Die WenzelskircheDie Wenzelskirche

Turmchronik

[Zusammengestellt nach Schriften und Quellen aus dem Stadtarchiv Naumburg von Ursula Dittrich-Wagner]

1397:
Den Seiger auf dem Wenzelsturm hat der Kirchner stellen müssen. (Seiger = Turmuhr).
1400:
Burkhard von Bruchterde hat ein Testament gemacht, daß der Bierrufer täglich vom Turme herunter ansingen solle mit dem Liede “Christ, heiliger Gott”, wie es dieses und folgendes Jahr zu finden, zuletzt auch: Christ, heiliger Geist”, wie das Lied in den Rechnungen genannt wird, und dafür hat man vom Rathause wöchentlich so viel geben müssen, das es im Jahr 20 Groschen ausgetragen hat, anno 1416 f. und hat der Rat dieses Testament gehalten, bis man 1471 geschrieben, da ist es abgekommen und 1491 wieder gehalten worden, bis man 1508 geschrieben, wo es ganz abgeschafft worden.”.
1408:
Der Hausmann erhält für die Tagwache 8 Groschen wöchentl., in der Nacht wachen des Kirchners Knecht u. der Bierrufer. (Hausmann = Türmer).
1410:
Der Rat kauft ein messingen Horn auf den Turm. Der Hausmann wird von der Kirche gefangen, der Rat setzt einen Knecht auf den Turm. In diesem Jahr brennt der Turm, deswegen hat man den Hausmann eingezogen.
1412:
Diese Zeit über hat der Rat die Kirche in baulichem Wesen erhalten und Kupfer zur Bedachung und Draht zum Seiger gekauft.
1421:
Der Rat gibt Geld aus, um "auf den Stadtturm ein Banner zu setzen".
1426:
“Als die Pfarrkirche zu St. Wenzel erbaut werden sollte, ist der Bischof ersucht worden, den ersten Stein zu legen, der von Zeitz geholt und um ½ Schock erkauft worden ist, welches geschehen Dominica nach Bartholomä.
1445:
Ein neuer Seiger wird gefertigt und ein neues Horn.
1447:
Estrich erneuert.
1472:
Dieses Jahr hat der Rat einen Wachtmeister, auch einen Hausmann und Beiwächter auf dem Thurm gehalten.
1480:
Dem Uhrmacher zu Jena wird der alte Seiger zu ändern verdingt.
1490:
Der Kirchturm ist dieses Jahr erbaut, und darauf ein klein Türmlein, darin der Seiger hängt, verfertigt, desgleichen ist der Turm mit Schiefer gedeckt worden, und hat in allem zu bauen gekostet 18 Sch. 8 gr.
1513:
Auf der Kirche ist des Hausmanns Gebäude und Stüblein im Turm verfertigt.
1517:
Stadtbrand: ... das Rathaus, das Weißwarenhaus, die S. Wenzelskirche und Turm, dessen Spitze neulich vor dem Brande neu aufgerichtet gewesen, dazu denn der Rat allein das letzte Mal der Kirche 260 a. Sch. vorgestreckt, wiederum erbaut;” “Die Erker auf S. Wenzelsturm sind vor allen Dingen wiederum überführt, dieweil der Stadt Bewahrung und Wache darauf desto füglicher geschehen mögen. Desgleichen ist die Kirchenspitze und der Turm mit Kupfer bedeckt, und des Hausmanns Wohnung zugerichtet worden. Das Kupfer ist zu Chemnitz an 40 Zentner gekauft worden.
1518:
Großes Geläut mit 4 Glocken, gegossen 1518, drei davon hängen im Glockenstuhl - die größte ziert ein Madonnen- und ein Wenzels-Relief - die vierte hängt unter der Turmhaube.
1519:
Die Wächter auf dem Wenzelsturm, deren zwei sind, haben alle Stunden mit dem Wächterhörnlein melden müssen.
Die Kirchenspitze ist wiederum verfertigt und der Wendelstein ausgebusset [sic]. Ein neuer Seiger ist einem Meister von Fulda verdingt und ihm dafür 14 Sch. gegebn, auch dieses Jahr auf den Turm gebracht worden.
1527:
Hans Heller.
1527:
Dem Hausmann ist ein Beiwächter zugeordnet, welcher die halbe Nacht, und der Hausmann die andere halbe Nacht wachen soll.
1534:
Heinrich Haußmann.
1537:
Hans Heller von Sulza.
1538:
Balthasar Bauer.
1539:
Es ist beschlossen, daß das Glöcklein über dem Seiger zur Schule früh um 6 Uhr und zu Mittag um 12 Uhr geläutet werden soll.
1540:
Daß der Rat denselben [Wenzelsturm] erbauen und baulichen erhalten muß, [..] daß der Rat sein Gesinde als Hausleut und Wächter droben hält, sie besoldet und aufnimmt, desgl. den Glöckner oder Küster. Wie denn solches des Rats Bücher - sonderlich das Buch, darin man jährlich die nauen Ratspersonen, Offizianten und Gesinde schreibt - klar besagen. Denn obwohl der (bischöfliche) Richter sich ao. 1540 unterstanden, als der Rat den Hausmann und den Wächter (gefänglich) eingesetzt - darum, daß sie sich auf dem Turme bei Nacht gerauft, geschlagen und einer den andern am Ofen geworfen und denselben zerbrochen - sie auch derhalben gestraft und enturlaubt (=entlassen) hat; den Hausmann, als ihn der Rat (aus der Haft) ausgelassen, auch (seinerseits) einzuziehen und ihn zur Abtrage (= Sühne) zu fordern (= vorzuladen), so ist doch solches (dem in Zeitz residierenden bischöflichen) Statthalter und Räten geklagt und er ohne Entgelt wieder ausgelassen worden und einiger des Richters Buße verschont blieben und dem Rate seine Freiheit gelassen worden, als über ihr Gesinde und Diener.
1542:
Pankratius Zeimer.
1550:
Bastian Großmann.
1551:
Hans Frantz.
1552:
Der Kirchner hat den Seiger auf S. Wenzels Turm gestellt, davon ihm der Rat wöchentlich 2 gr. gegeben.
1555:
Hans Heller.
1561:
Gregor Bauer.
1563:
Hans Killer.
1564:
Wolf Weyse.
1568:
Joachim Nebiger.
1584:
Aufgaben der Türmer: Wache von 12 Uhr nachts bis 12 Uhr mittags u. von 12 Uhr mittags bis 12 Uhr nachts, im Wechsel mit dem Beiwächter; ankommende Reiter anblasen; das Clarett [Clarintrompete] blasen, dem Kantor beistehen. Entlohnung: 1 Thaler, 2 Groschen, ½ Malder Korn, freie Wohnung u. freies Holz u. 16 Groschen für 2 Seiger.
Am 6. Dezember hat der Rat allhier zum ersten Male Stadtpfeifer angenommen, vornehmlich darum, daß sie die Kantorei stärken und der Kirche eine Zier sein möchten, und sind ihnen 40 fl. jährlich zur Besoldung zugesagt worden. Nachdem ein Türmer u. ein Stadtpfeifer angenommen war, fiel der Beiwächter weg.
1585:
Ehrhard Böhme.
1590:
Peter Dirsch.
1596:
Donnerstag, den 9. Dezember ist das Seigerglöcklein in Erfurt gegossen worden, hält 32 Zentner, und hat der Rat dazu alte Büchsen gegeben und neues Zinn gekauft.
1597:
Rudolf Veit.
1597:
Den 18. Februar ist Andreas Hoffmann das neue Uhrwerk beneben dem Viertelstundenseiger, sowohl vier Seiger auf jedem Ort des Turms, samt einer Kugel zum Mondschein verdingt um 80 Taler an Geld und für das alte Werk.
Den 17. Juni ist die große Seigerglocke, die man zieht, und die Viertelseigerglöcklein aufgezogen worden, zu dem Orte hinein, da sonst der Aufzug ist, und als die kleine Glocke bald hinauf, ist das Seil, damit die Glocke angebunden gewesen, aufgegangen, und die Glocke herunter gefallen, weil sie aber anfänglich auf das Holz, darauf die große Glocke zuvor geruht, gefallen, hat sie gottlob keinen Schaden genommen, ist aber sehr tief, und die Hälfte in die Erde geschlagen.
1599:
Die Türmerwohnung wird erweitert. Es wird bekräftigt, daß der Stadtturm der Stadt gehört und sie die Baulast zu tragen hat.
1605:
Der Hausmann muß einen Eid ablegen: "Ich schwöre, dem Rat und gemeiner Stadt treu, gehorsam und gewärtig sein und die Wache auf dem Stadtturm mit allem Fleiß verrichten und Aufsicht gebrauchen, wenn etwa – da Gott vor sei – Feuer aufkomme, daß solches alsbald gemeldet werde, des Turmes abwarten und nicht bei Tage und Nacht in der Stadt zu Saufen liegen, in den Gasthöfen das Trankgeld betteln, das Anblasen mit Maßen machen,.."
1607:
Andreas Franck.
1622:
16 ½ Gulden für Kupfer für die Reparatur des zerschossenen Daches.
1624:
Gabriel Putzschel (Er wurde ins Gefängnis geworfen, wegen Dienstvernachlässigung und Schlägerei, nach Gelöbnis von Besserung aber wieder entlassen.).
1628:
Uhrmacher-Meister Christian Horn erhält ein Gedinge (Vertrag) über die Reparatur der Turmuhr, kostet 50 Thaler.
1635:
Hans Waldemar Sachse.
1653:
Hans Veit.
1663:
Gedinge mit dem Uhrmacher Christoph Stöber über Wartung und Pflege der Turmuhr.
1666:
Christian Holtzapfel.
1666:
Stadtturm wird von Hermann Gruß, Rudolstadt ausgebessert.
1670:
Uhr fertigte Andreas Zschiebert von Halle für 57 fl 3 gr. und Nebenkosten von 34 fl). Er gibt 10 Jahre Garantie.
1671: Johann Kaspar Ahelm.
1672:
Max Rost.
1672:
Die Schnecke im Stadtturm wird mit Steinen aus dem Georgenkloster ausgebessert.
1685:
Die kupferne Haube wird mit 42 Zentner Kupfer ausgebessert.
1686:
Ein Mathematiker fertigt eine Sonnenuhr.
1687:
Markus Lorenz Meyer.
1690:
8 Groschen dem Todtengräber von der Fraun Grabe, welche der Wenzel-Thurm-Eymer hat geschlagen, zu machen geben den 20. [Juli 1690]; 8 Groschen den vier Männer, welche diese Frau zu Grabe getragen, geben eodem”.
3 Gulden 9 Groschen Hl. D. Michael Jacobi pro Sectione und Öffnung desjenigen Weibes, welches den abgerissene Wasser-Eymer am Wenzelsthurme in Petri Pauli 1690 zu Tode geschlagen.
1692:
Musikpavillon gedeckt und vom Maler Schleußner in grün/gold gemalt.
1698:
Uhrmacher Andreas Ehrt (Ehrhardt) von Golzen liefert einen steinernen Kompaß auf den Turm für 2 Gulden 6 Groschen.
1700:
Die Zeiger werden neu vergoldet.
1705:
Das Kupferdach deckte Balthasar Schramm aus Leipzig mit 8 Zentnern Kupfer.
1706:
Die Turmspitze wird für umgeändert, ein Flammenherz mit aufgesetztem Kreuz wird aufgesetzt.
1720:
Johann Christoph Homberg aus Pegau, Kunstpfeifergeselle. (Homberg mußte 1748 den Dienst aufgeben, weil ihn die künstlichen Zähne am Blasen hinderten. Er erhielt von seinem Nachfolger 4 Groschen wöchentlich als Pension.).
1723:
Der Bildhauer Christian Welcker fertigt steinerne Sonnenuhr auf dem Stadtturm.
1724:
Reparatur der Turmuhr durch Meister Hänel aus Zeitz.
1748:
Friedrich August Flechtner, Regimentspfeifer im Regiment Xaver.
1761:
Johann Bernhard Schmied aus Kösen für Anfertigung eines neuen mathematischen Instruments von englischem Zinn, welches die Mittagslinie anzeigt weil das alte von einem Ottoschen Jäger entwendet wurde und daher zur richtigen Stellung der Stadtuhr wieder beschafft werden mußte 9 Thaler 20 Groschen.
1763:
Unter der Turmhaube wird eine Schulglocke aufgehängt, die von dem heimischen Glockengießer C.W. Becker gegossen und mit einer Wenzelsdarstellung verziert wurde.
1788:
Johann Daniel Flechtner als Nachfolger seines Vaters.
1824:
Johann Christian Madlung aus Bachra, Landwehr-Stamm-Trompeter. (In Madlungs Dienstzeit fallen viele Brände, die er meist nicht meldete. Er wurde deshalb oft in Strafe genommen. In seiner Dienstzeit fiel auch die alte Sitte des Choralblasens fort, weil dem Türmer die Zähne fehlten. 1864 wurde er pensioniert und erhielt als erster Türmer eine Pension.
Zu seiner Zeit wurde eine große vierteilige Rundkarte von Naumburg und Umgebung angefertigt. Mit Hilfe dieser Karte und eines Diopter-Lineals sollte der Ort eines Feuers genau bestimmt werden. Erstmalig wurde die neue Einrichtung mit Hilfe von Raketen, die man von den Ortschaften hinter den Bergen aufsteigen ließ, ausprobiert.
1864:
Heinrich Moritz Köhler, Militär-Trompeter (1876 erschossen auf dem Friedhof aufgefunden).
1869:
Wiederaufbau [der Monduhr?].
1876:
Wilhelm Schlegel, Militäranwärter .
1877:
Karl Wilhelm Abicht aus Cannawurf, ehem. Sergeant und Quartiermeister.
1891:
"Der höchste Beamte der Stadt, wie man ihn im Scherz zu nennen pflegt, der Stadttürmer Herr Abicht, wird demnächst sein Amt aufgeben und ist bereits beurlaubt worden; es steht noch dahin, ob die Stelle wieder besetzt werden wird, oder ob nicht vielmehr das Feuerwacht- und Meldewesen in anderer Weise geordnet werden wird."
1892:
Abschaffung der Türmerstelle.
1892:
Hermann Limmer, erster Mieter auf dem Wenzelsturm.
1908:
Wilhelm Schunke.
1916:
Beleuchtung im Stadtturm: Das Installationsgeschäft Walter Ritter hat eine Gasleitung auf den Turm in die Türmerwohnung gelegt, um die Beleuchtung dort oben sicher stellen zu können. Die Bereitstellung von Petroleum konnte seit Kriegsbeginn nicht mehr sicher gestellt werden.
1935:
"Unwillkürlich wirft man die Frage auf, wie bei dieser Höhe und der Enge des Wendeltreppchens dort oben wohl die Lebensbedingungen sind. Nun, elektrische Beleuchtung gibt es da sonderbarerweise nicht. Als Ersatz gibt es Gas, das im Sommer zum Teil auch zum Kochen verwandt wird. In dem Stübchen, wo sich tagsüber der Türmer aufhält, wenn nicht gerade etwas anderes zu tun ist, wo man auch oft seine erwachsenen Kinder antrifft, steht ein alter Ofen, der in der jetzigen Jahreszeit eine anheimelnde Wärme verbreitet.
Mit der Wasserleitung, die es im Türmerheim gibt, hatte der Bewohner Glück, denn der Druck der städtischen Anlage reicht gerade noch bis hinauf. Jetzt im Winter ist es allerdings auch eine geteilte Freude, denn da die Rohre ohne jede Isolierung, zum Teil frei im Turme geraufgeführt sind, ist die Frostgefahr so groß, daß die Wasserzufuhr abgestellt werden muß."
1949:
“Als ein Frühjahrssturm in diesem Jahre die über 350 Jahre alte Monduhr des Stadtturmes heruntergeworfen hatte, fand man in ihr eine vergilbte Urkunde, die über eine Reparatur im Jahr 1806 berichtet. Da die Finder der Mondkugel sie nicht auf das Rathaus brachten, wohin sie gehörte, sondern zu dem Archivar des Domstiftes, hat dieser die alte Urkunde entziffert und die beiliegende Abschrift angefertigt. Dazu ist folgendes nachzutragen: Der Verfasser der Urkunde vom 4. Juni 1806 ist der Syndikus des Rats Joh. Heinr. Gallus. Sein Wunsch, dass die mit dem Stadtturm verbundene Kirche nicht das furchtbare Schicksal einer Feuersbrunst und einer Beschädigung erfahren möge, hat sich leider nicht erfüllt. Im April 1945 wurde der Stadtturm und die Kirche durch den Bombenangriff der Feinde Deutschlands schwer beschädigt. Dabei wird vermutlich auch die Monduhr in ihrem Gefüge bereits so gelockert worden sein, dass dann das alte durch die Zeit angefressene Werk im März 1949 herabfiel. Die Kriegsschäden an der Stadtkirche sind heute, 5 Jahre nach dem entsetzlichsten aller Kriege noch nicht behoben, es konnten bisher nur die Fenster erneuert und mit der Neudeckung des Daches begonnen werden. Diese Arbeiten werden ausgeführt beim Regiment des Oberbürgermeisters Schaffernicht und des Stadtbaurates Fischer.
Die Monduhr selbst stammt aus dem Jahre 1597, sie wurde angefertigt von dem Uhrmacher Andreas Hoffmann, dem der Rat am 18. Februar 1597 eine neue Turmuhr verdingte mit dem Auftrage, damit eine Monduhr, oder wie es in Brauns Annalen von 1597 heisst ‘samt einer Kugel zum Mondschein’. Der Uhrmacher erhielt damals für seine Arbeit 80 Thlr an Geld und das alte Werk. Er hat sein Versprechen, daß er bei der Verdingung gab, nämlich das Werk so gut und beständig zu fertigen, dass ‘ein Ehrbarer Rat damit Ehre einlegen und er selbst sich bei der Stadt einen guten Namen und Gedächtnis machen’ erfüllt. Die Monduhr hat über 350 Jahre lang den Naumburgern die Mondphasen angezeigt. Möge das Werk auch den kommenden Geschlechtern treulich den Mondwechsel künden und wieder glückliche Zeiten geniessen lassen. Naumburg (Saale), den 8 August 1949."
1975:
Kurt und Charlotte Treibler verlassen den Turm; Charlotte Treibler war die Tochter Wilhelm Schunkes und vor 66 Jahren auf dem Turm geboren.
1976:
Die Türmerwohnung erhält einen Abwasseranschluß.
1976:
Gabriele Angermann.
1977:
Angelika Thee.
2001
Nach mehrjährigen Sanierungsarbeiten wird der Turm wird der Turm wieder der Öffentlichkeit übergeben