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Die Hygieneregeln gelten weiterhin (med. Masken, AHA-Regeln).

Von Joachim Vöckler

Seitdem hatte ich bei Fliegeralarm Angst

Ich war neun Jahre, als wir im Juni 1944 die Nachricht erhielten, dass mein Vater im Mai auf einem Flugplatz bei Reims gefallen war. Meine Mutter hatte diese Nachricht seelisch schwer getroffen, und sie hat sich bis zu ihrem Lebensende von diesem Schock nicht erholt. In dieser Zeit war auch bei uns in Naumburg oft Fliegeralarm, meistens nur Voralarm. Wir wurden nur überflogen und konnten dabei die Flugzeuge beobachten. Die Schule fiel gelegentlich aus, oder wir wurden wegen Fliegeralarm nach Hause geschickt.

Zur Ablenkung wollte meine Mutter am 16. August 1944 mit mir nach Bad Kosen. Vorher sollten noch Brötchen und Milch eingekauft werden. Mitbewohner der Burgstraße machten uns aufmerksam: "Der Kuckuck hat gerufen". Dies war ein Warnsignal im Radio zur Ankündigung von Feindflügen meist mit der Durchsage: "Angloamerikanische Bomberverbände sind eingeflogen in den Raum Hannover, Braunschweig." Da kamen sie oft bis hier in den mitteldeutschen Raum, warfen Bomben auf Halle, Merseburg, Leuna. Wir gingen trotzdem einkaufen. Als wir beim Bäcker Lisker am Marienplatz waren,’ erfolgte Voralarm und gleich danach Hauptalarm.

Wir begaben uns schnell auf den Heimweg. Zu Hause angekommen, fielen die ersten Bomben. Die Häuser Burgstraße 3 und 12 erhielten Volltreffer. Auf dem Weg in den Keller bekam ich Splitter ab. Vor unserem Haus Nummer 15 war auf der Straße in großer Bombentrichter. In der Nummer 4 hatte es mehrere Tote gegeben. Sie hatten an der Haustür gestanden und die Flugzeuge beobachtet. In unserer Wohnung waren die Fenster zerstört, Splitter und Putzstücke lagen herum, überall Staub und Dreck. Zum Aufräumen wollten wir unsere Oma holen, durften aber nicht wieder in die Straße zurück. Ein Blindgänger musste entschärft werden, und so waren wir bei meiner Tante untergebracht. Seitdem hatte ich bei jedem Fliegeralarm mächtig Angst. Wir gingen deshalb ab sofort in den öffentlichen Luftschutzkeller im Haus Markt 12.

Diese Angst hat mir vielleicht das Leben gerettet. Am 9. April 1945 war ich mit meiner Mutter auf dem Friedhof in der Weißenfelser Straße. Eine Bekannte meiner Mutter wurde beerdigt. Da ertönten plötzlich die Sirenen, und wir wurden aufgefordert, Keller aufzusuchen. Ich rannte meiner Mutter weg, wollte in den Luftschutzkeller am Markt. Meine Mutter lief hinterher. Mitte der Weißenfelser Straße fielen schon die ersten Bomben. Das Heereszeugamt wurde angegriffen. Bomben fielen auch in Grochlitz am Gänsegries sowie in der Innen-Stadt in der Salzstraße, Neustraße, Salzgasse, Neugasse und Topfmarkt. Ein Luftschutzhelfer riss uns von der Straße und brachte uns in den Keller des Friseur Rückart. Auch auf dem Friedhof, wo wir davor waren, sind Bomben gefallen.

Am 11. April war dann Panzeralarm. Wir gingen mit Koffer, Wertsachen und Betten in den Luftschutzkeiler am Markt. Dort waren bereits auch meine Oma und die Tanten. Wir verbrachten eine unruhige, ungewisse Nacht. Als es am Morgen immer noch verhältnismäßig ruhig war, gingen wir Kinder nach oben in den Hausflur und sahen, wie Soldaten und Hitlerjungen über den Markt von der Salzstraße her liefen. Plötzlich Motorengeräusche, und uns bekannte Fahrzeuge fuhren auf den Marktplatz. Die "Amis" waren da.