Mai 2014: Neuzugang in der Käthe-Kruse-Puppenfamilie.

Schlenkerchens Heimkehr.

- Vor wenigen Tagen konnten wir eine weitere Käthe-Kruse-Puppe für die Bad Kösener Puppensammlung entgegen nehmen - allein innerhalb des letzten halben Jahres war dies bereits die dritte Überlassung zur Ergänzung der Käthe-Kruse-Sammlung.

smn-frau-timm-mit-schlenkerchen-01-600Frau Thimm mit ihrer PuppeDie Bad Dürrenbergerin Isolde Thimm trennte sich leicht wehmütig, aber mit einem guten Gefühl nach über 60 Jahren von ihrer Puppe.

Ihr Großvater, so erzählte sie uns, war als Ingenieur in den Leuna-Werken tätig, und er schenkte jeder seiner vier Enkelinnen zu Weihnachten 1952 eine Käthe-Kruse-Puppe, damals der kaum erschwingliche Wunschtraum aller kleinen Mädchen. Diese Puppen blieben für alle vier Kinder zeitlebens Andenken ganz besonderer Art, denn es erwies sich bald, dass es sich nicht einfach um großzügige Weihnachtspräsente gehandelt hatte, sondern um Geschenke zum Abschied. Kurz danach hatten die Großeltern Bad Dürrenberg − und damit die DDR − nämlich verlassen und waren ins ins ferne Ludwigshafen gezogen, wo der Großvater einst hergekommen war, um den Leuna-Betrieb der BASF mit aufzubauen.

So lange die Großeltern lebten, blieb der Kontakt erhalten, obwohl er zunehmend schwieriger wurde. Der Vater der vier Mädchen war im Krieg geblieben und die Mutter überlegte immer wieder, ihren Eltern nach Ludwigshafen zu folgen, vertagte die Entscheidung aber eins ums andere Mal, weil sie ihren Töchtern den Wechsel während der Ausbildung nicht zumuten wollte. Als schließlich die Mauer gebaut wurde, hatten sich alle Gedanken an eine Ausreise erledigt. Dank eines DDR-Kontos, auf das Lizenzgebühren aus seinen Patenten überwiesen wurden, konnte der Großvater die Dürrenberger Familie aber weiterhin auch finanziell unterstützen. Für sie und ihre Schwestern bildeten die Käthe-Kruse-Puppen ein dauerhaftes, emotionales Band zu den geliebten Großeltern, so erinnerte sich Frau Thimm.

Gekauft wurden die Puppen damals in einem Stoffgeschäft in Bad Dürrenberg. Wir können nur vermuten, warum dies so war: Wir wissen, dass Käthe Kruse in Bad Kösen während der Nachkriegsjahre große Probleme hatte, die Rohstoffe für die Puppenproduktion in ausreichenden Mengen zu beziehen. Oft kam es vor, dass sie Bestellungen nur bedienen konnte, wenn die Auftraggeber das Material zumindest teilweise stellten, insbesondere die für die Puppenkleidchen benötigten feinen Stoffe. Man darf daher vermuten, dass das Bad Dürrnberger Stoffgeschäft seine Reste nach Bad Kösen lieferte und dafür im Gegenzug einige Puppen erhielt.

smn-frau-timms-schlenkerchen-01-600Eine Puppe mit Biographie und Charakter

Frau Thimm nannte ihre Puppe seit ihrer Kindheit einfach das "Schlenkerchen". Die Kruse-Puppe dieses Namens sah allerdings etwas anders aus, wir haben es in diesem Fall tatsächlich mit dem Modell XIII zu tun, einer 1931 kreierten Mischform, bestehend aus dem Kopf der berühmten Kruse-Puppe Nr. I und dem auf 35 Zentimeter verkleinerten Körper des Models "Du Mein". In Anlehnung an das nur ein Jahr zuvor konzipierte "Notstandskind" (später "Glückskind" bzw. "Hampelchen" genannt) war auch diese Puppe das Ergebnis einer vereinfachten Herstellungsweise, um die Produktion auch unter schwierigen Bedingungen (die Weltwirtschaftskrise war auf ihrem Höhepunkt) aufrecht erhalten und gleichzeitig mit günstigeren Preisen reagieren zu können.

Leider ist die Markung der Puppe auf der linken Fußsohle nicht mehr erkennbar, so dass nicht sicher festzustellen ist, ob sie noch zu den letzten Exemplaren gehörte, die in den bis 1950 von Käthe Kruse geleiteten Werkstätten produziert wurden. Es könnte auch sein, dass es sich bereits um eine Anfertigung des treuhänderisch verwalteten Betriebes handelt, der bis 1952 Bestand hatte und anschließend – nach der endgültigen Enteignung der Firmengründerin – in den VEB Puppenwerkstätten Bad Kösen überführt wurde. So kann ihr Entstehungszeitraum mit Hilfe der Angaben ihrer einstigen Besitzerin zwar um 1950 angesetzt werden, eine genaure Datierung bleibt allerdings einer zukünftigen genaueren Untersuchung vorbehalten.

Der Zustand unserer Puppe ist so gut, wie man es sich nur wünschen kann von einem 62 Jahre alten Spielzeug, das auch intensiv als solches benutzt wurde. Natürlich wurde die Puppe nicht immer nur gehätschelt und umsorgt, sie musste durchaus auch rabiatere Spieleinsätze überstehen, einige Abplatzungen an Kopf und Gesicht zeugen davon. Bei einer handfesten Auseinandersetzung mit der älteren Thimm-Schwester verlor das "Schlenkerchen" schließlich sogar seinen Kopf. Dieser wurde wenig später durch einen Leipziger "Puppendoktor" wieder angenäht, allerdings kam sie von dort mit neuen Kleidern, einem etwas verformten Kopf und so perfekt herausgeputzt zurück , dass die kleine Besitzerin erst einmal mit einem entsetzten Ausruf "das ist nicht meine Puppe" reagierte. Die alten Kleider konnten wieder angezogen werden, der verformte Kopf aber blieb und erinnert noch heute an den schwesterlichen Zank, der ohne diese Spur sicher längst vergessen wäre.

Es zeigt sich an dieser einfachen Puppe also sehr schön, wie auch in einem zunächst unscheinbaren Spielzeug die Fäden der persönlichen Erinnerung mit denen der großen Politik (die "Republikflucht" des Großvaters, der Trennung der Familie) und der Wirtschaftsgeschichte (die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der "Käthe-Kruse-Werkstätten" kurz vor der Enteignung) untrennbar verwoben sind.

Für unsere Sammlung stellt daher Frau Thimms nach so langer Zeit nach Bad Kösen zurückgekehrtes "Schlenkerchen", gerade wegen seiner spannenden "Biographie", eine höchst willkommene Bereicherung dar. Es wird mit Sicherheit  in der Dauerausstellung im Museum Romanisches Haus einen Platz finden, sobald die Voraussetzung für eine Neugestaltung erfüllt sein werden.

KG/SW

Ab 5. Oktober 2013: Ausstellung im Romanischen Haus Bad Kösen.

Kindheit ist ein Kinderspiel. Über Lust und Last der frühen Jahre.

stadtmuseum-naumburg-plakat-kindheit-2013.jpgIst Kindheit wirklich ein Kinderspiel? Unsere Ausstellung im Museum Romanisches Haus beschäftigt sich mit dieser Frage. Allzu leicht wird im sentimentalen Rückblick vergessen, dass die Kindheit eines Jeden durchaus auch ihre schwierigen Momente hatte. Allzu leicht vergisst man auch, dass "Kindheit" kein zeitloses Naturphänomen ist, sondern eine historische Erscheinung, die von ganz bestimmten sozialen Konstellationen definiert wird. Die Ausstellung versucht eine Annäherung an die Fragen, die sich unweigerlich auftun, wenn man sich mit Kindheitsgeschichte beschäftigt. Zahlreiche Ausstellungsstücke veranschaulichen die Komplexität des Themas und sollen dem Besucher helfen, zu eigenen Fragen und Antworten zu kommen.

Die Ausstellung - ein small-budget-Projekt - ist als erste, vorsichtige Annäherung an das Thema gedacht, das unsere umfangreiche Ausstellung von Käthe-Kruse-Puppen ergänzen und abrunden soll. Sie wird mit der Zeit anwachsen, sowohl was die Anzahl der Ausstellungsstücke angeht als auch was ihre thematische Bandbreite betrifft und mittelfristig mit der Käthe-Kruse-Ausstellung verschmelzen. Das Konzept von Kindheit an der Schwelle zum Zeitalter der Moderne - für dessen offene Fragen Käthe Kruses Wirken symtomatisch steht - wird dann einen der thematischen Schwerpunkte der Ausstellung bilden.

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20. Juni 2013: Vortrag im Romanischen Haus Bad Kösen

Karikatur und Zensur in der DDR

unterm-strich-plakat-400Karikaturen standen in der DDR stets unter besonderer Beobachtung: von Seiten der Machthaber, die keine Kritik duldeten, aber auch von Seiten der Bevölkerung, die nach genau dieser unterdrückten Kritik suchte. Die SED hätte am liebsten nur Propagandazeichnungen gesehen, welche „Kapitalisten, Imperialisten und Faschisten“ im Westen angriffen oder so genannten Erfolge des „Sozialismus“ feierten. Doch das Regime machte die Rechnung ohne das Volk. Die Menschen erlebten täglich am eigenen Leib den Kontrast zwischen Anspruch und Wirklichkeit im „real vegetierenden Sozialismus“. Karikaturisten der DDR haben daher auch versucht, die Probleme im eigenen Land aufs Korn zu nehmen und manchmal gelang es ihnen auf erstaunlich offene Weise. Darüber und über vieles mehr wird am Donnerstag, dem 20. Juni Dr. Daniel Kosthorst vom Zeitgeschichtlichen Forum in Leipzig in seinem Vortrag “Karikatur und Zensur in der DDR” berichten. Der Vortrag wird um 18:30 Uhr im Romanischen Haus Bad Kösen stattfinden und wir hoffen auf regen Zuspruch des Publikums.

Vortrag: Romanisches Haus, Bad Kösen, 26. Juli 2013, 18:30 Uhr.

Andreas Neumann-Nochten: "Witz, Karikatur, Parodie - so eine Art Begriffsbestimmung".

Karikatur Andreas Neumann-Nochten- Im Rahmen der Sonderausstellung „Unterm Strich. Karikatur und Zensur in der DDR“ spricht Andreas Neumann-Nochten in einem Erfahrungsbericht über seine Tätigkeit als Karikaturist, die er während seines Theologiestudiums in Naumburg Anfang der 1980er Jahre begann. Seit 1992 freischaffender Karikaturist, Maler und Werbegrafiker, karikiert er in seinen „Klerikaturen“ Themen aus Kirche und Religion, er persifliert Werke berühmter Maler oder parodiert Begebenheiten aus Politik und Gesellschaft. In seinem Vortrag „Witz, Karikatur, Parodie – so eine Art Begriffsbestimmung“ schildert Neumann-Nochten was das eigentliche Handwerk eines Karikaturisten auszeichnet und wie er persönlich damit umgeht. Zurückblickend auf seine „Wendekarikaturen“, die als Dokumente im kulturpolitischen Geschehen der Wiedervereinigung Anfang 1990 entstanden sind, wird mit Hilfe seiner eigenen Eindrücke aus der damaligen Zeit der Bogen zu der Sonderausstellung gespannt.

Erinnerungen gesucht!

Für ein Ausstellungsprojekt bittet das Stadtmuseum Naumburg um Mithilfe

Studenten in der Käthe-Kruse-AusstellungStudenten holen sich Anregungen in der Käthe-Kruse-AusstellungIhr Kuschelbär aus Kindertagen wird noch immer geliebt, auf Ihrem Dachboden schlummert Ihre erste Spielzeugeisenbahn im Dornröschenschlaf, Fahrrad, Rollschuhe, Schlitten und Schaukelpferd wurden im Keller abgestellt und beinah vergessen? Es sind genau diese Erinnerungsstücke, die das Stadtmuseum Naumburg für ein Ausstellungs-projekt sucht und alle Interessierte um Mithilfe bittet.
Im kommenden Herbst soll in Zusammenarbeit mit Studenten des Instituts für Volkskunde/Kulturgeschichte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena eine Ausstellung im Romanischen Haus Bad Kösen entstehen, die sich dem Thema „Kindheit – Spielzeug – Erinnerung“ widmet und den Wandel der Kindheit fokussiert. Im Zentrum stehen persönliche Erinnerungen an die eigene Kindheit. Ausgehend der Fragestellung, wie sich Kindheit in der Erinnerung materialisiert und wie sie sich museal darstellen lässt, sollen Spielzeuge als Erinnerungsobjekt und –träger in den Mittelpunkt gestellt werden.
Aus diesem Grund ist das Stadtmuseum auf der Suche nach Personen, die uns an ihren individuellen Kindheitserinnerungen teilhaben lassen und uns Ihre Lieblingsstücke, gern auch in Verbindung mit Fotografien, leihweise zur Verfügung stellen.
Anknüpfend an die genau vor zehn Jahren gezeigte Sonderausstellung „Kindheit und Jugend in Naumburg“, die den Auftakt für das Mitmach-Projekt „Naumburg.Erinnern“ bildete, möchten wir erneut Lebenserinnerungen sammeln, ausstellen und für die nachfolgenden Generationen archivieren. Egal ob Sie Ihre Kindheit in den 1930er, 1950er oder 1980er Jahren in Naumburg und Umgebung verbracht haben, jeder Erinnerungsbeitrag hilft uns dabei, ein Stückchen Zeit- und Stadtgeschichte zu bewahren.

Bei Interesse bitte melden im Stadtmuseum / Tel.: 03445-703503 / Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

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