Drittes Reich

Gerhard Streidtmann, Hamburg

Langemarck-Denkmal

Ich wurde 1920 im Naumburg/Saale geboren. Infolge Einberufung zum Reichsarbeitsdienst und zur Wehrmacht bin ich nicht mehr nach Naumburg zurück gekehrt. Das war Mitte 1940. Allerdings habe ich die Stadt erst nach 1950 wieder kurz besucht.
Langemarck_1936 Das Langemarck-Denkmal, 1936
In Naumburg durfte ich eine schöne Jugendzeit verbringen, besondes an der Saale als Ruderer. Ein besonders starkem Eindruck machte allerdings auf mich als 13-jährigem die Einweihung des Langemarck-Denkmals am 6. Sept. 1933 auf der Waldschloßwiese und die Feierlichkeiten auf dem Marktplatz. Bei "Cafe Furcht" hatte ich einen Fensterplatz im I. Stock. Von hier aus konnte ich alles bestens verfolgen. In der Anlage erhalten Sie ein Foto vom Langemarck-Denkmal, das ja nicht mehr vorhanden ist.
Festzuhalten ist: Das Langemarck-Denkmal, das nun geschleift ist, sollte an die heilige Begeisterung und an das Opfer der 45.000 jungen deutschen Kriegsfreiwilligen, die auf den Schlachtfeldern Flanderns Okt./Nov. 1914 gefallen sind, erinnern. Es wurde von dem damaligen Vizekanzler vom Papen in Anwesenheit des ehemaligen Kronprinzen enthüllt. Eine Ehrenkompanie des Inf. Regts.11 aus Leipzig bildete bei dieser Feierlichkeit den militärischen Rahmen. Dies auch nur zur Erinnerung an die Vergangenheit.
Wolfgang Kupler

Ein Ostererlebnis

Ich muss so etwa sieben Jahre alt gewesen sein. Mit meinen Spielkameraden, aber auch mit meinen Eltern und meinem Großvater war ich manchmal im Michaelisholz gewesen. Ich kannte also den Weg von der Eckardtstraße bis dahin. Es muss am Ostersonntagvormittag gewesen sein, als ich niemanden in meiner Nachbarschaft zum Spielen hatte. Ohne lange zu überlegen, was ich bei dem schönen Sonnenschein anfangen sollte, zog ich los, den Flemminger Weg hoch in das Michaelisholz. Gleich am Anfang des Michaelisholzes ging ich den Weg in den Wald hinein, um dann den so genannten Schlangenweg hinunter zu gehen. Unten angekommen stand ich dann an einer Kreuzung, die rechts in das Kalte Tal nach Almrich und zur Schweinsbrücke führte. Nach links ging es im Wald weiter im Kalten Tal und geradeaus ging es zu den Sperlingshöhlen, deren Eingänge dann während der Zeit der DDR gesprengt und verschüttet wurden und zum Panoramaweg. An der Kreuzung sah ich mich um und sah so halb rechts auf dem damals mit Gras bestandenen Hang ein Ehepaar mit zwei Kindern. Die Kinder suchten etwas im Gras und ich sah, dass sie auch immer etwas fanden, das interessierte mich. Ich ging also mit hin zu dem Wiesenhang und suchte auch. Ich wurde von den Kindern und auch von deren Eltern nicht gehindert. Sie ließen mich mit suchen und ich fand Ostereier. Ich überlegte nicht, wie die dahin gelangt waren und durfte die gefundenen Ostereier behalten. Das war für mich eine große Freude und ein echtes Ostererlebnis. Als wir nicht mehr fanden machte ich mich wieder auf den Heimweg und ich war auch rechtzeitig vor dem Mittagessen wieder zu Hause.

In einem späteren Jahr war das Osterfest völlig verschneit, so dass meine Eltern die Ostereier im Garten auf den Bäumen verstecken mussten und von einem anderen Ostern weiß ich, dass wir am Nachmittag in der Küche saßen zum Kaffee und die Vorhänge zuzogen, weil die Sonne so warm in das Zimmer schien.

Wilhelm Grüneberg, Naumburg

Panzeralarm

Die Nerven aufs höchste gespannt, voll Angst und Sorge hatten die etwa 50 000 Einwohner von Naumburg die Nacht zum 12. April 1945 in den Kellern zugebracht, denn es war Panzeralarm gemeldet. Der Amerikaner stand vor den Toren der Stadt. Was mag geschehen? Was wird aus unserem Heimatort werden? Bange Fragen durchstürmen jedes Gemüt, als der Tag graut. Auf dem Marktplatz strömen Frauen, Männer und Kinder zusammen. Die Schrecken der letzten Tage und Nächte haben ihre Schrift geschrieben, die Furchen in den bleichen Gesichtern, die flackernden Augen. Das zerrissene Dach der Wenzelskirche schaut auf den glücklicherweise unbeschädigten Markt herunter. Die stattlichen Patrizierhäuser und das breite, schöne Rathaus haben nicht die Zerstörung erfahren, wie die vielen Wohn- und Geschäftshäuser zwischen Salz-und Neustraße, in der Marienstraße und in der Gartenstraße. Ich stehe sorgenvoll an der Einmündung der Marienstraße in den Markt und grüble über die vergangenen und die kommenden Ereignisse nach, die Augen auf das Rathaus gerichtet. Kinder lärmen, Erwachsene diskutieren. Es ist 9 Uhr.

Ein Schrei vieler Stimmen, es klingt wie befreit: "Da sind sie!" Was war geschehen? Ein kleines Auto, ein DKW, war aus der Herrenstraße kommend, im Torbogen des Rathauses verschwunden. Spähend und abwartend stand ich wie angewurzelt. Was hatte das zu bedeuten? Aus der Rathaustür kam plötzlich eine einzelne Person ohne Hut und Mantel, eine gedrungene Männergestalt. Sie ging ganz allein sinnend auf und ab. Was mochte dem Manne durch den Kopf gehen? Ich kannte ihn nicht. Ich hatte nie Gelegenheit gehabt, ihn seit seinem Amtsantritt kennen zu lernen. Einige Umstehende wollten genau wissen, dass es nicht der Oberbürgermeister sei. Immerhin war mir der so vereinsamte Mann in dieser Situation als Oberbürgermeister auch nicht erklärlich, da eine so hochgestellte Persönlichkeit meistens von vielen umgeben ist, besonders in dieser Lage wäre das anzunehmen gewesen. Aber ich sah den sichtlich mit sich selbst kämpfenden Mann, und ich ahnte nicht, dass der sonderbare Eindruck dieser Einsamkeit mich antreiben würde, mit dem Herrn in Verbindung zu treten, um vielleicht das Schicksal der lieben Stadt Naumburg mit bestimmen zu helfen. Der Mann ging vorn übergebeugt quer über den Markt in die Jakobsstraße und entschwand meinen Blicken. Ich wurde von einer inneren Stimme getrieben, dahin zu eilen, wo der Mann sein würde. Ich ging nach Hause und entledigte mich meiner mitgeführten Sachen und sagte meiner Frau: "Ich gehe gleich wieder, ich muss sehen, wo der Mann geblieben ist, den ich als Oberbürgermeister vermute." Sie wollte mich nicht mehr fortlassen, aber ich ließ mich nicht halten und eilte in die Jakobsstraße und dem Jakobsring zu.

Als hätte mich eine Hand geführt, stand ich auch bald auf dem Theaterplatz dem Manne gegenüber und stieß die Frage heraus: "Was soll nun werden, Herr Oberbürgermeister?" "Die Stadt wird verteidigt!" erwiderte er. Mir war es, als bekäme ich einen Schlag vor den Kopf. Meine Augen wurden feucht, und nach einigen Augenblicken der Fassungslosigkeit hatte ich mich gefestigt und stellte die Gegenfrage: "Wo ist die Verteidigung? Von wem soll die Stadt verteidigt werden? Der Amerikaner muss gleich kommen!" "Dort um die Ecke steht die Verteidigung, ein Feldwebel, ein Unteroffizier und sechs Mann", war die Antwort. Ich war so bestürzt, dass ich fast schrie: "Um Himmels willen, Herr Oberbürgermeister! Was hat man mit uns vor? Was soll das heißen?" Er antwortete: "Der Befehl ist gegeben, die Stadt zu verteidigen, der Befehl wird ausgeführt, und wenn die 50 000 Einwohner der Stadt zugrunde gehen!" Auf meine Frage, wer den Befehl erteilt hätte, erhielt ich zur Antwort: "Den Befehl gab der Stadtkommandant Oberst Scholz zusammen mit General Scotti. Beide sitzen in einem bombensicheren Unterstand in der Erholung. Rücksicht kann auf die Einwohner der Stadt nunmehr nicht mehr genommen werden." Von ungeheurer Sorge getrieben, ging ich - dorthin, wo nach Angaben des "Oberbürgermeisters" die Verteidigung sein musste. Ich traf den Führer dieser Streitmacht mit einem Karabiner und den Unteroffizier mit der geladenen Panzerfaust am Straßenrand und die sechs Mann im danebenliegenden Hof. Ich sagte zu dem Feldwebel: "Es ist umsonst, das Opfer ihres und ihrer Kameraden Leben, dazu das der Stadt mit 50.000 Menschen. Eine Verteidigung durch euch acht Mann ist eine Herausforderung. Sichert die Waffen! Es ist vorbei!"Da sah er mich mitleidsvoll an und antwortete: "Wir haben Befehl, den Panzer anzugreifen!" Ich sah ihn in die Augen, drehte mich um und ging zum Oberbürgermeister zurück. "Nun, was sagt die Verteidigung?" fragte der Oberbürgermeister." Meine Antwort: "Es ist schamlos, was man hier treibt! Um einen Panzer zu vernichten, will man 50 000 Menschen opfern! Er hat Befehl, den Panzer anzugreifen, der bald kommen soll."

Die Lage war ernst, furchtbar. Bankdirektor Randebrok, der im Vorbeigehen fragte, was nun werden würde, erhielt die Antwort: "Die Stadt wird verteidigt!" Er glaubte an einen Scherz, doch der Oberbürgermeister bestätigte ihm, was er soeben gehört hatte. Nachdem Randebrok sich zurückgezogen hatte, kam W. B. mit Begleitung vorbei. Er fragte: "Was machst du denn hier, du bist ja so aufgeregt?" Ich erzählte ihm alles, was der Bürgermeister dann bestätigte. W. B. war empört und forderte mich auf, die Verteidiger zu verhaften. Ich sagte: "Das ist ein großes Wagnis und kann den Tod durch den eigenen Landsmann bedeuten." Er ging. Nach einigen Minuten kam er mit ernster Mine zurück und sagte: "Wenn das geschieht, sind wir alle verloren. Ich habe mit dem Feldwebel gesprochen, er ist stur und hat Befehl!" Damit verließ uns W. B. Wieder standen der OB und ich allein. Da kam plötzlich aus der Grochlitzer Straße des Oberbürgermeisters DKW und wollte vorüber. "Da ist ja mein Wagen!" schrie der OB und hielt ihn an. Die Insassen waren der Feldwebel und der Unteroffizier. Während ich mich noch darüber wunderte, flitzte ein amerikanischer Schnellwagen heran, die Maschinengewehre auf uns gerichtet. "Hands up" wurde geschrien. Wir streckten alle die Arme in die Luft.

Helge Barth

Häuser in Salzstraße von Bomben getroffen

Naumburg. Am 9. April 1945 heulten, wie täglich in dieser Zeit, in Naumburg die Sirenen. Es muss so um die Mittagszeit gewesen sein. Jeder nahm die ihm zugedachten Sachen. Wir gingen in den Hof, unmittelbar neben den Kellereingang. Von weitem schon hörte man das tiefe Brummen der Flugzeuge. Wir schauten zum Himmel, um die Maschinen zu beobachten oder die abgeworfenen Stanniolstreifen, Lametta genannt, einzusammeln.

Aber diesmal war nichts zu sehen. Nochmals gingen die Sirenen an. Dann rannten wir in den Keller. Ein schrilles Pfeifen, welches immer lauter wurde, erfüllte den Kellerraum. Eine heftige Explosion erfolgte, der Splitterschutz vor dem Notausstieg flog davon. Qualm und Staub schössen durch die Öffnung in den Keller. Angst und Schrecken herrschten. Sofort gingen wir in den Tiefkeller. Hier gab es keinen Strom. Die Dunkelheit machte uns Angst. Kerzen und Taschenlampen gaben ein gespenstisches Licht. Dumpf klangen die Explosionen bis hier herunter. Sand und Kalk rieselten bei jedem Einschlag aus den Fugen des Mauerwerkes. Ich kauerte in einer Ecke bei meiner Mutter und weinte vor Angst. Es ging Schlag auf Schlag, und es war so schrecklich. So plötzlich wie der Luftangriff begonnen hatte, hörte er nach einer endlos scheinenden Zeit wieder auf. Da wagten sich mein Vater, der mit einem Handdurchschuss als Verwundeter im Naumburger Lazarett behandelt wurde, und Herr Brauer heraus.

Das Haus unserer Großeltern, Nummer 39, war zerschlagen. Über Notausgänge und Kellerdurchbrüche konnten sie über die Salzstraße 38 aus dem verschütteten Keller gerettet werden. Ich weiß noch, dass meiner Großmutter das zerstörte Haus und der Verlust anderer Habe in dem Moment nicht bewusst war. Sie weinte und jammerte nur um ihre erschlagenen Hühner.

Als Sechsjähriger konnte ich das alles nicht fassen. Kurz vorher hatte ich noch auf dem Hof gespielt -und jetzt nur noch Berge von Trümmern. In der Salzstraße standen von Nummer 33 bis zur Sparkasse nur noch die Fassaden der Häuser.

Dahinter war alles in Schutt und Asche gelegt. Teilweise brannte es. In der Druckerei Sieling brannte der Dachstuhl, die Feuerwehr war schon am Löschen. Das Lebensmittelgeschäft Langbein, Salzgasse/ Ecke Salzstraße, war vollkommen zerstört. Die gesamte Posthalterei, Rückgebäude der Nummer 35, war ein riesiger Trümmerhaufen. Von der Salzstraße über die Salzgasse zur Neustraße und bis zur Neugasse ein Feld der Zerstörung. Vom Textilhaus Matthias stand nur noch die Vorderfront. Ein riesiger Bombentrichter, von einer der schrecklichen Luftminen angerichtet, war am Topf markt vor der Wenzelskirche. Die leichte Absenkung in der Straße und die Splittereinschläge in der Fassade der Wenzelskirche sind noch heute Zeugen jenes furchtbaren Tages.

Rettungsdienste, soweit noch vorhanden, und viele andere Helfer suchten nach Verschütteten. Aus der Polizeistation in der Salzgasse wurden zahlreiche Todesopfer geborgen. Fast alle Nachbarn von uns standen innerhalb kürzester Zeit vor dem Nichts. Hab und Gut alles verloren. In den verschonten Häusern gab es keine Fensterscheiben mehr, in den Wohnungen lagen meterhohe Schuttberge. Weitere Zerstörungen waren noch auf dem Wenzelsfriedhof und dem Heeres-zeugamt. Der Wenzelsfriedhof wurde daraufhin eingeebnet. Einige Bombentrichter waren in den Streitweiden. Am 11. April 1945 gegen 21 Uhr standen die ersten amerikanischen Truppen in Bad Kosen an der Saale, welche dann am 12. April 1945 auch Naumburg besetzten.

Horst Kayser

"Flieger nähern sich Merseburg"

Naumburg. Bereits Tage vor dem Einmarsch der Amerikaner hielt ich mich als Zwölfjähriger mit meiner Mutter und meinem Bruder wegen des ständigen Fliegeralarms im Bierkeller des Restaurants "Alter Felsenkeller" auf. Denn wir wohnten am Linsenberg, wo bereits bei einer Bombardierung des ehemaligen Heereszeugamtes im August 1944 eine Bombe auf den Hof des Nachbargrundstückes gefallen war. Wir befanden uns damals im Keller dieses Grundstückes. Seitdem flüchteten wir bei Fliegeralarm in den Felsenkeller. Am Tag vor dem Einmarsch war eine längere Entwarnung. Das war Grund für meine Mutter und mich, nach Hause zu gehen, um für Essen zu sorgen. Während ich beim Bäcker Mayer in Grochlitz im Laufschritt Brot geholt hatte, kochte meine Mutter. Im Radio kam die Warnung: "Flieger über Hannover, Braunschweig, sie nähern sich Halle - Merseburg."

Das war für mich Anlass, sofort das Haus zu verlassen. Erst jetzt wurde Fliegeralarm ausgelöst. Dann ging alles sehr schnell. Tiefflieger schössen, und ich befolgte den Rat eines Erwachsenen, mich auf den Boden zu legen. Danach rannte ich einige Häuser weiter. Das Dröhnen der Flugzeuge war so Furcht erregend, dass ich in einem Haus Schutz suchte. Meine Mutter kam gerade hinzu, als es nur so von Bomben krachte. Nachdem diese Bomberwelle vorbei war, verließen wir das Haus. Dabei sahen wir, dass die schräg gegenüber liegende Häuserzeile von Bomben getroffen worden war. Mein Ziel war zunächst meine Tante, welche neben der Kläranlage Wohnte. Jedoch waren die zwei dort stehenden Häuser bereits durch Bomben getroffen worden. Ein weiterer Bombentrichter befand sich auf der Straße. Eine Radfahrerin lag tödlich getroffen in der Nähe. Aus den Trümmern kletterte eine Frau und klagte um den Verlust ihrer Tochter, welche tödlich verletzt wurde. Nun hörte man schon wieder das Brummen von Flugzeugen, Schutz bot mir jetzt ein Bauwagen. Diese Fliegerwelle hatte Brandbomben geworden. Ich lief dann in den Zuckerberg, er wurde von Strafsoldaten als Bunker ausgebaut. Alle, die nicht mehr bis zum Felsenkeller kamen, hatten darin Schutz gesucht. Eine Frau aus unserem Haus vermisste ihr fünf Wochen altes Baby. Sie hatte es ihrer Schwägerin übergeben, kam aber ohne das Kind an. In der bedrohlichen Situation während der Bombardierung hatte sie den Kinderwagen in eine Garage in der Nähe der Schweinemästerei geschoben und war davon gerannt.

Strafsoldaten, welche davon hörten, holten den Kinderwagen unter Androhung der Aufpasser. Dank dieses beherzten Einsatzes konnte das Baby gerettet werden, bevor das Haus von Brandbomben getroffen, ausbrannte. Im Zuckerberg befand sich auch ein Kind, was vermutlich durch Splitterwirkung verletzt wurde. Aus meiner Feldflasche wurde Wasser gereicht. Grundsätzlich wurde bei Alarm ein kleiner Rucksack mit etwas zum Essen, Trinken und Dingen des täglichen Bedarfs mitgeführt. Als die Lage sich beruhigt hatte, rannten alle wie auf Kommando Richtung Felsenkeller. Von diesen Ereignissen war ich so benommen, dass ich nicht weiß, wie ich die Stunden danach und die Nacht mit den vielen Menschen, darunter sehr vielen Kindern aus bombengefährdeten Städten, verbrachte. Ich weiß aber von einer großen Aufregung wegen eines Soldaten. Er musste den Keller verlassen. Auf einmal hieß es, die Amerikaner haben den Felsenkeller umstellt, wir sollten mit weißen Tüchern nach draußen gehen. Überhaupt war die Lage sehr brenzlig. Die Frage stand, was würden die Amerikaner machen? Besonders für diejenigen, welche sich im Keller im Bereich eines Luftschachtes aufhielten. Dieser endete oben im Garten, nahe an der Straße nach Schönburg, auf der amerikanischen Fahrzeuge fuhren.

Auf dem Wege nach Hause konnten wir erst einmal das große Ausmaß der Zerstörung wahrnehmen. Ein Teil der Häuser, die vorher durch Bomben getroffen wurden, hatten Brandbomben völlig zerstört. Außer den vielen Häusern, die linksseitig des Linsenberges beschädigt wurden, befanden sich viele Bombentrichter vor dem Erbsenweg, einer vor unserem Haus. Ein getötetes Pferd lag auf dem Feld gegenüber. Unsere Wohnung war zwar bedingt bewohnbar, doch mussten wir bei Regen eine Plane verwenden. Auf der gegenüber liegenden Seite war die Lage für die Anwohner schwieriger. Sie waren gezwungen, in Nebengelassen oder Ställen zu wohnen. Auf der Straße des Linsenbergs befanden sich Bombentrichter.

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