Zwischenkriegszeit

Neidel, Gabriele, Naumburg

Meine Kindheit und Jugend in Naumburg

Nachdem ich vier Grundschuljahre in der Marienschule absolviert hatte, kam ich auf das damalige Luisen-Oberlyzeum – jetzt Lepsius-Gymnasium. Dort lehrte in den ersten Jahren der Heimatschriftsteller Oberlehrer Friedrich Hoppe. Er kannte in den meisten Fällen auch die Familiengeschichten seiner Schutzbefohlenen und wusste manchen Schwank zu erzählen, aber er konnte auch seine Schüler recht gut einkategorisieren. In lebhafter Erinnerung ist mir auch noch Dr. Johannpeter, leider hatte er keine so hohe Meinung vom Intellekt seiner Schüler, sein Slogan war "Kinderchen, ihr müßt immer scharf nachdenken - das Gegenteil davon ist dann meist richtig!" In Mathe hatten wir mit Herrn Dr. Kämmerer einen hochgradigen Wissenschaftler, das schlug sich dann auch sehr deutlich in den von ihm erteilten Noten nieder. Zu den Pädagogen, die sich um uns bemühten, gehörten auch Fräulein Bielitz, Dr. Hanna Nabakowski, Dr. Sauerbrey und Dr. Günther. Als ich in der Untertertia nach einem längeren Aufenthalt in einer Kinderheilstätte zurückkehrte, begannen für mich die ersten Schwierigkeiten, denn ich sprach das Englisch wie Französisch aus und die Klasse brach in homerisches Gelächter aus.

Zum Kirschfest gab es für alle Schulen Blumenkränze verschiedenster Couleur. Wir trugen blaue Kornblumenkränze, weil Kornblumen die erkorenen Blumen der Königin Luise waren. Meine Mutter wusste dazu das passende Gedicht: "Unvergesslich bleibt Luise, Preußens Stolz und Lichterstern, einst trug sie die blaue Blume als den schönsten Schmuck so gern. Darum hat der Sohn der edle, sie als Liebling sich erwählt, weil die Liebe zu der Mutter wunderbar sein Herz beseelt." So gab es für jede Schule eine Besonderheit, die Mittelschülerinnen trugen grüne Asparagus-Kränze, die Privatschüler der Marie-Encke Schule weiße Nelkenkränze und die übrigen Schulen hatten die freie Wahl, die Gärtner hatten demzufolge Hochsaison.

Ich hatte das Glück wenigstens noch die Tanzstunde besuchen zu können, die Tanzlehrerin Elsa-Antonie Hölzer kam aus Weißenfels und legte besonderen Wert auf gute Umgangsformen. Anfangs fühlte ich mich sehr unglücklich, denn meine Mutter hatte für mich ein feuerrotes sehr auffälliges Kasackkleid gewählt und da ich sehr blass und hoch aufgeschossen war, fühlte ich mich anfangs recht unglücklich. Sie nannten mich deshalb die Flamme. Das war die Tanzstunde mit den Realschülern. Richtig froh und glücklich wurde ich erst in der Tanzstunde in Schulpforta. Wenn wir dort auch nur Ersatz waren, war das meine schönste Zeit, denn ich verliebte mich das erste Mal. Durch den totalen Krieg verloren wir uns leider aus den Augen. Und der heutigen Jugend möchte ich doch vor Augen führen, dass für uns eine lange Strecke der Entbehrungen einsetzte. Ich hatte die Aufnahmeprüfung für die Handelshochschule gemacht, mußte aber zunächst in den Reichsarbeitsdienst und danach war Kriegshilfsdienst angesagt bis zum bitteren Ende. Es fanden keine Tanzveranstaltungen mehr statt, wir verbrachten viele Nächte im Luftschutzkeller und als dann alles zu Ende ging, war’s zunächst nichts mit dem Studium und der große Hunger begann. Während dieser Zeit wurde ich auch zur Flakwaffe einberufen nach Rendsburg und dort hatte ich Glück. Ein Arzt, Dr. Lindenschmidt, den Namen habe ich mir eingeprägt, hatte Mitleid. Ich hatte tagelang geheult und wurde als untauglich zurückgeschickt. Von ca. 300 Mädchen waren es ca. 16, die nicht genommen wurden, einige trotz Attesten von namhaften Professoren. Erst sehr viel später kam ich dazu auf einer Fachhochschule, später auf der Universität Leipzig meine Ausbildung - zwar nicht im ursprünglich vorgesehenen Fach, sondern im Literaturbereich - zu absolvieren. Ein großes Glück war das Naumburg weitgehendst von Flugangriffen verschont blieb. Trotz allem denke ich gern an diese meine Kinder- und Jugendzeit zurück. So verlebte ich viele schöne Stunden auf unserem Berggrundstück in der Weichau. Mein bester Freund war unser Schäferhund Prinz. Er war mein Freund und Helfer, wenn mir das Essen nicht behagte. Sein Tod war für mich das erste einschneidende Erlebnis, wir mußten ihn im Garten des Felsenkeller-Wirtes begraben. Er hatte auf dem Weg dorthin Gift gefressen, das Jäger damals noch auf den Feldern auslegten.

Otto Peters, Unterreichenbach

Kindheit und Jugend Eulau

Da, wo die Saale von Süden kommend, im scharfen Knick nach Osten abbiegt um der Leipziger Tieflandsbucht zuzustreben, erstreckt sich sanft den Hügel ansteigend mit seinen kaum 20 Häusern und nicht einmal 300 Einwohnern der weitabgewandte, verschlafene Ort umrahmt von Obstbäumen und stämmigen Kastanien. Von der Höhe grüßt das Termittchen (Turmhütte), des Wahrzeichen Eulaus und weiter abseits die im Jugendstil 1900 erbaute Schule und die Kirche mit seinem Zwiebelturm. Eulau war zweigeteilt, und zwar in den Gutsbezirk mit seinen Wirtschaftsgebäuden und Arbeiterwohnungen, den sogenannten Frienerhäusern (Fröhnerhäusern) und den Gosecker Anteil; daher die Hausnummern 1g, 2g etc.

Somit war der Ort zur Hälfte Gosecker Anteil und unterlag in früheren Zeiten dessen Gerichtsbarkeit. Das Dorfleben oder, wie man es damals nannte, die Volksgemeinschaft verlief im grossen und ganzen friedlich. Um die Zeitläufte kümmerte man sich wenig, bevor braune Kolonnen mit Pauken und Trompeten durch den Ort marschierten. Ungläubig: wurden sie beäugt. Ein jeder kannte jeden und lugte den Nachbarn in den Kochtopf. Frau Müller wusste, was Frau Schlag am nächsten Tag kochte: Karnickelbraten und rohe Klöße. Das Wasser holte man eimerweise von den beiden Dorfpumpen (Plumpen).

Schlagartig kam Unruhe in den Flecken. Hitler war an die Macht gekommen. Jetzt begann die Zeit des Marschierens, Exerzierens und der Geländespiele – mit Widerwillen.

Selbstverständlich blieb jedoch ohne Unterlass, dass man nach wie vor dem "Karnickeln" nachging, ja fröhnte. Die Hänge und Hügel waren seinerzeit, bevor die Myxomatose den Bestand dezimierte ein Dorado für das Völkchen der kleinen Nager. Unzählige Gänge und gesundes Futter sorgten für Erhalt und Vermehrung.

Karnickeln, also die Jagd auf Kaninchen, war eine Leidenschaft par excellence von jung und alt; daneben auch noch das Angeln in der Saale, dem der Fischer Kayser duldsam zusah. Man dachte zu jener Zeit bescheidener und gönnerhafter als heutzutage, wo jeder auf sein Recht pocht.

Argwöhnisch und misstrauisch dagegen verfolgte die Gräfliche Forstverwaltung das Geschehen. Zugestanden, die Eulauer schossen, was das Zeug hielt.

Wohlgemerkt! man beachtete die Schonzeiten. Trotzdem, Anzeigen und Verwarnungen hagelte es nur so. Kein Haus war ohne ein Flobert (Kleinkalibergewehr). Die Jagd beging man außerdem mit Frettchen (einem domestizierten Iltis) auch Ratz genannt, mit Netzen, Bolzen und Schlingen. Letztere Jagdart ist allerdings zu verabscheuen, weil Tierquälerei. Bisweilen beklagte sich der Metzger Otto Franke über den Rückgang des Fleischverkaufs. Nicht selten wurde die Jagdbeute an Ärmere verteilt.

Die prominentesten und erfolgreichsten Wilderer waren die Brüder Tretner, Albert Sperrhacke, Otto Peter und Adolf Roth. Alle sind sie in die "ewigen Jagdgründe" eingegangen. Sie waren die Helden des Tages, zu ihnen schaute man hinauf, am meisten jedoch auf den "Stramich".

Eines Tages, es war die Zeit der Kartoffelernte, begab sich folgende Episode: Während die Kartoffelfeuer brannten und man die gerösteten Kartoffeln mit Genuss verzehrte, fielen plötzlich Schüsse. Am Bahndamm stand der Stramich (Karl Schlag). Stramich (Wenäisch-sorbisch = Wilderer), mit seinem Karabiner, den er 1918 nicht abgeliefert hatte, und schoss auf den Oberförster Weidel, der sich am Rande des Riedchens postiert hatte. Schüsse fielen von beiden Seiten. Der Förster sah wohl seinen Nachteil ein und verließ den Kampfplatz. Jetzt hätte der Stramich ihn treffen können, aber einen Förster von hinten zu erschießen widersprach der Wilddiebsehre. Die Alten sahen erschrocken zu, die Jugend dagegen: "Gib’s ihm, Stramich, gib’s ihm." Diesmal war der Stramich der Held des Tages. Noch lange erzählte man in der alten rußgeschwärzten Schenke beim Humpen von der Heldentat des Stramich, die kein Nachspiel hatte. Der Stramich ist im Bett gestorben.

Und immer wieder sang man das Lied vom Edelweiß auf steiler Felsenwand und die Ballade vom Wilddieb, der den "Hirsch mit stolzem Geweih" verschonte und den Jäger im offenem Zweikampf erschoss, um ihm dann wehmütig die gebrochenen Augen zuzudrücken. Zu jener Zeit fröhnte man einer Wilderer-Romantik ohnegleichen und glorifizierte den Freischützen. Geschichtliche Hintergründe spielten keine geringe Rolle. Der große Deutsche Bauernkrieg und die strengen Gesetze der Adelsherrschaft. Mit Stolz berief man sich auf die großen Vorbilder, die heute längst vergessen sind : Stülpen Karl, Jennerwein , Colani. Sie waren Vorbilder und Rechtfertigung zugleich.

Dreh-und Angelpunkt war das Rittergut. Es war von besonderer Bedeutung für das junge Volk. Hier wurde nicht nur gearbeitet sondern auch gespielt. Man lauschte dem Gesang der Schweizer (Melker), man trieb sich im Kuh- und Pferdestall herum, spielte im Taubenturm oder rutschte in der großen Scheune die Strohballen hinunter. Neugierig, fanden wir überall Spielmöglichkeiten.

Im Frühjahr, wenn die Saal aufging, mussten Jungen und Mädchen aufs Gut und zum Pächter Hausschild auf Öblitz zum Rüben verziehen. Zu dieser Zeit gab es schulfrei. 50 Pfennig verdiente man pro Tag, dazu gab es ein Mittagessen und nach Feierabend, wenn es dunkel wurde, ein Stück Wurst und eine Scheibe Brot rings um den Laib. Auf dem Rittergut gab es allerdings nur 50 Pfennige. Der Gutsbesitzer, der reiche Herr Graf von Zech-Burkersroda war knausrig genug. Während der Ferien musste hart gearbeitet werden von früh bis spät. Das abgemähte Getreide musste gestaucht werden, d.h. die Garben wurden zum Trocknen aufgerichtet. Später, bei der Kartoffelernte, durften Kartoffelfeuer entzündet und Kartoffeln zum Rösten hineingelegt werden. Das war ein Vergnügen. Hin und wieder verschwanden die "Arbeiter" im nahen Erbsenfeld um Schoten zu stibitzen oder sie holten sich weiße Teltower Rüben und von den Streuobstbäumen Frühäpfel.

Wenn die Dämmerung hereinbrach, wurden Jungen und Mädchen mit Pferdewagen mit Gesang heimgebracht. Sie sangen die nicht immer ganz keuschen Küchenlieder, die sie von ihren Müttern gelernt hatten. Es ging lustig zu. Weniger beliebte Arbeiten waren das Hederich zupfen, das Tannenzapfen suchen und das Sammeln von Schafdreck.

Schöner dagegen war es, wenn Sonntags unter Kaysers Pappeln die Zigeuner fiedelten und tanzten oder die "Böhmischen", die Musikanten durchs Dorf zogen. Das alles sollte bald vorbei sein.

Im Naumburger Tageblatt, der Naumburger Tante, wie man es nannte, erschienen die ersten Anzeigen von Gefallenen. In Polen hatte der Krieg begonnen und die polnischen Wanderarbeiter wurden unruhig. Alle die Jellineks, Mareks und andere waren nicht mehr da. Die Kinder kamen nicht mehr zur Schule. Und wo waren plötzlich die Böhmischen, der Käseonkel und der Weissbierfritze? Und wo blieb der braune Juri, der so schön die Fiedel strich?

Es zog ein die dunkelste Periode in Deutschland, und in Eulau brannten wieder die Petroleumlampen.

Rose Refardt, Baden-Baden (1929-1935)

Kinderfreuden

Mein Großmutter Margarete Herold, geb. Flemming, Mutter meines Vaters, Ernst Herold, lebte in Naumburg. Wir, Mutti, Vati, mein Bruder Ernst und ich lebten in Minden/Westfalen. In den 50-er Jahren besuchten wir Oma in jedem Jahr. Oma bewohnte im Haus, Luxemburg-Str. 25, eine Zwei-Zimmer-Wohnung mit Küche und Toilette. [Bild] Ein Zimmer war allerdings an Frau Dolch vergeben. Es herrschte ja Wohnungsnot. Wir konnten also bei Oma nicht übernachten. In der über ihr liegenden Wohnung lebte ihre Schwägerin, Witwe ihres Bruders Wolf, Tante Mariechen (Flemming) mit ihren Töchtern Bärbel und Ursel. Dort war aber auch nicht genügend Platz für den Besuch. Also ging es jeden Abend zu Omas Schwester, Tante Hilde (Bauer, geb. Flemming) und Onkel Werner (Bauer) in den Weinbergsweg 4. In deren Wohnung gab es mehr Platz. Tante Hilde hatte einen schwarz-weißen Hund, der Bobby hieß. Er war ihr ein und alles, denn sie hatten keine Kinder. Onkel Werner hatte eine Sauerkraut- und Gurkeneinlegerei mit Gleisanschluss! An diesen typischen Geruch erinnere ich mich genau. Auf dem Hof standen riesige Fässer. Für uns Kinder war das alles sehr einladend, um alles zu erkunden.

Etwas Besonderes war auch immer ein Besuch bei Omas Bruder, Onkel Paul (Flemming) und Tante Grete (Flemming, geb. Rulff), die einen Kolonialwaren-Laden am Lindenring 39 hatten. Direkt neben Hildebrandts, wo es Eis gab. Der Lebensmittelladen wurde ganz im alten Stil betrieben. Alles wurde abgewogen. Es gab große Schubläden mit Mehl, Zucker, Reis und Nudeln. Natürlich gab es auch Bonbons und wir bekamen immer eine Tüte voll.

In die wunderschöne Umgebung von Naumburg machten wir Ausfahrten und Begriffe von Örtlichkeiten haben sich mir bleibend eingeprägt: Hallescher Anger, Bürgergarten, Bad Kösen, Himmelreich, die Katze, Rudelsburg und Schönburg.

Bei Oma zuhause wurde es nicht langweilig. Sie hatte einen großen Garten mit einer Laube. Für uns Kinder bot er herrliche Möglichkeiten zum Spielen. Auf dem großen Hof roch es recht intensiv. Im Wirtschaftsgebäude der ehemaligen Spedition Flemming war eine “Teefabrik” eingezogen. Dort wurden Kräutertees getrocknet und verpackt. Oma schimpfte allerdings immer über den Staub. Aber auch in der Wohnung gab es viel zu sehen. Die alten Möbel allein waren schon etwas Besonderes; und der Inhalt erst! Mit Oma wurde “gekramt” in Schränken un Schubläden. Es gab viel anzusehen: alte Handarbeiten, Schmuck, Ansichtskarten und Spielzeug von unserem Vater und sogar von Oma! Sie hatte eine Puppe, groß und wunderschön mit Zöpfen! Ich mußte vorsichtig mit ihr umgehen. Der Kopf ist aus Porzellan. (Heute ist die Puppe in meinem Besitz.) Am eindrucksvollsten ist mir das Weihnachtsfest in Erinnerung geblieben. Dann wurde Omas Puppenhaus aufgestellt. In meinen Augen war es riesig mit mehreren Zimmern und komplett eingerichtet: es gab sogar Geschirr aus Zinn mit Messer, Gabeln und Löffeln. Bücher für Kinder gab es bei Oma auch; Bücher meines Vaters und Bücher, die aus der Jugendzeit meiner Oma stammten. Es wurde viel vorgelesen und später habe ich die meisten Bücher und Heftsammlungen selbst gelesen.

Ich freue mich, dass viele dieser Gegenstände aus Kindheit und Jugend meines Vaters und meiner Großmutter erhalten geblieben sind; den Umzug meiner Oma im Jahr 1961 zu uns nach Minden überstanden haben und heute meinen Kindern, der nächsten Generation, Einblicke in frühere Kinder- und Jugendzeit ermöglicht:

Einen Bogen über drei Generationen spannen!

Friedrich Zitzmann, Hünstetten-Wallbach (1923-1945)

Meine Kindheit in der Moritzstraße

Ich wurde im November 1923 in der Moritzstraße als 1. Kind eines Buchdruckers und seiner Ehefrau geboren. Ich besuchte von 1930-1938 die Salztor-Schule. Meine Mutter wechselte mit 6 Kindern, die Ehe war inzwischen geschieden, die Wohnung zur Siedlung “Am hohen Stein” in der Weichau. Erlernte von 1938-1941 das Tischlerhandwerk. Nach bestandener Gesellenprüfung als Bau- und Möbeltischler wurde ich (es war ja Krieg!) in die Naumburger Flugzeugwerke dienstverpflichtet. Ich besuchte mehrere Segelflugschulen und eine Segelflug-Bauschule. Auf Grund meiner vorangegangenen freiwilligen Meldung hätte ich sowieso zum RAD oder der Wehrmacht gemußt, also erfolgte für Oktober 1941 die Einberufung zur LW als Techniker bei den Lastenseglern.

Viele meiner Alterskameraden trugen schon den Waffenrock. Einigen war das Schicksal nicht hold, sie blieben in Feindesland. Andere, auch ich, wir glaubten, wir kämen zu spät. Somit dürfte für mich, wie für viele, die Kindheit und Jungend in Naumburg beendet sein.

Moritzstraße - Berg - Kirche - Wiesen

Hier im November 1923 in der Inflationszeit mit den vielen Nullen, geboren. Kein Kinder-Hort oder Kindergarten, an den Häusern noch verschiedentlich Weinstöcke, Straßenbeleuchtung mit Gaslaternen, oft im Winter viel Schnee, Kopfsteinpflaster, wenn schwere hohe Kohlenwagen von Pferden gezogen und oft auch darauf ausrutschten, so dass die Funken (durch die Hufeisen) geflogen sind und auch manchmal die Pferde gestürzt waren. Im Sommer die schweren Bierwagen oder auch Bausand-Wagen verursachten ein böses Geratter. Zeitlich kamen Straßenmusikanten, machten böhmische Blasmusik. Tanzbären wurden vorgeführt und zeigten ihre Kunst, ließen aber respektvollen Abstand zu ihnen erwarten. Näher ging’s schon ran, bei den Scherenschleifern und Heidelbeerwagen. Mit der Meute, den Kindern aus der Nachbarschaft, ging’s oft in die Moritzwiesen um Blumen, Veilchen, Himmelsschlüssel zu suchen, im Herbst Äpfel zu stoppeln.

Unsere privaten, familiären Spaziergänge gingen an der Holländer-Mühle vorbei zum Birkenwäldchen und Sperlingsholz, auch in die Sperlingshöhlen, um das Gruseln zu lernen. Die Teufelstreppen in Richtung Almrich-Bismarckturm von der Kösener Straße aus kommend, ließen bei uns Kindern ein Rätsel als unbeantwortet zurück. Angenehmer war da die Spaziergänge in den Saalewiesen, im Blütengrund mit dem geheimnisvollen “Donnerloch”, aber weit interessanter die Fähre an der Unstrutmündung. Diese wurde abwechseln von der “Henne” oder aus Richtung Stadt angelaufen. Über die Hennebrücke mußte noch eine Zeit lang Brückengeld gezahlt werden, aber schöne Spaziergänge unterhalb der Weinberge wo man oft die Gabelweihe segeln oder den Klapperstorch “zu Fuß” beobachten konnte.

Weitere Wanderungen gingen unter Anderem zum “alten Felsenkeller”, Kroppenmühle bis zur Schönburg. Als kleinen besonderen Anziehungspunkt galt auch die Tankstelle “Milchschänke” in der Weichau mit einem kleinen Gehege wo unter anderem Federvieh und Goldfasanen gehalten wurden. Bei dem bejagbaren Wild in unserer Umgebung wurden zu Treibjagden vor allem Hausen, Rebhühner, Fasanen und Rehe zur Strecke gebracht. Interessant waren auch unsere Wanderungen bis an das Hochwasser in den Saalewiesen. Die “Mausa” entlang bis in die Unterwelt (Kanalisation) unternahmen wir immer nur mit wenigen Kindern. Bei meiner ersten Tour nach Bad Kösen mit der Schule, reichte es bei mir gerade noch bis an das Gradierwerk. Dann war ich K.O. und habe auf einer schattigen Parkbank oben am Gradierwerk den “Max und Moritz” fröhlich hin und her schaukeln sehen, bis ich mich langsam erholt hatte.

Unser Spielplatz Moritzstraße wurde ausgedehnt bis zur Moritz-Kirche. Hier war es besonders reizvoll, wenn Hochzeiten mit kirchlicher Trauung waren. Es wurden da kleine Sträußchen Tannengrün, Buchsbaum oder Blumen an einen Bindfaden gebunden und an der Kirchenausgangstür so lange gespannt gehalten, bis das Lösegeld von dem Brautpaar geworfen wurde und wir Kinder uns recht viel um das “Kupfer” gemüht haben, um danach gleich loszusausen, um an der Wohnung des Brautpaares dasselbe zu wiederholen. Gegen Abend wurde gepoltert und die Kinderschar reif im Chor: “Kuchen raus, Kuchen raus, sonst bringt der Storch kein Kind ins Haus!” Nun glaube ich wohl, alle wollten und wir bekamen Kuchen. Nun zum Wintersport, Schlittenfahren war von allen Kindern der Neuengüter als gut betrachtet, was aber dem “schwarzen”, einem Polizisten mit schwarzem Schnauzbart nicht behagte, obwohl es die damalige Verkehrsdichte zugelassen hätte, suchten wir schnellstens das Weite. Erfreulicher war da draußen an der Kadette, die Straße, die stadteinwärts liegt (Fichte-Straße?) Und in die Kösener Straße mündet, war quer rüber mit Kies abgestreut, so dass die Schlittenfahrt beendet wurde, aber auch die Fußgänger die Straße sicher benutzen konnten.

Nun noch zu all den vielen Geschäften, die in der Moritzstraße waren: Ein Korbflechter an der Ecke “Häbben”platz/Neuengüter zur Moritzstraße bildete den Anfang, dann gab es einen Kolonialwarenladen, wo es neben Lebensmitteln, Bonbon, Heringen auch Petroleum gab, ein Schornsteinfeger, eine Rind- und Schweineschlächterei, einen Schuster mit Schuhgeschäft und auch noch eine Wäscherolle (oder Mangel mit Handbetrieb), kleine Gärtnerei, Heilpraktiker und Autobesitzer, Tischlerei, Lebensmittel, Ecke Kanalstraße das Gasthaus “zum alten Fritz”, Obst und Gemüse, Friseur, Schneiderei, einen Lumpenmann: “Lumpen, Knochen, Alteisen und Papier” wurde auch damals schon gesammelt! Fahrrad und Radiogeschäft, auch traditionsgemäß eine Naumburger Kamm-Fabrikation, Heimarbeiter, ein Fuhrgeschäft mit zwei kleinen Pferden, Bäckerei, Kleinhandel mit Strick- und Wollsachen ist soweit alles, was noch hängen geblieben ist.

Noch zum Moritzberg, dieser veranlasste an der Einmündung zur Michaelisstraße die Straßenbahn immer mit einem kräftigen Quietschen zu jeder Tageszeit in der Kurve kundzutun, dass sie den Berg geschafft habe. Wir Kinder hatten unseren Spaß, wenn die Straßenbahn über die von uns gelegten Zündblättchen oder Knallkorken gefahren ist und sie zum Knallen gebracht hatte. Manchmal hat uns ein vorbeifahrendes Auto den Spaß verdorben und die Schienen frei gefegt.

Schule: bis April 1938

Meine Schulzuckertüte bekam ich Ostern 1930 in der 3. Knaben-Volksschule in der Schulstraße, die später in Salztor-Schule umbenannt wurde. Nebenan war die Mädchen-Volksschule und gegenüber neben der katholischen Kirche die katholische Schule. Hier habe ich noch in Erinnerung, dass wir beide Konfessionen eine Zeit lang gemeinsam unterrichtet wurden, dann mal getrennt, und dann wieder gemeinsam die gleichen “Pauker” hatten.

Aus der Moritzstraße waren wir 9 Schüler in der gleichen Klasse bis zum 4. Schuljahr. Das war der Martin Lehmann, der ist im Krieg bei der Marine gewesen und auf See gefahren und geblieben, Heinz Hildebrand, Gerhard Bauer starb nach 1945, Werner Dietzel war während der Schulzeit mal schwer krank, Rolf Blanke, Rudi Rosenberger, Horst Pospischny, Fritz Zitzmann, Gerhard Gehlfuß der leider auch im Ostern gefallen ist. Leider ist mir bis heute nur teilweise bekannt, welches Schicksal die anderen Schulkameraden hatten.

Die Schulmützen hatten für die Georgenschule schwarze Farbe, die Salztor-Schule: kaffeebraun; Mittelschule: grün; Dom-Gymnasium: blau und die Realschule rot, alle unten mit einem rot-weißen Rundumband (Stadtfarben?). Diese Kopfbedeckung wurde aber im 3. Reich durch das Käppi und braune Uniformmützen ersetzt und zeitweise bei unseren Schul-, Heimat- und beliebten Kirschfest getragen. Die Lanzen, die wir Schüler damals trugen, waren mit einem schwarz-weißen Fähnchen und die Klassenfahne mit rot-weißem Fahnentuch versehen, alle aber Girlanden- und Blumengeschmückt. Knaben und Mädchen gingen getrennt im Unterricht. Die Abschaffung der Prügelstrafe, meistens mit dem Rohrstock, wurde erst kurz vor meiner/unserer Schulentlassung angeordnet. Ich suchte mir immer einen “dicken” Rohrstock aus, soweit es möglich war. Unschön und dumm fand ich, als ich eines Tages mit meinem Schulbanknachbar H.W., der den gleichen Schulweg wie ich hatte, in die Klasse kam und er von einer Vielzahl Mitschülern “Spießruten” laufen mußte, bis er an seinem Platz war. Vermutlich, weil sein Vater einer andern Partei angehörte (etwa 1933/34). Erfreulich dagegen, dass wir hin und wieder zur Marienschule geführt wurden, um Filme anzusehen. Auch angenehm war es für die weniger gut betuchten, wenn es raus in die “Kadette” (oder auch in die Mittelschule?) ging, um zu Duschen.

Im Olympia-Jahr 1936 bekam ich eine Schwimmkarte und konnte kostenlos (vermutlich von der Stadt bezahlt) das Schwimmen lernen. In Folge war dann im Sommer die freie Saale unser Revier von der Hennenbrücke (Bahn) vorbei an der Badeanstalt von Franz Kaiser bis zum Gänsegries/Grochlitz bis zum Felsenkeller. Waren wir Abends auf dem Heimweg, und die Raddampfer der weißen Flotte kamen und machten ihre Wellen, ging es schnell in den nächsten Busch und in die nasse Badehose und rin’ ins Wellenwasser.

Da wir nicht mit RM gesegnet waren, gingen wir mit aufs Land, bei den Bauern Rüben verziehen, Hedrich (Unkraut) rupfen oder als Balljungen Bälle lesen auf dem Tennisplatz, um zu etwas Taschengeld zu kommen. Beim MTV (Männerturnverein) war ich nicht lange, da wurden wir vom Jungvolk übernommen. Auch die Jugendorganisation des DLV (Deutscher Luftsport Verband), die Wandervögel, Scharnhorst, die Falken (?) Blauhemden mit rotem Halstuch und mit Beginn der Lehrzeit wurde auch das Jungvolk (hier die älteren) in die HJ übernommen. Schon in der Schulzeit machte mir der Flugmodellbau und die Holzbearbeitung Spaß und ich wollte Tischler werden.

Erst noch mal zurück zu Olympia. Da wurde bei Berlin ein “olympisches Dorf” gebaut mit 160 Häusern, wo jedes einen Deutschen Städtenamen bekam. Da haben wir uns natürlich sehr gefreut, dass auch eines mit “Naumburg” bezeichnet wurde.

Lehrzeit 1938-1941

Nach der Konfirmation 1938 in der St. Othmar-Kirche ging ich in der Webergasse beim damaligen Lehrlingswart für 4 Jahre in die Lehre, die aber während dieser Zeit auf 3 Jahre herabgesetzt wurde, weil Facharbeiter gebraucht wurden (1938-1941). Als Lohn der Vergütung gab es im 1. Jahr 2 RM, im 2. Jahr 3 RM und im 3. Lehrjahr 4 RM. Das letzte Halbjahr sogar 0,50 RM mehr in der Woche. Mein Taschengeld blieb aber bei 50 Pfennig. Wahrscheinlich ist es der Grund gewesen, dass ich ein Leben lang Nichtraucher geblieben bin. Sport und Gesundheit trugen allerdings auch dazu bei. Die damaligen Stundenlöhne betrugen beim Tischlergesellen im 1. Jung-Gesellenjahr 0,39 RM, im 2. Gesellenjahr 0,49 RM, der Geselle 0,72 und der Angestellte bekam 0,82 oder 0,84 RM, das letztere weiß ich nicht so genau. Die Tischler hatten als Berufskleidung blaue und die Glaser, die nur Fenster herstellen durften, grüne Arbeitsschürzen. Gesellen wie Lehrlinge trugen in der Werkstatt und auf dem Bau noch Holzpantoffeln (“klack, klack, klack”). Manchmal wurden diese als Scherz von den Mitarbeitern auf dem Holzfußboden festgenagelt oder geleimt. Ich hatte auch mal Pech. Als ich mit dem Vierrad-Tafelwagen eine große lange Sperrholzplatte vom Holzhändler in der Salzstraße geholt habe und am Lindenrich kurz vor der Herrenstraße hatte die hinten überhängende Last die Vorderräder in die Höhe gehoben, so dass nur die Hinterräder belastet waren, aber hilfreiche Passanten halfen mir dankenswert, den Rest des Berges zu bezwingen. Bei einer anderen Lieferung von einer neuen Haustür hoch direkt ins Sperlingsholz (Haus Lamberty Muck) hingen uns “Stiften” als Zugtiere ganz schön die Zungen raus. Lamberty betrieb eine Holzkunst-Werkstatt und stellte viele, schöne und verschiedene Holzkunstsachen her. Erst, bis die Artillerie-Kaserne wieder fürs Militär gebraucht wurde, in der Weißenfelser Straße und dann zwischen Kanalstraße und Dom.

Da ich in die HJ übernommen wurde, gab es die Empfehlung, möglichst auch in eine Sondereinheit zu gehen, die auch dem Beruf ähnlich und nützlich sei. So war es naheliegend, dass ich zu der Flieger-HJ ging. Bei Reparaturen und Neubau konnte ich “Baustunden” sammeln, die notwendig sein sollten, um zum Fliegen zu kommen. Vermutlich als Spätfolgen, die noch aus der Zeit in der Moritzstraße in meiner Erinnerung waren, als wir mit der ganzen Familie einmal zu einem Flugtag südlich der Stadt am Exerzierplatz in der Nähe von der Geisterlinde nach Richtung Lischkerholz - Roter Berg - Streitweiden (?), wo ein Doppeldecker-Motorflugzeug seine Kunststücke zeigte. Später, als ich selbst aktiv geflogen bin, sagte mir meine Muttr, dass ich mich ganz schön verkrochen hätte. Auch als mehrmals der Zeppelin über Naumburg in Richtung Leipzig oder Erfurt fuhr, war dessen Anblick und Motorengebrumm eher gespensterhaft. Dagegen war es angenehmer, den Himmelsschreibern zuzusehen, wenn sie ATA oder IMI an den blauen Himmel geschrieben haben. Dies geschah über Eulau-Goseck in Richtung Weißenfels. Aber besonders neugierig wurde unsere “Meute”, als wir wieder mal in der Lehmgrube “in der Wand” kletterten, gegen Abend ein Segelflugzeug kreisend immer tiefer kam und nahe den Häusern der Lepsius- oder Mädlerstraße gelandet ist. Wir mußten natürlich hin und beobachteten den Abbau und Abtransport. Ob der Pilot der Segelflugzeugbauer und Fluglehrer Karli Heidecke oder der Rekordflieger Peter Riedel - beide aus Naumburg - war, weiß ich leider nicht, aber ein besonderes Erlebnis für die damalige Zeit. Um noch bei der Fliegerei zu bleiben, war in der Weißenfelser Straße die Firma Robert Bley, die Sport-, Schul- und Leistungssegelflugzeuge herstellte. Später wurde die Firma von Dr. Ing. Ratjens, Tiefbauunternehmen, Abt. Flugzeugbau, übernommen und das weitbekannte “Grunau-Baby” und der Schulgleiter “SG 38" hergestellt, die auch viel ins Ausland geliefert wurden. Ich selbst war nach Ende der Lehrzeit und bestandener Gesellenprüfung dienstverpflichtet in der Produktion als Tischler eingesetzt. (Das war 1941, also schon im Krieg, in der ehemaligen Munitionsfabrik aus dem I. Weltkrieg draußen am Roten Berg bei Wethau). Eine weitere deutschlandbekannte Firma war der Flugmodellbau “Wegner”. Man konnte da alles bekommen, was für die kleinen Flieger gebraucht wurde. In Verlängerung der Artilleriekaserne war die Samenhandlung Frommhold, deren Sohn mit unter den ersten Gefallenen von unseren Naumburger Fliegerfreunden war. Auch der Sohn von der Schlosserei Krug in der Windmühlenstraße.

An der Windlücke, den “Platten” bei Schulpforte, begannen für mich die ersten Rutscher und Sprünge nachdem man einige Erfahrung als Gummihund (Startmannschaft mit Gummiseil) gesammelt hatte. Zeitlich wurde am Gelände der Reichssegelflugschule Laucha am Idiotenhügel und B-Hang geschult. Neben dem gemeinsamen Schulbetrieb mit der NPEA Naumburg und Schulpforte gab es in der “Kadette” öfters einen hervorragenden flugtechnischen Unterricht. Natürlich wurde nicht nur immer geflogen, gebaut oder repariert, da standen auch mal 3 Kinderbetten für das Winterhilfswerk auf dem Dienstplan, die wir von der Flieger-HJ hergestellt haben. Es wurden auch Kameraden, die nicht zum Flugdienst brauchten, abgestellt, um Sandsäcke zu füllen, für die Stifterfiguren und die ausgebauten Buntglasfenster einzusandeln, um sie vor Bombenschäden zu schützen. Auch in der Schule durften wir Jugendlichen an Sammel-Aktionen für VDA (Volksdeutsche im Ausland), WHW-Straßensammlungen, bei der Maikäferplage und Kirschenstiele für die Industrie oder Forschung tätig werden. Anfang des Krieges haben wir von den noch vorhandenen Fliegern für die Frontsoldaten und Verwundeten gesammelt, Weihnachtspäckchen gepackt und per Feldpost verschickt.

Unvergessen auch der Arbeitsplatz meines Bruders, der nachdem er sein Landjahr an der Mosel abgeleistet hatte, in der Meierei C. Bolle, Berlin, Schokoladenwerk Naumburg, damals noch Kanonierstraße, seine Lehre als kaufmännischer Angestellter beginnen durfte. Die Mitarbeiter bekamen Freitags zu ihrem Lohn noch ein Schokoladenpaket (Bruch). Das war uns zu Hause sehr willkommen, echt brüderlich geteilt. Die Fabrikräume waren, glaube ich, Teile der damals ehemaligen Artilleriekaserne.

Das Schützenfest in der Lehmgrube mit seinen Buden und Ständen besonders das Feuerwerk waren immer wieder beeindruckend. Als Schulsportplatz war die Grube auch reizvoll aber auch das zu sehen, wenn der Arbeitsdienst die Erdmassen auf der Lorenbahn bewegte und dabei sang, wozu und warum, weiß ich nicht.

Die Vogelwiese war neben der Festwiese von unserem Kirschfest Antrete- und Appellplatz aller Organisationen, auch militärischer Aufmärsche. Als Gegenteil dazu Tanz und Unterhaltung.: Der Bürgergarten (Lokal), Rosengarten, CC (= Café Central) am Markt und Café Reichskrone, wohl mehr für gehobene Ansprüche. Beliebt war auch noch der Hallische Anger. Für mich waren das Alter und die Brieftasche noch nicht ausreichend. Wir wussten kaum, dass es zweierlei Menschen gab. So hinterließen die Sonnwendfeiern auf dem Napoleonstein immer etwas romantischen Eindruck, obwohl der Sinn nicht ganz klar war. Nochmal zurück, als ich noch kleiner war, wurde sehnsuchtsvoll auf den zurückkommenden Eismann mit seinen Eiswagen aus der Nachbarschaft gewartet, wo wir vor dem Schlafengehen mit dessen Erfrischung beglückt wurden. Für die Eis-Diele (im Volksmund “Opiumhöhle”) war das Geld nicht da. Dagegen an den Wochenenden dufteten die Rostbratwurststände durch die ganze Stadt so verlockend, dass man den Geldbeutel entsprechend nicht widerstehen konnte. Andere ärmere Leute bevorzugten die Rosswurst von Meister Thurm an der Wenzelsgasse.
Beim Wintersport auf der “krummen Hufe” Schlittschuhlaufen, Schusseln und Schlittenfahren, hat es auch mal geknistert und gekracht, da, wo ich gerade war, war das Eis nicht mehr tragfähig und ich bin bis zur Brust eingebrochen. Da kein Badetuch dabei war, ging es im Laufschritt nach Hause. Die Begrüßung war nicht so herzlich. Von den Bierbrauern die Männer haben Löcher ins Eis gesägt und Blöcke rausgeholt, die dann im Vorratskeller für die Kühlung in den Gastwirtschaften in der Sommerzeit Verwendung fanden. Mit der Schule führte unser Weg entlang der Bahn, als zum ersten Mal der Schienenzeppelin die Strecke befahren hatte.

Die ehemalige Kaserne in der Weißenfelser Straße hatte neben, besser: unter den Wohnungen einige Betriebe und Werkstätten. Auf dem Kasernenhof fanden vom Radfahrverein “Diana” und oder “Saalestrand” Bahn-Radrennen statt. Auch Straßen-Rennen gingen Richtung Nebra durchs Unstruttal, die Hainleite und Leipzig und zurück. Ich selbst lernte erst in der Lehrzeit überhaupt Rad fahren, obwohl der Vater aktiv beim Radsport war. Die Kaserne wurde von Zivil geräumt und militärisch bis Kriegsende genutzt.

Da wir Kinder im Wachstum begriffen waren, sorgten wir auch auf ehrliche Weise für Proviant und besorgten für das spärliche Taschengeld bei einem Bäcker für 10 Rpf. eine halbe Einkaufstasche Kuchenränder, die nicht bis nach Hause gebracht wurden. Dagegen aus der Molkerei die Käsestücke und beschädigten sauren Gurkenstücke waren eine willkommene Nahrungsergänzung. Am Hotel “Zum Schwarzen Ross” am Wenzelsring beim Kaiser-Wilhelm-Denkmal haben 2 mal die Schilderhäuschen für die Ehrenposten der Naumburger Garnison gestanden. Erst für den Besuch des Reichswehr(?)-Ministers Werner v. Blomberg. Meiner Ansicht vermutlich wegen Ausbau der Naumburger Garnison, denn es waren neben Artillerie Regiment 14 das Infanterie Regiment 53, Post- und Wasserschutz, Heereszeugamt und Heeresverpflegungsamt bei Kriegsbeginn vorhanden. Bei vorletzterem konnten wir während der Bauzeit manchen Handwagen voll Brennholz von den Verschalungen nach Hause fahren. Und dann war 1938 zur Konfirmation von Fräulein R. v. W. deren Onkel, der alte Herr Feldmarschall (?) v. Mackensen zu Besuch in Naumburg. Während einer meiner Besuche zu DDR-Zeiten stellte sich im Gespräch mit einem ehemaligen Schul- und Sportkameraden heraus, dass meine Frau mit der Konfirmantin Fräulein R. v. W. zusammen bei der gleichen LW-Einheit zum Kriegsdienst verpflichtet waren. Mit Freude und Bewunderung sahen wir gerne die berittene Militär-Musikkapelle mit dem Kesselpauker durch die Straßen ziehen, aber auch die Pferdepflege an den “Ari”-Ställen erweckte unsere Aufmerksamkeit. Bedauerlich war es nur, wenn mal ein Gaul sich selbständig gemacht hatte und der betroffene Landser durchs Kasernengelände hinterher traben mußte, bis er ihn wieder gefasst hatte. Bei der Einweihung vom “Langemarck-Denkmal” für die Gefallenen im I. Weltkrieg war ich als Zuschauer auch dabei, als die wieder uniformierten Veteranen am Posttöchterhort vorbei die Neidschützer Straße hochzogen. Der Fackelschein war glaube ich bei anderen Anlässen. In den Ferien ging die Bahnreise (meistens mit dem Bruder Jahrgang 25) nach Nebra zu den Großeltern ins schöne Unstruttal mit den Sandsteinbrüchen und abwechslungsreicher Landschaft. Bei der Unterhaltung mit dem Großvater, der Steinbildhauer war, wurde mir erst klar, dass der Naumburger Dom bei mir bis dahin nicht die verdiente Aufmerksamkeit gefunden hatte, was dann später und auch beim Fronturlaub als Soldat nachgeholt wurde. Mit der Wenzelskirche war es fast ebenso. Sie wurde mit ihrem guten Ausblick über die ganze Umgebung eher nur als Aussichtsturm benutzt. Zu Fuß und auch mal mit dem Schiff auf der Saale ging es von Bad Kösen zur Rudelsburg. Die Neuenburg und Freyburg waren sehr beliebte Ausflugziele. Natürlich war die Weinkarte noch nicht für uns gedruckt, dafür durften wir in das Jahnmuseum.
Noch in der Friedenszeit 1939 wurde für das Wochenende, als der Krieg mit Polen begann, von der Belegschaft meiner Lehrwerkstatt ein Wandertag vorgesehen. Da einige Gesellen durch die Mobilmachung schon die Einberufungsbefehle hatten, wurde die Frage gestellt: “Wollen wir den Ausflug lieber bis nach dem Kriegsende aufschieben?” Es wurde abgelehnt und wir wanderten über Bad Kösen, die Saalhäuser entlang nach Roßbach und Klein-Jena. Keiner konnte ahnen, was die Zukunft für alle bereitgehalten hat. Mein Meister sang unter anderem das bekannte Hobellied mit dem Schluß: “... dann leg ich meinen Hobel hin und sag der Welt adé”. Für manchen zutreffend. Es war nie mehr möglich, dass wir zusammen kommen konnten und somit meine Jugendzeit in Naumburg beendet. Nach dem schrecklichen Krieg blieb ich schon 1945 in Hessen.

Aus der Siedlung “Am Hohen Stein” waren wir 4 Schüler, die aus der selben Klasse schulentlassen wurden. Doch nur ich habe den Krieg schwerbeschädigt überlebt. Harry Hartmann blieb auf See, Heinz König und Gerhard Gehlfuß sind im Osten gefallen. Hierzu konnte ich noch nichts erfahren, wie viele und welche Kameraden aus Naumburg bis 1945 und anschließend in Gefangenschaft geblieben sind und unsere schöne Heimat nicht wiedersehen konnten.

Mir ist bekannt, dass nach Kriegsende eine namentliche Aufstellung gedruckt wurde (mein Vater war in der Druckerei beschäftigt, auch wurden da noch Lebensmittelkarten gedruckt) worin auch jüdische Mitbürger aufgeführt waren, aber die Anmerkung, dass auch einige den Alterstod erlitten hatten, veranlasste die damalige Verwaltung oder Behörde zur Beschlagnahme der Druckschrift.
Ich wäre sehr dankbar, wenn mir heute jemand eine derartige Aufstellung zukommen lassen würde.

Julie Peukert-Spindler, Biebergemünd (um 1938)

Das Kirschfest meiner Kindheit

Wenn ich an meine Naumburger Kinder- und Jugendjahre denke kommen mir als erstes Düfte, Klänge und Geräusche in Erinnerung. Vor allem die Domglocken mit ihren herrlichen senoren Geläut. Wohnten wir doch fast am Fuße des Doms in der Kösener Straße wo meine Familie mit etlichen Zweigen über 50 Jahre ihr Domizil hatte. Die Kösener Straße war eine ruhige, schöne breite Ausfallstraße, fast einer Allee gleich, bestanden mit Platanen und vereinzelten Linden.

In frühester Kindheit gehörten zu ihr Reiter und Pferdefuhrwerke, das Knarren der Saum- und Sattelzeuge, das Schnauben der Pferde das Rattern der Fuhrwerke auf dem Kopfsteinpflaster. Wie oft standen wir Ängste aus, die Pferde könnten bei Schnee und Frost ausrutschen und fallen z.B. nach Almrich runter oder in der Michaelisstraße. Wir hatten selbst Pferde, die im Betrieb gebraucht wurden und lebten mit ihren Bedürfnissen. Unser Großvater und Vater hatten ein Baugeschäft in der Kösener Straße 10. Wunderbar waren die Winter bei uns draußen Rodelbahnen an der “Großen und Kleinen Kadette” mit halsbrecherischen Abfahrten. Aber da kaum Autos verkehrten blieben die Gefahren in Grenzen. Dennoch gab es jedes Jahr Knochenbrüche bei den Jungen. Und dann die Eisbahn! zwischen Almrich und Schulpforte. Immer waren die Wiesen überflutet, ob durch die kleine Saale von Natur aus oder künstlich angelegt von den Pfortensern weiß ich nicht. Jedenfalls rodelten wir dorthin mit umgehängten Schlittschuhen und hatten ein herrliches weitflächiges Areal von ca 2 km vor uns. Eintritt 10 Pf. und Kakao und Kreppel gabs auch in einer Bude. Ein Kinderparadies !
Aber erst im Mai dann wenn der Flieder blühte. Über jeden Gartenzaun hingen große alte Büsche mit einer Überfülle an Blüten, die großzügig ihre wunderbaren Düfte abgaben und uns damit einhüllten. Im Juni steigerte sich das noch mit Beginn der Lindenblüte. Naumburg war ja eine Stadt der Lindenbäume. Vom Jakobsring bis zu uns raus duftete es allüberall nach Linde. Die Bienen summten, ungehindert durch Verkehr, so dass ihr leises Brausen um die Bäume gut zu hören war. Die Sommersonne stand im blauen Himmel und sorgte dafür, daß wir oft genug hitzefrei bekamen. Dann radelten wir zum Schwimmen zu Kaiser-Ede oder in die Fischhäuser ein herrliches Gemeinschaftsvergnügen. [Bild]

Inzwischen war schon Kirschfestzeit und in den Schulen liefen die Vorbereitungen auf Hochtouren. Die Oberstufenschüler beteiligten sich an den Kostümumzügen Prokop, Eckehard und Uta hoch zu Roß mit ihren Vasallen und Kriegern, dazu Bürgerfrauen. Jeder Jahrgang hoffte bald mitmachen zu können. In den Schulen gab es einen reichen Kostümfundus. Als wir 1940 soweit waren war Krieg und das Kirschfest fiel aus, der Jammer war groß. Soviel ich mich erinnere war es ein Privileg der Schüler den Kostümumzug zu gestalten, schließlich war es ein Fest der Jugend! In den Moritzwiesen übten derweil die Domschüler auf ihrem Sportplatz mit ihrem Trommler und Pfeiferchor 3 x die Woche abends zwischen 6-7 Uhr und wenn es auf Ende Juni zuging dann marschierten sie auch schon mal zur Generalprobe in voller Montur - d.h. dunkelblaue Hosen, weiße Hemden und die blauen feschen Schülermützen auf den Köpfen - durch die Wiesenwege. Oft saßen wir im Garten beim Abendbrot und waren bei diesen Klängen nicht mehr zu halten. Unsre Gärten auf der rechten Seite der Straße gingen terrassenförmig bis in die Moritzwiesen hinunter. Und so sammelte sich die große Kinderschar der Kösener Straße unten, um Applaus zu spenden und zu gucken. Als wir älter waren hatten wir schon unsre Favoriten unter den Musikanten, zumal dann wenn wir sie durch die “Domtanzstunde” [Bild] kannten. Wie bewunderten wir Huschi Trummler (jüngsten Sohn des Doktors) den Tambourmajor der Jahre 1938 + 39, wenn er mit Bravour seinen Stab wirbelte und drehte, in die Luft warf und elegant wieder auffing !

Ja, die Kirschfestzeit war ohne Zweifel die schönste im Jahresablauf. Die Ferien standen vor der Tür und durch unser Klima begünstigt gab es oft hitzefrei. Ich kann mich kaum an richtige Regentage erinnern, dafür aber an häufige und heftige Gewitter, die manchmal tagelang zurück kehrten. Die alten Leute meinten dann “das Gewitter kommt nicht über den Fluß”. Zu unsrer Zeit war die Kirschfestwoche zweigeteilt: Montag-Dienstag Jungen, Mittwoch Ruhetag, Donnerstag-Freitag Mädchen. Die Umzüge fanden jeweils am Montag und am Donnerstag statt. Das waren große Ereignisse. Sämtliche Jungenschulen erschienen in großer Gala, das heißt mit eignem Trommlerchor und den Schülermützen, die bei jeder Schule eine andre Farbe hatten. Dom blau, Realgymnasium rot, Mittelschule grün und Georgenschule schwarz. Ich hoffe mich nicht zu täuschen. Wir Mädchen trugen Kränze und duftige Sommerkleider und mußten uns die Musikanten ausleihen. Für uns Luisenschülerinnen trommelten die Domschüler. Blaue Kornblumenkränze im Haar passten da gut zu den blauen Mützen. Die Marie-Enke-Schule hatte kleinblütige, rosa Rosen, die Marienschule Nelken. Je nach Geschick der Gärtnerin fielen die Kränze mehr oder weniger gut aus, was vom Publikum genau registriert wurde.

Morgens um 7 Uhr bereits zogen die Trommler durch die Stadt zum Wecken, währenddessen spurteten die Bäckerjungen durch die Straßen, um an jedes Haus Kirschfestgebäck zu hängen, diese begehrten Hefezöpfe - Eierweckähnlich - die jedes Frühstück zum Festmahl machten.
Um 9 Uhr großes Sammeln in den Schulen zur letzten Besprechung und Austeilung der Zöpfe die in großen Körben angeliefert wurden. Danach sausten wir - meist mit Rädern - nach Hause. Unterwegs wurden die Kränze abgeholt, sorgfältig in feuchte Tücher verpackt, damit die Blumen frisch blieben. Um l Uhr mittags wurden dann die Züge zusammengestellt und wir zogen über Marktplatz und Herrenstraße zum Dom zur Andacht. Nach der Hitze draußen war es dort immer zu kalt und so bemühten sich die Pfarrer, die Sache nicht zu sehr in die Länge zu ziehen. Inzwischen hatten sich riesige Menschenmengen versammelt, was uns ganz stolz machte. So zogen wir dann unter dem Geläut aller Glocken über den Marktplatz zur Vogelwiese. Die Trommler gaben ihr Bestes und ich glaube, unserm Tambourmajor taten abends die Hände weh vom vielen Wirbeln und Drehen.
Die Stimmung war fröhlich und erwartungsvoll. Alles freute sich auf den großen Abschluss auf der Vogelwiese, wo wir Schülerinnen und Schüler unterstützt von allen Kapellen von Chören und dem einheimischen Publikum das berühmte Kirschfestlied sangen. Mächtig einem Choral gleich stieg die Melodie in den sommerlichen Himmel und das war es, was uns jedes Jahr wieder in eine so besondere Stimmung versetzte. Es war dieses unersetzliche Zusammengehörigkeits- und Heimatgefühl das man als junger Mensch noch nicht so genau definieren kann. Wir wurden danach zu unseren Familien entlassen, um uns am 2. Tag im Bürgergarten zu sportlichen Spielen wieder zu treffen, wo dann der endgültige Abschluss war und 3 Tage später die Ferien begannen.

Da fällt mir noch ein, dass zu meiner Kinderzeit meine Großeltern auf der Vogelwiese ein Zelt unterhielten wie andere Familien auch. Das war ein beliebter Treffpunkt für Geselligkeiten. Ich sehe noch meine Großmutter mit Helfern jeden Tag große Bleche mit frischem Kirsch-und Streußelkuchen, dazu herrlichen Bienenstich wie er bei uns üblich war, raus auf die Wiese fahren. Familie, Freunde auch Geschäftspartner versammelten sich da zu frohem Zusammensein und ich schätze nebenbei wurde noch so manches geschäftliche Besprochen, ohne dass man sich wie heute groß in Unkosten zu stürzen hatte.

Während all’ der Festtage hatten unsre Fleischermeister, Goldschmidt, Priese und Hennicke Hochkonjunktur. Von mittags an standen sie mit ihren Bratwurstständen auf der Vogelwiese, so dass die Hausfrauen nur zu bestellen hatten. Kartoffelsalate in großen Mengen waren in den Zelten vorhanden und wurden zu Hause täglich frisch hergestellt. Selbstverständlich hatte auch Cafe Furcht und manche Bäckereien ihre Stände und Zelte.
Wann diese Familienzeltkultur aufgegeben wurde, weiß ich nicht mehr genau. Hing es mit dem Regime zusammen oder machte der Krieg dem ein Ende? Noch ein Unterschied zu heute wäre festzustellen. Diese überlaute an allen Ecken quäckende Musik gab es nicht. Entweder spielten zu bestimmten Zeiten die Kapellen oder man hörte Chorgesang, so war es eine Atmosphäre von Ruhe und Gemütlichkeit und man brauchte nicht zu schreien, um sich zu verständigen. Jedenfalls gab es auch keine von auswärts angereisten Händler die ihre Geschäfte machen wollten. Das Kirschfest spielte sich ausschließlich unter Naumburger Bürgern ab und Gäste aus Halle, Leipzig oder sonst woher genossen das familiäre Flair.

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