Newsflash

Aufgrund der aktuellen Entwicklungen bleiben alle unsere Häuser – zu unserem größten Bedauern – bis auf Weiteres geschlossen.

Gabriele Neidel, Naumburg (um 1928)

Puppendoktor

Meinen Einstand gab ich im Haus Reußenplatz 11. Das Haus, in dem zur Zeit des dreißigjährigen Krieges die Sage vom treuen Hund spielt. Es gehörte zu dieser, meiner Zeit, der alten Geheimrätin Glasewald. Sie hatte in dem Haus einen kleinen Saal hergerichtet, in dem sie die Kinder vom Reußenplatz zu Kaspertheater, Weihnachtsfeier und sonstigen Gelegenheiten einlud. Es lebte dort auch die alte Auguste, die überall in Erscheinung trat, wo Not am Mann war. Sie trug einen schwarz Pelerinenmantel, einen großen schwarzen Schlapphut und trank ihren Kaffee aus großen Bechern.

In den späteren 20-er Jähren wohnten wir in der Bahnhofstraße und unser Hausarzt war Herr Dr. Walther Heinze, zu dem ein recht familiäres Verhältnis bestand. Und so kam es denn auch, als meine Lieblingspuppe durch einen Sturz mit mir im Gesicht verletzt wurde. Ohne viel zu überlegen, nahm ich sie und rannte zu unserem Doktor. Ich wurde auch gleich vorgelassen, er zeigte sich sichtlich besorgt und verklebte ihr Gesicht mit Heftpflastern. Dankbar und beruhigt zog ich von dannen.

Als ich dann zur Schule kam, wohnten wir in der Burgstraße. Meine Einschulung erfolgte in der Marienschule. An dieser Schule lehrte zu dieser Zeit ein Lehrer (Lucius) dessen Organ im ganzen Schulhaus nicht zu überhören war. Die Folge, man hatte unheimlichen Respekt vor ihm. Eines Tages nun geschah das Unglück, ich kam ohne Schulranzen heim. Meine Mutter reagierte sofort, es hieß zurück zur Schule, Gottlob begleitete sie mich. Und ausgerechnet auf der Fahndung nach dem Ranzen begegneten wir besagtem Lehrer. Und zu meinem Erstaunen, er nahm die Sache mit Humor, meinte, ja leider haben die Ranzen noch keine Beine.

Ein recht peinliches Erlebnis hatte ich als junges Mädchen. In Nähe des Domes traf ich zwei junge Offiziere, die mich nach dem Alter unseres Domes befragten, ich hatte keine Ahnung, um mir aber keine Blöße zu geben, nannte ich aus dem Bauch raus eine Jahreszahl, mit der ich aber voll daneben lag. Und darum beschloss ich, ernsthaft mich mit der Geschichte unserer Stadt zu befassen. Ich las den Borkowski und besuchte an der Volkshochschule die Vorlesungen von Dr. Erich Wentscher, der es nicht nur verstand , die geschichtlichen Abläufe zu vermitteln, sondern auch uns in honoriger Weise auf die jeweiligen Zeitabschnitte (Rokoko, Barock usw.} einzustimmen. Von ihm erfuhren wir auch, dass es in der Mitte unseres alt ehrwürdigen Marktplatzes eine Stelle gibt von der, der Markt als geschlossenes Viereck wahrgenommen werden kann.