Naumburger Münzgeschichte
Eisennotgeld
Die letzten Naumburger Münzen - sie wurden nicht in Naumburg geprägt - entstanden in der Phase der wirtschaftlichen Krise nach dem Ende des Ersten Weltkriegs. Ähnlich wie schon zu früheren Krisenzeiten herrschte ein allgemeiner Kleingeldmangel, dem die Städte teilweise dadurch zu begegnen suchten, daß sie Notgeldmünzen prägen ließen, gewöhnlich aus Eisen, einem Münzmetall, daß nur in Zeiten wirtschaftlicher Krisen verwendet wird. So auch in Naumburg, wie das Naumburger Tageblatt vom 22. 12. 1919 berichtete:
Die Geschäftsleute sowohl ... wie auch das kaufende Publikum klagen sehr über das fehlende Kleingeld. Durch die seit 2 Jahren in den Verkehr gegebenen 50-Pfennig-Notgeldscheine ist der Kleingeldmangel nur zum Teil behoben worden. Um dem bestehenden Uebelstande gänzlich abzuhelben, hat der Magistrat dem Beispiele der umliegenden Städte folgend die Herstellung von 100.000 Stück Ersatz-Geldmünzen in Form von 8eckigen 10-Pfennigstücken beschlossen. Die Prägung soll in verzinktem Eisen in Größe von 21x21 Millimeter erfolgen.
Von diesen Münzen sind zwei Varianten bekannt: einmal besteht der Perlkreis aus groben, einmal aus feinen Perlen. Daraus geschlossen werden, daß mit zwei Prägestempeln gearbeitet wurde. Sogar fünf Varianten sind von den kurze Zeit später in Umlauf gebrachten runden 10-Pfennig-Notgeldmünzen bekannt, was wiederum darauf hindeutet, daß diese in deutlich höherer Zahl aufgelegt worden sind. Welches Ausmaß und welche Probleme der Kleingeldmangel erzeugte, ist in einem Artikel des Naumburger Tageblattes vom 23. August 1919 nachzulesen, wo es heißt
Briefmarken als Scheidemünzen. Vom ersten September ab kommen bekanntlich die Briefmarken bestimmter niedriger Werte (2, 2,5, 3, 7,5 Pfge.) außer Geltung. Daraus sind hiesigen Geschäftsleuten durch die Landbevölkerung beim Herausgeben Schwierigkeiten erwachsen. Landbewohner haben sich geweigert, Briefmarken überhaupt in Zahlung zu nehmen. Die Stadtverordneten beschlossen, daß Briefmarken höherer Werte ihre volle Gültigkeit besitzen und behalten, sofern sie nicht zerrissen und beschmutzt, also derart unansehnlich geworden sind, daß sie als Briefmarken nicht mehr verwendungsfähig sind. Ein Hindernis, sie als Geld in Zahlung zu nehmen, gibt es nicht, ja man ist sogar jetzt oft wegen Kleingeldmangels gezwungen, sie als Scheidemünzen zu gebrauchen.

Naumburger Münzgeschichte

Kipper und Wipper
Der Grund für die Entstehung der Kipper- und Wippermünzen lag in einer schweren Krise des deutschen Münzwesens im frühen 17. Jahrhundert, deren Höhepunkt um 1620 erreicht war. Schuld daran war eine allgemeine Knappheit an kleiner Münze, die wiederum auf die zunehmende Silberknappheit zurückging. Der Versuch, das Münzwesen durch die Reichsmünzordnung von 1559 zu regulieren, hatte wenig Erfolg gehabt, denn die Herstellungskosten der Kleinmünzen überstiegen bald deren nominalen Wert und machten damit die Prägung unwirtschaftlich. Dies hatte zur Folge, daß die Kleinmünzprägung letztlich ganz ausblieb.

Um die Kleingeldnot zu nutzen, begannen regionale Münzstände mit der Einschmelzung großer Silbermünzen und der Ausprägung schlechter Kleinmünzen, die einen immer höheren Kupferanteil aufwiesen. Der Name dieser Münzart entstand durch das Wippen (Wiegen) und Kippen (Aussondern) durch die Münzaufkäufer. Der Wert des Kreuzers sank in der Folge stark ab: während 1570 auf einen Taler noch 68 Kreuzer gemünzt wurden, waren es 1611 schon 90 Kreuzer.

Aus einer anonymen Flugschrift von 1621
Die beginnende Kriegsgefahr zu Beginn des 17. Jahrhunderts beschleunigte diese inflationäre Entwicklung. Sie fand ihren Höhepunkt im Herbst 1622, als auf 1 Taler 1000 Kreuzer zu 429 Groschen kamen. Auf dem Höhepunkt der Inflation in den Jahren 1620-1622 stießen neben den Reichsmünzstätten noch zahlreiche regionale Heckenmünzen Unmengen schlechten Geldes aus. Es war Kurfürst Johann Georg I., der im Jahr 1621 das Haus in der Neustraße ankaufen ließ, um dort vom 18. Juni an eine Pachtmünze betreiben zu lassen. Sinn und Aufgabe dieser Einrichtungen war es allein, schweres Silbergeld vom Markt zu nehmen und in schlechtes, weniger silberhaltiges Geld umzumünzen (und die Gewinne an den Landesherrn abzuführen). Gold und Silber sollten von eigens mit dieser Aufgabe betrauten Goldschmieden aufgekauft werden, wobei der Kurfürst den Preis sowohl für die Edelmetalle als auch für die fremden Währungen festlegte.

Die neue Kipper- und Wippermünzen waren so unbeliebt, daß Kaufleute und Handwerker, die das alte, schwere Geld und die Reichsmünze vorzogen, dazu gezwungen werden mußten, das inflationäre neue Geld anzunehmen. Dabei standen die kurfürstlichen Aufkäufer in direkter Konkurrenz mit illegalen Silberhändlern, die bestrebt waren, das Edelmetall außer Landes zu schaffen und dort gewinnbringend zu verkaufen, unter diesen wohl auch der eine oder andere Naumburger Bürger.

Die "Muenze" in der Naumburger Neustraße, wo sich 1621 für einige wenige Wochen eine kurfürstliche Prägestätte befand.

Die zahlreichen Prägestätten im ganzen Kurfürstentum (1621 stieg die Anzahl vorübergehend auf 30) machten dem Landesherrn jedoch wenig Freude. Bereits im Herbst 1621 wurden die meisten davon wieder aufgehoben, darunter auch die Naumburger Münze. Der Münzverwalter Sebastian Härtel war der Schließung aber zuvorgekommen; denn der Naumburger Rat mußte nach Dresden berichten,

... das der Münz Verwaltter Sebastian Hertell und die Seinigen, nachdem Sie in Erfahrung bracht, das nicht allein zu Freyburgk, sondern auch zu Weißenfelss und andern Örten die Müntzen geschlossen, und der Vorraht in Verwahrung genommen worden, frühe und spatt was im Müntzhause ahn gepregten Gelde, Platten und andern gewesen in etliche der Bürger Häuser in geschwinder Eill gebracht und geschafft haben sollen.

Dafür und weil er zudem erhebliche Schulden hatte, wurde Härtel einige Zeit alhier uffm Rathhause in gefenglicher Hafft behalten und mitt zweyen Knechten bewachet. Da die Knappheit an kleiner Münze vor allem die ärmeren Leute traf, versuchte ein Goldschmied im Auftrag des Naumburger Rates erfolglos, die Genehmigung zu erhalten, in eigener Regie Kleingeld zu prägen, damit das arm Volck undt der gemeine Mann, welcher zimlichen Mangell bisanhero an kleinen Müntzsorten geliedten, undt fast keine Kannen Bieres, noch umb 2, 3 oder 4 d. Brots kaufen können, derselben wiederumb zu ihrer Nothdurfft habhafftigk werden möchte.

Darstellung einer Münzwerkstatt. Der Münzmeister hält den Oberstempel, der Münzknecht holt zum Hammerschlag aus und der Lehrling bringt im närrischen Gewand Brezeln und Bier.
(Aus: Stammbuch des Johann Christof Wolff aus Neumarkt in der Oberpfalz, 1624-1633, im Historischen Museum der Stadt Hannover.)

 
Naumburger Münzgeschichte
Prägetechnik

Obwohl die Münzherstellung im wirtschaftlichen Leben des Mittelalters eine erhebliche Rolle spielte, gibt es nur wenige schriftliche oder bildliche Quellen, die über die Herstellungstechnik hinlänglich Auskunft geben. Dies liegt zum einen an der Eigenart mittelalterlicher Bildquellen, die oft über Jahrhunderte einmal gefundene Stereotypen beibehielten und nicht auf Neuerungen eingingen, zum anderen findet dies seine Erklärung aber auch darin, daß die Münzmeister sehr viel Geheimnis um ihre Kunst machten. Von Ort zu Ort, von Zeit zu Zeit und von Münztyp zu Münztyp mag sich die verwendete Technik weit mehr unterschieden haben, als dies aus den überlieferten Quellen zu entnehmen ist. Ausgangsmaterial der Münzprägung war generell der "Zain", das in Stangen oder Barren gegossene Münzmetall.

Es war die Aufgabe des Münzmeisters, aus dem Zain gleich große und gleich schwere Münzen herzustellen. Um dies zu erreichen, wurde der Zain zu Blechstreifen definierter Größe ausgeschmiedet. Danach wurden die Blechstreifen in Quadrate zerschnitten, deren Kantenlänge dem Durchmesser der zukünftigen Münze entsprach oder etwas kleiner war. Die Quadrate wurden nun zu Rundlingen getrieben, womit keinerlei "Verschnitt" anfiel und sich, war nur das Gewicht des Zains bekannt, durch die Anzahl der so gewonnenen Schrötlinge deren Gewicht recht gut vorherbestimmen ließ.

Die Prägung der Münzen war nun denkbar einfach: Sie wurden "geschlagen", d.h. ein Schrötling wurde auf den in einem Amboß, Steinquader oder Holzblock steckenden Unterstempel (gelegt und der Oberstempel (mit Obereisen) wurde aufgesetzt. Mit einem gezielten Hammerschlag auf Oberstempel bzw. Obereisen erfolgte die Prägung. Bei der Brakteatenprägung entfiel der Unterstempel, dafür wurde wahrscheinlich ein weiches Medium wie Leder untergelegt, um das Münzbild mit einem wohldosierten Schlag in das dünne Silberblech treiben zu können.

Bei der spätmittelalterlichen Hohlpfennigprägung kamen teilweise konische Prägestöcke zum Einsatz, wie sie sich z. B. im Stadtmuseum Jena erhalten haben. Versuche mit diesen Prägestöcken legen die Vermutung nahe, daß als Obereisen eine genau angepaßte Hülse verwendet wurde, in der ein weiches Medium - Leder, Blei o. ä. - als Futter einlag und dazu diente, die Energie des Schlages so zu verteilen, daß das Metall des Schrötlings gleichmäßig in die Vertiefungen des Stempels getrieben wurde.
Naumburger Münzgeschichte
Hohlpfennige

Bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts setzten sich die Prager (ab 1300) und die Meißner Groschen (ab 1338) im gesamten mitteldeutschen Raum durch. Damit stand dem überregionalen Handel endlich eine Münze zur Verfügung, die den Waren- und Geldumlauf erleichterte und so dem durch das ganze späte Mittelalter hindurch ständig expandierenden Handelsverkehr zugute kam. Für die ehemaligen Münzherren - in der Mehrzahl Bischöfe - bedeutete die Aufgabe ihrer einträglichen Prägestätten jedoch eine erhebliche finanzielle Einbuße. Man wird wohl hierin und in einem möglichen Kleingeldmangel die Hauptgründe dafür finden, daß es im 14. und 15. Jahrhundert verschiedentlich doch noch zur Ausgabe einseitig geprägter Pfennige von lokaler Bedeutung kam. Aufgrund der hohen Anzahl dieser Münzen in Funden kann man davon ausgehen, daß diese in erheblichen Mengen geprägt worden sind.

Für Naumburg können für diesen Münztyp zwei Prägeperioden nachgewiesen werden: Die Bischöfe Gerhard I. (1359-1373) und Peter (1434-1463) ließen solche Münzen prägen, die sich von den früheren Hohlpfennigen sowohl in der Form als auch im Münzbild deutlich unterscheiden. Das Münzbild ist grundsätzlich sehr viel einfacher, die Münzen Gerhards zeigen zum Teil noch Krummstäbe als bischöfliche Insignien, häufiger und unter Peter (1434-1463) dann ausschließlich finden aber nun die Elemente des Stiftswappens Schlüssel und Schwert Verwendung. Auch die Umschrift zitiert nun nicht mehr den bischöflichen Münzherren, sondern mit "NVMB" und ähnlichen Kürzeln tritt nun der Name der Stadt in den Vordergrund. Ihrer besonderen Form verdanken diese - nun auch wieder deutlich kleineren - Münzen den Beinamen "Schüsselpfennige": Ein hoher wulstiger Rand, der wohl auf eine Änderung der Prägetechnik zurückzuführen ist, gibt ihnen tatsächlich die Form einer flachen Schüssel, verleiht ihnen darüber hinaus aber auch eine im Verhältnis zur Materialstärke erheblich verbesserte Festigkeit.

hohlpf01

Münzprägung, aus der Spiezer Chronik des Diebold Schilling (15. Jh.). Sehr gut ist auf dieser Abbildung die Vorbereitung der schmalen Silberblechstreifen zu sehen, aus denen die Rohlinge geschnitten werden (links).

Naumburger Münzgeschichte
Münzbilder
Noch heute sichtbarer Nachweis der mittelalterlichen Geldpolitik sind die Münzbilder der Brakteatenzeit; denn die häufig neu geprägten Münzen mußten sich deutlich genug von den verrufenen unterscheiden, um auf Anhieb erkennbar zu sein. Die Größe der Brakteaten kam diesem Bedürfnis sehr entgegen und die Münzmeister des 12. und 13. Jahrhunderts nutzten die Vorgaben, um Bilder von hoher künstlerischer Qualität zu schneiden, die in ihrer Art einen Höhepunkt romanischer Kunst bedeuten. Wie es für die Romanik charakteristisch ist, erscheinen die verwendeten Bildelemente in stark typisierter Form.
Topische architektonische Motive wie Kuppeln, Türme, Mauern und Tore rahmen oftmals menschliche Figuren ein, die ihrerseits nie individuell dargestellt werden. Diese Figuren repräsentieren zumeist den Münzherren, gekennzeichnet durch die spezifischen Attribute seines Standes: Schwert, Fahne, Panzer lassen den weltlichen Dynasten erkennen; Mitra, Krummstab, Kreuzstab, Lilienzepter und Buch begleiten geistliche Herren und dementsprechend finden sie sich auf den Naumburger Brakteaten in vielerlei Variationen vertreten, während etwa auf dem abgebildeten Brakteaten aus der kaiserlichen Münzstätte Altenburg die Autorität Friedrichs I. (1152-1190) durch die Attribute Krone, Lilienzepter und Reichsapfel repräsentiert wird.
Die fast ausschließlich lateinischen Umschriften sind oft kaum zu entziffern, weil leseunkundige Stempelschneider die Buchstaben mehr nach derem ornamentalen Wert nutzten und Schrift gelegentlich nur imitierten. Jahreszahlen und Wertangaben fehlen in dieser Zeit noch ganz. Im 13. Jahrhundert entfällt die Umschrift dann oft vollständig und das dargestellte Bildprogramm wird für uns heute zum einzigen Merkmal, das die Identifikation des Münzherrn und der Münzstätte und damit auch die genauere Datierung erlaubt.
Die Zuordnung der Brakteaten zur jeweiligen Münzstätte erfolgt am sichersten durch die Umschrift, wobei die Kürzel NVM, NV, N für Naumburg (numburg[ensis]) stehen und CIC, CIE, C für Zeitz (cice[nsis]). Das häufige E steht für episcopus, Bischof. Im Münzbild erfolgt die Unterscheidung durch die Kopfbedeckung: Während der Bischof im Naumburger Münzbild stets eine Mitra trägt, ist der bischöfliche Münzherr auf den Zeitz zugeschriebenen Münzen barhäuptig und zeigt meist sein gelocktes Haupthaar.
Brakteat Dietrichs II, Münzstätte Naumburg.
Der Bischof ist durch die Mitra gekennzeichnet. Umschrift: ThEODERIC EN
= Dietrich episcopus numburgensis
Brakteat Bischof Meinhers (1273-1280), Münzstätte Zeitz.
Bischof ohne Mitra.
Umschrift: MDGNEE
= Meinherus dei gratia numburgensis ecclesiae episcopus
Ein Brakteat Bischof Dietrichs II. (1244-1272).
Mitra - Krummstab - Kreuzstab - Bischofsgewand - Perlenkranz - Umschrift: NVENPVRG
Brakteat Friedrichs I. (1152-90)
kaiserliche Münzstätte Altenburg.
Krone - Lilienzepter - Reichsapfel - Prächtiges Gewand
Besonders schöner Brakteat des Naumburger Bischofs Wichmann (1149-1154), der eine dreitürmige Torburg (?) mit einem winzigen Bischofsstab zeigt und keine Umschrift aufweist.
Diese Münze ist eine Gemeinschaftsprägung mit dem Markgrafen von Meißen in Strehla; möglicherweise ist der breite Gitterrand ein Hinweis auf diesen Prägeort.

 

Brotkrumen