Newsflash

Geschafft! Seit Juni 2021 sind Stadtmuseum Hohe Lilie, Romanisches Haus Bad Kösen (mit Käthe-Kruse-Sammlung) und Max-Klinger-Haus in Großjena wieder geöffnet. Seit September gilt dies auch mit Einschränkungen für den Wenzelsturm.
Die Hygieneregeln gelten weiterhin (med. Masken, AHA-Regeln).

Hans-Gert Kirsche, Ahrensburg (um 1930)

Ein Haus, das es nicht mehr gibt

Im Hause Bismarckplatz (zu DDR-Zeiten “Platz der Einheit”, jetzt Theaterplatz) Nr. 2 hat Familie Kirsche von 1922 bis Oktober 1936 gewohnt, hier habe ich meine ganze Naumburger Kindheit verbracht. Das Haus war Eigentum der Stadt Naumburg, zuvor hatte der Oberbürgermeister Dietrich in der 1. Etage gewohnt, aber für den war die an sich große und repräsentative Wohnung mit der Zeit zu klein geworden (er hatte sechs Töchter!), und er zog in eine größere Villa im Bürgergartenviertel. So konnte mein Vater die Wohnung bekommen, als er 1922, als Kreisarzt im Hauptamt und Stadtarzt im Nebenamt, von Hannover wieder nach Naumburg zog, wo er aufgewachsen war. Ich weiß noch, dass die Monatsmiete 110 Reichsmark betrug, das war auch für damalige Verhältnisse ein kulanter Preis.
Das Haus lag günstig an der “Promenade”, die als breite Allee mit hohen Bäumen rings um die Altstadt führt - “unser” Stück heißt jetzt auch wieder “Jakobsring” wie damals. Bis zur Dienststelle meines Vaters, dem Gesundheitsamt im “Schlößchen” am Markt, waren es nur ein paar Schritte, gerade mal die Jakobsstraße hinunter. Wenn er allerdings, ob nun für dienstliche Fahrten in seinem großen Landkreis (bis Kölleda am äußersten westlichen Zipfel waren es fast 50 Kilometer) oder für private, sein Auto brauchte, musste er etwas weiter laufen, und genau in die entgegengesetzte Richtung: am Haus gab es keine Garage, und der Wagen war beim Autohaus Possögel, ein ganzes Stück die Weißenfelser Straße hinaus, untergestellt.

Das Haus, 1874 erbaut, war zu unserer Zeit in hellem Sonnengelb gestrichen, mit Simsen und Fensterumrandungen in einem warmen Rot. Die vorgebauten Veranden im Parterre und im zweiten Stock waren nur an den Seiten verglast und nach vorn offen, nur wir in der 1. Etage hatten auch vorn breite Schiebefenster, so dass dies ein zusätzlicher heller Wohnraum war, in dem die Eltern, zumindest in der warmen Jahreszeit, gerne frühstückten und in dem meine Mutter ganzjährig ihre reichhaltige Kakteenzucht pflegte. Nach dem Kriege, als das Haus zunächst einen sowjetischen Stab und dann Polizei- und städtische Dienststellen beherbergte, hat man den wohl baufällig gewordenen Verandavorbau ganz abgerissen, alle Simse abgeschlagen und den ganzen Bau mit dem schmutzig-grauen DDR-Einheitsputz überzogen, der nicht mehr ahnen ließ, dass dies einst ein herrschaftliches Haus mit eleganten Wohnungen gewesen war. Im Herbst 1997 wurde es zusammen mit den angrenzenden niedrigeren (und viel älteren) Gebäuden am Jakobsring ganz abgerissen. Dort ist nun ein millionenteurer, weitläufiger und supermoderner Kino-Komplex entstanden, und nichts erinnert mehr an die Stätte meiner Kindheit.
Der ziemlich große Garten vor dem Haus war gegen die beiden Straßen, die sich am Bismarckplatz trafen (Weißenfelser und Jakobsring) durch ein schmiedeeisernes Gitter auf niederem Betonsockel abgegrenzt und bestand vorwiegend aus Rasen. Nur am Rande, zum Haus und zum benachbarten Realgymnasium hin, standen etliche hohe alte Bäume, auch stattliches Gebüsch, meist Flieder. In der Mitte der Rasenfläche gab es ein kreisrundes Rosenbeet. Von hier aus konnte man ungehindert beobachten, was alles auf dem Platz und den Straßen, die auf ihn mündeten, vor sich ging, und war doch geschützt und eingehegt. Hier habe ich viele Sommertage auf einer Decke gelegen, bäuchlings in ein Buch vertieft, oder auch mit meinen Freunden gespielt, zuweilen auch nur mit unserem weißen Samojedenspitz. In meiner Erinnerung waren alle Sommer dieser Naumburger Kindheit lang und heiß, die Winter dafür um so kälter. Es kam immer mal wieder vor, dass die Wasserrohre, die in dem alten Haus ungenügend isoliert in den Außenmauern verliefen, eingefroren waren und beim Auftauen in den Räumen allerlei Überschwemmungen produzierten. Und wenn wir das, was von unserem Frühstückskakao übrig geblieben war, in einem Blechbecher außen aufs Fensterbrett stellten, war es im Handumdrehen zu so etwas wie Schokoladeneis gefroren
Wer alles in dem nur zweistöckigen, uralten Nachbarhaus am Jakobsring wohnte, offenbar doch nicht wenige Mietparteien, daran habe ich keine genaue Erinnerung mehr, obwohl ich mit den Gleichaltrigen unter den Nachbarskindern spielte, bis ich in die Schule kam und dort neue Freunde gewann. In unserer Nummer 2 gab es nur drei, allesamt “gutbürgerliche” Mietparteien. Unter uns, im Hochparterre, lebte Pastor Müller mit seiner Frau, ohne Kinder, aber mit einem uralten, asthmatischen schwarzen Dackel (“Pasters Männe”). Er war Hauptpastor an der Wenzelskirche und führte als solcher den altfränkischen Titel “Archidiakonus”, ein schrumpliges, buckliges Männlein, aber von unerschütterlicher Freundlichkeit. So viel ich weiß, hat er mich getauft, denn wir gehörten zur Wenzelsgemeinde. Als er Anfang der dreißiger Jahre pensioniert wurde, zog er aus, und sein Wohnungsnachfolger wurde wieder “ä Huckcher”: der Rechtsanwalt Amwege, gnomenhaft und irgendwie verkniffen wirkend, aber als Anwalt offenbar recht erfolgreich. Seine Frau, zwei Kopf größer als er, war eine strahlend blonde Schönheit, und seine vier kleinen Kinder waren, wenigstens äußerlich, offensichtlich nach der Mutter geraten.
Über uns, in der 2. Etage, wohnten Kremers. Frau Kremer war die Witwe eines Landgerichtsrates, und ihre drei Kinder waren zu meiner Zeit praktisch schon erwachsen. Erich, der Älteste, ging zur Marine und wurde im 2. Weltkrieg einer der erfolgreichsten, und entsprechend hochdekorierten, deutschen U-Boot-Kommandanten. Die Tochter Lucie wurde französisch ausgesprochen, “Lüssie”, weil ihre Mutter gebürtige Elsässerin war. Der Jüngste, Hans, machte bald auf dem Realgymnasium nebenan sein Abitur. Ich erinnere mich noch genau, wie er sich als etwa Sechzehnjähriger auf dem höchsten Baum zwischen Hof und Garten eine Baumhütte baute, etwa auf der Höhe der elterlichen Küchenfenster, und sich von dort auf einem zu diesem Zwecke von ihm konstruierten Seilzug allerlei Proviant in seine luftige Behausung hinüber bugsieren ließ. Zu den beiden Mitbewohnerfamilien, oben wie unten, hatten wir ein freundliches Nachbarschaftsverhältnis, aber nie nähere Beziehungen.
Die Anlage der Wohnung entsprach dem Schema, das zur Bauzeit und noch lange danach für “herrschaftliche” Wohnungen üblich war: vorn lagen die großzügig geschnittenen Wohnräume, um die breite Diele gruppiert, in die auch die Eingangstür vom Treppenhaus aus führte. Rechtwinklig ging von der Diele ein schmaler Stichflur ab, an dem die Wirtschaftsräume lagen: Badezimmer, Küche, Mädchenzimmer und Toilette. Die großen Fenster waren als Doppelfenster angelegt, denn Isolierglas gab es damals noch nicht. Zugefrorene Fensterscheiben mit ihren bizarren “Eisblumen2, die mich immer faszinierten und in die man mit einem angewärmten Drei- oder Fünfmarkstück runde Gucklöcher tauen konnte, habe ich deshalb nur in der Küche erlebt, die nur einfach verglast war. Nach vorn hinaus hatte die Wohnung sieben doppelflüglige Fenster, die Veranda nicht einmal mitgerechnet. Wenn Kirschfest war, quoll denn auch unsere Wohnung über von Freunden und Bekannten, die dichtgedrängt in allen Fenstern lagen. Denn die spektakulären Festumzüge zogen immer über den Bismarckplatz, wo sie, vom Markt durch die Jakobsstraße kommend, in den Jakobsring einbogen, um 200 Meter weiter auf der Vogelwiese zu enden. Da waren unsere Fenster wie eine Proszeniumsloge, von der man alles weiträumig und doch ganz aus der Nähe verfolgen konnte. Ganz lebendig ist noch meine Erinnerung an den Festzug zur 900-Jahr-Feier des Domgymnasiums im Sommer 1930, den ich als Vierjähriger unter mir vorbeiziehen sah. Da marschierte in der langen Kolonne der Ehemaligen auch mein Vater mit, der 1907 sein Abitur “am Dom” gemacht hatte, und unter den Sextanern mein älterer Bruder. Für mich dauerte es da noch fünf Jahre, ehe auch ich die blaue Mütze der Domschüler tragen durfte.
Die vorderen Räume waren ausgesprochen elegant und repräsentativ ausgestattet. Einige der Zimmereinrichtungen hatte meine Mutter, deren Vater sich bei der Aussteuer seiner Tochter überaus großzügig gezeigt hatte, nach ihren eigenen Wünschen im Stil der frühen zwanziger Jahre vom Naumburger Kunsttischler Muck-Lamberti eigens anfertigen lassen. Zentralheizung war damals etwas ziemlich Neumodisches, das gab es nur in moderneren Häusern. Bei uns wurde mit Kachelöfen geheizt, aber auch die waren vornehm und stilvoll. Der im Esszimmer hatte Kacheln in einem warmen Moosgrün, das passte gut zu den Möbeln in dunkler Eiche. Der Ofen im “Herrenzimmer”, mit schwarzgebeizten Möbeln und dunkelgrauen Ledersesseln, war sonnenblumengelb und hatte oben an der Vorderfront einen Fries von etwa halbmeterhohen schwarzen Säulchen. Von ähnlicher Pracht waren die Öfen in den anderen Vorderzimmern. Nur der Kinderzimmerofen war zwar recht groß, aber weniger elegant, mit schlichten hellbraunen Kacheln. Wir Kinder schätzten an ihm besonders die tiefe Ofenröhre, in der sich herrlich duftende Bratäpfel schmoren oder allenfalls auch mal Speisen warmhalten ließen. Alle Öfen mussten jeden Morgen ausgeräumt und neu angeheizt werden, eine mühsame und schmutzige Arbeit, zumal nicht nur die Asche auf den Hof getragen, sondern auch die schweren Briketteimer aus dem Keller herauf geschleppt werden mussten. Das besorgte in den Jahren, an die ich mich erinnere, Frau Käthe, unsere Zugehfrau, eine stämmige Rothaarige mittleren Alters, die meine Mutter, wohl wegen ihrer Körperkraft und Unermüdlichkeit, gelegentlich “das Pferd” nannte. Obwohl sie flink arbeitete, brauchte sie allmorgendlich eine gute Stunde, ehe alle Öfen neu angeheizt waren, und ein Zentner Briketts war die tägliche Ration, die unsere Öfen im Winter fraßen.
Dabei gab es Kachelöfen nur in den vorderen Zimmern. In der Küche sorgte der traditionelle große Kohleherd für die nötige Wärme, erst später, etwa Anfang der dreißiger Jahre, wurde zusätzlich ein modemer Gasherd angeschafft, mit dem sich bequemer kochen und backen ließ. Das Badezimmer wurde wirklich nur zum Baden benutzt, denn sowohl im Elternschlafzimmer wie im Kinderzimmer gab es zum Waschen und Zähneputzen ein richtiges Waschbecken mit fließendem (allerdings nur kaltem) Wasser. Der hohe Kohlebadeofen wurde also nur bei Bedarf angeheizt. Das blieb auch so, als er später durch einen ebenso wuchtigen Gasbadeofen ersetzt wurde, mit dem sich das Heißwasserbereiten sauberer und schneller bewerkstelligen ließ. Das Klosett jedenfalls, ganz am Ende des langen Flurs, war unheizbar, auch das damals allgemeine Normalität.
Diese ganze Welt meiner Kindheit endete abrupt 1936. Mein Vater, der den inzwischen auch in Naumburg allein regierenden Nazis nicht genehm war, wurde nach Westfalen versetzt, und wir mussten in eine uns gänzlich fremde Region Deutschlands umziehen. Wiedergesehen habe ich meine Heimat erst viele Jahrzehnte später, weil das Reisen zwischen den beiden Teilen Deutschlands inzwischen kaum noch möglich war. 1994 aber habe ich dann das Haus, in dem ich aufgewachsen bin, noch einmal betreten können, weil in unserer früheren Wohnung inzwischen die städtische Musikschule untergebracht war. Da sah jetzt vieles ganz anders aus, und doch war es wie eine Rückkehr in die Kindheit.

Bäcker-Becker-Verse

In den dreißiger Jahren gab es unter den (vermutlich zahlreichen ) Naumburgern namens Becker mindestens vier, die stadtbekannt waren und also durch Zusätze zum Namen eindeutig unterschieden werden mußten. Da waren zwei Ärzte, der Chefarzt des Krankenhauses (“Krankenhaus-Becker”) und der Augenarzt in der Claudiusstraße (“Augen-Becker”), dann der Inhaber eines Radio- und Elektro-Geschäfts (“Radio-Becker”), und schließlich der Inhaber des Bäckerladens in der Jakobsstraße (“Bäcker Becker”).
Bei Bäcker Becker - dahin war’s vom Bismarckplatz (heute Theaterplatz), wo wir wohnten, ja nur ein paar Schritte - pflegten wir unsere Brötchen zu kaufen: meistens Neckchen, seltener Milchbrötchen, zuweilen sogar ein paar von den großen, herrlich goldblond herausgebackenen Brezeln. An der Rückwand des Ladens, so dass ihn die vorm Ladentisch stehenden Kunden gar nicht übersehen konnten, hing ein Spruch, sorgsam gemalt und säuberlich eingerahmt:
“Willst Du Brot und Brötchen kaufen, musst Du nicht zum Kaufmann laufen. Denn wo Petroleum und Heringe lagern, da ist kein einwandfreies Brot zu haben. Willst Du dann mal Kuchen backen, wird es der Bäcker gerne machen.”
Über diese so offensichtlich missglückten Reimversuche wurde in unserer Familie viel gelacht (weshalb ich den Wortlaut auch bis heute im Gedächtnis behalten habe), und fortan hatten wir für alles, was uns an ähnlich gewaltsam Gereimtem begegnete, ein passendes Etikett parat: “Bäcker-Becker-Verse”.