Drittes Reich

Barbara v. Poschinger, Hamburg (1942-1957)

Kindheit im Schatten des Krieges

Im frühen Morgengrauen des 18. September 1942 wurde ich in der Buchholzstraße Nr. 48 geboren. Es war Verdunklung, keine Lampe durfte brennen und meine Geburt verlief wohl etwas hektisch. In dem Durcheinander hielt man mich zuerst für einen Jungen.

Stuka fuer Mami 1946Kindheit im Krieg: ein StuKa-Bild für die Mutter

Mein Vater, Werner Schröder, kurzzeitig Bürgermeister der Stadt Naumburg, war vier Wochen zuvor, am 20. August des gleichen Jahres bei den Kämpfen im Donetzbecken vor Stalingrad umgekommen. Meine Mutter, Charlotte Schröder geb. Utsch, stand nun allein mit mir und meinem zwei Jahre älteren Bruder Bernhard.

Trotz Krieg und Bombenangriffen, den Hungerjahren in der frühen Nachkriegszeit, hatte ich eine gute, meist unbeschwerte Kindheit. Das lag vor allem daran, dass unsere kleine Familie bei den Geschwistern Paßow in der Buchholzstraße Unterschlupf und Fürsorge erfuhren. Diese gebildeten und herzensguten Frauen waren schon meinem Vater in seiner Referendarzeit freundschaftlich verbunden gewesen. Und so übernahmen sie, ohne viel zu fragen, die Fürsorge für uns drei.

Die Schwestern, unser Elternersatz, stammten aus einer Pastorenfamilie aus Hohenfinow in Brandenburg. Schon in der zweiten Lebenshälfte, waren sie im heutigen Sinne emanzipiert. Im ersten Weltkrieg hatten drei der vier Geschwister ihre Liebsten verloren, so mussten sie ein Leben lang für sich selbst sorgen.

Ich nannte sie alle Tante und fühlte mich so, als ob es meine wirklichen Verwandten waren. Tante Elfriede war Oberschwester in der Klinik Schiele, die beiden Anderen, Erika und Maria, genannt Petzi, arbeiteten als Lehrerinnen bzw. als Katechetinnen. Meine wirkliche Ersatzmutter aber war Tante Dotty. Sie war umfassend gebildet, leitete den großen Haushalt, machte die Abrechnungen, baute Gemüse im Garten an, weckte Obst ein, kochte Zuckerrüben zu Sirup, backte wenn es Mehl gab und tat vieles mehr. Niemals danach habe ich einen solchen Menschen getroffen. Sie war in jeder Hinsicht außergewöhnlich, war bekennende Christin, teilte alles mit Jedem, war langmütig und humorvoll.

Bei ihr lernte ich spielerisch und nebenbei klassische Literatur und Malerei kennen. Meine fehlenden Bilderbücher ersetzte sie mir beispielsweise durch illustrierte Klassiker wie Shakespeares Macbeth und Hamlet, oder Goethes und Schillers gesammelte Werke. Auch die Geschichte Preußens mit Bildern von Adolph Menzel gehörte dazu. Wie oft habe ich mir Gemälde von Botticelli, Dürer, Cranach angesehen, habe mich in andere Welten geträumt und mich vor düsteren Mächten gegruselt.

Meine ersten Erinnerungen aber sind nur Bilder und Geräusche. Erschreckende Szenen, die mich für einige Jahre meiner Kindheit in meinem Alltag bis in meine Träume verfolgten. Es waren die Sirenen vor den Angriffen, die heulend meine sonst heile Kinderwelt erschütterten. Das Rennen in den Keller, die Angst der Erwachsenen, das Klappern der Türen, die kreischenden Flugzeuge, das Fallen der Bomben und der Luftdruck, der Fensterscheiben zertrümmerte, Bäume knickte oder sie auf den Boden bog.

Ich sehe noch meinen kleinen Bruder an der offenen Kellertüre stehen und neugierig ohne Angst das Inferno beobachten. Meine entsetzte Mutter, die ihn von dort fort zieht und die Türe zuschlägt. Im Dunkel des Kellers hockten die Bewohner. Die Frauen reichten Mullwindeln herum, die in einer Zinkbadewanne in Wasser getaucht wurden. Später erfuhr ich, dass sie als Vorsichtsmaßnahme gegen Brandbomben gedacht waren. Noch einige Jahre nach Kriegsende dachte ich, wenn es Gewitter gab, dass wieder Bomben fielen und wollte in den Keller rennen.

Nach 1945 hatte sich das Haus mit Flüchtlingen und Ausgebombten gefüllt. Unter ihnen eine Freundin meiner Mutter mit drei Kindern und deren Schwester mit zwei Sprösslingen in unserem Alter, sowie meine Patentante Ilse Wenzel mit ihren fünf Kindern. Sie hatte in der Nähe der Wenzelskirche einen Strickwarenladen betrieben. Ihr Mann war in russischer Kriegsgefangenschaft, ihr Haus nur noch eine Ruine, die uns als Abenteuerspielplatz diente. Die lose hängende Treppe im Inneren des Trümmerhaufens galt mir und meinem Bruder als Mutprobe, bis das Gebäude abgerissen wurde. In der Buchholzstraße gab es nun so viele Kinder unterschiedlichsten Alters, dass die Frage nach einem Kindergarten sich für uns und niemals stellte.

Das Haus in der Buchholzstraße hatte einen kleinen Garten mit Obstbäumen, einer alten rostigen Gartenlaube, einigen Beten, auf denen Gemüse und Salat wuchs. In direkter Nachbarschaft lagen Gewächshäuser und weitläufige Felder der Gärtnerei Biermann. Daneben begann hinter einer hohen Mauer das Gefängnis. Manchmal konnte ich ein Gesicht hinter den engen vergitterten Fenstern erkennen. Als die Sieger - Amerikaner und später Russen - das Gefängnis mit anderen Sündern füllten, stand so manch Angehöriger vor unserer Tür, um den Freunden, Verwandten oder Männern zu winken. Da es überwiegend Frauen waren, nannten wir Kinder sie die “Winkefrauen”. Bis dieses Treiben von der Militärpolizei unter Androhung von Strafe unterbunden wurde.

Da die Männer und Väter fehlten, waren wir eine reine Frauen- und Kindergesellschaft. Unsere Mütter waren erfinderisch und stark. Aus alten Vorhängen wurden Mäntel für uns genäht, Schuhe selber gemacht. Wenn wir zu große Füße bekamen, schnitten wir einfach ein Loch vorne hinein, so dass die Zehen Platz fanden. Noch heute denke ich mit großer Bewunderung an ihre Kraft, ihren Humor und ihre Solidarität. Unsere Mütter sassen in großer Runde bis spät in die Nacht, obwohl sie am nächsten Tag alle arbeiten mussten. Sie strickten, nähten, stickten, dabei erzählten sie sich Geschichten oder Witze und lachten. “Soldatenfrauen” nannten wir sie, ohne darüber nachzudenken.

Die Ernährungslage war katastrophal. Meine Mutter fuhr aufs Land und verkaufte den Bauern Schmuck und andere wertvolle Dinge, um etwas zu Essen zu besorgen. Eines Tages erschien sie abends, wie so oft, mit ihrem Fahrrad, aber aufgelöst und voller Angst. Auf dem Gepäckträger eingeklemmt ein toter Hase. Sie hatte gesehen wie ein russischer Soldat den Hasen schoss und dann suchte und suchte. Das Tier lag ganz in ihrer Nähe. Meine Mutter riss es geistesgegenwärtig an sich und floh auf dem Fahrrad mit der Beute. Fleisch war für mich das Beste überhaupt. Ich stellte mir immer vor, dass das Paradies eine Mischung aus Gottesdienst und Schlaraffenland war. Alles Essbare wurde angebaut, Kaninchen gehalten, altes Brot aufgehoben, Kartoffelschalen zu Mehl verarbeitet. Arme Ritter gab es häufig, oder eine Suppe aus altem Brot. Beides habe ich gehasst. Auch das Schlachten der Kaninchen hat mich bis ins Erwachsenenalter verfolgt. Schokolade war unbekannt, bis es später durch Pakete aus dem Westen zu Weihnachten zusammen mit Orangen auf unserem Gabentisch landete. In den ersten Hungerjahren retteten uns Care-Pakete amerikanischer Quäker. In der Schule gab es zu Anfang eine Schulspeisung, die aus leicht süßlichen rosa Brötchen bestand. Mehl, zusammen mit Hefe und Marmelade, ergaben dieses seltsame Gebäck. Später, nach Beginn des kalten Krieges, waren Pakete aus dem Westen ein Privileg, das viele meiner Freunde nicht hatten.

Der Garten war Spielplatz, wurde umgegraben, untergraben, wir bauten endlose Stollensysteme. Mein Bruder entdeckte früh seine Leidenschaft für Waffen aller Art. Er und seine Freunde holten sie sich aus der Saale, oder aus dem notdürftig abgesperrten Gelände, des ehemaligen Heereszeugamtes. Diese Vorliebe entpuppte sich sowohl in der alten DDR, wie auch in Westdeutschland als verbotenes und gefährliches Hobby. Der allgemeine Militarismus des alten Regimes war überall gegenwärtig. Da es wenig ziviles Spielzeug gab, bedienten sich viele Jungen im Alter meines Bruders auf den Schrotthalden des Krieges. Aus Gewehrpatronen klopften sie das Pulver heraus, um damit Feuerwerke zu veranstalten. Manchmal wurde es in Töpfen und Bratpfannen getrocknet, was der Großmutter eines Klassenkameraden meines Bruders schlecht bekam. Ihr flog das Rührei, was sie zubereiten wollte, geradewegs um die Ohren. Die Briketts, die Tante Dotty in aller Frühe in den Kachelofen schob, um es uns schön warm zu machen, explodierten mitsamt dem unteren Teil des Ofens. Es war ein Wunder, dass sie sich nicht verletzte und nur über und über mit Ruß verschmiert aus dem Zimmer taumelte.
Die Phantasie meines Bruders trieb ihn zu erstaunlichen Leistungen. So baute er eine Pistole aus dem Rohr einer alten Leitung, und einem Holzstück als Griff. Wie er die Waffe wirklich konstruiert hatte, war später nicht mehr festzustellen. Natürlich musste ich die Pistole ausprobieren. Ahnungslos wie ich war, habe ich den Auslöser auch brav betätigt. Es gab einen ziemlichen Knall, die Waffe flog mir aus den Händen und zerbrach in viele Einzelteile. Das Geschoss durchdrang zwei Türen und flog den Damen Paßow, die auf der Veranda Tee tranken, um die Ohren. Ich heulte, mein Bruder war begeistert und die Damen schockiert.

Es waren nicht diese Art von Spielen, die ich mochte. Ich liebte es auf meinem alten Apfelbaum die Welt von oben zu betrachten und zu träumen. Oder ich hing mit dem Kopf nach unten an der alten rostigen Gartenlaube und bildete mir ein, ich sei eine Zirkusartistin. Kein Zaun war mir zu hoch, meine Kleider immer zerrissen. Jeden Nachmittag ertönte aus Nachbars Garten das hohe Stimmchen meiner damaligen Busenfreundin Heidi: “Kommste bei mich?” Wir spielten mit allem was der Garten zu bieten hatte. Wir vergruben Schätze und schickten Geheimbriefe an Unbekannt. Im Haus auf der anderen Seite wohnte die Familie Schorr. Ebenfalls eine allein erziehende Mutter mit drei Kindern. In ihrem Garten stand ein herrlicher Glaskirschenbaum, argwöhnisch gehütet von der Großmutter Frau v. Egidy, aber regelmäßig zur Kirschenzeit von uns geplündert. Die Wohnung von Frau v. Egidy, genannt “Oma Didi” unter dem Dach war für mich die Märchenwelt schlechthin. Die alte Dame legte regelmäßig Patiencen, hatte allerlei historische Gewänder in den Schubladen, alte Bilder, Bücher und Fotografien, von denen sie viele Anekdoten zu erzählen wusste. Sie stattete uns Kinder einmal zum Fasching mit Biedermeierkleidchen aus und nannte das Fest “eine kleine Nachtmusik”. Zu ihrer großen Freude, mussten wir singen, musizieren und tanzen.

Eine kleine Nachtmusik - Kinderfastnacht 1952

Fasching 1952Eine kleine Nachtmusik - Kinderfastnacht 1952Auf Entdeckungsreise in die Welt außerhalb unserer Gartenidylle, machten wir Radtouren zum Tälchen und der kleinen Saale (Almrich). Am Ende der Buchholzstraße lag ein Villenviertel eingebettet in den weitläufigen Hirschpark. Dort hatte die russische Armee Quartier bezogen und das Areal durch Bretterzäune abgetrennt. Nun lebten in den hübschen Villen russische Offiziere mit ihren Familien. In Schneereichen Wintern rodelten wir im Park bis es dunkel wurde und manchmal fuhren russische Soldaten in unseren langen an einander gebunden Schlittenketten mit uns die eisigen Wege hinunter. Zu unserem großen Spaß und zur Sorge unserer Mütter. Für dieses seltene Vergnügen riskierte ich regelmäßig Strafen. Ich kam immer zu spät, bis meine Mutter resignierte und mir Hausarrest gab.

Wie das Essen, war die Gesundheit ein seltenes Gut. Blaseninfektionen, Lungenentzündungen, Mumps, Windpocken, Scharlach, Diphtherie, Keuchhusten machten uns und unseren Müttern zu schaffen. Meine Mutter arbeitete zunächst in einem Behelfskrankenhaus als Schwester, das vorübergehend in einer Schule eingerichtet wurde. Dort lagen viele Flüchtlinge und Vertriebene mit TBC und anderen ernsten Erkrankungen. Viele von ihnen starben an den Folgen der Infektionen oder Unterernährung. Wir Kinder vermochten uns dem nicht ganz zu entziehen. Auch wenn wir die Tragweite dieser schlimmen Ereignisse nicht wirklich begriffen.

An einem Weihnachten kurz nach dem Krieg sollten wir Kleinsten, in weiße Laken gehüllt und mit Engelsflügeln ausgestattet, für die Kranken Weihnachtslieder singen. Ich erinnere mich noch lebhaft an den Moment, als wir die weiß glitzernden Flügel umgehängt und ein brennende Kerze in die Hand bekamen. Ich wollte immer ein Engel bleiben, doch die Wirklichkeit hat mich schnell eingeholt. Meine Mutter infizierte sich mit Typhus, mein Bruder erkrankte an TBC und Scharlach. Nur ich war noch gesund und hüpfte zwischen all den Kranken fröhlich herum. Die Wohnung wurde desinfiziert mit einem schrecklich riechenden Zeug, das überall in jede Ritze, jedes Kleidungsstück und in alle Möbel gesprüht wurde. Das Haus stand unter Quarantäne und ich durfte nicht zur Schule.

Mit fünf Jahren, 1947, war ich eingeschult worden. In jene Schule, die vorher als Krankenhaus gedient und in der meine Mutter als Schwester gearbeitet hatte. Ich bekam eine große Zuckertüte. Ich war sehr stolz darauf. Die Klasse war riesig, wohl über dreißig Kinder. Alle meine neuen Schulkameraden in dieser ersten Klasse hatten keinen Vater mehr. Entweder waren sie vermisst, oder gefallen, oder in Gefangenschaft geraten. Niemand wusste das so genau. Den überwiegenden Teil meiner Schulzeit verbrachte ich in der Salztorschule. Kohleferien im Winter, wenn es zu kalt war die Schule zu heizen. Barfuß im Sommer und Hitzefrei, was aber selten vorkam.

In dieser Zeit fing meine Mutter in der Klinik Schiele als medizinisch technische Assistentin (MTA) im Labor an zu arbeiten. Die Klinik Schiele blieb die einzige Privatklinik der DDR. Schichtdienste, Wochenenddienste, ich habe meine Mutter damals selten zu Gesicht bekommen. Um so intensiver waren die wenigen freien Tage, die wir miteinander verbracht haben. Ausflüge zu Saale und Unstrut, nach Bad Kösen oder in den Harz zum Kyffhäuser sind unvergessen.

Meine Mutter, auch die meisten der Paßows, waren überzeugte Christen in einer engagierten Gemeinde in St. Othmar. Erst mit etwa vier Jahren wurde ich getauft und so erinnere mich an dieses Ereignis. Ich trug ein hellblaues Kleid, an dessen seidigen Stoff ich mich heute noch erinnere. Auch an die Weihnachtsmetten und Andachten und die Flirts von Empore zu Empore mit den Junges auf der anderen Kirchenseite. Oder die eisig kalten Gottesdienste am Ostersonntag unter freiem Himmel auf dem Friedhof, wenn Pastor Böhm im schwarzen schlichten Talar beim Aufgehen der Sonne seine Hände erhob: “Hölle, wo ist Dein Stachel, Tod, wo ist dein Sieg...” In diesem Moment habe ich verstanden was mit der Auferstehung gemeint war. Später dann, als Teenager mit meinen Zweifeln am Sinn des Glaubens, hat mich der Pastor bei der Stange gehalten. Pastor Böhm, ist mir unvergesslich mit seiner ruhigen, bestimmten, sehr aufgeschlossenen Art.

Wir wurden älter, die Probleme nahmen zu. Politik spielte immer eine Rolle. Ich war begeisterte junge Pionierin, was meine Mutter mit Skepsis beobachtete. Spöttisch hob sie den Zipfel meines blauen Halstuches hoch: “Bei uns war das schwarz, heute ist es blau, dämmert‘s dir?" Bei einem Ausflug mit seinen Freunden fand mein Bruder einen Packen Flugblätter. In einer Nacht und Nebelaktion vom CIA abgeworfen. Er war vierzehn Jahre alt. Die Volkspolizei holte ihn abends zum Verhör. Er blieb die ganze Nacht in Gewahrsam. Beim morgendlichen Fahnenappell musste ich vortreten. Ich wurde vor allen Schülern und Lehrern gerügt, weil mein Bruder eine schändliche Dummheit begangen hatte. Erst einen Tag danach kam er wieder frei. Meine Mutter schrieb einen Beschwerdebrief an Wilhelm Pieck und erhielt eine kurze abschlägige Antwort.
Von jetzt an drangsalierte man sie, verweigerte man mir und meinem Bruder die Oberschule. Wir standen unter Beobachtung. Und jede pubertäre Dummheit, jeder Streich wurde doppelt gewogen. Es kam zur Anklage gegen meinen Bruder und gegen meine Mutter. Beide reisten nach Brandenburg ab. Es vergingen Wochen, ohne dass ich etwas von ihnen hörte. Ich ging wie immer zur Schule, bis eines Tages meine leibliche Tante aus Weißenfels abends in der Buchholzstraße auftauchte. Nur das Nötigste durfte ich mitnehmen. Ich nahm Abschied von meinen geliebten Paßows, von Tante Dotty. Es war mir nicht bewusst, dass es für eine lange Zeit sein würde. Früh am Morgen brachte mich meine Tante zum Bahnhof und wir fuhren nach Berlin, stiegen in die S-Bahn und kamen über die Friedrichstraße nach Westberlin. Das war im Frühjahr 1957. Einige Stunden später stand ich meiner Mutter und meinem Bruder im Flüchtlingslager Berlin Marienfelde gegenüber. Meine Kindheit war beendet.

Otto Peters, Unterreichenbach (um 1935)

Am Lagerfeuer

"Ein Jungvolkjunge hält treue Lagerwacht.
Das Feuer knistert und dunkel ist die Nacht.
Im Zelte schlafen schon all’ die Braven.
Und mit dem Wimpel spielt der kühle Wind.

Die alte Mutter es oft erzählet hat:
Ein jeder Stern ein toter Kamerad.
Der Herrgott hat ihn zu sich genommen.
Jetzt glänzt er wie ein Held am Himmelszelt."

(Lied des "Deutschen Jungvolkes" DJ)

Das Schloß Goseck liegt am linken Ufer der Saale zwischen Naumburg und Weißenfels und war einstmals Kloster und Residenz Adelberts von Bremen, eines Staatsmannes ersten Ranges. Auf dem weiträumigen Schloßhof formierten sich die Jungenschaften aus den umliegenden Dörfern zum Abmarsch ins Zeltlager in Nebra an der Unstrut, einem kleinen malerischen Städtchen auf einem Felsabhang am Rand der Finne. Es ist übrigens auch die Heimat der einst vielgelesenen umstrittenen Schriftstellerin Hedwig Courths-Mahler. Von Goseck ging die Fahrt auf Pferdewagen des Rittergutes Eulau nach Schulpforte, einst ein Zisterzienserkloster und später Nationalpolitische Erziehungsanstalt (NAPOLA). Hier wurde die NS-Elite erzogen. Von hier aus wurde marschiert und zwar den Weg, den seinerzeit der berühmte Leopold von Ranke gegangen war. Das Zeltlager war vorbereitet. Während des Marsches wurde gesungen: “Zelte sah ich, Pferde, Wagen, dunklen Rauch am Horizont, die mit uns ins Lager fahren sind das Leben so gewohnt ...” Die Zelte hatten Matratzen und waren geräumig. Alles war gut organisiert. Nach der Ankunft - wir waren müde und matt - gab es einen gehörigen Schlag Erbsen mit Speck. Die Tage vergingen mit Geländespielen, Lagerfeuern und Singen der vorher gelernten Landsknechtslieder. Es gab auch den ersten Streit. Keiner wollte den Wimpel tragen. Der Jungenschaftsführer warf sich auf den Boden und weinte. Aber! Ein deutscher Junge weint doch nicht. Er war ja auch nur Jungenschaftsführer, weil sein Vater Ortsgruppenleiter der NSDAP war. Schließlich erbarmte sich einer und “wir zogen in das Feld”. Wir marschierten nach Landsknechtsart, denn den preußischen Schritt und Tritt wollte keiner machen. Strampedemie! Auf einmal hieß es, Baldur von Schirach kommt. Er war der Reichsjugendführer. Die Fähnlein- und Bannführer waren in gehöriger Aufregung, aber uns Jungen berührte das wenig. Es kam ein gedrungener, breitschultriger Mann und hielt eine markige Rede. Im Kreisrund um eine Lagerfeuer postiert, sangen wir die bekannten Lieder. Dann wünschte er uns “Sieg Heil” bei unseren Geländespielen und war bald verschwunden. Die Heimfahrt wurde vorbereitet. Es gab viel zu tun. Immer wieder wurde gesungen und es ertönten Trommeln und Fanfaren. Nicht selten wurden derartige Zeltlager abgehalten, aber wir waren stets froh, wieder zu Hause zu sein.

Waltraud Lack, Wolfersdorf (1930er/40er Jahre)

Kindheit im Krieg

Kindheit in Naumburg hieß für mich Kindheit in Almrich. Das Sein begann als mein Vater meine Mutter nahm. Trotz Winter war den Beiden warm.

Lack02Im August kam meiner Mutter schwere Stunde. Während sie sich abmühte, mich auf die Welt zu bringen. Im gleichen Bett, in dem auch meine Großmutter und mein Vater das Licht der Welt erblickt hatten, wurde nebenan, in der Wohnstube der Geburtstag von Änne gefeiert. 17 Uhr war es geschafft, ich war auf der Welt! Die Hebamme, eine Schwester von Großvater, zog mich an und band mir ein rotes Band in meine schwarzen Haare. Dann trug sie mich nach nebenan zur Geburtstagsfeier, die nun eine doppelte war. Man reichte mich von Arm zu Arm und fragte: “Wie soll das Kindlein heißen?” Bei Marie krähte ich und so war es beschlossene Sache, das Kind heißt Marie, wie seine Großmutter. Sicher war das keine Fehlentscheidung, denn später stellten ich und andere fest, dass ich auch viel vom Wesen meiner Großmutter geerbt hatte.

Als ich 3 Monate alt war, hatte ich eine schwere Bronchitis. Die Hebamme riet meiner Mutter mich heiß zu baden, kurz hochzuheben und mir kaltes Wasser auf die Brust zu gießen. Ich schrie los und der Schleim löste sich. Daher kommt sicher meine Angst vor Wasser, besonders vor kaltem. Bei schönem Wetter stellte man mich im Kinderwagen auf den Hof, um mich herum die Hühner, das soll mir gefallen haben. Passte wohl auch zu mir, denn nach den chinesischen Sternzeichen bin ich im Jahre des Hahnes als Huhn geboren. Das Huhn das goldne Eier legt und auch in der Wüste noch einen Wurm findet. Das war aber noch zu erhoffen.

Nachdem ich ½ Jahr alt war, mieteten meine beiden Großelternpaare für die junge Familie eine Dachgeschosswohnung in den Weinbergen. Später im Krieg wurde das Haus von einer Luftmine getroffen, aber da wohnten sie schon lange nicht mehr drin. Da mein Vater arbeitslos war, bezahlten die Großeltern die Miete. Die Eltern meiner Mutter kauften ihrer Tochter Küchenmöbel. Ein Küchenschrank, einen Aufwaschtisch, den muss man sich so vorstellen, eine ausziehbare Platte, vorn dran Tischbeine, in der Platte eingelassen zwie große Emailleschüsseln. Darin wurde der Abwasch gemacht. Dann ein Wasserbänkchen, wie eine kleine Kommode und oben drauf standen eine oder zwei Wassereimer. Dann noch zwei Stühle. Mein Vater bekam sein Bett, einen alten Kleiderschrank und ein Nachtschränkchen mit Federbetten von seinem Großvater, entsprechend alt und schwer. Das alles wurde auf den großen Handwagen geladen und so zog er damit über die Saalebrücke Richtung Weinberge, natürlich beobachtet von den Dorfbewohnern. Mitten auf der Saalebrücke ging die Tür des Nachtschränkchens auf und der Nachttopf kullerte heraus. Das Gelächter kann man sich vorstellen. Nachdem sie nun verheiratet waren, das war geschehen nachdem ich Halbzeit in meiner Mutter Bauch hatte, bekam mein Vater Arbeit bei der Bahn. Stoppkolonne hieß das damals und bedeutete mit der Spitzhacke den Schotter unter die Gleise zu stoppen (stopfen), dabei spritzten manchmal die Hinterlassenschaften der Fahrgäste hoch. Als gelernter Schriftsetzer war mein Vater diese Arbeit nicht gewohnt und hatte bald die Hände voller Blasen. Der Rottenführer Hirschfeld sagte reinspucken und weitermachen. Mit der Zeit wuchs eine Hornhaut an den Händen, auf seiner Seele wuchs sie nie.

Irgendwann bevor ich 3 Jahre alt wurde, zogen meine Eltern zu Schirners auf den Lindenberg. Dort wurde mein Bruder und später meine Schwester geboren. Der Winter muss sehr kalt gewesen sein und die Saale zugefroren. Später kam Hochwasser, das Eis zerbarst in große Schollen und türmte sich am Ufer auf. Tante Hannchen nahm mich an der Hand um mir die Schollen zu zeigen. Ich versuchte darauf zu klettern, aber sie waren so kalt und glatt und höher als ich und ich weiß noch, dass ich ein rotes Mäntelchen anhatte.
Später gab es noch richtig heiße Sonne, wir Kinder liefen barfuß, auf der Saalebrücke war der Teer so heiß und weich, dass unsre Zehen einsanken und wir meinten, es gibt Brandblasen. Das Gegenteil war der Winter, da war das eiserne Brückengelände eisekalt. Wir wollten am Eis lecken und die Zunge gefror an. Die Wege durch die Aue waren eine Erlebnis, in den Fahrrinnen stand oft das Wasser aus dem Frösche hüpften. Aus dem Gras sprangen Heupferde.

Mit auf dem Flur wohnten Onkel und Tante Peter, mit Anni und Karlchen, den großen Kindern. Karlchen hatte einen Fotoapparat und fotografierte mich. Wir mußten immer leise sein, 3 Kinder, da mußte man auch damals schon froh sein, wenn man eine Wohnung bekam.

Einmal standen wir vor dem Haus auf der Straße, da stand auch eine junge Frau. Else, wohl eine Tochter des Hauses. Sie hatte ein Kopftuch auf und wurde gefragt, wo sie gewesen sei. Sie sagte sie darf nicht darüber sprechen. Später erfuhr ich, sie hatte sich mit einem Fremdarbeiter eingelassen und war für eine Zeit im Lager, dort wurden den Frauen die Haare abgeschnitten.

Es war Krieg und mein Vater wurde eingezogen, so hieß das. Ich habe es wohl nicht so begriffen, aber als er das erste Mal aus Russland auf Urlaub kam, wollte ich ihn nicht mehr weglassen und nahm mir vor, ihn an der Kleiderhänge festzubinden. Früh war er dann weg. An meinem Vater habe ich sehr gehangen. Nach dem Polenfeldzug, der in Naumburg gefeiert wurde, fuhr man die Soldaten aus dem Flemminger Lazarett in Kutschen durch Naumburg. Ich wurde hochgehoben und gab einem Soldaten ein Wickensträußchen, sah seinen verbundenen Arm und da dämmerte es mir, dass Krieg etwas Schlimmes ist.

Als ich 6 Jahre war, zogen wir in den Kindergarten. Das heißt, wir hatten in dem Haus eine Küche, Wohnzimmer und eine dunkle Diele, im 2. Stock zwei Schlafzimmer. Ich wurde Ostern eingeschult. Ich brauchte einen Ranzen. Den brachte Tante Rese. Ihre Tochter Erika hatte ihn schon 8 Jahre zur Schule getragen, danach wurde er zur Einkaufstasche umgearbeitet und nun wieder zum Ranzen. Die fehlenden Tragriemen wurden aus einem Gürtel gemacht. Leder hält was aus, auf meinem Rücken wieder 8 Jahre und danach wurde er wieder nach Almrich vererbt und getragen. In die Almricher Schule bin ich gern gegangen. Der Lehrer Örtel war streng, sein Geigenspiel tat weh. An der Rückwand der Klasse standen große Regale auf denen wurden Seidenraupen mit Maulbeerblättern gefüttert. Die hatte man neben die Treppe gepflanzt, die von der Hauptstraße zur Flemminger Straße führte. Mittlerweile war Krieg und aus den Kokons der Raupen, wurde Seide gemacht für Fallschirme. Die Schule in Almrich im Unterdorf hatte 2 Klassen für 4 Jahrgänge. Der Lehrer Herr Örtel hatte schon meine Eltern unterrichtet (oder war es Rodrian). Er war streng, es gab Strafen, in der Ecke stehen, mit dem Schlüsselbund auf die Finger hauen, das traf auch mal mich, mit dem Rohrstock auf den Hosenboden der Jungen. Der Lehrer spielte auch auf der Geige, mit dem Erfolg, dass ich bis heute kein Geigenspiel mag. Unsere Handarbeitslehrerin war Frl. Bartolomäi, die hatte ich sehr gern. Sie lernte uns häkeln. Erst meterweise Luftmaschen, beim Spiel als Pferdeleine zu benutzen. Später nachdem wir feste Maschen und Stäbchen beherrschten, durften wir aus dünnem Garn Deckchen häkeln. Die Deckchen waren rund mit Muster. Ein Verwandter von Frl. Bartolomäi schnitt uns runde Glasscheiben. Die Deckchen waren etwas größer als die Scheiben. Durch den Rand wurde eine farbiges Band gezogen, die Glasscheibe auf das Deckchen gelegt, das Band festgezogen und eine Schleife gebunden. Das war dann ein Untersetzer für eine Kaffeekanne. Nach dem 4. Schuljahr ging ich nach Naumburg auf die Mittelschule. Da ging 1944 der Krieg dem voraussehbaren Ende entgegen, immer noch wurde der Sieg beschworen.

Lack01Für uns Kinder sah es so aus: Früh reinlaufen zur Schule, 1 Std. Unterricht, Voralarm, alle in den Keller. Wir Dorfkinder hatten in dem Keller Angst, alle hatten Angst und das Übertrug sich. Also rannten wir bei Voralarm los, Richtung Almrich. Spätestens bei der Schweinsbrücke gab es Vollalarm und da waren auch schon die Tiefflieger über uns. In die Keller der angrenzenden Häuser konnten wir nicht, sie waren verschlossen aus Angst vor feindlichen Fallschirmspringern.

Es kam vor, dass die Flak ein Flugzeug abschoss und der Pilot sich zu retten suchte. Das geschah einmal. Der Pilot wurde von einem Deutschen festgenommen und ins Spritzhaus gesperrt. Vorher schenkte er einem Mann seine Uhr. Später hörten wir, dass man den Mann erschossen hätte. Da nahm ich mir vor, wenn ich so einen Fallschirmspringer finde, würde ich ihn bei uns hinter der Bodenkammer verstecken, ihm was zu essen bringen und einen Anzug von meinem Vater. Der Fall trat zu unserem Glück nicht ein, man hätte uns umgebracht, es wär ja doch rausgekommen.
Während wir Kinder nun nach Hause rannten und die Tiefflieger über uns waren, sah ich einmal sogar den Piloten in seiner Kanzel, er hatte eine eng anliegende Ledermütze auf. Die Geschosse spritzten um uns herum auf das Pflaster, er mußte sehen, dass wir Kinder waren. Wir hatten einen Schutzengel. Ich wusste hinterher nicht mehr, wie ich den Hang runter und unter die Schweinsbrücke gekommen bin. Zuhause Schularbeiten gemacht, so gut es ging.

Nachts war dann wieder Alarm. Wir standen am Fenster und sahen in der Dunkelheit die Christbäume am Himmel, das war Leuchtmunition, sie galt zur Orientierung, wegen Leuna. Abends mußten wir unsere Kleidung so auf den stuhl legen, dass wir sie bei Alarm im Dunkeln anziehen konnten oder nehmen und damit in den Keller gehen. Einmal merkte meine Mutter, dass meine Schwester fehlte, sie war wieder ins Bett gekrochen und schlief weiter. Es war eine Zeit der ständigen angst und ganz nüchtern denkend, rechnete man damit das Leben zu verlieren. Es war eine Normalfall der keine Panik aufkommen ließ.

Mein Vater war das 4. Jahr in Russland, Estland, Lettland und Litauen. Er schickte manchmal ein Päckchen. Ölsardinen, eine von Russen gefertigtes Spielzeug, eine Platte mit einem Griff, darauf Hühner und ein Hahn, alles aus Holz und bunt bemalt. Die Hühner waren durch Fäden mit einem Klotz verbunden, der unter einer Platte hing. Wenn man den Klotz schwenkte, pickten oben die Hühner. Einmal schickte er Wolle, die hatte er gegen Zigaretten eingetauscht. Als meine Mutter die Wolle vom Knäuel wickelte, kamen lebende Läuse zum Vorschein. Die kostbare Wolle mußte verbrannt werden, die Läuse hätten Fleckfieber übertragen können. Einmal schickte er ein Schultertuch aus weißer Schafwolle mit einem wunderschönen Muster gestrickt. Wir mußten es auftrennen und es wurden Pullover daraus gestrickt, die waren nötiger. Beim letzten Urlaub erzählte mein Vater für mich Unbegreifliches. Er hatte Kontakt zur Bevölkerung, was einem deutschen Soldaten streng verboten war. Er lief und kam an eine tiefe frisch geschachtete Grube. Als er wieder in das Dorf kam, standen die Häuser leer. Er ging hinein, da lagen die Schulsachen der Kinder, ...., das Geschirr stand auf dem Tisch. Später erfuhr er, sie waren alle am Rande der Grube erschossen worden.
Mein Vater war Feldgrauer Eisenbahner, nicht bei der kämpfenden Truppe, er zog mit der Lokomotive, schlief im Lockschuppen. Es war Partisanengelände aber er ging mit der Bevölkerung aufs Feld zur Ernte und die Bauern sagten: “Fritz wenn du bei uns bist, passiert dir nichts und so war es auch. Meine Mutter mußte ihm Blumensamen ins Feld schicken und den schenkte er den Bäuerinnen. Später erzählte er vom russischen Sommer, hatte uns auch Wollgras im Brief geschickt, das kannten wir nicht. Ein Kamerad von ihm, der wohl nicht beliebt war, wurde in der Tür des Schuppens erschossen.

Wir in der Heimat lasen die Eier, Larven und Kartoffelkäfer vom Kartoffelfeld, barfuß eine Büchse in der Hand sammelten wir das Viehzeug ab, der Lehrer vernichtete es, wie weiß ich nicht. Sie hießen auch Coloradokäfer und der Amerikaner hätte sie abgeworfen. Um den Funkverkehr zu stören, wurde so genanntes Lametta abgeworfen. Das waren ganz schmale silberfarbene Streifen. Wir Kinder mußten sie aufsammeln und abgeben. Sie hingen auch unerlaubterweise an manchem Weihnachtsbaum. Auch die Flugblätter, die der Feind zu unserer Information abwarf, mußte wir sammeln und abgeben. Wir durften sie nicht lesen, was wir natürlich doch taten. Wir wollten keinen Krieg, wir wollten sein Ende und überleben. Tante Dorle, die mit der kleinen Bärbel als Flüchtlinge bei uns lebten, hatte im Kleiderschrank ein Radio versteckt. Dort hörten wir heimlich den Feindsender, der uns riet aufzugeben. Wir waren ja dazu bereit, hatten aber nichts zu sagen. Es war streng verboten, das zu hören, das war Wehrkraftzersetzung. Der Mann von Tante Dorle, Herbert, war auch im Krieg.
Dann kam das Frühjahr 1945. Auf der Landkarte wurde täglich mit Fähnchen abgesteckt, wo der Feind stand. Über den Rhein konnte er nicht kommen, er kam. Die vielbeschworene Waffe, die V1 oder V2 war ein Phantom. Unaufhaltsam kam er über Deutschland, uns war alles recht, nur ein Ende des Mordens.

Was mir in schrecklicher Erinnerung ist, ich stand stundenlang, tagelang am Fenster und sah in Fünferreihen Elendsgestalten Richtung Westen ziehen. Manche schleppten, schleiften einen Kameraden mit, mehr tot als lebendig. Es waren Kriegsgefangene, die man vor der Front zurück zog. Manche hatten eine durchlöcherte Blechbüchse mit Glut an zwei Drähten zwischen sich. Neben dem Tross liefen deutsche Soldaten als Bewacher, sicher sich dessen bewusst, dass sich das Blättchen wendet. Almricher Frauen kamen und brachten ein Stück Brot oder was sie noch Essbares hatten. Eine brachte einen alten hochrädrigen Kinderwagen, da legten sie einen Kameraden rein, der nicht mehr laufen konnte. Die deutschen Wachen sagten nichts, trotzdem es streng verboten war.
Noch schlimmer war der Elendszug von Männern in blau-weiß gestreifter Kleidung, scharf bewacht. Ich sah es vom Fenster aus. Die Bevölkerung hatte Angst, keiner traute sich hin. Es waren KZ-Häftlinge. Auf den Pfortenwiesen wurde einer erschossen, es war wohl der Gnadenschuss. Viele, viele Jahre später treffe ich eine Frau, die erzählte mir: Sie ist aus Ostpreußen noch rausgekommen, zu Fuß, hochschwanger. Unterwegs hat eine Hebamme schwangere Frauen um sich gesammelt, sie sind durch Almrich gezogen und auf der Pfortenwiese hat sie unter einem Baum ihr Kind bekommen, ein Mädchen, es lebt. Tod und Leben. Der Wahnsinn des Krieges mußte bald seinem Ende entgegen gehen. Ein Ende mit Schrecken, aber uns lieber als ein Schrecken ohne Ende. In unserem Garten bauten Soldaten unter dem Rosenbeet einen Unterstand, die Rosen pflanzten sie zur Tarnung wieder oben drauf. In Großmutters Waschküche lag die Munition. Großmutter wollte nochmal waschen. Sie trug die Handgranaten in den Hof und lehnte sie alle an die Hauswand. Sie wusch ihre Wäsche und hing sie im Hof auf. Als die Soldaten zurückkamen, sagten sie: “Mutter sie hätten das ganze Haus in die Luft sprengen können.” Im April mußten auch die Kartoffeln gelegt werden, von Hand in die Furchen. Zwei Pferde und der Wagen mit Setzkartoffeln standen auf dem Feld, die Frauen legten die Kartoffeln. Bei Fliegeralarm nahm der Bauer die Pferde und im Galopp ging’s in den Wald. Die Frauen suchten Schutz unter dem Wagen.

In den Weinbergen hatten sich die Hitlerjungen aus der Napola verschanzt, Kinder mit Waffen. Mein Großvater ging mit einem andern Mann hin und überredete sie heimzugehen, was auch glücklich gelang.

Lack03Wir packten unsre Sachen was wir tragen konnten und zogen in die Weinberge in den Keller in Hülsens Berg. Da waren auch einige Serben, Kriegsgefangene die im Dorf arbeiteten und im Krug schliefen. Bewacht von Rudi. Rudi hatte furchtbare Angst, dass ihn die Amerikaner erschießen würden. Aber die Gefangenen beruhigten ihn mit den Worten: “Wir schützen dich, du warst gut zu uns.” Vorsichtshalber zog Rudi seine Uniform aus, band Uniform und Gewehr zu einem Bündel und ließ es an einem Bindfaden in den Brunnen herab. Wir lagen acht Tage und Nächte auf Stroh voller Angst und Spannung, aber die Frau des Winzers lief immer wieder in das Winzerhaus rüber und kochte für alle Weinsuppe mit ein bisschen Mehl angedickt. Das machte uns angenehm schläfrig. Ihr Feuer im Ofen sollte möglichst keinen Rauch machen, in dem Glauben, die Flieger sehen das Haus nicht. Die Deutschen nahmen an, dass die Amis über die Saalebrücke kommen. Um das zu verhindern, wurde die schöne fünfzig Jahre alte Brücke gesprengt. Ein Wahnsinn, einer meiner Urgroßväter hatte sie mitgebaut. Wir hörten die Detonation und sahen die Trümmer hochfliegen. Aber die Amis kamen über Möllern, über die Höhe. Stunden zuvor war nach all dem Gedonner und Gedröhne eine Totenstille, unheimlich. Dann eine Stimme, zwei gegrätschte Beine in der Tür, der Ami war da, guckte in den Keller runter, stellte sich wieder oben hin, nach einer Weile war er weg. Wir blieben noch eine Zeit im Keller. Die Front war über uns weggerollt, uns war nichts geschehen, wir lebten. Die Welt stand noch, es war fast enttäuschend. Ich weiß nicht was die Großen machten. Wir Kinder wurden auf die Wiese geschickt und da sind wir wie die jungen Ziegen herum gesprungen. Ich sagte irgend etwas zu meiner Cousine und ihre Mutter gab mir daraufhin eine Ohrfeige. Ich nahm es ihr nicht übel, die Hauptsache der Krieg war für uns aus. Später erzählte Großvater, das erste war die Ziegen melken und die Kaninchen füttern. Dann kamen viele Lastwagen, waren wohl Versorgungsfahrzeuge, die hatten sich verfahren, mußten wenden, das ging nur auf Großvaters Wiese. Ein Neger brach dabei einen Pflaumenast ab, darauf ging er zu meinem Großvater und wollte den Ast bezahlen. Mein Großvater winkte nur ab.

Zur gleichen Zeit, als die Almricher Brücke gesprengt wurde, sollte auch die Kösener Brücke gesprengt werden. Man hatte die Zündschnur zur Brücke durch den Garten eines Anwohners gelegt. Der sehr beherzte Mann nahm seinen Spaten und durchtrennte die Schnur, so wurde die Brücke gesprengt. Außerdem war es so sinnlos die Brücken zu sprengen, die Saale war ganz flach.

Also der Krieg war für uns aus, die Buchen hatten zartes grünes Laub, die Vögel sangen, es war wie Auferstehung. Wir packten unsre Sachen. Ob das Haus noch steht, was werden wir vorfinden? Wie kommen wir über die Saale? Also liefen wir auf dem Damm bis zum Fischhaus, dort mit dem Kahn übergesetzt und auf dem anderen Damm nach Hause. Wir spürten die Freiheit, eine neues Leben, neues Beginnen. Das Haus, ich glaube alle Häuser standen noch. Wieder in der Wohnung holte meine Mutter das Hitler-Bild von der Wand. Damit hatte es seine Bewandtnis. Ursprünglich war es ein Hochzeitsgeschenk, das Bild Luthers. Später mußte Luther mit einem Hitler-Bild verdeckt werden. Nun das Hitler-Bild raus und Luther wieder rein. Dann verbrannte sie alles was mit Hitler zu tun hatte. Aus den Handarbeitsheften wurden die Seiten herausgerissen, die Schulbücher gefleddert. Die Fahne wurde aufgetrennt, der weiße Kreis und das schwarze Hakenkreuz vom roten Stoff. Man konnte nichts wegwerfen, man hatte ja nichts. Ein Kind von Eichstätts bekam eine rotes Kleid mit schwarz und weiß abgesetzt. Not lehrt beten. Die sorge galt jetzt den Männern die im Krieg waren, lebten sie noch? Meine Mutter oder Tante Dorle sagten: “Wenn doch wenigstens einer schon nach Hause käme.” Aber wie grausam wäre das für die Andere gewesen. Es grenzt an ein Wunder, beide Männer kamen, aus ganz verschiedenen Richtungen an einem Tag nach Hause. Wir waren bei den Großeltern in den Weinbergen. Meine Mutter stand oben auf der Leiter im Kirschbaum, da sah sie einen Mann auf dem Fahrrad über die Saalebrücke kommen, den sie aber nicht erkennen konnte und sagte: “Das ist Vati.” Er war es, stand unter dem Kirschbaum und meine Mutter war nicht fähig herunter zu steigen. Ich warf mich an meinen Vater, aber er schob mich weg. Im ersten Moment ein Schock aber dann begriff ich, er war voller Ungeziefer. Er war mit der letzten Lokomotive aus Russland gekommen. Viel später wurden auch unter seiner Regie die alten Dampfloks verschrottet. Undank ist der Welt Lohn. Er mußte sich registrieren lassen, bekam eine Lebensmittelkarte und wollte wieder arbeiten. Da er in der Partei war, als Beamter mußte er es, durfte er nicht mehr ins Büro sondern mußte Lokomotiven putzen. Die Loks wussten wohl schon, was er ihnen später antun würde und waren ihm feindlich gesinnt. Er hatte dauernd kaputte Hände.

In diesem Sommer 1945 taten wir was wir schon die letzten Jahre getan hatten, für etwas zu essen zu sorgen. Ich erinnere mich, Sommer 44, ich hatte solchen Hunger. Meine Mutter sagte, geh in den Garten, vielleicht ist eine Tomate reif, sie war noch halbgrün, aber ich aß sie. Es gab Brot mit Kaffee nass gemacht und Zucker drauf gestreut. Es gab Kartoffeln und im Sommer Gemüse aus dem Garten. Von Großmutter jeden Tag Ziegenmilch. Wenn ein Böckchen oder Kaninchen geschlachtet wurde, wurden wir zum Essen eingeladen oder bekamen ein Stück Fleisch. Einmal schickte die Großmutter aus der Pfortastraße die Keule einer kleinen Ziege durch meine Mutter zu Großmutter in den Weinbergen. Meine Mutter nahm ein Messer mit und unterwegs ging sie in den Graben und schnitt sich heimlich ein Stück ab. Ja, und dann war das Stoppeln, das hieß sammeln was auf den Feldern liegengeblieben war. Ich glaube die Bauern ernteten in dieser Zeit bewusst schlecht ab. Ähren lesen, Kartoffeln, auch halbe, auswühlen. Erbsen lesen, Erbse für Erbse. Schlimm war Zuckerrüben rausholen, die Erde war kalt, oft nass, das Wetter kalt und frostig. Einmal war durch Funkenflug der Eisenbahn ein Gerstenfeld in Brand geraten. Da durften wir uns die angekohlten Ähren holen, mußten aber die Hälfte davon abgeben. Wir waren alle schwarz wie die Mohren. Beim Erbsenlesen rutschten wir auf Knien übers Feld, jeder hatte einen Streifen in seiner Körperbreite. Am Feldrand, hoch zu Ross der Aufseher. Eine Frau holte sich Erbsen vom noch nicht abgeernteten Feld, da nahm er ihr das Säckchen weg und verstreute die Erbsen. Mit auf dem Feld war auch Großvaters Hund “Molli”, der blieb beim Tragkorb sitzen, am Rand des Feldes, knurrte jeden an der sich näherte. Im Tragkorb lag unser trocknes Brot und davon bekam Molli ein Stück ab. Die Gerste, alles Getreide, wurde selber gedroschen. Dazu wurde eine große Plane ausgelegt, darauf das Fahrrad gelegt. Einer drehte die Kurbel und der andere hielt die Ähren in das sich drehende Rad. Da flogen die Körner heraus. Dann wurden sie in einer flachen Schüssel geschwenkt und der Wind blies die Spelzen davon. Die getrockneten Körner kamen auf den Boden, Vorrat für den Winter und als wir sie dann holten, waren die Kornkäfer drin. Ich glaube die Körner wurden ins Wasser getan, die Käfer sollten rauskommen, aber sie waren teils noch hinter einem Deckelchen im Korn. Wir mußten sie essen. Die gestoppelten Kartoffeln mußte man verstecken, denn es kamen Kontrollen. Wer über eine bestimmte Menge hatte, mußte abgeben. Also packten wir die Kartoffeln auf den Spitzboden, bei einem plötzlichen Frosteinbruch sind sie angefroren, wir haben sie gegessen, Süßkartoffeln.

Wir hatten selbst nicht genug, aber es gab die Flüchtlinge die hatten noch weniger. Eine Flüchtlingsfrau kam einmal zu meiner Großmutter und sagte: “Haben sie nicht ein Tischchen für mich?” Großmutter holte ihr eins vom Boden, da stand das Tischchen nun im Hof und die Flüchtlingsfrau davor, stumm und ging nicht. Großmutter sagte: “Wollen sie noch was?” Ja, sagte sie, haben sie nicht ein Deckchen, Großmutter hatte. Als Großmutters Schwester tot war, blieb ihre Unterwäsche und Kleidung im Haus. Eines Tages kam die Dampen Jule, ein Flüchtling, Kommunistin, es hieß sie ist Hunde. Was wohl stimmte, Molli gebärdete sich wie wild, wenn sie kam. Großmutter gab ihr die erbetene Unterwäsche, Großvater war dagegen. Aber Großmutter gab ohne Ansehen der Person. Großmutter, 1883 geboren, war noch aus der Zeit wo es “Gnädige” gab und als Näherin nähte sie in Schulpforta für die feinen Leute. Die schenkten ihr oft abgelegte Kleider, Gardinen, Decken und Deckchen, die von den adligen Töchtern bestickt waren. Wunderschön aber schon unmodern, mir gefielen sie. Mir sind noch heute die Namen ein Begriff, einige liegen in Pforte auf dem Friedhof. Aus deren abgelegten Kleidungsstücken bekamen wir Kinder Kleidung. Im Krieg hatten auch die feinen Leute nichts zu essen, vielleicht weniger als die Landbevölkerung. Sie kamen zu meiner Großmutter und aßen mit am Tisch. So lernten wir Kinder erstklassige Manieren und auch schöne Lieder. In Schulpforta war die Frau P. Ihren Mann hatten die Amerikaner mitgenommen, das war sein Glück. Für diese Frau und deren Kinder flickte meine Großmutter. Frau p. ging mit ihren Kindern aufs Feld stoppeln, das jüngste eine Baby. Meine Großmutter sagte, aber lassen sie mich doch aufs Feld gehen, ich bin es gewöhnt und bleiben sie zu Hause. Frau P. sagte, ich habe flicken nicht gelernt, aber aufs Feld kann ich gehen. Später als die Russen da waren, mußte Frau P. aus ihrer Wohnung raus. In ihrem Keller lagerten die Russen ihre Vorräte. Zwei Jungen von ihr holten sich davon aus dem Keller. Einer zwängte sich von außen durch die Gitterstäbe, nahm was in die Hosentaschen ging, der andere lief vor dem Fenster auf und ab. War Gefahr im Verzug pfiff er: “Horch was kommt von draußen rein ...”, war die Luft rein ein anderes Lied. Von der Diebesbeute bekam meine Großmutter etwas ab. Später konnte Herr P. seine Familie nachholen. Mit ihrem Umzugsgut brachten sie uns eine große Kiste Eingemachtes mit, da waren wir auch schon im Westen.

Als die Russen einige Wochen nach den Amis einrückten, fing eine schlimme Zeit an. Ein guter Kollege verriet meinem Vater, dass er nach Russland sollte, da wäre er vielleicht nie wieder gekommen. Im Mai 46 fuhr er im Bremserhäuschen, angetan mit seiner Eisenbahneruniform und einer Aktentasche mit etwas zu essen über die Grenze nach dem Westen. Auf Fragen mußte ich sagen, mein Vater ist in Zwickau, ich wusste nicht wo das lag. Im Okt. 46 ging ich früh Milch holen, da guckte aus dem Bär (Gasthaus, abgerissen) Lotte heraus und sagte: “Kleene sag deiner Mutter morgen geht ein Lastwagen nach dem Westen.”Ich holte die Milch und vergaß alles. Erst am Mittag fiel es mir wieder ein und ich sagte es meiner Mutter. Ich erwartete eine Strafe, aber sie tat mir nichts. Das Mittagessen Kartoffelmus mit Tomatensoße blieb stehen. Meine Mutter lief zu ihren Eltern, was soll ich machen. “Geh und nimm die Kinder mit.” Dann zu ihren Schwiegereltern. “Geh und lass die Kinder hier.” Dann kam sie zurück, holte den alten Kinderwagen aus der Bodenkammer und gab mir Anweisungen, was ich hineintun sollte. Für jedes Kind 3 Hemden, 3 Leibchen, 3 Paar Strümpfe, 3 Schlüpfer den Nähkasten, Bügeleisen, kein Spielzeug. Es hieß wir fahren zum Vati. Meine Schwester fing an zu heulen, sie wollte ihren Teddy Schnurzel mitnehmen, meine Mutter erlaubte es. Da wollte ich auch meine Puppe Gretchen mitnehmen. Damit sie es nicht merkte, versteckte ich meine Puppe unter dem Nähkästchen. Als wir später den Kinderwagen auspackten, war Gretchens Kopf zerquetscht. Dafür fand sich im Nähkasten ein Puppensieb, Durchmesser wie ein Groschen. Das war unser erstes Kaffeesieb im Westen. Später packte meine Mutter noch 2 Federbetten auf den Kinderwagen, alles wurde fest zusammen geschnürt. In der Dunkelheit holte Großvater uns mit dem Handwagen ab, es durfte uns keiner sehen. Wir schliefen diese Nacht bei den Großeltern. Die Großmutter nähte in der Nacht längere Ärmel in unsere Wintermäntel, aus einem roten Fensterfries. Am Nachmittag war meine Mutter noch in der Tankstelle Ölsen gewesen, sich zu vergewissern, dass er uns mitnahm. Das Auto war ja von anderen Leuten bestellt und die hatten dann auch ihren ganzen Hausrat auf der Ladefläche. Am nächsten Morgen, früh 4 Uhr, fuhr der Großvater den Kinderwagen auf dem großen Handwagen zu Ölsen. Meine Mutter ging ins Büro und wollte was zahlen, er wollte nichts. Nun war es aber so, als die Amis unter den stehen gebliebenen Bogen der Saalebrücke ihre Kraftfahrzeuge stehen hatten und das Ersatzteillager, hatte Emil, Flüchtlingsjunge der im Kindergarten wohnte, einen Lastwagenschlauch gestohlen, der blieb liegen, als Illis weg mußten. Den hatte meine Mutter und ihn Herrn Ölsen gezeigt. Der war darüber höchst erfreut, der war ihm mehr wert als alles Geld. So wurde unsere Flucht mit Diebesgut bezahlt. Wir kletterten auf die Ladefläche der Kinderwagen wurde verstaut, alles schweigend, und ab ging es. Im Führerhaus sass eine evangelische Schwester neben dem Fahrer, sie hatte eine Urne mit der Asche eines Toten auf den Schoß. Das Auto fuhr mit Holzgas, das heißt in den Ofen, der hinten auf der Ladefläche stand, mußte in Abständen Holz nachgelegt werden. Wer daneben sass, hatte es warm in der schon kalten Nacht. Wir kamen ins Sperrgebiet. Ein großes Hoftor tat sich auf, das Auto fuhr rein, das Tor ging wieder zu. Jetzt war es Tag. Die Leute mit den Möbeln gingen ohne uns los. Der Bauer erklärte uns den Weg. Lotte und die Schwester gingen mit uns. An einem Waldrand, vom Gebüsch halb verdeckt. Der Weg war von Rinnsalen durchzogen. Links im Feld eine großes Haus, da waren die Russen. Ob sie uns gesehen haben, weiß ich nicht, es soll grade Wachwechsel gewesen sein. Für alle Fälle hatte meine Mutter eine Flasche Kartoffelschnaps dabei, Selbstgebrannter. Von der Aufregung bekam meine Mutter ihr Asthma, sie zog den schweren Mantel aus und warf ihn auf den Kinderwagen. Da mußte ich den Wagen schieben, obendrauf sass meine jüngere Schwester. Nach einer Weile kamen wir an eine Straße und ein Mann sagte, sie sind im Westen. Ich merkte noch wie mir schwarz vor Augen wurde und ich in den Straßengraben kullerte. Als ich wieder zu mir kam, kroch ich die Böschung hoch. Ich hatte mich total überanstrengt. Ein Lastwagen kam, nahm uns gegen den Wiederstand des Beifahrers mit zum nächsten Bahnhof. Wir erwischten einen Zug Richtung Westen. Meine Kindheit war endgültig zu Ende. Die Heimat verloren.

Dr. Rainer Meusel, Neuss (1941-1942)

"Puppenspiele"

("Puppenspiele" - So ist ein sorgfältig geheftetes Buch betitelt, das unser Vater zu seinem letzten Weihnachtsfest in der Familie im Jahre 1944 unserer Mutter widmete, und in dem er die Geschichte eines hier im Museum ausgestellten Kleintheaters mit seiner Adler-Schreibmaschine niedergeschrieben hatte.)

An einem schönen Oktobernachmittag des Kriegsjahres 1941 wollten meine Eltern gemeinsam ins Städtchen gehen, um einzukaufen. Aber es war schwierig, die breite Treppe, die zum Garten des Hauses Georgenberg 1 führt, zu passieren. Sie hatte sich unter Aufgabe ihrer eigentlichen Zweckbestimmung in ein improvisiertes Freilichttheater verwandelt. Hinter der Bühne – einem ererbten Kasperletheater – mühte ich mich, wie mein Vater schrieb, „im Schweiße seines kleinen, aber immer schmutzigen Angesichts“ dem Auditorium auf den Treppenstufen mit Kasperlpuppen ein selbst erdachtes Spiel vorzuführen. Ich war damals 5 Jahre alt. Entsprechend schlicht war die Darbietung, die zumeist auf die üblichen Prügelszenen zwischen guten und bösen Akteuren hinauslief, von lauten Rufen der jungen Zuschauer unterstützt.

Die Kinder vom Georgenberg, um 1942Die Kinder vom Georgenberg, um 1942Den amüsierten Eltern kam der Gedanke, wie reizvoll es doch sein müsse, den Kindern einmal ein richtiges Theaterstück vorzuspielen. Die Idee setzte sich fest und ließ in der Fantasie schon begeisterte rotbäckige Kinder Beifall spenden. Schließlich spitzte sich die Überlegung nur noch auf die Frage zu: Kasperltheater oder Puppenbühne. Wer das enorme bastlerische Geschick unseres Vaters kannte, hätte sofort gewusst, dass es ein richtiges kleines Puppentheater würde: mit einer Drehbühne, die den Aufbau von drei Szenen mit ihren handgemalten Kulissen gestattete; mit einer Rampenbeleuchtung, die eine Szenenbeleuchtung in rot, weiß, grün und blau – durch einen Drehwiderstand in der Helligkeit stufenlos regulierbar – ermöglichte, wenn man aufgeschnittene Konservendosen an den Enden drehte; und schließlich mit Puppen an Fäden oder dünnen Drähten - fast echte Marionetten. Die Puppen hatte unsere Mutter aus Stoff- und Wollresten mit geschickter Hand hergestellt und den Köpfen angepasst, die der Vater aus Gips geformt und bemalt hatte. In der Kriegszeit, in der Stoffe, Gips, Holz, Pappe, Nägel und Schrauben schwer heranzuschaffen waren, war das ganze Vorhaben schwierig genug, aber im Sommer 1942 konnte sich der kleine prunkvolle Samtvorhang, für den die letzten Punkte der Kleiderkarte geopfert wurden, vor gespanntem Publikum heben.

“Hänsel und Gretel” erlebten in einer vom Vater gedichteten Form ihre Uraufführung. Später folgten Rumpelstilzchen und Dornröschen. Und die Zahl der Zuschauer wuchs von mal zu mal. Bis zu 50 kleine und auch erwachsene Gäste drängelten sich im “Herrenzimmer” unserer Wohnung, während die “Spieler” (Vater, Mutter und der ältere Bruder Jochen) im angrenzenden “Damenzimmer” ihren Spielraum hatten. Gesamteindruck dort: malerische Unordnung.

Meusels PuppenbühneMeusels PuppenbühneDie Bühne befand sich im Rahmen der zweiflügeligen Tür zwischen beiden Zimmern, oben und unten mit Tüchern verhängt, so dass die Sprache in den Zuschaueraum dringen und man nur die Bühne, nicht aber die Spieler sehen konnte. Und das war, wie ich aus späterer eigener Erfahrung zu berichten weiß, nur gut. Trafen sich doch oft genug die verzweifelten Blicke der Spieler, wenn ein Einsatz nicht rechtzeitig klappte oder eine Puppe mehr und mehr in die Luft entschwebte, weil man auf den Text fixiert war. Aber auch ein beglücktes Zunicken konnte ungesehen erfolgen, wenn die “Aaahs” und “Ooohs” die Begeisterung der kleinen Zuschauer über ein neues Bühnenbild signalisierte.

Mir selbst kam damals die ungeheuer wichtige Ordnungsfunktion zu, selbst gefertigte Eintrittskarten vor der Haustür auszugeben und sie hernach vor der Wohnungstür zu entwerten, indem ich eine Ecke der Karte, die mit der Nähmaschine vorgelocht worden war, abriss. So fühlte ich mich als vollwertiges Mitglied einer echten kleinen “Familie Poppenspäler”.

Später schrieb der Vater eigene Märchen, in Versform wohlverstanden, die begeisterte Aufnahme fanden. Und es gab für unsere Eltern keinen schöneren Dank, als wenn die Kinder am nächsten Tag auf der Straße das selbst gedichtete Lied von den Schneemännern “Hoppel und Poppel” sangen. Das Puppentheater wurde während der amerikanischen Besatzungszeit, als das Haus für die Soldaten geräumt werden musste, teilweise zerstört. Dank der Aufzeichnungen und Beschreibungen unseres Vaters, der 1947 sein Leben in Buchenwald verlor, konnte ich es rekonstruieren und 1950/51 mit der Mutter und meinem Freund Udo Krüger mehrmals bespielen. Als es schließlich 1956 mit dem Umzug der Mutter nach Westdeutschland kam, erforderte eine Fressorgie der Holzwürmer eine zweite Rekonstruktion. Danach sind jedoch mehrfach die alten Stücke wieder auf- und ein hinterlassenes Märchen in Versform: “Die Lotusblume” uraufgeführt worden.Meusel_R_Puppensp5
Reinhold Kunze, Naumburg (1938)

Klassenfahrt

1992 - vor mir liegt eine Kladde im unscheinbaren Einband, ich erhielt sie, zusammen mit einem langen Brief, von unserem ehemaligen Klassenlehrer, den wir “Momo” nannten.
Ich schlage die Kladde auf und lese auf der ersten Seite “Klassenfahrt 12.-19. Juni 1938 nach Gräfenthal im Thüringer Wald.”
Meine Überraschung ist groß, sehr groß. Vor mir liegt das Tagebuch unserer Klassenfahrt, welche uns vor 54 Jahren in das “Grüne Herz Deutschlands” führte. Beim Lesen holen mich die Erinnerungen an Tage der Fröhlichkeit und Heiterkeit, des Schauens und Staunens, an Wanderungen und sportliche Spiele, an Stunden der Gemeinsamkeit und Kameradschaft ein. Fotos illustrieren den Text. Sie zeigen mir meine ehemaligen Mitschüler. Von einigen weiß ich heute, dass sie gefallen, von anderen, dass sie verstorben sind. Ich finde Skizzen und eine Karte, in welche unsere Tagestouren eingetragen sind. Geschrieben sind die Texte in der so genannten “deutschen Schrift”, die zu lesen den meisten der heutigen Zeitgenossen Schwierigkeiten bereitet, ist sie doch die Schrift ihrer Groß- und Urgroßeltern.

Dieses Tage-/Fahrtenbuch hat seine Geschichte, und die möchte ich erzählen. Es ist auch zum Teil die Geschichte einer Jungenklasse der Mittelschule zu Naumburg an der Saale und ihres langjährigen Klassenlehrers. Dazu muss ich einige Bemerkungen voran schicken. Ostern 1934 wurden wir in die Klasse VI der Mittelschule zu Naumburg an der Saale aufgenommen. Die meisten hatten zuvor vier Jahre die Michaelis- oder Georgenschule besucht, einige sind Schüler der Katholischen Elementarschule gewesen, und auch Fahrschüler, deren Zuhause in Bad Kösen, Laucha oder Freyburg war, gehörten zu unserer Klasse.
Die Mittelschule befand sich im Gebäude des ehemaligen Lehrerseminars in der Eupener Straße.

Nach den Michaelisferien des Schuljahres 1934/35 übernahm ein junger Lehrer die Leitung unserer Klasse: Herr Albert Reble. (Noch im gleichen Jahr promovierte er zum Dr.phil.) Bis zum Tag seiner Einberufung im Jahr 1939 hat Herr Dr. Reble das Ordinariat für unsere Klasse innegehabt.
Herr Dr. Reble unterrichtete uns in den Fächern Deutsch, Geschichte und Musik. Mit methodischem Geschick führte er uns in den Unterrichtsstoff ein und gab uns dabei Denkanstöße und Hilfen für sinnvolles Lernen. So gelangten wir schon früh zur geistigen Selbsttätigkeit. Das Lernen bei Herrn Dr. Reble hat im allgemeinen Spaß gemacht.

"Auf nach Lauscha!" Zeichnung aus dem Reisetagebuch, 12.-19. Juni 1938"Auf nach Lauscha!" Zeichnung aus dem Reisetagebuch, 12.-19. Juni 1938Unsere musische Erziehung und Bildung lag ihm offensichtlich sehr am Herzen. Dabei spielte der Unterricht im Fach Musik eine besondere Rolle, ohne dass der Unterricht in den anderen Fächern Abstriche erfuhr. Wir lernten eine Vielzahl von Volks- und Kunstliedern kennen und erhielten eine gründliche Einführung in die Musiktheorie. Höhepunkte waren für uns die Besuche der Opernaufführungen im Deutschen Nationaltheater in Weimar mit Webers “Freischütz” (1938) und im Leipziger Opernhaus mit Wagners “Lohengrien” (1939). In Erinnerung ist geblieben, dass Herr Dr. Reble sie sorgfältig mit uns vorbereitete. Der von Herrn Dr. Reble geleitete Schulchor verfügte über ein umfangreiches Repertoire und war stimmlich gut ausgebildet. Seine Auftritte bei Elternabenden und anderen schulischen Veranstaltungen bildeten die Höhepunkte. Übte Herr Dr. Reble neue Melodien oder Tonfolgen mit uns ein, bediente er sich statt des Liedtextes des Silbenpaares “mo-mo”. So kam er zu seinem Spitznamen “Momo”, und den hat er über alle Jahre hin behalten. Soweit die Vorbemerkungen. Nun zur Geschichte des Tage-/Fahrtenbuches.
Wie ist es entstanden? Mit dem Ende des Schuljahres 1937/38 verließ eine Anzahl unserer Mitschüler nach Erfüllung der gesetzlichen Schulpflicht die Schule, um einen Beruf zu erlernen. (Die in der Schule verbleibenden Schüler beendeten diese mit Abschluss der 10. Klasse und mit dem Zeugnis der Mittleren Reife am Ende des Schuljahres 1939/40.) In vier Jahren gemeinsamer Schulzeit und beim gemeinsamen Lernen hatte sich eine stabile Schulklasse gebildet. Unter den Schülern hatten sich Freundschaften gebildet, hatten wir Partner mit gleichen Interessen, mit denen wir unsere Freizeit verbrachten, gefunden. Nun aber stand diese Gemeinschaft vor ihrer Auflösung. Ehe es dazu kam, wollte Herr Dr. Reble uns noch einmal zusammenführen, uns noch einmal das Miteinander, das Kameradschaftliche erleben lassen. Sein Vorschlag war es, eine mehrtägige Klassenfahrt zu unternehmen. Dem stimmten wir natürlich sofort zu. Unser Klassenlehrer hatte alles sorgfältig geplant und organisiert und ein anspruchsvolles Programm vorbereitet. Ohne ihn hätte es das Erlebnis “Gräfenthal” nicht gegeben, und wir wären um unvergessliche Erinnerungen ärmer gewesen. Nun vermag ich mich nicht mehr zu erinnern, wer die Anregung gegeben hat, über die Klassenfahrt eine Art Tagebuch zu führen.

Ich weiß auch nicht mehr, ob es eine Aufgabenstellung für alle Schüler gegeben hat oder ob sich, besonders interessierte Schüler für die einzelnen Berichte engagierten. Schließlich aber ist das Tage -/Fahrtenbuch als ein Gemeinschaftswerk zu sehen, das von allen Schülern unterstützt und anerkannt wurde. Ich möchte nicht mich zu jedem Tagesbericht äußern, vielmehr liegt es mir daran, aus der Sicht von heute das Besondere dieser Fahrt zu betrachten. Wir waren frei von allen Zwängen, achteten aber auf Disziplin. Wir marschierten nicht in Bein’ und Glied, sondern wanderten in loser Ordnung, mal gemeinsam mit dem Freund oder in einer Gruppe der Mitschüler. Es blieb uns Zeit, die Schönheiten der Natur und Landschaft links und rechts des Wanderweges zu sehen, zu entdecken und in uns zu bewahren. Wir besuchten Betriebe mit unterschiedlichen Produktionen, wie dergleichen nicht in unserer Naumburger Heimat angesiedelt waren, z.B. die Drahtweberei und die Porzellanfabrik in Gräfenthal, die Glashütte und die Glasbläser in Lauscha oder den größten Schieferbruch Thüringens in Lehesten. Das Programm, von unserem “Momo” sorgfältig erarbeitet, sah für jeden von uns und für die Gruppe etwas vor. Und: Bei allen Unternehmungen brachte sich unser Klassenlehrer selbst mit ein. Das gefiel uns besonders.

Diese Klassenfahrt hatte bei uns große Resonanz, so dass wir bald nach unserer Heimkehr an eine Wiederholung dachten. Ins Gespräch kam eine Radwanderung entlang des Mains im Jahr 1939. Das Frankenlied “Wohlan die Luft geht frisch und rein” hatte “Momo” bereits in den Unterrichtsstoff aufgenommen. 1939 sah alles ganz anders aus. Der Krieg warf seine Schatten voraus. Herr Dr. Reble war einberufen worden. (Stellvertretend hatte Herr Friedrich Schulz die Aufgaben des Klassenlehrers übernommen, Herr Schulz war eine Lehrerpersönlichkeit, welche wir gleichfalls achteten und schätzten.) Unser Schulgebäude sollte ein Reservelazarett aufnehmen, und wir mußten bei der Räumung mit Hand anlegen. Fortan waren wir in anderen Naumburger Schulen, z.B. im Domgymnasium, Gäste. Im März 1940 wurden wir aus der Mittelschule entlassen. Am Tage der Entlassung kam Herr Dr. Reble zu uns. Er war auf Urlaub und hielt sich bei seinen Schülern auf. Dann gingen wir auseinander. Einige erhielten ihre Berufsausbildung außerhalb von Naumburg, andere hatten Lehrstellen in der Heimatstadt gefunden. Gelegentlich sah man sich; dann verlangte auch der Krieg nach uns, und man verlor sich aus den Augen. An das Tage-/Fahrten-buch hat damals gewiss niemand gedacht.

Erst 52 Jahre nach unserer Schulentlassung erfahren wir, daß es noch existiert. Unser ehemaliger Klassenlehrer hat es über alle Jahre hindurch aufbewahrt, auch als er 1949 mit seiner Frau und zwei kleinen Kindern nach Westdeutschland ging, fand diese Kladde Platz in dem zwangsläufig geringen Handgepäck. Sieben seiner ehemaligen Schüler aus der Klasse, die Herr Prof. Dr. Reble als seine “unvergessliche Klasse an der Naumburger Mittelschule” bezeichnet hatte, waren 1994 seine Begleiter bei einem Abstecher nach Gräfenthal im Rahmen eines Klassentreffens. Damit haben wir ihm und uns einen großen Wunsch erfüllt. Herr Prof. Dr. Reble verstarb im Jahr 2000 im Alter von 90 Jahren. Er war uns ein guter Lehrer und Freund.- Seit seinem Tod bewahrt und behütet seine von uns sehr geschätzte Gattin unsere Erinnerungen an Gräfenthal. Bei ihr sind sie in guten Händen.

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