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Geschafft! Seit Juni sind Stadtmuseum Hohe Lilie, Romanisches Haus Bad Kösen (mit Käthe-Kruse-Sammlung) und Max-Klinger-Haus in Großjena wieder geöffnet. Die Hygieneregeln gelten weiterhin (med. Masken, AHA-Regeln).

Horst Kayser

"Flieger nähern sich Merseburg"

Naumburg. Bereits Tage vor dem Einmarsch der Amerikaner hielt ich mich als Zwölfjähriger mit meiner Mutter und meinem Bruder wegen des ständigen Fliegeralarms im Bierkeller des Restaurants "Alter Felsenkeller" auf. Denn wir wohnten am Linsenberg, wo bereits bei einer Bombardierung des ehemaligen Heereszeugamtes im August 1944 eine Bombe auf den Hof des Nachbargrundstückes gefallen war. Wir befanden uns damals im Keller dieses Grundstückes. Seitdem flüchteten wir bei Fliegeralarm in den Felsenkeller. Am Tag vor dem Einmarsch war eine längere Entwarnung. Das war Grund für meine Mutter und mich, nach Hause zu gehen, um für Essen zu sorgen. Während ich beim Bäcker Mayer in Grochlitz im Laufschritt Brot geholt hatte, kochte meine Mutter. Im Radio kam die Warnung: "Flieger über Hannover, Braunschweig, sie nähern sich Halle - Merseburg."

Das war für mich Anlass, sofort das Haus zu verlassen. Erst jetzt wurde Fliegeralarm ausgelöst. Dann ging alles sehr schnell. Tiefflieger schössen, und ich befolgte den Rat eines Erwachsenen, mich auf den Boden zu legen. Danach rannte ich einige Häuser weiter. Das Dröhnen der Flugzeuge war so Furcht erregend, dass ich in einem Haus Schutz suchte. Meine Mutter kam gerade hinzu, als es nur so von Bomben krachte. Nachdem diese Bomberwelle vorbei war, verließen wir das Haus. Dabei sahen wir, dass die schräg gegenüber liegende Häuserzeile von Bomben getroffen worden war. Mein Ziel war zunächst meine Tante, welche neben der Kläranlage Wohnte. Jedoch waren die zwei dort stehenden Häuser bereits durch Bomben getroffen worden. Ein weiterer Bombentrichter befand sich auf der Straße. Eine Radfahrerin lag tödlich getroffen in der Nähe. Aus den Trümmern kletterte eine Frau und klagte um den Verlust ihrer Tochter, welche tödlich verletzt wurde. Nun hörte man schon wieder das Brummen von Flugzeugen, Schutz bot mir jetzt ein Bauwagen. Diese Fliegerwelle hatte Brandbomben geworden. Ich lief dann in den Zuckerberg, er wurde von Strafsoldaten als Bunker ausgebaut. Alle, die nicht mehr bis zum Felsenkeller kamen, hatten darin Schutz gesucht. Eine Frau aus unserem Haus vermisste ihr fünf Wochen altes Baby. Sie hatte es ihrer Schwägerin übergeben, kam aber ohne das Kind an. In der bedrohlichen Situation während der Bombardierung hatte sie den Kinderwagen in eine Garage in der Nähe der Schweinemästerei geschoben und war davon gerannt.

Strafsoldaten, welche davon hörten, holten den Kinderwagen unter Androhung der Aufpasser. Dank dieses beherzten Einsatzes konnte das Baby gerettet werden, bevor das Haus von Brandbomben getroffen, ausbrannte. Im Zuckerberg befand sich auch ein Kind, was vermutlich durch Splitterwirkung verletzt wurde. Aus meiner Feldflasche wurde Wasser gereicht. Grundsätzlich wurde bei Alarm ein kleiner Rucksack mit etwas zum Essen, Trinken und Dingen des täglichen Bedarfs mitgeführt. Als die Lage sich beruhigt hatte, rannten alle wie auf Kommando Richtung Felsenkeller. Von diesen Ereignissen war ich so benommen, dass ich nicht weiß, wie ich die Stunden danach und die Nacht mit den vielen Menschen, darunter sehr vielen Kindern aus bombengefährdeten Städten, verbrachte. Ich weiß aber von einer großen Aufregung wegen eines Soldaten. Er musste den Keller verlassen. Auf einmal hieß es, die Amerikaner haben den Felsenkeller umstellt, wir sollten mit weißen Tüchern nach draußen gehen. Überhaupt war die Lage sehr brenzlig. Die Frage stand, was würden die Amerikaner machen? Besonders für diejenigen, welche sich im Keller im Bereich eines Luftschachtes aufhielten. Dieser endete oben im Garten, nahe an der Straße nach Schönburg, auf der amerikanischen Fahrzeuge fuhren.

Auf dem Wege nach Hause konnten wir erst einmal das große Ausmaß der Zerstörung wahrnehmen. Ein Teil der Häuser, die vorher durch Bomben getroffen wurden, hatten Brandbomben völlig zerstört. Außer den vielen Häusern, die linksseitig des Linsenberges beschädigt wurden, befanden sich viele Bombentrichter vor dem Erbsenweg, einer vor unserem Haus. Ein getötetes Pferd lag auf dem Feld gegenüber. Unsere Wohnung war zwar bedingt bewohnbar, doch mussten wir bei Regen eine Plane verwenden. Auf der gegenüber liegenden Seite war die Lage für die Anwohner schwieriger. Sie waren gezwungen, in Nebengelassen oder Ställen zu wohnen. Auf der Straße des Linsenbergs befanden sich Bombentrichter.