Drittes Reich

Waltraud Lack,

Im Weinberg der Großeltern

Meine Kindheit spielte sich in Almrich ab. Zuhause, in der Schule und bei den Großeltern Löffler und Mende. Zuhause in der Flemminger Straße 2 waren unsere Schlafzimmer im 2. Stock. Wir hatten eine herrliche Aussicht in die Weinberge. Das hat sich in meine Seele eingeprägt. Als wir nicht mehr dort waren, sah ich es immer noch vor meinem geistigen Auge. Die Schularbeiten wurden schnell gemacht und im Sommer ging es dann zu den Großeltern in die Weinberge. Meine Großmutter konnte nicht auf Leitern steigen und so half meine Mutter das viele Obst zu ernten. Wir Kinder spielten derweil auf der Wiese. Ich baute kleine Gärten, zäunte sie mit kleinen Stöckchen ein, machte auch eine kleine Höhle, da wohnte dann ein Zwerg, der hatte als Schatz eine Glaskuller. Oft lag ich auch mit dem Gesicht ganz dicht auf der Erde und beobachtete was da zwischen den Grashalmen herum krabbelte. Die Pflanzen und die Tiere waren meine Freunde. Wir wurden ja sehr isoliert, mußten nach der Schule gleich nach Hause kommen, durften nicht mit anderen Kindern spielen. Für Großmutters Hühner sammelten wir die leeren Schneckenhäuser, die wurden in einer Mühle, in der eine zackige Eisenwalze war, zermahlen. Das war Kalk für die Hühner, davon wurden die Eierschalen hart. Im Herbst mußten wir das viele Fallobst auflesen, das wurde auch zerkleinert und die Ziegen bekamen es zu fressen. Löwenzahn wurde gestochen für die Kaninchen. Wenn die Pflaumen reif, überreif waren und abfielen, mußten wir sie auflesen. Sie waren voller Wespen, die den süßen Saft saugten. Die gepflückten Pflaumen wurden entsteint, zermahlen und im großen kupfernen Waschkessel zu Mus gekocht. Das dauerte mindestens 24 Stunden. Am Tag mußten wir Kinder rühren, nachts die Erwachsenen, es durfte nicht anbrennen. Das kochende Mus bubberte und spritzte und wenn so ein Spritzer auf unsere nackte Haut fiel, gab es Brandblasen. Das hieß dann nur, das gehört dazu. Das fertige Mus kam in große irdene Töpfe, zu jedem Topf eine Hand voll Walnüsse und oben drauf ein paar Nußblätter. Dann wurde es mit Pergamentpapier zugebunden. Es bildete sich eine harte Kruste und das Mus hielt sich 1 Jahr. Großvater machte auch Apfelwein von dem wir im Winter verdünnt etwas abbekamen, um wieder warm zu werden. Der Effekt war sicher ein leichter Rausch.

Curt Machetanz (1940-45)

[Schafzucht und Landwirtschaft]

Bei der Separation in Deutschland bekam jeder Bauer einen weiten und einen nahen Plan in der Flur. Für damalige Zeit (Flurerneuerung) gab es vor 1940 und noch weiter zurück viele Alternativen in und um Naumburg herum. Gehöfte, wo Torbögen gemauert waren, hielten Schafe. Zu damaliger Zeit hielt man mehr Schafe wie Kinder. Der Schäfer zu damaliger Zeit sammelte die Schafe vormittags aus der Ortschaft ein, die die Bauern früh herausgelassen hatten. Abends bei Eintrieb liefen die Schafe, die in ihr Gehöft gehörten, wieder rein. Keines verliert sich. Der Hirte wurde von den Bauern erhalten. Getränkt wurden die Schafe am Dorfdeich. 1890 wurden die Schafe abgeschafft. Lebe[ns]regel: Brache, Rapsfläche, Pferch. Wo Wald gerodet wurde, wurde der Raps gepflanzt. Pflanzen wurden im Garten gezogen. Vielleicht noch eine Gegebenheit in Naumburg und um Naumburg herum. Um 1870 wurde die Zuckerrübe erfunden oder gezüchtet. Die ersten Versuche mit der Zuckerrübe wurden im Garten angebaut. Keiner hatte die richtige Ahnung vom Anbau der Zuckerrübe. Die kleinen Mengen, die im Garten geerntet waren, wurden mit Handwagen oder Körben in eine Zuckerküche gefahren, wie man sie damals nannte. Zur Verarbeitung: Für 50 Kilo 1 Goldmark. Weil sich das mit der Zuckerrübe so verlohnte, rückte man dann mit den Anbau auf die Felder. Die Zuckerküche schaffte die Verarbeitung nicht mehr und man baute Zuckerfabriken in Stöbnitz, Zeitz und Laucha.

[Eine Kindheit auf dem väterlichen Gutshof]

[...]. Ich wurde am 20. Juni 1928 geboren. Schon als Kind hatte ich großes Interesse an meinen väterlichen Hof. Ich fuhr aller 4 Wochen mit meiner Mutter zum Hals-Nasen-Ohrenarzt, 1941-1942 Eingang Ecke Salzstraße. Der Arzt war ein Österreicher. Ausschließlich gingen wir in die Herrenstraße zur Eisdiele Waldmeister und Vanille ließ uns schmecken. Wir verließen die Eisdiele um ein paar Konfirmationsschuhe in der Herrenstraße zu kaufen. Die Verkäuferin sagte: "Haben wir nicht!" Das nächste Schuhgeschäft Ecke Markt: "Haben wir nicht!" Da hat meine Mutter geweint. Eine ältere Frau im Geschäft hörte dies und sagte: "Ich habe ein paar Schuhe zuhause von unserem Jungen. Die würden ihm bestimmt passen." Es herrschte der Totale Krieg. Es ging schnell den Bauernweg hinunter Richtung Bahnhof. Der Bahnhof von Naumburg hat mir immer sehr gefallen. Der Treppenaufgang mit seinen schönen Säulen. Das Innenklima war immer so schön, erster und zweiter Klasse. [...] Meine Mutter freute sich nun über die Konfirmandenschuhe. Es ging nun schnell hinüber auf Bahnsteig 2 oder 3 und der Finnezug stand schon fahrbereit da und es ging Richtung Kolleda. Auf Bahnsteig 1 fuhr der Fronturlauber mit zwei Lokomotiven, das war für mich damals als Jugendlicher immer ein Erlebnis.

[...] Der Großvater fuhr gern mit mir in die Garnisonsstadt nach Naumburg. Noch lieber fuhr er aber nach Naumburg, wenn Bullen- und Fohlenversteigerung war. Wir trieben öfters Bullen, Färsen und Fohlen auf. [Mich] als 12jährigen nahm er [...] immer schon mit, ich bekam schulfrei. Das Postauto, was damals fuhr, nahm 2 bis 3 Personen mit nach Naumburg, Freyburg, Bad Bibra über die Finne nach Eckartsberga, wieder über Kösen nach Naumburg zurück. Die Post verdiente dadurch auch noch etwas nebenbei. Heimwärts ging es wieder mit der Finnebahn. Die Rinder- und Fohlenauktion war für die Bauern in der Umgebung ein Treffen in Naumburg. Ehe es heimwärts ging wurde die Mitteldeutsche Bedarfsgesellschaft noch aufgesucht in der Salzstraße. Große und kleine landwirtschaftliche Artikel gab es hier. Auch konnte man hier Bestellungen aufgeben für größere Sachen. Mit dem Auto fuhren sie auf die Dörfer und brachten die Bestellung. In den Jahren vor 1940 war ein Aufschwung an landwirtschaftlichen Maschinen und Geräten zu verzeichnen. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach war für den Bauern kaum noch ein gummibereifter Traktor zu haben. In den Jahren vor 1940 war auch die Zapfwelle an den Traktoren erfunden. Große Mengen Traktoren und Geräte gingen in die Ukraine. Ich komme nochmal zurück auf die Viehauktion in Naumburg. Vor 1940 waren [die Viehauktionen] in einer Halle am Ostbahnhof, später in der Weißenfelser Straße. Auch in einer Halle, wo Flugzeugteile hergestellt wurden und dann im Gehöft Zeigermann in der Roßbacher Straße und zuletzt in Hausberglinden. Durch den Fortschritt der Tierzucht, durch künstliche Besamung, wurden wenige Vatertiere gebraucht. Auch die Fohlenauktionen ließen nach, weil nicht mehr so viele Pferde in der Landwirtschaft gebraucht wurden. Es hat sich bis heute viel verändert.

Ich, Curt Machetanz, wurde 1928 geboren und war der jüngste Soldat aus dem Dorf Kahlwinkel (16½ Jahre). Ich kam am 28. April 1945 in amerikanische Gefangenschaft, wir waren 65000 Gefangene im Lager Heilbronn. Es kamen immer mehr Gefangene ins Lager. Wenn man sie fragte: "Wo kommt ihr her?" "Wir kommen aus dem Naumburger Lager (Heereszeugamt)."

In Heilbronn haben wir von April bis Dezember ohne Dach auf der Erde gelegen.

Fritz B. Voll, Calgary, Kanada

In großem Bogen von Naumburg bis Naumburg

Meine Eltern, Ernst und Charlotte Voll, geb. Kirchhof, wohnten am Markgrafenweg, wo auch meine Großeltern mütterlicherseits lebten. Diese hießen Otto und Ida Kirchhof. Großvater war gelernter Kaufmann und arbeitete als Bücherrevisor für kleine Unternehmen und landwirtschaftliche Betriebe in Naumburg und Umgebung. Meine Mutter, die älteste Tochter von sieben Geschwistern, arbeitete mit ihm zusammen und übernahm vor Ort die Buchführung kleinerer Unternehmen und Gaststätten.

Mein Vater hatte in Dtsch. Buckow im Kreis Stolp in Pommern Stellmacher gelernt und war als Geselle nach Köthen auf eine Wagenbauschule gegangen, um danach in Bayern und Halle im Waggonbau zu arbeiten, bevor er in Naumburg bei der Firma Carl Zimmermann in der Marienstraße als Stellmacher Anstellung fand. Hier legte er seine Stellmacher-Meisterprüfung ab. Durch den Besuch der christlichen Gemeinschaft (innerhalb des Gnadauer Verbandes) am Domplatz 7 lernte er meine Mutter kennen, die dort zum Bund für entschiedenes Christentum (EC) gehörte. Sie heirateten im Dezember 1929 und wurden von Pfarrer Lindner im Naumburger Dom getraut.

Ich wurde am 24. September 1930 in Naumburg geboren und im Dom von Pfarrer Moehring am 30. November 1930 getauft. Weil die Mitglieder der pietistisch orientierten Gnadauer Gemeinschaft Mitglieder der evangelischen Landeskirche blieben, wurden in ihr keine Sakramente gefeiert und keine Handlungen wie Konfirmationen, Trauungen und Beerdigungen vorgenommen.

Als 1930 die wirtschaftliche Notsituation auch in Naumburg einen Höhepunkt erreichte und die Firma Carl Zimmermann Gesellen entlassen musste, entschlossen sich meine Eltern, zur Heimat meines Vaters nach Pommern zu ziehen, um einem der Gesellen der Firma den Arbeitsplatz zu erhalten.

[Pommern - Berlin - Pommern]

Naumburg wurde erst unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg für unsere inzwischen um weitere fünf Kinder angewachsene Familie wieder zum Wohnort, zunächst allerdings zur Zufluchtsstätte und zwar aus dem einfachen Grund, weil meine Großmutter, Ida Kirchhof, nach dem Tod ihres Mannes im Naumburger Hospital eine kleine Wohnung bezogen hatte.

Unsere Familie war 1934 von Pommern nach Arnswalde (Neumark - später Pommern) gezogen, wo mein Vater eine Stellmacherei betrieb. 1939 wurde er in die Organisation Todt eingezogen und seine Gesellen zur Wehrmacht. Er verlor seinen Stellmacherbetrieb wurde aber schon bald wieder entlassen, weil er eine "kinderreiche" Familie hatte. Wir zogen 1940 nach Berlin, wo er bei einer Karosseriebaufirma als technischer Leiter Anstellung fand. Von hier wurden wir 6 Kinder 1943 wegen der Bombenangriffe auf die Stadt nach Pommern evakuiert.

[In sowjetischer Gefangenschaft]

Nach dem Vorrücken der sowjetischen Front und Besetzung Hinterpommerns im März 1945 wurde unser Vater von den Sowjets in den Osten deportiert. In der Gefangenschaft hatte er vom Jalta-Abkommen gehört und damit von der Vertreibung der Deutschen auch aus Pommern. Seitdem hatte er unaufhörlich zu Gott gebetet, dass es ihm vergönnt sein möge, noch vor unsrer Vertreibung bei uns einzutreffen. Nach einem halben Jahr Gefangenschaft sollte er wegen seines schlechten gesundheitlichen Zustands endlich entlassen werden. Viele der überlebenden Gefangenen wurden mit einem Güterzug in die sowjetische Besatzungszone gebracht. Sie bekamen einen Zettel von der Größe einer halben DIN A4 Seite mit ein paar russischen Sätzen und einem dreieckigen Stempel darunter als Entlassungspapier. Es wurde ihnen eingeschärft, sich nur in einer der Besatzungszonen aufzuhalten und auf keinen Fall in die von Polen übernommenen Gebiete Deutschlands zurückzukehren, denn dort würden sie unweigerlich neu gefangen genommen werden.

Vater machte sich sofort auf den Weg nach Naumburg, wo er Großmutter im Hospital aufsuchte, um über den Verbleib der Familie zu erfahren. Hier hatte niemand etwas von unserer Familie gehört. Das hieß, er musste uns in Pommern suchen. Längere Strecken marschierte er zu Fuß in Richtung Stolp. Einmal versteckte er sich im Bremshäuschen eines Güterzuges, um schneller vorwärts zu kommen, und einmal wurde er wieder gefangengenommen, entkam aber durch einen Trick. Schließlich gingen seine Gebete in Erfüllung und er kam ‘pünktlich’ einen Tag vor unserer Ausweisung in Stolp an, um die Führung der großen Familie zu übernehmen. Er war bis zur Unkenntlichkeit aufgeschwemmt und kahlgeschoren.

[Vertreibung aus Pommern]

Schon bevor Vater zurückkam, hatte Mutter einen Ausweisungsbefehl der polnischen Verwaltung bekommen. Am 22. September 1945, es war ein Samstag, wurde ein kleiner Handwagen mit ein paar Bett- und Kindersachen beladen. Wir machten uns auf den Weg zum Bahnhof. Hier war der Bahnsteig schon gepackt voll mit anderen Ausgewiesenen. Jeder schleppte ein paar Habseligkeiten mit. Schließlich kam ein Güterzug vorgefahren, in den wir verladen wurden. Etwa fünfzig Personen kamen in jeden Waggon. Es gab natürlich keine Sitzgelegenheiten außer den Sachen, die jeder mitgebracht hatte. Die meisten mussten trotzdem stehen. Unter uns waren Säuglinge und Greise. Die Waggontüren wurden vorgeschoben. Es sollte eine Reise ins Ungewisse werden.

Mit meiner heutigen Kenntnis der Judentransporte kann ich nicht umhin, an sie zu denken. Diese waren oft viele tagelang unterwegs, aber nicht in eine größere Freiheit wie wir, sondern in die KZs und darüber hinaus – in die Gaskammern. Als Familie haben wir nie ein Ressentiment gegen die Polen oder Sowjets gehegt, weil unsere Eltern uns genügend über die Untaten der Deutschen in ganz Europa informiert hatten.

Der Zug fuhr langsam in die Nacht. Es wurde stockdunkel. Die Fahrt wurde langsamer, und schließlich kam der Zug zum Stehen – anscheinend auf freier Strecke. Es dauerte nicht lange, bis die Türen aufgeschoben wurden und dunkle Gestalten in den Waggon kamen. Sie griffen alles, was sie fassen konnten an Mänteln, die sie den Leuten auszogen, und an Bündeln, auf denen sie saßen. Frauen wurden an Hälsen und Armen nach Schmuck abgetastet. Vater, mein Bruder und ich taten, was wir konnten, um unsere Bündel in der Dunkelheit zu verschieben und mit unseren Körpern abzudecken. Manche Leute schrieen vor Angst oder protestierten heftig. Chaos! Auf einmal griff eine Gestalt nach dem Mantel einer meiner Schwestern und riß ihn von ihrem Leib.

Dieses ganze Plünderungsdrama wurde umrahmt von anhaltendem Gewehrfeuer. Wir wußten nicht, ob wir damit gegen die Plünderer verteidigt wurden, oder ob die Schüsse uns nur täuschen oder ängstigen sollten. Offenbar steckte der Lokomotivführer und anderes Zugpersonal mit den Räubern unter einer Decke. Es dauerte lange, bis der Zug endlich langsam wieder anrollte.

Am nächsten Morgen kamen wir an eine Station, Schneidepunkt vieler Strecken und wohl auch die Grenze zwischen dem nunmehr von Polen zu verwaltenden Pommern und der sowjetischen Besatzungszone. Wir mussten die Waggons verlassen und stundenlang auf einem unbedachten Bahnsteig warten. Keiner wusste, wie es weitergehen würde. Alle hatten schrecklichen Hunger und waren todmüde. Ich lehnte über einem Bündel von Sachen auf unserem Wägelchen. Plötzlich wurden meine Unterschenkel abgetastet. Ich drehte mich um und sah einen Polen in Uniform. Der drückte mich rückwärts über den Wagen und riss mir die langschäftigen Stiefel von den Füßen, die mein ganzer Stolz gewesen waren. Er warf mir ein paar ehemalige Schuhe hin, die vorn nur noch die Lederkappe hatten, hinten aber weder Absätze noch Sohlen.

Irgendwann an diesem Tag wurden wir dann zu einem anderen Bahnsteig geführt, wo ein Personenzug bereitstand. Wieder waren die Wagen vollgestopft mit Menschen. Aber wenigstens gab es Sitzplätze für die Eltern mit den kleineren Mädchen. Mein Bruder und ich stiegen aufs Dach eines Wagens, weil wir uns da wenigstens ausstrecken konnten.

Während des ersten Teils der langsamen Fahrt beobachteten wir dann Szenen, wie sie in einem Krimi nicht besser dargestellt werden könnten: Polnische Banditen in braunen Uniformen plünderten, warfen Bündel von Sachen aus den Fenstern in die Gräben neben den Gleisen. Sowjetische Soldaten jagten die Banditen über den ganzen Zug. Wenn die Sowjets mit ihren Gewehren in den Waggons waren, liefen die Banditen auf den Dächern herum, und wenn die Soldaten auf die Dächer kamen, hangelten sich die Banditen auf die Plattformen herunter und tauchten in den Waggons unter. Dann hörten wir die Schreie von Frauen, die um ihre Sachen kämpften und wussten immer, wo die Banditen waren. Die Soldaten – ich glaube es waren nur zwei oder drei, die den Zug offenbar beschützen sollten – hatten keine Chance. Schießen hätten sie in dem überfüllten Zug ohnedies nicht können, ohne Zivilisten zu treffen. Am Ende dieser zweiten Plünderung sprangen die Banditen vom langsam fahrenden Zug, indem sie sich geschickt abrollten und liefen an den Gräben entlang, um ihre Beute einzusammeln.

Unterwegs hielt dann der Zug in einer Kleinstadt außerhalb Berlins für lange Zeit an. Hier wagte es Vater auszusteigen und mit meinem Bruder in die Stadt zu gehen, um etwas zu Essen zu ergattern. Er tat das auf die Gefahr hin, dass der Zug weiterfahren und wir getrennt würden. Er kam aber nach einiger Zeit wieder und brachte eine große Tüte mit Brotkrümeln, die er in einer Bäckerei bekommen hatte. Wir hatten endlich wieder etwas zu essen. Ich muss heute noch staunen über diesen kleinen Mann, der sich durch nichts unterkriegen ließ, sondern immer einen Ausweg wusste.

An der Grenze Berlins hielt der Zug wieder lange in einem Ort. Es hieß, alle Reisenden, die keine spezielle behördliche Erlaubnis von der sowjetischen Militärregierung hatten, nach Berlin zu fahren, mussten hier den Zug verlassen. Berlin war total zerstört und mit Menschen überfüllt, für die diese Stadt der Knotenpunkt in Deutschland war, von dem aus jeder seinen Weg in eine andere Richtung suchte. So wollte man nicht noch mehr Menschen in die Stadt lassen. Jeder einzelne Insasse des Zuges wurde von sowjetischen Soldaten überprüft. Als die Reihe an unsere Familie kam, zeigte Vater seinen Entlassungszettel mit dem schon erwähnten dreieckigen Stempel. Als der Soldat den Stempel sah, zeigte er ihn einem anderen Deutschen, der nicht verstand, warum sein Papier keinen Wert habe, und bedeutete, dass dies der Stempel sei, den er brauche, um die Weiterfahrt zuzulassen. Der Soldat hatte die russischen Sätze auf dem Papier natürlich nicht gelesen, die nichts mit einer Erlaubnis für Berlin zu tun hatten. Wir alle fühlten, dass unser inneres Schreien zu Gott erhört worden war.

Mit mehr Platz im Zug fuhren wir endlich weiter ins Berliner Zentrum. Ich weiß den Bahnhof nicht mehr, aber wir mussten lange durch die völlig zerstörten Straßen wandern, bis wir endlich bei Freunden aus einer christlichen Gemeinde in Charlottenburg ankamen, die uns in ihre teilweise zerstörte Wohnung zur Nacht aufnahmen. Ich kann mich nicht besinnen, auf unserem langen Marsch durch die Stadt, ein einziges nicht zerstörtes Haus gesehen zu haben. Es war Sonntag und die Stadt war ziemlich still. Ich konnte auf meinen Schlorren, mit den Hacken meiner Socken auf der Straße, kaum noch laufen. Die christliche Familie teilte das wenige Essen, das sie hatte, mit uns.

Ich schlief in der Nacht auf dem Fußboden eines Zimmers, wegen der Enge des Raums mit meinem Kopf unter einer Nähmaschine. Morgens wurde ich vom Singen eines Liedes wach: Es war der 24. September 1945, mein 15. Geburtstag. Über all den Erlebnissen der letzten Tage hatte ich meinen Geburtstag ganz vergessen.

[Eine alte Bekanntschaft]

Am gleichen Tag noch brachen wir wieder auf und zwar in Richtung Anhalter Bahnhof, von wo aus die Züge in Richtung Naumburg fuhren. Schon in der Nähe des riesigen Bahnhofs, dessen Halle als eisernes Stahlgerippe allerdings ohne die Glasbedachung noch aufrecht stand, sahen wir riesige Menschenmengen stehen, die alle auf einen Zug warteten. Hoffnungslos, sich mit der achtköpfigen Familie da einen Weg durch’s Gedränge bahnen zu wollen. Vater entschied sich, einen anderen Bahnhof zu versuchen und einen Umweg nach Naumburg zu finden. War es der Görlitzer Bahnhof? Dort waren zwar auch sehr viele Menschen, aber wir konnten schließlich einen Zug besteigen. Inzwischen war es Abend geworden, darum fuhr der Zug nur bis zu einer Kleinstadt, wo wir den Zug verlassen mussten. Offenbar war es zu gefährlich, nachts zu fahren. Der Bahnhof dieser Stadt hatte zum Glück ein Gebäude, worin wir mit unseren Sachen ein notdürftiges Lager bereiten konnten, um den nächsten Morgen und vielleicht einen anderen Zug zu erwarten. Wir hatten mächtigen Hunger.

Vater erinnerte sich beim Namen des Städtchens daran, dass er in seiner Junggesellenzeit in Naumburg einmal das Zimmer mit einem Bäckergesellen geteilt hatte, der in diese Stadt, in der wir gestrandet waren, gezogen war. Vater entschied sich, mit mir in die Stadt zu gehen und die mögliche Bäckerei dieses Mannes zu finden. Eine wahnsinnige Idee, wie ich meinte, denn es waren ja mindestens sechzehn Jahre seit der Bekanntschaft jener Tage vergangen, in denen es keinerlei Verbindung gegeben hatte. Nazizeit und sechs Jahre Krieg lagen dazwischen. Wir beteten jedenfalls um Führung und Brot.

Es war schon Mitternacht, als wir beide durch die Bahnhofsstraße gingen. Nach einer Zeit gabelte sie sich. Sollten wir nach rechts oder nach links gehen? Vater entschied sich für links. Weiter ging’s. Ich weiß nicht wie, aber wir standen auf einmal vor einem kleinen Bäckerladen mit Schaufenster, in dem nichts zu sehen war, aber über dem der Name des Bekannten von Vater stand. Ich hatte schon unterwegs meine Bedenken gegen dieses Unternehmen angemeldet. "Wie gut kanntet Ihr Euch denn, Vati?" Jetzt standen wir vor dem Laden. Immer noch hatte ich nicht begriffen. "Vati, die Leute schlafen schon, mir ist das peinlich." Ich wusste, dass Bäcker gewöhnlich schon um drei oder vier Uhr morgens aus dem Bett müssen. Vater fand eine Klingel und drückte sie. Endlich kam ein verschlafener Mann an die Tür. Vater stellte sich vor, erinnerte an die Zeit vor über sechzehn Jahren in Naumburg und bat um Brot. Der Mann schien sich nicht zu erinnern. Mürrisch machte er die Tür zum Laden auf und reichte uns zwei Brote über den Ladentisch. Vater zog als Sieger davon. Ich nur als staunender Beobachter.

Heute weiß ich, dass Vater jüdisch glaubte im Sinne von ‘hutzpa’. Erwartete nicht, wie ich es im pietistischen Glaubensverständnis unserer Mutter beobachtet hatte, in ‘Demut’ auf die Wunder oder das Schicksal aus den Händen Gottes, sondern er ging in den verschiedensten Lebenssituationen den Fremden oder das Fremde an und rang mit ihm: "Ich lasse dich nicht, Du segnest mich denn." Heute sehe ich klarer, dass man von Vater sagen kann, was Jakob nach seinem Kampf gesagt bekam: "Du hast mit Gott und mit Menschen gerungen und hast gesiegt." (1. Mose 32,26.28). Gott lässt sich offenbar gern in dem Fremden oder in den befremdenden und schwierigen Umständen unsres Lebens finden, um sich besiegen zu lassen. Nun sage mir jemand, dass Glaube und Theologie keine Rolle mehr im modernen Leben zu spielen habe.

[Krankheiten und Hunger]

Am nächsten Tag bekamen wir einen Zug nach Naumburg. Hier nahmen wir zwar Verbindung mit Großmutter auf, wurden aber behördlicherseits in einer Schule untergebracht. War es die Michaelisschule? Wir schliefen auf Strohlagern, die mit Tüchern bedeckt waren. – Ein wesentlicher Abschnitt unserer Familiengeschichte war mit unserer Ankunft in Naumburg zuende gegangen und ein neuer, nicht weniger dramatischer, sollte beginnen.

In Naumburg bestand eine der ersten Aktionen in unsrer medizinischen Untersuchung. Ich hatte Arme und Beine voller offener Wunden, die Krätze und Hungerödeme. Auch mein Bruder und die vier Mädchen waren schlimm dran. Wir wurden entlaust und von Kopf bis Fuß dick mit einer Art schwarzer Wagenschmiere eingerieben und in ein Leinentuch gewickelt, bis die Krätze überwunden war. Ich hatte aber auch danach noch über Jahre hin mit eiterigen Geschwüren zu kämpfen, die wohl mit der Unterernährung zu tun hatten, ebenso auch meine Geschwister.

Für zwei Wochen kamen wir in ein Flüchtlingslager im Osten von Naumburg, in dem Vater und ich zu verschiedenen Lagerarbeiten angestellt wurden. Es gab hier täglich eine wässrige Kohlsuppe. Viele Menschen starben an Tuberkulose und anderen Krankheiten. Der Hunger war quälend und es fehlte uns einfach die Kraft zur Arbeit. Mir sind besonders die schauderhaften Latrinen im Gedächtnis. Man musste da ohne Abschirmung auf langen Brettern mit Löchern darin nebeneinander sitzen – und alle hatten Durchfall.

[Lehre als Karosseriestellmacher]

Vater bekam schließlich Arbeit als Stellmachermeister wieder bei der Firma Carl Zimmermann, wo er über fünfzehn Jahre vorher seine Stellmachermeisterprüfung abgelegt hatte. Inzwischen war er Karosseriebaumeister geworden. Kurz darauf nahm er mich in die Lehre als Karosseriestellmacher bei der gleichen Firma. In der Landeskirchlichen Gemeinschaft am Domplatz 7 wurde die Hausmeisterstelle und -wohnung frei. Wir übernahmen beides und zogen schon bald in die kleine Parterrewohnung des Hauses neben dem Gemeindesaal ein. Fortan waren wir völlig in das Gemeindeleben integriert. Es gab hier auch noch den schon früher erwähnten EC (Jugend für Entschiedenes Christentum - Christian Endeavour), in dem ich mich so weit wie möglich engagierte.

Während der ersten Monate meiner Lehrzeit wurden alle Gesellen und auch Vater von den sowjetischen Militärbehörden in größere Fabriken beordert, um Maschinen und Einrichtungen zu demontieren und in die Sowjetunion zu verladen. Überall sah man aufgebrochene Fabrikwände, aus denen Maschinen herausgenommen worden waren. Damit wurden sogenannte Reparationen an die Siegermacht bezahlt. Ich war für etwa sechs Wochen ganz allein in der Werkstatt. Hier durfte ich noch keine Maschinen benutzen, weil ich noch nicht sechszehn war. Ich hatte gelernt, das Hartholz, das ich zur Reparatur von Wagenrädern oder anderen Teilen von Fahrzeugen brauchte, mit der Faustsäge aufzutrennen. Das war sehr schwere Arbeit, die mich völlig erschöpfte.

Schon bald wurde die Berufsschule wieder in Gang gebracht. Alle holzverarbeitenden Berufe waren hier zunächst in einer Klasse zusammengefasst. Wir hatten wöchentlich zwei halbe Tage Schule – eine willkommene Abwechslung von der schweren Arbeit in der Werkstatt. Man musste nur kämpfen, damit man nicht vor ständiger Erschöpfung einschlief. Es wurden einfache Mathematik, technisches Zeichnen, Werkstoffkunde und natürlich politische Bildung (im Sinn des Marxismus) unterrichtet. Vater wurde Berufsschullehrer für technisches Zeichnen.

Im Jahr 1947 machte sich mein Vater selbständig und nahm mich in meinem dritten Lehrjahr zu sich. Wir mieteten eine Scheune an der Georgenmauer 8 als Werkstatt. Vater besorgte die nötigsten Werkzeuge und baute mit Hilfe eines Drehers die Maschinen, die wir brauchten. Im Naumburger Heereszeugamt fanden wir eine gummierte Panzerrolle, die uns der Dreher halbierte, sodass daraus die beiden Rollen einer Bandsäge entstanden. Eine Hobelmaschine (Abrichte) hatte einen verschiebbaren Holztisch. Andere kleine Maschinen, wie Bohr- und Drechselmaschinen entstanden ebenfalls aus Teilen, die wir im Zeughaus ergattern konnten. Schrauben und Nägel wurden sorgfältig aus Trümmern aufgelesen. Wir mussten viele Überstunden arbeiten, um jeweils das Material für die Arbeit zusammen zu bringen.

[Waren einer Stellmacherei]

In der Werkstatt stellten wir neben Fahrzeugauf- und umbauten auch Handschlitten und Handwagen in Serien von je 20 Stück her. Sie wurden von vielen zum sogenannten "Hamstern" gebraucht, wobei das Wort natürlich die Sache nicht traf, weil man ja nur das Nötigste zum Überleben zusammenbettelte. Vater kaufte Nutzholzbestände in Wäldern der Umgebung. Wir fällten die Bäume dann selbst, luden sie auf Pferdewagen und ließen sie zu einer Sägemühle bringen, wo wir sie abluden und schließlich zu Bohlen zerschnitten zur Werkstatt transportierten. Schwere Arbeit für meine unterernährten Knochen. Damit hatten wir aber noch kein brauchbares Holz. Die Bohlen hätten eigentlich jahrelang auf Lager liegen und trocknen müssen. Aber Vater hatte auch hier wieder eine Lösung. Wir bauten uns einen Blechofen, in dem wir das Holz auskochen und dadurch von seinem natürlichen Saft befreien konnten. Dann brachten wir es zu einem Bäcker auf den Backofen zum Trocknen. Einmal zog ich allein im Winter mit einem Schlitten bis nach Freyburg, um ein Stück Bohle in der Länge einer Wagendeichsel abzuholen und nach Naumburg zu bringen. Ich zog den Schlitten nur auf Feldwegen, weil entweder auf der Straße nicht mehr genug Schnee lag, oder sie zu sehr belebt war. Das habe ich auch nur mit größter Mühe geschafft und bin unterwegs öfter zusammengeklappt.

Wir fabrizierten in einer Zeit auch Holzschuhe. Es gab keine Lederschuhe zu kaufen. So schnitten wir Holzsohlen und nagelten Leinentuch über Formen. Wir haben diese Holzschuhe jahrelang auch selbst getragen. Für den Sommer fertigten wir Holzsandalen an. Eine Zeitlang produzierten wir Holzsohlen in Serie für eine Schuhfirma in der Stadt. Vater wurde in diesen Jahren Obermeister der Stellmacher-Innung.

[Alltag in der Nachkriegszeit]

An unserem Hungerleiden hatte sich seit unserer Ankunft in Naumburg wenig geändert, im Gegenteil, durch die schwere Arbeit in der Werkstatt wurde der Hunger noch unerträglicher, als er es vorher schon war. Mutter hatte uns Ersatzkaffe besorgt. Das war geröstete Gerste. Vater und ich hatten je eine Tüte in unserem Blechschrank in der Werkstatt stehen. Wenn der Hunger zu stark nagte, nahmen wir immer wieder mal einen Löffel von diesem schauderhaft schmeckenden Zeug und kauten darauf herum. Ich war oft so ausgehungert, dass ich mich auf dem Weg von der Arbeit mehrfach an den Gehweg setzen musste und Wasser spuckte. Zudem bekam ich eitrige Geschwüre unter fünf Fingernägeln. Ich hatte solche schon lange an den Armen und Beinen. Es gab keine Medizin. So wurden immer nur Verbände darumgewickelt.

Die Kunden, meistens Bauern, bezahlten die Arbeit mit Naturalien statt mit Geld. Vater baute sich nach und nach einige kleine Pressen, die im wesentlichen aus Stahlschnecken mit Gehäusen bestanden, mit denen wir Raps- und Mohnsamen pressen konnten, um Öl zu gewinnen. Abends nach Feierabend, wurden die Werkstattfenster verhängt, die Werkstatt abgedunkelt und verriegelt und die kleinen Pressen aufgestellt. Das Pressen war, wie so vieles andere auch, natürlich streng verboten und hätte uns Gefängnishaft kosten können. Wir pressten viele Liter Raps- und Mohnöl für die Bauern. Als Lohn nahmen wir zehn Prozent des gepressten Öls. Außerdem behielten wir natürlich die Rückstände. Diese konnten mit anderen Zutaten gemischt und gebacken werden. Dieses Öl und die Rückstände haben uns wesentlich geholfen, unseren Gesundheitszustand zu verbessern.

Im Zusammenhang mit dem Ölpressen verdient noch eine kleine Geschichte der Erwähnung. Durch den Geruch des gepressten Raps und Mohn wurden natürlich Ratten und Mäuse auf unsere Werkstatt aufmerksam, die nicht weniger Hunger litten als wir. Gegen die Ratten bauten wir im kleinen Hof Fallen. Die Mäuse wurden in gelegentlichen Aktionen vernichtet. Wir stöberten sie auf, und natürlich flohen sie immer an den Wänden entlang. Wenn sie dabei über den Spänehaufen an der Hobelmaschine klettern mussten, wurden sie langsamer. Und da stand unser jüngster Lehrling und trat die Mäuse unter seinen Holzschuhen tot. Er hat sich nach jedem ‘Mord’ am ganzen Körper geschüttelt, der arme Kerl. Aber wie überall in den Handwerksstätten üblich, musste der jüngste Lehrling immer die schlimmsten Arbeiten verrichten, die sonst keiner wollte. Ich hoffe, er hat uns diese Grausamkeit gegen ihn vergeben. Unser Vermieter zerhackte die toten Mäuse dann fein säuberlich zu Hühnerfutter.

Oft zogen wir auch über Land, im Winter mit einem Schlitten, im Sommer mit einem Handwagen, um von den Bauern Kartoffel, Rüben, Mehl und dergleichen zu erbetteln. Manchmal geschah das im Zusammenhang mit dörflichen Hausversammlungen von christlichen Gruppen.

In den Wintern dieser Jahre gab es natürlich auch kein Brennmaterial. So wurde es unter der Bevölkerung üblich, Kohlenzüge, die in Richtung Osten nach Polen und Russland fuhren, zu überfallen. Es wurden auf freier Strecke Sperren aufgebaut, sodass der Zug anhalten musste. Und dann stürzten sich hunderte von Leuten auf den Zug und warfen die Briketts von den Waggons. Andere sammelten sie auf und säckeweise wurden die Kohlen weggeschleppt. Wir entschieden in unserem Familienrat, dass wir da aus moralischen Gründen nicht mitmachen konnten.

In der Werkstatt hielten wir uns warm durch selbstgebaute Späneöfen. In eine Öltonne wurde unten in der Mitte ein rundes Loch von etwa 10 cm geschnitten, in das ein rundes Holz in der Höhe der Tonne gesteckt wurde. Dann stampften wir Sägespäne um dieses Holz. Schließlich wurde es herausgezogen und von unten in dem entstandenen Zylinder das Feuer angezündet. Das hielt für einen Tag an. Für zu Hause konnte Vater einmal eine Wagenlast roher Braunkohle bekommen. Wir bauten uns aus Holz Brikettformen und haben dann tagelang die Braunkohle mit Wasser und etwas altem Motorenöl gemischt in den Formen mit Hammer und Stempel zu Briketts gepresst.

[Stellmacherhandwerk im Wandel]

Im Herbst 1948 machte ich meine Gesellenprüfung als Karosseriestellmacher in Weißenfels. Als Gesellenstück fertigte ich eine Autotür an. Ich bestand die Prüfung vor einem Gremium älterer Stellmachermeister, die keine Ahnung von Karosseriebau hatten und zunächst mein Gesellenstück nicht anerkennen wollten. Vater hat sich aber durchgesetzt. Ich blieb danach noch ein Jahr als Geselle in seinem Betrieb. Im Jahr 1949 verließ ich Naumburg und ging nach Erfurt. 1950 zogen meine Eltern vom Domplatz in die Kösener Straße 13, wo mein Vater seinen Betrieb neu einrichtete.

Inzwischen hatte sich das Stellmacherhandwerk mehr und mehr zum Karosseriebau hin gewandelt. Nur wenig wurde noch mit Holz dagegen zunehmend mit Blech, Aluminium und Eisen gearbeitet. Vater nannte seinen Betrieb nun Ernst Voll Karosserie- und Fahrzeugbau.

Bis zu 10 Angestellte arbeiteten inzwischen in seinem Betrieb, wo er zuerst auch Karossen für VW Busse mit Gerüsten aus Holz und später einachsige Anhänger für Kompressoren und Bohrmaschinen baute.

2 Beiwagen (Straßenbahnanhänger) aus Halle wurden von seinem Betrieb um 1970 für die Naumburger Ringbahn umgebaut.

Im Zuge der Verstaatlichung der Betriebe der DDR wurde auch sein Betrieb zur Produktionsgenossenschaft des Handwerks (PGH) erklärt. Er blieb aber bis zu seinem Ruhestand Mitglied und hatte noch eine Weile den Vorsitz in der PGH.

Um 1950 war unser Vater Mitglied der evangelischen Kirche St. Moritz geworden und aktiv im Gemeindekirchenrat. Um diese Zeit wurde er auch Mitglied der Kreissynode. Im Ruhestand hatten unsere Eltern immer ein offenes Haus für Jung und Alt. Sie unterhielten einen wöchentlichen Gesprächskreis, zu dem bis zu seinem Tod auch Theologiestudenten vom Naumburger evangelischen Pro- und Oberseminar kamen, die heute Pastoren sind. Die Zusammenlegung der beiden Kirchgemeinden zu Moritz / Othmar hatte Vater mitbeschlossen. Er hatte einen großen Freundes- und Bekanntenkreis, der ihn in seiner bescheidenen und humorvollen Art hochschätzte.

Vater starb 1983 mit fast 81 Jahren. Unsere Mutter starb 1997 in Naumburg mit 93 Jahren. Beide sind mit unserem Bruder, der mit 18 Jahren in der Saale ertrank, in Naumburg beigesetzt. Zwei meiner Schwestern leben mit ihren Ehegatten nach wie vor bzw. wieder in der Kösener Straße und halten mich mit meiner Heimatstadt verbunden.

Ich selbst lebe mit meiner Frau in Calgary, Alberta, Kanada, von wo aus ich Naumburg mehrfach besuchte. Die Stadt ist mir wichtig nicht nur als Geburtsort und Ort des Beginns meiner beruflichen Laufbahn, sondern auch als Zufluchtsort nach den Jahren der Bedrängnis der Nazizeit, des Krieges und der Nachkriegswehen. Ich wünsche ihr Frieden und Gedeihen.

Christel und Jan Mulder, Oberhausen

Evakuiert in Naumburg 1942 - 1945

Ein Teil unserer kinderreichen Familie, der Familie Mulder, wurde vermutlich Mitte 1942 (leider lässt sich das genaue Datum nicht mehr rekonstruieren) aus Duisburg-Homberg, aufgrund der dort ansässigen Schwerindustrie leider einer der Schwerpunkte der Bombenangriffe, nach Naumburg an der Saale evakuiert. Der Vater blieb mit den vier älteren Kindern, die dann den Haushalt verrichteten, zurück.

Unsere Mutter, Derkje Johanna Mulder, reiste damals mit dreien ihrer Kinder, Jan und Christel, die diese Geschichte erzählen, und Irmgard, die leider schon tot ist. Zunächst wurden wir im Haus der Familie von Bychelberg, Grochlitzer Straße 44, einquartiert. Haus ist jedoch untertrieben, es war vielmehr ein Herrenhaus oder eine Villa. Frau Eva von Bychelberg haben wir in Erinnerung wie eine der vornehmen adeligen Damen in den Filmen. Ihr Bruder war vom Kaiser geadelt worden, und sie sah es wohl als ihre patriotische Pflicht, eine Familie aus dem Ruhrgebiet bei sich aufzunehmen. Wie genau der Kontakt mit ihr zustande kam, wissen wir leider nicht mehr. Unsere Mutter stand damals in reger Korrespondenz mit einer Ordensschwester Margarethe, und wir vermuten, dass diese wohl Frau von Bychelberg fragte, ob man nicht einer frommen Arbeiterfamilie aus dem Ruhrgebiet helfen könne. Womit sicher keiner gerechnet hatte, war, dass unsere ebenso kluge wie strenge Mutter seit jeher eisern auf das Benehmen und die Ausdrucksweise ihrer Kinder geachtet hatte. So hat Frau von Bychelberg, nachdem sie einmal auf uns drei aufgepasst hatte, völlig fassungslos unserer Mutter gesagt, sie habe nie gedacht, dass Arbeiterkinder sich so gut benehmen könnten. Das sollte jedoch nicht die letzte Überraschung für sie sein.

Wir Kinder gingen in Naumburg zur Schule, das heißt Jan wurde dort eingeschult und Irmgard später sogar konfirmiert! Sie fand auch eine gute Freundin, Regina Rammelt, die später in Gera wohnte und die wir nach der Wende kurz besuchten.

Wir sehen Mutter noch jeden Tag ängstlich vor dem Radio sitzen und die schlimmen Nachrichten aus dem Ruhrgebiet hören. Wovon genau wir die ganze Zeit in Naumburg gelebt haben, wissen wir nicht, vermutlich hat Frau von Bychelberg uns durchgefüttert. Unsere Mutter wusch und bügelte zusätzlich für einen Dr. Brosche, der auf der Claudiusstraße wohnte. Wir glauben uns auch daran zu erinnern, dass Irmgard für einige Zeit in einem Geschäft arbeitete, in dem es Fondant zu kaufen gab.

Zum Weihnachtsfest 1943 in Naumburg zog Irmgard, die Älteste, uns anderen beiden besonders gut an und es ging zu einem Naumburger Fotografen. Mutter sollte zu Weihnachten ein Bild ihrer drei mitgereisten Kinder bekommen. Das Bild gibt es auch heute noch!

Eines der Nachbarskinder, ein rothaariger Junge namens Heinz Vöckler, ereiferte sich einmal sehr, weil wir nicht wussten, was eine "Bemme" ist. Das Haus, indem er wohnte befand sich nach unserer Erinnerung auf dem "Frauenplan" und hatte einen Dachgarten. So etwas hatten wir Kinder noch nie gesehen! Wir sahen auch richtig feine Damen auf der Straße, mit Hut und Handschuhen, die kleine Schirme oder Spazierstöcke mit Rollen darunter hatten, und zusätzlich einen Haken, um die Handtasche daran aufzuhängen und spazieren zu fahren.

[Amerikaner in Naumburg]

Das Kriegsende haben wir so in Erinnerung: Amerikanische Panzer rollen langsam über die Straße, die Soldaten mit der Waffe im Anschlag, aus allen Fenstern hängen weiße Fahnen, es ist totenstill. Die Amerikaner holten zunächst einmal das Hakenkreuz, das über dem Kino "Reichskrone" angebracht war, herunter, und einige Offiziere quartierten sich dann in der Villa der Familie Bychelberg ein, so dass wir ein Stück die Straße runter in ein Haus ziehen mussten, in dem eine Schreinerei oder Druckerei war.

Die Amerikaner hatten alles. Sie hatten sogar einen chinesischen Koch und buken kleine Pfannkuchen, Pancakes, zu denen sie auch manchmal uns Kinder einluden. Unsere Mutter war froh darüber, so waren wir einmal satt geworden, denn Essen war knapp. Die Amerikaner hatten allerdings Essen in Hülle und Fülle und machten sich teilweise einen Jux daraus, die noch halbvollen Konservendosen in die Abfallgrube hinter dem Haus weg zuwerfen und dann vor den Augen anderer anzuzünden.

Viele der verwundet zurückkommenden deutschen Soldaten hatten ihre Verletzungen notdürftig mit Krepppapier verarztet. Die Amerikaner waren entgeistert und ließen sich zum Teil Autogramme auf diese "Verbände" geben, um sie zu Hause als Beweis vorlegen zu können.

Jan: Ich erinnere mich, das wir Kinder immer versucht haben, Essen zu "organisieren". Einmal habe ich eine Kiste mit Orangen gestohlen und bin dabei ertappt worden. Ein Offizier, den ich als Lehrer in Erinnerung habe, brachte mich an die Grenze des Grundstücks und gab mir die Kiste da wieder. Er hatte wohl erkannt, dass wir einfach nur Hunger hatten.

Unsere Schwester Irmgard war zu der Zeit schon ein Teenager und ein wirklich hübsches Mädchen. In der Grochlitzerstraße saßen Soldaten auf Posten an einer Art Feldtelefon, natürlich mit einem langen Kabel, und wenn sie auf der Straße vorbeiging nahm der Soldat das Kabel und machte damit eine Art Wellenbewegung, die sich in ihre Richtung fortpflanzte.

Irgendwann kam auch unser älterer Bruder Herrmann nach Naumburg. Er hatte sich mit dem Fahrrad vom Ruhrgebiet aus durchgeschlagen! Einmal weckte er mich nachts, weil er beobachtet hatte, wie ein amerikanischer Soldat auf der Straße eine nur angerauchte Zigarette achtlos weggeworfen hatte. Ich musste aufstehen und ihm das Reststück holen.

Es gab ein Lebensmittellager in Naumburg, das irgendwann geplündert wurde. Die Leute rollten die kleinen Butterfässchen die Straße herunter, bis sich bei einem der Metallring löste und das Fass platzte. Nie vergessen werden wir die ältere, wirklich gut gekleidete Dame in schwarzem Kostüm und Hut, die ihre Handtasche aufmachte und die Butter aus dem Fass mit der Hand in ihre Tasche schmierte! Dann wurde geschossen und wir machten uns davon.

[Russen in Naumburg]

Nach der Potsdamer Konferenz mussten die Amerikaner Naumburg verlassen und die Russen kamen. So gut die Amerikaner ausgestattet gewesen waren, so schlecht waren es die Russen. Sie hatten teilweise noch weniger zu essen als die Zivilbevölkerung. Als die Russen das erste Mal in der Villa vorstellig wurden, stellte sich unsere Mutter wie eine Löwin vor ihre Kinder. Sie hatte ein Photo der niederländischen Königsfamilie in der Hand und ein kleines Orange-Band, denn wir waren Holländer und Mutters ständige Aussage war: "Wir sind keine Deutschen." Frau von Bychelberg hatte Russen wohl grundsätzlich für Bauern und Analphabeten gehalten, der Offizier jedoch küsste ihr formvollendet die Hand und sprach französisch mit ihr, womit sie im Leben nicht gerechnet hatte. Wir haben die Russen als sehr kinderlieb in Erinnerung; sicher hatten sie auch Kinder zu Hause, die sie vermissten. Unsere Schwester Irmgard wurde von Mutter jedoch immer versteckt.

Wir Kinder bekamen einmal heraus, dass wohl "zappzarapp" ein russischer, umgangssprachlicher Ausdruck für "stehlen" ist. Als wir einmal im Scherz zu einem Soldaten sagten, er habe wohl "zappzarapp" gemacht, wurde er furchtbar wütend und schrie "Nix zappzarapp".

Einmal fuhr ein russischer Soldat auf einem Motorrad die Straße an mir vorbei, dabei verlor er seine Mütze. Ich, das zur Höflichkeit erzogene Kind, hob sie auf und reichte sie ihm. Er griff in seine Tasche und gab mir einen ganzen Bündel Geldscheine, das freilich völlig wertlos war.

Nach der Potsdamer Konferenz war auch klar, dass wir nach Hause konnten. Unsere Brüder Hans und Anton wurden aus dem Ruhrgebiet als Verstärkung zu uns geschickt, um uns auf der Rückreise beizustehen. Leider wissen wir den genauen Zeitpunkt nicht mehr, zu dem wir nach Hause zurückkehrten, es muss jedoch Ende 1945 gewesen sein. Am Bahnhof wäre es fast noch zu einem schlimmen Zwischenfall gekommen, denn als die ganze Familie schon im "Zug" saß, wurde unser Bruder Hans verhaftet und am Bahnhof in einen Art Keller gesperrt. Natürlich war unsere Mutter entsetzt, sie sah sich schon ohne ihr "Kind" fahren, aber Hans konnte durch ein kleines Kellerfenster fliehen und die Familie gemeinsam nach Hause fahren. Wir fuhren in einem offenen Kohlewagen und mussten zwischendurch erst noch in einem amerikanischen Lager entlaust werden.

Im Herbst 1993 habe ich mit meiner Tochter Kerstin noch einmal Naumburg besucht. Ich habe vieles wiedererkannt, das Haus, in dem früher das Kino "Krone" war, und sofort kam mir wieder in Erinnerung, wie die Amerikaner das Hakenkreuz abnahmen.

Wir machten auch ein Foto vor der Grochlitzer Straße Nummer 44, und es gab noch immer die kleine Brüstung, auf der die Amerikaner damals immer eine Kiste mit Zigarren stehen hatten, so dass jeder Soldat sich beim Verlassen des Hauses einfach eine nehmen konnte.

Horst Wache

Um Kopf und Kragen

[Ein längeres Zitat aus: Horst Wache, Um Kopf und Kragen, Die Abenteuer eines Glogauer Jungen, Erzählung.]

Vom Brauhausberg in Potsdam, auf dem die frühere Kriegsschule, spätere Kadettenanstalt und jetzige Napola lag, bot sich ein einzigartiges Panorama der noch völlig unzerstörten preußischen Garnisonsstadt.

Aber so richtig konnten wir das an diesem Morgen gar nicht wahrnehmen, denn wir waren todmüde und schließlich heilfroh, uns nach der Quartierseinweisung endlich aufs Ohr hauen zu können, ohne daran denken zu müssen, was der nächste Tag an neuen Überraschungen für uns bereithalten sollte.

Was der dann brachte, konnte uns kaum noch erschüttern: Wieder kein Bleiben! Nach den Stationen Reisen im Wartheland und Neuzelle bei Guben sollte es von Potsdam aus weitergehen. Aber wohin? Hier sei es zu gefährlich wegen möglicher Luftangriffe, hieß es. Wie wahr, noch kurz vor Kriegsende sollte die berühmte Preußen-Metropole mit ihren historischen Bauten durch ein gewaltiges alliiertes Bombardement nahezu dem Erdboden gleichgemacht werden.

Die NPEA [Nationalpolitische Erziehungsanstalten] Potsdam befand sich praktisch schon im Januar im Kriegszustand. Die älteren Jahrgänge wurden für den bevorstehenden Fronteinsatz ausgebildet, die jüngeren schob man ab. Diesmal in Richtung Südwesten, wieder in einem Eisenbahnzug. Unser nächstes Ziel: Naumburg an der Saale, wo sich eine weitere Napola befinden sollte.

"Wie lange soll das denn noch so weiter gehen", stöhnte der kleine Lohmann, der wie viele andere unruhig zu werden begann und sich ernsthaft um seine Familie sorgte, die sich ebenfalls auf der Flucht befinden musste.

"Laß man Hansi", tröstete ich ihn. "Um unsere Leute kümmert man sich schon. Wenn die Front näher rückt, wird die Zivilbevölkerung als erstes in Sicherheit gebracht." Doch wohin wird es sie verschlagen, fragten wir uns. Werden wir unsere Angehörigen je wiederfinden? Ebenso wie in meiner Heimatstadt Glogau hatte auch in anderen niederschlesischen Orten Ende Januar, wie ich später erfuhr, die große Evakuierungswelle eingesetzt.

"Hast du denn keine Verwandten in dieser Gegend hier?" fragte ich Hansi. "Jeder zweite Berliner soll doch aus Breslau sein."

"Mach keinen Quatsch, Hannes! Aber wenn ich so überlege, erinnere ich mich an eine Tante in Leipzig. Doch die soll ausgebombt und – ich glaube – bei Nachbarn untergekommen sein."

"Immerhin eine mögliche Anlaufadresse, wo sich deine Familie melden könnte", stimmte ich ihn zuversichtlicher und erzählte ihm, was meine Mutter mit mir ausgemacht hatte. "Mensch, Hansi, Leipzig und Borna sind doch nur einen Katzensprung von Naumburg."

Unser Zug kam auch diesmal nur langsam voran, nachdem wir am frühen Morgen den Potsdamer Stadtbahnhof verlassen hatten. Erst gegen Mittag passierten wir Halle, sahen dann die schwer zerstörten Leuna-Werke bei Merseburg und fuhren weiter die Saale entlang unserem dritten und hoffentlich letzten Zufluchtsort entgegen. Aller guten Dinge sind drei, war man versucht zu sagen. Wohin hätten wir denn sonst noch verlegt werden können? Weiter westwärts oder ganz in den Süden, auf den Obersalzberg, die Alpenfestung des Führers?

Vor Weißenfels standen wir über eine Stunde auf freier Strecke. Von Luftangriffen keine Spur. Wurde die Strecke ausgebessert, oder mussten wir kriegswichtige Transporte abwarten?

Als es endlich weiterging und wir langsam in den Weißenfelser Bahnhofeinfuhren, bot sich uns ein erschreckendes Bild: Keine Zerstörung, sondern auf einem Abstellgleis verstörte, ausgemergelte Gestalten in zerlumpter, gestreifter Kleidung, in offene Viehwaggons gepreßt und von SS-Mannschaften bewacht.

Zuchthäusler, durchzuckte es mich. Wie die anderen starrte auch ich durch das beschlagene Abteilfenster auf die gespenstische Szenerie. "Volksfeinde", wollte es Mertens wieder einmal besser wissen. "KZ’ler sind das. Mit denen wird kurzer Prozess gemacht, meint mein Alter."

Und so erfuhr ich zum erstenmal, dass es neben Gefängnissen und Zuchthäusern noch etwas Schlimmeres im Deutschen Reiche gab: Konzentrationslager. Aber was sollte man sich darunter vorstellen? Natürlich musste das Reich vor Volksfeinden und Saboteuren geschützt werden. Doch reichten dazu nicht die Haftanstalten aus?

Zugführer Großmann, der anschließend durch die Abteile ging, bereitete uns auf die Ankunft in Naumburg vor und überging den Vorfall auf dem Weißenfelser Bahnhof mit Schweigen. Wir wagten auch nicht zu fragen.

Das markante Bauwerk mit seinen vier Ecktürmen am Rande der Stadt schien den Naumburger Dom im Zentrum noch zu überragen: Die ehemalige preußische Kadettenanstalt erwartetete uns, von 1897 bis 1900 als bis dahin modernste Einrichtung des Königlich Preußischen Kadettenkorps erbaut, das 1717 durch den Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. begründet worden war. Nach Potsdam, Oranienstein, Bensberg und Köslin wurde Naumburg somit zu einer der privilegierten Stätten in der Preußischen Provinz, wo eine solche militärische Eliteanstalt entstand, die nach 1918 zu einer Stabila, einer Staatlichen Bildungsanstalt, und 1934 zu einer Napola, einer National-politischen Erziehungsanstalt, wurde.

1945 sollte Naumburg nun zur letzten Station unserer nationalpolitischen Odyssee werden und damit einer Irrfahrt im doppelten Sinne des Wortes eine Ende, ein für uns bitteres Ende setzen.

Noch dachten wir an einen neuen Anfang, als wir nach einem kurzen Marsch vom Naumburger Bahnhof in die Anstalt einrückten und auf dem Appellplatz empfangen wurden. Auf dem weiträumigen Hof der hufeisenförmig angelegten Anstalt waren mehrere Hunderschaften von 10- bis 14jährigen angetreten, die uns mit einem dreifachen "Hurra" begrüßten.

"Jungmannen der NPEA Wartheland", rief uns der Naumburger Anstaltsleiter zu, "ihr kommt von einem unserer östlichen Vorposten, die jetzt von euren älteren Kameraden gegen den bolschewistischen Ansturm heldenhaft verteidigt werden. Seid stolz auf die Napola-Kämpfer und eifert ihnen nach, sobald der Ruf des Führer auch an euch ergehen mag. Vorübergehend", so führte er weiter aus, "werdet ihr hier in Naumburg eine neue Heimstatt finden und euren Dienst weiterhin diszipliniert und verantwortungsbewusst versehen."

Nachdem wir unsere neuen Quartiere, auf engstem Raum überbelegte Stuben, bezogen hatten, kam es zu ersten Kontakten mit unseren neuen Kameraden, die – wie sich herausstellte – aus verschiedenen Teilen des Reiches zusammengewürfelt waren. Nicht nur aus Deutschland, sondern auch Jungmannen der Reichsschule Valkenburg bei Leiden in den Niederlanden zählten zu den Zöglingen dieses NPEA-Refugiums. Und jede Woche kamen neue junge "Gäste" hinzu, so dass die Anstalt bald aus den Angeln zu geraten drohte.

Wir nahmen zunächst einmal – so gut es ging – unseren regulären Dienstbetrieb wieder auf, wenn er auch unter diesen Umständen nicht als normal bezeichnet werden konnte. Auch gab es nach Wochen wieder den ersten Schulunterricht. Wir hatten ja einiges nachzuholen.

Draußen hatte es inzwischen geschneit, und neben den Winterfreuden, die wir bei Sport und Spiel genießen konnten, wurde uns auch reichlich Gelegenheit geboten, uns in Arbeitseinsätzen beim Schneeschippen auszutoben.

In der Freizeit nutzten wir jede sich bietende Gelegenheit, die weiträumige frühere Kadettenanstalt zu erkunden. Da gab es einen Traditionsraum mit Fahnen, Uniformen und anderen Museumsstücken, die ebenso wie altes Waffengerät zu bestaunen waren.

Kalle und mich zog es aber nach oben, auf einen der vier Türme des Bauwerks, von wo aus man einen prächtigen Ausblick haben musste. Eine Tür auf dem Boden fanden wir unverschlossen. Von da aus ging eine steile Leiter nach oben, halsbrecherisch anmutend, mindestens 20 Meter hoch, mit zwei Absätzen, also nichts für Leute, die nicht schwindelfrei sind. Aber wir schafften sie spielend.

"Mensch, Hannes, das hat sich gelohnt. Sieh mal, der Naumburger Dom und die Altstadt, dort die Saale und da hinten die Unstrut." Kalle war begeistert. Wir lehnten uns über die Brüstung und blickten über die verschneite Landschaft, die so still und friedlich vor uns lag.

Deutschland, ein Wintermärchen, kam mir in den Sinn, sprach es aber nicht aus, mich schwach daran erinnernd, dass dies ein jüdischer Buchtitel sein musste, wie uns in einer Deutschstunde über undeutsche Literatur vermittelt worden war.

Kalle war indessen schon dabei, sich "zu verewigen", indem er mit seinem Taschenmesser seine Initialen mit Datum in das Dachblech ritzte. "Guter Gedanke, vielleicht kommen wir später wieder einmal hierher", sagte ich und tat es ihm gleich.

Nachdem wir eine Weile geschwiegen und unseren Gedanken nachgehangen hatten, sagte ich leise: "Kalle, denkst du manchmal daran, was deine Eltern jetzt wohl machen werden. Sicherlich wird deine Mutter schon evakuiert sein, ebenso wie meine Leute. Aber dein Vater?"

"Wenn es ernst wird, wird er Festungskommandant von Glogau oder so etwas ähnliches. Darauf kannst du dich verlassen", versetzte Kalle, der seine Besorgnis wohl hinter einer Portion Kaltschnäuzigkeit verbergen wollte. "Vielleicht bleiben die Glogauer, die evakuiert werden, zusammen, und wir treffen sie irgendwo gemeinsam wieder. Oder sie sind längst wieder zurück in der Heimat."

Das konnte nur frommes Wunschdenken sein, fernab der bitteren Realität. Die Garnisonsstadt Glogau wurde am 13. Februar, noch zwei Tage vor Breslau, eingeschlossen und auf Führerbefehl zur Festung erklärt. Am 8. Februar hatten die Russen eine Offensive nördlich von Breslau eingeleitet und zwei Tage darauf Liegnitz eingenommen. Die Festung Glogau, von feindlicher Artillerie in einen Trümmerhaufen verwandelt, sollte sich noch bis zum l. April halten, ehe seine Besatzung unter Oberst Graf zu Eulenburg von den Sowjets überwältigt wurde.

Zur Verteidigung Glogaus waren die letzten Reserven mobilisiert worden. Zu ihnen gehörte, wie ich später erfuhr, auch der Volkssturmmann Richard Walter, mein Onkel, der wie durch ein Wunder das Inferno überlebte und in Gefangenschaft geriet, während seine Frau, meine Tante Anna, zusammen mit Tante Erika und ihren erst im September 1943 geborenen Zwillingen bereits im Januar evakuiert worden war.

Länger in Glogau musste auch unser Cousin Jorgel bleiben, inzwischen zu einem mannhaften Georg herangewachsen. Zusammen mit Burschen des Jahrgangs 1929/30 wurde er in einem HJ-Heim in Stadionnähe einquartiert und zeitweilig als Melder für den Glogauer Standortältesten eingesetzt, bis es ihn in ein sogenanntes Wehrertüchtigungslager im Riesengebirge verschlug, ohne dass er jedoch in die Kämpfe um den "Endsieg" hätte eingreifen müssen.

Ende Februar schien auch für uns in Naumburg die Lage kritisch zu werden. Die Napola war hoffnungslos überfüllt, obwohl in dieser Anstalt ohnehin nur Jungmannen der Unterstufe untergebracht waren. Weitere Ausweichstationen schien es nicht mehr zu geben. Also begann man diejenigen, die noch ein Zuhause hatten, nach Hause zu schicken, natürlich nur "vorübergehend", wie es im Sprachgebrauch ungebrochener Siegeszuversicht hieß.

"Leute, wir machen nur ‘ne Pause und geh’n noch mal nach Hause", reimte Hansi Lohmann in einem Anflug von Galgenhumor, insgeheim aber immer noch hoffend, seine Eltern bei seiner Tante in Leipzig zu treffen. "Schließlich haben wir ja unsere Weihnachts- und Winterferien noch nachzuholen, stimmt’s?"

Zunächst waren aber unsere jüngsten Kameraden, die Jungmannen der l. und 2. Züge, an der Reihe. Es wurden Listen angelegt, wie später auch für uns, wer, wann und wohin entlassen werden konnte. Da nur möglichst wenige in der Anstalt verbleiben sollten, war man nicht kleinlich, Adressen auch von entfernten Verwandten oder gar von Bekannten der Familien zu akzeptieren, wenn sie nur im mitteldeutschen Raum gelegen waren. Noch verkehrten Personenzüge der Reichsbahn, mehr oder weniger regelmäßig und pünktlich, getreu der Losung: "Räder müssen rollen für den Sieg!"

Anfang März wurden dann die meisten Zöglinge unseres Jahrganges verabschiedet. Und das geschah durchaus nicht sang- und klanglos, sondern mit einem zackigen Appell, bei dem der Anstaltsleiter noch einmal alle Register rückhaltlosen Bekenntnisses zu Führer, Volk und Vaterland zog. "Wir, eure Erzieher, sind uns gewiss", rief er aus, "euch in diesem Geist gestählt zu haben, so dass ihr - obwohl ihr vorübergehend die Gemeinschaft verlasst - alle Zeit und an jedem Ort treu zu unserer Fahne stehen werdet." Aus voller Kehle riefen wir dreimal "Sieg heil" und sangen noch einmal das Hitlerjugend-Lied, das da am Ende mahnt: "...denn die Fahne ist mehr als der Tod."

Zugführer Großmann, der anschließend die Fahrkarten verteilte, nahm sich noch Zeit, dem einen oder anderen aufmunternde Worte mit auf den Weg zu geben. "Nun, Hannes, Borna bei Leipzig, das ist ja nur ein Katzensprung und sicher kein Problem für dich." Er gab sich zuversichtlich, wurde aber nachdenklich, als ich ihm erzählte, dass ich noch keine Nachricht von meiner Mutter erhalten habe. "Du hast doch aber schon nach Borna geschrieben. Die Post geht heutzutage leider etwas länger. Vielleicht wartet aber in Borna eine gute Nachricht auf dich. Ich wünsche es dir. Auf alle Fälle bist du dort erst einmal gut aufgehoben."

Traurig für mich war, mich von meinem Freund Kalle zu trennen und nicht zu wissen, wo und wann ich ihn je wiedersehen werde. Er war bei unserem letzten Aufenthalt in Glogau zwar auch kurz zu Hause gewesen und hatte von seinem Vater eine Anlaufadresse in Potsdam erhalten, durfte aber im Augenblick nicht dorthin reisen. "Eben abwarten und Tee trinken", meinte er lakonisch, obwohl ihm doch ein wenig mulmig war, mich auf und davon ziehen zu sehen und selbst nicht zu wissen, was mit ihm passieren werde.

"Mach’s gut, Hannes", sagte er tapfer. "Halte die Ohren steif und die Fahne hoch! Wir sehen uns irgendwann und irgendwo in alter Frische wieder."

Zu den Kameraden, die den "Sonderurlaub" mangels Kontaktadressen nicht antreten konnten, gehörte auch Jgm.-Zugführer Hartmut Reuter, mit dem mich ein freundschaftliches Verhältnis verband. "Ich vermute", bekannte er mir, "in Parchim stehen schon die Russen."

"Glaube ich nicht, Hartmut", versuchte ich ihn aufzurichten. "Du hast doch gleich aus Potsdam an deine Familie geschrieben. Meine Post nach Glogau kann ich abschreiben, aber Parchim liegt doch weit im Hinterland. Die Briefe dauern eben länger, bei den gestörten Zugverbindungen. Pass auf, schon in den nächsten Tagen kriegst du Nachricht und kannst auch abdampfen."

"Wenn alles vorbei ist, Hannes, besuch mich doch mal", bat Hartmut. "Ich meine, nach dem Endsieg, falls wir ihn nicht doch noch gemeinsam erleben sollten."

Das sollten wir wohl nicht, obwohl wir auch zu diesem Zeitpunkt unseren Glauben an den Sieg der gerechten deutschen Sache noch nicht verloren hatten. Wir klammerten uns an den ehernen Napola-Grundsatz: Glauben, gehorchen, kämpfen! Noch war Deutschland nicht verloren!

Auf dem Leipziger Hauptbahnhof, der durch Bombenangriffe bereits arg in Mitleidenschaft gezogen war und viel von seinem Glanz als einer der größten und modernsten Eisenbahnstationen Europas eingebüßt hatte, verloren wir "Pimpfe" in unseren Napola-Uniformen uns fast in dem dichten Gewühl von Reisenden, darunter viele Flüchtlinge aus den östlichen Reichsgebieten. Doch wir hielten zusammen, wie eh und je, bevor es Abschiednehmen hieß und wir, nunmehr auf uns selbst gestellt, unsere eigenen Wege gehen mussten.

"Mach’s man gut, Kleiner! Wir sehen uns bald wieder", sagte ich zu Hansi Lohmann, der nur noch die Straßenbahn zu benutzen brauchte, um zu seinem Ziel zu gelangen. "Mach’s besser, Hannes, und viel Glück!" Und schon war der Kleine in der Menge untergetaucht, während ich nach dem Anschlusszug suchte. Ja, ja, Glück brauchte ich, um über den Umweg nach Borna meine Familie zu finden.

In der Stadt der Braunkohle, etwa 30 Kilometer südlich von Leipzig, angelangt, hatte ich erhebliche Mühe, mich zurechtzufinden. Ich musste mehrmals nach dem Weg fragen, bevor ich endlich mein Ziel erreichte und vor einem Reihenhaus am Stadtrand stand, das Namensschild sah und klingelte.

"Mein Gott, Junge, wo kommst du denn her? Du kannst doch nur der Johannes sein", empfing mich eine freundliche Frau, drückte mich an sich und sagte, dass sie mich schon seit einiger Zeit voller Ungeduld erwartet habe. "Zuerst das Allerwichtigste: Deine Mutter, dein Bruder und deine Oma sind wohlauf und freuen sich, dich bald bei sich zu haben."

Ich konnte es kaum erwarten, Einzelheiten zu erfahren, wurde aber erst einmal in die Wohnküche bugsiert, musste etwas essen und trinken und hatte dann meine Schwierigkeiten, den sprudelnden Erzählungen in einem mir ungewohnten Dialekt zu folgen. Meine Leute waren also im Erzgebirge und in Sicherheit. Ein Brief meiner Mutter aus Grünhainichen im Kreis Flöha bei Chemnitz war schon vor einem Monat in Borna eingetroffen. Sie habe auch nach Neuzelle geschrieben, aber keine Antwort erhalten.

Frau Wosnitza, so hieß meine sächsische Gastgeberin, bedauerte auch, von mir bisher keine Nachricht erhalten zu haben, obwohl ich ihr doch eine Karte aus Naumburg geschrieben hatte. Ja, ja, die Reichspost mit ihren kriegsbedingten Schwierigkeiten im Bahntransport der Sendungen. Und wie viel Briefe, Karten und Pakete mögen bei Luftangriffen auf Leipzig einfach verbrannt sein?

"Hauptsache, du bist wohlbehalten in Borna gelandet", sagte sie in ihrem breiten Sächsisch, das nicht nur herzlich und gemütlich klang, sondern auch so gemeint war. "Du kannst über Nacht bei mir bleiben, dich noch mal richtig rausfuttern und morgen früh mit dem ersten Zug nach Chemnitz fahren. Dort steigst du nach Flöha um, von wo aus es nicht mehr weit bis Grünhainichen ist."

Gesagt, getan! Mit den besten Wünschen für eine gute Reise und vielen lieben Grüßen nach Grünhainchen ging es dann, nachdem ich mich herzlich bedankt hatte, auf die letzte Etappe meiner Irrfahrt zurück in den Schoß der Familie, noch nicht ahnend, dass uns später bei dem Versuch, in die Heimat zurückzukehren, eine noch abenteuerlichere Odyssee bevorstehen sollte.

Die Eisenbahnfahrt verlief reibungslos, und so stapfte ich am frühen Nachmittag eine verschneite, nicht enden wollende Straße vom Bahnhof Grünhainichen hinauf in den erzgebirgischen Ort, der noch im Winterschlaf zu liegen schien.

Nur vereinzelt kamen mir Leute entgegen, die verwundert auf den wacker dahinmarschierenden kleinen Mann in der merkwürdigen Uniform schauten. Jetzt ziehen sie schon die Pimpfe ein, mögen manche gedacht und als meinen Bestimmungsort eine Nachrichteneinheit der Wehrmacht gewähnt haben, die sich am oberen Ortsausgang eingenistet hatte.

Auf Anhieb fand ich das zweistöckige Haus mit der Post in der Ortsmitte, in der eine Familie Kurze wohnte, die Flüchtlinge aus Schlesien aufgenommen haben sollte. Und da waren sie schon: Mit einem Freudenschrei umarmte mich meine Mutter, tränenüberströmt und überglücklich.

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