Drittes Reich

Hahn

Schützenpanzer-Transport von "Naumburg nach den Pripjet-Sümpfen.

Nach dem Schützenpanzer-Transport von Elbing nach Weißrußland vom 09.11.43 bis 05.01.44 bin ich ab 06.01.1944 wieder bei der l.Marsch-Ko. des Panzer-Gren.-Ersatz-und Ausbildungsregimentes 14 in Hartha.
Am 08.0l.44 erfahren wir fünf in Leisnig ausgebildeten Schützenpanzer- wahrer, daß es demnächst nach Naumburg - gehen würde. Ein Schützenpanzer-Transport ist  an die russische Front zu begleiten. Das weitere Ziel ab Naumburg ist nicht bekannt. Ich packe meine wenigen Hab- seligkeiten in Tornister und Brotbeutel. Abmarschbereit liegt es unter dem Bettgestell.
Am 10.01.44 werde ich 3.00 Uhr geweckt. 5.45 Uhr müssen wir am Bahnhof in Waldheim sein. Die sechs Kilometer sind schnell zurückgelegt. Tn Weißenfels steige ich unerlaubt mit zwei Kameraden aus dem Zug, um einen Abstecher zu meinen Eltern nach Storkau zu machen. Nach ordentli- cher Stärkung bei Muttern und kleiner Verschnaufpause marschieren wir zurück zum Weißenfelser Bahnhof.
Gegen 17.00 Uhr kommen wir in Naumburg an und melden uns beim Panzerne- benzeugamt. Einquartiert sind wir in der Jägerkaserne am Jägerplatz. Ab sofort wird "Ausgang" angestrebt, denn es gilt Naumburg kennen zu ler- nen. Die Zeit des Hierseins wird kurz sein. Täglich wird versucht, sich vom militärischen Dienst zu drücken. Das gelingt ganz gut, da wenig be- aufsichtigt wird. Von Übel ist, daß wir morgens mit den hier stationier- ten Einheiten vor der Kaserne zum Appell anzutreten haben. Schon nach der ersten Nacht werde ich vom UvD aus dem Bett gescheucht mit Pfeifender Mahnung.

Am ersten Vormittag ist Arbeitsdienst am Schützenpanzer angesagt,ge- legentlich sind leichte Handwerks-und Schweißarbeiten im "Panzerneben- zeugamt auszuführen. Allabendlich sind wir bis 24.00 Uhr im Städtchen unterwegs. Deshalb fühlen wir uns in Naumburg richtig wohl gegenüber Hartha. Heute am Freitag den 14.01.44 haben wir den ganzen Tag in der Stadt, herumgelungert, haben Haare schneiden lassen, durchstreifen die Windmühlen- und Jakobstraße, sind am Linden- und Bismarckplatz, am Markt um einiges zu nennen. Die Eilme"Der weiße Traum" und "Leichtes Blut" se- he ich mir an.
Die unbeschwerten und sorglosen Ta.ge in Heimatnähe dürften bald zu Ende sein, denn am Samstag sind die oberhalb von Naumburg im Wald bereitge- stellten Befehls-Schützenpanzer zum Naumburger Ostbahnhof zu fahren. Diese kleinen gepanzerten Kettenfahrzeuge sind mit Wählschaltungen aus- gerüstet. Solche Vehikel hatte ich bisher nicht kutschiert. Dennoch brin- gen wir die 36 Schützenpanzer unversehrt den Berg hinab durch die Stadt zum Bahnhof auf die vorgehaltenen Waggons.
Morgens 5.00 Uhr des 16.01.44 geht die Reise los als Sonderzug über Leip- zig, Cottbus, Glogau, Warschau. Am Warschauer Ostbahnhof ist Aufenthalt Der Zug darf nicht verlassen werden. Das Deutsche Rote Kreuz versorgt uns mit grauer Graupensuppe, dünn und kräftig, wie es heißt. Trotzdem ist sie willkommen als warme Zusatzverpflegung. Von Warschau gehts wei- ter nach Brest-Litowsk, Pinsk, Lunisses. Am 21.01.44 gegen 16.00 Uhr kommt der Zug in Slobodka II in den Pripjet-Sümpf en an. Die Schützenpan- zer werden sofort entladen. Am nächsten Morgen ist nach etwa 50 Kilometer Bandfahrt der Divisionsstab erreicht. Die Fahrzeuge werden abgeliefert. Die Landschaft ist eben. Niederholz, Kuscheln, lichter Waldbewuchs wech- seln und bedecken den feuchten Wiesengrund. Schnee ist nicht vorhanden.
Die kommende Nacht schlafen wir fünf abkommandierten in ei-
nem ausgeräumten,kalten Kuhstall, in dem einige russische Verwundete Soldaten untergebracht sind. Zu später Stunde werden die Gefangenen von deutschen Landsern abgeholt. Sie werden auf einen LKW geworfen. Wir sind über diesen barschen Umgang mit den Russen verblüfft. Hier herrschen anscheinend rauhe Sitten. Die beiden Landser scheren sich nicht um unsere vorsichtigen Bemerkungen zu diesem unmenschlichen Verhalten gegen- über wehrlosen Geschöpfen.
Was weiß ich schon, gerade 18 Jahre alt geworden, vom tatsächlichen Krieg, von dem ich später nicht verschont bleibe.
Vom Transport-Begleitpersonal verbleiben 18 Mann bei der Einheit im Osten. Wir anderen werden mit einem LKW zur "Bahnlinie zurückgebracht. Vom Bahnhof Majarowka geht es per Zug heimwärts nach Deutschland. In Falkenberg wird entlaust.
Am Sonntag den 30.01.44 gegen Mittag kommen wir in Halle an. Zwei Stun- den Wartezeit sind angesagt. Die Bahnpolizei gestattet einen Spazier- gang in die Stadt. Fliegeralarm kommt dazwischen. Die Sirenen heulen. Wir eilen zum Bahnhof zurück.
gegen 15.30 Uhr melden wir uns in Naumburg beim "Panzernebenzeugamt und um die Nachtmitte des 01.02.44 sind wir bei unserer Einheit in Hartha. Hier erwarten uns bei der l.Marsch-Kp. des Rgt's 14 der altbekannte sture Militärbetrieb und die widerliche Massenunterkunft im Tanzsaal dieses Ortes im Tal.
Der Bahntransport vom 10.0l.bis 30.01.44 ist eine abwechselungsreiche Variante in der stumpfen Ausbildungszeit mit dem glücklichen Umstand, vor der russischen Front nach Deutschland zurückkehren zu können.

Friedrich Zitzmann

Kirschfest-Erinnerungen

Vor dem Krieg haben wir Kinder in sehr bescheidenen Verhältnissen gelebt, erhielten von Stadt, NSV, Winterhilfe (WHW) Unterstützungen [...]. Das Kirschfest als solches betrachte ich auch heute noch wie damals (bin Jahrgang 1923, meine Schulzeit von 1930-1938 und somit 8mal als Schüler dabei gewesen) als Kirschfest, Schul- und Kinder sowie ein schönes Heimatfest einschließlich der anschließenden Messe. Umzug und Kirchgang waren immer beeindruckend. Die Spiele auf der Vogelwiese und im Bürgergarten ein erfreuliches Erlebnis, auch wenn ich nicht bei den “Ersten und Besten” war. Gerne denke ich an die Blumen und efeugeschmückten schwarz-weißen beflaggten Lanzen der Knaben, die rot-weiße Klassenfahne und die große, schwere Stadtfahne, die beim Umzug geschwenkt wurde. Das Zöpfchen und die Limonade waren bei allen willkommen und sind nicht vergessen. Die Spielmannszüge der Schulen, die auch zum Wecken aufgespielt haben, klingen auch noch manchmal in meinen Ohren. Rostbratwurst, Eis, Zuckerwatte, Pferdewurst, Fischbrötchen oder die vielen Süßigkeiten waren nicht so reichlich verzehrt, wie der kostenlose Geruch der Bratwurststände, schön waren auch die Mädchen mit ihren Kränzen im Haar, die manchmal auch klassenweise nur grün oder auch mit einheitlicher Blumenpracht geschmückt waren. Selbst legten sie wohl mehr Wert auf ein schönes Festkleidchen. [...] Einige Schulkameraden ersetzten  die Festkleidung (Matrosenbluse usw.) durch die Jungvolk-Uniform und nicht alle gingen mit in die Kirche.
[...] Nach den Reise-Lockerungen und verschiedenen “Erleichterungen” (nicht nur zur Reise, Straßenbenutzungs- u.ä. Gebühren) gab es auch die Einreisegenehmigung der DDR zum Naumburger Kirschfest, was natürlich willkommen bei allen Familien und Freunden auch genutzt wurde. Zu einen der ersten Kirschfeste waren auf dem Markt vor dem Rathaus einige Reihen Bänke aufgestellt und für die Besucher aus Westdeutschland vorgesehen, was bei den starken Andrang sehr willkommen war und auch von mir genutzt wurde. [...] Meine Absicht nicht aufzufallen und evtl. spätere Aufenthaltsgenehmigungen zu riskieren, ließen mich davon Abstand nehmen, die wahren Gründe zu erforschen. [...].

Begebenheiten in Naumburg
Einmal, es war wohl das erste Kirschfest nach dem Kriege, ich hatte die Genehmigung mit den Motorrad einzureisen, parkte ich das Fahrzeug am “Eisernen Wenzel”, als ich dann wieder wegfahren wollte, bin ich beim Aufsuchen zufällig und plötzlich mit einen alten Bekannten und Sportfreund fast zusammen gestoßen. Freunde nach vielen Jahren und den überlebten Krieg. Viele Fragen, unter anderem auch, er: wo wohnst du? ich: in Hessen, er: in Naumburg. er: ja wo in Hessen? ich: zwischen Wiesbaden und Limburg! er: ja wo denn da? ich: bei Idstein! er: sag bloß, da wohnt auch mein Vater. Ich habe Antrag gestellt, ihn zu besuchen. Er ist das zweite Mal verheiratet und wohnt jetzt in Idstein. Wir verabredeten uns, wenn er da ist, daß wir uns auch treffen, und mit dem Motorrad den Taunus und Rheingau befahren wollten. Aber aus dieser Verabredung wurde nichts, dann an diesem Tag war für ihn die sofortige Rückkehr gefordert (oder angeordnet?). Diese willkürliche Aktionen gab es öfters, wie ich dann später wiederholt gehört habe. [...].
Bei meiner polizeilichen Abmeldung in Naumburg Oststraße (oder Spechsart?) Waren durch viele Westbesucher im Warteraum und im Vorraum alle Plätze besetzt. Da an einer Ausstellungsvitrine mit Propagandamaterial in Sitzhöhe außen ein breites Brett angebracht war, wozu kann ich mir nicht denken (bin Tischler), hatten einige Bürger darauf Platz genommen. Ein vorbeikommender Vopo gab im militärischen Ton die Anweisung: “Sofort da Aufzustehen!” Ein Betroffener entgegnete, daß alles belegt ist. Antwortet der Vopo: “Bei uns kann Jeder sitzen!” Darauf entfielen mir die Worte: “Das glaube ich!”, was bei den meisten Anwesenden zu mehr oder weniger lauten Gelächter geführt hat. Es gab keine weiteren Unterhaltungen. Auch der “Volks” Polizist h´ging seinen Weg.

Dietrich Altenburg, Montreal, Kanada (1937)

An der Angel bei Kaiser Ede

"Der Junge ist jetzt alt genug, um Schwimmen zu lernen". So meine Mutter im Juni 1937, kurz vor meinem siebten Geburtstag. Und wo lernte man damals das Schwimmen in Naumburg? Natuerlich bei Kaiser Ede.

Der Juni 1937 hatte ungewoehnlich kaltes Wetter gebracht, und nur abgehaertete Naturen konnten dem Baden in der Saale etwas abgewinnen. Der Tag war trueb und wolkenverhangen. Dazu wehte ein kalter Nordwind aus dem UnstruttaL Die Badeanstalt war fest menschenleer, als ich mich froestelnd in meiner Badehose am Herrren-Schwimmbecken bei Adolf Kaiser - allgemein bekannt und beliebt als Kaiser Ede - zur ersten Schwimmstunde meldete. Kaiser Ede, urspruenglich Saalefischer, bis die Industrialisierung im oberen Saaletal den Saaleaalen den Garaus machte, hatte mit der Flussbadeanstalt, die er unterhalb der Rossbacher Bruecke betrieb, fiier sich und seinen Sohn eine neue Existenz geschaffen.

Nach einem kraeftigem Schluck aus der Emailletasse mit heissem Kaffee, die ihm seine Schwiegertocher gebracht hatte, und dreimal tief an der Pfeife gezogen, verlautete er "Dann wollen wir einmal". "Wollen" vielleicht fiier ihn, fuer mich war es "Muessen". Er lege mir einen nass-kalten Schwimmguertel, aus groben Sisal geflochten, um die Brust und verschmierte ihn auf dem Ruecken mit einer langen Leine, die ueber das Ende einer kraftigen Holzstange - eben der Angel - lief. Das Prinzip war denkbar einfach. Die Angel lag auf dem Gehender des Schwimmbeckens, und Kaiser Ede, ueber der Angel liegend, dirigierte ihren Winkel zur Wasserflaeche mit seinem Koerpergewicht. Ein Druck mit dem Unterschenkel auf das untere Ende der Angel, und was an der Angel hing, - das sollte bald ich sein - wurde an der Wasseroberflaeche gehalten. Umgekehrt, wenn der Druck nachliess, und sich das obere Ende der Angel nach unten neigte, war man auf sich selbst angewiesen. Keine Unterstuetzung von oben.

Die vertikale Holztreppe ins Schwimmbecken hatte nur ein paar Stufen. Die unterste erreichte ich, als mir das Wasser kaum bis ans Knie reichte. Ich wuerde gerne beherzt sagen, jedoch nur mit dem Mut der Verzweiflung warf ich mich nach vorn ins Wasser. Der Schwimmguertel, nicht zu fest gezurrt, hatte sich nach unten verschoben. So aus dem Gleichgewicht gekommen, landete ich mit meinem Kopf tief unter Wasser.

Nach Luft schnappend und doch nur Wasser schluckend, schlage ich mit meinen Armen wild um mich herum. Von oben keine Hilfe. Nur ein rasender Gedanke: wie erreiche ich die rettende Treppe? Und dann doch: die Leine strafft sich. Ich sehe wieder Licht, nun nicht mehr durch das Prisma des Wassers gebrochen, und hole tief Luft. Und von oben die beruhigende Stimme: "Nur ruhig. Flach im Wasser liegen. Die Arme beide nach vorn aussstrecken". Die erste Schwimmanweisung. Bis auf den heutigen Tag lasse ich mir nicht ausreden, das war meine Wassertaufe, von Kaiser Ede mit Vorbedacht ausgefuehrt und vielleicht aus bester Absicht, um mir ein anhaltendes Gefuehl dafuer zu geben, wie es im Wasser zugeht, in dem man keinen Grund mehr bekommt, - und dass es gut ist, wenn man Schwimmen kann.

Der Rest ist Epilog. Erst nur Armuebungen. "Nach vorn austrecken, Handflaeche an Handflaeche. Dann zur Seite winkeln und unter der Brust zusammenschliessen". Und wieder von vorn. Dann folgen Beinuebungen. Dann Arme und Beine zusammen. Und schon bei der zweiten Schwimmstunde- oder war es erst die dritte? - ploetzlich das Gefuehl, mit diesen Bewegungen faengt das Wasser an zu tragen. Die Leine und die Angel, an der sie haengt, werden hinderlich. Man kommt nicht vorwaerts.

Kaiser Ede konnte die Angel und bald danach auch die Leine zur Seite legen. Mit vier Runden um das Herrenschwimmbecken schwamm ich mich frei. Es folgten viele Jahre ungetruebter Badefreuden in Kaisers Badeanstalt. Heute erinnert nur noch eine Gedenktafel an die Stelle, wo Kaiser Ede mich "ditschte", sagt man so noch in Naumburg?

Friedrich Zitzmann (1938-46)

Nach der Lehrzeit 1938-1941 gab es für mich in der Tischlerei schöne interessante Aufträge, die für uns Lehrlinge vielseitig, abwechslungsreich – und vor allem lehrreich gewesen sind. Mit der Zeit gab es dann Bevorratungen beim Material und Einberufungen der Gesellen zum Wehrdienst und der OT [Organisation Todt]. Bei den meisten ist mir deren Schicksal unbekannt. Später bei den Treffen der Naumburger in Witzenhausen/ BRD erfuhr ich von Einem seiner Schwester, die ich vorher nicht gekannt hatte, daß er im Osten gefallen ist. Ein Anderer, der vor mir ausgelernt hatte, hatte es bei der Panzertruppe so schwer erwischt, daß dessen Rückenpartie wie eine Kraterlandschaft aussah und er nicht mehr den erlernten Beruf ausüben konnte und später in Naumburg (nur) noch als Filmvorführer tätig war. Während seiner Lazarettzeit lag er oben am Sperlingsholz in der Infanteriekaserne, wo ich ihn auch mal während meines ersten Fronturlaubs besuchen durfte. Bei ihn kam dazu, daß da auch noch der Blinddarm zu viel war – Noch mal zurück zur Lehrzeit. Unsere Bau- und Möbeltischlerarbeiten im gesamten Stadtgebiet wurden nun auch noch ergänzt und bereichert durch Wehrmachtsaufträge. Nicht nur meine Lehrwerkstatt hat Spinde, Barackenschränke und -betten und Barackentische hergestellt. In einen Spind hatte ich im Eßfach einen Zettel mit meiner Adresse gelegt, mit der Bitte, mal zu schreiben, wo unsere Arbeit hingekommen ist. Ein Marinesoldat schrieb mir darauf, als ich selbst schon Soldat war, daß der Spind an der Ostseeküste gelandet ist. Ich selbst war bei Königsberg, Ostpreußen.

Da wir Jungen, heute sage ich durch Presse und Propaganda, so berieselt wurden, glaubten wir, daß wir zum Zeit- oder Kriegsgeschehen zu spät kommen und uns nach bestandener Gesellenprüfung freiwillig gemeldet haben. Wehrpflichtig waren wir sowieso. Da der Meister mich “freigegeben” hatte, sagte der Mann auf dem Arbeitsamt: “sie sind ‘dienstverpflichtet’ in die Naumburger Flugzeugwerke!” Das halbe Jahr Flugzeugbau (von Sportsegelflugzeugen) war dann wohl auch mit ausschlaggebend, daß ich als Techniker und Flugzeugtischler 1941 zu den Lastenseglern gekommen bin. Nach der Grundausbildung und Fliegertechnischen Schule ging es nach Ostpreußen. An einem der ersten Flüge bei der neuen Kompanie gab es beim Morgenappell Beförderungen, wo auch der Name Hans Göhlich fiel. Ein mir bekannter Naumburger Segelflieger, der als LS (Lastensegel) Flugzeugführer die DFS 230 und die GO 242 geflohen hat. Abends besuchte ich ihn auf seiner Stube. 3 Monate später wurden wir getrennt. Er kam nach Frankreich, ich zu einer Staffel an die Ostfront. Bei einer Bahnverlegung hatte ich lt. Göhlich den Rumpf einer GO 242 auf einen Fuß gesetzt bekommen, was den LS-Rumpf nichts geschadet hat, aber ihn. Während seiner Genesungszeit konnte er dann nach Naumburg von der Hubertuskaserne besehen und ich konnte ihn wieder bei einem Fronturlaub da oben besuchen.

1942 bei der Sommeroffensive in Russland wurde unsere Staffel mit einer anderen Staffel zusammengelegt und wir flogen vorwiegend Material-Transporte im Süden der Ostfront. In Elista in der Kalmüken-Steppe traf ich mit Karl und Danny Henkel aus Naumburg zusammen. Aus der Steppe zurück in Saparosje/Ukraine vor der Katastrophe Stalingrad begegnete ich Rudi Munzert, der auch in den Naumburger Flugzeugbau mit mir gearbeitet hatte und jetzt Flugzeugtischler und Plexi-Spezialist war, und aus Almrich der Dachdecker H. Bergmann als Kraftfahrer und aus den Wethautal der Kraftfahrer des Staffelkapitäns, waren nun bei unserer Schleppgruppe, die aus 1 DFS-230 Staffel und 2 GO 242 Staffel bestand bis zur Auflösung im Herbst 1944 in Ungarn zusammen. Letzterer Kamerad war aber schon vorher zu einer anderen Einheit versetzt worden.

Von Lemberg in Polen durfte ich in Kurzurlaub fahren. Habe aber die Abfahrt um 1 Tag verschoben, da im Theater in der Stadt das Stück “Uta von Naumburg” gespielt und von mir noch angesehen wurde.

Da 1944 die Front immer mehr nach Westen kam, wurden die Tranportwege kürzer und auch der Spritmangel größer, folglich weniger Aufträge, so daß wir zu den Beinamen “Lehrlauf-Geschwader” kamen, statt wie vorher zum “Luft-Lande-Geschwader” gezählt wurden. Diese Folgen führten dazu, daß unsere Einheit ins Reich nach Gardelegen zur Auflösung kam.  Da hatten wir sogar die Möglichkeit zur Wahl, ob zur Fallschirmgruppe oder Waffen SS. In Gardelegen, Tangermünde und Stendal gab es noch eine Spezial-Ausbildung für Fj und eines Tages begegnete mir mein Naumburg Sportfreund Heinz Böttger, der ebenfalls Lastensegelflugzeugführer auf der GO 242 war, und dasselbe Schicksal wie wir hatten und für den Erdeinsatz abgestellt wurde. Im Jahr 1945 ist er leider noch bei der Offensive in den Ardennen gefallen. Meine Mutter besuchte mich bei der letzten Ausbildung und konnte von H. Böttger noch ein Geschenk für seine Braut in Naumburg mitnehmen. Ich selbst wurde noch im Januar 1945 in Holland verwundet, lag bis 27.4.45 im Lazarett, hörte von Amerikanischer Besetzung Naumburg’s im Radio, vom “Heldenklau” noch zur Kriegsmarine versetzt nach Wilhelmshaven und 10 Tage später war die Kapitulation – welche Begeisterung!! – somit ab in Englische Gefangenschaft oder war es nur Internierung”.

Während des Krieges im Heimaturlaub konnte ich mit Hans Göhlich, Orchideengärtner, Lastensegler - FF. und Hans Astroth, meine Schulklassenkameraden, Sportfreund, Berufskollegen, auch Fallschirmspringer und Kiefernverletzung wie ich in ihren Erholungsurlaub in Naumburg begrüßen. Wir drei haben diese schwere Zeit für alle überlebt.

Nach 1945
In meiner neuen Heimat in Hessen, kam zu mir eines Tages beim Mittagsessen, wie damals Samstags und Sonntags üblich, ein Hausierer mit Glasmalerei ... aus Naumburg ... Nach kurzem Gespräch ging er aber sehr schnell wieder weiter, vermutlich weil ich auch aus Naumburg war.

[...]

Beim Besuch eines Naumburger Freundes ging es bis spät in die Nacht mit allen möglichen Themen. Beim Abschied sagte er, daß er nun heute morgen gleich einen Bericht über den Westbesuch machen müßte. Da die Länge unserer Unterhaltungen  bei mir einen langen Bericht erwarten ließ, sagte ich. Ich entbinde dich von diesen Bericht, da sagte er gleich: das geht nicht, da die Hausbewohner verpflichtet sind zu melden, wenn ein Westauto vor der Tür steht. Von mir war die “Entbindung” mehr scherzhaft gemeint. So etwas zu wissen war nicht gerade förderlich für den Arbeiter- und Bauernstaat.

Die schönste Begegnung war schon 1946 das erste Wiedersehen nach dem Kriegsende mit meiner Mutter und den Geschwistern, als ich mir einige Fachbücher und eine Zivilkleidung geholt habe und über die grüne Grenze im Harz nach Naumburg gekommen bin. Die Strafe wegen illegalen Grenzüberschritt schmerzte nun nicht mehr so stark., konnte auch wieder über den gleichen Weg zur Verlobten in die Ami-Zone. [...]

Für mich noch erwähnenswert zu Naumburg 1942:

Nach über 13 Monaten Dienstzeit mit gerademal 19 Jahren das erste Mal Urlaub. In Naumburg im trauten Familien- und Bekanntenkreis auch Feststellung, daß um Stalingrad schwer gekämpft wird. Mein Überzeugung wir werden diese Stadt einnehmen, kam die Gegenfrage: was gibt es, wenn der Russe nach Naumburg kommt, sagte ich nichts, dann ist der Krieg bald aus. Damals Gefreiter. Meine Überzeugung, bei eisenhaltiger Luft hätte es keinen Urlaubsschein gegeben. Beim Beginn der Sommeroffensive im Osten hieß es von unseren Luftflottenchef General Feldmarschall von Richthofen: der Kampf um Stalingrad hat begonnen, mit stalingrad steht und fällt der Deutsche Endsieg. Die anderen Worte sind nicht so in Erinnerung geblieben. Als ich vom Urlaub wieder bei der Staffel war, hörte ich, daß es überall Urlaubssperre gegeben hatte und auch bös rund ging.
[...]. Vom Luftlande-Geschwarder wurden große Verstärkungen per Bahn und auf dem Luftwege für den Kesseleinsatz Stalingrad bereitsgestellt. Hierzu wurde auch technisches Personal gesucht, das freiwillig mit in den Kessel fliegen sollte zum Entladen, Beladen, Schnellreparaturen und als Starhilfe (vor allem aber Verwundeten-Transporte). Vielfach gingen bei den freiwilligen Meldungen die Arme nicht hoch genug. So waren wir vom Erfolg überzeugt. Ich selbst war 3x eingeteilt zum Reinfliegen und wir sind von Saparosje/Ost aus zum Einsatzhafen gestartet, mußten aber genauso oft ausklinken, da wir an unseren “Leukolplast-Bomber” Vereisung hatten und gerade noch Außenlanden konnten. Wenn gegen Mittag es etwas wärmnwe wurde und das Eis am Flügel und Höhenruder getaut war, Flächenheizung war noch ein Fremdwort, und das Gelände zum Start geeignet, wurde wieder zurückgeflogen. Es mußten aber auch einige Lastensegler abgerüstet und per LKW über die Straße zurückgebracht werden. Der Kesseleinsatz wurde abgebrochen und wir begriffen so langsam, daß uns viel Not und die Gefangenschaft erspart blieb. Die fliegenden Transport-Verbände kamen zur Krim, um Kaukasus und Kuban-Truppen, auch wieder viele Verwundete zurückzubringen. Es kam der Glaube und das Wissen ganz aus dem Gleichgewicht.
Hierzu noch einige Begebenheiten von mir aus dieser Zeit [bei der Liegeplatzwache]. [...]. Wir hatten an herumliegenden aber fest gefrorenen Feldbahngleisen einige Lastensegler verankert (angebunden). Erdanker, die dafür bestimmt sind, ließen sich sehr schwer in den gefrorenen Boden drehen. Nachts gab es mit dem Sturm Tauwetter, so stark, daß 2 Lastensegler angehoben und einige Meter zurückversetzt wurden und dabei schwer beschädigt wurden. Den Staffelkapitän vorm Kriegsgericht konnte aber keine “Sabotage” nachgewiesen werden. – Ein weiteres Erlebnis bei der Liegeplatzwache: Die jeweiligen Posten konnten mit normalen Stiefeln in die Überstiefel aus Filz und die Sohle aus Holz steigen. Ein Übermantel aus Schafspelz war sehr dienlich. Aber die vereiste Rollbahn und der starke Wind verlockte zum Eissegeln bei weit geöffnetem Schafspelz. Die körperliche Bewegung [war] willkommen. Dies alles wurde angezweifelt von den eigenen Kameraden und nach Kriegsende auch von einigen Zivilpersonen. Aber, wenn bei der starken Kälte, beim menschlichen Bedürfnis mal ne Stange Wasser abgestellt werden mußte, hieß es Beeilung, weil wenn angefroren unten gegengetreten werden mußte, um das Eis abzubrechen. Dies wurde oft für wahr gehalten, obwohl es nicht passiert ist. Das vorher Geschildete ist Tatsache, aber oft für Flieger-Latein gehalten.

Erklärung zu Lastensegler:
[...] Deutschland hatte vorwiegend 3 verschiedene Größen im Einsatz als Truppen- und Material-Transporter. Die DFS [Deutsche Forschungsanstalt für Segelflug] 230, die GO [Gotha] 242 und den Gigant. Diese wurden mit einem Motorflugzeug durch ein Stahlseil verbunden, geschleppt und in vorher bestimmter Höhe und Entfernung zum Ziel gebracht. Normalerweise wurde vom Segler das Seil ausgeklingt. Der Motorflieger konnte im Notfall auch das Seil ausklinken, warf aber am Flugplatz das Seil neben den Segler ab, ließ es beim Rückflug anhängen bis kurz vor der Landung. Bei Punkt-/ Ziellandungen wurden Bremsfallschirme verwendet.

Rule Barkmin, Merseburg (1939-1945)

Kindheit in einer Naumburger Kaserne

Ja, ich bin in Naumburg geboren. Am 25.05.1939 erblickte ich in der damaligen Adolf-Hitler-Straße 153 ( die Nummer weiß ich nicht mehr sicher ), in der Hubertus-Kaserne, das sogenannte Licht der Welt. Das heißt, meine Mutter wird mich wohl in einer Klinik in Naumburg entbunden haben, aber soweit reichen meine Erinnerungen natürlicherweise nicht. Wir wohnten im Block 8, Erdgeschoss vom Hauseingang rechts, wo mein Vater als Berufssoldat eine Dienstwohnung (ich nehme an seit 1935 ) hatte. Dort war auch schon 1936 meine ältere Schwester geboren worden. 1943 folgte dann noch eine weitere Schwester. Der Block 8 lag dem Haupttor der Kaserne schräg gegenüber.

Zu meinen ersten Erinnerungen an die Kaserne - ich sehe die Bilder noch deutlich vor mir - ist der Einmarsch meines Vaters an der Spitze seiner Kompanie, wohl von einer Felddienstübung zurückkehrend. Ich sehe heute noch die verschwitzten Männer hinter der damaligen Turnhalle hervorkommen und ich weiß auch noch, dass sie das Lied “Es war ein Edelweiß” gesungen haben.

Ich muss wohl damals drei Jahre alt gewesen sein, es war also 1942, als die Kaserne noch Kaserne war. Wann sie genau zum Lazarett umfunktioniert wurde, kann ich nicht sagen.

Viel mehr Erinnerungen an meinen Vater habe ich eigentlich nicht, außer der, dass er mich mal vermöbelt hat, als ich eine Brief an den Postkasten am Haupttor bringen sollte und ich mit meinem Dreirad über den damals für mich Knirps riesigen Exerzierplatz loszog. Dort am Tor traf ich meine kleine Freundin Christine Hofmann, die mit einem Holzroller ausgerüstet war. Christine wohnte in dem Block, der rechts vom Haupttor stand, allerdings im ersten Stock. Welcher Teufel uns geritten hatte, die Kaserne zu verlassen und in Richtung Stadt, dann aber irgendwie links in die Felder zu marschieren, bzw. zu fahren, ist heute nicht mehr nach zu vollziehen. Auf jeden Fall müssen wir Stunden unterwegs gewesen sein. Den Hunger, den wir mittlerweile bekommen hatten, versuchten wir jedenfalls mit den grünen Knollen, die oben an den Kartoffelstauden dran waren, zu stillen. Gott sei Dank waren da irgendwelche Leute, die uns davon abhielten und uns außerdem dringend rieten, schleunigst nach Hause zu fahren, weil inzwischen Fliegeralarm war. Als kleiner Kavalier habe ich erst Christine bei ihrer Mutter abgeliefert und ahnte da schon nichts Gutes, weil der Empfang bei Hofmanns nicht in der besten Stimmung stattfand. Etwas verzagt radelte ich dann wieder über den Platz bis zum Block 8, wo sich dann wohl die Sorgen meiner Eltern in der schon oben erwähnten Tracht Prügel entluden.

Als Spielgelände war die Kaserne für uns Kinder ideal. Das Gelände war mit vielen alten Bäumen bestanden, schöne Sträucher, Büsche und Sandkisten boten viele Spielmöglichkeiten. Dazu kamen die militärischen Einrichtungen, wie z.B. Erdbunker (einer befand sich in der Nähe der Turnhalle an einer Trauerweide, die wohl heute noch steht) oder der Schießstand, die Werkstätten und Garagen, das später errichtete Schwimmbad (Feuerlöschbecken) oder der Reitplatz. Ich kann mich nicht erinnern, dass uns einer mal etwas verboten hätte. Die großen Brüder von einer weiteren kleinen Freundin, Renate Mahnich, bauten für uns Laubhütten, was sie wohl als Pimpfe oder in der HJ gelernt hatten. Auch bei militärischen Übungen waren wir dabei. Ausgerüstet mit Pappstahlhelm und Holz-Seitengewehr mit Portepee des 53. Inf.-Reg. mit gelb-silberner Troddel war ich mal bei einer Schießübung mit MG und Platzpatronen dabei, wobei mir der Lärm sehr unangenehm war, die lilagefärbten Holzspitzen an der Munition sowie die aus den MG-Schlössern herausspringenden Patronenhülsen aber sehr interessant erschienen. Mit einem Holzpanzer, auf dem ich sitzen konnte, bin ich den heute noch vorhandenen abschüssigen Zugang zu den Kellern an der Schmalseite unseres Blockes heruntergerollt. Irgendwann hatte ich dann auch ein Maschinengewehr aus Holz, welches fleißig gekurbelt, mittels einer Hohlratsche ähnliche, wenn auch nicht ganz so laute Geräusche wie ein richtiges MG machen konnte.

Interessante Dinge waren die grüngelbe Leuchtfarbe an den Notausgängen der als Luftschutzraum vorgesehenen Kellerräume, sowie die immer etwas gruslig wirkenden schwarzen Figuren an den Wänden, die mit der Losung “ Vorsicht, Feind hört mit “ wohl vor dem Ausplaudern militärischer Geheimnisse warnen sollten. Eine solche schwarze Figur war u.a. rechts an der Eingangsseite der Turnhalle aufgemalt. Gruslig, aber auch immer wieder anziehend, ein kleines Gebäude mit blau gestrichenen Scheiben, welches als Übungsraum mit den Gasmasken diente und in dem wohl mit richtigem Gas der Ernstfall simuliert wurde. In dem Zusammenhang will auch noch die Ausgabe der so genannten Volksgasmaske an die Zivilpersonen erwähnen. Ich sehe meine Mutter noch mit den grauen Kartons ankommen, wo in einer entsprechend ausgeschnittenen Einlagenpappe der Filter und das für mich eklige und furchterregende Gummiding mit der Flatternase lag. Ja, auch wir Kinder wurden mit einem solchen Ding ausgerüstet, Gott sei Dank haben wir es nur einmal zur Probe und nie im Ernstfall anlegen müssen.

Ein weiteres Betätigungsfeld ergab sich für uns mit den Plattenstapeln, welche in der Nähe der Turnhalle gelagert, uns enorme Möglichkeiten zum Hasche spielen, Klettern und Verstecken boten.

Aus diesen Platten entstand, bei Luftalarm auf dem Exerzierplatz ausgelegt, ein riesiges Rote Kreuz, welches auf den Lazarettcharakter des Objektes hinweisen sollte. Ebensolche Kreuze waren auf den Dächern der einzelnen Blocks in enormen Dimensionen aufgemalt.

In der Turnhalle gab es öfters Kino, welches wir als Kinder auch besuchen konnten. Besonders erinnere mich an einen Film mit Hans Moser, der mir als Knirps besonders gefallen hat. Ich glaube, der hieß “Das Ferienkind“. Als Kinder wurden wir von den Landsern immer in die mit Decken verkleidete, wie eine Art Hängeboden gestaltete Eingangssituation gehoben, wo wir dann weich auf den Decken wie in einer Hängematte liegend, den jeweiligen Film “genießen” konnten. Im Nachhinein gesehen war das wohl so eine Art Lichtblende nach draußen, weil ja die Vorführungen, zumindest für uns, auch tagsüber stattfanden.

Das Einkaufen muss meiner Mutter wohl große Probleme bereitet haben. Musste sie doch mit drei Kindern, die Jüngste im Wagen und wir beiden anderen zu Fuß, mit uns von da draußen bis nach Naumburg ins Zentrum laufen und dann vor allen Dingen danach wieder mit uns und dem Einkauf den Berg rauf.

Ich kann mich noch gut erinnern, dass ich dabei des öfteren gequengelt habe. Andererseits habe ich mich auch auf einen Stadtgang gefreut, weil ich nie versäumt habe, auf einen Besuch der Wenzelskirche (meiner Taufkirche) zu bestehen. Grund dafür war dort das Vorhandensein einer Spendenbüchse, auf der ein Afrikaner (wir sagten ja früher Neger) sich für das Einwerfen einer Münze mit Verbeugungen bedankte. Außerdem gab es da noch auf dem Rückweg meine Patentante Frau Frieda Klengel, welche ein Molkereigeschäft betrieb. An der Ladentür ein blaues Schild mit einem blondgelocktem Jungen mit der Werbung: “Henze Milchecken geben Kraft - schmecken fabelhaft“. Manchmal, wenn auch selten, gab es in dieser Zeit der Lebensmittelmarken eine dieser Milchecken oder etwas anderes mit auf den anstrengenden Weg zurück nach Hause. An einen Vorfall in diesem Laden kann ich mich noch erinnern. Meine Mutter wurde von jemanden gerügt, weil sie mit “Guten Tag” und nicht mit dem vorgeschrieben Gruß das Geschäft betreten hatte. Auch zum Arztbesuch mussten wir in die Stadt, einen Herrn Dr. Scholz habe ich eigentlich noch ganz gut in Erinnerung, wenn mir auch als Kind seine mit “kaltem” Leder bezogene Untersuchungsliege nicht so gefallen hat.

Brot holten wir dann in Flemmingen. Ich glaube, der Bäcker lag am südlichem Ende des Dorfes. Für Marken und Geld wurden dort riesige runde Brotlaibe eingekauft. Waren es 6 Pfund oder 9 Pfund, ich weiß es nicht mehr. Gelegentlich wurde dort auch Speckkuchen gekauft, den ich aber gar nicht so gern mochte, weil ich mir unter Kuchen eigentlich etwas Süßes vorstellte. Überschattet waren diese Einkaufsgänge des öfteren von Fliegeralarm. Dann mussten wir rennen, damit wir nach Hause oder sonst wie unter Dach kamen.

Gut kann ich mich auch noch auf unsere Ausflüge zum Bismarckturm, vorbei an einer Plantage mit Süßkirschen, erinnern. Am Bismarckturm gab es dann ein großes Henkelglas mit roter oder grüner Brause, welch ein Genuss für ein Kind damaliger Zeit. Irgendwann haben wir dann auch mal eine Rollschuhveranstaltung besucht. Ich weiß noch, dass wir links an der Lüttichkaserne vorbei gegangen sind, wo die Rollschuhbahn aber genau war, habe ich vergessen. Sehe aber immer noch mit meinen inneren Auge die damals zeitgemäßen Flaggen an der Sportanlage wehen. Auch eine Theatervorstellung haben wir besucht. “Kaiserkrone” oder “Reichskrone“ hieß der Aufführungsort in der Stadt, “Peterchens Mondfahrt“ oder “Hänsel und Gretel“ glaube ich da gesehen zu haben. In der Kaserne gab es anlässlich irgendeines Feiertages mal ein Konzert, an welches ich mich erinnern kann. Eine Kapelle mit für mich seltsam braunen Uniformen und komischen runden Mützen (ich war ja an das “solide“ Feldgrau gewöhnt), spielte da bei herrlichstem Wetter Marschmusik. Ein BDM - Chor war auch dabei: “An dem reinsten Frühlingsmorgen“ “Schäfermädchen und so lala“ sind mir noch erinnerlich. Irgendwie hatte meine Mutter mir zu verstehen gegeben, dass sie die braunen Männer auch nicht mochte und ich hatte immer ein komisches Gefühl, wenn ich so einem begegnete. Die Weihnachtsfeiern für die Kinder der Kaserne fand meistens im sogenannten Offizierskasino statt. Dieses lag nördlich der Kaserne etwas weiter im Wald zurück. Eine Feier ist mir deswegen in Erinnerung geblieben, weil ich nach dem Essen - es gab Corned Beef aus der Dose mit einer Soße, deren Bestandteile undefinierbar waren - das immerhin markenfreie, also zusätzliche Essen, auf natürlichem Wege, wenn auch rückläufig, wieder auf den Teller zurückbrachte, sehr zum Ärger meiner Mutter.

Was mich heute noch wundert, dass in diesen Zeiten die Dienstleistung Milch - und Brötchenlieferung noch zumindest anfangs noch funktionierte. Ich war immer ganz stolz, wenn ich morgens vom Türknauf den Brötchenbeutel abhängen und in die Küche bringen durfte. Wie das allerdings mit den Brotmarken gehandhabt wurde, kann ich mir auch heute nicht vorstellen.

Dass man damals noch große (mehlige) und kleine Kartoffeln (Salatkartoffeln) getrennt bestellen konnte, war mir, zumindest in den DDR - Zeiten, immer ein Rätsel.

In der Zeit, wo alles für den Kriegseinsatz gebraucht wurde, war das Sammeln von Rohstoffen weit verbreitet. So weiß ich noch, dass unsere Buchen in und um die Kaserne die herrlichsten Spender waren, wenn es galt, Bucheckern, angeblich zur Ölgewinnung, zu sammeln. Auch Kastanien und Eicheln haben wir gesammelt. Eine schöne Beschäftigung war das Einsammeln leerer Patronenhülsen oder das Suchen nach Blei im Kugelfang des Schießstandes. Daß ich dabei einmal im Sand die frischen Hinterlassenschaften eines Katers fand, werde ich bis zu meinem Lebensende nicht vergessen.

Das der Krieg immer härter wurde, merkten wir auch daran, dass das Lazarett immer voller wurde. Die Räume waren mit Verwundeten überfüllt. Wir als Kinder hatten fast überall Zutritt in die Krankenstuben und wir haben viele Freunde unter den Verwundeten gehabt. Waren es doch vielfach Familienväter, die ihre eigenen Kinder lange Zeit nicht gesehen hatten. Vielfach wurde die sicher nicht reichliche Essenportion mit uns geteilt, bzw. uns von einem Heimatpaket etwas abgegeben. Besonders beliebt waren bei uns diejenigen, die sich mit der Herstellung von Flugzeugen und Schiffen beschäftigten. Vielfach verbreitet waren ja damals Ausschneidebögen, aus denen dann Jagdflugzeuge oder Minensuchboote und dgl. geklebt werden konnten. Stolz kamen wir dann nach Hause, wenn uns ein solches Modell geschenkt worden war. Aber wir haben auch schlimme Bilder gesehen, junge Menschen, denen beide Beine fehlten oder die blind waren. Und das in einem solchem Lazarett in einer Konzentration, wie sie sonst natürlich nicht zu sehen war. Im südlichen hinteren Teil der Kaserne an den Garagen (jetzt stehen wohl in der Nähe kleine Eigenheime) waren ganze Halden von ausgedienten Gipsverbänden, mit Papierbinden ausgefüttert,teilweise durchgeblutet und vereitert, welche für uns Kinder immer ein, wenn auch grauenvoller, Anziehungspunkt waren. Auch Verstorbene haben wir dort in den Garagen, auf Papierkissen im Sarg aufgebahrt, liegen sehen.

Die Überfüllung nahm immer mehr zu. Neben den deutschen Verwundeten tauchten auch verwundete Kriegsgefangene auf. Neben Italienern und Franzosen waren besonders für uns interessant Russen, die wir als Kosaken bezeichneten, weil sie ein rotes Stoffkreuz auf ihren Uniformmützen hatten. Das war dann auch die Zeit der Notlatrinen. Überall im Kasernengelände wurden in den Grünanlagen sogenannte “ Donnerbalken “ errichtet, welche mit ihrem typischen Chlorgeruch uns das Spielen in ihrer Umgebung verleideten.

Ein großes Ereignis war für uns der Abschuss oder Absturz eines englischen oder amerikanischen Flugzeuges südlich der Lüttich-Kaserne, Richtung Flemmingen. Da strömte natürlich alles hin und auch wir Kinder waren dabei, obwohl wir aufgrund der Absperrung eigentlich nichts weiter außer verbrannte und zerstörte Flugzeugteile gesehen hatten, wurden dann anschließend wilde Schauergeschichten über ein noch im Stiefel steckendes, abgerissenes und verbranntes Bein des Piloten erzählt. Einer hatte natürlich immer mehr gesehen als der Andere. In diesem Zusammenhang fallen mir auch noch die von den Alliierten abgeworfenen, zur Störung des Flak-Radars dienenden, Alu-Streifen ein, die für uns Kinder immer ein Objekt der Begierde waren.

Einmal stand auch ein “Fieseler - Storch“ im Kasernengelände. Es war mir leider nicht vergönnt, ihn landen oder starten zu sehen, zu welchem Zweck er da war, weiß ich leider auch nicht.

An einen größeren Luftangriff kann ich mich erinnern. Die Kaserne (Lazarett) selbst ist ja nie angegriffen worden. Das Ziel war die Stadt. Wir saßen mit unseren Gasmasken und sonstigem, für den Ernstfall notwendigen Utensilien in unserer Wohnung im Korridor auf der zur Straße hin abgewandten Seite. Bei jedem Einschlag vibrierten und ratterten die Sperrholzfüllungen unser Zimmertüren entsetzlich. Unsere Mutter versuchte uns damit zu beruhigen, dass die Ursache dafür das Abwehrfeuer unserer Flak sei, die die feindlichen Flugzeuge vertreiben würde. Furchterregend, neben dem Lärm, auch die so genannten “Christbäume”, die bei Mutters Kontrollblicken in Richtung Stadt teilweise auch für uns zu sehen waren. Heute weiß ich, dass das die Bombenabwürfe in Naumburg waren, welche uns diese schreckliche Geräuschkulisse bescherten und die schauerlich-schöne Himmelsbeleuchtung zur Zielmarkierung diente

Im hinteren südlichen Teil des Kasernengeländes hatten wir dann auch ein Stück Gartenland, um die Versorgung mit Gemüse etwas aufzubessern . Hier waren wir auch gerade im April 1944 mit den ersten Bestellarbeiten beschäftigt, als mein Merseburger Großvater mit einem Brief erschien, der die Nachricht über den “Heldentod“ meines Vaters enthielt. Wie meine Mutter da und in der nächsten Zeit reagiert hat, weiß ich nicht mehr. Was ich noch weiß, ist dass nach einiger Zeit die Holzkiste meines Vaters mit seinen persönlichen Sachen bei uns auftauchte. Sie enthielt u.a. die Feldmütze meines Vaters, vorn über dem rechtem Auge ein kleines Einschussloch, hinten ein zerfetztes größeres Ausschussloch, obwohl gereinigt, noch mit Blutflecken. Dieses Bild wird mir wohl noch bis zu meinem Lebensende in Erinnerung bleiben.

Wie es nach der Zeit eigentlich weiterging, weiß ich eigentlich auch nicht mehr so genau. Da ich meinen Vater ja sowieso kaum gesehen hatte, er war ja immer an der Front, habe ich sein Ableben in diesem Alter so gar nicht recht realisieren können. Außerdem hatten wir ja noch mehrere Kinder unter unseren Spielkameraden, deren Väter oder Brüder auf dem “Felde der Ehre“ geblieben waren, so dass wir eigentlich nichts Besonderes waren.

Dann kam die Zeit, da mussten wir in den Keller ziehen. Wir hatten zwei schöne, große und vor allen Dingen trockene und saubere Kellerräume. Dort bewahrten wir neben dem üblichen Kram, wie Koffer, Kartons usw. vor allen Dingen solche Dinge wie in Salz konservierte grüne Bohnen, selbstgemachtes Sauerkraut, eingemachtes Obst, Saft und natürlich unsere Kartoffeln auf. Wie das mit dem Heizmaterial war, entzieht sich meiner Kenntnis. Sicher weiß ich noch, dass im Bad ein kohlebeheizter, kupferner Badeofen stand, ich kann mich aber nicht mehr an einen weiteren Ofen in unserer Wohnung erinnern.

Also, wir mussten in den Keller ziehen. Grund dafür war der sogenannte Panzerdurchbruch der Amerikaner. Mutter hatte, wie auch immer, zwei Betten im Keller aufgestellt, die wir Vier uns teilen mussten. Die Fenster waren mit Sandsäcken abgedichtet, so dass wir kein Tageslicht hatten.

Notwendige Bedürfnisse wurden über das “Töpfchen“ abgewickelt. Ob und wie wir uns gewaschen haben, kann ich nicht mehr sagen. Die Verpflegung war kalt. Wir Kinder durften jedenfalls den Keller nicht verlassen. Über dem Ganzen lag jedenfalls eine seltsame Spannung. Irgendetwas sollte passieren.

Und es war etwas passiert. Als wir wieder nach draußen durften, hatte sich die Welt verändert. Die Straße vor den einzelnen Kasernenblocks stand voll mit für uns fremdartigen Fahrzeugen mit einem aufgemalten weißen Stern. Da gab es khakifarbene Uniformen, Neger in Uniform und Soldaten mit ganz komischen flachen Stahlhelmen (Engländer ?). Viele wollten meine kleine Schwester auf den Arm nehmen und wir bekamen so braune Schachteln geschenkt, in denen, für mich allerdings uninteressant, gepresster Kaffee, Erbsmehlwürfel und dgl. waren. Viel mehr Interesse konnte ich für das in Stannioltütchen verpackte Brausepulver und vor allen Dingen für die Wachsschicht, mit der die braune Schachtel versehen war aufbringen, weil man da mit dem Fingernagel so schön kratzen konnte. Auch Schokolade gab es gelegentlich, ein Genuss, den wir ja die Kriegsjahre hindurch gar nicht kennen gelernt hatte. Die ganze Herrlichkeit hatte aber bald ein Ende, als dies unsere Mutter mitkriegte, denn noch war der Amerikaner der Feind.

Und nochmals veränderte sich die Welt für uns. Eines Tages waren wir in dem ganzen Kasernengelände allein. Wo waren die ganzen Verwundeten, das Pflegepersonal und unser Militär abgeblieben, ich weiß es nicht. Plötzlich hatten wir das ganze Kasernegelände für uns.

Die Lager standen offen und die Regale bis an die Decke waren angefüllt mit allen Dingen, die man sich nur vorstellen konnte. Vom Reitsattel bis zum Ersatzmotor, von der Kaffeetasse bis zur Bettwäsche war da alles zu finden. Vor allen Dingen die älteren Kinder wussten da schon ganz schön mit umzugehen und mir fällt da noch ein Junge namens Fritz aus der Lüttichkaserne ein, der uns Kleine, und vor allen Dingen die Mädchen, immer mit angezündeten Streichhölzern bewarf, die aus seinen “Beutezügen“ stammten. Was mir auch erst damals aufgefallen ist, vor den Lagergebäuden war eine große Halde mit Steinkohlenkoks, eigentlich ein Wunder in diesen Zeiten des allgemeinen Mangels. Was meine “Beutezüge“ anbetraf, beschränkten sich diese auf ein Bündel Zimmermannsbleistifte in Kriegsqualität, mit denen ich dann später, als ich in der Schule war, noch meine Schreibübungen auf Packpapier machen durfte. Auch muss ich wohl noch 3-4 Büchsen rotbraune Fußbodenfarbe sowie einen ledernen Treibriemen angeschleppt haben. Beides kam uns in der Nachkriegszeit noch sehr zustatten.

Und plötzlich hatte sich die Welt für uns wieder - und war ganz rapide - gewandelt. Der Russe war da! Auf Panjewagen und LWS`s kam da ein Völkergemisch über uns, wie wir es uns überhaupt nicht vorgestellt hatten. Lange konnten wir aber das Schauspiel nicht bewundern. Meine Mutter hatte uns durch jemanden suchen lassen und war in hellster Aufregung. Wir hatten die Kaserne innerhalb von sechs Stunden zu verlassen. Die Wohnung musste wohnlich eingerichtet bleiben und wir konnten nur Teile unserer Einrichtung mitnehmen. Wer das organisiert hat und wie meine Mutter das in dieser kurzen Zeit geschafft hat, die uns verbleibenden Möbel, Wäsche und Kleidung zu verpacken und zu verladen, ist mir heute noch rätselhaft. Die Sachen kamen auf den Tanzboden der Gaststätte in Flemmingen und wir fanden uns in einem Haus in einer Seitenstraße etwas unterhalb der Kaserne wieder. Hier wohnten wir bei einer älteren Dame, deren Name mir leider entfallen ist. Auch ein russischer Offizier war da mit einquartiert, welcher gelegentlich seine Verpflegungsration zu unseren Gunsten mit auf den karg gedeckten Tisch des Hauses stellte.

Es muss wohl Juni oder Juli 1945 gewesen sein, als ich mich mit meiner Familie im Passagierabteil an der Vorderfront eines roten Umzugswagens wiederfand, gezogen durch einen Holzvergaser-LKW. An die Fahrt selbst kann ich mich nicht weiter erinnern, aber die Einfahrt in das kriegszerstörte Merseburg, links und rechts an den Straßenrändern hohe Trümmerberge mit den kleinen Durchlässen, da wo die Haustüren waren, die bleibt mir unvergessen. In der Wohnung meiner Großeltern fanden wir dann endgültige Aufnahme und im selben Jahr kam ich in Merseburg auch in die Schule. Aber das ist schon wieder das nächste Kapitel.

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