Naumburg als Garnisonsstadt

Soldaten gehörten für Jahrhunderte zum Naumburger Stadtbild. Die Errichtung mehrerer großer Kasernen und einer Kadettenanstalt um die Jahrhundertwende machte das Militär zu einem bedeutender Einkommenszweig für die Garnisonsstadt.

Vom Quartier zur Kaserne

In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts begannen die größeren deutschen Staaten, darunter auch Kursachsen, mit der Errichtung stehender Heere. Ständig unter Waffen stehende Soldaten sollten eine effektivere Militärmacht garantieren. Naumburg wurde erstmals 1716 Standort eines beachtlichen militärischen Verbandes, des Kursächsischen Kreisregiments zu Fuß, dem weitere Einheiten folgten. Die Bedeutung als Garnisonsort wuchs, nachdem Naumburg nach dem Wiener Kongreß 1815 zu Preußen gekommen war.
Ab 1841 wurden erstmals besondere Kasernen für die Soldaten eingerichtet. Zuerst ergänzten diese die Unterbringung in Privatquartieren nur, dann ersetzten sie diese vollständig. Als Folge der wilhelminischen Rüstungspolitik entstanden um die Jahrhundertwende mehrere große Kasernenkomplexe und eine Kadettenanstalt, die fortan das Stadtbild wesentlich mitbestimmten. Die zahlreichen hier stationierten Soldaten, Offiziere und Offiziersschüler beeinflußten die Gesellschaftsstruktur der Stadt erheblich. Aber auch auf die wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse hatten sie spürbaren Einfluß.

Demobilisierung und Wiederaufrüstung

Nach dem 1. Weltkrieg (1914-1918) wurden als Folge des Versailler Vertrages alle Naumburger Kasernen geräumt. Die Gebäude konnten während der Weimarer Republik als Gewerbe- und Wohnraum genutzt werden. Erst die Wiederaufrüstung des NS-Regimes brachte die Soldaten nach Naumburg zurück. Der Bau neuer Kasernen und die Errichtung des "Heereszeugamtes" folgten. Die Bombardierungen Naumburgs im April 1945 waren wohl diesen Einrichtungen zu verdanken.
Nach 1945 wurden die Kasernen zum größten Teil von der Armee der Sowjetunion bzw. GUS-Staaten genutzt (bis 1992).
Seit dem 18. Jahrhundert mußten die in Naumburg stationierten Truppen an allen größeren Kriegshandlungen Sachsens, Preußens, des Deutschen Reiches und Hitlerdeutschlands teilnehmen. Auch an der Niederschlagung der Revolutionen 1848/49 in Berlin und Baden und 1918 in Berlin waren sie beteiligt.

Zur Geschichte der Naumburger Straßenbeleuchtung

von Maryla Malonek

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Leipzig 1701: nach diesem Vorbild sollte auch in Naumburg eine Strassenbeleuchtung eingeführt werden. Aber die Naumburger Bürger zeigten sich keineswegs begeistert...

“Gestern Vormittag nach 6 Uhr wurde in der Kösenerstr. die auf der Südseite, kurz vor der Schweinsbrücke stehende Strassenlaterne umgerissen, sodass sie quer über die Strasse lag. Nach Aussage einer Frau, welche aber ihren Namen nicht nannte, brachten 2 Fleischer eine Kuh angeführt, welche in der Nähe der Brücke scheu wurde und gegen die Laterne rannte, sodass dieselbe umbrach. Auf eine Anfrage im Büro des Schlachthofes wurde mir der Bescheid, dass sie versuchen wollten, herauszubekommen welche Fleischer eine Kuh dort lang geführt haben.”

Die nachfolgenden Ermittlungen ergaben, daß der Fleischer Karl Hensel, ansässig in der Naumburger Jakobstraße, und der Landwirt Otto Rein aus Almrich die Kuh geführt hatten. Die Schadenshöhe an der Gaslaterne betrug 78,95 RM, welche die Haftpflichtversicherung des Herrn Rein bezahlte.

Dies geschah im Jahre 1927 und damit zu einer Zeit, in der die Beleuchtung der öffentlichen Straßen schon selbstverständlich war. Doch schauen wir einmal zurück auf die Anfänge der Naumburger Straßenbeleuchtung und sehen uns ihre Entwicklung etwas genauer an.

Ein Streit um Laternen

Der Versuch in Naumburg eine öffentliche Straßenbeleuchtung einzuführen, begann mit einem handfesten Streit. In einem Ratsprotokoll vom 9. November 1713 heißt es, “daß H. Hofrath Frauendorff sich wieder Gebühr anmaße, das Pflaster mitten auffm Marckte einzureißen und dem Vernehmen nach eine Seule setzen” lassen wolle. Außerdem war “an der Ecke des Rathhauses nechst der Brodt Bänke ein Eißen darauff etwas eine Laterne soll gesetzt werden, angemacht” worden. Der Rat verfügte daraufhin in einer Beratung, in der auch Frauendorffs gute Beziehungen zum Hofe zur Sprache kamen, daß “dem Meuerer Einhalt geschehen, und das Werckzeug weggenommen werden solle”. Darüber erbost, beschwerte sich Frauendorff bei der Stiftsregierung in Zeitz. Diese erklärte dem Rat, daß alle Maßnahmen auf ihr Betreiben hin erfolgt seien und verlangte Gehorsam. Der Rat rechtfertigte nun sein Verhalten damit, daß “das aerarium von baaren Mitteln fast ganz erschöpft ... und wir endlich, wenn zumahl Gott die Stadt mit gefährlichen Krankheiten und ansteckenden Seuchen, wovor uns iedoch deßen Güte gnädiglich bewahren wollen, heimsuchen möchten, nicht wißen, wie dasselbe förderhin bestehen und wo die Mittel zu nöthigem Bedürffnis vor das Publicum herkommen werden.”

Außerdem sei eine Straßenbeleuchtung in Naumburg nicht notwendig, da “alhier gemeiniglich des abends bey Licht Zeit es auffm Marckte so stille ist, daß man offt in 1, 2 Stunden niemanden höret noch sehet.”

Die Stiftsregierung verhängte nun ihrerseits wegen “ungebührlichem Widersetzen” empfindliche Geldstrafen über einzelne Mitglieder des Rates.

Kaum war diese Auseinandersetzung um die Marktlaternen beendet, da veranlaßte Frauendorff, wohl wiederum im Auftrag der Stiftsregierung, die Anbringung von 100 Öllaternen in der Stadt. Der Rat weigerte sich standhaft, die dafür angefallenen Rechnungen zu bezahlen, zumal die Kosten für die Beleuchtung der Stadt weit über die Möglichkeiten des kommunalen Haushaltes hinausgingen. Der Streit dauerte etliche Jahre, beide Parteien beharrten auf ihren Positionen und die Handwerker blieben auf ihren Rechnungen sitzen. Der Ausgang der Streitigkeiten ist aus den Akten nicht zu ersehen, wohl aber, daß die Öllaternen schon nicht mehr brannten, nachdem die erste (unbezahlte) Öllieferung verbrannt war.

Erfolg im zweiten Anlauf

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Naumburger Wochenblatt, 15. Oktober 1812

Erst im Jahre 1806 kam wieder in einer Ratssitzung die Notwendigkeit einer öffentlichen Straßenbeleuchtung zur Sprache. “Eine andere, sehr gemeinnützige und nothwendige Anstalt empfahl der Syndicus Gallus in diesem Jahre; sie kam aber auch nicht zur Ausführung. Es war die nächtliche Straßenbeleuchtung, deren Nutzen, wenn sie zu Stande kam, Niemand leugnen konnte.” Das Ersuchen scheiterte wieder an den mangelnden finanziellen Mitteln.

Im Januar 1811 wiederholte dann der Cämmerer Johann Friedrich Zätsch den Vorschlag und regte an, “sämmtliche Straßen und Gaßen hiesiger Stadt, mit Ausschluß der Freyheit und Vorstädte” beleuchten zu lassen. In einer Kostenberechnung ging er dabei von einer Anschaffung von 33 Laternen mit einer jährlichen Brenndauer von 2000 Stunden in 300 Nächten aus. Dazu kamen die Aufwendungen für Reparatur, Dochte, Oel und den Laternenwärter nebst Gefährten. Abschließend bezifferte er den jährlichen Aufwand zur Unterhaltung einer einzelnen Laterne auf 38 Reichstaler, 3 Groschen und 8 Pfennige.

Gleichzeitig regte er an, die Beleuchtung der Straßen später zu verpachten, um Kosten zu sparen. Zunächst jedoch sollte die Stadt die Summe für die Anschaffung der Laternen vorschießen.

Die Stiftsregierung in Zeitz stimmte einer Finanzierung durch die Erhöhung des Bürgergeldes zu. Jeder Bürgersohn hatte bei der “Gewinnung des Bürgerrechts” einen Reichstaler und jeder andere zwei Reichstaler zu entrichten, die in die “Straßenbeleuchtungs-Casse” abgeführt werden sollten . Die laufenden Kosten konnten durch eine Abgabe der “566 Haußeigenthümer mit ihren Miethern” entdeckt werden.

lampenausblaeser
Der Laternenwärter bläst eine Laterne aus.
Instruction für die Laternenwärter
1. Dieselben haben die ihrer Aufsicht und Besorgung anvertrauten Laternen zu der bestimmten Zeit anzuzünden, die darinnen befindlichen Lampen gehörig mit Oel zu versehen, und zu bewerkstelligen, daß selbige die gehörige Zeit über ordentlich leuchten, deshalb sich der Wachsamkeit zu befleißigen, die angezündeten Lampen, so oft es nöthig zu putzen, und etwaigen Mangeln abzuhelfen.
2. die Laternen so oft es erforderlich, zu reinigen, und die Gläser hell zu erhalten.
3. mit den Laternen sowohl als mit dem ihnen anvertrauten Oele behutsam umzugehen, und von letzterem etwas nicht zu veruntreuen, oder in ihrem Nutzen zu verwenden, überhaupt aber
4. sich im allgemeinen eines ehrlichen, fleißigen und nüchternen Betragens zu beschließen, und so zu handeln, wie es ehrlichen Leuten zukommt.
[StA Nmb Rats-Sachen Loc. 75, Nr. 2]

Also begann man noch im Dezember desselben Jahres mit dem Aufbau einer Laterne auf dem Marktplatz. Sie bestand aus einem blechernen “Laternenkasten” mit Glasscheiben, der auf einer Eichenholzsäule angebracht war. Im April 1815 kaufte die Stadt zusätzlich Laternen aus Leipzig und Weißenfels an. Mit der Zahl der Laternen stieg die Höhe der Ausgaben von 21 Talern im Jahre 1811 bis auf rund 1368 Taler im Jahre 1816. Deshalb beschloß man auf einer Ratssitzung im Februar 1817, “daß die ganze Beleuchtung in Enterprise gegeben”  werden soll. Im “Wochenblatt für Naumburg und die umliegende Gegend” und im “Thueringischen Anzeiger” wurde der Beschluß über die Verpachtung der Straßenbeleuchtung öffentlich bekannt gemacht. Alle Interessenten konnten sich danach um die Pflege der Straßenbeleuchtung bewerben. Der Mindestbietende sollte den Zuschlag bekommen. Es waren mehrere “Licitationstermine” notwendig, um einen geeigneten Pächter zu finden, denn die ersten Gebote lagen weit über den Erwartungen des Rates. Die Forderungen begannen bei jährlich 2200 Reichstalern und selbst ein Gebot von 1800 Reichstalern wurde vom Rat abgelehnt. “Da dieses Gebot, welches nicht unterstiegen wurde, für unmäßig gehalten worden, so wurde mit dem Zuschlage nicht verfahren, sondern den Interessenten eröffnet, daß sie zunächst, um sich selbst genauer zu überzeugen, die nächste Nacht eine Probe mit der Laternenbeleuchtung machen und sich eine diesfallsige Berechnung entwerfen möchten”. Dabei konkurrierten zuletzt der Leinewebermeister Karl Gotthelf Richter und der Seilermeister Johann Friedrich Knoblauch aus Naumburg miteinander. Schließlich erklärten sie sich bereit, gemeinschaftlich die 29 Laternen mit 81 Flambeaux für 1496 Reichstaler im Jahr zu unterhalten.
Im Pacht-Contract vom 22. März 1817 wurde festgelegt, daß die Unternehmer zunächst für ein Jahr alle entstehenden Kosten für Öl, Dochte sowie die Wartung und Reinigung der Laternen zu tragen hatte, deren Leuchtdauer 2000 Stunden betragen sollte. Das Anzünden der Laternen mußte auf dem Markt begonnen werden. Nur bei Gewitter und Notfällen sollten zuerst alle engen Gassen, öffentlichen Brunnen und Spritzhäuser innerhalb einer Viertelstunde beleuchtet sein.

Im Gegenzug erhielten die Handwerksmeister alle “angeschafften Laternen nebst Zubehör an Lampen, Ketten, Leinen, Winden, Leitern, Oehlkrügen und allen übrigen dazu erforderlichen Geräthschaften” für die Zeit der Pacht zur Verfügung gestellt. Der vereinbarte, für die Unterhaltung der Straßenbeleuchtung benötigte Geldbetrag kam an vier festgelegten Terminen zu Johannis, Michaeli, Weihnachten und Ostern mit je 374 Talern zur Auszahlung.

bel_kalender Naumburger Wochenblatt, 3. Mai 1817

Als Leuchtstoff für die Laternen diente Photogen (Mineralöl), welches bei der trockenen Destillation von bituminösem Schiefer entsteht oder aus dem bei einigen Stein- und Braunkohlenarten entstehenden Teer gewonnen wird. In gereinigtem Zustand bildet es eine farblose, gelbliche Flüssigkeit die zum Abbrennen eines Dochtes bedarf. Damit alle Lichter hell brannten, mußten sie “so oft es erforderlich mehrere Male des Nachts geschnupft werden”,  wobei der verkohlte Docht entfernt wurde. Alle Bürger konnten Anzeige erstatten, wenn Laternen schlecht oder gar nicht brannten, was für die Unternehmer eine Konventionalstrafe nach sich ziehen konnte, denn defekte Laternen durften laut Vertrag nur für höchstens eine Nacht ausfallen. Die Brenndauer der Laternen richtete sich nach dem vom Magistrat angefertigten “Beleuchtungskalender”. Bei hellem Mondlicht (Tage um den Vollmond) wurden die Laternen nicht angezündet. Dieser Kalender wurde zunächst wöchentlich im “Wochenblatt für Naumburg und die umliegende Gegend”
und ab 1821 monatsweise im “Naumburger Kreisblatt” abgedruckt. Der “Stadt-Vice-Wachtmeister” Gottlieb Abraham Jäker erhielt außerdem die Anweisung “jeden Tag die Stunde, von welcher bis zu welcher die Laternen brennen müssen, mit Kreide an die Rathhausthür anzuschreiben, damit sowohl die Nachtwächter als auch die unter dem Rathhause sich aufhaltenden Laternenwärter stets die Zeit und Dauer der nächtlichen Straßenbeleuchtung wissen und sich nicht mit Unwissenheit entschuldigen können.”

Refraktionslaternen “müssen nicht geschnupft werden, weil der Docht und die ganze Vorrichtung wie bei der Astrallampe ist, daß auch bei dem heftigsten Sturm die Flamme nicht flackert noch weniger verlöschen kann, wird die Spitze der Flamme durch einen blechernen Zylinder gefesselt, und dieser bis im Rauchfang so gestellt ist, daß niemals Rauch in den Raum der Laterne dringen kann. Daraus folgt demnach, daß die mit einem Gemisch aus Wasser od. Scheidewasser gefüllten hohlen Gläser in Form von Linsen od. Prismen, wodurch die Refraction erfolgt niemals beschmutzt werden,- das Putzen der Laternen also fast gar keine Zeit wegnimmt”.

[Stadtarchiv Naumburg, Communal-Sachen Sig. 1977 f. 31a]

Bis 1829 ist der Seilermeister Knoblauch als Teilhaber des Naumburger Beleuchtungsunternehmens in den Akten nachweisbar. Ab 1828 trat neben Knoblauch der Laternenfabrikant und Teilhaber der “Gesellschaft zur Beleuchtung der Städte”, Johann Wilhelm Schmitz aus Elberfeld, als Pächter in den Vertrag ein . Seine neuen “Refraktionslaternen” wurden zunächst erprobt und dann überall in der Stadt aufgebaut. Der junge Robert Blum hatte als Angestellter des Unternehmers seine erste Druckschrift eine “Kurze Abhandlung über die Straßenlaternen” herausgegeben, die sich immer noch in den Akten des Stadtarchivs befindet. Er war von 1827 bis 1830 für den Unternehmer tätig und hielt sich 1828 auch kurz in Naumburg auf.

Ab dem 1. April 1829 hatte Fabrikant Schmitz für die Hängung, das Brennmaterial “an gutem gereinigtem Oel”, für Dochte und für die Wartung der 42 Refraktionslaternen durch drei Laternenwärter zu sorgen. Die vereinbarte Beleuchtungszeit betrug 200 Tage zu 1250 Stunden nach vorgegebenem Beleuchtungskalender. Alle Laternen mußten in der Nacht brennen und eine Reservelaterne immer zur Hand sein, sonst drohte eine Geldstrafe. Die Stadt stellte im Gegenzug das Hängewerk, die Pfähle und die eisernen Arme der Laternen und tätigte die vierteljährlichen Zahlungen an den Unternehmer.

Die Beleuchtung blieb jedoch weiterhin unzureichend, da das Photogen in rötlicher Flamme brannte und nur eine geringe Leuchtkraft besaß. Außerdem gab es massive Beschwerden über Schmitz, die schließlich in einem Rechtsstreit endeten. Die Stadt schaffte es jedoch nicht, vorzeitig aus dem bis 1841 geschlossenen Vertrag auszusteigen.

Unter Vorsitz eines Magistratsmitgliedes bildete man dann ab 1841 eine aus mehreren Mitgliedern der Stadtverordnetenversammlung bestehende Beleuchtungskommission, “welche die Benachrichtigung der Laternenwärter, den Ankauf des Oels und die ganzen bei der Straßenbeleuchtung vorkommenden Geschäfte besorgt”.

Als neuer Pächter taucht ab 1853 die “Neue Beleuchtungsgesellschaft Hamburg” auf, die als einzige den verbesserten Photogenbrennstoff “Hydrocarbures” anbot. Dieses reine, weiß-gelbliche Mineralöl spendete ein weißes, intensives Licht. Die neuen Laternen brannten mit einer Flamme von “12 Pariser Linien”, dies entsprach einer Größe von 27,072 mm und einer Lichtstärke von 13 Wachskerzen. Allerdings reichte bei dieser Flamme 1 Liter “Hydrocarbures” nur für circa 26 Stunden.

Das Unternehmen lieferte laut Vertrag die benötigten “Hydrocarbures-Lampen” mit Saugdochten und Glaszylindern. Den Einbau der Lampen in die städtischen Laternen mußte durch den “Werkmeister” gegen eine Reisevergütung geleitet werden. Die Qualität des frei ab Hamburg zu einem Preis von 7½ preußischen Silbergroschen gelieferten Brennstoffes wurde beständig mit einer beim Magistrat deponierten “Normalprobe” kontrolliert . Die alten Lampen wurden per Aufruf im “Naumburger Kreisblatt” versteigert: “Von den früher hier in Gebrauch gewesenen Straßenlaternen sollen Donnerstag, den 26. Mai a. c., Vormittags 10 Uhr, 28 Stück mit 32 dazu gehörenden Lampen und 70 Schirmen, in dem Hofraume des hiesigen, vor dem Jakobsthore belegenen Siechhospitales, öffentlich an den Meistbietenden versteigert werden.”

Neue Gaslaternen

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Stadtarchiv Naumburg, Plansammlungen

Auf lange Sicht hatte sich jedoch der Betrieb der Laternen mit “Hydrocarbures” als zu teuer erwiesen. Weitaus billiger und moderner war dagegen der Einsatz von Gas als Brennstoff und die Stadt Naumburg wollte “in einer öffentlichen, Jedermann so in die Augen fallenden Angelegenheit nicht hinter anderen, an Größe und Bedeutung ihr nachstehenden Städten, wie Zeitz, Weimar, Wittenberg, Gotha, Döbeln etc. zurückbleiben”.

Der Magistrat schloß aus diesem Grund 1857 einen Vertrag über die Errichtung einer Gasanstalt und die Einführung einer öffentlichen Gasbeleuchtung mit den Fabrikanten Johann Mahr sen., Kaufmann Franz Julius Höltz und Kaufmann Herrmann Jähnert. Dabei wurde vereinbart, daß die neuen Gaslaternen auf schmiede- oder gußeisernen Laternenarmen und gußeisernen Kandelabern angebracht sein und “von gefälliger Form nach einer vorher dem Magistrat zur Genehmigung vorzulegenden Zeichnung gewählt werden”.

Die vorhandenen 66 Photogenlampen sollten durch 118 Gasflammen ersetzt werden, 21 Lampen konnten weiter nach dem alten Prinzip beleuchtet werden. Die Gaslaternen mußten mit einer Helligkeit brennen, “welche einer Lichtstärke von 6-8 Wachskerzen gleichkommt”, eine geringere Beleuchtung wurde wiederum bestraft. Die Laternen sollten zwischen dem 1. September und Ende April 800 Stunden leuchten, die Verteilung der Stunden regelte weiter der vom Magistrat angeordnete Beleuchtungskalender. Außerdem hatte der Bau der Gasanstalt so schnell zu erfolgen, “daß zwei Jahr nach Abschluß dieses Vertrages dieselbe in allen Theilen so weit hergestellt ist, daß die öffentliche Straßenbeleuchtung in allen dazu bestimmten Theilen der Stadt durch Gas geschehen kann”.

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Das Gaswerk an der Weißenfelser Straße auf einem Gemälde im Stadtmuseum Naumburg, um 1880.

Bereits am 10. Oktober 1858 wurden die Straßen Naumburgs erstmalig mit Gas beleuchtet. Die neue Beleuchtung fand großen Anklang und schon 1883 war die Anzahl der Gaslaternen auf 235 Stück angewachsen.

Aber eine wesentliche Verbesserung in der Helligkeit der Beleuchtung gelang erst durch den Einsatz von Glühstrümpfen. Bei dem, nach seinem Erfinder Carl Freiherr von Auer von Welsbach benannten, Auerlicht verglühte langsam ein mit verschiedenen Flüssigkeiten getränkter strumpfartiger, engmaschiger Glühkörper. Dadurch entstand ein helleres Licht, als wenn das Gas selbst leuchtete. Da es dem Erfinder nicht gelang, sein Glühlichtpatent schützen zu lassen, wurde es zahlreich nachgebaut und verbessert. Um die Jahrhundertwende verwendete man diese Glühstrümpfe auch in Naumburg.

Die Elektrizität hält Einzug...

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Der Stadtrat bei der Einweihung des Elektrizitätswerkes in der Weißenfelser Straße am 25.01.1910. Foto Stadtmuseum.

“Geehrter Magistrat! In Folge der in hiesiger Stadt einzuführenden elektr. Beleuchtung wird von Dienstag, den 3. Februar a.c. ab die Hälfte der Stadt 8 Tage lang probeweise elektrisch beleuchtet werden. Dafern geehrter Magistrat sich für diese Probebeleuchtung interessiert, wird Derselbe hier ergebenst eingeladen.”

Diese Einladung erhielt der Magistrat der Stadt bereits 1885 vom Bürgermeister der Stadt Apolda, doch es sollte noch einige Jahre dauern bis auch in Naumburg die Straßenbeleuchtung mittels Strom eingeführt wurde. 1906 begann man mit dem Bau eines Elektrizitätswerkes, aber nicht zur Versorgung der Stadt mit Lichtstrom, sondern für die Anlage einer elektrischen Ringbahn. Erst 1909 brannten in der Naumburger Innenstadt die neuen Straßenlaternen, die mit Gleichstrom versorgt wurden.

Diese Laternen waren meist in der Mitte der Straße aufgehängt. Obwohl gleichzeitig noch Gaslaternen angeschafft wurden, waren im Jahre 1921 bereits 46 elektrische Lampen in Gebrauch.

Am 27. November 1924 legte dann der Magistrat in einem Beschluß fest, daß künftig auch in Mondscheinnächten die Straßenlaternen brennen sollen.

Die neue Technologie ließ sich nicht mehr aufhalten.

C-A-F-F-E-E, trink nicht soviel Caffee.

Aus der Frühzeit der Naumburger Kaffee-Häuser
[Siegfried Wagner und Ursula Dittrich-Wagner]

Wie viele andere Lebensmittel, die von unserem Speiseplan nicht mehr wegzudenken sind, gehört auch der Kaffee zu jenen exotischen Köstlichkeiten, die erst im 17. und 18. Jahrhundert in Europa populär wurden. Wie Kartoffel und Tomate, Mais und Paprika, aber auch Tee und Kakao, bereichert der ursprünglich nur in Ostafrika wachsende Kaffee seitdem auch das kulinarische Spektrum der traditionell eher schlichten mitteleuropäischen Küche. Dabei setzte sich keine dieser Speisen ohne weiteres durch, sie alle begegneten zuerst Vorbehalten und Vorurteilen und insbesondere dem als Droge verdächtigten Kaffee wurde lange Zeit ein erhebliches Maß an Mißtrauen entgegengebracht. Seltsamerweise unterstellte man dem fremdländischen Getränk lange Zeit genauso vorwurfsvoll wie falsch jene Folgen, die den herkömmlichen alkoholhaltigen Durstlöschern Bier, Most, Wein und Schnaps ganz offensichtlich eigen waren: er mache süchtig, sei moralgefährdend, mache krank. Und nicht nur das: war der Kaffee nicht dazu noch das Lieblingsgetränk der Türken, die den falschen Gott anbeteten und sich anschickten, Europa Stück für Stück zu erobern? Andererseits, können wir uns heute noch vorstellen, was die Wohlgerüche Arabiens, zu denen der Kaffee gehört, für eine Zeit bedeuteten, die so sehr unter ihrem eigenen Gestank litt wie keine davor oder danach? Geschichten und Mutmaßungen ranken sich um die Einführung der geheimnisvollen “Bohne” auf allen Ebenen der Geschichtsschreibung. Die frühe Geschichte des Kaffees in Europa enthält “so viel Anekdotisches, Pittoreskes und Ungesichertes”, schrieb der große französische Historiker Fernand Braudel, “daß wir Gefahr laufen, uns ganz darin zu verlieren”. Ein Blick in die Akten des Naumburger Stadtarchivs zeigt, daß sich dies auch auf lokaler Ebene nicht anders verhält.

Obwohl schon um 1590 vereinzelt abendländische Reisende von dem im Orient seit etwa einem Jahrhundert gebräuchlichen Getränk Cahué berichteten, dauerte es doch noch Jahrzehnte, bis der “Türkentrank” in Europa allgemeiner bekannt wurde. In den Handelszentren Italiens, Englands, Frankreichs und der Niederlande scheint dies in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts allmählich geschehen zu sein, während wir für die durch den Dreißigjährigen Krieg wirtschaftlich und kulturell weiter in Rückstand geratenen deutschen Staaten mit einigen Jahren Verzögerung rechnen müssen. Zuerst erreichte der Kaffee auch hier natürlich die weltoffenen Seehäfen, dann die großen binnenländischen Messe- und Handelsstädte und von dort in den 80er und 90er Jahren des 17. Jahrhunderts in konzentrischer Ausstrahlung die nicht direkt an den internationalen Fernhandel angebundenen Marktorte wie Naumburg.

Wann genau die ersten Kaffeebohnen hierher gebracht wurden, läßt sich nicht mehr sagen. Wenn man annimmt, daß der Kaffeekonsum zunächst vorwiegend im privaten Raum stattfand, wird verständlich, daß sich in öffentlichen Archiven darüber nur in Ausnahmefällen Nachrichten finden. Auch für Naumburg wurde dementsprechend bisher noch kein Beleg privaten Kaffeekonsums vor 1700 entdeckt. Daß wir aber dennoch annehmen, das Kaffeetrinken sei hier wohl schon Ende der 1680er Jahren gebräuchlich gewesen, liegt an der Selbstverständlichkeit, mit der in wenig späteren Ratsakten von dieser Ware schon die Rede ist. So trank 1694, im gleichen Jahr, als in Leipzig das erste Kaffeehaus eröffnet wurde , auch der Naumburger Rat nachweislich Kaffee. Die Zutaten lieferte der aus Schwaben eingewanderte Kaufmann Lorenz Schweitzer, der seit 1691 gegenüber dem Rathaus im Haus Markt 10 einen blühenden Kramladen betrieb . Er stellte dem Rat u. a. “ 4 Loth coffee gebrant”, in Rechnung, das Lot zu 3 Groschen, dazu ½ Pfund “fein Carnary Zucker” (Rohrzucker) für 3 Groschen und später “2 Loth fein Coffee” zum gleichen Preis. Zeigt diese Abrechnung, daß zu jener Zeit der Kaffee im “offiziellen” Leben - bei den Zusammenkünften der Ratsherren - bereits üblich war, so kann man daraus gewiß schließen, daß dies wohl auch für den privaten Gebrauch zumindest des wohlsituierten Bürgertums gilt.

Im Gegensatz zum privaten hinterließ der öffentliche Kaffeekonsum deutlichere Spuren in den Archiven. Dies verdanken wir einzig dem schlechten Ruf der frühen “Kaffeehäuser”, denen europaweit der übelste Leumund attestiert wurde: “Verbotene Spiele, Üppigkeit und andere Laster, gött- und weltlichen Gesetzen zuwider”, wie sie die Stadt Leipzig schon 1697 mit ihrer ersten Kaffeehaus-Ordnung zu unterbinden suchte , prägten anfangs das Milieu der Kaffeestuben, deren juristisches Nachspiel auch in den Naumburger Polizeiakten überliefert ist. So soll sich im Jahre 1690 - dies ist wohl der früheste einschlägige Beleg für Naumburg - der Kaffeeschenk Johann Jünger beim Rat über einen Christoph Koch beschwert haben, weil dieser “sein Weib betrunken gemacht” habe. Zwei weitere Vorfälle zur Peter-Pauls-Messe verzeichnen die Ratsprotokolle von 1695: Am 27. Juni jenen Jahres zeigte der Ratsknecht Körbitz den Studenten Johann Krantz aus Großglogau an, weil er im Etablissement eines Kaffeeschenken “bei zwei Mädchen im Bette” gelegen habe. Der Student verteidigte sich damit, er habe vom Wirt Hans Caspar Handrock lediglich ein Bett verlangt und da keines frei gewesen sei, hätten ihm die Mädchen eben ihres angeboten. Er habe wohl in dem Bett geschlafen, aber keines der Mädchen berührt. Die Mädchen behaupteten andererseits, überhaupt nicht im Bett gewesen zu sein, worauf der Ratsknecht Körbitz ihnen aber ins Gesicht sagte, sie hätten sogar entblößt dort gelegen. Die beiden Übeltäterinnen, Anna Dorothea und Marie Elisabeth Nixe, waren Kaffeehausmädchen aus Leipzig und eigens zur Messezeit nach Naumburg gekommen, um hier den einheimischen und fremden Messebesuchern großstädtische Unterhaltung zu bieten. Im selben Jahr wurden übrigens noch zwei weitere Mädchen der Unzucht in Kaffeehäusern bezichtigt, und wir können daraus wohl entnehmen, daß in jener Zeit die Grenze zwischen “Kaffeehaus” und Bordell fließend erschien.

Den ordentlichen Bürgern waren solche Verhältnisse - soweit sie die gebotenen Dienste nicht selbst in Anspruch nahmen - schon bald ein großes Ärgernis. Bereits 1698 verband die Bürgerschaft in ihren beim Rat eingereichten “Gravamina” (Beschwerden) ihre ebenso besorgte wie eigennützige Feststellung, daß die Tee- und Kaffeeschenken in der Peter-Pauls-Messe eine “ärgerliche Nahrung” seien, mit der rigiden Forderung, “solche Leute von unserer Stadt abzuweisen”. Hinter der Angst vor dem Sittenverfall stand hier gewiß auch die Sorge, die neuen Getränke Tee und Kaffee würden den für die Stadt so wichtigen Bierhandel beeinträchtigen. Der Rat reagierte darauf mit verschärften Polizeikontrollen und der Einführung einer Konzessionspflicht. Viel half dies jedoch nicht. 1699, wiederum zur Messezeit, mußte der “Coffée-Schenk Neidhard ernstlich verwarnt werden, sich vor unziemender Gesellschaft und leichtfertigem Gesinde zu hüten”.

Auch im Jahr darauf wiederholten sich die Auseinandersetzungen um den Kaffeeausschank zur Peter-Pauls-Messe. Die Gassenmeister, die über Sicherheit und Ordnung wachten, waren bemüht, schon im Vorfeld der beiden Messe-Wochen Vorkehrungen gegen Brandgefahren, Unordnung und Unzucht zu treffen. Als am 7. Juni 1700 Friedrich Pozzo den Rat ersuchte, seinem Hausgenossen Melchior Schoner zu verbieten, “etliche Coffeé-Leute auf einstehende P.-Pauli-Messe” aufzunehmen, weil das Haus “durch solche Leute ruiniert würde”, nahmen dies die Gassenmeister zum Anlaß, vorzuschlagen, “die Coffeé-Schenken diese Messe abzuschaffen, oder zur Verhütung der großen Üppigkeit, ihre Buden auf dem Markte einzuräumen”. In ihrem Bericht vermerkten sie warnend, “Melchior Schoner [hätte schon] eine Cofféefrau eingenommen, da es doch sehr gefährlich in seinem Hause wäre”, denn ein Bürger habe gemeldet, “wie der Cofféemann in Melchior Schoners Hause mit dem Feuer übel umginge,”man habe “selbigen auf Stroh liegen und Toback trinken sehen”. Schoner mußte schon am Tag darauf gegen Zahlung von einem Taler Strafe den Kaffeewirt entlassen. Alarmiert beschloß der Rat eine Woche später, “daß mehr nicht als 6 Coffeé Schenken diese Messe zugelassen werden, und in Buden, so an verschiedene Orte, wo Platz vorhanden, zu setzen”. Der Kaffeeausschank sollte also nur noch in provisorischen Buden stattfinden, jedoch nicht mehr in angemieteten Stuben von Bürgerhäusern, um von vornherein zu verhindern, daß dunkle Nebenräume und Hinterzimmer ein ungebührliche Rolle spielen konnten.

Trotz dieser Maßnahmen ließen die Klagen nicht nach. Der Hausbesitzer David Ströter und der Kaffeeschenk, an den er sein Haus für die Messezeit vermietet hatte, wurden angezeigt, weil “nicht alleine bei ihnen großer Unfug und Üppigkeit vorginge, sondern es hätte auch gestern eine papierne ausgehängte Laterne gebrennt, daß daraus groß Unglück geschehen können.” Der Schuster Martin Säuberlich, der seinerseits “wegen Wenzel Mausens Coffeé Schenkin” vernommen wurde, sagte aus, “daß es sehr schändlich und ärgerlich zugangen” sei, er “selbst habe wohl 10 u. mehrmahl die Leute beysammen in Bette liegen sehen”. Er wurde vom Rat verwarnt, “daß Er solches nicht zeitlicher vermeldet”, und der besagte Wirt für später vorgeladen.

Die Akten für das Jahr 1701 belegen, daß der Rat weiter versuchte, mit strenger Lizenzierung die fragwürdige Kaffeehauskultur in geordnetere Bahnen zu lenken, wobei die Einnahme der stattlichen Konzessionsgebühren (10-15 Taler) aber auch kein unwichtiges Motiv gewesen sein dürfte. So wurde dem Kaffeewirt Johann Chantain gegen Zahlung von 12 Talern gestattet, Kaffee auszuschenken, “jedoch mit der ausdrücklichen Condition, daß [wenn] über seine und die alte Frau eine andere Weibsperson angetroffen oder sonst was üppiges vorgehen würde, er seine Straffe nicht missen solle.” Einer Kaffeewirtin aus Leipzig wurde die Konzession sogar verweigert, weil “das Coffee Schenken alleine Mannspersonen verrichten müssen”.

Die fortgesetzten Zuwiderhandlungen und die Beschwerden der Bürger gegen diese Ausschweifungen zwangen die Ratsherren schließlich 1703, ein generelles Kaffee-Schankverbot auszusprechen. In einem langen Schreiben teilte der Rat dem Stiftsadministrator Herzog Moritz Wilhelm von Sachsen-Zeitz am 18. Juni 1703 mit, er habe “concludiret [beschlossen], daß bevorstehende Messe und hinfort nach Befinden die so genannten Theé- und Caffe-Schenken in denen Bürgerhäusern bei uns gänzlich und bei namhafter Strafe abgestellt und verboten sein sollten”. Er begründete dies mit den “vorsätzlichen schweren und großen Sünd- und Üppigkeiten, so bei dergleichen Zusammenkünften und Caffeschenken, wie solches Fama und Exempla durchgehend bezeugen” und mit der Befürchtung, daß “dadurch Gottes strenge Strafgerichte über Stadt und Land gezogen werden”. Zudem seien die Kaffeehäuser “der bürgerlichen Nahrung sehr nachteilig und schädlich”. Der Stiftsadministrator bestätigte zwar persönlich den Rat in seinem Vorgehen, nicht ohne ihn allerdings zu ermahnen, künftig seine Zustimmung vor der Veröffentlichung solcher Beschlüsse einzuholen. Aber schon vom ersten Jahr an erzwang der Herzog selbst Sondergenehmigungen - “aus besonderer Gnade, um dem Publikum eine müsige Stunde zu verschaffen” oder “weil verschiedene Cavaliers und andere honette Leute darum ersucht hatten” - , die zwar nun der Staatskasse die Konzessionsgelder einbrachten, aber den Rat zusätzlich in die Defensive drängten.

Obwohl die Naumburger die Auflagen für die Schankkonzessionen so streng wie möglich zu gestalten suchten, blieben die Verstöße an der Tagesordnung. Weiterhin durften Kaffeeschenken nur in Buden betrieben werden, wobei als Bedienung allenfalls eine Magd zugelassen war. Man gestattete nur noch Öffnungszeiten bis 22 Uhr und verbot alle Spiele bis auf Billard. Und doch gibt es genügend Hinweise, daß auch die strengste Überwachung und durchaus harte Strafen (für die Kaffeemädchen und Wirte, nicht für die honetten Kunden) vorerst nicht wirklich zum Ziel führten. 1702 wurden sogar elf Mädchen gleichzeitig wegen “liederlichen Lebenswandels” in Kaffeeschenken auf der Peter-Pauls-Messe aufgegriffen, inhaftiert, mit 12 Groschen bestraft und der Stadt verwiesen und noch 1713 wandte der Rat “22 Groschen für Brot für die in Arrest sitzenden Kaffeemenscher” auf.

Teilweise scheinen die Ratsknechte im Kampf gegen die Unmoral wohl auch etwas übereifrig vorgegangen zu sein. So etwa im Falle der Magd des Obrist-Wachtmeisters Pflug, die mit anderen “verdächtigen” Frauen verhaftet wurde. Nachdem ihr Dienstherr sich aber massiv für sie eingesetzt hatte, mußte der hohe städtische Rat der beleidigten Magd einen Ehrenbrief ausstellen.

Aber auch bei den weniger unschuldig Beschuldigten hielt sich das Verständnis für die Naumburger Tugendwächter in Grenzen. Dies mag die Stellungnahme einer Berliner Wirtin erweisen, die sich 1702 in der Salzgasse eingemietet hatte und den Rat um die Freilassung ihrer beiden festgenommenen Mädchen bat: die eine sei ihre Tochter, führte sie an, die andere ihre Magd. Beide seien höchst anständig und - so beteuerte sie - hätte sie gewußt, daß sie hier “keine Mädchen für honette Leute halten dürfe”, so wäre sie gar nicht erst nach Naumburg gekommen!

Das Geld, das man mit dem Ausschank von Kaffee und Tee, aber ebenso mit dem zunächst immer gleichzeitig angebotenen Brantwein verdienen konnte, reizte im übrigen auch den einen oder anderen Einheimischen, sich dieser Erwerbsquelle zuzuwenden. Um die strikten städtischen Polizeivorschriften zu umgehen, machten diese ihre Geschäfte einfach dort auf, wo die Gewalt des Naumburger Rates nicht hinreichte, nämlich im Bereich der Vorstädte oder der Herrenfreiheit.

Erst nach dem ersten Viertel des 18. Jahrhunderts verloren die Kaffeehäuser allmählich ihren schlechten Ruf. Der üble Leumund dieser Schankstuben scheint jedoch schon zuvor der Beliebtheit des Kaffees ebensowenig Abbruch getan zu haben wie die häufig vorgetragenen kirchlichen Bedenken gegen den “Türkentrank”. In den Naumburger Ratsrechnungen finden sich etliche Belege dafür, daß die Ratsherren sich bei besonderen Anlässen mit dem Modegetränk erquickten, so etwa 1702, als man für eine Ratskonferenz neben Tabak und Pfeifen auch 5 Lot gebrannten Kaffee bei Lorenz Schweitzer besorgen ließ. 1704 wurde nach einer Tagung in Zeitz für 10 Personen Kaffee abgerechnet und auch 1717, anläßlich der Besichtigung der Ratswiesen, wurde Kaffee ausgeschenkt. Als 1746 Johann Sebastian Bach die Orgel der Wenzelskirche begutachtete, wurde er vom Rat mit Wein, Tabak und Kaffee bewirtet. Selbst in Kirchenkreisen fand das wohlriechende Getränk nun immer mehr Anklang: 1739 wurde anläßlich einer Probepredigt des Magisters Nicolai ein ganzes Pfund Kaffee verbraucht und 1741 erhielten drei Gastprediger neben den Mahlzeiten Kaffee gereicht. Allein der gestrenge Oberpfarrer der Wenzelskirche, Johann Martin Schamel, soll noch Mitte des 18. Jahrhunderts in einer Predigt heftig wider die “Kaffeesucht” gewettert haben. Insgesamt vermochte sich aber der öffentliche Kaffeegenuß im Laufe des 18. Jahrhunderts aus dem dubiosen Umfeld der alten Kaffeeschenken zu lösen und jene seriösere Cafékultur konnte entstehen, die sich bis auf den heutigen Tag erhalten hat.

Am Anfang dieser Zivilisierung mag jener Kaffeeausschank stehen, welcher um 1732 im Ratskeller als Nebenbetrieb der städtischen Garküche eingerichtet, aber wohl zuerst nur während der Messezeit betrieben wurde. Man wird annehmen dürfen, daß sich hier im Ratskeller eine durchweg gesittete Form des Kaffeegenusses etablierte. Das erste Kaffeehaus im moderneren Wortsinn wird man hingegen eher in der sog. “kleinen Renterei” (Jakobstr. 1) suchen, wo schon vor 1736 Hellwigs Kaffeeschenke konzessioniert worden sein muß, denn in diesem Jahr beklagte sich dieser darüber, daß er die 15 Taler Pacht für sein Lokal nicht mehr aufbringen könne, weil nun jeder fremde Messegast “bei seinem Wirt Kaffee zubereiten läßt”.

Die hohen Konzessionsabgaben, die Kaffeesteuer und die Konkurrenz der illegalen Kaffeebrauer mögen auch ein Grund dafür sein, weshalb 1740 der Italiener Francesco Antonio Brabante, der bereits 1713 auf der Freiheit neben dem Handel mit Tee, Schokolade und Kaffeebohnen auch Kaffee serviert hatte, nun zusätzlich eine Lizenz zum Verkauf von Galanteriewaren, Brantwein, Seifen, Schnupftabak, Knaster, Viktualien, Zervelatwurst und Südfrüchten für einen Laden im Schloßhof oder “Fürstenhause” erwarb.

Ein zweites von der Peter-Pauls-Messe unabhängiges Kaffeehaus öffnete in Naumburg erst im Juni 1755. Gegen eine einmalige Konzessionsgebühr von 2 Talern erlaubte der Rat dem Wirt Johann Joachim Kitz, “forthin in seinem Hause Coffe zu schenken, und zu dessen Bekanntmachung eine Tafel auszuhängen”, wobei “ihm angedeutet ward, keine Unordnung dabey zu permittiren [erlauben], insonderheit auch kein fremdes Bier noch fremden Wein zu schenken, widrigenfalls diese Concession revocirt [widerrufen], und er hierüber in Strafe gezogen werden solle.”

Daß acht Jahre später, 1763, der kurfürstliche Gesandte und seine Offizianten vom Rat mit Kaffee bewirtet wurden, beweist die hohe gesellschaftliche Akzeptanz des Kaffees ebenso wie die Tatsache, daß er sich nun ebenso unter Soldaten als auch unter Handwerksburschen im Gebrauch nachweisen läßt. Und natürlich waren es die Bürger, die in ihren Stammlokalen ganz selbstverständlich zur gegebenen Zeit eine Tasse Kaffee verlangten, weshalb nun auch bald die meisten Wirte - im Jahr 1823 sollen in Naumburg für die 9875 Einwohner neben Gaststätten, Restaurationen und Konditoreien immerhin 69 “gemeine Schankstätten” bestanden haben - ganz selbstverständlich, mit oder ohne Konzession, denselben zubereiteten: für 4 bis 5 Groschen je Portion, mit Zwieback ein Groschen mehr.

Unter den vielen Lokalen gab es freilich nur wenige mit überwiegendem Kaffeeausschank, die wir als Vorläufer heutiger Cafés betrachten können. Hierzu gehörten wohl der “Blaue Hecht” von Eichhoff in der Marienstraße 34, das Bürgergartenlokal (1796) und der “Blaue Stern” vor dem Jakobstor (1805). Zu Cafés im engeren Sinn entwickelten sich aber insbesondere die Konditoreien, wo der Kaffeegenuß in Verbindung mit Kuchen (statt mit Alkohol) endgültig zum Sonntagsvergnügen braver Bürgersleute avancierte: die Ende des 18. Jahrhunderts gegründete Konditorei Sause in der Marienstr. 6, später “Café Prokop”, ab 1844 die Konditorei Risch (Jakobsstr. 35) und die Konditorei Josty in der Herrenstr. 2 (1841), oder auch das 1858 in Grochlitz eröffnete Kuchenhaus, ab 1897 das Café Herfurth in der Jakobsstr. 26, das Café Central am Markt (Nr. 8, ab 1902) und das Konditoreicafé Imroth, Lindenring 40, das heutige Café Kattler.

Fast lehrbuchartig spiegelt sich die Etablierung des modernen Cafés in der Geschichte des vielleicht traditionsreichsten - leider vor wenigen Jahren aufgegebenen - Naumburger Kaffeehauses wider: Friedrich August Furcht hatte jahrelang auf den Jahrmärkten der Gegend Zuckertüten, Makronen und Schaumgebäck feilgeboten, ehe er 1830 seine Konditorei in der Jakobstraße Nr. 1 einrichtete, wo sich knapp hundert Jahre zuvor schon das allererste Naumburger Café befunden hatte. Ab 1826 war er mit seinen Konditorwaren auch auf dem Kirschfest präsent, ab 1843 hatte er dort sein eigenes Zelt. Furcht war bald eine Institution in Naumburg und 1870 konnte er sein Café in jenem prächtigen Bürgerhaus am Markt (Nr. 3), eröffnen, das bereits im 16. Jahrhundert einmal den florierenden Gasthof “zum Christoffel” beherbergt hatte und nun als “Café Furcht” für weit mehr als hundert Jahre eines der beliebtesten Kaffeehäuser der Innenstadt werden sollte.

Was ein Messelied von 1805 über das Café Eichhoff sagte, wird sicher auch für die zahlreichen anderen Cafés gegolten haben, die seit Mitte des letzten Jahrhunderts entstanden und für kürzer oder länger ihre Gäste erfreuten:

“Für feinere Zünglein aus hohen Ständen / Hat Naumburg die sicherste Hilfe in Händen. / In Eichhoffs Kaffeehaus wird alles gereicht, / Was stärkend und lieblich zum Magen schleicht.”

Anmerkungen

Fernand Braudel: Sozialgeschichte des 15.-18. Jahrhunderts. Der Alltag. München 1985, S. 270.
Die Ausführungen folgen teilweise einem im Stadtarchiv aufbewahrten Manuskript des ehemaligen Stadtarchivars Ernst Wölfer (Sg 519). Folgende Archivalien des Stadtarchivs Naumburg werden zitiert: Ratsrechnungen 1694, Bel. 77;1702, Bel. 235; 1704, Bel. 467; 1713, Bel. 340; 1717, Bel. 194; 1739, Bel. 402; 1741, Bel. 120. Ratsprotokolle: 1690; 2.6.1699, fol. 19; 7.6.1700, fol. 41r; 14. u. 15.6.1700, fol. 48, 48r; 22.6.1700, fol. 51; 29.6.1700, fol. 29 - 29r; 19.7.1700, fol. 61; 20. 6. 1701, fol. 40r; 22.6.1701, fol. 42; 2.7.1702; 18.6.1755, fol. 444. XXX.19. Gravamina der Bürgerschaft u. die darauf folg. Commission betr. 1698. GA Loc. 52, LXI, 23: Thee- und Coffeé-Schenken, 1703.
Ausführlich vgl. Ulla Heise, Kaffee und Kaffeehaus. Eine Kulturgeschichte. Edition Leipzig 1987.
Süße muß der Coffee sein! Drei Jahrhunderte europäische Kaffeekultur und die Kaffeesachsen. Katalog des Stadtmuseums Leipzig, Leipzig 1995, S. 8.
Karl Schöppe: Zur Naumburger Häusergeschichte, 3. Forts.; In: Naumburger Heimat Nr. 37, 1937.
wie Anm. 3, S. 49.
W [Ernst Wölfer]: Eine Lindengeschichte oder Es ist alles schon dagewesen. In: Naumburger Heimat Nr. 48, 1933.
Naumburger Kreisblatt, Nr. 1 v. Jan. 1824. Zurück
Friedrich Hoppe: F. A. Furcht 1830-1930. Konditorei und Kaffee. Naumburg (H. Sieling) (1930)

Walter Hege und das Naumburger Notgeld

Ursula Dittrich-Wagner

Walter Hege ist national und international als Architekturfotograf bekannt geworden, der nicht nur die Figuren des Naumburger und des Bamberger Domes durch seine kunstvollen Aufnahmen der Vergessenheit entrissen hat. Er hat die Tempel Griechenlands fotographiert und das barocke Franken, er hat Bildbände veröffentlicht, die in Fachkreisen noch heute als Pionierleistungen geschätzt werden. Den Naumburgern jedoch ist er zuallererst als Schöpfer jener Notgeld-Scherenschnitte mit den Kirschfest-Sagenmotiven in Erinnerung geblieben, die er als junger Mann angefertigt hat. Dabei war es eher zufällig, daß der Stadtrat und Hege-Freund Ernst Heinrich Bethge bei den Magistratsberatungen über das neue Notgeld jene Scherenschnittfolge ins Spiel brachte, die Walter Hege und sein Freund Hans Kinder auf Anregung Bethges für die Aufführung des Schattenspieles "Die Hussiten vor Naumburg" im März 1920 in Hellerau bei Dresden beigesteuert hatten.

 

Notgeld war in Deutschland schon seit dem Jahr 1914 bekannt, denn eine der Folgen des ersten Weltkriegs war eine anhaltende Kleingeldknappheit, weil das Silber und dann auch alle anderen für die Münzprägung verwendeten (Ersatz-)Metalle rar und teuer wurden. Die Anzahl der Ausgabestellen - zumeist Städte - erhöhte sich von geschätzten 400 in den ersten Kriegsjahren bis auf über 1400 am Ende des Krieges und in den ersten Nachkriegsjahren.

Das Naumburger Notgeld von 1917.
(Die erste von zwei bekannten Versionen.)

Die Stadt Naumburg hatte schon im Kriegsjahr 1917 eigenes Ersatzgeld drucken lassen, um den durch Metallknappheit bedingten Kleingeldmangel zu beheben: schlichte Scheine auf einfachem Papier für den lokalen Geschäftsverkehr, die zu einem festgesetzten Termin wieder gegen gültige Zahlungsmittel einzutauschen waren. Diese Scheine - zwei Serien sind bekannt - hatten seinerzeit unauffällig ihren Dienst getan, waren zur gegebenen Zeit zurückgetauscht worden und sind deshalb heute sehr selten. Bald hatte sich aber unter den Kommunalverwaltungen herumgesprochen, dass man mit der Herausgabe von Notgeld nicht nur ein Mittel gegen den Kleingeldmangel in der Hand hatte, sondern daß damit auch Geld verdienen konnte, wenn man es richtig anfing. Daher sollte das Ersatzgeld, das der Naumburger Magistrat ab 1920 herausgeben wollte, zur Kategorie "Künstler-Notgeld" gehören, wie es damals bereits von zahlreichen deutschen Städten ausgegeben worden war und für das sich trotz der schlechten Zeiten ein ausgeprägter Sammlermarkt gebildet hatte. Aufwendig gestaltete Notgeldscheine, die in den Schubladen von Sammlern verblieben statt zum Aufruftermin gegen harte Währung eingelöst zu werden, brachten gute Gewinne und deswegen legte auch der Naumburger Magistrat großen Wert darauf, die Herstellung der Scheine in die Hand ausgewiesener Fachleute zu geben.

Nachdem man bei mehreren Städten Referenzen eingeholt hatte, vergab man den Druckauftrag an die in Notgelddingen erfahrene Buch- und Kunstdruckerei Adolf Schwarz in Lindenberg im Allgäu. Der Magistrat verlangte nicht nur schnelle Lieferung, er legte auch "besonderen Wert" auf "schöne, kräftige Farben" "wie beim Notgeld von Pasing" (bei München). Bezüglich der Schattenbilder fragte man aber doch vorsichtshalber an, ob Scherenschnittmotive überhaupt zu empfehlen seien, oder ob die "Gesichtslinien" bei der Verkleinerung zu undeutlich würden, "wodurch das ganze Bild wirkungslos werden würde". Schwarz wußte die Stadträte in ihrem Anliegen zu bestärken: "Der Gedanke, den 50-Pfennig-Schein in 5-6 Ausführungen herstellen zu lassen, dürfte in Bezug auf die Sammler und dadurch die finanziellen Erfolge für Sie nur vorteilhaft sein."

Die 6er Serie der Notgeldscheine mit Hege-Motiven. (Die Scheine der ersten Auflage, bei denen der Pfg.-Aufdruck vergessen wurde, sind in beiden Varianten wiedergegeben.)

 

Die Druckerei Schwarz knüpfte auch den Kontakt zu dem renommierten Würzburger Bildhauer Heinz Schiestl (1867-1940), der sich zu jenem Zeitpunkt bereits mit Notgeldentwürfen für 19 deutsche Städte profiliert hatte. Ihm wurde die gesamte Gestaltung der Scheinvorderseiten sowie die künstlerische Umrahmung der seiner Meinung nach "sehr gelungenen" Scherenbilder auf den Rückseiten übertragen. Gleichzeitig übernahm Schistl die Gesamtgestaltung eines 25-Pfg.-Scheins mit dem Bild der Wenzelskirche auf der Rückseite.

Der von Heinz Schiestl gestaltete 25 Pf.-Schein von 1920 mit dem Bild der Wenzelskirche.

 

Nachdem die Nachfrage nach den ersten 4000 Hege-Serien mit je sechs 50-Pfennig-Scheinen ab Mitte November 1920 gerade auch aus Händlerkreisen unerwartet groß war (die Händler-Nachfrage konnte zunächst gar nicht voll befriedigt werden, obwohl man auch bei Großabnahme keine Rabatte einräumte), bestellte der Magistrat schon drei Wochen später eine zweite Auflage mit 20.000 weiteren Serien. Bei dieser Gelegenheit korrigierte man vier Scheine, bei denen man die Aufschrift "Pfg." vergessen hatte - wodurch nun die erste Serie zum begehrten "Fehldruck" avancierte.

Im Februar 1921 wurde Bethge beauftragt, die übrigen sechs Hussiten-Scherenschnitte von Hege zu besorgen, um in einer dritten, auf zwölf Scheine erweiterten Auflage das Naumburger Kirschfestlied komplett zu illustrieren. Der angestrebte Erfolg blieb nicht aus: Händler und Sammler aus aller Welt kauften die Geldscheine zum Teil in großen Mengen und bald mußte sich die Stadt gegen Gerüchte von sagenhaften Gewinnen in Millionenhöhe wehren. - Daß das Gewinnstreben tatsächlich eine wesentliche Antriebsfeder der Notgeldproduktion war, erweist sich übrigens daran, daß die Stadt, als die Sammlerpreise für die erste "Fehldruckserie" stiegen, noch im Mai 1921 5.000 Serien dieser vermeintlich Variante nachdrucken ließ...

 

Die Beliebtheit einer weiteren - wiederum allein von Heinz Schiestl gestalteten Serie von sechs 75-Pfg.-Scheinen mit Abbildungen der ehemaligen Stadttore (Druck Gebr. Parcus, München) blieb weit hinter den Hege-Scheinen zurück, obwohl auch diese sich recht gut verkauften.

Die sechs Scheine der Tore-Serie, die komplett von Heinz Schiestl gestaltet wurde.

 

Der Ertrag des Notgeldhandels war für die Stadt dann immerhin so groß - bis Ende 1921 waren der Stadtkasse über 900.000 Mark zugeflossen -, daß der Magistrat beschloß, mit diesen Einnahmen die umfangreiche Rathausrenovierung zu bezahlen.

Für die Sammler rechnete sich die Investition übrigens kaum: da die Notgeldscheine in enormen Mengen abgesetzt und aufbewahrt wurden, sind sie auch heute noch sehr billig zu haben.

 

Für Walter Hege bedeuteten die Notgeldscheine einen ersten großen Erfolg. Die Illustrationen der Kirschfestsage in ihrer mit skurriler Komik gepaarten, leicht expressionistischen Formensprache wurden zu einem Naumburger Wahrzeichen, das bis auf den heutigen Tag das Erscheinungsbild des Kirschfestes mitbestimmt.

 

Weit weniger bekannt, wenngleich nicht weniger betrachtenswert sind jedoch die anderen Scherenschnitte, die von der Hand Walter Heges überliefert sind. Für mindestens fünf weitere Städte fertigte er Notgeld-Illustrationen, wobei er sich an die bewährten Themen aus Sage und Geschichte hielt: Für Freyburg a. d. Unstrut war es die "Edelacker-Sage", für Quedlinburg Heinrich der Vogeler, für Frankenhausen die Vita Thomas Müntzers im Bauernkrieg und für Detmold die Varus-Schlacht im Teutoburger Wald. Stilistisch sind diese Scherenschnitte sehr unterschiedlich gehalten, die Spannweite reicht von den sehr expressiven Darstellungen der Thomas-Müntzer-Bilder bis zu den eher braven, an das Wandervogel-Kunstgewerbe gemahnenden Naturburschen-Silhouetten der Quedlinburger Vogelherd-Serie.

Vier Scherenschnitte aus dem sechsteiligen Zyklus zum Erlkönig.

 

Die gelungenste Bildfolge ist aber wohl diejenige, die Hege für das Notgeld der Stadt Jena anfertigte, das aber nicht in Druck ging: fünf Scherenschnitte zu Goethes „Erlkönig“. (In den dreißiger Jahren brachte die Firma Buderus Eisenkunstguß-Platten mit diesen Motiven auf den Markt.) Die Original-Schnitte waren - ebenso wie die zwölf Hussitenbilder - von der Stadt Naumburg angekauft worden und hingen bis in die Kriegsjahre im Rathaus, wo sie allmählich in Vergessenheit gerieten. Als der damalige Leiter des Naumburger Museums, Friedrich Hoppe, schließlich 1941 vorschlug, die Scherenschnitte zur dauerhaften Aufbewahrung an das Heimatmuseum zu überstellen, gab der damalige Stadtbaurat Schröter, vom Oberbürgermeister zur Stellungnahme aufgefordert, seine zeittypische Einschätzung zu den Akten: „Die Scherenschnitte Erlkönig sind als Kunstwerke wertlos. M. E. gehören sie zur 'Entarteten Kunst' und gehören weder ins Museum, noch sollen sie im Rathaus aufgehängt werden." Friedrich Hoppe ist es wohl zu verdanken, daß diese Scherenschnitte (wie die zur Kirschfestsage) dann doch bis heute im Museum erhalten geblieben ist.

Mehr zum Notgeld, besonders zu seinen kuriosen Ausprägungen finden Sie unter
www.das-deutsche-notgeld.de/

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