Zwischenkriegszeit

Johanna Eberlling , Freyburg (1930)

Tanzstunde

Eberling02Johanna Eberlings Klasse des Lyzeums 1923/24 Bis zur Untersekunda besuchte ich als Naumburgerin das Lyzeum. In dem Jahr war noch die Tanzstunde eingeplant. Meine Freundinnen und ich fuhren regelmäßig in der Zeit an einem Wochennachmittag nach Pforta. Einige Mütter fuhren auch mit. Wir trafen uns im großen Saal oder der Aula. Auf der Bühnenempore sassen dann die Mütter mit Frau Dr. Bienemann, sie war die Dame, die für Anstand und gute Sitten sorgte. Frau Guderwill war die Tanzlehrerin. Sie kam aus Weimar, quälte sich mit Bus und Bahn ans Ziel, an eigene Autoanfahrt war noch nicht zu denken. Ein Klavierspieler und eventuell ein Geiger begleiteten unsere ersten Schrittversuche zum Gesellschaftstanz. Was wurde denn gelernt? Walzer, Rheinländer, Tango, Polka, Quadrille, Polonaise und? Wir durften einmal vortanzen. In der Pause durften wir dann im Park spazieren gehen. Zum Abschluss dieser kurzen Zeit gab es dann das erste Ballkleid, 3/4 lang durfte es dann sein. Wir hatten meist hölzerne Fächer, zum Teil schön gemustert. Auf der Rückseite hatten sich dann bis zum Abschied alle Tänzer mit ein paar passenden Worten eingetragen. Ich bekam von meinem Tanzstundenherrn geschrieben: “Als die ‘Römer’ frech geworden, sim serim, sim sim- tanzte sie mit Pfortas Horden, sim serim, sim sim. Eckehard Pätzold, 24.9.1930 aus Wittenberg”.

In der Zeit entwickelte sich ein netter Spaß. Die großen Ferien begannen, es war gerade Kirschfest. Die meisten Schüler kamen von weit her. An dem Tag fuhren sie mit dem Nachtzug erst. Das Gepäck wurde bei uns im Haus in Bahnhofsnähe untergestellt. Einige Mädels kamen, andere wurden abgeholt, um gemeinsam Kirschfest zu feiern. Ein Elternpaar hatte ein Kirschfestzelt auf der Vogelwiese, bei ihnen gab es für alle Kaffee und Kuchen. Gegen Abend wurde eine Rostbratwurst für 25 Pfennig gegessen. Anfang und Ende der Wurst lugte noch lang aus dem Brötchen heraus.

Schülermützen

Alle Schulen hatten für die Jungens Schülermützen, die mußten getragen werden, um mit gutem Benehmen für die Schule Ehre einzulegen. So trugen die Pfortenser lila, die Domschüler blau, die Realschule rot, die Mittelschule grün, die Knabenschule schwarz, die Stabilaner grün mit Silbertresse. Die Mädchen vom Lyzeum trugen Kornblumenkränze im Haar. Dies war die Lieblingsblume der Königin Luise, nach ihr hieß unsre Schule damals auch: Luisen-Oberlyzeum. Die Kränze, vorwiegend beim Kirschfestumzug nur, trugen die jüngeren Schülerinnen. Es gab in Pforta eine gute Grundausbildung für einen Beruf. Aber dann kam der Krieg und raffte so manchen von ihnen dahin. Und warum muss das sein, das fragen wir uns heute schon wieder. Warum?

Dora Dammert, Naumburg, Naumburg (um 1929)

Schulwege

An der Hand meiner Mutter war es der erste Weg zur Schule. Auf dem Rücken der Ranzen aus Hartpappe, mit Segeltuch überzogen. Inhalt: die Fibel, Schiefertafel, Schieferkasten und Stift; fünf Jahre und acht Monate alt war ich, und es war schon möglich, in die Schule gehen zu können. Es mußten körperliche und geistige Voraussetzungen vorhanden sein. Die Schiefertafel war mit einer Holzleiste umkleidet, seitlich mit einem Loch versehen.

An dem durchgeschobenen Bindfaden hing der kleine Schwamm und ein Läppchen. Das war das Praktische, hatte man später unsauber oder fehlerhaft geschrieben, konnte man es wegwischen und besser wiederholen. Und billig war es dann auch. Der lange Faden mit Schwamm und Läppchen baumelte zunächst außerhalb des Ranzens hin und her. Also ein Wahrzeichen eines Schulanfängers. Unser Schulbeginn war in der 9. Klasse, und wer das Ziel erreichte, wurde in der 1. Klasse mit dem Zeugnis der mittleren Reife entlassen.

So war es in der Mittelschule, die einige Jahre vorher noch „gehobene Bürger- und Mittelschule” hieß. Der Weg vom Ende des Linsenberges bis zur Schulstraße war schon weit. Noch weiter hatten es Schülerinnen aus den Almricher Weinbergen. Bei Wind und Wetter, und damals noch Wintern mit viel Kälte und Schnee. Aber so war das, und so wurde es hingenommen. Es gab noch keine gemischten Klassen. Das Backsteingebäude Schulstraße war den Mädchen, das anschließende den Jungen vorbehalten. Es gab die Hilfsschule, Volksschule, Mittelschule, Lyzeum, Realgymnasium, Domgymnasium, Staatliche Bildungsanstalt (ehem. Kadette) und Privatschule. Ab Mittelschule mußte Schulgeld gezahlt werden. Zehn Mark klingt wenig, aber der Monat war schnell um, und für viele Eltern war es schon ein Opfer bei geringem Verdienst. 35 Schülerinnen waren wir im ersten Schuljahr. Doch das änderte sich bald.
Durch Verzug, Sitzenbleiben, Übergang zur Volksschule oder zum Gymnasium wurde die Klassenstärke reduziert. Es gab noch keine Grundschule, und die Eltern konnten gleich zu Beginn eine Schule wählen. Ab 3. Klasse wurden dann die Klassen a und b zusammengelegt. Unsere Fächer liefen damals noch unter den deutschen Bezeichnungen wie Lesen, Geschichte, Rechtschreibung, Gedankenausdruck, Rechnen, Erdkunde, Naturlehre.

Gelehrt wurde uns in der 9. Klasse die deutsche Schrift, und viel später erlernten wir dazu die lateinische. Dass die deutsche Schrift so ganz unter den Tisch gefallen ist, ist sehr schade. Wer kann heute schon den Brief einer Urgroßmutter lesen, wenn er deutsch geschrieben ist. Englisch gehörte mit zum Pflicht-Unterrichtsfach. Zwischen französisch, Hauswirtschaftslehre und Kochen konnte man wählen. Französisch hatten wir, wegen geringer Beteiligung, mit den Knaben gemeinsam. Das war für uns Zwölfjährige zweimal wöchentlich natürlich das große Ereignis.
Was uns Mädchen nicht vergönnt war - die Jungen trugen Schülermützen. Schicke Tuchmützen mit schwarzem Lackschild. Jede Schule hatte ihre eigene Farbe. Im Stadtbild sah man sofort, wer zu welcher Schule gehörte. Die Mützen wurden auch außerhalb der Schule getragen. Mittelschule hatte grüne Mützen mit dem seitlichen Klassenband. Besonders gehörten die Mützen während des Kirschfestumzuges dazu, woran noch Schüler aller Schulen bis zur obersten Klasse teilnahmen. Das war ein buntes Treiben. Auch wir hatten unsere Lieblingslehrer. Ich will nur einen mit Namen nennen. Gewiss ist er alten Naumburgern bekannt, Papa Elkner nannten wir ihn. Unseren Lehrer in Naturkunde. Er lehrte uns, die Natur mit offenen Augen und Herzen zu erfassen. Es wurde ein Heft angelegt mit dem Leitwort für jeden Tag: „Was uns heute auffiel”. Es fand sich immer etwas. Oft wurde dieser Unterricht in die Natur verlegt. Turnen fiel in die Vormittagsstunden.

Mein vier Jahre älterer Bruder gehörte zu den Genießern. Ich nur zwei Tage in seiner Vertretung, um die Marken nicht verfallen zu lassen. Noch heute ist es mir in Gedanken an damals peinlich, weil ich mein Dabeisein genau erklären mußte, da man mir keine Bedürftigkeit ansah. Auch zur Kinderlandverschickung, vier Wochen in die Schweiz, konnte mein Bruder mit dabei sein. Für die Eltern war alles kostenlos.

Sport und Spiel

Zum Sport zweimal nachmittags gingen wir in die Lehmgrube. Dort konnten wir uns beim Völkerball so richtig austoben. Im Winter war unsere Rodelbahn „die große Kadette”. Vom Flemminger Weg bis zur Kösener Straße ging die Fahrt, und kein Auto störte uns. Es gab noch wenig Autobesitzer. Durch die Kleine Saale wurden die Pfortenwiesen überflutet, und es gab keine bessere Schlittschuhbahn.
Das erste Schuljahr war auch das erste Nachkriegsjahr. Ich kann mich nicht mehr an den häuslichen, bestimmt meist dürftigen Speiseplan erinnern. Bei vielen Kindern machte sich das bemerkbar. So gab es für Schüler, die es durch schnelles Wachstum, überstandene Krankheit usw. besonders nötig hatten, in der Schule während der Mittagspause Quäker-Speise. Die Quäker waren eine in England entstandene religiöse Gemeinschaft, die sich in Amerika auch schnell ausbreitete und wohltätig wirkte. Von dort kam dann die Spende. Es gab einen großen Becher Milchkakao und ein großes Brötchen.
Einmal monatlich war Wandertag in heimatlicher Umgebung. Im Vierteljahr ein großer Wandertag. Unser sehnlichster Wunsch, in einer Jugendherberge zu übernachten, wie es in den Jungenklassen üblich war, wurde nie erfüllt. Unsere Ziele waren Eisenach, Weimar, Jena, Leipzig. Lehrerinnen waren damals meist unverheiratet. Unsere Lehrerin, für uns eine „alte” Dame, glaubte vielleicht, mit uns jungem Volk, das gern mal über die Stränge schlug, nicht klar zu kommen. So sehe ich es heute, wenn ich unser Verhältnis überdenke.
Bei jeder Wanderung wurde der Rucksack mit Tagesproviant mitgenommen. So brauchten nur Getränke bezahlt zu werden. Geld war damals schon knapp. Die Schulentlassung fiel in die Zeit, wo Nachkriegsbelastung, der Putsch in Naumburg und Inflation vorüber waren. Aber es war etwas anderes da, was die Menschen bedrückte, die große Arbeitslosigkeit für viele Jahre. Ja - auch die kannte man damals schon.
Waren wir Musterschüler? Nein, gewiss nicht, aber doch einige, aber dazu gehörte ich nicht. Auch wir versuchten, einige Lehrer mal „auf die Palme" zu bringen. Aber ich glaube, es ist uns gar nicht gelungen. Meist waren es Dinge, die keinem Lehrer durch Erfahrung unbekannt waren, und im Vergleich waren sie harmloser Art. Schläge - nein, die hat es während der ganzen Schulzeit nicht gegeben. Wie ich oft vom Erzählen hörte, war das in der vorherigen Generation doch noch üblich. Schläge sind ja immer ein Zeichen von Ohnmacht.

Dora Dammert, Naumburg (um 1930)

Bubikopf

Da schreibe ich über zwei Episoden, die mir noch deutlich in Erinnerung sind. Die Häuser der Bebelstraße, schöne alte Villengrundstücke, stammen aus der Gründerzeit. Mein Vater war als Malergeselle mit dort tätig gewesen. Es wird 1919 gewesen sein, ich 6 Jahre alt, als ich mit ihm vom Luisenberg, wo ich aufgewachsen bin, Richtung Stadt die damalige Sedanstraße entlang ging. Er erklärte mir unter anderem, dass in dieser Straße der Belästigung wegen, die Pferde-Fuhrzeuge mit ihren Kohle- und Kartoffel-Lieferungen nur zu bestimmten Zeiten fahren konnten. Vielleicht damals schon unbewusst, sagte ich: “Was bilden sich die Leute ein.” Da kam die Antwort: “Du sprichst ja wie ein Kommunist.” Ich wusste nicht, wer ein Kommunist ist. Hätte ich es gewusst, sicher hätte ich gesagt: “Der hat recht.” Trotz des Krieges und der folgenden nicht leichten Zeit, war es noch die Einstellung der damaligen Zeit.
Ein zweites auf anderem Gebiet war im Jahre 1929. Es war der Anfang der Bubiköpfe und es war mein größter Wunsch dazuzugehören. Meinen Eltern war das gar nicht recht. Mir wurde gesagt: “Wenn du aus der Schule bist, kannst du die Haare abschneiden lassen.” 1928 war Konfirmation, aber es hieß, du gehst doch noch weiter, mit 9 Jahren erreichte man die “mittlere Reife”. Anschließend wurde gesagt: “Du gehst doch noch zur Handelsschule.” Immer in dem Glauben, ich käme von meinem Wunsche ab. Doch dann war es soweit. Nochmal kam eine Bremse, als mir Frisörmeister Ranik, Salzstraße sagte: “Wollen sie wirklich ihren langen, dicken, schwarzen Zopf abschneiden lassen?” Ich wollte und gleich, zum Entsetzen der Eltern kam ich mit einem so genannten “Herrenschnitt” nach Hause. Die Freude währte nicht allzu lange. Nach langer Stellensuche in der damaligen großen Arbeitslosenzeit, hatte ich das große Glück, wie ich es 47 Jahre empfunden habe, die späteren Jahre LDZ, im Hause Liebig, beim Naumburger Tageblatt anfangen zu können. Nach etwa 4 Wochen sagte mir unser Prokurist Lohre: “Wissen sie, was Glasrichter, er gehört zum Geschäfts- und Freundeskreis unseres Seniors, gesagt hat? Heinrich, du hast ja eine Dame mit Bubikopf eingestellt.” In diesen Worten lag ein großer Vorwurf mit stiller Aufforderung. Was die Eltern nicht geschafft hatten, jetzt ließ ich mir meinen Zopf bei Perückenmacher Munkelt, Großvater vom Friseurmeister Riesebeck in einen fachgerechten “falschen Wilhelm” umarbeiten. Sobald die Haare etwas länger waren, wurde er daran befestigt und nun war der als Brezel gelegte Knoten wieder am Kopf. So war die damalige Zeit, natürlich nicht überall wurde so konservativ gedacht. Alles liegt in der Entwicklung der Zeit.

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