Zwischenkriegszeit

Hans-Gert Kirsche, Ahrensburg (um 1930)

Ein Haus, das es nicht mehr gibt

Im Hause Bismarckplatz (zu DDR-Zeiten “Platz der Einheit”, jetzt Theaterplatz) Nr. 2 hat Familie Kirsche von 1922 bis Oktober 1936 gewohnt, hier habe ich meine ganze Naumburger Kindheit verbracht. Das Haus war Eigentum der Stadt Naumburg, zuvor hatte der Oberbürgermeister Dietrich in der 1. Etage gewohnt, aber für den war die an sich große und repräsentative Wohnung mit der Zeit zu klein geworden (er hatte sechs Töchter!), und er zog in eine größere Villa im Bürgergartenviertel. So konnte mein Vater die Wohnung bekommen, als er 1922, als Kreisarzt im Hauptamt und Stadtarzt im Nebenamt, von Hannover wieder nach Naumburg zog, wo er aufgewachsen war. Ich weiß noch, dass die Monatsmiete 110 Reichsmark betrug, das war auch für damalige Verhältnisse ein kulanter Preis.
Das Haus lag günstig an der “Promenade”, die als breite Allee mit hohen Bäumen rings um die Altstadt führt - “unser” Stück heißt jetzt auch wieder “Jakobsring” wie damals. Bis zur Dienststelle meines Vaters, dem Gesundheitsamt im “Schlößchen” am Markt, waren es nur ein paar Schritte, gerade mal die Jakobsstraße hinunter. Wenn er allerdings, ob nun für dienstliche Fahrten in seinem großen Landkreis (bis Kölleda am äußersten westlichen Zipfel waren es fast 50 Kilometer) oder für private, sein Auto brauchte, musste er etwas weiter laufen, und genau in die entgegengesetzte Richtung: am Haus gab es keine Garage, und der Wagen war beim Autohaus Possögel, ein ganzes Stück die Weißenfelser Straße hinaus, untergestellt.

Das Haus, 1874 erbaut, war zu unserer Zeit in hellem Sonnengelb gestrichen, mit Simsen und Fensterumrandungen in einem warmen Rot. Die vorgebauten Veranden im Parterre und im zweiten Stock waren nur an den Seiten verglast und nach vorn offen, nur wir in der 1. Etage hatten auch vorn breite Schiebefenster, so dass dies ein zusätzlicher heller Wohnraum war, in dem die Eltern, zumindest in der warmen Jahreszeit, gerne frühstückten und in dem meine Mutter ganzjährig ihre reichhaltige Kakteenzucht pflegte. Nach dem Kriege, als das Haus zunächst einen sowjetischen Stab und dann Polizei- und städtische Dienststellen beherbergte, hat man den wohl baufällig gewordenen Verandavorbau ganz abgerissen, alle Simse abgeschlagen und den ganzen Bau mit dem schmutzig-grauen DDR-Einheitsputz überzogen, der nicht mehr ahnen ließ, dass dies einst ein herrschaftliches Haus mit eleganten Wohnungen gewesen war. Im Herbst 1997 wurde es zusammen mit den angrenzenden niedrigeren (und viel älteren) Gebäuden am Jakobsring ganz abgerissen. Dort ist nun ein millionenteurer, weitläufiger und supermoderner Kino-Komplex entstanden, und nichts erinnert mehr an die Stätte meiner Kindheit.
Der ziemlich große Garten vor dem Haus war gegen die beiden Straßen, die sich am Bismarckplatz trafen (Weißenfelser und Jakobsring) durch ein schmiedeeisernes Gitter auf niederem Betonsockel abgegrenzt und bestand vorwiegend aus Rasen. Nur am Rande, zum Haus und zum benachbarten Realgymnasium hin, standen etliche hohe alte Bäume, auch stattliches Gebüsch, meist Flieder. In der Mitte der Rasenfläche gab es ein kreisrundes Rosenbeet. Von hier aus konnte man ungehindert beobachten, was alles auf dem Platz und den Straßen, die auf ihn mündeten, vor sich ging, und war doch geschützt und eingehegt. Hier habe ich viele Sommertage auf einer Decke gelegen, bäuchlings in ein Buch vertieft, oder auch mit meinen Freunden gespielt, zuweilen auch nur mit unserem weißen Samojedenspitz. In meiner Erinnerung waren alle Sommer dieser Naumburger Kindheit lang und heiß, die Winter dafür um so kälter. Es kam immer mal wieder vor, dass die Wasserrohre, die in dem alten Haus ungenügend isoliert in den Außenmauern verliefen, eingefroren waren und beim Auftauen in den Räumen allerlei Überschwemmungen produzierten. Und wenn wir das, was von unserem Frühstückskakao übrig geblieben war, in einem Blechbecher außen aufs Fensterbrett stellten, war es im Handumdrehen zu so etwas wie Schokoladeneis gefroren
Wer alles in dem nur zweistöckigen, uralten Nachbarhaus am Jakobsring wohnte, offenbar doch nicht wenige Mietparteien, daran habe ich keine genaue Erinnerung mehr, obwohl ich mit den Gleichaltrigen unter den Nachbarskindern spielte, bis ich in die Schule kam und dort neue Freunde gewann. In unserer Nummer 2 gab es nur drei, allesamt “gutbürgerliche” Mietparteien. Unter uns, im Hochparterre, lebte Pastor Müller mit seiner Frau, ohne Kinder, aber mit einem uralten, asthmatischen schwarzen Dackel (“Pasters Männe”). Er war Hauptpastor an der Wenzelskirche und führte als solcher den altfränkischen Titel “Archidiakonus”, ein schrumpliges, buckliges Männlein, aber von unerschütterlicher Freundlichkeit. So viel ich weiß, hat er mich getauft, denn wir gehörten zur Wenzelsgemeinde. Als er Anfang der dreißiger Jahre pensioniert wurde, zog er aus, und sein Wohnungsnachfolger wurde wieder “ä Huckcher”: der Rechtsanwalt Amwege, gnomenhaft und irgendwie verkniffen wirkend, aber als Anwalt offenbar recht erfolgreich. Seine Frau, zwei Kopf größer als er, war eine strahlend blonde Schönheit, und seine vier kleinen Kinder waren, wenigstens äußerlich, offensichtlich nach der Mutter geraten.
Über uns, in der 2. Etage, wohnten Kremers. Frau Kremer war die Witwe eines Landgerichtsrates, und ihre drei Kinder waren zu meiner Zeit praktisch schon erwachsen. Erich, der Älteste, ging zur Marine und wurde im 2. Weltkrieg einer der erfolgreichsten, und entsprechend hochdekorierten, deutschen U-Boot-Kommandanten. Die Tochter Lucie wurde französisch ausgesprochen, “Lüssie”, weil ihre Mutter gebürtige Elsässerin war. Der Jüngste, Hans, machte bald auf dem Realgymnasium nebenan sein Abitur. Ich erinnere mich noch genau, wie er sich als etwa Sechzehnjähriger auf dem höchsten Baum zwischen Hof und Garten eine Baumhütte baute, etwa auf der Höhe der elterlichen Küchenfenster, und sich von dort auf einem zu diesem Zwecke von ihm konstruierten Seilzug allerlei Proviant in seine luftige Behausung hinüber bugsieren ließ. Zu den beiden Mitbewohnerfamilien, oben wie unten, hatten wir ein freundliches Nachbarschaftsverhältnis, aber nie nähere Beziehungen.
Die Anlage der Wohnung entsprach dem Schema, das zur Bauzeit und noch lange danach für “herrschaftliche” Wohnungen üblich war: vorn lagen die großzügig geschnittenen Wohnräume, um die breite Diele gruppiert, in die auch die Eingangstür vom Treppenhaus aus führte. Rechtwinklig ging von der Diele ein schmaler Stichflur ab, an dem die Wirtschaftsräume lagen: Badezimmer, Küche, Mädchenzimmer und Toilette. Die großen Fenster waren als Doppelfenster angelegt, denn Isolierglas gab es damals noch nicht. Zugefrorene Fensterscheiben mit ihren bizarren “Eisblumen2, die mich immer faszinierten und in die man mit einem angewärmten Drei- oder Fünfmarkstück runde Gucklöcher tauen konnte, habe ich deshalb nur in der Küche erlebt, die nur einfach verglast war. Nach vorn hinaus hatte die Wohnung sieben doppelflüglige Fenster, die Veranda nicht einmal mitgerechnet. Wenn Kirschfest war, quoll denn auch unsere Wohnung über von Freunden und Bekannten, die dichtgedrängt in allen Fenstern lagen. Denn die spektakulären Festumzüge zogen immer über den Bismarckplatz, wo sie, vom Markt durch die Jakobsstraße kommend, in den Jakobsring einbogen, um 200 Meter weiter auf der Vogelwiese zu enden. Da waren unsere Fenster wie eine Proszeniumsloge, von der man alles weiträumig und doch ganz aus der Nähe verfolgen konnte. Ganz lebendig ist noch meine Erinnerung an den Festzug zur 900-Jahr-Feier des Domgymnasiums im Sommer 1930, den ich als Vierjähriger unter mir vorbeiziehen sah. Da marschierte in der langen Kolonne der Ehemaligen auch mein Vater mit, der 1907 sein Abitur “am Dom” gemacht hatte, und unter den Sextanern mein älterer Bruder. Für mich dauerte es da noch fünf Jahre, ehe auch ich die blaue Mütze der Domschüler tragen durfte.
Die vorderen Räume waren ausgesprochen elegant und repräsentativ ausgestattet. Einige der Zimmereinrichtungen hatte meine Mutter, deren Vater sich bei der Aussteuer seiner Tochter überaus großzügig gezeigt hatte, nach ihren eigenen Wünschen im Stil der frühen zwanziger Jahre vom Naumburger Kunsttischler Muck-Lamberti eigens anfertigen lassen. Zentralheizung war damals etwas ziemlich Neumodisches, das gab es nur in moderneren Häusern. Bei uns wurde mit Kachelöfen geheizt, aber auch die waren vornehm und stilvoll. Der im Esszimmer hatte Kacheln in einem warmen Moosgrün, das passte gut zu den Möbeln in dunkler Eiche. Der Ofen im “Herrenzimmer”, mit schwarzgebeizten Möbeln und dunkelgrauen Ledersesseln, war sonnenblumengelb und hatte oben an der Vorderfront einen Fries von etwa halbmeterhohen schwarzen Säulchen. Von ähnlicher Pracht waren die Öfen in den anderen Vorderzimmern. Nur der Kinderzimmerofen war zwar recht groß, aber weniger elegant, mit schlichten hellbraunen Kacheln. Wir Kinder schätzten an ihm besonders die tiefe Ofenröhre, in der sich herrlich duftende Bratäpfel schmoren oder allenfalls auch mal Speisen warmhalten ließen. Alle Öfen mussten jeden Morgen ausgeräumt und neu angeheizt werden, eine mühsame und schmutzige Arbeit, zumal nicht nur die Asche auf den Hof getragen, sondern auch die schweren Briketteimer aus dem Keller herauf geschleppt werden mussten. Das besorgte in den Jahren, an die ich mich erinnere, Frau Käthe, unsere Zugehfrau, eine stämmige Rothaarige mittleren Alters, die meine Mutter, wohl wegen ihrer Körperkraft und Unermüdlichkeit, gelegentlich “das Pferd” nannte. Obwohl sie flink arbeitete, brauchte sie allmorgendlich eine gute Stunde, ehe alle Öfen neu angeheizt waren, und ein Zentner Briketts war die tägliche Ration, die unsere Öfen im Winter fraßen.
Dabei gab es Kachelöfen nur in den vorderen Zimmern. In der Küche sorgte der traditionelle große Kohleherd für die nötige Wärme, erst später, etwa Anfang der dreißiger Jahre, wurde zusätzlich ein modemer Gasherd angeschafft, mit dem sich bequemer kochen und backen ließ. Das Badezimmer wurde wirklich nur zum Baden benutzt, denn sowohl im Elternschlafzimmer wie im Kinderzimmer gab es zum Waschen und Zähneputzen ein richtiges Waschbecken mit fließendem (allerdings nur kaltem) Wasser. Der hohe Kohlebadeofen wurde also nur bei Bedarf angeheizt. Das blieb auch so, als er später durch einen ebenso wuchtigen Gasbadeofen ersetzt wurde, mit dem sich das Heißwasserbereiten sauberer und schneller bewerkstelligen ließ. Das Klosett jedenfalls, ganz am Ende des langen Flurs, war unheizbar, auch das damals allgemeine Normalität.
Diese ganze Welt meiner Kindheit endete abrupt 1936. Mein Vater, der den inzwischen auch in Naumburg allein regierenden Nazis nicht genehm war, wurde nach Westfalen versetzt, und wir mussten in eine uns gänzlich fremde Region Deutschlands umziehen. Wiedergesehen habe ich meine Heimat erst viele Jahrzehnte später, weil das Reisen zwischen den beiden Teilen Deutschlands inzwischen kaum noch möglich war. 1994 aber habe ich dann das Haus, in dem ich aufgewachsen bin, noch einmal betreten können, weil in unserer früheren Wohnung inzwischen die städtische Musikschule untergebracht war. Da sah jetzt vieles ganz anders aus, und doch war es wie eine Rückkehr in die Kindheit.

Bäcker-Becker-Verse

In den dreißiger Jahren gab es unter den (vermutlich zahlreichen ) Naumburgern namens Becker mindestens vier, die stadtbekannt waren und also durch Zusätze zum Namen eindeutig unterschieden werden mußten. Da waren zwei Ärzte, der Chefarzt des Krankenhauses (“Krankenhaus-Becker”) und der Augenarzt in der Claudiusstraße (“Augen-Becker”), dann der Inhaber eines Radio- und Elektro-Geschäfts (“Radio-Becker”), und schließlich der Inhaber des Bäckerladens in der Jakobsstraße (“Bäcker Becker”).
Bei Bäcker Becker - dahin war’s vom Bismarckplatz (heute Theaterplatz), wo wir wohnten, ja nur ein paar Schritte - pflegten wir unsere Brötchen zu kaufen: meistens Neckchen, seltener Milchbrötchen, zuweilen sogar ein paar von den großen, herrlich goldblond herausgebackenen Brezeln. An der Rückwand des Ladens, so dass ihn die vorm Ladentisch stehenden Kunden gar nicht übersehen konnten, hing ein Spruch, sorgsam gemalt und säuberlich eingerahmt:
“Willst Du Brot und Brötchen kaufen, musst Du nicht zum Kaufmann laufen. Denn wo Petroleum und Heringe lagern, da ist kein einwandfreies Brot zu haben. Willst Du dann mal Kuchen backen, wird es der Bäcker gerne machen.”
Über diese so offensichtlich missglückten Reimversuche wurde in unserer Familie viel gelacht (weshalb ich den Wortlaut auch bis heute im Gedächtnis behalten habe), und fortan hatten wir für alles, was uns an ähnlich gewaltsam Gereimtem begegnete, ein passendes Etikett parat: “Bäcker-Becker-Verse”.

Hans-Gert Kirsche, Ahrensburg (um 1930)

Erinnerungen an die Encke-Schule

Meine Grundschuljahre habe ich nicht wie mein älterer Bruder an der städtischen Georgenschule verbracht, sondern an der privaten Encke-Schule in der Theodor- Körner-Straße, auf die auch viele unserer Bekannten ihre Kinder schickten. Das war eigentlich eine höhere Mädchenschule mit fünf, vielleicht auch sechs Klassenstufen, die also bis Obertertia oder Untersekunda reichte. Wer weiter wollte, ging dann, oder auch schon früher, zum richtigen Mädchenlyzeum mit Abitur über. Vorgeschaltet war aber eine vierklassige Grundschulstufe, die von Jungen und Mädchen besucht wurde.

Kirsche02Schüler der Encke-Schule beim Kirschfest 1934 mit der SchulfahnePrivatschulen dieses Typs gab es damals häufig, aber sie hatten alle keine lange Lebensdauer mehr. Mit dem Privatschulgesetz von 1936 wurden alle Privatschulen dieser Art aufgelöst. Nach einer Auslauffrist hörten sie spätestens 1939 endgültig auf zu bestehen.

Dieser Sondercharakter der Schule, der die ersten vier Schuljahre nur als Vorschule für eine höhere Schule (welcher Art auch immer) galten, machte sich in vielem bemerkbar. Nicht nur, dass der Unterricht ausschließlich von Lehrerinnen erteilt wurde, was doch an den ebenfalls meist koedukativen öffentlichen Volksschulen durchaus unüblich war: dort gab es durchweg nur männliche Lehrer. Die Lehrerinnen hatten auch eine bessere Ausbildung als normale Volksschullehrer, unterrichteten sie doch grundsätzlich auch in den Mittelstufenklassen der Mädchenschule. Der Lehrplan war ganz auf das ausgerichtet, was später in der höheren Schule gebraucht wurde. So habe ich die grammatischen Fachbegriffe von Anfang an auch in der lateinischen Form kennen gelernt: “Substantiv”, “Adjektiv”, “Verb” - “Subjekt”, “Prädikat”, “Objekt”. Auch lernten und benutzten wir als erstes die sogenannte “Lateinische Schreibschrift” und erst danach die Sütterlinsche “Deutsche Schrift”. Ich habe die Sütterlin-Schrift mit ihrer spitzen Eckigkeit, ihren absurden Schleifchen und den lästigen U-Haken von Anbeginn an gehasst, sie ist mir auch nie zu meiner oder meiner Lehrer Zufriedenheit gelungen (es gab ja noch Schönschreibunterricht!). Als sie 1942 abgeschafft wurde, weil man sich auf ein von Nazideutschland beherrschtes Großeuropa einzustellen versuchte, habe ich sie aufatmend aus meinem Repertoire gestrichen.

Dem Ziel und dem Zuschnitt der Encke-Schule entsprach ihre Klientel: “gutbürgerliche” Familien, für die von vornherein feststand, dass ihre Kinder die höhere Schule besuchen sollten. Die Väter meiner Mitschülerinnen und Mitschüler waren Ärzte, gutsituierte Kaufleute, höhere Beamte und leitende Angestellte, Lehrer, pensionierte Offiziere und vor allem Juristen. (Naumburg wimmelte damals von Juristen - Rechtsanwälten, Richtern Staatsanwälten - , denn es hatte nicht nur das für eine Kreisstadt unerlässliche Amtsgericht, sondern beherbergte auch das Landgericht des Regierungsbezirks Merseburg und das Oberlandesgericht der Provinz Sachsen.) Ein paar waren wohl auch darunter, die man zum Kleinbürgertum hätte zählen können, aber kein einziger Arbeiter. Davon gab es in Naumburg auch nicht sehr viele, denn die Stadt hatte kaum Industrie, und auch sonst waren die, die nach Einkommen, Beschäftigungsverhältnis und Selbstverständnis als “Proletarier” gelten konnten, nicht übermäßig zahlreich.

Im Alltag der Schule ging es denn auch recht wohlgesittet zu, wie man es von einer Mädchenschule mit lauter Lehrerinnen und Kindern, die den “Benimm” schon von zu Hause mitbrachten, wohl erwarten durfte. Prügel oder auch nur Ohrfeigen, sonst an den Volksschulen noch weithin üblich, gab es nicht. Die Lehrerinnen waren verständnisvoll, meist pädagogisch geschickt und gaben sich Mühe. Was im Unterricht geboten wurde, fand ich interessant und leicht verdaulich. Zumal Heimatkunde machte mir Spaß, aber auch Deutsch und Rechnen. Ich lernte schnell und ohne mich anstrengen zu müssen - was mir auch gar nicht gepasst hätte, denn bequem war ich schon damals. Sogar am Schönschreibunterricht fand ich nichts auszusetzen, obwohl ich es da nie zu besonderer Meisterschaft und den mir sonst gewohnten guten Zensuren brachte.

An der Encke-Schule habe ich mich sehr wohl gefühlt. Die Atmosphäre war konfliktlos, die Klassen, auch die, in der ich sass, waren klein: keine über zwanzig Schüler, die meisten hatten noch weniger. Obwohl wir wahrscheinlich eine ganze Menge lernten, fühlten wir uns nicht unter Druck; auch mit den Hausaufgaben, die ich ohnehin immer ziemlich schnell fertig hatte (meine Eltern kontrollierten mich da nie, denn für sie war Schule eine Sache ihrer Kinder, die sie gefälligst auch allein zu bewältigen hatten), wurden wir nicht übermäßig gequält. So blieb nach den paar Vormittagsstunden viel Freizeit. Im Grunde ist das auch später, auf den anderen Schulen, die ich besucht habe, nicht viel anders gewesen. Ich habe selten in meinem Leben wieder so viel Zeit für mich selber gehabt wie als Schüler.

Kirschfest

Das Kirschfest, das Ende Juni/Anfang Juli, wenn die Kirschen reif sind, rund eine Woche lang gefeiert wurde, war ein Höhepunkt des Jahres für alle Schüler, denn es war recht eigentlich ein Kinderfest. Jedenfalls tagsüber, abends kamen dann auch die Erwachsenen und die reifere Jugend zu ihrem Recht, wenn in den Festzelten auf der Vogelwiese lautstark gefeiert, getanzt und auch recht ausgiebig gebechert wurde. Am Haupttage des “Jungenkirschfestes”(das “Mädchenkirschfest”, so war nun mal der Brauch, wurde erst einige Tage später, und mit etwas geringerem Aufwand, gefeiert) zog der lange Festzug mit mehreren Musikkapellen durch die ganze Stadt und endete auf der Vogelwiese, nur wenige Schritte entfernt von unserer Wohnung. Zuerst kam der historische Zug in mittelalterlicher Tracht, der das Personal der Hussitensage darstellte, auf die das alte, aber doch wohl anders zu begründende Stadtfest (die Hussiten sind auf ihren Kriegszügen bis tief ins Reich hinein nie auch nur in die Nähe der Naumburger Gegend gekommen) traditionell zurückgeführt wurde: Voran hoch zu Ross der Hussitenfeldherr Prokop der Große mit seinem kriegerischen Gefolge, dann der Rat der Stadt in würdigen, pelzverbrämten Roben, der Schullehrer mit seinen weißgekleideten Kindern und allerlei anderes Volk, auch das städtische Trommler-und-Pfeifercorps war in spätmittelalterliche “Zaddeltracht” in den Stadtfarben rot und weiß malerisch verkleidet. Nebenher gingen als Herolde kostümierte junge Männer, die aus riesigen flachen Körben ständig reife Kirschen in die Menge warfen, die an beiden Straßenrändern dichtgedrängt den Zug schon lange erwartet hatte. Dann kam die erste Kapelle, die zwischen den üblichen Militärmärschen auch immer wieder das seit vielen Generationen gesungene Kirschfestlied spielte (“Die Hussiten zogen vor Naumburg...”, in dem auch das Schicksal der Belagerten recht rührend-anschaulich geschildert wird: “...Hunger quälte, Durst tat weh / und ein einzig Lot Kaffee / kam auf sechzehn Pfenn’ge...”). Und hinter der Kapelle zogen, ein endloser Lindwurm, die einzelnen Schulen vorbei, in der Marschkolonne klassenweise geordnet, von den Kleinsten bis zu den Großen. Obligatorische Uniform war der weiße Matrosenanzug, den damals praktisch jeder Junge als Kleidung für festliche Gelegenheiten besass, oder allenfalls weiße Matrosenbluse zur marineblauen kurzen Hose. Nur die Sekundaner und Primaner, die sich schon als Erwachsene fühlten, trugen weißes Hemd und dunkelblaue lange Hose. Die Mittelstufenschüler schulterten Armbrüste, mit denen dann auf der Vogelwiese ein Preisschießen nach einem bunten hölzernen Vogel veranstaltet wurde, wir Kleineren dagegen jeder eine “Kirschfestlanze”. Das waren schwarze Ulanenlanzen aus Holz mit einem schwarz-weißen Wimpel an der Spitze (also den preußischen Farben - wir waren als Bewohner der Provinz Sachsen ja auch Preußen, jedenfalls seit 1815).

Die Hauptsache aber waren die bunten Schülermützen, auch sie oft aus Anlass des Festes efeuumkränzt. Schülermützen waren damals die einzig denkbare Kopfbedeckung für Schüler, auch im Alltag. 1936 wurden sie, als Standessymbole, die der Idee der Volksgemeinschaft zuwiderliefen, von den Nazis verboten und sind seitdem endgültig vergessen. Statt dessen hatte man einheitlich die schwarze Schirmmütze der Hitlerjugend zu tragen. (Ich habe nie eine besessen - lieber fror ich am Kopf. Damals hatte ich ja auch noch genug Haare.) In Naumburg nun unterschieden die Farben nicht, wie ich es anderwärts erlebt habe, die einzelnen Klassenstufen, so dass man jedes Jahr, sofern man versetzt wurde, eine neue Mütze kaufen musste. Sondern jeder Schüler, vom jüngsten bis zum ältesten - und auch noch die Ehemaligen, wenn sie sich zu Jubiläen oder Klassentreffen einfanden -, trug eine Mütze in der Farbe seiner Schule, jeweils mit weißer Paspelierung. So bildeten die Schulen im Kirschfestzug eindrucksvolle Kolonnen gleicher Farbe, und jeder wusste sofort, wer da gerade vorbeizog. Zuerst kam natürlich das Domgymnasium, als die älteste und vornehmste Schule der Stadt. Seine Farbe war blau. Anschließend kam das Hellrot der Realgymnasiasten, hinter ihnen die Mittelschüler mit grünen Mützen, und dann die städtischen Volksschulen, deren Mützen braun und schwarz waren. Ganz zum Schluss durften auch wir Encke-Schüler uns einreihen; wir hatten noch gar keine Mützen, aber wir wussten ja, dass wir bald in der blauen (oder allenfalls, auch wenn das eine Prestigeminderung bedeutete, in der roten oder grünen) Kolonne würden mit marschieren dürfen. Auf der Vogelwiese gab es dann für jeden Himbeerlimonade in riesigen Gläsern, für die vorher Gutscheine verteilt worden waren, und “Kirschfestzöpfchen”, ein süßes, lockeres, in Zopfform geflochtenes Gebäck, das nur für diese Gelegenheit gebacken wurde und von dem auch jeder eins bekam. Neben dem Armbrustschießen für die Größeren wurden auch die Kleinen mit allerlei Wettspielen und gemeinsamem Spaß bedacht, der Trubel ging bis zum späten Nachmittag. Das Schönste war natürlich, dass es in der ganzen Kirschfestwoche keinen Unterricht gab. Ostern 1935 war dann die Grundschulzeit zu Ende, und ich wechselte, wie die meisten Jungen aus meiner Klasse, zum Domgymnasium über, um künftig mit Stolz die blaue Mütze zu tragen, wie vor mir schon mein Vater und mein älterer Bruder. Ich bin sicher, dass wir zuvor eine Aufnahmeprüfung machen mussten, denn anders wurde damals keinem der Zugang zur höheren Schule gestattet - aber ich habe nicht die leiseste Erinnerung daran. Ich muss wohl schon damals unfähig gewesen sein, Prüfungen ernst zu nehmen.

Hans-G. Hoffmann, Hattersheim/Main (1927-1936)

Herzenswunsch

Aus meiner Kindheit ist mir nur eine besondere Begebenheit in Erinnerung geblieben. 1927 oder 1928 hatte ich mir am kleinen Schaufenster der Firma Phillipps, Lindenring, Ecke Herrenstrasse, die Nase platt gedrückt, um die dort ausgestellte elektrische Eisenbahn genau ansehen zu können. Mein einziger Wunsch war, diese unter dem Weihnachtsbaum vorzufinden.
Am Heilig Abend war aber statt der Eisenbahn auf einer Holzplatte eine Dampfmaschine mit Transmission und verschiedenen Geräten, die sich alle bewegten, montiert. Der Gefährlichkeit wegen durfte ich damit nicht allein spielen. Ich war maßlos enttäuscht und meine Großmutter, der ich sehr leid tat, ging mit mir am 3. Weihnachtsfeiertag zu Phillipps, um mir diese ersehnte Eisenbahn mit einem Rundkreis zu kaufen. Als Trafo diente eine Glühfadenlampe, denn Naumburg hatte damals in der Innenstadt Gleichstrom. Die 3. Schiene durfte man nicht anfassen da man sonst einen kleinen elektrischen Schlag bekam. Diese Eisenbahn war mein Lieblingsspielzeug.

Schaufenster-Drücken

Ein Jugendstreich ist mir noch eingefallen. Früher waren viele Schaufenster zum Laden hin völlig luftdicht abgeschlossen. Das hatte zur Folge, dass man von der Straße aus mit Fingerspitzengefühl (2-3 Fers.) die Schaufensterscheibe mit gespreizten Händen in Schwingung versetzen konnte, sodass die ausgestellte Ware umfiel. Beliebt waren die Fenster der Firmen Schuh-Jungmichel in der Jakobstrasse, Schuh-Mertlik am Markt Ecke Herrenstrasse, sowie Konservendosen bei der Firma Trillhase, Herrenstrasse, Ecke Lindenring.

Tanzstunde in der "Erholung"

Hoffmann07Abschlussball der Tanzschule 1935/36 in der "Erholung"In Naumburg hatten wir als Tanzlehrer einmal das Ehepaar Nibrasch (ob der Name so richtig geschrieben wurde ist mir unbekannt), und das Ehepaar Döring. Frau Döring war nach dem Krieg noch als solche tätig. Es gab vier Schüler-Tanzstunden (Reform-Realgymnasium, Dom-Schule, Stabila und Schulpforta.) Gelehrt wurden Walzer, langsamer Walzer, Foxtrott und Tango. Gleichzeitig war die Tanzstunde “Benimm-Lehrgang” im Umgang der Geschlechter und wie man sich an einer Tafel zu benehmen hat. Anlass zur Partnersuche war die Tanzstunde nicht, für Oberschüler jedoch ein gesellschaftliches Muss. [Bild]
Beliebt war nach dem Abschlussball der Spaziergang zu HEFTS-Gasthof in Großjena zum “Kränzchen” und der Wochentagsbummel Jakobstrasse - Markt - Herrenstrasse von ca. l6.30 - 18.30 Uhr. Hier wurde mit den Augen geflirtet und manche Schülerliebschaft entstand. Ob für die Bekleidung gespart werden musste, kann ich nicht beurteilen, denn wir hatten ein Meterwaren-Geschäft.
J. Hoffmann

Kirschfest

Das Kirschfest fand jedes Jahr Ende Juni statt und wurde getrennt für die Schüler und Schülerinnen der jeweiligen Schulen durchgeführt Es war immer für je 1 Woche vorgesehen. So fanden Umzüge für die Schüler und Schülerinnen statt, an denen Trommler- und Pfeiferzüge der einzelnen Schulen sowie Musikkapellen beteiligt waren. Während die Schüler mit Mützen in der Farbe der Schule mit geschmückten Lanzen, dunkler Hose und weißem Hemd mitmarschierten, nahmen die Schülerinnen alle in weißen Kleidern und Kränzen im Haar daran teil. Außerdem gab es auch Spiele innerhalb der Kirschfestzeit auf der Vogelwiese und dem Bürgergarten für alle Schulen. Ringsherum auf der Vogelwiese sind Zelte von Vereinen usw. aufgestellt gewesen, in denen sich die Besucher und alle Beteiligten des Kirschfestumzuges aufhalten, unterhalten und bewirten lassen konnten, wie es ja auch heute noch der Fall ist.

Walter Hege (aus dem Nachlass)

Jugenderinnerungen

Aus dem handschriftlichen Nachlass Walter Heges stammem die folgenden Erinnerungen, die uns von der Tochter des Fotografen, Frau Ursula Dörmann, freundlicherweise überlassen wurden.

Wenn ich an meinen Großvater denke, so zaubert mir die Erinnerung das gütige Gesicht eines alten freudlichen Mannes mit weißem Schnurrbart vor. Er war für mich der Inbegriff des besten Menschen, galt mir mehr als der strenge Vater und galt mir mehr als meine Mutter, ihn liebte ich wie nichts anderes. Alles was er mir erzählte, war für mich Evangelium. Und er erzählte viel, immer nach dem Essen, welches ich sonntags (noch ehe ich zur Schule ging), ihm aus einer Privatpension holte – natürlich aßen wir das schöne Sonntagsessen gemeinsam. Darauf begann er von Norwegen [...] zu erzählen, wo er einst war. Oder er erzählte von den Burgen am Rhein, denn er hatte ein Kästchen, worauf die Burg Rheinfels abgebildet war. Oder er holte ein altes Märchenbuch hervor und las mir vor. Von all den Märchen und Bildern dieser Bücher träumte ich dann des nachts. Oft wurden in den Träumen die naiven Zeichnungen zu grotesken Riesengestalten, die mein Schlafzimmer ausfüllten und nicht mal verschwanden, wenn ich auch in der Angst munter wurde.

An schönen Sonntagen gingen wir spazieren in die Wälder über der Saale. Er wußte immer so viel vom Walde zu erzählen! Wenn wir ausruhten, zog er das Brot aus der Tasche und tränkte jedes Stückchen mit Nordhäuser. Das war vor allem im Winter eine wärmende Sache. Manchmal fuhren wir sonntags mit der Unstrutbahn nach Freyburg und besuchten seine Schwägerin, die Tante Mine. Beide, auch der Onkel Wilhelm, waren gepückte runzliche alte Leute, aber sehr gütig und bis ins hohe Alter sehr arbeitsam. Bei der Tante Mine gab es immer Kuchen. Ihr Gärtchen ging an die alte Stadtmauer und dies schöne unregelmäßige Gemäuer beschäftigte schon damals immer meine Fantasie.

Der Großvater erzählte, daß oben beim Dachdecken des Schloßturmes sein Vater ums Leben kam. Ein anderer Bruder meines Großvaters hatte die Dachdeckerei übernommen, war aber auch schon alt und krumm. Trotzdem soll er noch zwischen seinem 80sten und 90sten Jahrzehnt auf dem Bau die Arbeiter angetrieben haben! Von ihm heißt es, daß er sehr "reich” und sehr geizig sei...
Mein Großvater war Kammmacher. Manchmal arbeitete er auch heimlich Sonntags zuhause, wo ich ihm stundenlang zusehen konnte, wie er mit der Laubsäge die schönen verzierten Griffe der großen Steckkämme arbeitete.

Erste Erinnerungen

Meine ersten Erinnerungen gehen zur Michaelisstraße in Naumburg zurück. Dort hatten meine Großeltern ein eignes Haus. Später verkauften sie es und wohnten im Hinterhaus. An die Großmutter kann ich mich nicht erinnern, denn sie war früh gestorben. Wahrscheinlich bin ich in diesem Hinterhaus, wo dann meine Großeltern wohnten, geboren worden. Ich habe das Haus seit der ersten frühen Jugend nicht wieder betreten, aber doch erinnere ich mich heute noch genau aller Einzelheiten. Die Treppe, die im kleinen Hof seitlich nach oben zur Großvater-Wohnung führte, ja, den Geruch nach alten Biedermeiermöbeln und der im Ofen brutzelnden Äpfel, vergesse ich nicht, auch nicht den Blick in den kleinen Garten, dessen Wege mit Buchsbaum eingefaßt waren. Dann zogen meine Eltern einige Häuser weiter, und hier erinnere ich mich meines Spielkameraden, eines Kreuzschnabels mit dem ich oft unter dem Bett lange Zeit verbrachte.
Einmal hatte ich ein erschütterndes Erlebnis. Ich ging mit der Mutter auf der Straße, da kam drüben auf dem andern Bürgersteig ein Junge uns entgegen und hatte eine Larve im Gesicht. Vor Angst habe ich mich in den Rockfalten der Mutter versteckt und lange, lange habe ich dies schreckliche Gesicht nicht los werden können. Es verfolgte mich in die Träume und machte die Nächte qualvoll. Meine Mutter hatte eine Kommode, die eine etwas bizarre Holzmaserung am untersten Schubfach aufwies. Diese Holzmaserungen waren für mich damals seltsame Männer und Riesen. Und diese machten mir oft die Nächte im Traum zur Hölle, denn dann wanderten sie riesengroß im Zimmer herum, kamen ins Bett u.s.w. Als ich nun kürzlich diese Kommode wieder besichtigte, kam mir, als ich mich bückte, die Erinnerung daran wieder. Ich war ja inzwischen gewachsen und deshalb hatte ich ein anderes Blickfeld als als Kind, wo ich noch mit dem Kreuzschnabel in der Stube herumwitschte. So begleiten einen fast unscheinbare Dinge, eben weil sie einen ersten großen Eindruck verursachen, das ganze Leben!

Mein Großvater schenkte mir früh einen Tuschkasten und Malvorlagen. Mit Fleiß und Hinwendung ging ich an die Arbeit und sein Lob machte mich bald stolz. Aber dann kam der Tag, wo ich ihn still im Sarge liegen sah. Mit 72 Jahren war er vom Schlag getroffen an seiner Arbeitsstelle umgefallen. Ich konnte es einfach nicht glauben, daß der im Sarge liegende Körper mein Großvater sein sollte. Aber es war schon so, und ich fühlte deutlich, die gütige Hand, die mich führte, war nicht mehr.

Der Dom

Mein Vater war sehr cholerisch und stritt sich mit jedem Hauswirt und so kam es, daß wir unsere Wohnung oft wechselten. Wir wohnten in der Michaelisstraße, in der Kleinen Salzgasse, in der Schulstraße, an der alten Saale, auf dem Steinweg, in der Marienstraße, in der Georgenstraße und dann zuletzt im eigenen Haus auf dem Linsenberg in Grochlitz. So lernte ich meine Heimatstadt Naumburg gründlich kennen.

Der Steinweg war nahe des Domplatzes und der Domplatz unser ideales Spielgelände. Im Ekkardinerbrunnen gab es Wasserschnecken und bald darauf hatte ich zuhause mein Aquarium mit solchen Schnecken, dazu noch aus einem kleinen Tümpel von den Saalewiesen ein paar Moorkarpfen. Dies kleine Aquarium mit Wasserpflanzen und seinen Karpfen und Schnaken war jahrelang meine Freude bis eines Tages im strengen Winter alles ein Eisklumpen war.

Der Dom mit Nebenkapellen und Kreuzgang, kleinen Winkeln und Plätzen war so recht geeignet für alle möglichen Versteckspiele. Wir übten uns, auf dem Gesims der Strebepfeiler und Seitenwände des Ostchores herum zu laufen, und so wurde mir die Welt des Außendomes bald vertraut. Den ersten und stärksten Eindruck erhielt ich von den sehr verwitterten Gestalten einer Anbetung der heiligen drei Könige oben an der Dreikönigskapelle. Sie waren fast unkenntlich durch Wetter und Zeit zerfressen, aber vielleicht gerade darum regten sie die Fantasie an. Wie oft habe ich von diesen Gesellen geträumt! Aber auch die Wasserspeier beschäftigten mich sehr – diese mit wildem Ausdruck immer zum Absprung in die Tiefe bereiten Gestalten von allerlei Getier und Menschen. Im Sommer wucherten um die Pfeiler des Kreuzganges die Heckenrosen, wenn sie blühten, bildeten sie zum alten, schwarzen Mauerwerk einen schönen zarten Kontrast.

So kannte ich den Außendom schon lange Zeit, aber sein Innenraum blieb mir verschlossen, bis an einem Tag die Tür der nördlichen Vierung nur durch ein Gitter mit runden Stäben verschlossen war. (Dies geschah im warmen Sommer immer.) Da zwängte ich neugierig meinen Kopf in einen der Zwischenräume. Kühle Luft wehte mir entgegen, langsam gewöhnten sich die Augen an die Dämmerung und langsam konnte ich erkennen, was darinnen war. Zuerst sah ich links an der Wand hinter einem rostroten [...] vergoldet glitzernden, verschnörkelten Barockgitter einen riesenhaften Christus am Kreuz hängen, blaugrau in der Farbe der Leiche, wie ich sie von meinem Großvater kannte, als er so still dalag damals. Aber es war kein friedliches Gesicht, über das das Blut floß und richtige Heckendornen um die Haare gewunden waren! Mich versetzte dieser Anblick in Angst und Furcht und schreiend lief ich davon und war zum Spiel mit den Andern nicht mehr zu gebrauchen. Doch immer wieder packte mich das Gesicht und so zog es mich wieder an die Tür, den zweiten Blick zu wagen. Aber wieder war der Anblick grauenhaft und wieder floh ich voller Unruhe und Furcht. Aber einige Tage später hielt ich es nicht mehr aus, ich zwängte wieder den Kopf durchs Gitter, sah auch diesmal nicht nach links, sondern versuchte, den andern Teil des Raumes zu ergründen. Nun sah ich einige Grabsteine, das Gesicht des einen war finster, das des andern – ein Bischof – war fast höhnisch. Auch diese Gesichter erschreckten mich in ihrem seltsamen starren Leben. Aber daneben stand auch der Diakon: ein Knabe, der ein Lesepult hielt, mit Vertrauen im jugendlichen Antlitz. Auch die Haltung war so voller Natürlichkeit, so voller Hingabe, daß er mir von seinem Vertrauen auch etwas schenkte! – Nach diesem Erlebnis habe ich oft von den 4 Gestalten bildhauerischer Kunst, die zum ersten Mal in mein Leben traten, geträumt. Darin handelten sie, die Bischöfe stritten sich, der eine immer höhnisch lachend, der andere immer finster. Aber wenn dann das Gesicht des Gekreuzigten erschien, schlichen sie wie Schuldbeladene weg. Zuletzt kam immer der Diakon und überstrahlte alles mit seinem im milden, gläubigen Glanz leuchtenden Antlitz. Diese Kinderbegegnung hat mich mein Leben lang begleitet und wurde mir so zum Schlüssel auch meiner späteren Kunstbetrachtung und Kunstbegeisterung. Denn früh habe ich die magische Kraft, die von Kunstwerken ausgeht, kennengelernt. Und als ich später die Worte Goethes erfuhr "Alles vor das Auge gestellte hat ein magisches Recht, weil es die Sinne gefesselt hält, bleibt der Geist ein Knecht”, da wußte ich längst diese Wahrheit aus eigener Erfahrung.

Diese Erfahrung ging damals so weit, daß ich bewußt und getrieben von Angst, gewisse stark wirkende Dinge, die unangenehm wirkten, mied. So zum Beispiel auf den Jahrmärkten, die ja regelmäßig auch in Naumburg abgehalten wurden: einmal die Schaubuden mit den sich bewegenden Wachsfiguren gesehen, machte ich einen großen Bogen von da um eine solche Bude und sah krampfhaft woanders hin, bis ich glaubte, die Gefahr im Rücken zu haben. Auch später, als ich als Konfirmant zur Pastorstunde in den Dom zur Sonntagspredigt mußte, sah ich krampfhaft von jenem Cruzifixus meiner ersten Begegnung weg. Aber umso lieber sah ich mir die Geschehnisse am Lettner während der Predigt an. Da wählte ich meinen Platz hinter einer Säule, daß ich bequem nach rückwärts schauen konnte. Hier am Lettner sah ich nun die Steinreliefs der Passion vom Abendmahl beginnend bis zur Kreuzigung, die die Tür zum Westchor bildete. Da begannen die Handlungen weiter zu spielen. Die Figuren sprachen und handelten voller Leidenschaft. Und später oft in meinen Träumen erschienen sie wieder und wieder. Oft wußte ich nichts am andern Montag, beim Suprendenten, wenn er uns nach der Predigt frug. Ja es konnte sein, daß ich dem alten Manne Worte aus der Lettner-Passion zurief, worauf er dann sagte: "Du hast etwas Falsches gehört" und er verabreichte die dafür gebührende Strafe mit dem Krückstock. Damals war eben die steinerne Predigt viel stärker für mich, als die seine, die so fern von der Kanzel aus kaum mein Ohr berührte. So hat mich meine Jugendzeit frühzeitig mit dem Dom bekannt gemacht.
Diese Kinderbegegnung ist für mich schicksalhaft geworden. Der Dom hat mich nie aus seinem Bann entlassen, wenn ich später in Dresden war, in Griechenland und Italien, so mußte ich doch oft inmitten anderer großer Kunstwerke an den Dom meiner Heimatstadt denken, denn er rief mich ja oft.

Bilder

Ein bildaufsaugender Mensch war ich frühzeitig. Wenn mich die Mutter Wege schickte, richtete ich es möglichst so ein, daß ich an Bilderläden vorüber kam, wo ich dann alles vergessend stundenlang nur schaute. Jedesmal wunderte sich die Mutter über mein langes Ausbleiben. Aber wenn ich im Marientor eine Malerin sah, oder gar eine Malschule, dann verfolgte ich jeden Pinselstrich und wich nicht, vergaß jede Pflicht. Nun, vielleicht ist das eine Eigenschaft aller Kinder, doch ich hielt länger aus als alle andern, auch wenn daheim Strafe drohte.
Als wir in der Marienstraße wohnten, im Hufeisen, bekam ich von der Mutter ein Groschen-Zeichenheft und Zeichenvorlagen von Pferden sowie einige Bleistifte und Radiergummi.

Dieses Weihnachtsgeschenk vergesse ich nicht, denn es war wohl seit langer Zeit das Schönste. Eine Pferdevorlage nach der Andern wurde abgezeichnet. Bald konnte ich Pferde aus dem Kopfe zeichnen in fast allen Stellungen, sogar in Verkürzungen.

Als ich in die Schule kam, wunderten sich die Lehrer, so daß ich oft ein Pferd mit Kreide an die Tafel zeichnen mußte. Es kam sogar so, daß alle guten Zeichner der Schule zusammengebracht wurden und jeder mußte ein Pferd auf die Tafel malen, wobei ich meist der Sieger blieb. Das Zeichnen blieb dann auch in der Schule mein Lieblingsfach. Und wenn ich in allen andern Fächern versagte, im Zeichnen holte ich mir immer die 1.

So früh und so sehr ich mich auch nach der Kunst unbewußt drängte, so sorgte doch mein Vater dafür, mir meine Steckenpferde auszutreiben. Schon als kleiner Junge hatte ich eine Leidenschaft für seine schön gespitzten Bleistifte, die zu seiner Verwunderung so schnell kleiner wurden und dann so verräterisch schlechte Spitzen hatten. Die Folge war eine Tracht Prügel. Arbeiten von früher Jugend an war für ihn wohl Erziehungsprogramm für mich. Karnickel besorgen, ausmisten, Feld umgraben, Futter sammeln für Karnickel, oft auch mal für eine Ziege: das war allerhand Arbeit, die mich zum geliebten Zeichnen nicht kommen ließ. Tat ich es trotzdem, gab‘s als Quittung Prügel.

Kirschen

Im Sommer hatte mein Vater immer eine Kirschplantage. Er hat sich da ehrlich geschunden und sich mit dem schweren Tragkorb abgeschleppt, wenn die Kirschen auf den Märkten in Apolda oder Weimar sein mußten. Wir lebten an der Landstraße in einer Holzbude, die sogar ein Bett hatte. Draußen eine Feuerstelle, es war ein wahres Zigeuner- und Indianerleben. Ich stand die meiste Zeit auf der Leiter und brachte es als Junge auf einen Zentner pro Tag. Dabei hatte ich soviel Zeit, noch während des Kirschpflückens zu träumen – vor allem träumte und wünschte ich, daß ich mal ein guter Maler werden möge, träumte von Künstlertum und schönen Bildern.

Kirschenzeit. Die Kirschplantage war diesmal ein Weinberg in der Nähe des Dorfes Flemmingen. Einmal mußte ich für 15 Pfennige Schnaps holen. 3/4 Stunde weg, die Bierflasche war ziemlich voll Nordhäuser. Der Rückweg bei heißer Sonne ging durch Ährenfelder, der rote Mohn leuchtete und die Kornblumen. Da überkam mich die Neugier: "Wie wär‘s wenn ich mal probiere?" Gedacht, getan. Schmeckte erst ganz gut, aber dann ein fürchterliches Brennen im Halse, daß ich glaubte zu ersticken. Nun, es ging vorüber, und nach einer Weile kam wieder die Stimme der Verführung: "Wie war es doch eigentlich? Probiere doch nochmals?" Und wieder probierte ich und siehe da, dies mal war es schon nicht mehr so schlimm. So wurde weiter und weiter probiert. Als ich meinem Vater die Flasche reichte, wurde mir schwindlich, ich suchte Halt an einer Leiter, aber der Kopf sank mir auf die Brust. Wie im Traume hörte ich noch meinen Vater: "Das sind doch nicht für 15 Pfennige Nordhäuser!" Dann wußte ich lange Zeit nichts mehr, wachte mal auf einem Strohlager in der Weinbergshütte auf und sank wieder in tiefe Ohnmacht oder ohnmachtähnlichen Schlaf. Gegen Abend holte mich mein Vater und befahl mir, nach Hause zu gehen. Ich bekam merkwürdigerweise von ihm gar keine Schläge. Der Heimweg wurde zum Karussell. Wie komisch war alles? Es bewegten sich die Häuser, die Hecken und kam mir ein Mensch entgegen, schloß ich ihn in die Arme. Ich hielt mich dicht an die Zäune und so kam ich dann endlich zur Mutter, die sehr gleich merkte, was los war. Sicher habe ich etliche Tage krank gelegen. Aber der Schnaps war für mich überwunden, und heute noch mache ich mir nichts aus dem Zeugs.

Die Kirschpflücker waren meist Handwerksburschen und noch mehr Tippelbrüder. Gern erzählten sie ihre Geschichten. Gestrandete Menschen, die einst bessere Tage gesehen hatten, Kerle, die sich gegenseitig bestahlen, ein buntes Kaleidoskop menschlicher Schicksale. Ich wußte ja so wenig vom Leben, so kamen mir diese Lebensbeschreibungen vor wie unglaubwürdige Bücher. Lange hielten die Tippelbrüder nie aus. Hatten sie etwas Geld, zogen sie weiter. So lernte ich frühzeitig das Handwerksleben kennen, wenn auch nur aus Berichten. Über eins staunte ich: über ihre Zufriedenheit und ihre Freiheitsliebe. Sie arbeiteten nur um wieder etwas Zehrgeld zu haben oder um einen Anzug beim Trödler zu erwerben, um dann weiter ziehen zu können. Sie erzählten von ungerechten Bauern und geizigen Bauern, aber auch von guten Menschen, die ihnen weiterhalfen. Manche hatten genaue Reiserouten und waren zu festgesetzten Zeiten an bestimmten Orten. Den Winter verbrachten sie in Gefängnissen oder Arbeitshäusern, der Wärme wegen. Dazu ließen sie sich einfach beim Betteln mal erwischen. Seltsame rauhe Menschen.

Als Kellner und Postkartenverkäufer

Vater entdeckte plötzlich für Sonntags eine neue Einnahmequelle. Im Frühjahr, Ostern, zur Baumblüte, Pfingsten zogen die Naumburger hinaus ins Grüne, vor allem nach der Unstrutmündung. Da gab‘s eine Fähre über die Saale, wo der Kahn an einem Seil, welches über eine Rolle lief, hinüber und herübergezogen wurde. Die Apfelbäume blühten üppig und in den Saalewiesen leuchteten die wilden Tulpen und der Löwenzahn. Nahe der Fähre waren Gartengasthäuser, "Der Blütengrund" und das "Wasserschlößchen". Bänke und Tische im Freien unter den Bäumen und für die Kinder die Schaukel. Da wurde nun "Hilfskellner" gespielt. Zuerst fing es bei mir mit Postkarten an, aber dann mußte auch ich die Biergläser schleppen. Gegen Biermarken nahmen wir das Bier in Empfang. Abends wurde abgerechnet und die Prozente ausgezahlt. Außerdem bekamen wir das Essen. Es war meist besser als daheim, denn Mutter konnte sich solches Essen für uns nicht leisten. Wehe nun, wenn es Zechpreller gab, wenn Gäste durchgingen, ob mit Absicht oder nicht. Dann war der Tagesverdienst hin. Noch schlimmer aber, wenn es mehr war, welche Vorwürfe bekam ich vom Vater! Das war kein schöner Heimweg, wenn auch die Sterne noch so leuchteten die Wiesen noch so dufteten und die Nachtigallen noch so sehr sangen, es war dann kein Trost.

Nur die Mutter hatte Verständnis und sagte dann zuhause begütigend: "Mußt von dem Jungen auch nicht so viel verlangen."

Gegenüber der Rudelsburg und Saaleckburg war das hoch am Kalkberge des Saalebogens gelegene Ausflugslokal "Himmelreich". Der Wirt hieß "Petrus" – ob er einen andern Namen noch hatte, wußte ich nicht. Hier war ein landschaftlich herrliches Fleckchen. Der Blick schweifte weit über die Wiesen, die tief unten, von der den Himmel dunkel spiegelnden Saale am Fuße des Felsens begrenzt wurden, zum Dörfchen Saaleck, zur Saaleckburg und zur Rudelsburg. Hier wurde das Lied "An der Saale hellem Strande" viel gesungen.

Bei solch schönem Landschaftsblick mußte mein Postkartengeschäft blühen, wenn auch das Bier zuerst verlangt wurde. Manchmal erzählte Petrus von den verrückten Malern dort unten in Saaleck. Dort hatte der neumodische Professor Schultze seine Malschule. Alle liefen barfuß in Sandalen und Reformkleidung herum. Das hatte auf mich großen Eindruck gemacht. Ja so ein Maler, ein Kunstmaler wollte ich auch gern werden, und ich zeichnete ins Fremdenbuch vom Himmelreich die Rudelsburg. Darauf war Petrus stolz und sagte: "Da brauche ich die Verrückten da unten nicht!" Doch ich wußte, die da unten hatten vielleicht außer ihrem großen Talent auch Geld. So wehte auch von da ein leichter Kunsthauch zu mir und hinterließ eine unbewußte Sehnsucht.

Aber die Zeit ging mit Kirschenpflücken hin. Im Herbste dann ging es ins Hartobst und in die Pflaumenernte und manchen Handwagen haben wir bei den Zentnerlasten nach Hause von stundenweiten Dörfern gefahren. Und gar oft schliefen wir beide, während wir wie Pferde den Wagen zogen, im Gehen.

Im Winter nahm mein Vater seinen Glaskasten (er war Glaser) und glaste bei den Bauern Fenster ein. In der Haustür ein Oberlicht oder im Stall ein Fenster oder in einer Gärtnerei wurden die Mistbeetfenster verkittet – und dabei mußte ich schon frühzeitig helfen.

Als ich zur Konfirmandenstunde ging, hatte ich zwei Arbeitsstellen. Eine bei einem Seiler, wo ich die Maschine drehte und der Meister die Waschleine spann. Abends in einer Seminaristenpension, wo 30 Paar Stiefel zu putzen waren. Jede Arbeitsstelle brachte 3 Mk pro Monat. Als die Konfirmation da war, hatte ich den Anzug dazu selbst verdient.

Ein Irrtum

Als ich die Volksschule 1908 verließ, begann der erste große Irrtum meines Lebens. Eigentlich wollte ich zu einem Porzellanmaler in die Lehre gehen, aber es wurde nichts. Ich sollte, weiß der Teufel warum, Kaufmann lernen und noch dazu in einem Galanteriewarengeschäft! Es war keine schöne Zeit. Am liebsten packte ich die Kisten aus oder verschnürte Pakete oder besserte eine bemalte Gipsfigur aus, bei der die Nase etwas beschädigt war, das waren meine einzigen erfolgreichen Arbeiten. Beim Zusammenrechnen des Kassenzettels unter Aufsicht des Herrn "Prinzipals" stand ich Qualen aus. Noch mehr, wenn ich bedienen mußte: "Gnädige Frau, womit kann ich dienen? Ein Hochzeitsgeschenk? In welcher Preislage wenn ich fragen darf?" Da sollte man nun der noch unschlüssigen Käuferin etwas Schönes andrehen – versinken in den Boden hätte ich können. Und die Ladenfräuleins merkten das nur zu gut und hatten ihre Schadenfreude.

Es gab aber einen Lichtblick. Es gab 1½ Stunden Mittag. Es war die Zeit, die mir gehörte. Durch das Geschäft hatte ich mir Ölfarben in Tuben bestellt, vom Taschengeld selbst verdient, und nun saß ich mittags am Marientor, wie damals eine der Malerinnen, die ich bestaunte und nun wurde ich bestaunt von den zuschauenden Kindern. So habe ich oft das Mittagessen – sehr zum Kummer der Mutter – geschwänzt! Aber sie sah doch meine Malereien, die so schön rochen, gern.

Kino

Bald aber kam ein neues Unheil über mich. Da ich den Kaufmannsberuf haßte, waren auch meine Gedanken nicht dabei. Es gab plötzlich etwas, was mich stark in seinen Bann zog. Es war das Kino. Es fing an in einer ehemaligen Scheune. Aber mag es noch so primitiv gewesen sein, die magische Gewalt, die von diesem Leinwandleben auf mich überging, zog mich an. Bald hatte ich Freundschaft mit dem Vorführer und durfte ihn ablösen. Und so verbrachte ich manchen Sonntag in der Vorführkabine. Die Filme hatten noch keine Überschriften, diese riefen wir durch das Gucklock in den Zuschauerraum. Dann hieß es: "das rollende Faß" und so fort.

Bald füllte ich meine Mittagszeit aus mit dem Bau eines eigenen Kinoprojektors. Mein ganzes Taschengeld ging drauf. Aber eine selbstgebaute Malteserkreuzmaschine entstand nach und nach. Nur das helle Licht, welches ich brauchte, machte mir Sorge. Ich versuchte es mit Carbid, mit selbstgebautem Dynamo usw., aber es blieb unvollkommen. Einmal besuchten mich meine Schulkameraden, die in die verschiedenen Lehren gingen, und als ihnen meine Filmerei vorgeführt wurde, sagte einer: "Ich weiß eine sehr tiefe Stelle in der Saale, da kannst du das Ding, was du gebaut hast, hineinschmeißen."

Dieses vernichtende Urteil verletzte meinen Erfinderstolz so, daß ich keine Ruhe mehr hatte. Und nun entstand ein geradezu verbrecherischer Plan. Ich wußte, daß jedes Jahr einmal ein Zeltkino von Scherf zu uns kam. Da hatte ich einen Film gesehen, der den Titel "Falschmünzer" hatte. Dieser Film mit längerer Handlung und Verbrecherjagd hatte es mir angetan. Nun kam Scherfs Zeltkino wieder. Bald hatte ich raus, wann dieser Film laut Programm dran kam und wo er nach der Vorführung hingebracht wurde. Früh gegen 5 Uhr verließ ich unsere Wohnung, schlich unter die Plane des Apparatewagens, kletterte darin hoch und schaute mich da um, fand auch verschiedene Spulen, aber keine Filme. So pirschte ich täglich um diese Zeit, dann ging ich ins Geschäft, als wäre nichts geschehen. Aber am letzten Sonntagabend, als ich sah, daß die Filme zum Wohnwagen gebracht wurden, schlich ich mich dahinein. Kam an den Filmschrank und wollte mit drei Filmrollen unter dem Arm abdampfen, da kam das große starke Mädchen wieder, packte mich, hielt mich fest, schrie um Hilfe und ich hielt die Rollen noch immer fest. Kam aber nicht los. Andere kamen hinzu und bald war ich von allen Seiten gepackt, noch immer fest die Beute haltend. Aber sie wurde mir doch genommen. Und nun war es aus. Polizei brachte mich fort und eine Nacht saß ich im Gefängnis. Heute kann ich es nicht mehr beschreiben, wie mir zumute war, aber alles Hoffen, alles Streben war in Scherben gegangen. Fort war die treibende Kraft, der Teufel, der in einem gesessen hatte. Am Morgen darauf wurde ich entlassen und die Schläge, die ich von meinem Vater erhielt, waren auch entsprechend. Und Mutter sagte immer wieder: "Hättest du doch weitergemalt. Das wäre besser gewesen". Ja, hätte ich doch weiter gemalt. Aber mich hatte der Dämon der Leinwand gepackt, geradezu wie ein Traumwandler war ich hier in eine Sackgasse geraten. 3 Tage hatte ich die liebe Kriminalpolizei an der Nase herumgeführt, wie sie mir sagten, denn die Erkundungsbesuche am Apparatewagen waren nicht ohne bemerkt zu werden vorübergegangen, zumal ich einige Gegenstände auch für die Verbesserung meiner eignen Apparatur gebrauchen konnte.

In der Schuhfabrik

Nun, ich war ein reuiger Sünder, erkannte mit einem Schlage den gefahrvollen Weg, den ich eingeschlagen hatte und trotzdem brachte er mir einen großen Vorteil: Ich brauchte nicht mehr in die kaufmännische Lehre. Ich war zu unehrenhaft dafür geworden. Gleichzeitig hatte der Herr Prinzipal gegen mich Klage erhoben, denn gerade um diese Zeit fehlte ein Betrag in der Kasse und wohl auch Silberbestecke waren verschwunden. Wer kam da in Betracht? Doch nur dieser Meisterdieb! Aber das stimmte nicht, und hier stellte sich auch später meine Unschuld heraus. Natürlich mußte ich von Naumburg verschwinden. Diese Straßen waren zu gut für mich.

Zu einem Onkel nach Weißenfels kam ich nun und arbeitete in einer Schuhfabrik als Arbeitsbursche. Früh 5 Uhr ging‘s aus dem Hause, Abends 6 Uhr oder 7 Uhr kam ich ins Quartier. Die Arbeit in der kleinen Schuhfabrik, die schon mehrfach durch Pleite sich heraufgearbeitet hatte und nun bereits den Namen der 2ten Tochter des Inhabers trug, gefiel mir gar nicht. Sie wurde zur wahren Strafarbeit und nie habe ich die Pausen für Mittag, Frühstück und Vesper so ersehnt wie damals. Bei schlechter Sicht von Petroleumfunzeln wurde gearbeitet. Oft allein mit schweren Wagen lieferte ich Schuhe ab, holte Leder usw. Aber Abends beim Onkel, der auch Schuster war, lebte ich wieder auf, denn er baute sich einen Foto-Apparat und hatte dazu sogar einen Aplomat. Das war damals ein neues und großartiges Objektiv. Natürlich baute ich mir auch einen solchen Apparat, sparte mein wenig mir gehöriges Geld, so daß nach und nach ein Balgen und ebenfalls ein Aplomat gekauft wurde. Sonntags gingen wir ans Fotografieren – viel wurde es nicht, denn wir wußten nicht so richtig, wie eine gute Platte auszusehen hatte. Kam ich sonntags nach Naumburg, wurde es den Eltern verheimlicht, denn ich konnte ja nicht wissen, ob in der neuen Sache nicht auch der Teufel steckte.

Sonntagsbesuch in Saaleck

So ging der Herbst bald dem Ende zu, als plötzlich eines Sonntagmorgens mein Vater mir befahl, die Zeichnungen einzupacken und mitzukommen. Wir fuhren nach Kösen und wanderten nach Saaleck zu dem berühmten Professor Schultze-Naumburg. Ein Tor wie ein altes Stadttor einer süddeutschen Stadt nahm uns auf. Wir gingen durch einen märchenhaften Garten, unter einer Pergola, auf der Pfauen saßen. Dann standen wir erwartungsvoll vor der Tür – mir kam es vor wie ein Schloß. Wir wurden höflich eingelassen und bald standen wir in einer großen Halle, die gleichzeitig Bibliothek war. Ein großer Herr erschien. Es war der Professor. Mein Vater war sehr devot und brachte sein Anliegen vor betreffs seines ungeratenen Sohnes, der Kaufmann lernen sollte, aber vollständig versagt hätte usf. Ich wurde freundlichst aufgefordert meine Zeichnungen dem hohen Herrn zu zeigen, die er sich alle einzeln ansah. Dann fragte er meinen Vater, ob er Geld hätte. Mein Vater verneinte. "Ja wenn Sie Geld hätten, dann kann ihr Sohn auf eine Kunstschule, wenn nicht, dann lassen sie ihn Dekorationsmaler lernen, von da kann er selbst weiter. Er bekommt eine gute handwerkliche Grundlage, spart sein Geld, und geht dann später zur Kunst über. Drüben, meinem Hause gegenüber wohnt der Maler Gugg. Der ist auch Dekorationsmaler gewesen und jetzt malt er nur Bilder und ist außerdem Lehrer in meiner eigenen Malschule." Das war nun eine Musik in meinem Ohr. Dankbar für diesen guten Rat verabschiedeten wir uns und als wir aus dem herrlichen Anwesen des Professors heraus waren, gingen wir über die Straße zu Herrn Maler Hugo Gugg. Er kam uns mit Verbeugungen und geradezu übertriebener Freundlichkeit entgegen, führte uns über den Boden, wo ich aus dem Dämmer ein Skelett hervorschimmern sah, in sein helles Atelier. Hier roch es angenehm nach Farbe, viele Bilder standen an den Wänden, angefangene und fertige, Skizzenmappen, Staffeleien, und ich sah nun zum ersten Male eine solche "Künstlerwelt", von der ich schon auf den Kirschbäumen geträumt hatte, ja, ich stand darin und es war Wirklichkeit. Das konnte ich gar nicht fassen, so unglaubhaft erschien mir alles. Da stand dieser seltsame Maler in kurzen Hosen und mit Sandalen gar eigenartig in seiner Kleidung und mit langem Haar. Dabei so freundlich! So selten freundlich hatte mich noch nie ein Mensch im Leben angesprochen, nur mein Großvater, aber der war doch wieder anders und Großvater war ja schon lange tot. Gütig betrachtete er meine kleinen Arbeiten. Dann zeigte er mir von seinen eignen Zeichnungen und Studien, da kam ich aus dem Staunen nicht heraus. Jedes Blatt, welches er zeigte, erschien mir wie ein Wunder. So also konnte gezeichnet werden! Das erlernt man ja nie, dachte ich mir. Aber der Meister Gugg machte mir Mut. Er sagte, ich solle ein weißes Papier nehmen, darauf einen Apfel legen und so gut ich könne diesen Apfel malen mit allem Fleiß und aller Ausdauer, dann später einige Äpfel usw. Ich solle nur ruhig zu einem Dekorationsmalermeister in die Lehre gehen und alle Freizeit zu eigenen Studien verwenden. Er hätte es ja auch nur so gemacht.

Es war alles wie ein schöner Traum. Diese Begegnung war für mich schicksalhaft geworden. Vor kurzer Zeit befand ich mich noch auf dem Wege, Verbrecher zu werden und hier wurde mir ein lichter Weg neu gezeigt!

Zweite Lehre

Beim Malermeister Paul Hüttig in Naumburg wurde nun vereinbart, daß ich am 1. Januar 1909 die Lehre beginnen sollte.

Die Zeit noch in der Schusterbude in Weißenfels wurde vollends zur Qual, noch dazu wo der Winter hart einsetzte und ich so früh zur Arbeit mußte, dabei fast ein Weg von einer Stunde. Aber bald war diese Zeit überstanden. Der Lehrbeginn bei Meister Hüttig rückte heran. Als ich früh in seiner Werkstatt stand, gab er mir einen großen Topf Fußbodenfarbe, Pinsel und Spachtel sowie Kitt, befahl mir zu einem Bau zu gehen am Buchholz und mich bei den Gesellen dort zu melden mit dem Vermerk, ich sei der neue Lehrling und solle Fußboden streichen, denn erst komme die grobe Arbeit, später dann die Feinere. Als ich dann diesen Spruch vor dem älteren Gesellen hinleierte, grinste er und sagte: "So, du bist der neue Stift? Willst Fußboden streichen? Nein, so schnell geht das nicht. Erst muß der Fußboden gekehrt werden." Dazu bekam ich einen winzigen Handbesen. Ich frug gleich, warum denn kein größerer genommen wird. Aber er verbat sich naseweise Fragen und befahl mir, an die Arbeit zu gehen. Diesen Fußboden habe ich 3-4mal auskehren müssen, es war immer noch nicht gut. Strich für Strich kniend ging diese Arbeit vor sich. Nun wollte ich endlich mit der Farbe daran. Auch weit gefehlt. Jetzt kam das Verkitten, jedes Nagelloch und Astloch wurde sauber gekittet. Ehe ich es kannte, gingen einige Tage über den Fußboden hin und dann kam endlich das Streichen, die grobe Arbeit, dran. Aber bald legte sich mein Eifer. Mein Mittelfinger der rechten Hand bekam Blasen, und trotzdem jetzt gab es kein Nachlassen, da sorgte der Geselle schon, wahrscheinlich hatte er seine Freude daran, "Immer feste und Kraft anwenden, die Farbe muß mager und gleichmäßig verteilt werden, den Finger recht beachten, der muß Horn werden." Die Nacht darauf habe ich kaum schlafen können vor Brennen in der Hand.

So begann nun der Weg zur Kunst über die grobe Arbeit. Bald ging alles seinen regelmäßigen Gang. Frühmorgens in der Werkstatt Farbtöpfe einrühren, dann beladen mit Farbkübeln, Verdünnungsflaschen, Pinseln gings zum Bau. Dort vom Gesellen in Unterricht genommen bis die Frühstückszeit ran kam. Dann hieß es Frühstück holen, vor allem Dienstags und Freitags. Da gab es in der Stadt bei den Fleischern warme Wurst, das war immer ein Eilweg, denn die Wurst mußte warm zum Frühstück da sein. Waren es mehrere Gesellen, wurde es schwierig:

7 x für 10 Pfennig Wurst halb in halb
6 x für 1 Pfennig Salz und Pfeffer
3 x für 1 Pfennig Senf
Brötchen, Semmeln, Brot, so und soviel Flaschen Bier.

Aber es war das Frühstück bei den Gesellen eine Art heilige Handlung und wehe, wenn ein Stift die zu dieser Zeremonie benötigten Dinge nicht recht anbrachte. Aber ich schaffte es. Ob mir da meine Kaufmannslehre etwas geholfen hatte? Ich weiß es nicht. Mittag gab es wieder 1½ Stunden [Pause], da flitzte ich wie der Wind heim. Das Essen wurde heruntergeschlungen und dann ging es an meine Äpfel auf dem weißen Papier, genau wie Meister Gugg es vorgeschrieben hatte. So entstand in diesen Mittagszeiten nach und nach ein Stilleben nach dem Andern.

Übungen

Auch ein Skizzenbuch trug ich in der Brusttasche, und morgens, wenn ich mit den Farbtöpfen beladen durch den Bürgergarten eilte, blieb ich vor einem Busch stehen und ruhte mich aus, zog das Skizzenbuch und zeichnete mit scharf gespitztem Bleistift 1 bis 3 oder 4 Blättchen des Busches. So trieb ich es, so oft es ging. Da nun ein Bau 4 Wochen meist dauerte, bekam ich in einer solchen Zeit den ganzen Busch ins Skizzenbuch. Dabei wurde es Frühling, ich sah die Sonnenflecken auf dem Grün, die Birken mit ihrer schönen Rinde, das Leuchten des Löwenzahns, sah Bilder über Bilder, eines schöner als das andere und im Skizzenbuch war nur ein kleiner Busch und der vielleicht nicht mal gut! Ach wie kurz ist das Leben! Wie lang ist die Kunst!

Die Sonntage waren meine Tage: Mit dem Zeichenblock ging es in die Natur. Schon im Januar saß ich an der Saale an einer alten Weide und zeichnete behutsam, oben beginnend, Stück für Stück. Das Ästegewirr zu entwirren war schwer. Immer wieder mußte ich hinsehen und lernte bald mehr sehen als zeichnen. Immer wieder wurde der Bleistift angespitzt und so gingen sieben Sonntage drauf. Sieben Sonntage, über die dann der Frühling herfiel mit seiner ganzen Pracht. Ich zeichnete immer noch die Rinde des alten Weidenstammes, als oben schon alles mit dichtem Blattgrün sich geschmückt hatte. Dann kam auch mal ein großes Motiv dran: die Schönburg. Aber immer hatte ich noch nicht genug, um wieder zum Meister Gugg zu gehen, um ihm was zu zeigen. Doch der Sommer war dann die Zeit, wo ich ihm Äpfelstudien und Zeichnungen vorlegte. Er lobte alles, aber zeigte dann wieder von seinen eignen Zeichnungen und ich wußte nun wieder auf Jahre genug. Es war alles noch nicht gut genug. Also weitermachen! Bald fand sich auch noch so ein verrückter Stift. Er hatte sogar drei Jahre Kaufmann gelernt und nun war er auch Malerstift geworden beim Obermeister. Er war Spezialist im Kopieren. Noch ein anderer gesellte sich zu uns und so waren die Sonntage und auch die Abende des Sommers gemeinsame strebsame Unternehmungen. Ein Lehrer meiner Schwester (er wurde später Stadtrat) wurde unser Mäzen, brachte kleine Aufgaben, zeigte uns Seemanns Kunstblätter und das wichtigste: er verschaffte uns freien Eintritt zu den Ausstellungen des Kunstvereins. Diese Ausstellungen haben wir gierig verschlungen. Ich entsinne mich noch deutlich großer Gemälde eines Russen, der die Urwälder in den verschiedensten Jahreszeiten mit Tieren bevölkert gemalt hatte. Unerreichbar schienen uns solche Bilder, für uns waren sie wie von Zauberhand geschaffen. Einmal erzählte der alte Herr, der Aufsicht führte, daß er den kleinen Adolf Menzel beobachtet hatte, als er mit ihm im Buchenwald bei Bad Kösen einem Waldgottesdienst beiwohnte. Menzel hätte keine Skizze gemacht, nichts. Aber nach einem halben Jahr hätten sie hier in der Ausstellung das Bild von jener Begebenheit, von Menzel gemalt, ausgestellt gehabt. Nicht ein Ästchen hätte gefehlt. Alles ganz genau, auch die Menschen, die abgebildet gewesen wären zum Wiedererkennen! Nach solcher Erzählung sind wir dann betrübt weggeschlichen, erkannten das große Genie Menzels und unser kleines kümmerliches Talent. Aber wir übten weiter.

Im Winter gingen wir zur Fortbildungsschule. Da malten wir auf große Rahmen, die mit Packpapier bespannt waren, mit Leimfarbe, zogen Stuckleisten, malten Stuck-Löwenköpfe, korinthische Kapitelle, Ornamente oder zeichneten nach Vorlagen. Es war ein stiller Wettbewerb in dieser Gemeinde der Lehrlinge. Es gab aber auch Angeber, die sich meist übernahmen. Da war einer, der zeichnete ein Gesicht und als er es fertig hatte und wir ihm sagten, es sei ja sehr schön, nur fehle eine gewisse Ähnlichkeit, da antwortete er, die Ähnlichkeit hätte er gar nicht gewollt, worauf alles schallend lachte. Denn jeder wußte ja, daß es hier nicht aufs Wollen sondern aufs Können ankam. Auch die Gesellen hatten unter sich im Winter Abendkurse, die wir einige Stifte auch besuchen durften. Da lernten wir die Holzmaserungen, Eiche, Mahagoni und die verschiedenen Holzarten imitieren. Auch Marmor wurde imitiert. Unser Meister aber stellte ein Bild aus - "Chrysanthemen" -, da zeigte er, daß er auch seine Arbeit kannte, aber die machte er allein. Dazu war er ja auch auf der Malerschule in Buxtehude gewesen. Aber er stieg doch in unserer Achtung. Mir sagte er nichts mehr wegen der "feineren Arbeit". Als eines Tages eine alte Bauerntruhe von mir [...] gestrichen werden mußte, da sagte er: "Später wenn du weiter bist, kannst du mal einen Erntekranz darauf malen". Das war eine Aussicht! Ich hatte mich nun darauf gespitzt. Es verging fast ein Jahr, da hatte ich Zeit genug, mir vorzustellen, wie ich den Erntekranz malen würde. Aber wer beschreibt mein Erstaunen und meine Enttäuschung, als er eines Tages die Truhe selbst bemalt hatte? Für mich war es eine große Enttäuschung.

Im dritten Schuljahr kam ich oft zur "feineren Arbeit", sehr zum Ärger der Gesellen. Dann durfte ich mit dem Meister allein an Decken Ornamente oder auch Blumen anbringen. Je nachdem es die Aufgabe verlangte.

Neckereien

Eine neue Leichenhalle inmitten der Gräber eines Dorffriedhofes durfte ich sogar ganz allein in 14tägiger Arbeit ausmalen. Die Decke, ein steiles spitzgiebeliges Dach, wurde dunkelblau gestrichen, darauf leuchteten dann Sterne, aufschabloniert in Gold. In den romanischen Fensternischen malte ich "freihändig" ebensolche Ornamente, darauf war ich sehr stolz. Einmal nach der Erntezeit hatten wir auch eine Dorfkirche fertig. Nur mit dem Leimeimer und der Streichbürste war ich dort und überzog die Wände nochmals mit etwas Leim. Mein Mittagessen nahm ich draußen auf einem Grabhügel sitzend ein und ließ mir die Pflaumen, die zwischen den Gräbern lagen, gut schmecken, denn der Friedhof, anstatt Lebensbäume zu haben, hatte Pflaumenbäume. Erstaunt schaute mir plötzlich ein alter Bauer zu. "Wie können Se nur die Pflaumen essen wo die Säfte von die Toten drin sind?" Ich nickte ihm fröhlich zu: "Gerade deshalb schmecken sie so gut". Da trottete er kopfschüttelnd weg.

Auf den Heimweg über die Stoppelfelder erwischte ich einen Hamster, auf den ich den Eimer stellte. Dann bugsierte ich den fauchenden Kerl in den Eimer und nahm ihn mit in die Werkstatt. Hier hinter den Farbenfässern legten wir, mein Lehrkollege Erich half dabei, ihm seinen Stall an. Viel Freude bereitete uns der muntere Kerl, bis er einmal uns doch entwischte. Wir hatten ihn schon vergessen, als der Meister uns frug, ob wir was wüßten, wer wohl seine frischen Pflanzen im Garten angefressen haben könnte? Natürlich wußten wir nichts, ahnten aber gleich, daß es nur unser Hamster sein konnte. Wir freuten uns, daß er den Winter überdauert hatte und nun, zu neuem Leben erwacht, den Meister ärgerte. Dies geschah lange Zeit und jedesmal machten wir die unschuldigsten Gesichter. Der Garten war zwischen hohen Mauern der Nachbarhäuser und so gab es für den Hamster kein Entweichen. Eines Tages kam aber doch die Trauerbotschaft, indem der Meister uns triumphierend erklärte, er hätte nun den Pflanzendieb erschlagen. "Möchte nur wissen, woher hier mitten in der Stadt ein Hamster kommt", sagte er, uns beide bedeutsam ansehend. Wir aber schwiegen.

Wenn wir Stifte früh auf den Bau kamen und die Gesellen sich umzogen, wurde meistens nach der Stimmung beim Meister gefragt. Es ließ sich nicht ganz vermeiden, daß wir Stifte auch die schlesische Mundart unseres Meisters bei solchen Berichten nachmachten. Wer beschreibt mein dummes Gesicht, als nach einem solchen lebhaften Bericht einmal der wütende Meister, der hinter der Tür gelauscht hatte, sichtbar wurde? Ich bekam bei dieser Gelegenheit die ersten und auch die letzten Ohrfeigen von ihm, doch trug er es mir nach. Im Betragen hatte ich im Lehrzeugnis keine 1.

Unsere Arbeitsschuhe hatten Sohlen von geflochtenem Hanf. Lautlos schlich man darin herum. Die Kleinwohnungen, die oft zu streichen waren, waren in der Anlage so, daß man von einem Zimmer ins andere und in die Küche gelangen konnte, sozusagen im Kreise. Einmal hörte ich Schritte, ging nun im Kreise herum, immer in gewissem Abstand zu den näherkommenden Schritten, denn ich glaubte, es sei mein Lehrkollege Erich. Die Sache ging in einen Wettlauf über und plötzlich stand ich doch vor "ihm": es war der Meister, er hatte leider keinen Sinn für derartige Späße.

Enax, der Altgeselle, tat sich immer sehr wichtig. Wenn er während der Streicharbeit ein Lied pfiff und ich versuchte mitzupfeifen, wurde er wütend und schimpfte: "Du dummer Stift, fang doch für dich selbst ein Lied an!" Tat ich es, war es eine noch schlimmere Sache. Manchmal mußte ich beim Wandmustern die große Schablone halten, dabei blies er immer seine oft unangenehme Luft mit lautem Gedröhne hinten aus. Drehte ich nun meine Nase weg, so herrschte er mich an: "Laß deinen Pobelturm nur hier!"

Einmal strichen wir einen Eisenzaun mit schwarzer Ölfarbe. Er draußen, ich drinnen im Garten. Um die Spitzen des Gitters richtig auszutupfen, stand ich auf einer kleinen Kiste. Ein alter Mann schaute uns zu. Dann sagte er: "Junger Mann, seien sie vorsichtig beim Runtersteigen, damit sie ja nichts brechen". Wir lachten. "Ja, ich kenne eine Frau, die ist von der Fußbank gefallen und hat sich dabei ein Bein gebrochen." "Freilich", sagte Enax, "es gibt welche, die brechen den Finger, wenn sie ihn in den Hintern stecken!" Darüber lachte ich so, daß ich beim Herunterfliegen unachtsam mit dem ganzen Fuß in den Farbkübel mit der schwarzen Ölfarbe trat! Nun lachten wir noch mehr. Der Alte aber sagte: "Sehen se, sehen se".

Arbeiteten wir auf dem Dorfe, was oft vorkam, schliefen die Gesellen auf dem Fußboden lang liegend nach ihrer Mittagsmahlzeit. Ich zeichnete meist irgend etwas. Da nun Enax eine so schön nach außen gebogene Nase hatte, schlich ich mich heran und zeichnete ihn schlafend. Als die Zeit um war, ich wegschleichen wollte, erwischte er mich, riß mir das Blatt aus der Hand und verhaute mich zum Lohne: "Ich werde dir das Austreiben, deine Gesellen im Schlafe zu zeichnen." Später, als ich ihn dann mal traf und wir uns Kollegen nannten, sagte er mir stolz, daß er die Skizze zuhause eingerahmt hätte. "Aber es war doch richtig, daß ich dich damals dafür verwamste."

Der Altgeselle Blume war sein Gegenteil, er war der, der einem die sauberste Arbeit beibrachte, er war ruhig und voller Güte. Ihn liebte ich, und ihm verdankte ich viel, denn er hatte große Geduld und war ein stiller Mensch.

Majestätsbeleidigung

Im Naumburger Schwurgericht wurde während der Gerichtsferien gestrichen. Auch eine Gipsbüste von Kaiser Wilhelm I. stand da irgendwo in einer Ecke. Dieser Gipsbüste setzte ich immer meinen schwarzen Hut mit Farbkleksen auf. Bis, ja bis der Gerichtsdiener es wutschnaubend merkte und mich Sünder wegen Majestätsbeleidigung dran kriegen wollte. Er war so wütend und ich so verdutzt – nein, mit dem Gericht wollte ich nichts zu tun haben. Unliebsame Erinnerungen stiegen auf. Aber alle meine Beteuerungen hätten kaum was geholfen, wenn nicht die Fürsprache der Gesellen eingesetzt hätte.

Bauhütte

Lange Zeit hatte die Wenzelskirche ein Gerüst. Eine Menge Steinmetzen arbeiteten, alte schadhafte Steine wurden ausgewechselt. Bildhauer schufen neue gotische Kapitelle, Konsolen, Fensterbögen und sogar die Gesichter der zur Zeit amtierenden Geistlichen wurden in Stein gemeißelt. Die neu eingesetzten Steine durften aber nicht das Gesamtbild der Fassade stören, also wurden sie gefärbt. Der Meister machte mancherlei Versuche mit Erdfarben, aber es wurde nichts, bis ihm endlich der richtige Gedanke kam. Wir leerten nun die Schornsteine aus, rührten den Ruß mit Wasser an und bespritzten mit dieser "Patentfarbe" die neuen Steine. Plötzlich waren sie wie die Alten, denn der poröse Kalkstein gab diesen eingesaugten Ruß nicht wieder ab. Mir machte diese Arbeit hoch oben an der Kirche viel Spaß. In den Pausen zeichnete ich die gotischen Konsolen und Krabben, sah den Steinmetzen und Steinbildhauern zu und fühlte mich als ein Mitglied einer richtigen zünftigen mittelalterlichen Bauhütte.

Kunsthandel

Es verging fast kaum ein Sonntag, wo nicht wenigstens eine kleine Zeichnung oder eine Ölskizze entstand. Als ich ein größeres Bild vom Blütengrund, auf das ich sehr stolz war, fertig hatte, verwendete es mein Vater als Wandschutz um den Wasserleitungshahn in der Küche, denn es war so schön glänzend. Mitten aus der Landschaft kam nun das Wasser geströmt und meine Geschwister hatten so beim Zähneputzen ihren Kunstgenuß. Meine auf Pappe gemalten Stilleben benutzte er im Keller zur Abdichtung der Latten, damit die Kartoffeln nicht zum Nachbarn rollen konnten.

An einen schönen Sommersonntag hatte ich mich an einen guten Ausflugspunkt mit dem Ölmalkasten angesetzt, malte die blau leuchtende Saale und die Schönburg. Sonntagsspaziergänger schauten mir zu und einer frug sogar, ob ich das Bild verkaufen würde. "Gern", sagte ich. Der Preis? Mir stockte der Atem. Was soll man verlangen? Mühsam brachte ich dann heraus: "Drei Mark". "Gut" sagte der Herr, "ist gekauft. Bringen sie es mir, hier ist meine Adresse." Ich bekam einen Zettel. Nach einigen Tagen brachte ich mein Machwerk hin und bekam tatsächlich meinen Taler. Das war ein Triumph. Mein Vater sagte: "Na ja, warum nicht immer so?" Aber er hatte von diesem Tage an doch etwas Respekt bekommen vor der "Schmiererei".

Im dritten Jahr meiner Lehre bekam ich einen "großen Auftrag". Der Kaufmann Tuffner wollte von seinem Weinberg im Blütengrund ein Bild, dazu gab mir mein Meister sogar 3 Tage frei, weil der Kaufmann Tuffner uns die Kreide und sonstigen Farben lieferte. Das Bild brachte 30 Mark und mein Vater war sehr zufrieden.

Einmal verwandte ich die zwei Pfingstfeiertage, um eine kleine Zeichnung eines Baumes in einer Wiese nahe einer Landstraße zu machen. Mein Rad lag neben mir, und ich auf dem Bauche, zeichnend. Es kamen auf der Landstraße Wagen mit Pfingstausflüglern vorbei und öfter riefen sie "da hat einer schlapp gemacht!" Am zweiten Pfingsttage dasselbe Bild, wieder die üblichen Wagen. Auf einmal schrie ein Kutscher: "Hört, hört, da liegt er noch, der lag schon gestern da! Macht der aber lange schlapp!"
Lichtbilder

Bei alle dem war aber der selbstgebaute Bilderkasten nicht vergessen. Es gelangen sogar brauchbare Negative, bei meinem Gesellen die bekannten Frühstücksgruppen mit Bierflaschen in der Hand, sehr geschätzte Erinnerungen. Die Kopien, auf Auskopierpapier, in Salzbad getont und dann fixiert, waren erfolgreicher als meine Zeichnungen. Mein Mäzen, der Lehrer Bethge, verschaffte mir sogar einen Auftrag für den Naumburger Kunstverein. Es entstand eine Serie "Naumburger historische Tore und Türen", so wie eine Serie "alte Höfe". Als diese Postkarten wirklich gedruckt in den Buchläden waren und ich mit der Malerkarre vorbei fuhr, war ich doch sehr stolz. Leicht hatte ich mir diese Arbeit nicht gemacht, ich wußte genau die Zeit, wann an jeder Tür das Licht so war, daß die beste Plastik da war. Ich hatte ja jedes Motiv unablässig beobachten können. An der Stadtmauer hatte ich sogar noch Staffage hingeschleppt: einen alten Mann mit weißem Bart. Außer dem Apparat nahm ich dann noch von unserm Boden ein Bündel Holz mit, das mußte der alte Mann auf den Rücken nehmen. Auf diese Weise belebte ich auf verschiedene Art meine architektonischen Motive.

Die Fotographie war um diese Zeit nur eine gelegentliche Freizeitbeschäftigung. Die Zeichnungen oder Aquarelle oder Ölstudien interessierten mich mehr. Das Marientor, mein Lieblingsmotiv, habe ich sehr umworben. So entstand auf blauem Tonpapier mit Temperaweiß eine Mondscheinstimmung, natürlich mit Staffage. Dazu lieferte mir mein achtjähriger Bruder das Modell, der einmal als alter Mann im Mantel, die Treppe heruntersteigend gezeichnet wurde, dann als kleiner Junge, die Laterne haltend. Das waren wirkliche Anstrengungen ums Bild. Aber es wanderte in eine Mappe wie so viele der damaligen Arbeiten und heute ist kaum das eine oder andere noch vorhanden.
Meine Malerlehre half mit sehr im Praktischen. Kreidegrund in der Art der alten Meister präparierte ich selbst, Wasserfarbenuntermalung, Temperafarbe in der Weiterführung und zum Schluß Öllasur war die Technik meiner frühen Arbeiten. Als Modelle mußten meine Geschwister herhalten, mein jüngster Bruder Fritz war damals noch sehr klein und wenn er im Wagen schlief, hielt er so schön still. Auch der Kater meiner Mutter war beliebtes Modell. Natürlich nur, wenn er schlief. Am geduldigsten saß meine Schwester Grete, sie kam dann dementsprechend am meisten dran. Verjagte sie mein Vater vom Platz in der Sofaecke, zeichnete ich ihn, wenn er eingeschlafen war.

Nach Dresden

Meine Mutter, die lange Zeit ihrer Jugend in Dresden verbrachte, hatte mir soviel davon erzählt, daß für mich feststand, nach dem Auslernen dort als Geselle zu arbeiten. Sie hatte mich schon einmal als Kind mit dorthin genommen. Viel ist mir von der ersten Reise nicht im Gedächtnis geblieben. Eine reiche Tante wohnte dort, mit der Großmutter war ich mehrmals an der Elbe, aber sie konnte mich nicht gut leiden, besonders nicht meine Augen, und sagte immer zu meiner Mutter: "Aus dem Jungen seinen Augen kommt nichts Gutes!" Dabei hatte ich blaue Augen wie die meisten Kinder.

Meine Prüfung rückte heran, es war ein Vestibül in der Grochlitzer Straße mit ornamentaler Deckenmalerei, eine verwitterte Haustür, die abgelaugt und dann in Öleiche gemasert wurde. Auch die theoretische Prüfung bestand ich mit "gut". Bald hatte ich mein Bündel geschnürt und los ging die Reise in die Fremde.

In Leipzig erster Aufenthalt und Gang ins Museum. Ach, war das eine Stadt, der große Augustusplatz, die Gebäude, die Denkmäler, was gab es da zu staunen. Im Museum die Bilder von Max Klinger. Der Beethoven. Ich versank fast vor Ehrfurcht. Und dann saß ich vor dem Bilde Greiners "die Sirenen des Odysseus". War das ein Bild! War das ein Bild! Die ganze Weiterfahrt bis Dresden ließ mich das Bild nicht los. Ich mußte immer wieder daran denken. In Dresden traf ich einen Lehrkollegen von Naumburg. In seiner Schlafstelle war ein Bett frei und so zog ich in die Alainstraße [?], vier Treppen hoch und mit dem Sohn der Vermieterin hausten wir drei jeder für drei Mark die Woche da oben. Der paritätische Arbeitsnachweis vermittelte nach einigen Tagen mir Arbeit und so arbeitete ich in der Loschwitzer [?] Villenkolonie, die damals gebaut wurde. Für besondere Arbeiten gab es da Spezialisten, so für Blumen und für Ornamente. Wie schnell diese Kerle mit wenigen Strichen und Tupfen ihre Blumen hinzauberten.

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