Neue Herren, neue Lieder

Der Seyferthsche „Bänkelsang" fand unzählige Bearbeiter und Nachdichter. Allein der umtriebige Heimatschriftsteller Friedrich Hoppe verfasste im Laufe der Jahrzehnte gleich mehrere Versionen des Liedes. Wie sehr er sich dabei den Zeitläuften anpasste zeigen zwei Beispiele von 1939 und 1955.
Als die Nationalsozialisten die Hussiten aus dem Kirschfestgeschehen eliminiert hatten, folgte der Autor ihrem Beispiel: er machte das Kirschfestlied „hussitenfrei" (1939). [Inv. SG04955]

Kaum war das Kirschfest von den Kommunisten zum Fest der "deutsch-tschechischen-Freundschaft" umgedeutet, schon schrieb Hoppe eine neue Version, in der die Hussiten („Freund Prokop") wiederbelebt waren! (1955) [Inv. SG04963]

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Ehemalige...

Eindrücke eines Auswärtigen auf dem Naumburger Kirschfest.

Offiziell ist das Naumburger Kirschfest ein Kinderfest. Auf Grund einer alten Sage bedanken sich da die alten Naumburger bei ihren Kindern dafür, dass es noch Naumburger gibt. Vor einigen hundert Jahren sollen nämlich wilde Bauernhorden aus Böhmen (die Hussiten) vor Naumburg gestanden haben. Die trugen sich mit der Absicht, ganz Deutschland dem Erdboden gleichzumachen, weil der deutsche Kaiser Sigismund ihrem Führer Huß, den er mit feierlichen Versprechungen nach Konstanz gelockt hatte, dort jämmerlich verbrennen ließ. Die Naumburger müssen damals schon recht brav und kaisertreu gewesen sein; denn gerade auf sie hatte der Hussitengeneral Prokop eine ganz besondere Wut. Naumburg sollte glatt abrasiert und ausgerottet werden. Die guten alten Naumburger bekamen eine Heidenangst, taten ihren Kindern Stricke um den Hals und schickten sie so ins Feldlager zu dem wilden Prokop, damit sie ihn um Gnade anflehen sollten. Der war darüber so gerührt, dass er sofort mit seinen wilden Scharen wieder davonzog und die Naumburger am Leben ließ.

Leider ist die schöne Geschichte nicht ganz wahr. Die Hussiten sind nämlich, so lehrt die exakte Geschichtswissenschaft, auf ihrem Feldzug gar nicht bis nach Naumburg gekommen. Die Naumburger feiern ihr Dankfest trotzdem, wenn es ihnen auch inzwischen klar geworden sein dürfte, dass die Kinder nicht daran schuld sind, wenn es noch immer Naumburger gibt. Wenigstens nicht aktiv.

Die Kinder scheinen denn auch auf diesem Kinderfest etwas zur Nebensache geworden zu sein. Sie werden am Nachmittag - Montag die Jungens und Donnerstag die Mädchen - historisch angeputzt hinausgeführt und dürfen dort einmal mit einer eisernen Stechtaube nach einem hölzernen Vogel schießen. Damit keine Verwechslungen vorkommen, marschiert jede Schule für sich. Zuerst die Dom- und sonstigen „höheren" Schüler, dann die Bürger- und Mittelschüler, und dann der Plebs, die gewöhnlichen Volksschüler. Wenn alle geschossen haben, dann gehen die Bürgersöhnchen und -töchterchen zu ihren Papas und Mamas in ihr Zelt und tafeln. Die Proletenkinder dürfen draußen vorbeilaufen und sehnsüchtig durch die Zelttüren schielen. Damit das Gefühl für Standesunterschiede lebendig bleibt.

Diese Zelte, das ist die Hauptsache auf dem ganzen Kirschfest. Sie gehören teils angesehenen Bürgern, teils Vereinen. Am Abend tun hier die erwachsenen Proleten dasselbe, was ihre Kinder am Nachmittag taten: Sie laufen draußen vorbei und sehen durch die weit geöffneten Zelttüren zu, wie und was die „feinen Leute" zum Abendbrot essen. Und die Naumburger Spießer hantieren geziert mit Messer und Gabel, schauen hochmütig zur gewöhnlichen Masse hinaus und kommen sich unter ihren spitzen- und gardinenbehangenen Jahrmarktszelten wie kleine Herrgötter vor.

Wir kommen gerade zurecht zu dem allgemeinen öffentlichen Abendbrot und lassen uns treiben von dem an den Zelten vorbeiflutenden Menschenstrom. Über den ganzen Platz hinweg leuchtet ein großes schwarzweißrotes Schild: „ehemalige 38er". Warum sollen die ihren Kindern nicht für die Erhaltung Naumburgs danken und sich dabei einen ansaufen!

„Rechts ran! Verein ehemaliger Infanteristen Generalfeldmarschall von Hindenburg!" Schreit ein anderes Schild, und dann geht es los, Zelt für Zelt: „Verein ehemaliger Artilleristen", „ehemalige 4. Jäger", „ehemalige 55er". „Verein ehemaliger Bürger- und Mittelschüler", und als schönstes: „Verein ehemaliger Sachsen"! Uns wird ganz schwummrig ob soviel Ehemaligkeit. „Kirschfest?" sagt jemand, „da sind wir sicher falsch, hier ist bestimmt der Jahrmarkt der Ehemaligen!" „Es fehlt nur noch der Verein ehemaliger Kinder!" antwortet ein anderer.

Jetzt kommen wir zu einem besonders großen Zelt, das völlig leer steht. An jedem Türpfosten lehnt ein Kellner, die obligatorische Serviette unter den Arm geklemmt und wartet auf Besuch. Scheinbar ein öffentliches Zelt. Aber alles läuft draußen vorbei. Verwundert suchen wir nach der Ursache. Da fällt der Blick auf eine große schwarzrotgoldene Fahne, die über dem Zelt schlapp in der ruhigen Luft hängt. Sie hat auf diesem Jahrmarkt der Ehemaligen die gleiche Wirkung wie ein Schild „Zutritt verboten!" [...]

„Nie wieder Naumburger Kirschfest!" Das ist die einstimmige Meinung, als wir glücklich wieder im Zuge sitzen. Auf der Heimfahrt denkt man dann daran, dass der, den alle diese Ehemaligen im Herzen tragen, Naumburg einmal „die Stadt der alten Esel" genannt hat.

Und mit Verwunderung stellt man fest, dass ein „Verein ehemaliger alter Esel" noch nicht dabei war. Wahrscheinlich fehlt aber nur noch die passende Legende.

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[Der Volksbote, 4. Juli 1930]

„Deutsch-tschechisches Friedensfest”

Erst 1954, nach 14 Jahren Pause, kam es zu einem Neubeginn. Das Drehbuch wurde abermals umgeschrieben, die Spuren des Nazi-Festes beseitigt, die Vorgaben der neuen Herren umgesetzt. Unter den Propagandisten des „Friedensfestes” schrieben in vorderster Linie jene Heimatschriftsteller, die noch vor wenigen Jahren die Hakenkreuzfahne begrüßt hatten.

Das Kirschfest wurde nun zum „Fest der deutsch-tschechischen Freundschaft” umgedeutet, der Festzug sollte „die Vergangenheit und die Gegenwart in ihrer revolutionären Entwicklung darstellen und von der festen Freundschaft zu dem tschechoslowakischen Volke getragen sein. Außerdem muss der ganze Festzug noch unter dem Zeichen des Kampfes gegen den Militarismus in Westdeutschland und die 10-jährige Entwicklung der Deutschen Demokratischen Republik stehen...”

Der schon früher gelegentlich benutzte Titel „Hussiten-Kirschfest” wurde nun offiziell verordnet. Die propagandistische Inanspruchnahme des Festes durch die SED verstärkte sich im Lauf der 50er Jahre, nachdem man sich der Protagonisten der 30er Jahre endlich entledigt hatte. Aus dem Kinderfest wurde ein Pionierfest, die Halstücher der Pioniere prägten das Bild. Der historische Festumzug sollte nun alle drei Jahre stattfinden, er zeigte die altbekannten, nur irgendwie sozialistisch frisierten „historischen Bilder”, ergänzt durch wichtige stadtgeschichtliche Ereignisse wie Oktoberrevolution und SED-Gründung.

Ein Höhepunkt des Kinder-, Pionier- und Friedensfestes bildeten zweifellos das durch einen echten Sowjetsoldaten nachgebildete Treptower Ehrenmahl und erstaunlich echt wirkende Kinderpanzer (1983).

Zwischenzeitlich wurde der historische Festumzug durch einen „Hussitenzug” ersetzt, aber spätestens zur 900-Jahrfeier 1978 war er wieder da. Auch die vorübergehend verbannte „Heroldszene” wurde wiederbelebt, deren Sinn wohl darin liegt, ein Korrektiv zur Kirschfest-Fabel zu schaffen, nach der die Amtsvorgänger der sozialistischen Würdenträger zur Rettung der Stadt ja nichts wesentliches beigetragen hatten.

Der „historische” Festzug näherte sich immer mehr den 1.-Mai-Kundgebungen an und es war 40 DDR-Jahre lang schwierig, genügend Darsteller zu finden. Auch blieben die Kosten des Festzugs erheblich, weil der größte Teil der Kostüme von gewerblichen Kostümverleihen bezogen wurde (eine Eigenheit des Naumburger Umzugs seit seinem Anfang im Jahr 1928).

Das Publikum hatte längst eine ausgesprochen passive Konsumhaltung entwickelt, worüber sich die Fest-Organisatoren jahrein, jahraus beschwerten, so auch Walter Wirth in einem Bericht an die Staatssicherheit (1963):

„Das Kirschfest leidet alljährlich darunter, dass ihm eine breite Massenbasis fehlt... Das Fest ist eine Angelegenheit in der gesamten Vorbereitung des Rates der Stadt und seiner Mitarbeiter geworden. Im Kirschfestausschuß sind meist nur Mitarbeiter des Rates der Stadt tätig, die das Kirschfest als Teil ihres Arbeitsgebietes betrachten. Deshalb läuft zwar die organisatorische Arbeit stets gut an, da aber die Bevölkerung um die Vorbereitung nicht aktiv eingeschaltet wird, sind die Mitarbeiter überlastet, da ja ihre eigentliche Arbeit weitergehen muß... Bürgermeisterin Weinert erklärte, dass in Gesprächen mit der Bevölkerung immer wieder zum Ausdruck käme, dass das Kirschfest nicht mehr das Fest sei, dass die alten Naumburger in Erinnerung hätten. Es fehlten Zelte und die Bratwürste.”

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Das Kirschfest als Heimatfest

Was ist aus dem Kirschfest geworden? Es ist größer denn je, lauter, bunter. Sukzessive wurden in den letzten Jahren neue Attraktionen geschaffen. Den „Peter-Pauls-Messe” genannten Handwerkermarkt gibt es schon seit 1978. Hinzugekommen sind einer der so häufigen wie beliebten "Mittelaltermärkte" („Hussitenlager”) und das „Weindörfchen” am Holzmarkt, das schon im Juni einen Vorgeschmack auf das Weinfest im August gibt. Das auf der Vogelwiese und in der Altstadt gebotene Programm ist derart vielfältig, dass es kaum noch zu überblicken ist. Der seit langem anhaltende Trend zur Professionalisierung des Volksfestes hält ungebrochen an: Wirte, Händler, Schausteller, Komödianten sorgen für ein standardisiertes Angebot.

Es gibt nichts, was sich im Laufe der Festgeschichte nicht geändert hätte, nichts ist mehr wie es gewesen ist – aber das ist sicher kein Fehler. Wenn das Fest vor 200 Jahren noch ein reines Schulfest war, so ist es dies heute gewiss nicht mehr. Es ist auch ein Familienfest, aber nicht nur. Die Schwerpunkte haben sich ganz eindeutig auf den großen Kostüm-Umzug verlagert, auf die Märkte und die Festwiese, wo es vielfältige Möglichkeiten des Konsums gibt.

Viel stärker noch als früher und in einem etwas anderen Sinn, hat das Kirschfest heute den Charakter eines Heimatfestes: Bildete es vor Jahrzehnten noch für viele einen der wenigen Erlebnis-Höhepunkte im Jahreslauf, so ist es heute, wo Ansprüche und Angebote gewaltig angewachsen sind, etwas anderes: Das Kirschfest ist zum großen Treffpunkt geworden für so viele, die die Stadt verlassen haben und alles daran setzen, zumindest für dieses eine Kirschfest-Wochenende zurückzukehren, egal ob man nach dem Krieg geflohen, aus der DDR ausgereist oder auf der Suche nach Arbeit oder privatem Glück weggezogen ist. Das Kirschfest wirkt wie ein Magnet, der Naumburg und die Naumburger zusammenhält. Es öffnet die Stadt für Zugezogene und mit den vielen auswärtigen Gästen wird es gleichzeitig zum Tor zur Welt. Was kann man von einem Volksfest besseres sagen?

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Das „Bänderfest” 1938/39

Die Machtübernahme der Nazis in Reich und Stadt änderte für das Kirschfest wenig – es war längst in der Hand der einschlägigen Kreise. Niemand formulierte das besser als der Heimatschriftsteller Friedrich Hoppe, ein Mitläufer der ersten Stunde:

„Nun flattern wieder die verfemt gewesenen Fahnen des Reiches über der Zeltstadt, und als neues Symbol des Aufstiegs das Banner des Dritten Reiches mit dem uralten Sonnenrade unserer Ahnen. Die Lehrer, die vor wenigen Jahren versucht hatten, dem Feldzeichen, unter dem sie gekämpft und geblutet hatten, an ihrem Zelte einen würdigen Platz zu geben und das Fahnentuch aus der Zeit der Schande in den Hintergrund drängten, werden nicht mehr verfolgt, und der Rat der Stadt braucht nicht mehr Berichte an die vorgesetzte Behörde zu entwerfen, um sich gegen die Anwürfe der roten oder schwarz-rotgelben Bonzen zu rechtfertigen.”

Das Kirschfest gedieh unter dem Hakenkreuz wohl, die Anpassung scheint den Organisatoren nicht schwer gefallen zu sein. Parteigliederungen (NSV, KdF, DAF, SA, NSKK etc.) übernahmen Funktionen wie den Verkauf der Kirschfestplaketten, die Musikbegleitung etc., die DAF stellte ein großes Festzelt auf. Der Ablauf des Festes blieb vorerst weitgehend unverändert.

Aber auch im Kontext des Kirschfestes zeichnete sich die „Umwertung aller Werte” ab. Schon seit Beginn der dreißiger Jahre manifestierte sich das Unbehagen der Nationalen an der Hussitengeschichte in der Darstellung Prokops und seiner Männer: diese wurden nun anders dargestellt als früher, als primitiv, barbarisch. Ernst Borkowsky formulierte die chauvinistischen Vorbehalte 1933 so:

„Die ganze Naumburger Hussitengeschichte bleibt eine reine Kindersage - aber entspricht doch nicht dem Geiste des nationalen Aufschwungs unserer Tage, wenn man ein Bürgertum besingt, dem jede Courage fehlte, und wenn man die Großmut und Liebenswürdigkeit eines Helden feiern soll, der ein fanatischer Tscheche und ein wüster Zerstörer des Deutschtums gewesen ist...”

Als schließlich im Jahr 1938 der „Völkische Beobachter”, zwei Wochen vor dem Kirschfest, in einem antitschechischen Hetzartikel auch auf das Naumburger „Hussitenlied” einging und schwere Kritik an Lied, Sage und Fest äußerte, nahm dies Friedrich Uebelhoer, Oberbürgermeister und NSDAP-Kreisleiter, zum Anlass, in einer Hauruck-Aktion das Kirschfest innerhalb weniger Tage neu erfinden zu lassen. Unter Anleitung der berüchtigten „Landesanstalt für Volkheitskunde” in Halle wurde das Kirschfest-Konzept umgeschrieben, indem man die Hussitensage radikal tilgte:

An der Spitze jeden Spielmannszugs sollte nun ein „Bändermann” die Jugend im Auftrag des „Grünen” zusammenrufen – beides angeblich „alte Symbolgestalten”. Letzterem oblag es, einen Umzug jungvermählter Paare auf den Markt zu führen und sie dort, die „Lebensrute” schwingend, zu umtanzen, während Kinder einen Bändertanz aufführten. Das ganze sollte ein „germanisches Fruchtbarkeitsfest” abgeben, in der „deutschem Brauchtum entsprechenden Form”.

Der organisierte Fremdenverkehr unterstützte das Projekt: Einem KdF-Sonderzug entstiegen 600 Leipziger Gäste und marschierten – viel Kraft, wenig Freude – im Gleichschritt vom Bahnhof zum Kirschfestumzug. Das von den „Heimatforschern” beflissen gerechtfertigte Vorzeitritual fand jedoch beim Naumburger Publikum wenig Anklang: nur vereinzelte frischvermählte Paare waren bereit, sich im Rahmen eines „Fruchtbarkeitsbrauchs” zu exponieren.

Im Jahr darauf wurde der „Grüne” denn auch durch einen „Lebensbaum” in Form einer drögen Bevölkerungsstatistik ersetzt. Knabenfest, Mädchenfest, Vogelschießen, Kirschfestzöpfchen, Fassbrause – das Fest lief größtenteils ab wie früher, aber es hatte seine Unschuld schon vor geraumer Zeit verloren. Der Kirschfestausschuss, dem das Heft längst aus der Hand genommen war, löste sich kurz vor dem Festtermin 1939 auf. Von 1940 an fiel das Kirschfest aus.

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