herrschte ein guter Ton und wir hatten zueinander ein gutes Verhältnis. Die meisten Schüler gingen aufs Domgymnasium, Realschule-Weißenfelserstraße. und ein Teil ging zur Mittelschule. Zuerst wohnte ich mit einem Schüler aus Karsdorf zusammen. Das Zimmer hatte die Sicht auf den Kasernenhof der ehemaligen Jägerkaserne. Dort waren 3 Scheinwerfer stationiert. Fast jeden Abend waren die in Aktion. Es war ein unvorstellbarer Krach. Jeder Scheinwerfer hatte seinen eigenen Stromerzeuger. 3 Schüler hatten das Abi gemacht, danach wurden sie gleich eingezogen.

Es war Kirschfestzeit und das war bei den Nazis verboten. (Die hatten einen anderen Namen dafür erfunden.) Ein Schüler konnte Klavier spielen und der spielte das Kirschfestlied, (“Auf der ganzen Vogelwies” usw.) Herr Vollrath machte gleich alle Fensterläden dicht und verriegelte alles, so dass kein Ton draußen zu hören war. Wir 4 waren so in Ekstase geraten, als wir das Lied mitsangen, dass wir einen Stuhl nahmen, jeder fasste an einem Stuhlbein an und rissen den auseinander und so hatten wir Schwert und Spieß. Herr Vollrath war von uns hell begeistert. Herr Vollrath war Sozialdemokrat und somit war er als Rektor von der Mittelschule abgesetzt worden. Nachdem die 3 Schüler eingezogen waren, bin ich mit einem Schüler aus Berlin in dessen Zimmer gezogen. Er hieß Roland Albroscheit. Wir 2 kamen gut miteinander aus. Wir beide waren von Haus aus christlich erzogen. Wir gingen, wenn es möglich war, am Sonntag zum Gottesdienst in den Dom. Das war für uns Jugendliche nicht so einfach. Irgendwie schlichen wir uns rein. Superintendent Mörike war unser Pfarrer. So wie der Gottesdienst begann, marschierte draußen die Hitlerjugend mit Fanfaren und Trommeln immer um den Dom, eine Stunde lang.

Roland und ich bauten einen Detektor in einer Zigarrenkiste. Er hatte das Wissen und besorgte das Technische. Es funktionierte dann auch. Wir wussten immer wo die Truppen standen und berichteten Herrn Vollrath. Wir hatten aber nur einen Kopfhörer. London oder Wilna waren unsere Sender. Wir berichteten Herrn Vollrath aber immer nur unter 4 Augen. Tagsüber versteckten wir das Gerät. 1944 zu Weihnachten fuhr er nach Berlin zu seinen Eltern. Unterwegs wurde er von der Militärpolizei (Kettenhunde) gegriffen. 1989 im Januar war ich in Westberlin. Im Telefonbuch machte ich seine Adresse ausfindig. Ich rief ihn an und wir trafen uns.

Da erzählte er mir seine Geschichte. Nach einer Kurzausbildung kam er an die Ostfront. In der Tschechei kam er in Gefangenschaft. Die Russen übergaben sie alle an die Tschechen. Es geschah auf der Karlsbrücke in Prag. Ein ganzer Transport marschierte, sie wussten es, zum Erschießen. Mitten auf der Brücke kniete er sich hin und betete, es kamen Amerikaner entgegen, die frugen was das soll? Es wurde ihnen berichtet was geschehen sollte. Die Amerikaner übernahmen das Kommando und übergaben den ganzen Trupp den Russen. Wie mir Roland erzählte, hat er ein Gelöbnis vor Gott abgelegt, daß wenn er heil da heraus kommt, will er sich ganz der Kirche zur Verfügung stellen. Im August wurde er nach Westberlin entlassen. Er machte das Abitur nach. Er studierte Jura. Nun löste er sein Gelöbnis ein, dass er sein Leben lang ohne Honorar Kindergottesdienst hielt.

Wie schon erwähnt, fing meine Lehrzeit mit dem 13. Lebensjahr an, im Mai wurde ich 14. Jeden Freitag der Woche war Berufsschule. Die fing 7.30 Uhr an. Im Sommer war die Arbeitszeit von 6.30 Uhr bis 18.00 Uhr. Da 1 Stunde bis zur Berufsschule noch Zeit war, mußten wir noch ¾ Stunde arbeiten. Im 1. Lehrjahr gab es 5 Reichsmark die Woche, im 2. 6,- und im 3. 7,-. Alle 14 Tage hatte ich Sonntagsdienst und da gab es 1,- mehr. Im Winter auch jede zweite Woche Heizdienst. Bei Kälte dauerte der Dienst bis 24.00 Uhr, da gab es für jeden Abend 1,- Reichsmark. Die Lehrlinge nahmen das ohne zu murren hin. Wir wussten Lehrjahre sind keine Herrenjahre. Da die Lehrmeister und Berufsschullehrer sehr tüchtige Leute waren und wir aufpassten, konnte man viel lernen.

Als ich Lehrling im ersten Lehrjahr war, fuhr ich mit dem Lehrling, der im 3. Lehrjahr war, viel mit dem Rad umher. So waren wir in Bad Kösen auf dem Himmelreich. Da gab es Bratkartoffeln ohne Marken. Es bekam jeder von uns eine Portion und ein bierähnliches Getränk dazu. Als wir wieder zu Hause waren, hatten wir denselben Hunger wie zuvor. Da wir Lehrlinge keinerlei Ablenkung hatten; wie Fernsehen, Radio, Disco usw. konnten wir uns ganz auf unseren Beruf konzentrieren. So gingen wir abends in andere Betriebe und sahen wie man’s da machte. Es muss 1943 gewesen sein, da waren wir in einer Gärtnerei und ich sah da ein wunderschönes Mädchen. Ich frug meine Kollegen werd die sei, man sagte mir hier hätte ich wohl keine Chance. Ich ging öfter dahin, aber ich war schüchtern und das Mädchen auch. Es fielen die Bomben in Naumburg, wir wurden in alle Welt zerstreut. Erst 1948 waren wir beide nicht mehr so schüchtern, 1951 wurde es meine Frau. 4 Wochen vor unserer Goldenen Hochzeit starb sie.

Zum Schluss möchte ich noch eine Begebenheit erzählen: Im Februar 1945 machte ich die Gärtnergehilfenprüfung, so nannte man das damals. Anfang März bekam ich die Einberufung nach Halle auf den Flugplatz. Als Herr Vollrath mir die Einberufungskarte gab, war es abend. Ich setzte mich auf das Fahrrad und fuhr nochmal nach Haus Berglinden und berichtete es Fräulein von Usedom. Sie frug ob ich dahin wollte, ich sagte ihr, dass ich Tag und Nacht arbeiten wolle, aber nicht in den Krieg ziehen. Sie nahm meine Karte und sagte zu mir, ich solle am nächsten Tag eine Stunde eher im Betrieb sein. In der Nordstraße war das Wehrbezirkskommando und bei dem Oberstleutnant Kind hatte sie es geregelt. Er hat meine Karte unter den Stapel anderer Karten gesteckt, wenn sie aber wieder oben auf ist, dann müßte ich weg. Aber die Amerikaner waren schneller. Ich durfte nicht mehr in die Stadt und wohnte dann in Berglinden.

2 Stunden war ich in Gefangenschaft! Die Amerikaner machten, wie öfter, Kontrollgänge. Die sahen mich in der Gärtnerei. Sie frugen nach den Dokumenten, ich ging in die Gärtnerei, wo meine Jacke war und die gingen immer mir nach. (Ich war 1944 einmal zu einer Militärausbildung und das bekamen wir zum Schluss einen Ausweis und den hatte ich noch in meiner Tasche.) Den sahen die und so mußte ich mit. Jetzt machten die einen Fehler, sie gaben mir den Ausweis zurück. Ich zog meine Jacke an, kurze Hosen und barfuß in Holzpantoffeln, so ging ich bis an die Eisenbahnbrücke, die nach dem Ostbahnhof geht. Dort stand ein Jeep, der aber schon voll besetzt mit eingesammelten Leuten war. Nun kam ich noch dazu. Ich mußte auf die Motorhaube. Dort war eine Eisenstange, worauf sonst ein Maschinengewehr befestigt war. An der mußte ich mich festhalten. Nun ging die Fuhre los, ein Neger war der Fahrer. Es ging über den Postring, da verlor ich im hohen Bogen den ersten Holzpantoffel, dann ging es über den Markt, wo ich den 2. Pantoffel verlor, nun war ich barfuß. Dann ging es durch die Salzstraße, dann in die Jenaer Straße, wo ein christliches Hospiz war. Dort mußte ich als Einziger in den Keller. Der Keller war ca. 10 cm mit Seifenwasser überflutet, und das barfuß. Man nahm mir mein Gärtnermesser ab und auch den Gürtel. Nun muss ich noch dazu sagen, als ich mich nun auf dem Jeep an der Eisenstange festhielt, habe ich unterwegs in meine Tasche gefasst und habe den Ausweis, den die Amis wiedergaben unbrauchbar gemacht und unterwegs fallen lassen. Nach einer Zeit kam ein Offizier und frug mich warum ich hier wäre, ich sagte, dass ich das nicht wüsste und sagte dann, dass ich kein Soldat gewesen sei. Nach einer Zeit kam er wieder und gab mir mein Messer und den Gürtel wieder und gab mir eine Zigarette, dann gab er mir die ganze Schachtel und schickte mich heim. Meine Pantoffel fand ich nicht wieder. Der Ami sprach Deutsch mit sächsischem Dialekt.

Mit dem Finneexpreß fuhr ich alle 14 Tage nach Hause. Der Finneexpreß ging bis Kriegsende bis Kölleda bis zur Pfefferminzbahn die dann bis Buttstädt ging. Zum Kriegsende wurde dann die Brücke bei Roßbach gesprengt. Wir mußten dann bis sie wieder ganz war bis dort laufen.

Hans-Joachim Kögel, Heidelberg (1937)

Das Kirschfest

In guter Erinnerung ist mir noch das Kirschfest 1937. Die Schulleitung der Mittelschule hatte beschlossen, zum Kirschfest die Hussitensage von der Belagerung und Rettung der Stadt, bei der alle Jungen- und Mädchenklassen mitwirken sollten, auf der Vogelwiese aufzuführen. Dieser Aufführung gingen viele Proben auf dem Schulhof in der Seminarstraße voran. Alle hatten sich dafür Trachten, Uniformen und Kleider beschafft. Dann erfolgte die Aufführung. Zuerst wurde das friedliche Leben hinter der Stadtmauer gezeigt. Die Handwerksleute zogen getrennt nach Berufen auf und sangen Lieder ihrer Zunft. Die Frauen und Mädchen gingen ihrem Tagewerk nach und tanzten und sangen zum bevorstehenden Johannistag. Alle erstarrten in Schrecken als die Hussiten in Landsknechtstracht mit Schwert -Attrappen und Spießen sich der Stadt näherten um den Tod ihres Reformators zu rächen. Die jüngsten Schulklassen bildeten den Zug der Kinder zum Prokop um Gnade für die Stadt zu erbitten. Nach Ende unseres Spieles bekamen wir großen Beifall von den vielen Zuschauern.

Würstchenangeln
In meiner Jugendzeit vor dem 2.Weltkrieg stand während des Kirschfestes an der Ostseite der Vogelwiese ein grösseres Zelt, das Referendarzelt. Wahrscheinlich handelte es sich um Referendare, die an den Naumburger Gerichten tätig waren und das Kirschfest bis spät in die Nacht und immer in guter Stimmung feierten. Neben diesem Zelt hatten meine Eltern ein Familienzelt zusammen mit einer befreundeten Familie. Alles, was an Speisen und Getränken an den Festtagen gebraucht wurde, musste von zu Hause herangeschafft werden. Wegen Platzmangel wurden manchmal selbstgebackene Kuchen an den Kastanienbäumen hinter dem Zelt abgestellt. Hierauf warteten unsere Nachbarn, um eine kleine Kostprobe heimlich zu stibitzen. Mit einem kleinen Umtrunk wurde der Festtagsfrieden wieder hergestellt. Großen Zulauf bekamen die Referendare wenn sie vor ihrem Zelt in den Abendstunden “Würstchenangeln” veranstalteten. Eine Bockwurst, die an der Leine einer Angel befestigt wurde, ließen sie über die Zuschauer baumeln, bis es einem Anwesenden gelang, das Würstchen zu ergreifen. Alte Naumburger waren der Meinung, dass das Kirchfestlied von Referendaren Ende des 19. Jahrhunderts ersonnen worden sei.
Dr. Volkhard Jung, Karlsruhe (1944-48)

Im Jungvolk

1 . Gliederung des "Deutschen Jungvolks"

Das Großdeutsche Reich war damals in Gaue eingeteilt. Naumburg gehörte zum Gau Halle-Merseburg. Jeder Pimpf im Jungvolk trug auf dem rechten Arm der Uniform das Gebietsdreieck “Gau Halle-Merseburg”. Als weitere Untergliederung gab es den Bann. Naumburgs Bann hatte die Nummer 203. Innerhalb des Bannes gab es die HJ und das DJ. Das Deutsche Jungvolk von Naumburg war in einem Jungstamm zusammen gefasst. Der Jungstammführer trug eine weiße Schnur. Ein Jungstamm bestand aus mehreren Fähnleins, in Naumburg, glaube ich 9 an der Zahl. Ein Fähnleinführer trug eine grün-weiße Schnur, der Jungzugführer eine grüne und der Haupt jungzugführer eine schwarz-grüne . Ein Jungzug untergliederte sich in 3 Jungschaften. Ein Jungschaftsführer trug eine kurze rot-weiße Schnur. Mein Jungschaftsführer war zunächst Axel Krefeld noch im Fähnlein 6, dann Jochen Meusel im Fähnlein S (Sonderfähnlein, Jungzug Führeranwärter) . Das Fähnlein S bestand aus den Jungzügen Spielschar, Führeranwärter und, ich glaube, Fanfarenzug. Ein Bastelzug war, so glaube ich, auch dabei.

Jungvolk_500Ein Jungvolk-Fähnchen im Siedlungsviertel (Foto: Leihgabe Hans-Dieter Schütze, Jeßnitz)Zweimal in der Woche war nachmittags Dienst. Auf der Vogelwiese wurde angetreten. Jedes Fähnlein hatte seine eigene Fahne, schwarz mit weißer Siegesruhne, oben links die Fähnleinnummer, an der Spitze der Fahnenstange eine Zier, ich weiß nicht mehr genau welche. Zu Ende des Dienstes wurde wieder auf der Vogelwiese angetreten, die Fähnleinfahnen wurden präsentiert, dabei wurde das Lied gesungen: “Grau wie die Erde ist unser Kleid, graue Soldaten in sturmschwerer Zeit”. Dabei rückten die Fahnenträger der einzelnen Fähnlein mit präsentierter Fahne auf die Mitte des Karees vor, bildeten dort eine Fahnenkolonne, immer noch präsentiert, welche dann im Haus der Jugend verschwand und die Fahnen dort unterbrachte.

2. Geländespiele

Jeder Pimpf hatte einen DJ-Ausweis, der einmal im Monat gestempelt wurde, dazu gab es eine Dienstbenotung . Bisweilen gab es auch sonntags Dienst. Dann zog man mit Fahne z.B. zum Sperlingsholz. Oben auf der Höhe angelangt wurden die Ausweise gestempelt. Dann wurde das “Ausschwärmen” befohlen. Die meisten kletterten auf Bäume. Andere kletterten auf einer hölzernen Panzerattrappe herum. Zu Ende dieses Ausflugs mußte die Fahne wieder ins Haus der Jugend gebracht werden.
Geländespiele gab es unter der Woche z.B. im Bürgergarten und auf dem Exerzierplatz. In einer Schlucht oberhalb des Bürgergartens wurde ein Überfall geübt. Die eine Partei mußte sich unter Fichten verbergen, die andere Partei sollte überfallen werden. Als die zu überfallende Partei durch die Schlucht zog, stürmte die verborgene Partei aus der Deckung hervor und es gab Ringkämpfe Pimpf gegen Pimpf. Das Pfeifen der Jungzugführer beendete das Spektakel.
Ein anderes Mal zogen wir zum Exerzierplatz. Auf einem Baum wurde ein Brief versteckt, der zu erbeuten war. Zwei Parteien wurden gebildet, die Angreifer und die Verteidiger. Die Einen trugen ihr Fahrtentuch um den rechten Arm gebunden , die anderen um den linken. Die Fahrtentücher sollten mit einer Schleife zugebunden werden, nicht mit einem Knoten. Wenn es dem Gegner gelang, die Schleife aufzuziehen, war der Gegner sozusagen “tot” und er schied aus. Ganz Gewitzte machten dennoch einen Knoten in das Fahrtentuch, so dass es sehr schwer war, diesen Gegner matt zu setzen. Das sollte eigentlich nicht sein, wurde aber praktiziert. Die Ehrlichen waren die Dummen.

5 . Große Geländespiele

Im Sommer 1944 gab es ein großes Geländespiel, das zusammen mit der Napola (NPEA) gleich National Politische Erziehungs Anstalt, früher Kadetten-Corps , durchgeführt wurde. Da es kein Manöver NPEA gegen DJ sein sollte, wurden die Parteien aus DJ und NPEA gemischt. An der Stadtmauer sollte Naumburg verteidigt werden. Die Angreifer mußten auf Schleichwegen zum Markt gelangen. Etliche dieser Angreifer kletterten an unbeobachteten Stellen über die Stadtmauer und gelangten auf den besagten Schleichwegen zum Markt. Naumburg wurde von den Verteidigern also nicht gehalten.
Im selben Sommer gab es auch einen Staffellauf rund um den Ring. An den Stabübergabestellen wurden diejenigen postiert, die nicht am Lauf beteiligt waren, sie waren somit nur Zuschauer. Ich glaube, das war alles im Zusammenhang mit der Woche der Jugend, in welcher wir die ganze Dauer dieser Woche Uniform zu tragen hatten, auch zur Beerdigung eines gestorbenen Klassenkameraden aus der Salztorschule. Da waren wenigstens alle gut angezogen. Am Sonntag fand ein großer Vorbeimarsch von der Vogelwiese durch die Jakobsstraße zum Markt statt. Die Jungmädel bildeten Spalier und wir mußten mit angewinkeltem Arm, Daumen, hinter dem Koppelschloss und Augen links paradisch marschieren.

4. Pimpfenprobe

Schon sehr früh im Sommer fand die Pimpfenprobe statt. Diese Prüfung bestand aus relativ zahmen sportlichen Leistungen: Weitsprung 2,50 m, 75 m Lauf in 12 Sekunden und sonst wohl noch einiges, z. B. Lernen: Unsere Fahne flattert uns voran, nur 1. Strophe Deutschlandlied; aber 3 Strophen “Horst-Wessel-Lied”. Aus Jux sang man “die Pfanne hoch, die Bratkartoffeln brennen”. Nach bestandener Pimpfen-Probe durfte man Schulterriemen und Fahrtenmesser tragen. Dann gab es die Aufnahme in das Deutsche Jungvolk mit einer Feier am Langemarck-Denkmal. Per Händedruck wurde dann die Aufnahme bestätigt, wobei man keinen Diener machen durfte. Das Naumburger Tageblatt berichtete über diese Feier. Bürgermeister Radwitz.war zugegen und selbstverständlich auch der Bannführer, der mit dem Dienstmotorrad gekommen war.

5. Die Invasion in der Normandie und der 20. Juli

Am Tage der Invasion wurden wir im Dienst darüber befragt, ob wir wüssten, was nun geschehen sei. Die meisten wussten es aus dem Radio. So ahnten wir doch damals nicht die katastrophale militärische Lage. Selbst Rommel forderte vom Führer Kosequenzen aus der Lage zu ziehen, was ihn das Leben kostete. Ahnten wir doch damals nichts vom 20. Juli, konnten und durften es auch nicht. Der Versuch, zu retten, was zu retten war, trug alte preußische Namen. Als diese Namen bekannt wurden, dämmerte es doch manchen. Welch eine Ironie: Unser Jungzug hatte einen Wimpel mit der Aufschrift “Yorck”, bekannt durch die Konvention von Tauroggen 1813. Nun war es doch ein Yorck von Wartenberg, der wesentlich am Aufstand des Gewissens beteiligt war. Unsere Großmutter war befreundet mit einer Frau von Hayessen. Und ein Hayessen war auch wesentlich beteiligt. “Man wechselt nicht die Pferde im Flusse” war damals manch ein Kommentar hinter vorgehaltener Hand.

6. Reichsjugendwettkämpfe und nahende Katastrophe

Im Spätsommer fanden die Reichsjugendwettkämpfe statt. Dies geschah auf dem Sportplatz des Domgymnasiums in den Moritzwiesen. Zu der Zeit waren wir doch ziemlich ahnungslos über die katastrophale militärische Lage.
Noch im Herbst wurde unser Jungstammführer eingezogen, auch der Fähnleinführer folgt bald nach. So wurde Martin Assmus zu unserem Fähnleinführer. Jungzugführer wurde ein NS-ausgerichteter Neuer, der uns über die NS-Kampfzeit unterrichtete. Jungstammführer wurde Just, ein strammer NS-Genosse, der aber nach dem Ende 1945 nahtlos zur FDJ überging.
Im Herbst 1944 gab es Bombenangriffe auf das Heeres-Zeugamt mit “Kollateralschäden”, wie man heute wohl sagen würde. Wir Pimpfe wurden eingesetzt zum Aufräumen in der Grochlitzer Straße. Rührende Frauen belohnten uns mit Äpfeln.

7. Beförderung

Am 9. November wurde ich zum Hordenführer befördert. Das war der allerunterste Dienstgrad, ein Winkel auf dem Arm. Zwei Winkel übereinander der Oberhordenführer, ein Stern der bestätigte Jungschaftsführer, Stern mit Winkel darunter Oberjungschaftsführer, meist trug diese Species schon die grüne Schnur des Jungzugführers. Zwei Sterne der bestätigte Jungzugführer, mit Winkel darunter der bestätigte Hauptjungzugführer, drei Sterne der bestätigte Fähnleinführer und 4 Sterne der bestätigte Jungstammführer, der eine weiße Schnur trug.

8. Flüchtlinge

Im November 1944 kamen die ersten Flüchtlinge aus Ostpreußen und aus Schlesien. Das Jungvolk wurde eingesetzt, den Flüchtlingen das Gepäck in ihre neuen Quartiere zu bringen. In der Gaststätte “Erholung” wurde ein Massenquartier für Flüchtlinge eingerichtet, ebenso in allen Turnhallen. Wir wurden auch eingesetzt zum Strohsackstopfen im Hofe der Salztorschule zur Unterbringung von Flüchtlingen. So stopften Markus am Wege, Sohn von Rechtsanwalt am Wege, und ich Strohsäcke und Kopfkissen. Die Salztorschule wurde dann bald Ersatzkrankenhaus.
Als die Turnhallen wieder geräumt waren, auch die “Erholung”, fand in der “Erholung” in Nachbarschaft der Vogelwiese eine Kundgebung für das Jungvolk statt, wozu wir vom Fähnlein S einen Kriegsruf einübten. Gotthard Lange, Sohn von Pastor Lange von der Othmarskirche, hatte einen Solopart übernommen, dazu Fanfaren und Trommelwirbel. Ein Offizier der Wehrmacht hielt eine Rede, von der ich jedoch nichts verstand.
Als die Lage in Hinterpommern immer bedrohlicher wurde, versammelte man uns im Domgymnasium und versuchte uns klarzumachen, dass alles nur Panzerspitzen seien. Auch der große Preußenkönig habe in fast aussichtsloser Lage durchgehalten. Nur ein zweites Mirakel des Hauses Brandenburg gab es eben nicht.

9. Endphase 1945

Als die Schule aufhörte - wohl, weil die Lehrer zum Volkssturm mußten - war an jedem Tage nachmittags Dienst und sonntags vormittags Führerdienst. Wer ins Kino ging, wurde vom HJ-Streifendienst herausgeholt. Wir mußten mit Handwagen Kohlen fahren für diejenigen, die um Hilfe gebeten hatten. Und wenn es nichts zu turn gab, spielten wir Völkerball auf der Vogelwiese.
Im Februar 1945 wurde das Volksopfer organisiert. Auf dem Marktplatz mußten wir Pimpfe, in Sprechchören rufen: “Laßt nichts verkommen und verrosten, helft unseren deutschen Volksgenossen aus dem Osten, wir rufen euch zum Volksopfer auf”. Wir wurden auch eingesetzt, um die gespendeten Sachen in die heutige “Alte Schmiede”zu tragen. Oder war es ein anderes Haus am Lindenring? Als ich am 7. März 1945 meinen 11. Geburtstag feierte, kam der neue Jungschaftsführer zu uns am Moritzplatz 1 und sagte, ich müsse noch viel diensteifriger werden. Die britischen Truppen hatten bei Wesel am Rhein schon einen Brückenkopf gebildet.

10. Das letzte Geländespiel

Anfang April 1945 gab es noch ein letztes Geländespiel im Buchholz. Alle Führer vom Jungzugführer an, aufwärts waren schon irgendwie dienstverpflichtet. Die Gestellungsbefehle hatten wir ausgetragen. Auch Gotthard Lange war verpflichtet worden, obwohl noch weit unter 18 Jahren. Aber in einen Film, der für Jugendliche unter 18 Jahren nicht zugänglich war, durfte er trotz Stellungsbefehl nicht hinein.
So blieben nur noch die Jungschaftsführer übrig. Das Geländespiel wurde vom Jungschaftsführer Schulze, dem älteren Sohne des Domkämmerers geleitet. Sein jüngerer Bruder, Winfried Schulze, war mein Klassenkamerad. Er organisiert heute noch von Mainz aus unser Klassentreffen, das nächste im September 2004 in Bad Kösen.

11. Führerdienst am Sonntag

Was mir nicht gefiel, war der Führerdienst an jedem Sonntag. Meiner Mutter gefiel das auch nicht. Was mir auch nicht gefiel, waren Sauberkeitsapelle. Hatte man zu viel Ohrschmalz im Ohr, mußte man auf der Vogelwiese in einem großen Kreis herumlaufen und rufen: “Ich bin ein Dreckschwein”. Posten waren aufgestellt, die einen ermahnten, auch das besagte Zitat zu rufen. Auch Fahrtenmesser wurden geprüft, ob sie blank waren. Waren sie es nicht, so flogen sie im hohen Bogen in den Sand, und man mußte diese nachher wiederholen.

12. Lieder, die wir lernten und sangen

Recht Lustig fanden wohl viele das Spottlied auf den Duce: “O, grande Mussolini, hei der Faschistico, sie fraßen Makkaroni, bis daß der Bauch zerplatzet vor lauter Fressico.”
Jedes Fähnlein hatte ein spezielles Fähnleinlied. Das Fähnleinlied des Fähnleins 6 war “Hoch auf dem gelben Wagen”. Beim Endvers “Aber der Wagen, der rollt “ verstand ich mitunter: “Aber der Magen, der knurrt”. Das Fähnlein S hatte als Fähnleinlied: “Wir sind vom ersten Steyerischen Tschechobattalion, Heil und Sieg der 1. Kompanie”. Und weiter: “Und ist der Friede da, so rufen wir hurra, nach alter Jägersart mit wip hurra, ja so gehen wir, ja so stehen wir” Die Melodie nach dem “Wir sind vom k. u. k. Infanterieregiment ...” Das kam mir zu habsburgisch vor. Da fand ich: “Der Preußenkönig hat gar viel Soldaten ...” sehr viel schöner.
Bei unserem damaligen Jungzugführer, Martin Assmus lernten wir: “Und ein Harung dick und stramm, der auf dem Meeresgrund schwamm, verliebte sich o Wunder in eine Flunder”. Noch im Fähnlein 6 lernten wir: “Es steht eine Mühle im Schwarzwälder Tal, die klappert so leis vor sich hin...” Das war doch eigentlich harmlos!

15. Begleitung eines Regimentes zum Bahnhof

Die Begleitung eines Regimentes zum Bahnhof empfand ich durchaus als ein sinnvolles Unternehmen. Hat es aber die Soldaten wirklich gefreut? Oder war es ihnen egal? Gibt es vielleicht noch Überlebende? Von der Kaserne am Sperlingsholz zog das Regiment zum Bahnhof. Die Pimpfe liefen rechts und links der Kolonne entlang und geleiteten das Regiment zum Bahnhof. Es war wohl im November 1944. Wahrscheinlich ging es an die Ostfront. Wie viele kamen wohl gesund zurück? Unser Fähnlein hatte die Patenschaft übernommen, und zu Weihnachten wurden Feldpostpäckchen geschickt. Wussten wir eigentlich, was diesem Regiment bevorstand, wohl kaum!
Wären die vielen Versuche, Hitler aus dem Wege zu schaffen nur geglückt, uns wäre viel erspart geblieben. Auch mein eigener Vater war Mitwisser des Umsturzversuches. Das Kommando als Regimentschef an der Front in Italien und sein Vorgesetzter rettete ihm durch Schweigen das Leben.
Bereits nach der Katastrophe vor Moskau im Winter 1941/42 wusste er, dass man mit einer um ein Drittel verminderten Streitmacht keinen Sieg mehr erringen konnte. Stalingrad und Kursk waren dann die Folgen dieser Hybris, ähnlich wie bei Napoleon.

Hans-Gerd Koch, Aachen

In Naumburgs Unterwelt

Aufgewachsen bin ich in meinem Elternhaus in der Buchholzstraße wenige Häuser unterhalb des Brunnens. Vom Brunnen aus ging der Ziegelgraben bis zum Buchholz. Vom Buchholz her floß ein Bach durch den Ziegelgraben und verschwand etwa 300m vor dem Brunnen in einem "Tunnel". Das war natürlich ein Punkt, der unser besonderes Interesse erregte. Das Gitter des Tunnel-Eingangs war leicht zu öffnen und so wagten wir uns beklommen ein paar Schritte hinein. Aber es war uns doch zu unheimlich, wir kehrten gleich wieder um. 2 bis 3 Jahre später, als wir Karl May und andere Abenteuerromane zu lesen begannen, kamen wir dann doch zu dem Entschluß, den Tunnel weitgehendst zu erforschen. Wir bewaffneten uns mit Taschenlampen und brachen auf zu einer Expedition in den Tunnel.

Zuerst fing es recht gut an. Der Boden war aus Stein, der Bach floß in der Mitte in einer offenen Rinne. Der Tunnel blieb so hoch, dass wir darin aufrecht gehen konnten. Von rechts und links gab es in den Wänden ab und zu Röhren, aus denen zeitweise Wasser floß, oft vermischt mit braunem Schlick. Der verbreitete einen ziemlich miesen Geruch. Aber das konnte uns nichts anhaben, wir waren auf einer Expedition und mußten mit solchen Dingen fertig werden. Auch als ab und zu einer auf dem glitschigen Boden ausrutschte und in die braune Soße fiel, war das eben eine Begleiterscheinung, mit der man eben zunehmend rechnen mußte.

Wir waren schon eine ganze Weile unterwegs, als der Tunnel plötzlich sein Ende fand. Rechts und links gingen zwar kleinere Tunnel weiter, aber die waren nicht begehbar. Was nun?

Da kam von ferne ein Geräusch, wurde immer lauter, donnerte über uns hinweg und verlor sich wieder in der Ferne. Was war das? Dort wo wir standen ging auch von der Tunneldecke aus ein Schacht mit Steigeisen In die Höhe, der oben eine Abdeckung hatte, mit einem Schlitz, durch den das Tageslicht fiel. Wir hoben einen von uns in den Schacht, bis er über die Steigeisen ganz nach oben klettern konnte. Er schaute durch den Schlitz und meldete: "Wir sind am Wenzelsring! Und was eben solchen Krach machte, war die Straßenbahn."

Also hatten wir ein Ziel erreicht, waren's zufrieden und machten uns wieder auf die Rückreise. Die Abenteuer-Romantik ließ nun merklich nach, dafür wurde unsere Sorge immer größer: wie wird man uns zu Hause empfangen, nachdem wir so intensiv mit der Kloake in der Buchholzstraße Bekanntschaft gemacht hatten und mit ihr unübersehbar in Tuchfühlung gekommen waren?

Dr. Volkhard Jung, Karlsruhe (1944-48)

Kindheit in Naumburg

1. Frühe Kindheit bei der Großmutter M. v. Holtzendorff in Naumburg

Unsere Großmutter Margarethe v. H. war 1867 in Spandau geboren worden. Nach 7 Jahren in Meiningen setzte sich ihr Vater Fritz v. H. in Naumburg zur Ruhe, zuerst am Georgenberg 7, dann Jägerstr. 40 und nun Domplatz 1. Die Trauung von Margarethe 1904 im Naumburger Dom mit ihrem Vetter Joachim v. H., gefallen 3 Monate vor Kriegsende im November 1918. Joachim war auch Domschüler, deswegen ist sein Name auf der Gedenktafel im Kreuzgang des Domes aufgeführt. Nach den Garnisonen in Pasewalk und in Hannover (KPMRI) kehrte die Großmutter als alleinstehende Witwe in die Heimat nach Naumburg zurück und wohnte am Moritzplatz 1. Dieses Haus war für ihre Enkel, uns vorerst nur 3 Geschwister seit frühester Kindheit der Ort der Erinnerung, dort wo wir bei jedem Umzug der Eltern, nach Halle, nach Berlin in Obhut der Großmutter kamen. Doch auch zu Geburtstagen fuhren wir nach Naumburg, von Halle, wo ich zur Schule kam, war es ja nicht so weit. So erinnere ich mich noch an den Beginn der Elektrifizierung der Saale-Bahn 1940 bis nach Weißenfels. Dort in Weißenfels wurde lange Zeit lang umgespannt. Und im E-Lok-Schuppen standen rote E 18, was für Kinder unheimlich interessant war. 1941 sah ich dann in Naumburg das deutsche Krokodil, die E 94 vor einem Güterzug. Wir waren mal wieder in Obhut bei der Großmutter wegen eines Umzuges nach Berlin. Auch schon 1939 waren meine ältere Schwester und ich dort in Obhut, denn unsere Mutter erwartete ein 4. Kind, das leider die Geburt nicht überlebte. Es waren noch Friedenszeiten und deshalb verkehrte noch der fliegende Frankfurter oder Münchener, den wir immer wieder vom Spechsart aus von oben bewunderten, großer Hoheitsadler an der Frontseite. Die Farben Weißgelb/Violett waren auch einmalig schön.
Auch 3 Schwestern unserer Großmutter wohnten in Naumburg, Medlerstr 30 Hilde v. Sperling, in der Luisenstr. Walburg Radermacher und in der Lutherstr. 16 Erika Niemeier. Ein noch lebender Bruder, Siegfried v. H. wohnte in Bad Kösen, Salinenstr. 7. Dort in Kösen erhielt ich wegen chronischer Mandelentzündung (im ungesunden Klima von Halle) oft Solebäder, wohin mich unsere Großmutter geleitete.- Auch zum Zahnarzt fuhren wir mit der Bahn extra nach Naumburg, Quartier Lutherstr. 16 bei der jüngsten Schwester unserer Großmutter. Es war erst Ende Oktober, 1940, und trotzdem schon Schnee zum Schneemannbauen.
Nach 3 Jahren in Halle wurde unser Vater in das OKH (Oberkommando des Heeres) nach Berlin versetzt. Berlin war nun deutlich weiter von Naumburg entfernt als Halle. Wussten wir doch nicht, dass die Zeit in Berlin nur gut 2 Jahre dauern würde. Denn im Sommer 1943 wurden alle Schulen in Berlin geschlossen, wegen sich häufender Luftangriffe. So fanden wir endgültig Unterschlupf bei unserer Großmutter in Naumburg. Unsere jüngste Schwester war schon im August 1943 in Naumburg in einer Klinik in der Friedenstrasse geboren worden, nicht mehr zu Hause. Kurz vor der Taufe der kleinen Schwester am 1 . Advent 43 war das Haus in Berlin, in dem wir wohnten, durch Brandbomben zur Mauerruine geworden. Doch Geschirr in Kisten im Keller konnte noch gerettet werden, nun zum 2. Male gebrannt.

2. Kindheit in Naumburg

Als wir Kinder nach Naumburg kamen, war ich erst 9 Jahre alt, und ich ging noch ein knappes Jahr zur Salztorschule. In Erinnerung ist mir der Deutsch- und Heimatkunde-Lehrer Görlich. (Sein Sohn war schon Schüler des Domgymnasiums.) Der Klassenlehrer Görlich brachte uns mit viel Begeisterung die Heimatkunde nahe. So zeichneten wir den Verlauf der Saale von der Talsperre bis zur Mündung in die Elbe und auch den Verlauf der Unstrut mit Finne, Schrecke und Schmücke, nebst Hainleite, Kyffhäuser und Eichsfeld. Auch der Thüringer Wald und das Erzgebirge waren uns ein Begriff. Anhand der Höhe des Wenzelskirchen-Turmes machte Görlich uns die Höhe des Inselsberges klar. Auch der Kikelhahn mit Goethes “Über allen Wipfeln ist Ruh ...” war uns vertraut. Natürlich lernten wir auch die Legende vom Hufeisen auswendig. Ist es nicht erstaunlich, was 9jährigen Schülern damals in der Salztorschule alles beigebracht wurde.
Religionslehrer war Herr Blütgen. Als ich 1991 zum Naumburger Hussiten-Kirschfest kam, erinnerten sich noch einige ältere Naumburger an ihn. Wenn Herr Blütgen am Gründonnerstag die Passionsgeschichte erzählte, war es mucksmäuschenstill. Musiklehrer war Herr Starke, bei ihm lernten wir alle Tonleitern und auch zweistimmig nach Handzeichen singen. Eine Faust war der Grundton, eine Oktave höher wieder eine Faust. Wir sangen vokalisierte Töne.

5. Dienst im Deutschen Jungvolk (DJ)

Immer auf den 20. April (Hitlers Geburtstag) war die Pflichtaufnahme in das Deutsche Jungvolk gelegt. Das DJ gehörte zwar organisatorisch zur Hitlerjugend, war aber seiner Herkunft nach eine gleichgeschaltete Einrichtung. Wer nicht unbedingt in die HJ wollte, wurde gerne Führer im Jungvolk. So waren die Schüler der oberen Klassen des Domgymnasiums meist Führer im Jungvolk.
Im Juni 1944 gab es eine Woche der Jugend, nun zusammen mit der Hitlerjugend. Dabei sah man erstmalig die Marine-HJ. Es war angeordnet worden, eine Woche lang Uniform zu tragen. So erschienen wir zur Beerdigung eines Klassenkameraden sämtlich in Uniform. Es wurde auch ein Vorbeimarsch eingeübt, mit angewinkeltem Arm und Daumen hinter dem Koppelschloß. So zogen wir von der Vogelwiese durch die Jakobsstraße zum Markt. Die Jungmädel bildeten Spalier. Meine Schwester meinte, es habe ausgesehen, als wenn wir alle Bauchkneifen gehabt hätten. Das Rathaus war mit riesigen Hakenkreuzfahnen beflaggt. 2 Jahre später waren es dann nur noch rote Fahnen. Den weniger verblichenen Kreis mit Hakenkreuz sah man dann noch. Eindrucksvoller war die feierliche Aufnahme vor dem Langemarck-Denkmal oberhalb des Bürgergartens. Da wurde uns beigebracht “Ein Hitlerjunge macht keinen Diener” beim Händedruck.

4. Domgymnasium

Noch im Juni 1944 bestand ich die Aufnahmeprüfung zum Domgymnasium. Interessanterweise wurde bei der Aufnahme ein Taufzeugnis verlangt. Immerhin war das Domgymnasium eine evangelische Schule, die dem Domkapitel unterstand. War dieses Taufzeugnis etwa eine Maßnahme zur Fernhaltung von Schülern des alten Mosaischen Glaubens? Katholische Schüler wurden aber aufgenommen. Der Direktor des Domgynasiums war Steche, Koautor des Biologiebuches Steche, Stengel und Wagner. War Steche ein eingefleischter Nazi? Ich glaube es nicht so ganz. Aber er orientierte sich wohl mehr an Sparta als an Athen. In unserer Aula, der jetzigen Marienkirche am Dom hing ein riesiger roter Hoheitsadler mit Hakenkreuz. An der Wand neben dem Rednerpult ein Bild des Führers, gemalt von Herrn Scheibe, dem Zeichenlehrer, auch Lehrer für Werkunterricht und Biologie, Meine Großmutter wusste, dass er Logenbruder war; deswegen mußte er nun 150%iger Nazi sein. Nach 1945 konnte er bleiben. Er wurde später sogar Schulleiter. Unser Mathematiklehrer Friedrich wurde jedoch abgeholt und verschwand auf Nimmerwiedersehn, er war bestimmt kein Nazi. Nur bei der Unterbringung von Flüchtlingen hatte er sich vorbildlich eingesetzt. “Es sind doch unsere Brüder” sagte er häufig.
Lehrer für Latein, Griechisch und Deutsch sowie Religion war Prof. Güldenberg. Er kam von der Universität Halle, wo er bei der Theologischen Fakultät in der NS-Zeit nicht gern gesehen war. So nahm er Zuflucht zum Domgymnasium. Zu seinem Schütze trug er das Parteiabzeichen Er war unser Ordinarius - der Klassenlehrer -. Er unterrichtete uns in Latein, Deutsch und Religion. Im Herbst 1944 lernten wir schon das Adventslied “Mit Ernst o Menschenkinder ...”, Nr.10 im ganz neuen Gesangbuch. Dazu die Geschichte von Johannes dem Täufer. In der Adventszeit immer in der ersten Stunde wurde das Licht ausgeschaltet und wir sangen beim Kerzenschein des Adventskranzes “Macht hoch die Tür, die Tor macht weit ...” (Nr.1). “Die Nacht ist vorgedrungen ...” (Nr. 16) von Jochen Klepper gab es damals noch nicht, durfte es auch nicht geben.

5. Superintendent Möring

In besonderer Erinnerung ist mir Superintendent Möring und seine Weihnachtspredigten. Verstanden habe ich wohl das Meiste nicht, aber die Weissagungen aus Jesaja 11, 1-2 sind mir doch gut in Erinnerung geblieben: “Es wird eine Rute aufgehen ...”. Dann sang der Domchor das sehr schöne Lied “Es ist ein Ros entsprungen...” mit der Melodie von Michael Praetorius. Einmal verglich Möring die Türme von St. Wenzel und diejenigen des Domes mit einer ausgesteckten Hand, wenn man von den Höhen gegenüber Almrich auf Naumburg schaut.
Meine Schwester hatte bei Möring Konfirmandenunterricht und wurde von ihm, nachdem er alle Konfirmandenfamilien vorher besucht hatte, zu Pfingsten 1947 konfirmiert. Anfang Juli wurde meine Großmutter von ihm beerdigt, nachdem ihre 3 Alterswünsche in Erfüllung gegangen waren, Rückkehr unseres Vaters aus der britischen Kriegsgefangenschaft in Italien, die Konfirmation meiner Schwester und schließlich ihr eigener 80. Geburtstag.

6. Das Ende 1944/45

Am 9. November 1944 wurde ich in Abwesenheit zum Hordenführer beim Deutschen Jungvolk befördert. Gotthard Lange, Paul Binderich und ich hatten den ganzen Nachmittag bis in die Abendstunden bei Nieselregen Flüchtlingen das Gepäck vom Bahnhof in ihre neuen Quartiere gekarrt. Dann hatte ich genug und dachte mir, was es denn solle: Antreten zur Beförderung. Martin Assmus war unser Jungzugführer, später auch Fähnleinführer. Er fragte mich am nächsten Morgen oben an der Treppe im Domgymnasium nach dem Grunde meiner Abwesenheit. Ich übertrieb etwas die Dauer des Gepäckkarrens und er war zufrieden. Laut Befehl des vorherigen Fähnleinführers hatte ich unter Einspannung der ganzen Familie 20 kg Hagebutten gesammelt. Die Beförderung als erster des Jungzuges (Führeranwärter) war nun die Belohnung. Doch die Erfahrung beim Hagebutten sammeln auf dem Rödel über Balgstädt kam uns nach dem Zusammenbruch sehr zu gute, denn nun kannten wir die Stellen mit guten und ertragreichen Sträuchern. Und das verarbeitete Hagebuttenmus war für uns eine wichtige Nahrungsquelle. Im Februar 1945, wohl noch nach dem schrecklichen Angriff auf Dresden, wurde das Volksopfer organisiert. Angetreten auf dem Marktplatz mußten wir in Sprechchören rufen: “Lasst nichts verkommen und verrosten, helft unseren deutschen Volksgenossen aus dem Osten. Wir rufen euch zum Volksopfer auf.”
Am 20. April rückten die Amerikaner ein, nachdem Naumburg noch ein Bombardement hatte über sich ergehen lassen müssen. An der Weißenfelser Straße hatten sie unter offenem Himmel auf einer Wiese ein Kriegsgefangenenlager eingezäunt. Wir sparten uns Brot vom Munde ab für die deutschen Kriegsgefangenen. Die Kirche hatte dazu aufgerufen. Aber die Amerikaner ließen es verschimmeln. Immerhin waren ja wenigstens die Amerikaner zuerst gekommen und nicht die Russen. Hatten wir doch Schlimmes von Nemmersdorf gehört. Die Russen kamen später im Juli 45 in langen Kolonnen mit Panjewagen, da waren sie schon zivilisierter, aber Fahrräder nahmen sie einem dennoch weg, wenn man alleine war.

7. Neuanfang

In der Übergangszeit bis zum Wiederbeginn der Schule wurden wir in sehr kleinem Kreise von Prof Güldenberg unterrichtet. Andere Klassenkameraden von Frau Dr. Meyer-Scherling. Ende des Sommers 1945 fing die Schule wieder an, Versetzung war zu Weihnachten. Es fehlte ja einige Zeit vom Schuljahr. Der Winter 45/46 war gnädig, aber der Winter 46/ 47 war schlimm, Unterricht in Mänteln und nur so lange man es aushielt, Lernen zu Hause. Aber, was lernten wir nicht alles “Die Bürgschaft”, “Die Kraniche des Ibikus”, “Die Glocke” und “consecutio temporum” bei Fuhrmann, unserem Lateinlehrer, genannt “calo”.
Inzwischen war auch Dr. Walter Haacke aus der Gefangenschaft zurückgekommen. Bei ihm hatten wir Musikunterricht. 1947 wurde er Kirchenmusikdirektor am Naumburger Dom. Er nahm uns mit auf die Orgel und erklärte sie uns, sie stand damals auf dem Westlettner. Jürgen Sauer zog sonntags die Register. Haacke machte uns sehr vertraut mit der Musik des Frühbarock, Schütz, Schein, Scheidt, und mit den Bachen, denn es war ja eine ganze Dynastie. Cembalo und Clavichord war uns natürlich sehr vertraut. Natürlich leitete er auch das Schulorchester. Es gab Aufführungen im Domhof. Frau Dr. Bevelein, unsere Hausärztin strahlte ihn an. Auch der Domchor wurde von ihm geleitet. So gab es Aufführungen von Bachs h-moll-Messe, ich glaube gar im Hunger-Sommer 1947. Auch zur Generalprobe von Johannes Brahms “Deutschem Requiem” durften wir im Ostchor des Domes kostenlos mit dabei sein. Haacke gab uns vorher eine Einführung. Vor ein paar Jahren wurde in Naumburg sein 90. Geburtstag gefeiert. Die 3 Jahre von 45 bis 48 sind mir zu einer Einheit verschmolzen, so dass es schwerfällt,, einzelne Ereignisse zu datieren.
Schmerzlich für uns waren die Enteignungen in Balgstädt und in Wilsickow bei Pasewalk, im Westen gab es dergleichen nicht. Doch zum Familientag am Himmelfahrtstag 2002 fand sich alles wieder in Naumburg ein. Nun bin ich Mitglied des Vorstandes des Holtzendorffschen Familienverbandes, der in Naumburg neu gegründet wurde. Das Schloß in Balgstädt steht unter Denkmalschutz, damals sollte es gesprengt werden, nur die Flüchtlinge im Schloß verhinderten dies. Vetter Sperling war doch etwas traurig, als wir am Tage nach Himmelfahrt Schloß und Kirche besichtigten, nach einer Gedächtniswanderung über den Rödel.

8. Umzug nach Aurich/Ostfriesland

Da unser Vater aus britischer Kriegsgefangenschaft nicht in die sowjetische Besatzungszone heimkehren durfte, blieb nichts anderes übrig, als zur Familienzusammenführung mit einigen Möbeln mit Hilfe der Firma Obst im März 1948 nachts über die grüne Grenze nach Homburg bei Börßum zu fahren, noch mit Reichsmark hoch bezahlt, Weitertransport nach Aurich mit einem Güterwagen auf der Schiene. In Aurich war unser Urgroßvater August Jung lutherischer Pastor gewesen. Eine unverheiratete Tochter lebte dort noch zwar im eigenen Hause, aber voll mit Flüchtlingen gestopft. Unsere Großtante nahm uns gnädig auf.
Was ließen wir alles in der alten Heimat zurück! Nun wurde Ostfriesland zur zweiten Heimat, das wir auch lieben lernten, es war doch sehr karg, aber in dieser Kargheit auch wieder schön. - Alle Birken grünen in Moor und Heid, jeder Brahmbusch leuchtet wie Gold. Ja, das wurde verinnerlicht, auch “de ostfreeske Taal”, das ostfriesische Platt.
11 Jahre später fuhr ich von Heidelberg 1959 zur Physikertagung nach Berlin mit dem Interzonenzug an Naumburg vorbei, aber aussteigen durfte man nicht. Doch beim Anblick von Saaleck und Rudelsburg, dem Gradierwerk in Bad Kösen, Schulpforta, dann die Türme von St. Moritz, Dom und St.Wenzel, dazu das Oberlandesgericht, wusste ich, was Heimat ist. 1991 war ich dann wieder richtig in Naumburg, stellte beim gemeinsamen deutsch/russischen Gottesdienst zum 40. Jahrestage des Überfalles auf die Sowjetunion auf Befehl Hitlers durch deutsche Truppen eine Kerze auf für Nadja Anastasia Smoljakowa, unser Dienstmädchen aus der Ukraine.

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