Wir veröffentlichen an dieser Stelle die Texte einer Ausstellung, die wir vor etlichen Jahren (im Frühjahr 1997) unter dem Titel "Muck Lamberty. Eine Naumburger Legende aus der Zeit der Jugendbewegung" gezeigt haben. Die Ausstellung war von einer Arbeitsgruppe mitgestaltet worden, die aus der alternativen "Ideenschmiede" hervorgegangen war. Etwas euphorisch sahen die Mitglieder der AG in "Muck" Lamberty einen nonkonformistischen Vorgänger der Hippies und ihrer selbst, der dem Establishment fern stand und nach einer neuen, lebensreformerischen und selbstbestimmten Lebensweise strebte. Das ist wohl nicht ganz falsch, aber die ganze Wahrheit ist es natürlich auch nicht.

Wir bitten also zu berücksichtigen, dass es sich bei den folgenden Texten, die teils von Mitarbeitern des Stadtmuseums, teils von AG-Mitgliedern, teils in Zusammenarbeit entstanden, nicht in erster Linie um wissenschaftliche Texte handelt. Lamberty wird hin und wieder geduzt, womit eine Nähe ausgedrückt wird, die sich bei den meisten Beteiligten im Laufe der Beschäftigung mit dem Thema weitgehend verflüchtigte.

[Bilder werden noch nachgeliefert]

 

Muck Lambertys Söhne begannen 1952 den Betrieb in Oberlahr-Bruchermühle im Westerwald neu aufzubauen. Einer erinnert sich:

„Muck gab keine Hilfe, rückte nicht einmal die Kundenlisten heraus. Als der Aufbau mit viel Mühe geschafft war, kam er und wollte die Generalvollmacht als Chef. Aber wir Söhne machten nicht mit.”

Muck Lamberty aber, der durch seine Flucht alles verloren hatte, war auch im hohen Alter nicht willens, ein angepasstes Leben zu führen. Viel Zeit verbrachte er im Freien, in den Wäldern seiner neuen Heimat, wo er wie früher Kräuter sammelte. Auch war er hin und wieder per Anhalter unterwegs, fuhr mit dem Schulbus, unterhielt sich mit Kindern.

Als mit der Studentenrevolte Ende der 60er Jahre und der nach Deutschland überschwappenden Hippie-Bewegung das Interesse an gesellschaftlichen Außenseitern wuchs und man nach Entwicklungssträngen in der deutschen Geschichte dieses Jahrhunderts suchte, die nicht belastet schienen, wurde auch Muck Lamberty als vermeintlicher Urvater deutscher Hippies wiederentdeckt. Noch einmal erhielt er öffentliche Aufmerksamkeit, berichteten Zeitungen und Illustrierten über ihn. Zahlreiche, meist junge Besucher pilgerten zu ihm hin und ließen sich die alten Geschichten erzählen. Die Polizei fahndete sogar nach Drogen in seinem Haus. Einer in der Nähe angesiedelten Kommune soll er 1000 Weihnachtsplätzchen geschenkt haben und es wird kolportiert, der 80jährige Muck habe eine 20jährige Freundin gehabt.

Als der Schriftsteller Rudolf Otto Wiemer ihm als 83jährigem die Frage stellte, ob er „heute die gleichen Ziele wie damals verfechten” würde, antwortete er: „Die gleichen, natürlich in abgewandelter Form. Ich weiß heute, daß die alte, ständisch gegliederte Gesellschaft nicht zu neuem Leben zu erwecken ist, wie wir es damals wollten.”

Friedrich Lamberty, nicht nur von Freunden zeitlebens „Muck” genannt, starb am 7. Januar 1984 in Oberlahr.

Wie so viele Lebensreformer aus dem bürgerlichen und kleinbürgerlichen Lager, brachte auch Muck Lamberty der nationalsozialistischen „Bewegung” lange Zeit Sympathie entgegen. Der von den Nazis propagierte Jugendkult, die Ablehnung der Parteiendemokratie zugunsten der „Volksgemeinschaft”, die gesellschaftspolitische Orientierung am Ständestaat, all dies ging weitgehend konform mit dem, was er selbst bis dahin geäußert hatte.

Als sich Ende der 20er Jahre abzeichnete, dass die NSDAP zur einflussreichen Kraft anwachsen würde, versuchte er, seine bestehenden Kontakte auszubauen. Er hatte wohl zu den am weitesten rechts stehenden Jugendbewegten, den Artamanen (Mitglieder waren z. B. Heinrich Himmler und Walther Darré) nähere Beziehungen, aber auch zur Bündischen Jugend, zum „linken” Flügel der Nationalsozialisten und zu den „Deutschgläubigen”. Nach 1933 waren es die „Hitler-Jugend”, der „Bund Deutscher Mädchen” und die „Reichsbauernschaft”, denen er gerne mit Rat und Tat zur Seite gestanden hätte. Der wirtschaftliche Erfolg seiner Firma zeigt auch, wie sehr er mit der Gestaltung seiner Produkte dem Zeitgeist entsprach.

Dennoch kühlte das Verhältnis zur NSDAP und deren Repräsentanten vor Ort sehr schnell ab – auch dies typisch für viele frühe Sympathisanten. Ihn störte an der NSDAP, dass sie „Macht über Geist” stellte, eine Partei war und auf Massenzulauf rechnete; denn als echter Jugendbewegter setzte er auf elitäre Gemeinschaften. Die Partei und ihre Funktionäre störte, dass Lamberty auch nach der Machtübernahme in gewisser Hinsicht Nonkonformist blieb und sich nie komplett vereinnahmen ließ.

Wurde er bisher von der Naumburger Polizei immer als unpolitischer Idealist eingeschätzt, so fand er sich in nach 1933 angefertigten Polizeiberichten zunehmend als „politisch unzuverlässig” eingestuft. Ein langer Streit mit der DAF um den Firmennamen hatte seine Stellung nicht verbessert, ebenso wenig wie sein – wohl auch auf persönlicher Abneigung beruhendes – schlechtes Verhältnis zu Friedrich Uebelhoer, Kreisleiter der NSDAP, Naumburger Oberbürgermeister und Gauamtsleiter der NS-Volkswohlfahrt (NSV). Auf Anzeige der Kreisleitung soll Lamberty (nach dem ersten Attentat auf Hitler?) durch die Gestapo wegen Hochverrats verhaftet worden sein. Karl Barbian, einer der Gefolgsleute aus den 20er Jahren, der sich mittlerweile bei der Gestapo verdingte, verhalf Lamberty zur Freilassung im Frühjahr 1940, jedenfalls wenn man der Familienüberlieferung glauben schenken mag.

  • 1891 (14.7.) Friedrich Lamberty wird als achtes von zwölf Kindern in Straßburg geboren. Der Vater war Kaufmann.
  • 1906-12 Zu Fuß von Holland nach Bregenz am Bodensee. Anstellung als Lehrling in einem Reformgeschäft. Übersiedlung nach Graz.
  • Mit 19 Jahren Filialleiter in Brünn. Verfasst Artikel über Reformschuhe und gibt zusammen mit Georg Peters ein Buch über Reformkleidung heraus. Berührung mit der Wandervogel-Bewegung auf dem Hohenneuffen (Schwäbische Alb). Ausstieg aus dem bürgerlichen Leben. Wanderungen durch Süddeutschland, Österreich und Schweiz. Gelegenheitsarbeiten und Arbeit bei Bauern.
  • 1912/13 Plant Gründung einer ländlichen Siedlung auf kommunistischer Grundlage. Entwickelt mit Georg Peters den Gedanken einer Handwerker-Landgemeinde mit "Umwertungsstellen".
  • Teilnahme am Jugendtreffen auf dem Hohen Meißner.
  • 1914 Kriegsausbruch verhindert Siedlungspläne. Freiwillige Meldung zum Militär. Gemeinsamer Einsatz mit anderen Jugendbewegten in Matroseneinheit auf Helgoland.
  • 1918 Teilnahme an „Völkischer Woche” in Witzenhausen.
  • 1919 Sammlung von Jugendbewegten in Hartenstein. Begegnung mit Max Hölz (kommunistischer „Robin Hood”, später von den Sowjets umgebracht). Lernt beim "Schnitzel-Vogt" Drechseln. (Pfingsten) - Teilnahme am Bundestag der Wandervögel in Coburg.
  • 1920 Treffen in Kronach. Gründung der „Neuen Schar”. Legendärer Zug durch Thüringen. Winterquartier auf der Leuchtenburg. Umbenennung zur „Werkschar”.
  • 1921 (17.2) - Die Schar verläßt die Leuchtenburg nach Ausweisung. Herausgabe des Volksliederbuchs „Unter der Linde” (21.6.) - Niederlassung des Restes der „Werkschar” in Naumburg, Neidschützer Str. 27 (Juni) - Hanna Rössler bringt sein zweites Kind (Esche) zur Welt.
  • 1926 Heirat mit Paula Lenkeit (26.8) - Geburt von Rüster.
  • 1928 Werkstattumzug zur Weißenfelser Str. 42 (Kaserne) (16.8) - Geburt von Dirk.
  • 1929 Herausgabe der Schrift „Jugendbewegung, Handwerk und Volksfest”.
  • 1930 (Ostern) - Teilnahme an der „Religiösen Woche” (Kongress verschiedenster Richtungen der Jugendbewegung) in Hildburghausen (8.3.) - Geburt von Jungfried.
  • 1933 Umzug des Betriebs zum Domplatz 20, gleichzeitig neuer Wohnsitz (30.9.) - Geburt von Birke.
  • 1934 Umzug der Familie in das Landhaus Siebeneichen.
  • 1935 (6.12.) - Geburt von Heide.
  • 1937 Verbot des Namens „Werkschar”. Umbenennung in „Friedrich Lamberty-Muck Handwerkstätten”.
  • 1939/40 6 Monate Haft in Halle (?).
  • 1944/45 Umzug der Familie zum Freien Blick 22.
  • 1951 Flucht von Leipziger Messe in den Westen.
  • 1984 (7.1.) Muck Lamberty stirbt in Oberlahr/ Westerwald.
1926 heiraten Friedrich Lamberty und Paula Lenkeit, die Tochter eines preußischen Zollinspektors. Sie hatten zusammen fünf Kinder.

Mit dem Betrieb zog auch die Familie 1933 zum Domplatz 20 um. Frau und Kinder lebten in diesen Jahren zeitweise in Holland. Dabei sollen sowohl Spannungen in der Familie als auch Probleme infolge der neuen politischen Verhältnisse eine Rolle gespielt haben.

1934 mietete der mittlerweile gut situierte Unternehmer das Landhaus „Siebeneichen” bei der Holländer Mühle an. An die Stadt zahlte er 115 Mark Miete im Monat für die im Volksmund „Mäuseburg” genannte Villa. Das Hauspersonal, das sich Muck leistete, sass im Landhaus „Siebeneichen” mit am Tisch.

Mit dem wirtschaftlichen Erfolg wuchs nun auch die gesellschaftliche Akzeptanz. Einer der Söhne erinnert sich: „Mit Lipperts durften wir auch spielen. Der war zwar Landgerichtspräsident, aber die Kinder galten in Naumburg als Rauden.”

Um die Erziehung der Kinder kümmerte sich der Vater wenig – hierin entgegen dem eigenen Bekunden ganz dem traditionellen Rollenverhalten entsprechend: „Grundsätzlich galt: Er hat keinen Einfluß gehabt irgendwie auf die Erziehung der Kinder. Er handelte nach dem Sprichwort: Was scher'n den Bock die Lämmer. Nur einmal bezogen wir mörderische Prügel. Wir hatten an den Hängen einer Kiesgrube das trockene Gras angebrannt. Der Vater mußte die Feuerwehr bezahlen. Die Prügel galt aber nicht dem Feuerlegen, sondern dem Erwischtwerden. Dafür liebte Muck das Feuer viel zu sehr...”

Seine Frau stattete Muck Lamberty immer sehr reichlich mit Geldmitteln aus. Aber er verweigerte ihr die damals noch erforderliche Zustimmung des Ehegatten, als sie am Bodensee ein Grundstück kaufen wollte: „Besitz ist Ballast. Man braucht keinen Besitz!” Andererseits fuhr er in den 30er Jahren einen großen Mercedes und die Familie wohnte auf Urlaubsreisen in den besten Hotels. Besonders genoss er die Blicke der Portiers, wenn er dem noblen Wagen in mit Stroh gefütterten Holzschuhen entstieg.

Nach 1944/45 zogen Lambertys zum Freien Blick 22, da es in dem abgelegenen Landhaus zu unsicher wurde.

Brotkrumen