Newsflash

Aufgrund der aktuellen Entwicklungen bleiben alle unsere Häuser – zu unserem größten Bedauern – bis auf Weiteres geschlossen.

Otto Peters, Unterreichenbach

Kindheit und Jugend Eulau

Da, wo die Saale von Süden kommend, im scharfen Knick nach Osten abbiegt um der Leipziger Tieflandsbucht zuzustreben, erstreckt sich sanft den Hügel ansteigend mit seinen kaum 20 Häusern und nicht einmal 300 Einwohnern der weitabgewandte, verschlafene Ort umrahmt von Obstbäumen und stämmigen Kastanien. Von der Höhe grüßt das Termittchen (Turmhütte), des Wahrzeichen Eulaus und weiter abseits die im Jugendstil 1900 erbaute Schule und die Kirche mit seinem Zwiebelturm. Eulau war zweigeteilt, und zwar in den Gutsbezirk mit seinen Wirtschaftsgebäuden und Arbeiterwohnungen, den sogenannten Frienerhäusern (Fröhnerhäusern) und den Gosecker Anteil; daher die Hausnummern 1g, 2g etc.

Somit war der Ort zur Hälfte Gosecker Anteil und unterlag in früheren Zeiten dessen Gerichtsbarkeit. Das Dorfleben oder, wie man es damals nannte, die Volksgemeinschaft verlief im grossen und ganzen friedlich. Um die Zeitläufte kümmerte man sich wenig, bevor braune Kolonnen mit Pauken und Trompeten durch den Ort marschierten. Ungläubig: wurden sie beäugt. Ein jeder kannte jeden und lugte den Nachbarn in den Kochtopf. Frau Müller wusste, was Frau Schlag am nächsten Tag kochte: Karnickelbraten und rohe Klöße. Das Wasser holte man eimerweise von den beiden Dorfpumpen (Plumpen).

Schlagartig kam Unruhe in den Flecken. Hitler war an die Macht gekommen. Jetzt begann die Zeit des Marschierens, Exerzierens und der Geländespiele – mit Widerwillen.

Selbstverständlich blieb jedoch ohne Unterlass, dass man nach wie vor dem "Karnickeln" nachging, ja fröhnte. Die Hänge und Hügel waren seinerzeit, bevor die Myxomatose den Bestand dezimierte ein Dorado für das Völkchen der kleinen Nager. Unzählige Gänge und gesundes Futter sorgten für Erhalt und Vermehrung.

Karnickeln, also die Jagd auf Kaninchen, war eine Leidenschaft par excellence von jung und alt; daneben auch noch das Angeln in der Saale, dem der Fischer Kayser duldsam zusah. Man dachte zu jener Zeit bescheidener und gönnerhafter als heutzutage, wo jeder auf sein Recht pocht.

Argwöhnisch und misstrauisch dagegen verfolgte die Gräfliche Forstverwaltung das Geschehen. Zugestanden, die Eulauer schossen, was das Zeug hielt.

Wohlgemerkt! man beachtete die Schonzeiten. Trotzdem, Anzeigen und Verwarnungen hagelte es nur so. Kein Haus war ohne ein Flobert (Kleinkalibergewehr). Die Jagd beging man außerdem mit Frettchen (einem domestizierten Iltis) auch Ratz genannt, mit Netzen, Bolzen und Schlingen. Letztere Jagdart ist allerdings zu verabscheuen, weil Tierquälerei. Bisweilen beklagte sich der Metzger Otto Franke über den Rückgang des Fleischverkaufs. Nicht selten wurde die Jagdbeute an Ärmere verteilt.

Die prominentesten und erfolgreichsten Wilderer waren die Brüder Tretner, Albert Sperrhacke, Otto Peter und Adolf Roth. Alle sind sie in die "ewigen Jagdgründe" eingegangen. Sie waren die Helden des Tages, zu ihnen schaute man hinauf, am meisten jedoch auf den "Stramich".

Eines Tages, es war die Zeit der Kartoffelernte, begab sich folgende Episode: Während die Kartoffelfeuer brannten und man die gerösteten Kartoffeln mit Genuss verzehrte, fielen plötzlich Schüsse. Am Bahndamm stand der Stramich (Karl Schlag). Stramich (Wenäisch-sorbisch = Wilderer), mit seinem Karabiner, den er 1918 nicht abgeliefert hatte, und schoss auf den Oberförster Weidel, der sich am Rande des Riedchens postiert hatte. Schüsse fielen von beiden Seiten. Der Förster sah wohl seinen Nachteil ein und verließ den Kampfplatz. Jetzt hätte der Stramich ihn treffen können, aber einen Förster von hinten zu erschießen widersprach der Wilddiebsehre. Die Alten sahen erschrocken zu, die Jugend dagegen: "Gib’s ihm, Stramich, gib’s ihm." Diesmal war der Stramich der Held des Tages. Noch lange erzählte man in der alten rußgeschwärzten Schenke beim Humpen von der Heldentat des Stramich, die kein Nachspiel hatte. Der Stramich ist im Bett gestorben.

Und immer wieder sang man das Lied vom Edelweiß auf steiler Felsenwand und die Ballade vom Wilddieb, der den "Hirsch mit stolzem Geweih" verschonte und den Jäger im offenem Zweikampf erschoss, um ihm dann wehmütig die gebrochenen Augen zuzudrücken. Zu jener Zeit fröhnte man einer Wilderer-Romantik ohnegleichen und glorifizierte den Freischützen. Geschichtliche Hintergründe spielten keine geringe Rolle. Der große Deutsche Bauernkrieg und die strengen Gesetze der Adelsherrschaft. Mit Stolz berief man sich auf die großen Vorbilder, die heute längst vergessen sind : Stülpen Karl, Jennerwein , Colani. Sie waren Vorbilder und Rechtfertigung zugleich.

Dreh-und Angelpunkt war das Rittergut. Es war von besonderer Bedeutung für das junge Volk. Hier wurde nicht nur gearbeitet sondern auch gespielt. Man lauschte dem Gesang der Schweizer (Melker), man trieb sich im Kuh- und Pferdestall herum, spielte im Taubenturm oder rutschte in der großen Scheune die Strohballen hinunter. Neugierig, fanden wir überall Spielmöglichkeiten.

Im Frühjahr, wenn die Saal aufging, mussten Jungen und Mädchen aufs Gut und zum Pächter Hausschild auf Öblitz zum Rüben verziehen. Zu dieser Zeit gab es schulfrei. 50 Pfennig verdiente man pro Tag, dazu gab es ein Mittagessen und nach Feierabend, wenn es dunkel wurde, ein Stück Wurst und eine Scheibe Brot rings um den Laib. Auf dem Rittergut gab es allerdings nur 50 Pfennige. Der Gutsbesitzer, der reiche Herr Graf von Zech-Burkersroda war knausrig genug. Während der Ferien musste hart gearbeitet werden von früh bis spät. Das abgemähte Getreide musste gestaucht werden, d.h. die Garben wurden zum Trocknen aufgerichtet. Später, bei der Kartoffelernte, durften Kartoffelfeuer entzündet und Kartoffeln zum Rösten hineingelegt werden. Das war ein Vergnügen. Hin und wieder verschwanden die "Arbeiter" im nahen Erbsenfeld um Schoten zu stibitzen oder sie holten sich weiße Teltower Rüben und von den Streuobstbäumen Frühäpfel.

Wenn die Dämmerung hereinbrach, wurden Jungen und Mädchen mit Pferdewagen mit Gesang heimgebracht. Sie sangen die nicht immer ganz keuschen Küchenlieder, die sie von ihren Müttern gelernt hatten. Es ging lustig zu. Weniger beliebte Arbeiten waren das Hederich zupfen, das Tannenzapfen suchen und das Sammeln von Schafdreck.

Schöner dagegen war es, wenn Sonntags unter Kaysers Pappeln die Zigeuner fiedelten und tanzten oder die "Böhmischen", die Musikanten durchs Dorf zogen. Das alles sollte bald vorbei sein.

Im Naumburger Tageblatt, der Naumburger Tante, wie man es nannte, erschienen die ersten Anzeigen von Gefallenen. In Polen hatte der Krieg begonnen und die polnischen Wanderarbeiter wurden unruhig. Alle die Jellineks, Mareks und andere waren nicht mehr da. Die Kinder kamen nicht mehr zur Schule. Und wo waren plötzlich die Böhmischen, der Käseonkel und der Weissbierfritze? Und wo blieb der braune Juri, der so schön die Fiedel strich?

Es zog ein die dunkelste Periode in Deutschland, und in Eulau brannten wieder die Petroleumlampen.