Vermittlungsangebote im Stadtmuseum „Hohe Lilie“

Im Stadtmuseum Naumburg sind fast 1000 Jahre Stadtgeschichte reflektiert und sinnlich erfahrbar. Wir laden Schülerinnen und Schüler weiterführender Schulen ein zu lehrplanergänzenden Workshops für die Klassenstufen 5, 6 und 8.

Die Vermittlungsangebote vertiefen Schwerpunkte des Geschichtsunterrichts an einem außerschulischen Lernort. Sie setzen auf methodische Vielfalt und kooperatives Arbeiten und weisen einen hohen Anteil an echter Lernzeit auf. Alle drei Workshops enthalten als zentrale Elemente einen Kurzrundgang durch die Dauerausstellung im Haus „Hohe Lilie“, eine eigenständige Recherche in Arbeitsgruppen sowie die Präsentation der Rechercheergebnisse unmittelbar in der Ausstellung. Sie dauern 120 Minuten.

Hinweise zur Buchung:

Bitte melden Sie Ihren Wunschtermin mindestens drei Wochen im Voraus (gern auch langfristiger) in der Museumsverwaltung an, telefonisch unter 03445/703503 oder per Mail über Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!.

Das Angebot ist kostenlos und kann auch außerhalb der regulären Öffnungszeiten des Museums gebucht werden.


Unsere Angebote:

  • Auf dem Zeitstrahl durch Naumburgs Stadtgeschichte (Klasse 5)

    Klassenstufe 5 - Zeitstrahl

    Die Schülerinnen und Schüler arbeiten in der Dauerausstellung mit gegenständlichen Quellen aus verschiedenen historischen Epochen, beginnend in vorchristlicher Zeit bis ins 20. Jahrhundert hinein.

    Ziel ist es, ausgewählte gegenständliche Quellen zu beschreiben und ansatzweise zu interpretieren. Dafür recherchieren die Schülerinnen und Schüler selbständig in der Ausstellung und präsentieren die Ergebnisse ihren Mitschülern. Arbeitsblätter des Museums dienen als Recherche- und Strukturierungshilfe. Die untersuchten Objekte werden in einen Zeitstrahl eingeordnet. Dadurch entwickeln die Teilnehmer ein Gefühl für die Differenzierung des abstrakten Begriffes „früher“.

    Während dieses Prozesses lernen die Schülerinnen und Schüler auch einige zentrale Ereignisse und Entwicklungen der Stadtgeschichte Naumburgs kennen und erhalten schlaglichtartig Einblicke in historische Lebenswelten, die mit heutigen Alltagserfahrungen verglichen werden. Nicht zuletzt werden einige Grundlagen musealen, archäologischen und historisch-wissenschaftlichen Arbeitens vermittelt.

  • Handel, Handwerk, Häusermeer – Naumburg im Mittelalter (Klasse 6)

    Klassenstufe 6 - Material

    Die Schülerinnen und Schüler recherchieren zur Anziehungskraft von Städten und zu Charakteristika urbanen Lebens im Mittelalter am Beispiel der Stadt Naumburg. Anhand konkreter Aufgaben arbeiten sie verschiedene Aspekte mittelalterlicher Stadtgeschichte heraus. Sie beschäftigen sich beispielsweise mit der Topographie Naumburgs, den unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen und deren Rolle in der Stadtgesellschaft und mit ausgewählten Facetten von Handel, Handwerk und Recht. Dabei lernen sie auch zentrale Ereignisse und Entwicklungen der Stadtgeschichte kennen.

    Die Teilnehmer des Workshops untersuchen und beschreiben gegenständliche und textliche Quellen aus der Ausstellung. Sie interpretieren und kontextualisieren diese in Grundzügen. Die Recherche findet in Arbeitsgruppen statt, die Ergebnisse werden der gesamten Klasse präsentiert und an einem historischen Stadtplan visualisiert.

  • Pensionopolis mit Bahnanschluss – Naumburg im 19. Jh. (Klasse 8)

    Klassenstufe 8 - Material

    Die Schülerinnen und Schüler setzen sich mit der Geschichte Naumburgs im 19. Jahrhundert auseinander, die in manchen Punkten atypisch zur allgemeineEntwicklung auf dem Territorium des Deutschen Bundes und späteren Deutschen Reichs verlief. Dabei arbeiten sie beispielsweise zu den Schwerpunktthemen Wiener Kongress, Nationalstaatsbewegung und Industriegesellschaft. Ihre Rechercheergebnisse zu Spezifika der Stadthistorie Naumburgs kontrastieren sie mit dem im Unterricht erworbenen Wissen zu den Grundzügen der deutschen Geschichte im benannten Zeitraum.

    Arbeitsblätter leiten die Schülerinnen und Schüler beim Untersuchen und Interpretieren gegenständlicher und archivalischer Exponate in der Ausstellung an. Alle Arbeitsgruppen beziehen zusätzliche Quellen aus der Sammlung des Stadtmuseums in ihre Recherchen mit ein. Die Teilnehmer setzen sich kritisch mit dem Quellenwert der Ausstellungsstücke und Materialien auseinander, strukturieren ihre Ergebnisse und vermitteln diese an ihre Mitschüler. Zentrale Thesen werden abschließend an einem Schaubild visualisiert.

Der Naumburger Marktplatz

Die Dauerausstellung

Die stadtgeschichtliche Dauerausstellung im Haus "zur Hohen Lilie" konzentriert sich auf einen thematischen Schwerpunkt: die Geschichte des Naumburger Bürgertums in ihren verschiedenen Facetten. Eine Vielzahl von Objekten unterschiedlichster Herkunft und Funktion geben einen Eindruck von der Mannigfaltigkeit der materiellen Kultur vergangener Epochen. Unter den wertvollsten Exponaten finden sich das Ratstrinkhorn von 1376 und eine lebensgroße Holzplastik des Hl. Wenzel von ca. 1530. Das größte Ausstellungsstück ist jedoch das 750-Jahre alte Gebäude selbst. Der Besucher kann auf seinem Rundgang allerorten baugeschichtliche Spuren entdecken, die den Museumsbesuch zu einem unmittelbaren Erlebnis von Geschichte verdichten. Interaktive Computer-Stationen, Diashows und wechselnde Video-Projektionen runden das Informationsangebot auf zeitgemäße Weise ab.

 


 

Lithographie Stadtpanorama

1000 Jahre Naumburg

Die Anfänge der Naumburger Geschichte gehen zurück ins frühe 11. Jahrhundert. Damals um die Jahrtausendwende errichteten Ekkehardt I, Markgraf von Meißen, hier eine "neue Burg". Im Jahr 1028 wurde der Bischofssitz auf Betreiben Ekkehards II und seines Bruders Hermann aus dem östlich gelegenen Zeitz in den Schutz der "Naumburg" verlegt - ein einmaliger Vorgang. Damit waren die Weichen gelegt für die allmählichen Entwicklung der zugleich entstandenen Kaufmanns-Ansiedlung zur Stadt, die in den nächsten Jahrhunderten zur vollen Blüte gelangte. Im 12. und 13. Jahrhundert bildete sich, abgeschieden von der Domfreiheit, rund um die Bürgerkirche St. Wenzel eine eigenständige Bürgerstadt heraus. Die jährlich stattfindende "Peter-Pauls-Messe" brachte der Stadt einigen Wohlstand und machte sie zum regional bedeutsamen Handelsplatz.

Nachdem eine Brandkatastrophe die Bürgerstadt im Jahr 1517 heimgesucht hatte, wurden die meisten Bürgerhäuser entlang der vier Hauptstraßen der Stadt neu - nun nicht mehr in Fachwerk, sondern in Steinbauweise - errichtet. Diese im Laufe des 16. und Anfang des 17. Jahrhunderts entstandenen Renaissance-Häuser prägen das Stadtbild noch heute.

Das 16. Jahrhundert war auch in anderer Hinsicht von großer Bedeutung für die Stadtgeschichte. Den Zentren der Reformation nahe, wurde auch Naumburg in die konfessionellen Auseinandersetzungen hineingezogen. Hier wurde mit Nikolaus von Amsdorf 1542 der erste evangelische Bischof von Luther eingesetzt, dem mit Julius von Pflug als letztem katholischem (!) Naumburger Bischof ein international bedeutender Gelehrter im Amte folgte.

Naumburg war zu jener Zeit eine wohlhabende Stadt, deren Bevölkerungszahl bis zum Beginn des 30-jährigen Krieges beständig anstieg. Die gravierenden Verluste aber, die jene verheerenden Kriegsjahre (und es folgten ja auch noch die Kriege des 18. Jahrhunderts) mit sich brachten, konnte die Stadt bis ins frühe 19. Jahrhundert hinein nicht mehr ausgleichen. Der einstige Wohlstand wich bescheideneren Verhältnissen. Wo früher Kaufleute mit weitreichenden Handelsbeziehungen wirkten, waren es nun eher Krämer und Handwerker, die die ökonomischen Verhältnisse repräsentierten. Die Stadtentwicklung stagnierte das ganze 18. Jahrhundert hindurch und erst nach der Mitte des 19. Jahrhunderts ändert sich dies.

Das Königreich Preußen, dem Naumburg nach den "Befreiungskriegen" zugeschlagen worden war, installierte ein Oberlandesgericht und ein Schwurgericht in der Stadt und zunehmend wurden Armee-Einheiten hier stationiert. Es gab einen erheblichen Zuzug höherer Beamter und Offiziere, die sich mit ihren Familien niederließen. Ihnen folgten wohlhabende Rentner und Pensionäre und um die Wende zum 20. Jahrhundert trug Naumburg, an dem die Industrialisierung fast spurlos vorbeigegangen war, den Spitznamen "Pensionopolis", abermals eine blühende Bürgerstadt, von mehreren Villenvierteln umgeben.

Das spezifische, ausgeprägt pietistische Kleinstadt-Milieu der Stadt prägte auch (wenngleich im Widerspruch) deren berühmtesten Sohn, Friedrich Nietzsche. Er verbrachte hier den größten Teil seiner Kindheit, besuchte im nahen Schulpforte das Internat und er wurde in Naumburg in den Jahren der Umnachtung 1890-97 von seiner Mutter gepflegt.

Das Ende des Ersten Weltkriegs bedeutete vorerst auch das Ende des Wohlstands, denn das zum großen Teil aus Beamten und Pensionären bestehende Bürgertum verlor mit der Währungsreform auch einen großen Teil seines (Geld-)Vermögens. Anstrengungen, Industriebetriebe in der Stadt anzusiedeln und Industriearbeitsplätze zu schaffen, (man versuchte schon damals, die - vorerst - nicht mehr gebrauchten Kasernen an Gewerbetreibende zu vergeben) gelangen nicht im angestrebten Umfang.

Die 12 Jahre des Nationalsozialismus änderten an der wirtschaftlichen Lage der Stadt wenig, bis auf die Tatsache, daß die Rüstungspolitik wieder eine große Zahl von Soldaten in die alte Garnisonsstadt brachte. Kasernen wurden neu erbaut und der große Komplex des "Heereszeugamts" entstand. Diesen Einrichtungen hatte die Stadt dann wohl auch die Bombenschäden zu verdanken, die in der Innenstadt und in der Nähe des Heereszeugamtes einige Menschen das Leben kosten sollten. Die erst Ende der zwanziger Jahre für ein größeres Publikum "entdeckten" Stifterfiguren des Naumburger Domes, besonders aber Uta, brachten zum ersten Mal eine größere Zahl von Touristen in die Stadt. Naumburg wurde Ziel von KDF-Fahrten.

Der barbarischen "Rassenideologie" der Nazis fiel auch die kleine jüdische Gemeinde der Stadt zum Opfer, die sich im 19. und 20. Jahrhundert gebildet hatte. Der größte Teil ihres Besitzes wurde "arisiert". Bereits 1494 waren die Naumburger Juden aus der Stadt vertrieben worden und über Jahrhunderte hatte man - rechtgläubig wie man im protestantischen Kernland war - keine Juden mehr in der Stadt geduldet. Die Nachkriegszeit brachte für Naumburg zunächst einmal den Verlust der alten Eliten, die - politisch in der Mehrheit traditionell der deutschnationalen Rechten zugeneigt - entweder die Flucht Richtung Westen ergriffen oder sich staatlichen Sanktionen ausgesetzt sahen. Wie bereits nach dem ersten Weltkrieg, nun aber in noch weit erheblicherem Umfang kam es zu einem Austausch der Bevölkerung.

Das traditionell bürgerliche Naumburg, das selbst kaum nennenswerte Industrie aufwies verwandelte sich in eine Schlafstadt für eine Vielzahl von Arbeitern, die per Eisenbahn in das Chemierevier um Leuna pendelten.

Das Haus

Direkt am Naumburger Marktplatz – einem der schönsten Marktplätze in Deutschland – findet sich das Haus "zur Hohen Lilie". Eigentlich handelt es sich um einen ein Komplex aus vier zusammengewachsenen Gebäuden, deren Geschichte mit dem marktseitigen Turmhaus bis in die Mitte des 13. Jahrhunderts zurückreicht. Damit ist die "Hohe Lilie" das älteste Naumburger Bürgerhaus, so alt wie die berühmten Stifterfiguren im Naumburger Dom.
750 Jahre Hausgeschichte haben hier ihre vielfältigen architektonischen Spuren hinterlassen.

Zur Baugeschichte

Das Haus zur "Hohen Lilie" besteht aus vier im Laufe der Jahrhunderte zusammengewachsenen Gebäuden:

Der "Kemenate", ein vermutlich Mitte des 13. Jahrhunderts errichteter Turmbau mit etwa quadratischem Grundriss. Das romanische Mauerwerk ist bis ins zweite Obergeschoß hinein erhalten. Romanische und gotische Details finden sich im Innern des Gebäudes. Die Fassade zeigt einen spätgotischen Staffelgiebel und Renaissance-Fenster, die auf einen Umbau um 1525/26 zurückgehen. Im 1. OG findet sich eine kleine "Prunkstube", die sich durch zwei außerordentlich gut gearbeitete Figurenkonsolen auszeichnet.

Der Küchenbau, der westlich an die "Kemenate" anschließt. Das Erdgeschoß datiert wohl noch aus dem 15. Jh., Obergeschoß und Dachstuhl sind nach 1517 errichtet worden. Im Obergeschoß befand sich eine Küche, die fast 500 Jahre lang benutzt wurde.

Der "Nordbau" schließt nördlich an den Turm an. Er wurde um 1532 errichtet und wies im Obergeschoß einen repräsentativen Saal auf. Im 17./18. Jh. wurden Zwischenwände eingezogen. Eine einfache "Bohlenstube" hat sich erhalten.

Der "Barockbau", nördlich des "Nordbaus", war ursprünglich ein selbständiges Gebäude, das erst nach 1760 mit den übrigen Gebäudeteilen zusammengelegt wurde. Der damalige Besitzer, ein wohlhabender Textilkaufmann namens Adam Friedrich Bretschneider, gab seinem Haus dann den Namen "Hohe Lilie".

FigurenkonsoleSigmund ZewickerDie bemerkenswertesten Ausstattungsstücke der "Prunkstube" sind eindeutig die beiden prächtigen Figurenkonsolen. Art und Qualität der Skulpturen sind außergewöhnlich schön und suchen in vergleichbaren Bürgerhäusern ihresgleichen. Eine männliche und eine weibliche Figur halten je zwei Wappenschilde. Der Mann hält die Wappen des sächsischen Landesherrn und das Kurschild (die gekreuzten Schwerter). Auf der Seite der Frau findet sich das Wappen des Naumburger Domstifts (Schlüssel und Schwert) und das Philipps von der Pfalz (Bischof von Freising 1499-1541, Administrator des Bistums Naumburg 1517-1541).
Ähnliche Wappenkombinationen in schlichterer Ausführung finden sich auch an Portalen der Naumburger Altstadt. Über der männlichen Figur findet sich die Jahreszahl 1526, die nicht nur die Konsolen selbst, sondern die ganzen Umbauarbeiten an der Hausfassade (Fenster, Staffelgiebel) datiert.

FigurenkonsoleCordula ZewickerDas Schild über der rechten Konsole trägt einige rätselhafte Zeichen: Da sind in der oberen Hälfte zwei Buchstaben zu sehen, ein V und ein G, dazwischen ein Trennzeichen. Darunter sieht man groß und deutlich ein Steinmetzzeichen. Man kann vermuten, daß es sich bei den Buchstaben um Initialen handelt, doch wissen wir nicht, für welchen Namen sie stehen. Da es nicht die Initialen des Bauherren sind, muß es sich um die des Steinmetzen handeln, doch ließ sich ein Steinmetz mit diesen Initialen für Naumburg zu jener Zeit bisher nicht nachweisen. Daß der Steinmetz aber seine Zeichen so prominent in der Stube des wohlhabenden Bürgers Siegmund Zewicker verewigt hat, spricht dafür, daß er sich seines Könnens wohl bewußt war - Vielleicht war er zu jener Zeit an einer der großen Baustellen der Stadt (Wenzelskirche, Rathaus, Dom) tätig und nutzte den Auftrag Zewickers als Zusatzeinkommen. Tatsächlich fand sich dieses Zeichen an anderer Stelle wieder - in ähnlich selbstbewußter Größe und Plazierung. Um 1519 hinterließ es der unbekannte Steinmetz an der Tür zur Sakristei zur Annenkirche in Annaberg - damals einer der prominentesten Baustellen in Sachsen. Gut zwanzig Jahre später (1539) brachte er sein Zeichen über einem Fenster der "Försterei" auf dem Schönburger Schloß nahe Naumburg an. Auch dort so groß, daß man meint, es müsste sich um einen bekannten Meister gehandelt haben.

 

Brotkrumen