Drittes Reich

Ilse Wolf, Naumburg (1943-1945)

Fliegeralarm

Wie ich als 13-jähriges Mädchen die letzten Monate des 2.Weltkrieges in Naumburg überlebte. Schon seit Monaten (1943/45) mußten wir fast jede Nacht und jeden Tag ein- oder mehrmals den Luftschutzkeller aufsuchen. Englisch-amerikanische Bomberverbände flogen ihre Angriffe gegen die mitteldeutschen Industriegebiete um Leuna, Merseburg und Zeitz. Gegen Ende des Krieges häuften sich die Fliegeralarme. War es am Tage, wurden wir aus der Schule nach Hause geschickt. Des nachts weckte mich meine Tante, bei der ich aufgewachsen bin. Schlaftrunken zog ich meinen Trainingsanzug an, nahm mein Notköfferchen und dann ab in den Luftschutzkeller. Viele Häuser der Altstadt waren meist auf stabilen Gewölben mit dicken Mauern gebaut.

Anfang April 1945 näherten sich die amerikanischen Streitkräfte von Thüringen kommend unserer Stadt. Auch Aufklärungsflugzeuge kreisten öfter über unserm Gebiet. Jeder hoffte, dass Naumburg von Zerstörungen verschont bleiben würde. Am 9. April 1945 heulten die Sirenen. Zur Sicherheit gingen wir in letzter Zeit in einen tiefer gelegenen Luftschutzkeller unseres Nachbarhauses Engelgasse 7. Kaum waren wir, meine Tante und ich sowie einige Hausbewohner im Keller, hörten wir es oben krachen und das Haus erschütterte. Dreck rieselte zum Kellerschacht herein. Meine Angst war riesengroß. Ich klammerte mich an meine Tante und sagte zu ihr: “Bloß nicht lebendig begraben werden!” Danach herrschte Totenstille. Eine ältere Hausbewohnerin, welche noch nie einen Luftschutzkeller aufgesucht hatte, kam sehr verstört herunter und weinte. Sie sagte: “Ich weiß nicht, ob unser Haus noch steht.” Nachdem Entwarnung gegeben war, wagten wir uns aus dem Keller nach oben . Zunächst waren wir froh, dass unser Wohnhaus - Reußenplatz 17 - noch stand, aber o weh, die Fensterscheiben waren kaputt, Türen aus den Angeln gehoben und überall lagen Steine, Dachziegel und Glas umher. Am nächsten Tag konnten wir das ganze Ausmaß der Zerstörungen erfahren. Zwei Schlachtflieger, vom Buchholz her kommend, hatten ihre Bombenlast über Naumburg abgeladen. Zerstörungen gab es in der Medlerstraße, Neustraße, Neugasse, Salzstraße, Salzgasse, am Topfmarkt mit der Sparkasse, dem Altersheim, der Druckerei Sieling und der Wenzelskirche. Weitere Bomben fielen in der Marienstraße, Fischstraße, auf den Stadtfriedhof (heute Stadtpark) und in der Gartenstraße. Tage später wurde auch das Heereszeugamt bombardiert. Auf Wunsch meiner Pflegeeltern Elfriede und Karl Foth, Naumburg, Reußenplatz 17, habe ich alle Fliegeralarmzeiten von 1943 bis 1945 aufgeschrieben.

Erika Teuscher, Querfurt (1944)

Kinderlandverschickung

Sommer 1944, Theateraufführung am ElternbesuchstagSommer 1944, Theateraufführung am ElternbesuchstagWährend der Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg mussten die Schüler der Städte aufs Land umsiedeln. Wer keine Verwandten auf dem Dorf hatte, wurde in sogenannte KLV-Lager (Kinderlandverschickung) eingeteilt. So wurden auch rund 50 Mädchen der 6. Klassen der Halleschen Torschule in solch eine Gemeinschaft aufgenommen. Am 3. Mai 1944, ich war am 2. Mai gerade 12 Jahre alt geworden, ging die Reise los nach Naumburg in den “Alten Felsenkeller”. Die Tische im Gastraum der Ausflugsgaststätte waren in Reihen aufgestellt und der Saal wurde zu unserer Schlafstätte mit Doppelstockbetten und Strohsäcken. Mit uns kam auch der Klassenlehrer und drei Lagermädelführerinnen. Die erste Nacht, vom 3. zum 4. Mai 1944, werden wir wohl alle in Erinnerung behalten haben, denn an Schlafen war nicht zu denken: Lachen, Toben und über mir krachte das Bett zusammen. Gegen l .00 Uhr schien Ruhe zu sein, doch um 4.00 Uhr wollten wir uns schon wieder anziehen. Aber denkste: Alle mussten wieder ins Bett; nur einzelne Nachtgespenster huschten immer wieder herum.

In der kommenden Zeit rauften wir uns alle zusammen. Der Tag begann mit einem Fahnenappell. Für das leibliche Wohl sorgten unsere Wirtsleute, Frieda und Walter Weiland, doch auch wir wurden wöchentlich zur Küchen- und Hausarbeit eingesetzt. Die Gegend um den Felsenkeller machten wir oft unsicher. So waren wir in Schellsitz, in der “Neuen Welt” (damals auch KLV-Lager), in Schönburg, im Naumburger Dom und auf der Rudelsburg.
Aller 14 Tage ging es ins Wannenbad am Neuengüter. Anschließend marschierten wir in 3er-Reihen mit lustigen Liedern auf den Lippen durch die Stadt.

TeuscherAm 21. Mai 1944 hatten unsere Wirtsleute Weiland Silberhochzeit. Wir brachten ein Morgenständchen und machten einen Ausflug nach Freyburg, zur Neuenburg und Jahn-Gedenkstätte. Abends durften wir noch mitfeiern, tanzen und singen und labten uns an Kuchen mit Schlagsahne.
Manche von uns hatten großes Heimweh. Aller vier Wochen konnten die Mütter uns besuchen. Diese Tage waren für uns immer die schönsten. Wir studierten ein kleines Programm ein: Gedichte, Lieder, Märchenspiele auf der Plattform (zwischen Felsenkeller und Fähre). Obwohl keine zusätzlichen Naschereien erlaubt waren, bekamen wir doch welche und verdrückten diese nachts heimlich unter der Bettdecke.

Elternbesuchstag, Picknick beim Elternbesuchstag, Picknick beim Ungefähr zehn Monate lang haben wir Schülerinnen aus Halle in Naumburg schöne und traurige Tage verlebt. Mit den Soldaten gab es Motorbootfahrten, am Gänsegries durften wir baden oder am Felsenkeller von Ufer zu Ufer schwimmen oder gar bis zur Fähranlegestelle. Besonders lustig war es, wenn wir auf der Waage der Schweinemästerei gewogen wurden. Fliegeralarm erlebten wir immer im eigentlichen “Felsenkeller”. Dorthin flüchteten wir uns zusammen mit den Einheimischen, die mit Kind und Kegel aus Grochlitz kamen. Es gab einen schlimmen Tag mit Bombenabwürfen. Häuser in Grochlitz und Naumburg wurden zerstört; auch die Schweinemästerei. Nach der Entwarnung guckten wir immer in Richtung Heimat: Halle und Leuna, wo der Himmel rot gefärbt war. Im Jahre 1996 haben sich 12 ehemalige “Jungmädel” gesucht und gefunden und den “Alten Felsenkeller” besucht.

Am 3. Mai 1999, 55 Jahre nach unserem damaligen Ankommen, trafen wir uns erneut. Einige übernachteten auch und es ging auch hier wieder lustig zu.
Unser nächstes Treffen ist für den 4. Mai 2004 geplant: nach einer Dombesichtigung wollen wir dann nach 60 Jahren den “Alten Felsenkeller” erneut unsicher machen.

Irmgard Skaldien, Treuchtlingen (1942-1945)

Nachtwache in der Sparkasse

1942 begann ich mit mehreren Mädchen und Jungen die Lehre bei der damaligen Stadtsparkasse. [Bild] Mit 16 Jahren wurde ich, da ich nahe der Sparkasse wohnte, eingeteilt, nachts bei Fliegeralarm zur Sparkasse zu kommen, um bei eventuell entstehenden Bränden oder Schäden zu löschen, zu helfen usw. Es geschah inzwischen doch öfter, dass ich voller Angst über den Lindenring, durch die Salzstraße lief. Aber es ging immer gut. Einmal gab es “Gasalarm”, den sich erst keiner erklären konnte, später sickerte durch, dass am Güterbahnhof etwas los war mit einem Waggon, aber Näheres haben wir nicht erfahren. Die Sparkasse musste nachts, sonn- und feiertags ebenfalls besetzt sein. Und so wurden die Angestellten eingeteilt, jeweils zu zweit “Wache” zu halten. Nachmittags gab es frei, gegen Abend dann rückten wir ein. Die meisten brachten ein Kopfkissen mit, denn die Pritschen im Aufenthaltsraum waren hart. Unsere Aufgabe war als erstes das ganze Gebäude zu kontrollieren, dass alle Türen und Fenster verschlossen und vor allem verdunkelt waren. Im Hause befand sich damals auch das Bauamt, auch das wurde kontrolliert. Da außerdem Strom gespart werden musste, war es eine ziemlich düstere Sache. Wir trugen das alles erstaunlich humorvoll und machten das Beste daraus. Ab und zu leistete uns die Hausmeisterin Gesellschaft, deren Mann eingezogen war. Traurig war es, wenn es die besinnlichen Tage (Weihnachten, Silvester oder andere Feiertage) waren, die man in der Sparkasse als Wache verbringen musste. Oder im Sommer, wenn die Leute sonntags vorbei bummelten. Dann gab es auch schon mal einen Plausch aus dem Fenster mit den Spaziergängern. Meistens haben wir es so eingerichtet dass wir Jugendliche uns gemeinsam aufstellen ließen. Die männlichen Mitarbeiter waren fast alle zum Militär eingezogen, so bestand die Belegschaft fast nur aus Frauen. Wir verstanden uns alle gut, trugen den Ernst der Zeit gemeinsam mit viel Verständnis für den Nächsten Es waren auch einige Ehefrauen der eingezogenen Männer beschäftigt.

Betriebsausflug der Sparkassenbelegschaft, 1942 Betriebsausflug der Sparkassenbelegschaft, 1942 Doch etwas Besonderes waren wir Lehrlinge. Wir trafen uns auch ab und zu in der Freizeit (allerdings nur sonntags, denn gearbeitet wurde damals auch samstags) zum Wandern oder auch zum Feiern. Und wir hatten trotz aller äußeren Umstände Freude am Leben. Diese Freundschaften haben sich im Laufe der Zeit vertieft. Einer nahm Anteil am Schicksal des Anderen, auch als die Wege sich trennten durch Heirat, Wegzug usw. Und so treffen wir uns bis zum heutigen Zeitpunkt jedes Jahr einmal in unserer Heimatstadt Naumburg, wandern zu einem schönen Ziel, tauschen unterweg und anschließend bei Kaffee und Kuchen Neuigkeiten aus und verabschieden uns in der Hoffnung, es möge im nächsten Jahr ein gesundes Wiedersehen geben. So sind wir inzwischen ca. 60 Jahre der Sparkasse treu geblieben.

Und nun zurück zum Apri 1945, genau zum 09. April. Nachmittags gab es Fliegeralarm. Die Konten waren im Tresor und die Belegschaft im Luftschutzkeller. Das war uns ja schon bekannt. Aber was dann kam, wird keiner von uns vergessen können: eine Luftmine traf die Sparkasse voll. Meine Erinnerung ist, dass ich am weitesten weg von der Luftschutztür sass und plötzlich standen wir alle dichtgedrängt an der Tür. Die Druckwelle hatte uns dahin geschleudert. Alles war voll Staub. Unser Luftschutzwart, Herr Walter Lösche, ordnete an, Tücher in dem Wassereimer anzufeuchten und vor Mund und Nase zu halten. Sein Trost an uns: sie holen un hier raus! Fast alle waren gefasst, es war wohl auch der Schock, der uns ruhig bleiben ließ. Und dann kam Hilfe. Die Feuerwehr führte uns einzeln über die Trümmer fast nach oben, als das Kommando kam: zurück, Tiefflieger. Also ging es den beschwerlich Weg zurück. Mein einziger Mantel ging dabei fast zum Teufel. Nach einer nicht einschätzbaren Zeit gab es den zweiten Versuch heraus zu kommen, denn es bestand für das Gebäude akute Einsturzgefahr. Diesmal gelang es den starken Männern der Feuerwehr uns heraus zu ziehen. Die Anweisung von ihnen hieß: raus aus der Stadt. So liefen wir zum Bürgergarten hoch, versteckten uns hinter einem Busch (den wir bei unseren Wanderungen immer wieder erkennen) und harrten der Dinge. Als der Spuk vorbei schien, wagten wir uns langsam zurück. Zuerst steuerten wir die Gaststätte “Zum Bürger garten” an. Als der Wirt uns sah, fragte er voll Entsetzen: Wie seht Ihr denn aus?" Die hatten da oben überhaupt nichts gemerkt von dem, was in der Innenstadt geschehen war. Nachdem wir uns in der Gaststätte ein bisschen gesäubert hatten, ging es langsam durch die Bürgergartenstraße zum Salztor. An jeder Straßenbiegung schauten wir, ob die Häuser noch standen. Wir trösteten uns mit dem Wunsch: Hauptsache unseren Angehörigen ist nichts Schlimmes zugestoßen. Und plötzlich kamen am Lindenring meine Eltern angerannt. Meine Mutter stand kurz vor dem Zusammenbruch. Wir waren alle überglücklich, dass wir uns gesund wiederhatten. Sie hatten von dem Angriff auf die Sparkasse durch einen Nachbarn erfahren, der im Hotel “Schwarzes Roß” arbeitete und nach dem Angriff in unseren Luftschutzkeller gerannt war. Er schilderte das Chaos der Sparkasse ohne daran zu denken, dass ich dort arbeitete und meine Eltern und meine Schwester in dem Keller waren. Mein Vater war zum Volkssturm eingezogen und musste sich am 10. April, also am nächsten Tag, melden. Meine Eltern rannten sofort los, um zur Sparkasse zu kommen. An der Salzstraße wurden sie aufgehalten, es war alles abgesperrt. Mein Vater durfte durch, weil er die Unifo vom Volkssturm trug. Mit Mühe konnte er sich über die Trümmer der ebenfalls zum Teil zerbombten Salzstraße hinweg zur Sparkasse durchkämpfen. An der Sparkasse waren keine Menschen zu sehen. Endlich konnte ihm dann ein Feuerwehrmann sagen, dass die Sparkassenleute gerettet worden waren. Das war eine gute Nachricht für ihn, aber doch noch keine hundertprozentige Beruhigung. Erst als wir uns dann gegen 1/2 8 Uhr in den Armen hielten, waren wir glücklich. Und mein Vater rückte am 10. April ein, um in Bad Sulza am nächsten Tag in amerikanische Kriegsgefangenschaft zu geraten, aus der er nach einem Lageraufenthalt in dem berüchtigten Lager Bad Kreuznach und späteren Gefangenlagern in Frankreich nach l 1/2 Jahren heimkehren konnte.

In der Sparkasse ging nach dem 09. April das Aufräumen los trotz Einsturzgefahr und weiteren Bombenalarmen. Am 11. April 1945 rückten die Amerikaner in Naumburg ein. Und wir gingen wieder zu unserem Arbeitsplatz um aufzuräumen. Draußen fuhren die Panzer vorbei und die GIs machten sich einen Spaß, ihre Knarre durch die kaputten Fenster auf uns zu richten mit dem bekannten breiten Grinsen. Wir sind vor Angst bald gestorben. Es gelang, vieles an Belegen und Unterlagen zu retten bis zum Tag der Bankenschließung. Der Betrieb wurde weitergführt in den Räumen des teils ebenfalls zerstörten Halleschen Bankvereins am Topfmarkt, der Commerzbank am Lindenring und im Laden des Haus der Damenhüte Ecke Lindenring/Herrenstraße.

Als wollte die Natur etwas ausgleichen, gab es 1945 einen herrlichen Frühling. Die Uhren waren damals zwei Stunden vorgestellt. Da unser Dienst um 7.00 Uhr morgens begann, war es nach der Sonne erst 5.00 Uhr morgens. Wir hatten uns auch an alles das gewöhnt und waren glücklich, dass endlich Frieden war. Da kam die nächste Veränderung: die Amerikaner verließen Mitteldeutschland und die Russen kamen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Ich wollte ja nur von der Zeit in der Sparkasse und der Zerstörung unseres geliebten Arbeitsplatzes berichten. Der Wiederaufbau und die Einweihung wurden mit einem schönen Fest begangen.

Jutta Spiller, Stuttgart (1942)

Training im Turnverein

Ich berichte über meine Erinnerung und Erfahrungen mit dem Turnverein Jahn.
Mein Mädchenname ist Fernschild. Meine Eltern hatten ein Elektrofachgeschäft in der Salzstraße, später in der Wenzelsstraße. Wir wohnten in der Salzstraße und auf dem Wenzelsring 2. Ich bin Jahrgang 1927, ging in die Mittelschule bis 1943, anschließend auf eine Dolmetscherschule in Leipzig und am Tag, als die Russen kamen, bin ich mit dem Fahrrad gen Westen “ausgewandert”.

Ich war jahrelang Mitglied im Turnverein Jahn. Leiter der Gruppe war der sehr engagierte Herr Böhme, ein ehemaliger Turner. Wir trafen uns einmal wöchentlich in der Turnhalle der Realschule. Zur Riege gehörten ca. 10 -15 Mädchen. Ablauf des Abends: am Klavier Herr Ronneburg, der am völlig verstimmten Instrument den “Fröhlichen Landmann” und eine weitere Melodie spielte. Es gab für uns eine Art Choreographie. Dann folgte der aktive Teil: Geräteturnen, zuerst nach Lust und Laune, anschließend gezieltes Training. Ich glaube, dass wir der einzige Turnverein in der Stadt waren. In der Schule hatten wir die besten Noten: Alle anderen Schüler kannten die Turngeräte überhaupt nicht, während wir schon an unserer Kür arbeiteten. Leistungsmäßig kamen wir bis zu den Bezirksmeisterschaften (Weißenfels?).

Ich weiß nicht mehr, wann alle Tätigkeiten der HJ untergeordnet wurden. Wir sind längere Zeit eine Ausnahme gewesen. Weil wir als einzige Erfolge brachten, durften wir weiterhin mit unserem Herrn Böhme turnen und trainieren. Den Sonntag verbrachten wir auf dem Sportplatz (von der Jenaerstrasse aus zu erreichen). Ich glaube, dass wir auch einfache Arbeiten am Platz ausführten. Wir hatten einen Barren zur Verfügung, eine Stoppuhr und Maßbänder. Wir trainierten Weitsprung, 50- oder 75-m-Lauf, vielleicht auch Kugelstoßen. Ich weiß nicht mehr, wie lange wir diese Außenseiterrolle spielen durften. Später löste der Dienst im BDM unsere sportlichen Aktivitäten auf dem Sportplatz ab unter Hilde York. Unser Kommentar: “Wer nichts ist und wer nichts kann, der ist in Naumburg auf dem Bann”. Dieser Dienst wurde dann gegen 1942 ausgeweitet und wir übten beim Langemarckdenkmal mit Papp-Panzerfäusten auf Papp-Panzer zu “schiessen”. Mir ist erst sehr viel später bewusst geworden, dass wir aufgrund unserer sportlichen Leistungen den Nazis ein Schnippchen schlagen konnten.

Hans-Dieter Schütze, Jesnitz

ABC-Schütze in der Georgenschule

Als wir vor 67 Jahren am 15. April 1936 eingeschult wurden, betraten wir zum erstenmal das Gebäude, das im Jahr 1998 sein 100-jähriges Jubiläum feierte. Gemeint ist die Georgenschule in der Wilhelm-Wagner-Straße, die damals noch Knabenvolksschule hieß. Der Bau war zu dieser Zeit gerade 38 Jahre alt und gehörte zu den modernsten und größten Schulen in der Stadt Naumburg. Dementsprechend war auch das neue Schulhaus eingerichtet. Der große rote Klinkerbau hat auch noch heute in seiner Front und seinen Ausmaßen durch seine Schlichtheit und Nüchternheit etwas Kasernenartiges an sich. Da ich aus der Siedlung vom Mägdestieg kam, mußte die Umgebung für mich zunächst fremd wirken.

Zudem wurde ich schon wochenlang vor Schulbeginn mit den Hinweisen konfrontiert: “Na warte nur, wenn du erst zur Schule kommst!” Nun war es soweit, dass man mit gemischten Gefühlen das Haus betrat - die erste Treppe hinauf, die langen Flure entlang, die vielen Türen rechts bzw. links, von denen sich eine mit der Aufschrift “Klasse 8 b” für uns öffnete. Der große hohe Klassenraum mit seinen nüchternen Wänden und den geheimnisvollen Gerätschaften wie Wand- und Schiefertafeln ernüchterte mich vollkommen. Der Lehrer, Herr Weber, der uns ABC-Schütze in Empfang genommen hatte, bemühte sich, sich von der besten Seite zu zeigen. Trotzdem herrschte Benommenheit und abwartendes Schweigen. Das kam um so mehr zum Ausdruck, als der Lehrer die begleitenden Eltern bat, den Klassenraum zu verlassen, damit er mit seinen Schülern persönlichen Kontakt finden konnte. Das Gegenteil war zunächst das Ergebnis. Einer fing an zu schluchzen, als er seine Mutter nicht mehr sah, andere stimmten ein. Hier zeigte sich die Wirkung der wochenlangen vorherigen Einschüchterung. Wir ängstigten uns weniger vor dem Lehrer als vor der ungewohnten Situation, die unseren Kinderalltag verändern sollte. Als die Wandtafel herumgedreht wurde, strahlte uns ein großer, bunter Zuckertütenbaum entgegen, die Tür öffnete sich und unsere Eltern überreichten uns die gefüllten Zuckertüten. Sofort war die Angst verflogen. Aber alles, was zunächst befremdete, verband uns miteinander, zumal die neue Gemeinschaft uns zusammenschweißte.

Mit Lehrer Martin Hülgenhof beim Wandertag in Bad Bibra, 1934Mit Lehrer Martin Hülgenhof beim Wandertag in Bad Bibra, 1934Für 45 Knaben begann ein neuer Lebensabschnitt. Da sass der Sohn von Kaufmann Bergert neben dem Musiker Riccardo Reißweck, der Sohn des Schuhmachermeisters Panse neben dem Sohn des Schneidermeisters Rammelt. Viele Väter meiner Klassenkameraden waren in Leuna tätig. Der Vater von Mitschüler Friedrich war Studienrat am Domgymnasium. Horst Böhmes Vater fuhr die Naumburger Straßenbahn. Schwierigkeiten gab es durch den Lehrer Herrn Weber bei den Zwillingen Günter und Rolf Eckardt. Meistens wurde der falsche bestraft.

Für alle mußte der Lehrer nun einen gemeinsamen Nenner finden. Zur Osterzeit ließ er uns Eier und Hasen malen. Nun mußten wir uns auch mit dem Schreiben beschäftigen und bald kritzelten die Schreibgriffel über die Schiefertafeln der Schüler. Während der Grundschulzeit lernten wir drei Schriftarten: die Sütterlinschrift, die Lateinschrift und im September 1941 wurde durch die Verfügung des Reichsministers für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung die bisherige Lateinschrift als Deutsche Normalschrift und alleinige Schreibschrift eingeführt. Bald kam auch das Rechnen und Lesen zum Lehrplan hinzu, so dass nach einem halben Jahr die ersten sechs Noten im Schulzeugnis ihren Niederschlag fanden. Ich war zufrieden.

Im nächsten Schuljahr (Klasse 7 b) wurde der Lehrplan um Religion, Rechtschreibung, Musik und Turnen erweitert. So wuchsen von Jahr zu Jahr die Leistungsanforderungen, so dass nach vier Grundschuljahren 15 Noten im Zeugnis den Leistungsstand aufzeigten. Am Ende der Grundschulzeit - inzwischen waren wir in die Klassenstufe 5 versetzt worden - verließen einige Schüler die Georgenschule und wechselten zur Mittel- bzw. Realschule und zum Domgymnasium.
Der Rest der verbleibenden Schüler der Grundschulklassen wurde in zwei Klassen verteilt und wir mußten ab Ostern 1940 die 5. Klasse nochmals durchlaufen (bisher wurde man in die 8. Klasse eingeschult und nach acht Schuljahren in der 1. Klasse entlassen). Nun wurde Herr Paul Büschel unser neuer Klassenlehrer der 5 a. Das schönste am Montagmorgen in der 1. Stunde war die “Sparstunde”. Im Jahr 1939 feierten wir das letzte Kirschfest. Im Jahr zuvor wurde das Fest umgestellt, denn alles, was an die Hussiten erinnerte, mußte wegfallen. Es wurde als “Fest des Lebens” mit bunten Bändern, Kirschen und “dem Grünen” neugestaltet. Alljährlich wurden Fahnenträger und -begleiter jeweils ausgelost. Und es war eine große Ehre, als Fahnengruppe die Parallelklassen der Marien-Mädchenschule beim Festumzug zu begleiten. Durch die schrecklichen Kriegsfolgen wurden dann die Feste am Schuljahresende 1940 gänzlich eingestellt.

Da unser Rektor Herr Haunert und andere Lehrer im Jahr 1940 zum Militärdienst einberufen wurden, folgte ein ständiger Wechsel in der Lehrerschaft. Teilweise übernahmen Lehrerinnen den Unterricht. Im 6. Schuljahr betreute uns nochmals Herr Weber, welcher auch als stellvertretender Rektor amtierte. Über die Kriegsjahre gibt es weniger Erfreuliches zu berichten.

Besucht wurde das Heimatmuseum in der Grochlitzer Straße, worüber auch Aufsätze geschrieben werden mußten. Besonders erlebnisreich war eine Turmbesteigung zum Türmer Wilhelm Schunke auf der St.Wenzels-Kirche. Nach dem Wechsel von der Mittel- zur Oberstufe wurde uns Martin Hülgenhof als Klassenlehrer zugeteilt. Unser Klassenzimmer war nunmehr der Chemie- und Physikraum, der stufenförmig angeordnet war. Im Jahr 1943 erlernten wir das Schwimmen in der Flußbadeanstalt der Saale in Roßbach bei unserem Turnlehrer Banse. Unser Klassenlehrer Herr Hülgenhof, von uns nur “Martin” genannt, stammte aus der Lüneburger Heide und war ein leidenschaftlicher Naturfreund und Jäger. Wenn wir besonders brav und fleißig waren, wurden uns Geschichten von Hermann Löns erzählt bzw. aus seinen Büchern vorgelesen. Besonders die Tierbücher “Mümmelmann” und “Hasendämmerung” sind mir in steter Erinnerung. Zu dieser Zeit wurden auch mehrere Schulen der Stadt in Kriegslazarette umfunktioniert. Das beeinträchtigte wesentlich den Unterricht. In die Georgenschule kamen die Mädchen der Marienschule. Es wurde streng auf Sitte geachtet. Entweder erfolgte der Unterricht wechselweise vor- oder nachmittags bzw. die Pausenzeiten waren so gelegt, dass wir mit den Mädchen nicht in Kontakt kamen. Von Vorteil war in den letzten Kriegsjahren die nächtlichen Luftalarme in Naumburg. Dadurch brauchten wir am nächsten Tag erst später zum Unterricht zu erscheinen. Unser letzter gemeinsamer Wandertag führte uns im Sommer 1943 nach Schloss Burgscheidungen und ins Waldbad Bad Bibra.[Bild] Bei unserem Klassenlehrer Herrn Hülgenhof haben wir die Bildung erfahren, die uns nach der Schulzeit in der Berufsausbildung von großem Nutzen war.

Alle Schüler der Klasse 8 a erfüllten die Volksschulpflicht. Am 25. März 1944 wurden uns die Abschlusszeugnisse überreicht und wir wurden in das Erwachsenenleben entlassen. Das letzte Schuljahr fiel in das vorletzte Kriegsjahr. Mehrere Klassenkameraden kamen noch zum Einsatz im Volkssturm und waren am Ende froh, als die Amerikaner im April 1945 einrückten, “mit Haut und Haaren” davongekommen zu sein. Trotz schwieriger Nachkriegszeiten gelang es schließlich allen, einen ordentlichen Beruf zu erlernen. Einige studierten und promovierten, anderen wurden Facharbeiter und Angestellte.

Durch die Nachkriegsjahre und die Bildung von zwei deutschen Staaten im Jahr 1949 verloren sich die Klassenkameraden aus den Augen. 1986 gab es eine erste Kontaktaufnahme zu einem Klassentreffen. Doch ein Treffen in der damaligen DDR war nur mit polizeilicher Genehmigung möglich. Andererseits konnten Klassenkameraden, die in die BRD übergesiedelt waren, sich nicht mit Klassenkameraden “Genossen” und “Geheimnisträgern” treffen. Durch die Wiedervereinigung im Jahr 1990 wurde nun der Gedanke von einem Klassentreffen Realität. Weihnachten 1991 wurden dazu die ersten Vorbereitungen im “Halleschen Anger” getroffen. Am 4. April 1992 fand ein erstes Klassentreffen in Naumburg von 17 ehemaligen Georgenschülern der Klasse 8a statt. Nach 48 Jahren besuchten wir gemeinsam unsere “alte Schule”. Seitdem wird alljährlich die persönlich Begegnung mit Ehefrauen und Lebensgefährtinnen durchgeführt.

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